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Sprachliche Organisation der Kommunikation im Senioren-Chat Feier@bend

Magisterarbeit 2004 124 Seiten

Germanistik - Sonstiges

Leseprobe

1. Einleitung

Das Internet polarisiert. Aber egal, ob man sich nun den Medienkritikern oder den Medienenthusiasten anschließt, steht außer Frage, dass dieses Medium von einer breiten Masse in Anspruch genommen wird und sich einer wachsen­den Beliebtheit erfreut. Suchten 1998 schätzungsweise 129,5 Millionen Men­schen weltweit den Weg ins Internet, waren es im September 2002 bereits 605,6 Millionen. In Europa und speziell in Deutschland ist ein ähnlich hoher An­stieg zu verzeichnen.[1] Die Entwicklung des Internets zu einem „multifaceted mass medium“[2] war anfänglich nicht intendiert. Vielmehr diente es dem amerika­nischen Verteidigungsministerium im Kalten Krieg, „den technolo­gischen Vorsprung der Vereinigten Staaten durch Förderung hierzu geeigneter Projekte zu sichern“[3]. Erst mit dem Konzept des World Wide Web (WWW), einem Netz aus Milliarden verknüpfter Hypertext-Dateien, die von jedem nutz­bar sind, entstand ein allgemeines Interesse. Heute ist das WWW die meistge­nutzte Anwendung des Internets.[4]

Die Gründe, ins Netz zu gehen und sich von Datei zu Datei zu klicken, sind facettenreich: Online-Shopping, Internet-Banking, elektronische Korrespondenz, Recherche oder die Buchung einer Reise sind nur einige Angebote des Inter­nets. Dabei ist das Kommunizieren per Internet nach der 16. W3B-Umfrage von Fittkau & Maaß (2003) die beliebteste Anwendung im Netz (56,6 %), gefolgt von dem aktuellen Informations- und Rechercheangebot (41,8 %).[5]

Die vorliegende Arbeit wird sich mit einem Internetdienst befassen, der als „popu­lärste Form der Online-Kommunikation“[6] gesehen wird: dem Chat. Wer chat­tet (engl. to chat: plaudern, schwatzen), unterhält sich textbasiert über die Tas­tatur, ist von seinem bzw. seinen Kommunikationspartner/n in der Regel ge­trennt und kann dennoch, im Gegensatz zur E-Mail-Kommunikation, zeitlich nahezu synchron kommunizieren. Dies geschieht in so genannten Chat-Räumen[7] bzw. Chat-Kanälen, in denen die Beiträge grafisch dargestellt werden.

Diese computervermittelte Kommunikationsform ist in der jüngsten Vergangen­heit zu einem beliebten Forschungsobjekt avanciert. Fragen zur Einordnung der Chats in das Spannungsfeld zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit bilden einen Diskussionspunkt in der Sekundärliteratur,[8] daneben werden Aspekte der Anonymität oder des Identitätsverlustes[9] untersucht sowie die sprachlichen Aus­prägungen und Besonderheiten dieser Kommunikationskanäle[10].

Oft wird die Verbindung zwischen Chat und Jugendsprache hergestellt bzw. unterstellt: „Da die Nutzung des Internets [...] relativ jungen Datums ist, gehören die Nutzer eher der jungen Generation an. Jugendsprachliche Züge dürfen deshalb nicht überraschen.“[11] Die Kausalität lässt sich nur schwer nachvoll­ziehen, symbolisiert aber exemplarisch, dass in der Forschung die ältere Gene­ra­tion keine Berücksichtigung findet. Dabei befindet sich unsere Gesellschaft in einem demografischen Umbruch, der ebenfalls vor dem Internet nicht Halt macht.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthaltenAbb. 1: Alterspyramide der Internet-Nutzer 2003[12]

Der Anteil der über 60-Jährigen an der Gesamtbevölkerung liegt derzeit bei ca. 20 % und wird sich bis 2030 auf schätzungsweise 35 % erhöhen.[13] Auch die Anzahl der Älteren, die das Internet nutzen, stieg in kürzester Zeit an. „Surften“ 1999 11,9 % der über 50-Jährigen im Internet, so war 2003 bereits ca. jeder fünfte „Alte“ online.[14] Die Altersstruktur der Internetnutzer unterliegt also einem raschen Wandel. Wie Abbildung 1 verdeutlicht, verflacht die Alterspyra­mide der Internetnutzer. Von 35,4 Millionen[15] deutschen Online-Besuchern sind über 7 Millionen älter als 50 Jahre. Dies ist nur geringfügig weniger als bei den 20- bis 29-Jährigen und deutlich mehr als bei den Teenagern.

Die These von Haase et al. ist demnach nicht mehr haltbar. Senioren drängen ins Netz.[16] Das angesprochene Forschungsfeld der Internet-Chats bildet dabei keine Ausnahme.[17] Wie sich dies insbesondere auf der kommunikationssprach­lichen Ebene niederschlägt, wird Gegenstand dieser Untersuchung sein.

Die vorliegende Arbeit gliedert sich in drei Hauptabschnitte. Zunächst wird der Chat im Allgemeinen untersucht. Arten von Chat-Systemen, technische Rah­menbedingungen, Funktionen, aber ebenso Aspekte der Anonymität und der Chatiquette werden in Kapitel 2.1 näher betrachtet. Anschließend rücken die kommunikationstheoretischen Spezifika dieses Mediums in den Mittelpunkt. Auf verschiedenen linguistischen Beschreibungsebenen werden kommunikative und sprachliche Strukturen herausgestellt, die charakteristisch für die Kommu­nikation im Chat sind. Grundlage für diesen Abschnitt sind verschiedenste Ab­handlungen und Untersuchungen aus der Sekundärlitera­tur.[18]

Der zweite größere Themenschwerpunkt befasst sich mit dem Kommunika­tionsverhalten älterer Menschen. In Kapitel 3 wird die Frage geklärt, ob es alters­spezifische Kommunikationsweisen und Interaktionsstrategien gibt, die sich an konkreten sprachlichen Mitteln und Verfahren nachweisen lassen. Dabei stütze ich mich unter anderem auf Ausführungen von Caja Thimm (2000) und Reinhard Fiehler (1997).

Im dritten, dem empirischen Teil der Arbeit werden die angeführten Themen­schwerpunkte Chat-Kommunikation und Kommunikation im Alter zusammen­geführt. Konkret heißt dies, dass es zunächst zu überprüfen gilt, ob die chat­typischen Merkmale ebenfalls auf den untersuchten Senioren-Chat zutreffen oder ob es zu eventuellen Abweichungen kommt. Die Untersuchung kann auf diese Weise detailliert und vergleichend belegen, in welchen Bereichen Auf­fälligkeiten erscheinen.[19]

Weiterhin wird im empirischen Teil hinterfragt, ob und wie die erarbeiteten Kommunikationsmerkmale älterer Menschen im Chat realisiert werden. Chatten Senioren anders? In welchen Bereichen existieren Parallelen und wo Differen­zen? Unterliegt ihr Kommunikationsverhalten bestimmten Anpassungsmecha­nis­men an das Medium bzw. an ihre Dialogpartner im Chat? Diese Fragen wurden bisher in der Literatur nicht gestellt. Die vorliegende Ar­beit möchte dazu beitragen, diese Forschungslücke zu schließen.

Gleichzeitig möchte ich grundsätzlich auf den Gegenstand Senioren-Chat auf­merksam machen. Das bisherige Ausklammern dieser Chat-Nutzergruppe ist zu kritisieren und widerstrebt einer ganzheitlichen wissenschaftlichen Arbeit, die den Gegenstand Chat-Kommunikation thematisiert.[20]

2. Chat-Kommunikation

Wenn man die „Top-Ten-Suchergebnisse 2003“ bei der populären Such­maschine Yahoo betrachtet, dann erstaunt es, dass nach den Themenfeldern „Routenplaner“, „Wetter“, „Herr der Ringe“ und „Telefonbuch“ bereits der Kom­plex „Chat“ folgt und das Arbeitsamt beispielsweise auf dem 8. Platz liegt.[21] Damit lassen sich die enorme Nachfrage und die von Filinski angedeutete Popula­rität dieser Kommunikationsform belegen.

In diesem Kapitel der vorliegenden sprachwissenschaftlichen Arbeit wird die Ausdrucksform, das Kommunikationsverhalten, also die Art und Weise der Kommunikation im Chat, zentrales Thema darstellen. Zunächst gilt es jedoch, die grundlegenden Besonderheiten des Mediums Chat zu skizzieren: Welche Chat-Typen werden unterschieden und inwiefern differieren die technischen Rahmenbedingungen zwischen den Systemen? Die Themenfelder Anonymität und Verhaltensregeln im Chat werden ebenso im Abschnitt 2.1 beleuchtet. Die genannten Aspekte dienen zum einen als Einstiegshilfe in die Thematik, bieten aber zudem Vergleichspunkte mit dem ausgewählten Senioren-Chat an.

Im Folgekapitel wird die Kommunikationsspezifik der „Online-Plaudereien“ the­matisiert. Nach der kommunikationstheoretischen Einordnung der Chats in das Spannungsfeld zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit und der Klärung der in der Linguistik umstrittenen Frage „Text oder Gespräch?“ befasst sich die Arbeit mit den prototypischen sprachlichen Merkmalen und Strukturen dieser compu­tervermittelten interpersonalen Kommunikationsform. Eine linguistische Phä­nomenbeschreibung der Chat-Kommunikation ist das Ziel dieses Abschnittes. Dabei werden zahlreiche Abhandlungen der Sekundärliteratur die theoretische Grundlage bilden. Die strukturellen, funktionalen und kommunikativen Beson­derheiten und Spezifika werden in Kapitel 4 mit den Merkmalen des Senioren-Chats verglichen.

2.1 Grundsätzliches zur Chat-Kommunikation

2.1.1 Technische Rahmenbedingungen

Chat ist nicht gleich Chat. Die Systeme und ihre Anforderungen unterscheiden sich voneinander. Im Allgemeinen lassen sich drei Chat-Typen bestimmen: IRC (Internet Relay Chat), Web-Chat und Visual Virtual World Chat.

Das 1988 vom finnischen Studenten Jarkko Oikarinen programmierte System basiert auf dem Client-Server-Prinzip, d. h., „auf der einen Seite bietet ein Hauptcomputer einen bestimmten Dienst an, und auf der anderen Seite kann mit entsprechender Client-Software dieser Dienst in Anspruch genommen werden“.[22] Fertigkeiten hinsichtlich der Befehlskenntnis als auch der meist englisch­sprachigen Optionen sind erforderlich und machen den IRC für Computer­kenner sehr beliebt.

Der IRC ist rein textbasiert, d. h., es können beispielsweise keine Bilder in das Kommunikationsgeschehen eingefügt werden. Im Web-Chat ist dies möglich, da hier eine grafisch gestaltete Benutzerober­fläche vorliegt. Um in einem Web-Chat aktiv zu werden, wird keine Software benötigt. Es genügt ein javafähiger Browser wie der Netscape Communicator oder der Internet Explorer, um ins World Wide Web zu gelangen. Zahlreiche Homepages bieten mittlerweile einen solchen Dienst an.[23] Dieser ist meist kosten­frei und die Registrierung und Befehlseingabe sind zudem sehr unkom­pliziert. Aufgrund der genannten Vorzüge des Web-Chats kann eine hohe Po­pularität, insbesondere bei Jugend­lichen und Senioren, konstatiert werden. Da­her wird dieser Chat-Typ im weite­ren Verlauf der Arbeit Gegenstand der Ana­lyse sein.[24]

Die dritte Form der Internet-Chats ist der Visual Virtual World Chat oder auch Online-Chat. Hier findet der Nutzer eine grafische Chat-Umgebung vor. Die notwendige Software kann direkt vom Anbieter heruntergeladen werden. Dies ist meist mit Kosten verbunden. Die Chatter erscheinen als grafisch gestaltete Figuren („Avatar“) und können neben Texteingaben ebenfalls stimmungsimitie­rende Sound-Dateien übermitteln.

Als möglicher vierter Chat-Typ könnte der relativ neue SMS-Chat angeführt werden, der gleich zwei Kommunikationsformen verbindet. Die SMS (Short Messaging Service)[25] wird per Mobiltelefon vom registrierten User produziert und nicht wie üblich an einen Telefonpartner versendet, sondern an einen An­bieter, z. B. einen Fernsehsender, übermittelt bzw. neudeutsch „gesimst“. Der wiederum blendet diese Nachricht ins laufende Programm ein bzw. stellt sie auf einer entsprechenden Videotextseite dar. Die dort entstehenden Dialoge ähneln denen der anderen Chats, wurden jedoch bisher in der Literatur nicht spezi­fischer analysiert.

Die technischen Unterschiede der vorgestellten Chat-Typen werden in dieser Arbeit nicht weiter untersucht. Wichtiger erscheinen die medialen Gemeinsam­keiten dieser Chat-Systeme, da es das Ziel dieses Kapitels ist, allgemein gültige Regularien des Chats darzustellen. Storrer[26] hat die wichtigsten technischen Merkmale zusammengetragen:

Die eigentliche Produktion des Beitrages ist nicht sichtbar. Die Rezeption kann erst erfolgen, wenn die Return- bzw. Enter-Taste betätigt wurde. Dieser Befehl schickt das Geschriebene an den Server und somit in das Hauptfenster[27] aller anderen Chatter.

Den Server berücksichtigt dabei nicht, ob ein Beitrag zu einem zeitlich korrekten Moment abgeschickt wurde und die Interaktion-Situation angemessen ist. Er arbeitet strikt nach dem „Mühlenprinzip“: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst.[28]

Wie dieses Beispiel aus dem Feier@bend-Chat[29] verdeutlicht, ist es möglich, dass drei Äußerungen zu derselben Zeit (13:09:54 Uhr) abgeschickt werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

„Der so entstehende ‚Textfluss’ ist in sich meist inkohärent, ja konfus, da sich mehrere Kommunikationen überlappen, er ist allenfalls vergleichbar mit der Textcollage beim Zappen durch Fernsehprogramme [...].“[31] Die Kompetenz, diese Verschränkungen und sprachlichen Muster zu erkennen und Beiträge zu­zuordnen, ist Voraussetzung, um selbst adäquat kommunizieren zu können.

Das „sequentielle Eingangsprinzip“[32] erfordert von den Chattern höchste Aufmerk­samkeit bei der Rezeption und bei der Produktion. Wer richtet welchen Beitrag an wen und worauf nimmt er Bezug? Diese Fragen müssen in kürzester Zeit geklärt sein, da das Chat-Protokoll nur ungefähr die letzten 20 bis 30 Äuße­rungen festhält. Treffen neue Beiträge beim Server ein, werden die älteren aus dem Hauptfenster der Chatter „gelöscht“. Daraus ergeben sich die Chat-Charakteristika Dynamik und Flüchtigkeit.

Eine weitere allgemein gültige mediale Rahmenbedingung ist der Flüster-Modus. Wird dieser aktiviert, kann einem bestimmten Gesprächspartner eine Bot­schaft gesendet werden, die für alle anderen nicht erkennbar ist.[33] So können ganze Dialoge abseits des Protokolls geführt werden. Aus diesem Grund ist es nicht möglich, diese Kommunikationsstränge in Analysen mit einzubeziehen.

Neben der aktiven Beteiligung im Chat möchte ich kurz auf die so genannten „Lurker“[34] eingehen. Es handelt sich dabei um einen passiven User, „der nur liest, was andere (die Poster) schreiben [...] und sich sonst im Hintergrund hält“[35]. Zahlenmaterial zu diesem Nutzertyp gibt es nicht, denn es ist nicht eindeu­tig nachvollziehbar, welche Chatter tatsächlich „lurken“ und welche im „Flüster-Modus“ kommunizieren, welche in einem anderen Anwendungsfenster eine weitere Seite des Internets begutachten oder wer private Dinge erledigt und sich nicht abgemeldet hat. Um den Informationsaustausch und die Kom­munikation im Chat zu fördern, werden in einigen Chat-Systemen die Nutzer „rausgeworfen“, die eine gewisse Zeit nicht kommuniziert, also „gelauert“ haben.[36]

Merkmal und Vorteil dieser Online-Kommunikation ist weiterhin, dass man sich nicht an bestimmte „Öffnungszeiten“ halten muss. Man kann „rund um die Uhr und Globus miteinander Kontakt aufnehmen“[37]. Die folgende Abbildung belegt, dass dieses Angebot genutzt wird und dass der virtuelle Kommunikationsraum niemals „leer“ ist.[38]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: 24-Stunden-Statistik des Chat-Systems Chatcity[39]

Die Statistik belegt erneut die Popularität der Online-Kommunikation. Zu jeder Tages- und Nachtzeit finden sich Interaktanten. In der „Prime-Time“ sind es über 3.000 Menschen, die diesen Anbieter nutzen. Diese verteilen sich auf ca. 137 Chat-Räume, was eine durchschnittliche Dichte von 25 Chattern pro Raum ergibt.[40] Da davon auszugehen ist, dass sich die Kommunikationsteilnehmer nicht symmetrisch auf die Räume verteilen, sind über 50 Chatter in einem Raum vorstellbar. In diesem hohen kommunikativen Aufkommen zu bestehen ist höchst schwierig und bedarf Erfahrung und Wissen.

Zusammenfassend lassen sich die technischen Rahmenbedingungen der Chat- Kommunikation wie folgt charakterisieren: Das Chatten ermöglicht eine direkte, synchrone, textbasierte, zeitunabhängige Verständigung im Internet von räum­lich getrennten Personen. Die Chat-Beiträge werden vom Server nach dem sequenziellen Eingangsprinzip im Hauptfenster aufgelistet, es sei denn, die Kom­munikation erfolgt im „Flüster“-Modus, bei dem sich zwei Chatter abseits des öffentlichen Protokolls unterhalten können.

2.1.2 Anonymität beim Chatten

Wer sich entschließt, im Internet einen Chat zu nutzen, muss sich zunächst re­gistrieren. Der Benutzer legt sich eine „virtuelle Identität“ zu. Diese besteht in erster Linie aus einem Benutzernamen (auch Nickname oder Pseudonym genannt) und einem Passwort.[41] Beide Parameter sind frei wählbar[42] und gewähr­leisten die anonyme Kommunikation im Chat.

„Das Pseudonym dient nicht nur dazu, die Identität des Chatters zu verschleiern, sondern auch dazu, ihn für die Zeit seiner Telepräsenz ‚unverwechselbar’ zu machen – es über­nimmt damit die Funktion einer Signatur.“[43]

Da die Kommunikation durch „Fernanwesenheit“ realisiert wird, vermittelt der Nickname zumeist den ersten informativen Anhaltspunkt zur Person. „Mit ihm werden Identitäten aufgebaut und Teilrepräsentationen des Selbst gezeigt.“[44] Das heißt, der Nickname stellt Eintritts- und Visitenkarte zugleich dar, denn Aussehen, Nationalität, Stimme, körperliche Beeinträchtigung etc. spielen im Chat keine Rolle. Die Wahl des Pseudonyms ist somit Teil der Selbstinszenie­rung und der Eindrucksbildung.[45]

Die Spitznamen fungieren als Indexe, die bewusst Hinweise auf Charakter, Hobby, Neigung, aber ebenso auf Geschlecht und zum Teil auf Alter und Her­kunft vermitteln. Wer sich mit dem Chat-Namen Tangagirl registriert, möchte zum einen das Geschlecht preisgeben und zum anderen durch die Spezifizie­rung suggerieren, dass es sich um eine attraktive Person handelt, die gerne Kontakt zu anderen Chattern sucht. Es ist zu erwarten, dass hauptsächlich männliche Chatter sie kontaktieren. Dies ist vermutlich intendiert. Damit hat Tangagirl sich durch ihre Namenswahl nicht nur selbst inszeniert, sondern gleichzeitig ein bestimmtes Publikum fokussiert. Chatter asdf möchte solche Assoziationen ausschließen und gibt keine Information über sich preis. Der Nickname besteht lediglich aus einer Buchstabenfolge der Tastatur. Nähere Angaben müssen vom Dialogpartner erfragt werden.

Die Wahl des Nicknames kann den verschiedensten Bereichen entstammen. Fix[46] unterscheidet neun Typisierungskategorien von Nicknames, wobei das Schema, das der Chatter „asdf“ wählte, noch zu ergänzen wäre.

Die „Identitätsrequisite“[47] Nickname macht es möglich zu experimentieren. Es steht jedem frei, seine wahre Identität im Chat darzustellen bzw. diese auch völlig zu ändern. Alter, Aussehen, Nationalität, Herkunft, Beruf etc. können der eigenen Fantasie entspringen. Die extremste Form ist sicherlich der Ge­schlechtswechsel (gender-switch), d. h., Tangagirl könnte theoretisch ein 40-jäh­riger Busfahrer sein, der ein Interesse an fiktiver Online-Identitätsdarstellung entwickelt hat. Dieser „Sonderfall“[48], der insbesondere sozialwissenschaftliches und -psychologisches Interesse hervorruft, kann und wird in dieser Arbeit aller­dings nicht näher analysiert werden.[49]

Um neben dem Nickname seiner Person im Chat weiterhin Ausdruck zu verlei­hen, kann in vielen Chats ein Persönlichkeitsprofil angelegt werden. Dabei han­delt es sich um eine Art Visitenkarte, die freiwillig mit zusätzlichen Angaben gefüllt werden kann. Oftmals beinhaltet diese zudem ein Foto des Chatters; so erhalten die Kommunikationsteilnehmer ein besseres Bild vom anderen. Ein Verweis auf die eigene Homepage und die E-Mail-Adresse ist ebenfalls keine Seltenheit. Es muss darauf hingewiesen werden, dass diese Angaben nicht immer der Wahrheit entsprechen.

Der Vollständigkeit halber sei noch angeführt, dass auch die Farbe der Schrift­beiträge gewählt und geändert werden kann. Ob dies jedoch anderen Chattern Auskunft über eine Identität anzeigen kann, sei an dieser Stelle bezweifelt.[50] Vielmehr kann die Farbwahl als semiotische Spielerei angesehen werden.

Wenn Anonymität als „Nichtbekanntsein“ oder als „Namenlosigkeit“[51] definiert wird, kann dies nach den vorstehenden Informationen nicht ausnahmslos für das Chatten übernommen werden, denn jeder Chatter muss einen Namen an­geben, um online zu kommunizieren. „Insofern ist die Chat-Kommunikation strukturell personale Kommunikation.“[52] Doch der Chattername asdf gibt den Rezipienten keine indexikalische Details zur Person. Aus diesem Grund ist den Ausführungen Gallerys zu folgen, die von „verschiedenen Graden der Ano­ny­mität“ ausgeht, die von den Chattern variabel gestaltet werden. Sie bestim­men durch Nickname und Visitenkarte ihren Bekanntheitsgrad. Möchte jemand keine weiteren Informationen preisgeben, ist dies sein Recht und sicherlich auch ein Motiv vieler Menschen, dieses Medium in Anspruch zu nehmen.[53]

2.1.3 Chatiquette

Die „variable Anonymität“ in Chat-Räumen verleitet einige User zu Pöbeleien und Beschimpfungen. Außerdem können Chat-Neulinge (sog. Newbies) den einen oder anderen Fauxpas auslösen. Um dies zu vermeiden, verweist jeder Chat auf die Chatiquette (Chat-Etiquette). Dort werden die wichtigsten Verhal­tensweisen im Chat aufgelistet. Die Inhalte variieren je nach Provider, im All­gemein lassen sich aber folgende „Benimmregeln“ festhalten:

- „Begegne anderen Chattern mit Respekt und Höflichkeit. Dann werden auch sie Dich res­pektieren und höflich behandeln.
- Wenn Du das erste Mal einen Chat-Raum betrittst, springe nicht gleich ins Geschehen. Schaue lieber erst, was für Leute da sind und welche Stimmung herrscht. In eine Kneipe rennst Du ja auch nicht hinein, springst auf einen Tisch und brüllst: "Hey Leute, da bin ich - unterhaltet mich!" Vielleicht liegen Dir Stimmung und Leute in diesem Raum gar nicht, dann kannst Du einfach den Raum wechseln.
- GROSSBUCHSTABEN, Fettschrift, Farben, Grafiksmileys Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten und sonstige Sonder­befehle sind nur als Betonung zu verwenden, zum Beispiel wenn Du jemanden an­sprichst und seinen Namen hervorhebst oder du deine Stimmung ausdrücken willst. Wenn Du diese Mittel ständig verwendest, werden die anderen genervt reagieren.
- Chatten ist Spaß und Humor gehört dazu. Aber jeder hat einen anderen Humor, und was Du total witzig findest, kann bei einem anderen Magenschmerzen verursachen. Ganz davon abgesehen, dass Geschriebenes häufig ganz anders wirkt als Ge­sproche­nes.
- Schimpfwörter solltest Du im Chat ganz vermeiden. Damit ziehst Du nur den Ärger der an­deren auf Dich, die in Ruhe chatten wollen. Bedenke: Gewalt- und Drogen­verherr­lichung, pornographische Darstellungen und rassistische Äußerungen werden straf­rechtlich geahndet.
- Gib Dich nicht dem Irrglauben hin, Du seiest im Chat anonym. Das bist Du nicht. Chat-Server schneiden Deine Rechner-Adresse (IP) mit und speichern sie. Über die IP-Adres­se kommt der Chat-Betreiber zu Deinem Provider. Dieser speichert wiederum Deine Telefonnummer, mit der Du Dich eingewählt hast. So haben die Chat-Betreiber die Möglichkeit, Personen, die besonders unangenehm auffallen, zur Rechenschaft zu ziehen. Die meisten Chats protokollieren die Chats mit, um Straftaten beweisen zu kön­nen.“[54]

Im Netz und insbesondere im Chat bestehen eine „variable Anonymität“ und eine direkte Interaktivität in einem öffentlichen Raum. Der Raum unterliegt der Redefreiheit und keiner Zulassungsbeschränkung. Es handelt sich also nicht wie bei massenmedialer öffentlicher Kommunikation um asynchrone, sprich Einweg-Verständigung, sondern um synchrone, wechselseitige Mehrweg-Kommunikation in einem „Live-Medium“[55]:

„Prinzipiell kann jeder Teilnehmer neuer Prozesse auslösen oder bestehende verändern. Dialogisch strukturierte Konversationsvorgänge erlauben Interventionen, Korrekturen, Gegenüberstellungen und Meinungsvielfalt innerhalb (relativ) kurzer Zeiträume und an ‚Ort und Stelle’.“[56]

Diese interaktive Meinungsvielfalt in demokratische, gemeinschaftliche Bahnen zu lenken, ist die Aufgabe der Chatiquette. Jedoch muss eingeräumt werden, dass auch Sanktionsandrohungen nicht unbedingt von Verstößen abhalten. Zwei häufig auftretende Ärgernisse im Chat sind das Flooden und das Flamen: Bei der ersten Methode wird der Chat-Raum mit Daten überflutet. Dies ge­schieht in kurzen Abständen, so dass es sogar zum Zusammenbruch des Chat-Systems kommen kann. Das Flamen bezeichnet das sinnlose Beleidigen ande­rer Kommunikanten.[57]

Chatter, die sich von jemanden belästigt fühlen, können diese Person aus ihrem Chat-Protokoll ausklammern. Durch die „Ignorier-Funktion“ ist die Person gewissermaßen nicht mehr existent, da keine Beiträge mehr durchdringen. Man baut gewissermaßen eine Rezeptionsmauer bzw. einen Rezeptionsfilter in dem Chat-Raum auf und verhindert somit störende kommunikative Beiträge. In der Face-to-Face-Kommunikation ist dies so nicht möglich.

Einige Anbieter wehren sich gegen Provokateure mit so genannten Chat-Ope­rators. Dabei handelt es sich um eine Art „Online-Polizei“, die das Recht hat, Missachtungen der Chatiquette zu verwarnen und Leute aus dem Chat zu ent­fernen und bei einer „Wiederholungstat“ zu sperren.

2.2 Kommunikationsspezifisches zum Chat

Nach dem vorab die fundamentalen Rahmenbedingungen der Chat-Kommuni­kation geklärt wurden, geht die Arbeit an dieser Stelle in die sprachwissen­schaftliche Tiefe. Es gilt zunächst, den Chat im Spannungsfeld von Mündlichkeit und Schriftlichkeit zu verorten und die grundlegende Frage zu klären, ob es sich um eine Text- oder Gesprächsform handelt. Die Antworten fallen in der Sekun­därliteratur unterschiedlich aus und erfordern somit eine Klärung.

Weiterhin ist zu prüfen, ob sich anhand der Sekundärliteratur zentral erschei­nende Prozesse, Strukturen und Merkmale dieser interaktiven Kommunika­tionsform abzeichnen lassen. Ob ein Vergleich zum Senioren-Chat möglich ist, wird in Kapitel 4 erläutert.

2.2.1 Chat zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit

Die Einordnung der Kommunikationsform Chat fällt, wie oben angedeutet, sehr unterschiedlich aus. So spricht ein Teil der Forschung vom Chat als Text[58], ein anderer von einer Gesprächssorte[59]. Die Zuordnungsschwierigkeit liegt aus Auto­rensicht darin begründet, dass bereits die elementare Frage nach der Kommunikationssituation nicht eindeutig geklärt ist. Handelt es sich um schrift­liche Kommunikation, da fixierte geschriebene sprachliche Zeichen dominant im Chat sind, oder um eine mündlich orientierte Gesprächsform, weil die Synchro­nität des Mediums einen gesprächsähnlichen Dialog ermöglicht und Ge­sprächsthemen spontan eingeleitet werden? Auch die Chatter sind sich nicht einig. Viele haben das intuitive Gefühl, sie sprechen direkt mit dem Kommuni­kationspartner:

„(dr.hc) könnd ich mis höen?

(...)

(Findalf) dr,hc. nur schwach, es fehlen Buchstaben...“[60]

Demgegenüber gibt es zahlreiche Äußerungen, die den textuellen Aspekt des Chats in den Vordergrund stellen.[61] Exemplarisch dienen fol­gende Beispiele als Beleg:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Wird im Chat nun geredet, gelesen, geschrieben oder gehört? Eine theoretisch fundierte Antwort kann mit Hilfe des Koch-Oesterreicher-Modells erzielt werden, das im Folgenden vorgestellt und auf den Chat bezogen wird.

Die Innovation dieses Modells liegt in seiner Differenziertheit. Es erweitert die pauschalen Annahmen, dass Mündlichkeit phonisch verbreitet wird und Schrift­lichkeit einer grafischen Qualität unterworfen ist.[62] Diese Einordnungsinstanz, die als mediale Realisierungsweise sprachlicher Äußerungen anzusehen ist, wird mit dem Koch-Oesterreicher-Modell um eine wichtige Ebene ergänzt. „Es geht dabei um die Tatsache, dass eine bestimmte Ausdrucksweise gewählt wird und diese eher mündlich (d. h. an die gesprochene Sprache) oder eher schrift­lich (an die geschriebene Sprache) angelehnt ist.“[63] Diese bestimmte Ausdrucks­weise wird in dem Modell als Konzeptionalität bezeichnet. Sie ist unabhängig von der medialen Ebene zu betrachten.[64] Die Differenzierung ist über­zeugend, denn eine Grußkarte und einen Gesetzestext gemeinsam in eine Ka­tegorie Schriftlichkeit einzuordnen, ist keine befriedigende Lösung. Beide Textsorten sind medial schriftlich bzw. liegen dem Rezipienten grafisch vor, doch die Grade der Konzeptionalität[65] weichen weit voneinander ab. Die Gruß­karte ist eher konzeptionell mündlich angelegt, während die Produktion eines Gesetzestextes eher der konzeptionellen Schriftlichkeit unterliegt.

Das Modell ordnet dem Mündlichkeitspol situative und sprachliche Nähe zu, der Schriftlichkeitspol ist von Distanz geprägt. Dies lässt sich zum einen an den situativen Bedingungen der Kommunikation (Vertrautheit der Partner, Öffentlich­keitsgrad und raum-zeitliche Nähe bzw. Distanz u. a.) festmachen. Andererseits kann diese Differenzierung ebenso an gewissen sprachlichen Ausprägungen nachgewiesen werden. Ein konzeptionell mündlicher Text, wie die Grußkarte, beinhaltet mitunter Ellipsen, hyperbolisierende Elemente, Laut­schwächungen, -kürzungen und -verschmelzungen oder Gesprächs- und Lautwörter. Das Vor­kommen dieser sprachlichen Merkmale in einem konzep­tionell schriftlichen Text, wie beispielsweise in einem Gesetzestext, müsste als unpassend und untypisch deklariert werden.

Die Sprache der Nähe ist an sprachliche Kommunikationsbedingungen wie Di­alogizität, emotionale Beteiligung, freie Themenentwicklung, Spontaneität etc. geknüpft.[66] Die Sprache der Distanz baut sich dementsprechend durch Merk­male wie Monologizität, starke Themenfixierung, aber auch durch sprachliche Elaboriertheit und Komplexität auf.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Nähe-/Distanzkontinuum (aus Koch; Oesterreicher 1994, S. 588)

Koch/Oesterreicher veranschaulichen die Abstufungen zwischen den Äuße­rungsformen in Abbildung 3. Die Dreiecke in der Abbildung symbolisieren die Affinitätsstärken der Äuße­rungsformen zur Konzeptionalität.[67] Sie bezeichnen die Anordnung als „tenta­tiv“, also als einen Versuch. Das zeigt, dass eine klare Einordnung nicht mög­lich ist, da es innerhalb der Äußerungsformen zu Ab­weichungen kommen kann und eine mathematische Skalierung für Mündlichkeit bzw. Schriftlichkeit nicht existiert.

Kritik an dem Modell muss insofern geäußert werden, als dass Koch/Oesterreicher zunächst darauf hinweisen, dass die Ebenen der Medialität und der Konzeptionalität grundsätzlich unabhängig voneinander sind, dann aber die konzeptionellen Nähe- und Distanzmerkmale an den Kommunikations­bedingungen festmachen (s. oben). Diese außersprachlichen Faktoren, die durch das Medium determiniert werden, beeinflussen mitunter die Konzeption und die sprachlichen Merkmale.[68] Eine Eigenständigkeit der Ebenen ist dem­nach zu bezweifeln. Dennoch kommt diesem Modell eine große Bedeutung zu und es bietet durch seine erweiterte Differenzierung (Mediali­tät/Konzeptionalität) ein hochgeschätztes Einordnungs- und Analyse­instrumentarium, auf das von vielen Chat-Analysten dankend zurückgegriffen wird.

Der überwiegende Teil der Sekundärliteratur stuft den Chat als medial schriftlich und konzeptionell mündlich ein.[69] „Das Geschriebene bekommt die Eigenschaft des Gesprochenen.“ Chat-Kommunikation ist quasi ein „dahingekritzeltes Tele­fongespräch“[70]. Schmidt bezeichnet die Kommunikation im Chat als „vermünd­lichte Schriftlichkeit“[71]. Belegen lässt sich die mediale und konzeptionelle „Zwitter­stellung“[72] des Chats anhand der aufgeführten Koch-Oesterreicher-Krite­rien: Dialogizität, freie Themenentwicklung, Spontaneität, Emotionalität und Ex­pres­sivität sind nicht nur Kommunikationsbedingungen sprachlicher Nähe, son­dern treten in prototypischer Weise ebenso im Chat auf. Fraglich hingegen sind die Aspekte der Öffentlichkeit, Vertrautheit und der Situationseinbindung.

Pri­vate personale Kommunikation kann im Flüster-Modus erfolgen, im üblichen Kom­munikationsmodus hingegen nur eingeschränkt. Die Beiträge können im Hauptfenster von jedem gelesen oder kopiert werden. Der Nickname und die „variable Anonymität“ im Chat schützen jedoch wie aufgezeigt weitestgehend vor unmittelbarer Öffentlichkeit. Insgesamt lässt sich im Chat ein „hybrides Öffentlichkeitsverhältnis“[73] konstatieren, das zwischen prinzipieller Öffentlichkeit und Privatheit (z. B. flüstern) schwankt.

Vertrautheit der Gesprächspartner kann sich entwickeln, ist jedoch meiner Mei­nung nach keine gegebene stabile Modalität der Chat-Kommunikation.

Die Situationsverschränkung im Chat ist fraglich, da die Kommunikanten zwar nicht in einem realen Raum interagieren, dennoch gemeinsam den virtuellen Raum als Kommunikationssituation anerkennen. Die Situation ist bei den Inter­aktanten nahezu identisch: Sie sitzen/stehen vor dem Computer, haben eine Verbindung ins Internet aufgebaut haben und nutzen die Tastatur zur Kommu­nikationsrealisierung. Die Situationseinbindung kann also nicht wie bei Dürscheid[74] explizit ausgeschlossen werden, sondern wird abweichend reali­siert, auf virtuelle Weise. Sie kommunizieren im Chat nicht von Angesicht zu Ange­sicht, „sie teilen [aber] die Situation miteinander“[75].

Aschwanden fasst die Merkmale mündlicher und schriftlicher Kommunikation erfassbar zusammen (vgl. Tab. 1) und zeigt in den grauen Feldern, welche Eigenschaften chatspezifisch sind:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tab. 1: Kommunikationsbedingungen[76]

Die Darstellung verdeutlicht offensichtlich die Schwierigkeit der Einordnung des Chats, der „sich an der Grenze zwischen Schriftlichkeit und Mündlichkeit bewegt“[77].

Die Mündlichkeitskonzeption, im Zusammenhang mit den dazugehörigen spezi­fischen Merkmalen der Multi-User-Chats Synchronität, Prozesshaftigkeit, Flüch­tigkeit und interaktive Dialogizität, lässt es meines Erachtens zu, die unter­suchte Kommunikationsform nahe der Kategorie Gespräch einzustufen.[78]

Storrer schlägt in diesem Zusammenhang den Terminus „Diskurs“ bzw. „getipptes Gespräch“[79] vor.

Nachstehend wird der Chat als periphere Gesprächssorte aufgefasst. Der Gesprächsbeitrag eines Chatters wird folgerichtig als Turn bezeichnet. Dieser Ge­sprächsschritt umfasst den Beitrag, den der Produzent per Enter-Taste an den Server schickt. Das Chat-Beispiel (s. unten) besteht demnach aus 37 „beitragsbildenden Ein­heiten“[80] bzw. Turns.[81]

2.2.2 Sprachliche Aspekte der konzeptionellen Mündlichkeit im Chat

Neben dem zuvor betrachteten kommunikativen Setting ist es aus linguistischer Sicht interessant zu beobachten und aufzuzeigen, inwiefern die typischen Versprachlichungsstrategien der konzeptionell mündlichen Kommunikations­form Chat realisiert werden. Was bedeutet es, konzeptionell mündlich zu schreiben? Auf diese Problematik wird im Folgenden näher eingegangen werden, indem die strukturellen Merkmale des Chats auf verschiedenen sprach­lichen Ebenen überprüft werden.

„[A]ufgrund der Möglichkeiten, aber auch Einschränkungen, des Mediums entwickeln sich mit der immer größer werdenden Anzahl der weltweit über Chat kommunizierenden User den neuen Rahmenbedingungen angepasste soziale, interaktionale, sprachliche Phäno­mene, die Neuerungen offen gegenüberstehen, gleichzeitig aber auch eine Traditionali­sierung durchlaufen.“[82]

Das Hauptaugenmerk dieser Arbeit liegt darauf, die Traditionalisierungen, das Prototypische am Chat, herauszustellen. Demzufolge werde ich mich auf die zentralen und eindeutigen Merkmale und Strukturen in der Sekundärliteratur konzentrieren.[83] Sie bilden die Grundlage für den Vergleich mit den Merkmalen des Senioren-Chats in Kapitel 4.

Chat-Beispiel:[84]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[...]


[1] Vgl. URL (24.02.04): http://www.nua.ie/surveys/how_many_online/index.html.

[2] Morris; Ogan 1996, S. 42.

[3] Musch 1997, S. 27.

[4] Vgl. ebenda, S. 42.

[5] Die W3B-Umfrage von Fittkau & Maaß ist die größte, unabhängige deutschsprachige Meinungs­umfrage im Internet. Die 16. Erhebungswelle der WWW-Benutzeranlayse umfasst die Daten von 95.000 Internet-Nutzern; vgl. URL (20.12.03): http://www.w3b.de.

[6] Filinski 1998, S. 23.

[7] Vgl. speziell zur Raummetaphorik Beißwenger 2000, S. 117 ff.

[8] Vgl. Storrer 2001a, S. 444 ff. u. a.

[9] Vgl. Gallery 2000, S. 71 ff. u. a.

[10] Vgl. Beißwenger 2000, S. 44 ff. u. a.

[11] Haase et al. 1997, S. 52.

[12] Basierend auf den Daten von Fittkau & Maaß.

[13] Vgl. Thimm 2000, S. 18. Lambert (1997, S. 32) geht sogar von 44 % aus.

[14] URL (20.12.03): http://www.w3b.de (16. Studie).

[15] Daten aus aktueller Forsa-Reichweiten-Studie vgl. URL (18.02.04): http://www.wuv.de/news/ artikel/2004/02/26452/index.html. Nach dieser Studie gehen bereits 27,1 % der über 50-Jährigen ins Internet. Die ARD/ZDF-Online-Studie 2003 (URL (03.03.04): http://www.daserste.de/service/studie.asp) wiederum gibt für die über 60-Jährigen einen Wert von 13,3 und für die 14- bis 19-Jährigen 92,1 % (!) an. Von einheitlichen Werten dieser Befragungen kann somit keine Rede sein. In jedem Fall stellen alle Umfragen eine enorme Zuwachsrate der Internetnutzung bei älteren Menschen fest.

[16] Wenn im Weiteren von Senioren oder Kommunikationsteilnehmern etc. gesprochen wird, bezieht das stets die weibliche Variante (z. B. Seniorinnen) mitein, auch wenn dies nicht explizit gekennzeichnet wird.

[17] Explizite Daten zur Chat-Nutzung der Senioren sind kaum zu finden. 2001 nutzten knapp 50 % der älteren Internetnutzer das World Wide Web zur Kommunikation. Dies schließt neben dem Chat, allerdings auch E-Mail, Newsgroups etc. mit ein (vgl. Fittkau und Maaß 2001). Auch die Ergebnisse von Zoche et al. (2002, S. 179) sind wenig aussagekräftig: 9,9 % der über 50-Jährigen (Basis: 124 befragte Internetnutzer) gehen „wenigstens selten“ in Chat-Räume und/oder Muds (Abk. für „Multi User Dungeons“). Die Einbeziehung dieser Online-Rollenspiele in die Befragung verfälscht das Ergebnis und kann deshalb für diese Arbeit nicht genutzt wer­den.

[18] Die Quellenlage zur Chat-Thematik ist in den letzten Jahren außerordentlich gewachsen. Für einen ausführlichen Überblick vgl. Beißwenger URL (16.05.2004): http://www.chat-bibliography.de.

[19] Die Analyse wird an verschiedenen Dialogen aus dem Feier@bend-Chat erfolgen.

Es handelt sich hierbei um einen Web-Chat für Senioren, der laut Anbieter über 60.000 regist­rierte Mitglieder verfügt und als führendes Internetforum für ältere Menschen angesehen werden kann. Vgl. für detailliertere Informationen zu diesem Anbieter Kapitel 4.1.

[20] Ganzheitlichen Anspruch kann die vorliegende Arbeit insofern ebenfalls nicht genießen, als dass die erarbeiteten Erkenntnisse nicht auf den Komplex „Senioren-Chats“ im Allgemeinen zu übertragen sind, da nur ein exemplarisches Senioren-Forum herausgegriffen wird. Die Rück­schlüsse gelten somit auch nur für dieses Forum.

[21] Vgl. URL (24.04.04): http://de.docs.yahoo.com/top2003/index.html.

[22] Husmann 1998, S. 17.

[23] URL (24.02.04): www.webchat.de bietet einen Überblick über alle deutschsprachigen Chats im Internet.

[24] Im Fokus sind dabei „unmoderierte“ Chats, die von der Thematik und dem Inhalt offen bzw. frei von den Usern gestaltet werden. Bei sogenannten „moderierten“ Chats, sorgt ein Moderator für eine Sequenzierung der Beiträge. Diese Art der Chat-Kommunikation wird insbesondere bei Online-Gesprächen mit Prominenten angewendet, um ein „Durcheinander“ zu vermeiden. Diese Form des Chattens wird an dieser Stelle nicht weiter berücksichtigt, da der Moderator die Bei­träge in Punkto Orthografie und Thematik sortiert, d. h. Fehler, Beleidigungen oder Intimitäten werden im Chat-Protokoll gelöscht. Somit verliert dieser Chat seine Authentizität.

[25] Vgl. ausführlich zur SMS-Kommunikation Androutsopoulos; Schmidt 2002. Es ist anzu­merken, dass die Synchronität der SMS-Dialoge durch eine längere Übertragungs- und Tippzeit verzögert wird.

[26] Storrer 2001a, S. 442.

[27] Die Chat-Oberfläche besteht neben dem Hauptfenster, in dem alle Beiträge angezeigt wer­den, aus einer Eingabezeile, die der Beitragsproduktion dient, und verschiedenen Menüfenstern (Raumauswahl, anwesende Chatter etc.).

[28] Vgl. Wichter 1991, S. 78 f.

[29] Es wird an dieser Stelle bereits ein Ausschnitt des Feier@bend-Chats zitiert, da zu seiner besonderen Charakteristik die Darstellung der Eingabe-Uhrzeit zählt. Dies ist sonst ein eher unübliches Chat-Merkmal. Im empirischen Teil der Arbeit bietet sich somit die Möglichkeit, z. B. auf zeitliche Aspekte der Produktions- und Reaktionsgeschwindigkeit einzugehen.

[30] Aus ethischen Gründen sind die verwendeten Chatternamen aus dem Feier@bend-Forum in dieser Arbeit abgeändert worden.

[31] Klemm; Graner 2000, S. 168.

[32] Wirth 2002, S. 212.

[33] Beim SMS-Chat existiert dieser Modus nicht. Jedoch werden hier bei Interesse relativ schnell die Telefonnummern ausgetauscht, um so abseits des Anbieters privat zu kommunizieren.

Der Flüster-Begriff ist nicht wörtlich zunehmen. Vielmehr geht es um die Tatsache, dass abseits des öffentlichen Protokolls kommuniziert wird. Haase et al. (1997, S. 79 f.) sprechen von „emu­liertem“, also nachgeahmtem Flüstern.

[34] Der Begriff kommt vom englischen „to lurk” und ist mit „lauern“ zu übersetzen.

[35] Döring 1997, S. 325.

[36] Beim Anbieter „Chatworld” wird ein passiver Netznutzer nach zehn Minuten Passivität ver­bannt. Es gibt die Option, dies auf 20 Minuten zu verlängern, oder der „Lurker“ meldet sich nach der Sperrung erneut an.

[37] Sassen 2000, S. 92.

[38] Vgl. Schmidt 2000, S. 115.

[39] Vgl. URL (12.02.04): http://www.webchat.de.

[40] Der Tagesdurchschnitt der Interaktanten, die gleichzeitig in einem Raum kommunizieren, beträgt mehr als 13 Chatter.

[41] Den kompletten Registrierungsvorgang und den technischen Hintergrund beschreibt Beiß­wenger 2000, S. 19.

[42] Der User ist lediglich dadurch eingeschränkt, dass der gewünschte Chat-Name bereits ver­geben sein könnte. Aus diesem Grund werden viele Namen mit Sonderzeichen versehen (z. B. „*biene*“ oder „_biene“).

[43] Wirth 2002, S. 218.

[44] Gallery 2000, S. 76.

[45] Somit kommt den Spitznamen im Chat mehr Bedeutung zu als im realen Leben. Etikettie­rungen mit Spitznamen im Alltag, werden zudem durch das Umfeld, also fremdbestimmt, ver­geben (vgl. Wetzstein et al. 1995, S. 81).

[46] Vgl. Fix 2001, S. 56 f.

[47] Wetzstein et al. 1995, S. 87.

[48] Döring 1997, S. 302.

[49] Vgl. dazu Vogelsang 2000, S. 240 ff. und auch Bahl 1997, S. 107 ff.

[50] Bittner (2003, S. 237) stellt in diesem Zusammenhang sogar eine fragwürdige „Analogie zur ‚Klangfarbe’ der Stimme“ her.

[51] Duden Fremdwörterbuch 1997, S. 66.

[52] Sandbothe 1997, S. 150.

[53] Vgl. Gallery 2000, S. 86. Es sei angemerkt, dass aus der “variablen Anonymität” im Chat reale Freundschaften, ja sogar Ehen entstehen können (vgl. dazu ausführlich Döring 2000).

[54] URL (25.03.04): http://www.chatiquette.de.

[55] Schmidt 2000, S. 112.

[56] Wetzstein et al.1995, S. 201.

[57] Vgl. Hußmann 1998, S. 44.

[58] Vgl. z. B. Kelle 2000 und Klemm 2002.

[59] Vgl. z. B. Storrer 2001a und Hinrichs 1998.

[60] Storrer 2001b, S. 3.

[61] Storrer klammert diesen Aspekt in ihren Ausführungen aus. Sie geht lediglich von einem sprech­sprachlichen Gebrauch des Mediums aus. Doch die weiteren Belege zeigen, dass neben der intuitiven Verortung des Chats als Gespräch auch die Einordnung des Chats als Text an­zumerken ist.

[62] Vgl. Koch; Oesterreicher 1994, S. 587.

[63] Dürscheid 2002, S. 47.

[64] Löfflers soziolinguistisches Varietäten-Modell (1985, S. 87) beispielsweise unterscheidet nur die Medialitätsebenen bzw. Mediolekte „geschriebene Sprache“ und „gesprochene Sprache“, ohne den konzeptionellen Aspekt und den konkreten Interaktionsmodus zu berücksichtigen.

[65] Die Konzeptionalität unterliegt im Gegensatz zur Medialität keiner klaren Dichotomie. Mit „Grade der Konzeptionalität“ ist also die Abstufung in der Realisierungsweise gemeint.

[66] Vgl. Koch; Oesterreicher 1990, S. 8 f.

[67] Vgl. Koch; Oesterreicher 1994, S. 587.

[68] Dies trifft beispielsweise auf die journalistische Textsorte Nachricht zu, die je nach Medium (Radio, Fernsehen, Zeitung etc.) konzeptionell zu modellieren ist. Das heißt, „Radio-Deutsch“ unterscheidet sich vom „Zeitungs-Deutsch“: „Der Radiohörer kann weder nachlesen noch nachfragen, und auf das Lesetempo des Nachrichtensprechers hat er ebenfalls keinen Einfluß.“ (Horsch et al., S. 45) Somit muss sich aufgrund der medialen Bedingungen das Formulie­rungsmuster die Konzeption der Nachrichten unterscheiden (z. B. durch kürzere verständliche Sätze, Vermeidung einer Satzklammer und eines Nominalstils etc.; vgl. dazu u. a. Schneider 1999).

[69] Das X in der Abbildung 3 kann als möglicher Anordnungspunkt für die Chat-Kommunikation gesehen werden.

[70] Morley 1996, zit. nach Sandbothe 1997, S. 165.

[71] Schmidt 2000, S. 126.

[72] Lenke; Schmitz 1995, S. 121.

[73] Bittner 2003, S. 210.

[74] Vgl. dazu Dürscheid 2002, S. 52.

[75] Aschwanden 2001, S. 16.

[76] In Anlehnung an Aschwanden 2001, S. 23. Lediglich das Merkmal der Vertrautheit differiert im Vergleich zur vorliegenden Arbeit.

[77] Holly 1997, S. 73.

[78] Deppermann/Hartung (2003, S. 7) geben als weiteres Gesprächsmerkmal die Leiblichkeit an. Dies scheint auf den ersten Blick kein konstitutives Charakteristikum der Chat-Kommunikation zu sein. Wie dennoch versucht wird, Mimik, Gestik und z. T. auch prosodische Elemente zu kompensieren, soll in den Kapiteln 2.2.2.1 – 2.2.2.6 aufgezeigt werden. Gegen die Einordnung des Chats als Text spricht neben den aufgeführten Merkmalen auch, dass Chatgespräche aus „mehrere[n] endlos dauernde[rnden] Diskussionen, zu der sich ständig wechselnde Teilnehmer an- und abmelden“ (Schütz 1995, S. 111), bestehen. Ein Text ist prototypisch ein Produkt, „eine begrenzte Folge von sprachlichen Zeichen“ (Brinker 1997, S. 17) und „in sich abgeschlossen“ (Adamzik 2001, S. 258) und es können sich Personen nicht interaktiv und synchron in den Äußerungsprozess einbringen. Vgl. dazu auch Stenscke 2001, S. 119.

[79] Storrer 2001a, S. 462. Der Diskurs-Begriff (vgl. dazu Bittner 2003, S. 194 ff.) scheint aufgrund der begrifflichen Polysemie und der abweichenden Verwendung in unterschiedlichen Kontexten (s. Bußmann 1990, S. 189) weniger geeignet. Der Begriff soll andeuten, dass im Chat die Ge­sprächskriterien der mündlichen Rede und der direkten gegenseitigen Einflussnahme auf den Äußerungsprozess nicht erfüllt sind. Da jedoch andere wichtige Gesprächsmerkmale zutreffen (s. oben), ist die Bezeichnung des „getippten Gesprächs“ aus Autorensicht zu bevorzugen.

[80] Levinson 2000, S. 326.

[81] Es muss dabei zwischen „Äußerungs-Turns“ (typische Gesprächsbeiträge meist in der ersten Person Singular wie im Chat-Beispiel die Turns 1 – 13) und zwischen „Zuschreibungs-Turns”, die zumeist Handlungen in der 3. Person Singular anzeigen bzw. mimetisieren (s. Bsp. 2, Z. 14, 16, 25, 26, 28), unterschieden werden (vgl. Storrer 2001a, S. 442). Eine Statuszeile, die vom System angezeigt wird (z. B. Peter betritt/verlässt den Chat), zählt nicht als Turn.

[82] Schmidt 2000, S. 109.

[83] Exemplarisch soll versucht werden, die Befunde der Sekundärliteratur am Chat-Beispiel zu verdeutlichen. Den zu beschreibenden linguistischen Merkmalen wird der funktionale Hinter­grund zugeordnet.

[84] Mitschnitt aus dem Unikum-Chat, zit. nach Storrer 2001a, S. 448 f.

Details

Seiten
124
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783832484996
Dateigröße
996 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v223704
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Philosophische Fakultät
Note
1,3
Schlagworte
senioren mündlichkeit schriftlichkeit emoticons inflektive chat alter

Autor

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Titel: Sprachliche Organisation der Kommunikation im Senioren-Chat Feier@bend