Lade Inhalt...

Österreich in Europa

Eine Studie zur Transformation der nationalen Identität

Diplomarbeit 2004 139 Seiten

Politik - Sonstige Themen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Österreich – ein europäischer Sonderfall?

II. Theoretische Grundlagen
A. Datenquellen
B. Begriffsdefinitionen
1. Volk
2. Staat
3. Kleinstaat
4. Nation
5. Identität
6. Nationalcharakter
7. Stereotyp
C. Relevanz der Begriffe für die Studie

III. Historische Wendepunkte der österreichischen Nation
A. Die Donaumonarchie bis 1918
B. Der Staat den keiner wollte bis 1934
C. Der Ständestaat bis 1938
D. Der nicht existente Staat bis 1945
E. Die besetzte 2. Republik bis 1955
F. Die 2. Republik nach dem Staatsvertrag 1955
G. Österreich nach der Wende in Osteuropa 1989
H. Integrierte Verlaufsmuster der österreichischen Geschichte

IV. Nation
A. Theoretische Vorüberlegungen
1. Nationengründung
2. Nationenkonzepte
a) Staats-/ Willensnation
b) Sprach-/ Kulturnation
c) Gegenüberstellung der Nationentypen
3. Nationencharakteristika
a) Eigenbezeichnung
b) Territorium
c) Gemeinsame Herkunft
d) Gemeinsame historische Vergangenheit
e) Gemeinsame Sprache
f) Nationales Selbstbild
g) Gemeinsame Massenkultur
h) Gleiches Recht und Verwaltung
i) Nationalbewusstsein
4. Nation und Region
5. Zielsetzungen der modernen Nation
B. Österreichische Nation
1. Gründung Österreichs
2. Nationenkonzept der Majoritätsgesellschaft Österreich
3. Nationencharakteristika Österreichs
a) Ostarrichi als erste Eigenbezeichnung
b) Österreichisches Territorium
c) Mythen der österreichischen Herkunft
d) Österreichische historische Vergangenheit
e) Österreichische Sprache
f) Nationales Selbstbild Österreichs
g) Hochkulturland Österreich
4. Österreichisches Nationalbewusstsein
(1) Symbole des österreichischen Nationalstolzes
(2) Österreichischer Sportpatriotismus
(3) Denkmäler
(4) Österreichischer Adler als Staatswappen
(5) Österreichische Bundeshymne
(6) Rot-weiß-rote Nationalflagge
(7) Nationalfeiertag
5. Österreich, Bundesland und Europa
C. Österreichische Nation: ein Spätes aber erfolgreiches Modell

V. Nationale Identität
A. Theorien zur nationalen Identität
1. Theorie des kollektiven Gedächtnisses von Halbwachs
a) Historisches Gedächtnis
b) Kollektives Gedächtnis
(1) Kommunikatives Gedächtnis
(2) Kulturelles Gedächtnis
2. Ebenen der nationalen Identität
3. Typen nationaler Identität
a) Qualitative Vorzüge als nationaler Identitätsfokus
b) Historisches Ereignis als nationaler Identitätsfokus
c) Kollektiver Wert als nationaler Identitätsfokus
4. Grundfunktionen der nationalen Identität
a) Herstellung von Wir-Sie-Differenzen
b) Nationalisierung der Gesellschaft
c) Legitimationsfunktion
B. Österreichische Identität
1. Historisches Gedächtnis Österreichs
2. Kollektives Gedächtnis Österreichs
a) Kommunikatives Gedächtnis Österreichs
b) Kulturelles Gedächtnis Österreichs
(1) Opfermythos
(2) Neutralitätsmythos
3. Typen österreichischer Identität
a) Phäakenstereotyp als qualitativer Vorzug Österreichs
b) Neutralitätsbeschluss als nationaler Identitätsfokus
4. Grundfunktionen der österreichischen Identität
a) Abgrenzung gegenüber Deutschland
b) Legitimationsfunktion
C. Neutralität: zentrales Element der österreichischen Identität

VI. Österreichs Image
A. Landesimageforschung
1. Image
2. Landesimage nach Schweiger
a) Fremdbild
b) Selbstbild
c) Diskussion von Selbst- und Fremdbild
B. Transporteure des Österreichbildes
1. Medien als Vermittler des Österreichbildes
2. Österreich-Werbung
C. Österreichbilder
1. Österreich als Brücke
2. Österreich als Tourismusland
3. Österreich als Trachtenland

VII. Transformation der nationalen Identität Österreichs
A. Kolonialisierung
B. Europäisierung
C. Musealisierung
D. Zentrale Thesen zur nationalen österreichischen Identität

Abbildungs- und Datenquellenverzeichnis

Literaturverzeichnis

I. Österreich – ein europäischer Sonderfall?

„Österreich. Wir haben die Wiener Klassik erfunden, wir hatten ein Weltreich, als es schick war eines zu besitzen, und wir haben es elegant abgespeckt, als wir von den Vielvölkern die Nase voll hatten. Wir sprechen die deutsche Sprache ohne Reichstagsakzent und wir haben nie Kriege verloren – außer den wenigen, die wir anschließend jemand anderem in die Schuhe geschoben haben (Huber/ Treichler 2001 S. 7f)“.

Diese nicht ganz ernst gemeinte Beschreibung beinhaltet schon mehrere Elemente der österreichischen Identität, welche die Besonderheit Österreichs im Vergleich zu anderen europäischen Nationen ausmachen.

Nach dem Ende der Ost-Westaufteilung Europas durch die Wende in Osteuropa 1989 ändert sich die Situation für alle Länder in Europa grundlegend.

Aber keine Nation ist von dieser Entwicklung so betroffen wie Österreich, denn die Österreicher konnten während des Kalten Krieges zwischen den Blöcken bequem an ihrem Wirtschaftswachstum arbeiten und sich, genauso wie die anderen politisch neutralen Ländern Skandinaviens und die Schweiz, aus jeglichen Konflikten heraushalten. Was aber die besondere Situation Österreichs ausmacht ist, dass es in der Mitte Europas liegt, im Gegensatz zur Schweiz inzwischen in die EU eingebunden ist und ab Mai 2004 ehemalige Länder der österreichischen Habsburger Monarchie als EU-Nachbar begrüßt.

Österreich droht nach der Etablierung als Kleinstaat in der dann fünfundzwanzig Nationen umfassenden EU zu verschwinden, oder ist es diesen Herausforderungen an seine nationale Identität gewachsen?

Die zentrale Fragstellung dieser Studie lautet dementsprechend:

Wie werden die Identifikationsobjekte der nationalen österreichischen Identität in Folge des Europäischen Einigungsprozesses transformiert?

Um die Transformation der nationalen Identität analysieren zu können, zeichnet die folgende Studie anhand theoretischen Vorlagen den Entwicklungsprozess zur heutigen österreichischen Nation nach und stellt die Entstehung und Veränderung der nationalen österreichischen Identität in vielen Facetten dar.

„Nationale Identität ist auch in ihrer Außenabgrenzung in den letzten zehn Jahren verstärkt untersucht worden, wobei auch territoriale Bezüge nicht fehlten... Analysen der strukturellen Zusammenhänge zwischen regionalen, nationalen und transnationalen Varianten von Identität stellten jedoch bis Mitte der neunziger Jahre eher die Ausnahme als die Regel dar (Haslinger 2000 S. 16)“, weshalb diese Studie mit der Untersuchung Österreichs, das einen hohen regionalen und nationalen Bezug besitzt und nun stärker in transnationale Prozesse einbezogen wird, in diesem Bereich Lücken schließen will.

Wichtig ist dabei, dass die Studie bei der Analyse der Entwicklung Österreichs durch historische Hintergrundinformationen und demographische Daten aus Meinungsforschungsumfragen den Schwerpunkt auf die Betrachtung der Gefühlslage der gesamten Nation legt.

Vernachlässigt werden Analysen von Regierungsentscheidungen oder Einflüssen einer intellektuellen Elite oder der Presse auf die nationale Identität

Somit hat die Arbeit durch die Beschreibung der Nationswerdung des österreichischen Volkes und den Konsequenzen der Europäischen Einigung vor allem einen deskriptiven Charakter.

Zentral sind hierfür die Themen Nation und nationale Identität, die im vierten und fünften Kapitel aus analytischen Gründen getrennt voneinander behandelt werden, obwohl diese große Überschneidungen besitzen. Vor allem das Nationalbewusstsein, als wichtigstes Charakteristikum der Nation, steht als Voraussetzung für eine Identifikation mit einer Nation im engen Zusammenhang mit der nationalen Identität. Diese Differenzierung erscheint aber zweckmäßig, da sonst die Entwicklung Österreichs bzw. der österreichischen Identität nicht detailliert nachgezeichnet werden kann.

Im nächsten Kapitel stehen für die Studie relevante Begriffe und die zugrundeliegende Datenbasis im Vordergrund bzw. es wird klargestellt, welche Begriffe nicht zur Verwendung kommen werden und warum. Was ist ein Kleinstaat? Was ist eine Nation? Was ist Identität?

Als geschichtliche Grundlage, die für das Verständnis Österreichs nötig ist, wird im dritten Kapitel die Historie Österreichs anhand markanter Wendepunkte in verschiedene Perioden eingeteilt, die aber übergreifende Verlaufsmuster erkennen lassen. Wie entstand die Österreichische Nation? Welchen Einflüssen anderer Mächte oder der Weltpolitik war Österreich ausgesetzt? Was ist das spezifische der österreichischen Geschichte? Welche Auswirkungen hat die Europäische Einigung auf Österreich?

Das vierte Kapitel geht über die Historie hinaus und behandelt intensiv die Entwicklung der Nation zunächst theoretisch und dann auf Österreich bezogen. Des Weiteren stehen verschiedene Nationenkonzepte und Charakteristika, anhand deren Nationen beschrieben werden, im Mittelpunkt. Welchem Nationenkonzept entspricht Österreich? Wie ausgeprägt ist das Nationalbewusstsein der Österreicher? Welche Objekte stellen ihren Nationalstolz dar? Wie ist das Verhältnis zu Nachbarstaaten? Wie ist das Verhältnis zwischen den einzelnen Bundesländern?

Die Analyse der Nationenwerdung ist aber ohne die Betrachtung der nationalen Identität, die im fünften Kaptitel beschrieben wird, nicht vollständig.

Die nationale Identität baut auf dem Nationalbewusstsein, dem wichtigsten Merkmal einer Nation, auf und vertieft dieses.

Auch hierbei wird zunächst ein theoretisches Kapitel vor die Anwendung auf Österreich gestellt, bei dem vor allem die Theorie des kollektiven Gedächtnisses von Halbwachs im Vordergrund steht. Wie stark ist die nationale Identität der Österreicher? Wie entwickelt sich diese nationale Identität? Welche Identitätstypen sind für Österreich relevant? Was sind die entscheidenden Gegenstände des österreichischen kollektiven Gedächtnisses?

Abschließend werden im sechsten Kapitel und dem Schluss ausgehend von der Imageforschung Zukunftsperspektiven für die nationale Identität einer österreichischen Nation entwickelt. Wie wird Österreich dargestellt? Welches Österreichbild kann in Zukunft weiter existieren? Was ist das Länderimage Österreichs?

II. Theoretische Grundlagen

Zu Beginn der Studie werden wesentliche Begriffe erläutert, in Bezug zu der Arbeit gesetzt und zuvor die Datenquelle bezüglich der Thematik der Arbeit dargestellt.

A. Datenquellen

Grundlegend für die Bearbeitung ist eine ausreichende Datenbasis, um die Erkenntnisse aus der geschichtlichen Entwicklung zu untermauern.

Zu der Frage der österreichischen Identität ist eine beträchtliche Menge an Datenmaterial und vor allem auch Fragestellungen, die kontinuierlich erhoben werden, vorhanden.

In dieser Studie sind folgende Institute als Datenquelle maßgeblich: die SWS-Rundschau, die Fessel-GfK, IMAS International und die Internationale Soziale Survey (ISSP).

Die SWS-Rundschau wird von der Sozialwissenschaftlichen Studiengesellschaft (SWS) vierteljährlich herausgegeben, enthält Forschungsergebnisse zu diversen österreichischen Themen und ist die älteste sozialwissenschaftliche Zeitschrift Österreichs mit der größten Auflage im deutschsprachigen Raum.

Die SWS ist ein unabhängiger gemeinnütziger Verein mit Sitz in Wien, die in ihrer Anfangszeit in den sechziger Jahren von Paul Lazarsfeld tatkräftig unterstützt wird und seit 1961 repräsentative Face to Face bzw. telephonische Meinungsumfragen durchführt.

Die in der Studie verwendeten Zahlen, siehe Literaturverzeichnis, stammen aus nach verschiedenen Themenschwerpunkten sortierten SWS-Bildstatistiken, die in graphischer Form Forschungsergebnisse zusammenfassen.

Die Fessel-GfK ist eine Tochter der GfK-Gruppe Deutschland, weltweit das fünftgrößte Meinungsforschungsinstitut, und führt vielfältige Untersuchungen zu verschiedenen Thematiken durch. Grundlage dieser Studie sind Ergebnisse der Umfragen zum „Österreichbewusstsein“, die regelmäßig von der Abteilung Sozialforschung durchgeführt werden. 1956 wird Fessel-GfK mit der Studie „Nationalbewusstein der Österreicher“ zum Pionier auf dem Gebiet der österreichischen Identität.

IMAS-International ist ein privates Meinungsforschungsinstitut, das in mehreren Ländern Niederlassungen besitzt und durch repräsentative Umfragen regelmäßig Reports zu aktuellen Themen anfertigt.

Für diese Studie relevante Reports sind im Literaturverzeichnis aufgeführt.

Die ISSP wird in mehreren Ländern anhand von repräsentativen Umfragen durchgeführt und ist eine Fortführung des Projektes European Values Systems Group von 1990. Ergebnisse der ISSP werden im Folgenden nicht von der Primärquelle, sondern von Haller, der den österreichischen Teil der internationalen Umfrage ausgiebig analysiert, genutzt.

Zusammenfassend kann von einer umfangreichen und repräsentativen Datenmenge ausgegangen werden, die vor allem durch langfristigere Vergleiche der selben Institute valide Schlüsse zulässt, aber trotzdem im weiteren Verlauf vor allem der Veranschaulichung der Textanalysen dient.

B. Begriffsdefinitionen

Nach der Darstellung der Datengrundlage werden nun relevante Begriffe definiert und in Bezug zur Arbeit gesetzt.

1. Volk

In der Regel bildet das Volk die Grundlage für eine Nation. Für diesen Begriff existieren dabei aber eine Vielzahl von Definitionen, die prinzipiell gemeinsam haben, dass ein Volk eine große Gemeinschaft ist, obwohl ihm dieselben Eigenschaften wie dichten sozialen Gruppen zugeschrieben werden.

Das Volk ist ein Sonderfall einer ethnischen Gruppe, bei der Beziehungen untereinander über rein verwandtschaftliche Verhältnisse hinausgehen, deren Bevölkerung groß genug für eine überwiegend arbeitsteilige Gesellschaft ist und eine relative Kulturgemeinschaft bildet. Außerdem existiert ein mehr oder weniger einheitliches Kerngebiet, über welches es, überwiegend selbständig sozioökonomisch und politisch bestimmen kann und es besitzt eine lange Geschichte einer Zeugungsgemeinschaft, d.h. eine Fortpflanzung innerhalb des Volkes ist wahrscheinlicher als mit einem Mitglied eines anderen Volkes.

Heckmann definiert Volk, „als das umfassendste ethnische Kollektiv, das durch den Glauben an eine gemeinsame Herkunft, Gemeinsamkeit von Kultur und Geschichte sowie eine gemeinsame Identitäts- und Zusammengehörigkeitsbewußtsein gekennzeichnet ist (Haller 1996 S. 27).“

Der Begriff Volk ist aber im Zuge der rassistischen Nutzung während des Nationalsozialismus geschichtlich vorbelastet, wodurch er an Bedeutung verliert.

2. Staat

Neben dem Volk ist der Begriff des Staates für eine Nation elementar, da dieser den organisatorischen Rahmen bildet. Gemäß dem Völkerrecht wird ein Staat anhand dreier Kriterien definiert.

Zunächst müssen ein Staatsvolk, auf das der Staat sich beruft, des Weiteren ein Staatsgebiet, auf dem dieses Volk lebt, und schließlich eine politische Verwaltung, die über das Territorium und seine Bewohner herrscht, vorhanden sein. Zweckmäßig ist es den Willen des Volkes, sich mit dem Staat zu identifizieren, hinzuzufügen, da dadurch die Existenz des Staates an Stabilität gewinnt.

3. Kleinstaat

Den Begriff des Kleinstaates, als Sonderform des Staates, abzugrenzen, ist für das kleine Österreich wichtig. Kleinstaaten besitzen den Vorteil, dass ihre Bevölkerung in der Regel homogener verteilt ist, da sie eine größere Loyalität erfordern, um im Konkurrenzkampf mit größeren Nationen zu überstehen.

„Die kleinen Nationen formierten sich unter den Bedingungen der essentiellen Bedrohung, ihre nationalen Aktivitäten wurden abgelehnt, manchmal verfolgt oder im besseren Fall lächerlich gemacht. Kein Wunder, daß sich das Gefühl der Bedrohung auch in jener Zeit als Stereotyp gehalten hat, wo es eine solche Bedrohung überhaupt nicht gab (Hroch 2001 S. 84)“.

4. Nation

„Eine Nation ist eine (zumindest teilweise geschlossen siedelnde) Bevölkerung, die eine eigene, arbeitsteilige Gesellschaft auch modernen Zuschnitts bildet oder bilden kann, und deren Angehörige sich mehrheitlich als eigene ethnische oder historische, d.h. durch Gemeinsamkeit des kollektiven, insbesondere: des politischen Schicksals begründete Einheit verstehen; eine Einheit, die nach diesem Verständnis ein natürliches Recht auf Unabhängigkeit nach außen besitzt und die deshalb auch einen eigenen, den Nationalstaat errichten oder behalten soll (Estel 1994 S. 19)“.

Der Begriff der Nation besitzt noch keine lange Geschichte, sondern wird in seinem heutigen Sinn erst seit dem 18. Jahrhundert verwendet. Bei der Bestimmung des Nationenbegriffs gilt, dass es keine einheitliche Definition gibt, was eine Nation darstellt, wann von einer Nation gesprochen wird oder was eine dauerhafte Begriffsbedeutung darstellt.

Gemeinsam haben jedoch alle Nationendefinitionen, dass sich eine Nation durch Sprache, Territorium, Werte oder andere Kriterien mit einem Wir-Sie Bild von anderen Nationen abgrenzt und dass sie unmittelbar mit den Strukturen eines Staates verbunden ist.

Zu Beginn des vorherigen Jahrhunderts war der Begriff Nation noch stärker an eine gemeinsame Abstammung, Sitte und im Zuge der fortschreitenden Alphabetisierung an die Sprache gebunden, was der vorherrschende Einfluss der Schule des deutschen Idealismus von Hegel, Fichte, Schilling und vor allem Herder bewirkte.

Grundlegend hierbei ist, dass man sich einer Zugehörigkeit zu einer Nation schon alleine deswegen nicht verweigern kann, da man in sie hinein geboren wird.

Für Immanuel Kant ist eine Nation eine Menge, die sich durch gemeinsame Abstammung zu einem bürgerlichen Ganzen vereinigt hat, für den Nationalökonom Werner Sombart ist sie die Zielstrebigkeit des politischen Verbandes, seinen Willen zur Geschichte, die Tendenz zur Verwirklichung seines Wesens, der ihm zugrunde liegenden Idee und für Max Weber ist sie das Streben nach einem selbständigen Staatswesen (vgl. Vyskocil 1992 S. 11).

Für die Beschreibung der Nation verliert im Laufe der Zeit das Merkmal der Zeugungsgemeinschaft, an Bedeutung und das ethnische Bewusstsein tritt in den Vordergrund.

In neueren Lexika wird zunehmend von der gemeinsamen Abstammung als alleinigen bestimmenden Faktor für die Nationszugehörigkeit Abstand genommen und die Bedeutung des gemeinsamen Willens tritt hinzu. Das große Wissen.de Lexikon von Bertelsmann definiert 2001 z.B.:

„Nation, eine bewusste u. gewollte polit. Gemeinschaft, die zwar in vielen Fällen von einer Mehrheit eines Volkes mit gleicher Sprache getragen wird, aber darüber hinaus auch fremdstämmige u. anderssprachige Volksteile u. Rassen aufnehmen kann. Prägend für die N. ist u.a. die gemeinsame Geschichte (Bertelsmann 2001 S. 631)“.

5. Identität

„Identität ist, kurz definiert, die sozial konstruierte Definition eines Individuums. Als soziale Konstruktion knüpft sie an die jeweils gegebenen kulturellen Muster und Interaktionsregeln an (Haller 1996 S.39)“.

Für die Identität sind Merkmale von Bedeutung, die im Selbstbild wahrgenommen, bewertet und emotional besetzt werden und über die Zeit stabil sind. Der Kern der Identität einer Gruppe stellt das Wir-Bewusstsein dar. Prinzipiell grenzt jede Identität ein bzw. aus und erzeugt so automatisch Alternität bzw. wird von ihr konstruiert, da durch die Beschreibung von Fremdbildern Selbstbilder identifiziert werden können.

Das folgende Schaubild fasst den Aufbau der verschiedenen Identitäten aus der Sicht des Autors zusammen, was im weiteren Verlauf der Arbeit auch für andere Bereiche durchgeführt wird:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die personale Identität stellt die persönlichen Vorlieben und Eigenschaften einer Person dar, wohingegen die soziale Identität durch die Gruppenzugehörigkeiten des Individuums bestimmt wird und dadurch als Verbindungsglied zwischen kollektiver und individueller Identität wirkt. Dementsprechend wird die soziale Identität von den anderen Mitgliedern in der sich zugehörig fühlenden Gruppe beeinflusst und nur aktiviert, wenn man mit der jeweiligen Gruppe konfrontiert wird.

Nimmt man die sozialen Identitäten der einzelnen Gruppenmitglieder zusammen, ergibt sich eine kollektive Identität, da die Summe der Eigenschaften der Individuen die kollektive Identität der ganzen Gemeinschaft definiert.

Individuelle Identität ist nicht von der kollektiven Identität zu trennen, da keiner in seiner eigenen Identitätsentwicklung von anderen unabhängig ist, indem sich Identität aus dem Zusammenspiel der eigenen Handlungen und den darauf reagierenden Anderen bildet.

6. Nationalcharakter

Der Nationalcharakter beschreibt im Allgemeinen die für typisch gehaltene kollektive Mentalität einer Nation, für deren Existenz vor allem zwei Gründe sprechen.

Zum einen bestehen in Nationen kulturelle Muster, die im Laufe der Sozialisation entwickelt und kulturell verinnerlicht wurden und zum anderen fördert das Entstehen von Nationalstaaten kulturelle Homogenität innerhalb des Nationalstaates.

„Völker wandeln sich also – und bleiben doch dieselben. Etwas scheint an der Idee eines Nationalcharakters berechtigt zu sein, hält man sich nur die international übereinstimmenden Charakterisierungen der Völker vor Augen, die vielleicht doch nicht nur auf Vorurteilen beruhen (Prisching 1994 S. 14)“.

Problematisch ist natürlich, inwiefern die fremden Stereotypen objektiven Charakter besitzen. Außerdem wird der Begriff des Nationalcharakters häufig argwöhnisch beobachtet, da er meistens für den Versuch, die eigene Nation gegenüber anderen zu überhöhen, verwendet wird und der dabei angewandten Stereotypisierung der Makel des Vorurteils anhaftet.

Theorien, die sich auf den Nationalcharakter berufen und dabei häufig eine weltanschauliche Tendenz besitzen, halten dementsprechend meist der Kritik nicht stand.

7. Stereotyp

„Stereotypen sind schematisierte Selbst- und Fremdbilder, in der logischen Form eines Urteils, das in ungerechtfertigt vereinfachender und generalisierender Weise, mit emotional wertender Tendenz, einer Gruppe von Personen bestimmte Eigenschaften oder Verhaltensweisen zu- oder abspricht. Der Erwerb solcher Stereotypen erfolgt nicht auf Grund eigener Erfahrung, sondern wird über Erziehung, Sozialisation und öffentliche Meinung vermittelt (Suppan 1994 S. 138f)“.

Mit Stereotypen wird die Einteilung der Anderen in Kategorien erleichtert, wobei diese Kategorien allerdings nicht auf persönliche Erlebnisse mit anderen Gruppen beruhen, sondern oftmals durch Vorurteile geprägt sind.

C. Relevanz der Begriffe für die Studie

Für die Arbeit sind im Folgenden die Begriffe Volk, Nation, Staat und Identität grundlegend, wohingegen die Beschreibung anhand von Stereotypen und Nationalcharakteren vernachlässigt wird, da diese Begriffe aufgrund der genannten mangelnden Objektivität umstritten und fragwürdig sind.

Grundlegend für die Beschreibung einer Nation ist das Volk, das eine Nation bildet. Der Unterschied zwischen Volk und Nation besteht darin, dass das Merkmal der Zeugungsgemeinschaft beim Volk von Bedeutung ist, während bei der Nation das ethnische Bewusstsein in den Vordergrund tritt. Außerdem bilden oftmals mehrere Völker eine Nation, wie z.B. in Russland oder in Belgien, während nur ganz selten ein Volk in zwei Nationen geteilt wird - Deutschland bis zur Wende 1989 und heute noch Süd- und Nordkorea sind Beispiele.

Um diese Nation bildet der Staat einen schützenden Rahmen, denn im Gegensatz zur Nation ist der Staat in erster Linie ein rationaler Begriff, mit dem das eigene Territorium abgegrenzt, nach außen verteidigt und das Zusammenleben darin geregelt wird.

Mit diesen äußeren Objekten Staat, Volk und Nation muss nun eine Identifikation der Einwohner erfolgen. Im folgenden Schaubild wird der Bezug zueinander hergestellt. Auf der rechten Seite stehen die Voraussetzungen für das Bestehen eines Landes und auf der linken Seite die verschiedenen Identitäten. Das Nationalbewusstein ermöglicht eine Verknüpfung zwischen Nation und nationaler Identität, die wiederum auf der kollektiven Identität fußt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Dies bedeutet für die Arbeit das die individuellen Elemente der Identität nicht wesentlich für das Zusammenspiel von Nation und nationaler Identität sind. Die kollektive Identität als Grundlage für die nationale Identität lässt sich anhand von sechs Punkten charakterisieren.

Zunächst ist Identität ein mehrdimensionaler Begriff, in dem Faktoren aus verschiedenartigen Bereichen wie Kultur, Wirtschaft, Politik und sozialer Gemeinschaft in vielfältiger Weise miteinander verwoben sind. Die kollektive Identität verbindet hierbei idealerweise Kultur, Volk, Staat und Bewusstsein, wobei vor allem Erfahrungen, Erinnerungen, Landschaften, Sprache und Werte von Bedeutung sind. Durch die Bündelfunktion stellt die kollektive Identität eine Reduzierung der Komplexität und eine Entlastung der Orientierungsarbeit für das Individuum dar.

Zum Zweiten gibt es bei jeder Identität eine Suche nach einem kristallenen Kern, wobei es bei Nationen keine ethnisch homogenen Gemeinschaften gibt, da sie immer ein Mischphänomen sind. „Identität setzt sich aus den heterogensten Elementen zusammen, und wenn man identitätsstiftende Charakteristiken zusammensucht, so tut man gut daran, Abschied vom Prinzipiellen zu nehmen (Prisching 1994 S. 55)“.

Dies führt drittens zu der Ungreifbarkeit der Identität, die nicht nach objektiven Merkmalen genau beschreibbar ist, sondern eine soziale Konstruktion darstellt, die sich nur schwer mitteilen lässt.

In modernen Gesellschaften sind viertens die kollektiven Identitäten flexibel, lösen sich auf, wandeln sich und entstehen neu. Fünftens verstärkt sich in der modernen Nation die Konstruiertheit der nationalen Identität, die durch die Differenzierung in verschiedene Nationen sinnstiftend wirkt.

Schließlich ist als letztes Merkmal die Identität als soziale Konstruktion handlungsträchtig und lebenswirksam.

Im weiteren wird in der Arbeit nur noch von der nationalen Identität gesprochen.

III. Historische Wendepunkte der österreichischen Nation

Vor der Analyse der Nation und der nationalen Identität werden im Folgenden historische Grundlagen erläutert.

Die österreichische Geschichte lässt sich in verschiedene Perioden anhand von entweder weltpolitisch oder Österreich spezifischen Wendepunkten einteilen. Innerhalb dieser Zeiträume erfolgen einzelne Ereignisse, die zu einem Pfad gebündelt werden können und deren regelmäßige Wiederholungshandlungen anschließend übergreifend mit zwei Veränderungsmustern, die am fundamentalen Wendepunkt 1955 wechseln, beschrieben werden.

Begonnen wird die historische Betrachtung Österreichs bei der Habsburger Monarchie, fortgesetzt mit den zwei Weltkriegen bis zum Europäischen Einigungsprozess.

A. Die Donaumonarchie bis 1918

Im Österreich bis 1918 sind als zentrale Entwicklungen einerseits die nationalen Spannungen innerhalb des Reiches und andererseits die Ausrichtung des deutschsprachigen Bevölkerungsanteils an Deutschland zu beobachten, die folgendermaßen beschrieben werden können:

„Das Zusammenleben im Vielvölkerstaat bedurfte einer unsichtbaren und damit undurchdringbaren Konvention, und die entwickelte sich aus der notwendigen Ausklammerung der Trennungs- und Konfliktpotentiale aus der Alltagskommunikation, und zwar so, dass diese Interessengegensätze nie »wirklich« geleugnet werden, nur eben ausgeklammert, auf später verschoben erscheinen (Rathkolb 2001 S. 64)“.

Zunächst ist ab dem 15. Jahrhundert die Wahrscheinlichkeit, dass Österreich aufgrund seines kaiserlichen Status ein Teil eines einheitlichen Deutschen Reiches wird höher als die von Preußen, das aber durch militärische Niederlagen immer weiter nach Westen gedrängt wird, während Österreich trotz Ausrichtung als deutsche Ostgrenze ungewollt nach Osten expandiert. „Gerade aber seine Erfolge werden Österreich allmählich aus dem deutschen Raum vertreiben, während die Niederlagen Preußens es immer mehr nach Deutschland ziehen werden (Béhar 1994 S. 32)“. Österreich wird als multinationales Reich in Mitteleuropa zu groß für ein vereintes Deutschland.

Der Beginn der Entwicklung der österreichischen Nation startet mit der Zerschlagung des Heiligen Römischen Reiches durch Napoleon und der Proklamation des Habsburger Franz I. zum Kaiser von Österreich 1804. Österreich ist zu dieser Zeit „ein Imperium, dynastisch definiert durch das Haus Habsburg; gebildet aus Restbeständen des Heiligen Römischen Reiches, das sich in Auflösung befand; und aus Ländern der Stefanskrone sowie anderen, aus der wechselhaften Geschichte Europas und seiner Dynastien gebildeten Zusammenschlüssen (Breuss 1995 S. 7)“.

Dementsprechend politisch instabil ist das Habsburger Reich, innerhalb dessen bis zu elf Nationalitäten leben, die vor allem ab der Revolution 1848, dem nächsten entscheidenden Datum für das Kaiserreich, stärker werden.

Im Zuge der Revolution wird in der Reichsverfassung des Deutschen Bundes 1848 in Frankfurt in den Artikeln zwei und drei erklärt, dass nichtdeutsche Staaten sich mit den Staaten des deutschen Reiches nur in Personalunion vereinigen dürfen, was für Österreich ein Ende der Habsburgerdynastie bedeuten würde. In Frankfurt wird Österreich somit von Deutschland ausgeschlossen, was aber die Deutschösterreicher (die deutschsprechenden in Österreich) nicht daran hindert, sich aus wachsender Verunsicherung weiterhin nach Deutschland zu sehnen.

„Der Aufstand der Ungarn 1848 hatte ebenfalls eine starke nationale Komponente, die in der Absetzung der Habsburger und der Ausrufung der Republik unter der Präsidentschaft des revolutionären Führers Ludwig Kossuth in Debrecen im Frühjahr 1849 gipfelte. Die Niederwerfung der Revolution gelang erst im Sommer 1849 mit Hilfe Rußlands (Gerlich 1997 S. 32f)“. Dieser Aufstand kann nur mit der Unterstützung russischer Interventionstruppen niedergeschlagen werden, wodurch die nationalistischen Kreise Ungarns sich um einen greifbar nahen Sieg gegen ein in ihren Augen schwächelndes Wien betrogen fühlen (vgl. Kremsner 2002 S. 575). Damit wird für die Ungarn der Hof in Wien zum Feindbild und Lajos Kossuth zum Märtyrer und Held.

Dies ist nur ein Beispiel des Kampfes nationaler Gruppierungen innerhalb des Reiches gegen die Vorherrschaft der Deutsch-Österreicher, die auch einen großen Teil der bürgerlichen Schichten mit einem höheren Bildungsniveau ausmachen, sich als bessere Reichsmitglieder sehen und sich gleichzeitig aber auch nach Deutschland sehnen, wodurch eine zweifache Identifikation, mit der deutschen Kultur und dem österreichischen Reich, erfolgt. Zusätzlich zu diesen internen Konflikten gipfeln außerhalb des Reiches die Spannungen mit Preußen in der Schlacht von Königgrätz 1866, die mit der Niederlage Österreichs die Trennung von Deutschland endgültig besiegelt.

Danach entsteht 1867 die Österreichisch-ungarische Monarchie. „Während die ungarische Reichshälfte eine national-magyarische Politik machte, war der westliche Teil ein strikt übernationaler Staat, der sich offiziell nicht „Österreich“ nannte, sondern – mit Rücksicht auf die Mehrheit der neudeutschen Bevölkerung – „Cisleithanien“ (Hamann 1995 S. 123)“. Der Fluss Leitha östlich von Wien bildet hierbei die geographische Trennlinie, weshalb das westliche Territorium, das Habsburger Kernland, Cisleithanien genannt wird und der östliche Teil, der sich aus Ungarn, Kroatien und Dalmatien zusammensetzt, als Transleithanien bezeichnet wird. Somit entstehen eigentlich zwei Staaten innerhalb eines Gesamtstaates.

Die Doppelmonarchie fördert vor allem bei den deutsch sprechenden Österreichern Identitätsprobleme, da sie sich mangels des Begriffs Österreichers nur als Österreich-Ungarn fühlen können, wohingegen die Ungarn in erster Linie Ungarn sind und nur für Fremde Österreich-Ungarn. „Die beiden Teile Ungarn und Österreich paßten zu einander wie eine rot-weiß-grüne Jacke zu einer schwarz-gelben Hose; die Jacke war ein Stück für sich, die Hose aber war der Rest eines nicht mehr bestehenden schwarz-gelben Anzugs, der im Jahre achtzehnhundertsiebenundsechzig zertrennt worden war (Bruckmüller 1997³ S. 28)“.

In der Habsburger Monarchie beginnen die deutsch sprechenden Österreicher aufgrund dieser Identitätsprobleme langsam, sich auf deutsche Symbolhaushalte und Kultur zu konzentrieren, auch wenn der Staat und die Habsburgerdynastie bis 1918 weiterhin ein großes österreichisches Identifikationssymbol darstellen.

„Mentalitätsgeschichtlich gesehen, waren es die schweren Identitätskrisen in einem autoritären multinationalen Reich, welches diese »deutsche Sehnsucht« auslösten; sozialgeschichtlich gesehen, war es die Rückständigkeit, die gegenüber den eigenen Modernitätsdefizite ein als modern definiertes Vorbild suchte und, wie die häufig verwendete Symbolsprache hieß, vom österreichischen »Vaterland« nach dem deutschen »Mutterland« schielte (Hanisch 1997² S. 71)“.

Als Folge der Änderung der Wahlgesetze am 14. Juli 1896, wodurch alle Männer über 24 Jahre, unabhängig vom Besitz, aber mit Zensuswahlrecht, wählen dürfen, zeigt sich in der folgenden Wahl 1897, dass die nationalen Strömungen vor allem durch die Spitze des Reiches getragen werden. „Die soziale Elite wählte national, die Volksschichten hingegen interessenbetont nach anderen Kriterien. Dieser Sachverhalt sollte sich in den nächsten Wahlen etwas ändern. Was bleibt, ist die Tatsache, daß Nationalismus vor allem ein Anliegen für gewisse höhere Schichten ist (Reiterer 1993 S. 115)“.

Die Donaumonarchie, die als übergeordneter Rahmen einen Gegenansatz zu den selbstständigen Nationalstaaten im übrigen Europa bildet, wird durch ihre nationalen Bestrebungen zum Fremdkörper innerhalb Europas und durch eine rückständige Wirtschaft und schwelenden sozialen Problemen werden die im Reich integrierten Völker auseinander getrieben.

Deshalb verlassen bereits zwischen 1876 und 1910 drei bis vier Millionen Österreicher Österreich, vor allem in Richtung Amerika, so dass zwei Drittel der dortigen Einwanderer in diesem Zeitraum aus Österreich stammen. Im Gegensatz zu den späteren Jahrzehnten beträgt der Anteil der Selbstständigen weniger als ein Prozent, weshalb diese erste Auswanderung vor allem einen quantitativen Charakter mit dem Ziel eines besseren Lebens besitzt, wohingegen ab der Ersten Republik die Auswanderung zunehmend qualitative Arbeitskräfte umfasst.

Durch die erstarkende Orientierung des slawischen Teiles der Monarchie an Russland, spitzt sich der Konflikt innerhalb des Reiches und mit Russland zu und bildet mit der Ermordung des Thronfolgers Franz Ferdinand durch serbisch-bosnische Nationalisten 1914 in Sarajewo gleichzeitig den Schlusspunkt der Donaumonarchie und den Beginn des Weltkriegs (vgl. Stadtmüller 1999 S. 23).

B. Der Staat den keiner wollte bis 1934

„Als der große Weltkrieg vorüber war, gab es kein kaiserliches Österreich mehr. Sowohl die Zugehörigkeit zur deutschen Nation als auch das Bewußtsein, Herrenvolk über andere im Dienste eines mythisch überhöhten Kaisertums zu sein, diese beiden Korsettstangen des österreichischen Selbstverständnisses waren in den Jahren 1866 und 1918 zerbrochen (Szanya 1992 S. 22)“.

Dementsprechend muss mit der Ersten Republik neu begonnen werden, deren ersten beide Artikel der neuen Verfassung aber bereits die schizophrenen Züge der Ersten Republik zeigen, da die eigenständige Republik sich als Teil Deutschlands definiert. „Artikel 1: Deutschösterreich ist eine demokratische Republik. Artikel 2: Deutschösterreich ist ein Bestandteil der Deutschen Republik (Heer 1981 S. 336)“.

Trotz der Ausrufung der Republik wird im gewissen Sinn die Habsburgermonarchie weitergeführt, indem die Bundesverfassung und vor allem die Verwaltung weitgehend übernommen wird. Auch in der seit jeher hohen Bedeutung von Berufstiteln in Österreich zeigt sich eine Fortsetzung, da ab 1918 kein Hof mehr existent, aber der Titel des Hofrates sich in der Ersten Republik hoher Beliebtheit erfreut.

Ein weiteres Problem der Ersten Republik besteht in der Ablehnung der Bezeichnung Republik Österreich, was sich u.a. in der Auffassung des Staatskanzlers zeigt.

„Staatskanzler Karl Renner begründete namens der Friedensdelegation die Zustimmung zum neuen Staatsnamen unter anderem mit der Überlegung, es seien nicht mehr alle Deutschösterreicher, sondern nur die »Alpendeutschen« im neuen Staatswesen (Zöllner 1998 S. 71)“.

Dadurch, dass die Entente der neuen Republik den Namen Deutsch-Österreich versagt und auf der Bezeichnung Republik Österreich besteht, werden die Anschlusswünsche an Deutschland bedeutender, da nach der österreichischen nicht auch die deutsche Identität verloren gehen soll.

Der Zweifel am Bestehen der Republik zeigt sich auch in diversen Volksbefragungen: „Am 11. Mai 1919 hielt Vorarlberg eine inoffizielle Volksbefragung über seinen Anschluß an die Schweiz ab, den 80% bejahten. 1921 in Tirol und Salzburg durchgeführte, ebenfalls unverbindliche Volksbefragungen über den Anschluß an Deutschland, erbrachten ähnlich überwältigende Mehrheiten. Aber schon am 10. September 1919 hatte die Nationalversammlung den Friedensvertrag von St. Germain angenommen, so daß der Anschlußgedanke fallen gelassen werden mußte (Wiesinger 1998 S. 56)“.

Zu diesen Zweifeln an der Republik kommen noch ökonomische Konsequenzen, die aus dem Auseinanderbrechen der Habsburger Monarchie folgen, wodurch neben der mangelnden Identifizierung mit der Nation noch ein allgemeiner Glaube der Lebensunfähigkeit des Staates vorherrscht.

Dies liegt daran, dass die neugegründete Republik mit der Hypothek zu kämpfen hat, ein kleiner Rest des Kaiserreichs zu sein, der durch die Sieger des Ersten Weltkrieges gebildet wird und auch noch als Hauptschuldige des Ersten Weltkrieges behandelt wird, was hohe Reparationszahlungen zur Folge hat.

„Der Zusammenbruch der Großraumwirtschaft der Österreichisch-Ungarischen Monarchie löste in Mitteleuropa schwere langanhaltende Störungen aus. Über Nacht wurde der Reststaat, die Republik Österreich, stark exportabhängig. Österreich reagiert auf diese Situation mit einer liberalen Handelspolitik, die durch niedere Zollsätze gekennzeichnet war, während sich die Nachfolgestaaten durch hohe Zollschranken vom ungeliebten Wien absperrten (Hanisch 1997 S. 42)".

Als Hauptschuldiger mit hohen Reparationszahlungen ist das deutsche Kapital nötig um den ökonomischen Zusammenbruch zu verhindern, da zu den wirtschaftlichen Problemen Österreichs die Weltwirtschaftskrise hinzukommt.

„Zum Überleben musste eine Anleihe aufgenommen werden: Das Staatsbudget wurde zwar ausgeglichen, die Industrie schrumpfte gesund, dafür gab es in Permanenz hunderttausende Arbeitslose. ... Die Bedingungen der Anleihen von Genf und Lausanne sahen vor, daß Österreich seine Unabhängigkeit verteidigen müsse, doch gerade diese Anleihen machten es immer abhängiger vom Ausland (Kreissler 1991 S. 65)“.

Als Folge wird Österreich zum „kranken Mann“ an der Donau und 1922 und 1932 kann nur durch die Unterstützung des Völkerbundes ein Zusammenbruch verhindert werden (vgl. Emmerich 1992 S. 120).

Die Folgen des Endes der Monarchie sind somit für Österreich laut Anton Kuhn im Vergleich zu den anderen entstehenden Nationen am gravierernsten. „Das Pilsnerbier und die gebildete Bureaukratie wanderten nach Böhmen; der Weizen und die Freudenhäuser fielen an Ungarn; Galizien erbte die Schnäpse und das Finanzministerium; Rumänien die Ochsen und die Literatur – Österreich aber behielt: die Kriegsanleihe, die Beamten von der 5. Rangeskasse abwärts und das Polizeipräsidium (Markus 2000 S. 70)“.

Auf der anderen Seite hat Österreich einen reichen Vorrat an Erz, Erdöl und Wasserkraft, zahlreiche Industriekomplexe und vor allem eine hohes menschliches Potential, weswegen weniger die objektiven Möglichkeiten, sondern vielmehr der mangelnde Glaube und das fehlende Durchsetzungsvermögen der Politik das Bestehen der Ersten Republik gefährden.

„Seien es nun Philosophie, Psychologie, Physik oder Medizin, um nur einige zu nennen, überall fanden sich hervorragende Vertreter, die mit ihren Ideen und Erfindungen wegweisende Weichenstellungen in den Wissenschaften bewirkten. Besonders fruchtbar erwies sich dabei der jüdische Bevölkerungsanteil der Monarchie, der seit Kaiser Joseph II. erstmals nach Jahrhunderten der Ghettoisierung zunehmend freiere Entfaltungsmöglichkeiten erlangt hatte (Pfusterschmid-Hardtenstein 2001 S. 123)“.

Aber die Ressource des großen Wissens der Elite ist gefährdet, denn dieses „Restösterreich mußte den Großen zu eng werden. Sie fanden zwar noch jenen schöpferischen Humus, nicht mehr jedoch jenen Wirkungskreis und jene wirtschaftlichen und finanziellen Möglichkeiten der Monarchie. Schon in den zwanziger Jahren setzte die erste große Emigrationswelle ein (Androsch 2003 S. 77)“, die wie bereits erwähnt, im Gegensatz zur Monarchie vor allem die Elite betrifft.

Außerdem schwelen in der Ersten Republik innenpolitische Konflikte, die sich 1927 in Schattendorf, Burgenland, in einem gravierenden Konflikt zwischen der rechtsextremen Frontkämpfervereinigung und dem sozialdemokratischen Schutzbund entladen. Dabei wird auf der Seite des Schutzbundes ein Kriegsinvalider und ein Kind getötet, aber die Täter vor Gericht freigesprochen, worauf Arbeiter in Folge einer Demonstration den Justizpalast, eine Polizeiwache und eine Presseredaktion der konservativen Partei entzünden. Als die Feuerwehr beim Löschversuch gehindert wird, beginnt die Polizei an, scharf zu schießen, was 89 Tote und fast 1000 Verletzte fordert.

Dies alles führt nicht nur zum, im nächsten Abschnitt folgenden, Ständestaat, sondern auch dazu, dass bereits in der Ersten Republik durch ein Erstarken der Sehnsucht nach Deutschland die Grundlagen für den Anschluss 1938 gelegt werden.

Zunächst konstituiert sich 1925 der überparteiliche österreich-deutsche Volksbund als Auffangbecken für die vielfältigen deutsch-nationalen Strömungen, zweitens werden österreichische Anschlussbestrebungen gezielt von Deutschland unterstützt, des Weiteren steigt schon in den 20er Jahren der Einfluss deutschen Kapitals in Österreich. Die nationalstaatlichen Versuche und wirtschaftlichen Schwierigkeiten der anderen Nachfolgestaaten der Donaumonarchie erschweren den Kontakt untereinander, besonders die Elite hat einen juristischen und kulturellen Anschluss als Ziel und schließlich wird allgemein die Existenzfähigkeit der Republik bezweifelt.

C. Der Ständestaat bis 1938

„Die sozialen und politischen Folgen der Weltwirtschaftskrise brachten Anfang der dreißiger Jahre das labile Gefüge der österreichischen Demokratie zum Einsturz (Botz/ Müller 1995 S. 17)“.

Mit einer Uneinigkeit während einer Nationalratsabstimmung am 4. März 1933 und den folgenden Rücktritten aller drei Nationalratspräsidenten ist das Ende der Demokratie besiegelt, denn die Ausschaltung des Parlaments ist eingeleitet und die Republik wird zur Austrodiktatur unter Bundeskanzler Engelbert Dollfuß.

Die Austrodiktatur entsteht faktisch ab dem 1. Mai 1934 und basiert dabei auf einen politischen Katholizismus, orientiert sich am italienischen Faschismus unter Mussolini mit dem Namen Bundesstaat Österreich als offizieller Bezeichnung und sieht sich als deutsch, aber als ein besseres Deutschland, als das nationalsozialistische Deutsche Reich, und will sich diesem nicht anschließen.

In dem Ständestaat ab 1934 werden Interessenverbände wie z.B. Gewerkschaften zentralisiert und stärker an den Staat gebunden und für Gegner des Ständestaates, vor allem Sozialisten und Kommunisten und später auch Nationalsozialisten, werden erste Lager gebaut. Fast täglich tritt politische Gewalt zu Tage.

Im Zuge des wachsendes Druckes des Regimes auf die Sozialdemokraten beginnt ein Bürgerkrieg zwischen den faschistischen Heimwehrverbänden und den sozialdemokratischen Schutzbündlern, in dessen Folge die Sozialdemokraten und Gewerkschaften verboten werden und das Standrecht ausgerufen wird.

Auch aus Deutschland wird Druck ausgeübt, denn auf „Hitlers Wunsch wurden Importe aus Österreich gedrosselt oder überhaupt eingestellt. Von deutschem Boden aus initiierte und unterstützte Akte von Subversion und Terror ergänzen das Szenario. Sprengstoffanschläge und politische Morde waren an der Tagesordnung und gipfelten in der Ermordung des österreichischen Bundeskanzlers Engelbert Dollfuß (Holzer 1995 S. 68)“.

Die Wirtschaft Österreichs wird durch die bereits in dieser Zeit bedeutende Tourismusbranche mit der 1000 Mark Sperre angegriffen, die vorschreibt, dass „jeder deutsche Tourist, dessen Reiseziel Österreich war, an der deutschen Grenze 1000 Mark hinterlegen mußte, eine nahezu unerschwingliche Summe. Von dieser Maßnahme waren v. a. die westlichen Bundesländer betroffen (Breuss 1995 S. 246)“.

Die Nationalsozialisten versuchen am 25. Juli 1934 einen Putsch, der zahlreiche Opfer, unter denen sich auch der amtierende Bundeskanzler Dollfuß befindet, fordert, und vor allem an starken italienischen Verbänden an der Brennergrenze scheitert. Anschließend werden die Nationalsozialisten verboten, worauf ein Großteil nach Deutschland flieht. Auch dem Nachfolger Kurt Schuschnigg gelingt es nicht die Republik zu stabilisieren und mit der Zusammenarbeit Hitlers mit Mussolini bricht zusätzlich der italienische Schutz weg.

D. Der nicht existente Staat bis 1945

Am 12. Februar 1938 erfolgt eine Unterredung zwischen Bundeskanzler Schuschnigg und Adolf Hitler in Berchtesgaden, aufgrund derer der Nationalsozialist Arthur Seyß-Inquart als Minister für Inneres und Sicherheit in die österreichische Regierung aufgenommen werden muss. Einen Abend vor dem Überschreiten der Grenze durch deutsche Truppen am 12. März 1938 wird auf Druck der Nationalsozialisten Seyß-Inquart zum Bundeskanzler ernannt und am 13. März die Vereinigung Österreich mit dem Deutschen Reich beschlossen.

„Am 10. April 1938 wird über die »Wiedervereinigung der Ostmark mit dem Deutschen Reich« abgestimmt. Der Stimmzettel sieht einen großen Kreis für das »Ja« und einen kleinen Kreis für das »Nein« vor. Kritische Geister erkennen: Das große »Ja« ist für die Kurzsichtigen und das kleine »Nein« für die Weitsichtigen. 99,73 Prozent der Bevölkerung stimmen für den ohnehin schon vollzogenen »Anschluß« (Markus 2000 S. 166f)“.

„Der Umtausch in Mark erfolgte 1938 zu einem für Österreich ungünstigen Kurs, was der Mark eine hohe Kaufkraft sicherte. Zusätzlich gab es in Österreich noch Dinge zu kaufen, die im Deutschen Reich längst Mangelware waren. Österreich war auch nach der Weltwirtschaftskrise der 30er Jahre den kapitalistischen Weg konsequent weitergegangen, mit der Armut von vielen und vollen Regalen für die anderen. Im Deutschen Reich war die breite Versorgung besser, aber Qualitäts- und Luxuswaren wurden selten (Rathkolb 2001 S. 207)“.

Adolf Hitler versucht nach dem Anschluss alles, was mit dem Namen Österreich verbunden ist, aus der Geschichte zu verbannen. „Hitler wollte Berlin groß machen, den Hochmut der Wiener dadurch brechen. Er hat sogar den Philharmoniken die Geigen abgenommen und dem deutschen Orchester geschenkt, er hat die wichtigsten Bilder aus dem Kunsthistorischen Museum nach Linz und Berlin gegeben, er hat ganz Österreich gehasst, vor allem aber Wien (Pelinka 2001 S. 145)“.

Mit dem Umbenennen Österreichs in Ostmark und der Aufteilung der Bundesländer in sieben Reichsgaue wird eine nationale österreichische Identität bekämpft, was, solange das Deutsche Reich außenpolitische Erfolge und damit für die Österreicher innenpolitisch wirtschaftliches Wachstum erzielt, erfolgreich ist.

Die Ökonomie wird nach dem Anschluss auf die Bedürfnisse und Ausmaße der deutschen Kriegsindustrie ausgerichtet, was dazu führt, dass nahezu zwei Drittel des Massenstahls bzw. vier Fünftel des Edelstahls exportiert werden und kurz vor 1945 ist je nach Branche zwischen 60 und 83% der österreichischen Industrie in deutscher Hand.

„Einer Nachfrage von 9,5 Mio. Tonnen Eisenerz im Jahr 1936 stand eine Förderung von 1,8 Mio. Tonnen im Deutschen Reich gegenüber. Österreich symbolisierte die Brücke nach Südosteuropa, wo sich die deutsche Armee die dringend benötigten Grundstoffe zu besorgen dachte. Von 1935 auf 1936 hatte sich die Nachfrage der Wehrmacht nach Rohstoffen verdoppelt, was einer Milliarde Reichsmark Defizit entsprach. Das ‚Dritte Reich’ war also weit davon entfernt, mit den Österreicher/inne/n einen Anschluß auszuhandeln, es wollte Österreich schlicht und einfach annektieren, weil dazu die militärische und wirtschaftliche Notwendigkeit bestand (Korinman 1992 S. 39)“.

Zur Zeit der Besatzung existiert ein Krieg der Minderheiten von jeweils 500.000 bis 600.000 Personen auf der eine Seite des schwachen, aktiv gegen die Nationalsozialisten kämpfenden Widerstands bzw. auf der anderen Seite der überzeugten aktiven österreichischen Nationalsozialisten, während die große Mehrheit der übrigen 80% möglichst unauffällig im Hintergrund bleibt (vgl. Molden 2000 S. 204).

Widerstand gegen die deutsche Besatzung entlädt sich vor allem in Schlägereien während Fußballspielen zwischen deutschen und österreichischen Mannschaften, vor allem als 1940 laut Berichterstattung beim Spiel Admira Wien gegen Schalke 04, Schalke von einem reichsdeutschen Schiedsrichter bevorzugt wird. Die Folge sind antideutsche Schlachtrufe, Schlägereien, Randale und ein zerstörtes Auto des Gauleiters in Wien, worauf sich Schalke mit ähnlichen Ausschreitungen bei Austria Wien 1941 revanchiert.

Die gegenseitigen Anfeindungen zwischen österreichischen und deutschen Fußballanhängern geht soweit, dass sogar Adolf Hitler den österreichischen Gauleiter Baldur v. Schirach veranlasst, weitere Zeichen einer Kluft zwischen Österreich und Deutschland in Wien zu verhindern.

E. Die besetzte 2. Republik bis 1955

Die Entstehung der Zweiten Republik beruht auf vielen Elementen der Habsburger-Zeit und der Ersten Republik, wodurch eine Kontinuität hergestellt wird und sich damit die Akzeptanz in der Bevölkerung erhöht. Von einer Stunde Null kann nicht gesprochen werden.

Auch in der Verfassung wird an die Erste Republik angeknüpft, indem die 1929 reformierte Verfassung von 1920 übernommen wird und bereits 1946 wird mit der 950-Jahre-Ostarrichi-Feier die Eigenständigkeit zelebriert wird.

Im Gegensatz zu 1918 wird der Name Österreich für die Zweite Republik nicht abgelehnt. Zu Beginn hat die Nation mit den Folgen des Kriegs zu kämpfen und steht anhand der zerstörten Industrien und Wohnungen praktisch vor dem Nichts. Nach 1945 sind die Vorraussetzungen nicht viel besser als 1918, aber die Bereitschaft, neu anzufangen, ist deutlich größer, da nicht auf einen als ungerecht empfundenen Kollaps eines Reiches reagiert werden muss, sondern in einer chaotischen Lage neu aufgebaut werden muss.

1945 wird versucht, die Zweite Republik ohne Blick in die Vergangenheit neu aufzubauen, was durch eine stetig wachsende Wirtschaftsentwicklung erleichtert wird.

Weil Österreich als Opfer Deutschlands gesehen wird, sind im Gegensatz zu 1918, keine finanziellen Bürden zu tragen.

Durch die zahlreichen Emigrationen schon zu Beginn des Jahrhunderts, der anschließenden Vertreibungen und Morde des Hitler Regimes und dem mangelnden Regierungsinteresse, jüdische Flüchtlinge wieder zurück zu holen, fehlt der Zweiten Republik auch eine breite Elite. Dementsprechend kann aus mangelnden personellen Alternativen nur ein geringer Teil der Bevölkerung aufgrund ihrer Taten, während des Nationalsozialismus ausgeschlossen werden kann.

„1,2 Millionen Österreicher dienten in der deutschen Wehrmacht. Diese »Kriegsgeneration« war zahlenmäßig weitaus stärker als die Widerstandskämpfer und die überlebenden oder aus dem Exil zurückgekehrten NS-Opfer und dominierten daher Politik und Gesellschaft im Nachkriegsösterreich (Neugebauer 2001 S. 107)“.

„Die erste Herausforderung für Österreich nach 1945 bestand darin, einen Neuanfang zu setzen, der einen Bruch mit den politischen Traditionen und Verhaltensmustern der Ersten Republik, des Austrofaschismus und des Nationalsozialismus bedeutete. An die Stelle der Anlehnung an Deutschland trat das Bekenntnis zur Eigenstaatlichkeit, an die Stelle der innenpolitischen Polarisierung trat die Konsensbereitschaft und an die Stelle des Zweifels an der wirtschaftlichen Überlebensfähigkeit trat eine aufholende Modernisierung (Melchior 2000 S. 181)“.

Trotz der wachsenden Selbstständigkeit wird diese Periode von einem großen Teil der Österreicher viel mehr als Besatzungszeit durch die Alliierten empfunden als während des Anschlusses an Deutschland, was sich auch darin zeigt, dass der 13. April, der Tag als die rote Armee Wien befreit, oder der Tag der Unabhängigkeitserklärung am 27. April sich nicht als Nationalfeiertag durchsetzen können.

Die zwei wichtigsten Ziele der westlichen Alliierten stellen die österreichische Nationsbildung nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Stärkung der Ökonomie und dem Aufbau eines Schutzes in Richtung Osten dar.

„Während die Sowjetunion die ihr in ihrer Besatzungszone zufallenden Vermögenswerte in Anspruch nahm und die Betriebe unter ihrer Verwaltung weiterführte, hatten die drei Westalliierten die ihnen zufallenden Vermögenswerte schon 1946 in österreichische Verwaltung übergeben und übertrugen diese 1955 (Scherb 1990 S. 8)“ mit dem Ziel die österreichische Ökonomie zu stärken. Dies erfolgt ohne Gegenleistung, während die Sowjetunion im Staatsvertrag 1955 eine Reparationsablöse von 150 Millionen Dollar festschreiben lässt.

Dementsprechend ist für die Sowjetunion ein ökonomisch schwaches Österreich an der Grenze zum Ostblock wünschenswert und die östlichen Regionen Österreichs brauchen erst einmal Zeit um den Vorsprung der westlichen, nicht unter sowjetischer Kontrolle stehenden Regionen aufzuholen.

Nun stellt sich die Frage der deutschen Vermögenswerte und deren Rückgabe, da nicht alle Beschlagnahmungen der Sowjetunion von Österreich als deutsches Eigentum interpretiert werden, sondern nur der ursprüngliche Besitz von juristischen Personen, die ihren Sitz im Deutschen Reich innerhalb der Grenzen von 1937 hatten.

Nach dem Ableben von Stalin und dem Wechsel 1953 zu Chruschtschow wird der Staatsvertrag ermöglicht, da „Chruschtschow beschlossen hatte, die Isolation der Stalin-Ära zu beenden und dass ein österreichischer Vertrag die billigste Eintrittskarte in die feine Gesellschaft wäre (Pick 1999 S. 48)“. Hinzu kommt, dass sich in Österreich die zwei großen Parteien über den Status der Neutralität einig sind.

Kurz vor dem NATO-Beitritt Deutschlands 1955, versucht die Sowjetunion vor der Ausrufung des Warschauer Pakts einen Anschluss Österreichs an das westliche Bündnis zu verhindern.

Nur der Außenminister Molotow hat noch Einwände, wird allerdings von Chruschtschow überstimmt und veröffentlicht am 8. Februar selbst die Zustimmung zum österreichischen Staatsvertrag, der als einzige entscheidende Bedingung eine feste Garantie gegen einen Anschluss mit Deutschland enthält (vgl. Pick 1999 S. 52).

F. Die 2. Republik nach dem Staatsvertrag 1955

Mit dem Staatsvertrag als Wendepunkt 1955 versucht Österreich den Status des Verlierers abzustreifen und die eigentliche Gründung der Zweiten Republik erfolgt.

Deutlich wird dies durch die Äußerung des langjährigen Bundeskanzlers (1945-53) und Außenministers des Staatsvertrages 1955 Leopold Figl:

„Figls »Österreich ist frei!« im Jahr 1995 (frei von den Befreiungsmächten) hat kein Pendant im Jahr 1945 (frei von Deutschland). Im Gegenteil: Österreichische Soldaten in deutscher Uniform kämpften verbissen gegen die Befreiung Österreichs (Breuss 1995 S. 242)“.

Der Staatsvertrag wird in den verschiedenen politischen Lagern zwar unterschiedlich beurteilt, aber gemeinsam ist der positive Wert der erlangten Souveränität, denn im Gegensatz zu vorhergehenden Ereignissen stellt der Staatsvertrag zumindest zum Teil ein selbst mitgestaltetes Geschehen dar, in dem zum richtigen weltpolitischen Zeitpunkt die Chance genutzt wird.

Das wachsende Selbstbewusstsein Österreichs zeigt sich auch in der Verhandlungsweise, die zur Festschreibung der immerwährenden Neutralität führt.

„Um die Eigenständigkeit seines Neutralitätskonzeptes deutlich zu machen, hat Österreich sich der Staatengemeinschaft nicht schlechthin als immerwährend neutraler Staat vorgestellt, sondern ab Anfang November 1955 den Staaten den Wortlaut des österreichischen Neutralitätsgesetzes notifiziert, und zwar in seiner deutschen Originalfassung (Pahr 2002 S. 4)“.

Neben dem Staatsvertrag erfolgt die symbolische Gründung der Zweiten Republik in einem feierlichen Staatsakt am 5. November 1955, als die 1869 entstandene Staatsoper mit der Freiheitsoper Fidelio wieder eröffnet wird. „Nicht nur für Opernfreunde, nicht nur für die Wiener, für alle Österreicher war dieses Ereignis die endgültige Bestätigung der wiedergewonnenen Identität (Breuss 1995 S. 236)“.

Durch den Abzug der Besatzungstruppen beginnt daraufhin auch die Erholung der österreichischen Wirtschaft, die mit einem hohen politischen Konsens innerhalb der Zweiten Republik einhergeht und das österreichische Wirtschaftswunder einläutet.

„Die Jahrzehnte ab 1955 waren auch jene Jahrzehnte, wo außergewöhnlich langanhaltende Phasen von politischer und sozialer Stabilität mit ungeahnt wachsender Prosperität verbunden ein Bewußtsein des »guten Lebens« im eigenen Haus wachsen ließen, das ja trotz mancher Erschütterungen anhält (Stourzh 1995 S. 309f)“.

Erleichtert wird die Entstehung einer selbstbewussten Situation dadurch, dass Österreich im Schatten der Weltpolitik ähnlich den skandinavischen Ländern oder der neutralen Schweiz zu einer hochentwickelten Industrienation reifen kann und bei einem militärischen Patt der Supermächte keine internationale Verantwortung übernehmen muss (vgl. Prisching 1994² S. 394).

Die eigentliche Entwicklung eines Nationalbewusstseins entsteht aber während der sogenannten Kreisky-Ära unter Bundeskanzler Kreisky (1970 – 1983). In dieser steht neben dem wirtschaftlichen Wachstum vor allem eine außenpolitische Sicherheitspolitik mit Schwerpunkt auf der Neutralität, wodurch sich Österreich den anderen westeuropäischen Ländern in der Entwicklung anpasst.

G. Österreich nach der Wende in Osteuropa 1989

Als Kleinstaat entwickelt sich Österreich ab der Grenzöffnung positiv, da nun in alle Richtung Entfaltungsmöglichkeiten offen stehen, aber auch der ruhige Platz zwischen den Blöcken verloren geht und damit auch das Neutralitätskonzept den veränderten Bedingungen angepasst werden muss.

„Nichts hat die Österreicher seit Ende des Zweiten Weltkrieges derart gepackt, verunsichert und gefordert wie der Wandel in Mittel- und Osteuropa. Vorbei ist die Zeit des Eisernen Vorhanges, vorüber die bequeme Einseitigkeit, dem, was hinter diesem Vorhang geschieht, den Rücken zu kehren, vorbei die Zeit, einfach nach Westen zu schauen (Emmerich 1992 S. 40)“.

Der Umschwung in Osteuropa bringt Österreich von einer Randlage Europas in das Zentrum, was vor allem für die östlichen Bundesländer Niederösterreich, Burgenland und Wien große Veränderungen mit sich bringt.

Durch den Beitritt zur EU am 1. Januar 1995 wird der nationalen noch eine europäische Komponente hinzugefügt und die bereits selbstsichere Nation gewinnt weiter an Selbstbewusstsein und an Selbstständigkeit, da z.B. im Europäischen Rat Österreichs vier Stimmen im Vergleich zu Deutschlands zehn Stimmen, überproportionalen Einfluss erlauben, als das Einwohnerverhältnis von eins zu zehn erwarten ließ.

„Wenn aber in der EU bestimmte Mitglieder gleicher als andere sind – dann sind es die kleinen Staaten. Da hat das winzige Luxemburg das gleiche Vetorecht wie das riesige Deutschland, selbst wenn die umstrittene Frage nur die 333 Millionen anderen EU-Bürger betrifft (Grubelnik 2000 S. 289)“.

Mit der Einführung des Euro gewinnt Österreich an Selbstständigkeit, da bisher seit der Kopplung des Schillings an die Deutsche Mark in den siebziger Jahren in der Geldpolitik allein die Deutsche Bundesbank entschieden hat und nicht die Führung der Österreichischen Nationalbank (OeNB).

„Das Direktorium hatte – überspitzt formuliert – währungspolitisch nur eine Funktion: Das Fax der Deutschen Bundesbank mit den aktuellen geldpolitischen Beschlüssen entgegenzunehmen, den Briefkopf der OeNB darüber zu kopieren und es an die österreichischen Banken unverzüglich weiterzuleiten (Grubelnik 2000 S. 289f)“. Nun in der EU entscheidet der Europäische Zentralbankrat, in dem Österreich durch den Gouverneur der Österreichischen Nationalbank Sitz und Stimme hat.

Die Sanktionen der anderen EU-Mitglieder, der sogenannten EU-14, gegen Österreich aufgrund der ÖVP (Österreichische Volks Partei)/ FPÖ (Freiheitliche Partei Österreichs) Regierung unter Kanzler Schüssel ab Februar 2000 bewirken eine starke Abwehrreaktion über die Parteigrenzen hinweg, da durchgängig ein Einfluss von außen verbeten wird. „Interessant erscheint dabei, dass die Mehrheit der Bürger der anderen EU-Mitgliedstaaten gleichfalls wenig Verständnis für die Sanktionspolitik zeigten und eine allfällige Verhängung von Sanktionen gegen das eigene Land unter analogen Umständen ablehnten (Ulram 2002 S. 86)“.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Ulram 2002 S. 85 Quelle: Fessel-GfK, repräsentative Umfragen (1996 – 2000)

Diese Sanktionen ändern aber nichts daran, dass in repräsentativen Umfragen der Fessel-GfK, ausgenommen im Juli 1997, der Beitritt zur EU durchgängig als richtige Entscheidung gesehen wird und vor allem ab April 1999 hohe Zustimmung erfährt, wie in Tabelle 1 ersichtlich ist.

Auch die Bedeutung des Beitritts Österreichs nimmt zu, bzw. die Anzahl der Personen, die den Beitritt nicht als wichtig erachten, geht zurück, wie in Tabelle 2 erkennbar ist.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

IMAS Nr. 8/ 2000 S. 1; Repräsentative IMAS-Umfrage 2000, Österreichische Bevölkerung ab 19 Jahren, N rund 1000 Personen

Im Sommer 1998 geben 42 Prozent der Österreicher an, sich stark und 40 Prozent sich etwas von der Osterweiterung der EU am 1. Mai 2004 betroffen zu fühlen. Damit werden größere Auswirkungen gesehen, als dies für Deutschland und die südeuropäischen EU-Mitglieder der Fall ist (vgl. Ulram 2002 S. 88).

1997 überwiegen die positiven Erwartungen, wie eine Stärkung des Fremdenverkehrs, eine Friedenssicherung gegenüber dem Balkan und eine

[...]

Details

Seiten
139
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783832482299
Dateigröße
802 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v223445
Institution / Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg – Sozial- und Wirtschaftswissenschaften
Note
2,3
Schlagworte
nationalbewußtsein selbstbild image fremdbild neutralität

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Österreich in Europa