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Organisation von Erwerbsarbeit im Umbruch - Auswirkungen auf die Anforderungen der Beschäftigten und deren Subjektstrukturen

Diplomarbeit 2002 150 Seiten

Soziologie - Arbeit, Beruf, Ausbildung, Organisation

Leseprobe

Inhalt

Verzeichnis der Abkürzungen

Einleitung

1. Die Institutionalisierung von Erwerbsarbeit als moderne Vergesellschaftungsinstanz

2. Die Organisation von Erwerbsarbeit im Umbruch
2.1 Die Ablösung des Arbeitsparadigmas industrieller Gesellschaften
2.1.1 Struktur- und Entwicklungsannahmen des Arbeitsparadigmas in industriellen Gesellschaften
2.1.2 Ein neues, „post-industrielles“ Paradigma gesellschaftlicher Erwerbsarbeit
2.2 Neue Formen der Organisation von Erwerbsarbeit
2.2.1 Tertiarisierung auf der sektoralen Ebene
2.2.2 Die „neuen Produktionskonzepte“
2.2.3 Das Konzept der „systemischen Rationalisierung“
Exkurs 1: Die „Informatisierung der Arbeit“ als systemischer Prozess
2.2.4 Das Konzept der „schlanken“ Produktionsweise: Lean production
2.2.5 Das Konzept der „flexiblen Spezialisierung“
2.2.6 Dezentralisierung und Vermarktlichung
2.2.7 Virtuelle Organisationen und (strategische) Netzwerke
2.2.8 Gruppenarbeit
2.2.9 Internationalisierung und Globalisierung
2.2.10 Innovation
Exkurs 2: Wissensarbeit
2.2.11 Telearbeit
2.2.12 Shareholder-Value-Orientierung
2.2.13 Wandel der Beschäftigungsformen
2.3 Merkmale veränderter Arbeitsanforderungen an die Beschäftigten

3. Subjektstrukturen: Begriff und Elemente
3.1 Zur Unterscheidung von Subjekt, Subjektivität und Subjektstrukturen
3.2 Klassische Konzepte als ¢Vorläufer¢ von Subjektstrukturen
3.2.1 Die Persönlichkeitsstruktur bei Elias
3.2.2 Der Gesellschaftscharakter bei Fromm
3.2.3 Der Sozialcharakter bei Kern/Schumann
3.3 Der Begriff ¢institution¢ und seine polyvalente bedeutung für die konstitution von Subjektstrukturen
3.4 Basiselemente von Subjektstrukturen

4. Auswirkungen sich wandelnder Erwerbsarbeit auf die Subjektstrukturen der Beschäftigten
4.1 Auswirkungen aufgrund sich wandelnder Arbeitsanforderungen
4.2 Weiterreichende Auswirkungen
4.2.1 Ein neuer Transformationsmodus
4.2.2 Die „beschränkte Rationalität“ der Rationalisierung
4.2.3 Herrschaft durch Autonomie? – Zur Konstitution widersprüchlicher Arbeitsanforderungen
4.2.4 Subjektivierendes Arbeitshandeln als eine Form von ¢Compliance¢
4.2.5 Die zunehmende normative Subjektivierung der Arbeit
4.2.6 Nach dem Beruf erodiert die Beruflichkeit
4.2.7 Die Restrukturierung des Verhältnisses zwischen Arbeit und Leben
4.2.8 Neue Identitäten von Arbeitern, Angestellten und Managern
4.2.9 Ambivalenzen postmoderner Identität im Rahmen alltäglicher Identitätsarbeit
4.2.10 Zusammenfassung

5. Der rekursive Charakter von Subjektstrukturen
5.1 Die Dualität von Handeln und Struktur nach Giddens
5.2 Das Habitus-Konzept nach Bourdieu
5.3 Die rekursive Wirkung von Subjekt-strukturen auf die Institution Erwerbsarbeit

Schluss: Mögliche Anschluss-Thematisierung

Literaturverzeichnis

Verzeichnis der Abkürzungen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Einleitung

Das Thema meiner Diplomarbeit lautet „Organisation von Erwerbsarbeit im Umbruch – Auswirkungen auf die Anforderungen der Beschäftigten und deren Subjektstrukturen“. Meine Arbeit soll sich von der These leiten lassen, dass nicht automatisch von einem Kausalzusammenhang zwischen sich wandelnden Organisationsformen von Erwerbsarbeit und den Wirkungen auf die Anforderungen und Qualitätsprofile der Beschäftigten – und dem zufolge deren Subjektstrukturen i. S. dauerhafter, regelmäßiger Lebens- und Berufsverläufe – ausgegangen werden kann. Dafür fehlt es an ausreichend eindeutig empirisch belegten Indikatoren. Vielmehr ist meine Art der Beschreibung und Analyse eine, die zeigt, dass der Zusammenhang eher als ein Interpretations- und Verarbeitungszusammenhang bezeichnet werden kann, den sowohl Wissenschaftler, die über diesen Zusammenhang schreiben, als auch die arbeitenden Subjekte selbst, im Zuge von Wahrnehmungs- und identitätsstiftenden Prozessen vornehmen bzw. handelnd (mit-) produzieren.

Ausgehend von der Nachzeichnung, wie sich die Institutionalisierung von Erwerbsarbeit als moderne Vergesellschaftungsinstanz herausgebildet hat (Kap. 1), soll die Analyse objektiver – institutioneller – Strukturen neuer Formen der Organisation von Erwerbsarbeit unter besonderer Fokussierung veränderter Arbeitsanforderungen an die Beschäftigten (Kap. 2) dazu dienen herauszuarbeiten, inwieweit „die Kontinuität des Lebenslaufs noch über Erwerbsarbeit verbürgt ist“ (Baethge 1991, S. 260). Des weiteren sollen Phänomene beschrieben werden, welche als „Prozesse der zunehmenden normativen Subjektivierung der Arbeit“ (vgl. ebd.) oder sich wandelnde Formen von Arbeitshandeln und Identitätsentwürfen postuliert werden (Kap. 4). Um das Verhältnis von neuen Formen der Organisation von Erwerbsarbeit und (sich wandelnden?) Subjektstrukturen, i. S. spezifischer, von den Subjekten aktiv hergestellter Interpretations- und Handlungsmuster (Kap. 3), zu bestimmen und somit auch bspw. „das Verhältnis von Arbeit und Leben“ (Voß 1998) zu ergründen, sollen strukturtheoretische Modelle sowohl von Pierre Bourdieu („Habitus-Konzept“), als auch von Anthony Giddens („Dualität von Struktur“) (Kap. 5) verwendet werden. Letzteres geschieht vor allem deswegen, weil das Ergebnis meiner Arbeit m. E. nicht nur die gewandelten Subjektstrukturen (einschließlich der neuen Arbeitsanforderungen an die Beschäftigten) aufgrund neuer Formen von Erwerbsarbeitsorganisation aufzeigt, sondern auch den rekursiven Charakter dieser Subjektstrukturen, also ihre zirkuläre Rückwirkungskraft und -funktion auf Strukturen der Organisation von Erwerbsarbeit, belegt.

Meine Ergebnisse dienen in Bezug auf ihre Verwendungsfähigkeit im weitesten Sinne der Anwendung strukturtheoretischer Modelle von Giddens und Bourdieu, die beide bemüht sind, den Dualismus von Subjektivismus und Objektivismus, man könnte auch sagen von Handlung und Struktur – oder noch anders, fast klassisch: von Individuum und Gesellschaft – aufzuheben. Mein besonderer Fokus liegt auf der ¢Erhellung¢ der subjektiven Verarbeitungsleistungen, die innerhalb dieses rekursiv-reflexiven Konstitutionsprozesses sich wechselseitig bedingender Strukturen (seien es die Subjekt- oder Erwerbsarbeitsstrukturen) den Subjekten zunehmend abverlangt werden.

1. Die Institutionalisierung von Erwerbsarbeit als moderne Vergesellschaftungsinstanz

Galt in vormodernen Gesellschaften Arbeit ursprünglich allein als schwere körperliche Arbeit (die grundsätzlich negativ bewertet wurde), die z. B. in der griechischen Antike von Knechten, Sklaven und bezwungenen Feinden geleistet werden musste (vgl. Bonß 1999, S. 145), so kann für das späte Mittelalter eine schleichende Ausweitung des Arbeitsbegriffs festgestellt werden: Arbeit war weniger schwere körperliche Tätigkeit, sondern sie umfasste zunehmend auch geistige Anstrengungen. Parallel dazu zeichnet sich eine sukzessive Relativierung der Gleichsetzung von Arbeit mit Zwang und Bestrafung ab (vgl. ebd., S. 146). Zwar bleibt Arbeit mühselig und in der Regel unfreiwillig, aber zugleich gewinnt ihre Interpretation als moralische Verpflichtung an Boden. Der aktiv arbeitende bürgerliche Mensch ist der bestimmte Typus, der sich über die Arbeits- und Leistungsorientierung definiert. Er emanzipiert sich zunehmend selbstbewusst vom feudalistischen Adel. Verkoppelt mit Kompetenz und Leistung ist Arbeit für ihn nicht Zwang und Bestrafung, sondern produktiv-aktive Naturaneignung, erfolgreiche Naturbeherrschung und Mittel zur Wertschöpfung (vgl. ebd.).

Es werden allerdings keineswegs alle Formen produktiv-aktiver Naturaneignung als Arbeit begriffen, sondern vor allem die bezahlen Tätigkeiten – eine Akzentsetzung, die dazu führt, dass sich die bürgerliche Arbeitsgesellschaft in einer spezifischen Form, nämlich der Erwerbsarbeits gesellschaft, konstituiert (vgl. ebd.). In ihr wird Arbeit immer häufiger – jedoch niemals in Gänze – als ¢Erwerbsarbeit¢ verstanden. Erwerbsarbeit meint Arbeit, die zur Herstellung von Gütern oder Erbringung von Leistungen zum Zweck des Tausches auf dem Markt dient, mit der man ein Einkommen erzielt, von der man lebt: sei es in abhängiger oder selbständiger Stellung oder in einer der vielen Zwischenstufen, sei es mit manueller oder nicht-manueller, mit mehr oder weniger qualifizierter Tätigkeit (vgl. Kocka 2000, S. 481). Somit spiegelt sich im ¢aufgeklärten¢ Verständnis von Arbeit eine Dichotomie: Zum einen formuliert Hegel, dass es „das unendliche Recht des Subjekts [ist], daß es sich selbst in seiner Tätigkeit und Arbeit befriedigt“ (Hegel 1975 zit. nach Hahne 2001, S. 1) fühle, zum anderen hat z. B. Marcuse die Selbstentfremdung durch den Entäußerungsprozess in der Arbeit als zwangsläufig beschrieben:

„In der Arbeit geht es immer zuerst um die Sache selbst und nicht um den Arbeitenden. (...) In der Arbeit wird der Mensch immer von seinem Selbstsein fort auf ein anderes verwiesen, ist er immer bei Anderem und für Andere.“ (Marcuse 1933 zit. nach Hahne ebd.)

In der industriellen Kultur heißt das Leitbild von Arbeiten ökonomisch abhängige, technisch und sozial hochgradig organisierte und in der Regel räumlich konzentrierte Erwerbsarbeit und darauf bezogene Motivierung und Interessenorientierung wirtschaftlich orientierten Handelns. Als Ausdruck der Institutionalisierung von Erwerbsarbeit kann m. E. die Herausbildung des (in erster Linie männlichen) „Normalarbeitsverhältnisses“ gelten, welches durch folgende Merkmale gekennzeichnet ist: abhängige und unbefristete Vollzeitarbeits-Verträge; stabile Vergütung, betriebsförmige Organisation der Arbeit, möglichst beim selben Arbeitgeber erwerbslebenlang ausgeübt, je qualifizierter, um so besser, weitgehende Unkündbarkeit, generöse soziale Absicherung im Falle der Arbeitslosigkeit oder vorzeitigen Verrentung. Die Bedeutung von Erwerbsarbeit lässt sich nicht nur rechtlich und quantitativ-realiter (über Statistiken geleisteter bezahlter Arbeitsstunden o. ä.) bestimmen, sondern Erwerbsarbeit ist auch kulturell-symbolisch besetzt, z. B. über einen geltenden gesellschaftlichen Status, Sozialprestige, Nationenvergleich in puncto Wirtschaftskraft bis hin zu unterschiedlichen Modalitäten der Identifizierung mit „Helden der Arbeit“ (vorwiegend in sozialistischen Ländern). Nicht-Erwerbsarbeit (z. B. Hausarbeit, Kindererziehung, Pflege von Verwandten oder ¢Schwarzarbeit¢) ist andere Arbeit (vgl. Schmidt 1999, S. 12 f.).

Im oben skizzierten Sinne – so kann mit Baethge (1991) konstatiert werden – war die Erwerbsarbeit das Feld von Vergesellschaftung – als Sozialität herstellender Identitätsprozess – par excellence: Die arbeitenden Subjekte ¢erfuhren¢ Erwerbsarbeit als die zentrale Instanz, durch die sie ihre Identität und Subjektivität als Arbeitende herstellen und begreifen konnten. Dieser Umstand brachte in der Arbeiterbewegung nicht nur die politisch folgenreichste Assoziation für die Entwicklung von bürgerlicher Gesellschaft und Staat hervor, sondern ließ auch unterhalb der politischen Organisationsebene im Alltag eine Fülle sozialer Kommunikations- und Identitätsformen entstehen. Diese Feststellung führt zu einem Verständnis von Vergesellschaftung als „Ausdruck kommunikativen und interessenbezogenen Handelns von Individuen“ (Baethge 1991, S. 268), in dem die Individuen ihre soziale Identität als „Zugehörigkeit zur symbolischen Realität einer Gruppe“ (Habermas 1976 zit. nach ebd.) erfahren und zugleich manifestieren. Die objektive Basis dieser Vergesellschaftung bildet der Siegeszug der Lohnarbeit, die kapitalistische Vereinheitlichung der Arbeitsverhältnisse unter dem Zepter der abstrakten Arbeit (Marx). Als subjektiver, identitätsstiftender Prozess vollzieht sich Vergesellschaftung unter den Bedingungen entfremdeter Arbeit vor allem als Protest aufgrund gemeinsamer Leiderfahrungen in der Arbeit. Dieser Protest der so entstandenen Arbeiterklasse manifestiert sich maßgeblich in Form von Gemeinschaftlichkeit herstellenden Kommunikationsformen im betrieblichen Alltag und unverwechselbaren Symbolen der Zusammengehörigkeit, die mit der Gegensätzlichkeit zu anderen Gesellschaftsgruppen zugleich das Gefühl der eigenen Stärke vermitteln (vgl. ebd.). Obwohl, wie ich im Verlauf der Arbeit zeigen werde, Arbeit offensichtlich für die Identitätskonstruktion der Subjekte eine erhebliche Bedeutung behalten hat, so ist dennoch auf die realen strukturellen Veränderungen in den Arbeitsprozessen und Beschäftigungsverhältnissen selbst einzugehen, die das traditionelle – auf der ¢Institution¢[1] Erwerbsarbeit basierende – Vergesellschaftungsmodell ¢ausgehebelt ¢ haben (vgl. ebd.)[2], d. h. identitätsstiftende Bezüge für die Arbeitenden sich auch außerhalb der Sphäre ¢Arbeit¢ etabliert haben. Diese Veränderungen werde ich in den folgenden Kapiteln näher analysieren.

2. Die Organisation von Erwerbsarbeit im Umbruch

Die Auffassung von Pries (1998), dass wir Zeugen eines tiefgreifenden und qualitativen Wandels des ökonomisch-technischen Systems, des Wandels von Produkten, Produktion und Arbeitsbedingungen seien, teile ich. Allerdings sind ganz offensichtlich die traditionellen wissenschaftlichen – und das heißt vor allem: die industriesoziologischen – Interpretationen dieser Wandlungsprozesse veränderungsbedürftig (vgl. Pries 1998, S. 25): Ob der Wandel allerdings mit Schlagworten wie „Dritte Industrielle Revolution“, „Umbruch von Technik und Arbeit“, „Ende des Taylorismus“, „Das Ende der Arbeitsteilung“, „Neue Produktionskonzepte“, „Mikroelektronische Revolution“ oder „Neuer Typ systemischer Rationalisierung“ hinreichend bezeichnet oder charakterisiert wird, bleibt fraglich – zumal dann, wenn obige Schlagworte mit gesellschaftstheoretischen Modellen, wie etwa „Von der Industriegesellschaft zur Risikogesellschaft“ (Beck 1986), „Das Ende der Arbeit“ (Rifkin 1995) oder „Arbeit zwischen Misere und Utopie“ (Gorz 2000) verbunden werden (vgl. Pries ebd., S. 26). Daher folge ich zunächst – neben anderen – hauptsächlich Burkart Lutz, um dem Umbruch der Organisation von Erwerbsarbeit eine angemessene Eingangssystematik zu geben.

2.1 Die Ablösung des Arbeitsparadigmas industrieller Gesellschaften

2.1.1 Struktur- und Entwicklungsannahmen des Arbeitsparadigmas in industriellen Gesellschaften

Burkart Lutz (2001) geht davon aus, dass man sich einen „essentiellen Paradigmenwechsel“ in der sozialwissenschaftlichen Sicht von organisierter Erwerbsarbeit in Erinnerung rufen müsse: Das bisherige Paradigma von Arbeit in industriellen Gesellschaften sei einem neuen gewichen, welches seit Beginn der 1980-er Jahre zahlreiche Veränderungen beinhaltete, die mit den grundlegenden Annahmen der herkömmlichen Sicht von Arbeit in Industriegesellschaften – gemeint sind Formen tayloristisch-fordistischer Produktion – nicht mehr in Einklang zu bringen seien (vgl. Lutz 2001, S. 2 ff.).

Doch zunächst skizziere ich die Struktur- und Entwicklungsannahmen[3] des Arbeitsparadigmas in industriellen Gesellschaften[4], in der das Leitbild der ¢wissenschaftlichen Betriebsführung¢, also des Taylorismus vorgeherrscht hat (vgl. zu beidem ebd. und zu Ersterem auch Baethge 2001). Die grundlegenden Strukturen sind vor allem:

- Auf hierarchische und funktionale Arbeitsteilung gegründete Formen der Betriebsorganisation sichern die weitaus höchste Effizienz bei der Produktion von Gütern und der Bereitstellung von Leistungen; sie sind insofern essenzielle Voraussetzungen von Prosperität.
- Vertikal hochintegrierte und stark hierarchisch organisierte Groß- und Mittelbetriebe sind hoch autark und von anderen Betrieben oder Organisationen weitgehend unabhängig.
- Ein Produktionskonzept der Standardisierung von Produkten und der Rationalisierung von Prozessen mit den entsprechenden Anforderungen an Disziplin und Ordnung, um die economics of scale[5] zu nutzen, herrscht vor.
- Lohnarbeit – in der statistischen Definition ¢abhängiger Beschäftigung¢ – ist als der Normalfall von Erwerbsarbeit institutionalisiert (vgl. Kap. 2); untrennbar damit verbunden ist eine strikte Trennung zwischen Arbeit und Nicht-Arbeit (Familie, Freizeit o. ä.).
- Die Berufsbildung orientiert sich am Facharbeiterprofil bzw. am Profil des Fachangestellten, sie ist im Wesentlichen durch ihre Einbindung in die betrieblichen Arbeitsprozesse bestimmt. Hierdurch entsteht bereits in früher Jugend eine Sozialisation – in Gestalt betriebsförmiger Ausbildung – in das Arbeits-, Organisations- und Normengefüge industrieller Arbeit. Zudem definiert auch die Stellung des Individuums in der betrieblichen Struktur funktional-hierarchischer Arbeitsteilung seine Position und zumindest seine materiellen Chancen (und die seiner Familie) in allen anderen gesellschaftlichen Lebensbereichen und Sphären.
- Der Arbeitsmarkt ist das zentrale Medium, das über die Vermittlung der von Individuen angebotenen und von den Betrieben nachgefragten Arbeitsbefähigung zugleich rationale, das heißt ökonomisch effiziente, und dem Prinzip der Chancengleichheit entsprechende Form der Arbeitskräfteallokation und der Zuweisung von Lebenslagen sichert.
- Erziehung, Bildung und Ausbildung in den hierfür spezialisierten Institutionen haben die Aufgabe, die Arbeitsbefähigungen des Individuums so weit wie möglich zu entwickeln, um ihm auf diese Weise optimale Voraussetzungen zur Wahrung der sich am Arbeitsmarkt bietenden Chancen zu sichern.
- Der Staat hat hauptsächlich die Aufgabe, durch normative Regelungen gleiche Handlungschancen für alle Arbeitsmarktpartner sicherzustellen und dafür zu sorgen, dass ausreichende Subsistenzmittel bereitstehen, wenn kein zur Sicherung des Lebensunterhalts ausreichendes Arbeitseinkommen erzielt werden kann. Öffentliche Arbeitsmarktpolitik bleibt im Wesentlichen auf Versuche zur indirekten Beeinflussung ökonomischer Parameter des Arbeitsmarktes (z. B. durch Investitionsförderung, Subventionen etc.) beschränkt.
- Der Familientypus industrieller Gesellschaften weist einen männlichen Haupternährer und eine klare Rollenteilung zwischen Mann und Frau auf: der Mann verdient das Geld, die Frau ist für Haus und Familie zuständig.
- Das Sozialversicherungssystem, das die Höhe der Renten an die geleistete Arbeitszeit bindet und Vollzeitarbeit begünstigt, ist an das (Normal)-Arbeitsverhältnis gebunden.

Die zentralen Entwicklungsannahmen[6] lassen sich in zwei Thesen resümieren:

- Technischer Fortschritt ist der zentrale Entwicklungs- und Veränderungsimpuls von Arbeit, und zwar in doppelter Hinsicht: einerseits direkt durch die mit technischem Fortschritt verbundenen Innovationen von Produkt und Produktionsverfahren; andererseits indirekt über die ökonomischen Wirkungen der von ihnen ermöglichten Steigerungen von Produktivität und Wohlstand, die ihrerseits einen tiefgreifenden Wandel von Nachfrage- und Produktionsstruktur (z. B. wachsende Bedeutung des „tertiären Sektors“) verursachen.
- Die oben skizzierten Annahmen über die charakteristischen Strukturen von Arbeit setzen sich im Prozess gesellschaftlicher Modernisierung sukzessive gegen zunächst noch starke, dann aber zunehmend residualisierte Strukturen durch, die den Produktions- und Lebensweisen früherer historischer Stadien entsprechen. Erst am Ende einer längeren Übergangszeit sind die typischen Merkmale von Arbeit in industriellen Gesellschaften in reiner, unvermischter Form zu beobachten.

Der Frage, ob und wie sich ein neues ¢post-industrielles¢ Paradigma herausgebildet hat, soll im nächsten Kapital nachgegangen werden.

2.1.2 Ein neues, „post-industrielles“ Paradigma gesellschaftlicher Erwerbsarbeit

Die Veränderungen, die verantwortlich sein könnten, ein neues – ¢post-industrielles ¢ – Paradigma gesellschaftlicher Erwerbsarbeit zu konstituieren, machen im Weiteren Lutz (ebd.), aber auch Moldaschl/Sauer (2000), Sauer et al. (2001), Pries (1998) und Baethge (2001) – wiederum in Form von Annahmen – deutlich, indem sie die gravierenden Umbruchprozesse in den Unternehmen benennen:

- Mit der organisatorischen Dezentralisierung großer Unternehmen auf der einen und der unternehmensübergreifenden Vernetzung, der zunehmenden organisatorischen Verselbständigung und Auslagerung – verstärkt durch das Globalisierungsphänomen – auf der anderen Seite erodieren die Grenzen zwischen Unternehmen und ihrem Umfeld, was der These von der „Auflösung des Unternehmens“ entspricht[7]. Somit wird ein neues Verhältnis von „Innen“ und „Außen“ definiert (vgl. Moldaschl/Sauer 2000, S. 205). Zumindest die innerbetrieblichen Integrations- und Vernetzungstendenzen sind im Laufe der 1980er-Jahre, vor allem in den Versuchen einer zunehmenden datentechnischen Beherrschung gesamtbetrieblicher Abläufe (CIM-Systeme), klarer hervorgetreten und haben den systemischen Charakter betrieblicher Rationalisierung – welche auf eine nachhaltige Reorganisation tendenziell aller inner- und überbetrieblichen Prozesszusammenhänge zielt – weitgehend bestätigt (vgl. Sauer et al. 2001, S. 183).

- Es entstehen zunehmend Käufermärkte; Innovationszyklen werden kürzer: Hierdurch verändert sich das strategische Gewicht der betrieblichen Funktionsbereiche zueinander; die Innovation generierenden und die den Markt organisierenden Abteilungen treten in den Vordergrund und aus dem „Schlepptau“ der Produktion. Dies erfordert eine höhere Spezialisierung und Professionalisierung dieser Bereiche (vgl. Baethge 2001, s. 33.).
- Die Struktur von Markt und Hierarchie, von Kooperation und Wettbewerb gestaltet sich neu: einerseits durch den Einzug marktlicher Prinzipien in die planwirtschaftliche Binnenstruktur der Unternehmen (Internalisierung des Marktes; Vermarktlichung); andererseits werden in den sich herausbildenden Produktions- und Dienstleistungsnetzen die bislang zwischen den Unternehmen vorherrschenden externen, marktförmigen Austauschbeziehungen durch hierarchisch strukturierte Formen der Steuerung und Kontrolle abgelöst (vgl. Moldaschl/Sauer ebd., S. 206).
- Die Formen der Nutzung von Arbeitskraft und der Gestaltung von Arbeitsverhältnissen verändern im Rahmen einer Neubestimmung des Verhältnisses zwischen Arbeit und Kapital das Ziel moderner arbeitskraftbezogener Rationaliserungsstrategien: Das Ziel ist, unter den Stichworten Flexibilisierung und Selbstorganisation, ein grundsätzlich erweiterter Zugriff auf das Arbeitsvermögen. Es kommt damit zu einer inhaltlichen, zeitlichen und sozialen Entgrenzung von Arbeit, mit der auch die Scheidelinien zwischen der Nutzung von Arbeit im Arbeitsprozess sowie der individuellen und gesellschaftlichen Reproduktion von Arbeitskraft („Arbeit und Leben“) neu gezogen werden (vgl. ebd.).
- Vor allem aufgrund des Vordringens mikroelektronischer Informations- und Steuerungstechnik in Fertigung, Verwaltung und Dienstleistung werden zunehmend neue Formen der Arbeitsorganisation eingeführt, die eine jahrzehntelange Tendenz zu vertiefter horizontaler, funktionaler und hierarchischer Arbeitsteilung zumindest partiell rückgängig machen (vgl. Lutz ebd., S. 4).
- Der Großbetrieb, der bisher als Prototyp effizienter Nutzung von Technik und rationeller Organisation galt, beherrschte die bisherige Sicht von Arbeit in Industriegesellschaften. Allerdings wird mehr und mehr deutlich, dass sich zunehmend eine neue Art von Betrieben mit deutlich vom großbetrieblichen Modell abweichenden Organisationsformen herausbildet (vgl. ebd., S. 4 f.).
- Ein weiterer Fokus muss auf die Veränderungen der Tätigkeitsanforderungen und Qualifikationsstrukturen gerichtet werden: Wandelt sich das Verhältnis zwischen körperlicher und geistiger Arbeit grundlegend und besteht die Tendenz bzw. Chance einer umfassenden Reprofessionalisierung von Industriearbeit (vgl. Pries 1998, S. 26)?
- Kontrollansprüche und Herrschaftsstrukturen wandeln sich, allerdings: „Versachlichen“ sich die betrieblichen Kooperationsbezüge durch den Einsatz neuer Informations- und Steuerungstechniken, oder steuern wir auf die totale Verhaltenskontrolle Orwell´schen Zuschnitts zu (vgl. ebd.)?
- Die Frage, wer die „Rationalisierungsgewinner“ und die „Rationalisierungsverlierer“ sind, rückt in den Vordergrund: Erleben wir eine generelle Entwertung körperlicher Arbeit, z. B. sensumotorischer Fertigkeiten sowie der hiermit verbundenen Berufe, wird Ingenieursarbeit immer mehr zur „normalen“ Sachbearbeitertätigkeit (vgl. ebd., S. 27)?
- Es gibt kaum Zweifel, dass auch in Deutschland spätestens seit den 1980-er Jahren der tertiäre Sektor der wirtschaftlich dominierende ist (vgl. Baethge ebd., S. 24). Zudem waren in Deutschland bereits 1996 71 Prozent der Tätigkeiten Dienstleistungstätigkeiten (vgl. ebd., S. 26).
- Im Gefolge des demografischen Sprungs im letzten Jahrhundert und des demografischen Übergangs Anfang der 1970-er Jahre „wandern“ sehr unterschiedlich starke Kohorten durch die Alterspyramide – bei deutlicher Alterung von Erwerbstätigen und vor allem von Nichterwerbstätigen (vgl. ebd., S. 37).
- Die Pluralisierung von Haushalts- und Familienformen führt zu veränderten Reproduktionsbedingungen, die nicht ohne Folgen im Erwerbssystem bleiben (z. B. Vordringen von Doppelerwerbstätigenhaushalten und weniger [männliche] Haupternährer-Familien; mehr Alleinlebenden- bzw. Alleinerzieherhaushalte) (vgl. ebd.).
- Ein insgesamt deutlich gestiegenes (Aus-)Bildungsniveau führt neben veränderten Ansprüchen an Arbeit auch zu komplexeren gesellschaftlichen Teilhabe- und Selbstentfaltungsansprüchen (vor allem bei Frauen und Jüngeren) – gleichzeitig verstärken sich für die weniger leistungsfähigen Personen vielfältige Exklusionsrisiken (vgl. ebd.).
- Mit den Emanzipationsansprüchen und dem gestiegenen Wohlstand gehen Verschiebungen in den Bedürfnissen einher, die bestehende institutionelle Arrangements zu überfordern drohen und Veränderungen derselben nahelegen (vgl. ebd.).

Welche neuen Formen der Organisation von Erwerbsarbeit innerhalb des post-industriellen Paradigmas m. E. von Bedeutung sind, bestimmt die Struktur des nächsten Kapitels (des Kapitels 2).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.2 Neue Formen der Organisation von Erwerbsarbeit

Deutschmann (2002) geht davon aus, dass man resümieren könne, wenn es in der Geschichte der Industriesoziologie ein zentrales erkenntnisleitendes Konzept gegeben habe, so sei es das der „Massenproduktion“ (vgl. Deutschmann 2002, S. 27). Noch bis in die 1970-er Jahre hinein habe es als Leitmotiv historischer Interpretation der Rationalisierungsprozesse, beispielsweise des amerikanischen Managements, gedient. In seinem Zentrum stand die Annahme einer kapitalistischen Logik fortschreitender Organisierung und Technisierung. Arbeitsprozesse und soziale Strukturen werden nach dem Prinzip der „economics of scale“ umgestaltet und geraten damit in immer stärkere Abhängigkeit von technischen Funktionszusammenhängen (vgl. ebd.). Deutschmann geht im Weiteren davon aus, dass, da das technische Kontrollsystem „economics of scale“ in den Großbetrieben des sekundären Sektors am weitestgehendsten realisiert schien, eben diese Betriebe innerhalb des Produktions sektors im Brennpunkt der Aufmerksamkeit der empirischen Industriesoziologie gestanden hätten. Die im folgendem Kapitel dargestellten Konzepte und Modelle setzen alle an der bereits in der Einleitung erwähnten Kritik an der Allgemeingültigkeit des Massenproduktions-Modells an: Vor allem die Tatsache, dass sich die Akteure der unternehmerischen Praxis in wachsender Zahl auf eine gänzlich andere Logik der Reorganisation bzw. Rationalisierung einließen, zwingt heute dazu, den durch das Massenproduktions-Paradigma analytisch ausgeblendeten Phänomenen neue Aufmerksamkeit zu schenken (vgl. ebd.).

Hauptsächlich ausgeblendet bleibt zumeist das Phänomen der Tertiarisierung. In welcher Gestalt sich die beiden zentralen Formen der Tertiarisierung, die auf der Ebene der Wirtschaftsstruktur (meint den wachsenden Anteil des Dienstleistungssektors) und die auf der Ebene der Organisationen (beinhaltet die zunehmende relative Bedeutung der tertiären Funktionsbereiche in Unternehmen, wie z. B. Management, Verwaltung, Marketing, Stäbe, Servicefunktionen), seit ca. Beginn der 1980-er Jahre manifestieren – und welche Auswirkungen auf die Anforderungen an die Beschäftigten sich jeweils aus ihnen ergeben – soll Leitpunkt des folgenden Kapitels sein. Meine Darstellungssystematik konzentriert sich in Bezug auf die Abfolge zunächst auf Konzepte, die dem Produktionsbereich zuzuordnen sind, es folgen Konzepte, die sich eher auf Dienstleistungsarbeit beziehen. Ansätze, die als ¢querliegend¢ zu den genannten Konzepten begriffen werden können („Informatisierung“ oder „Wissensarbeit“), werden in Form eines Exkurses dargestellt.

Am jeweiligen Kapitelende folgt ein Hinweis darauf, welche Qualifikationsdimensionen mit der Etablierung der jeweiligen ¢neuen Form¢ der Organisation von Erwerbsarbeit entstehen. Dies soll deshalb erfolgen, um mit allen in Kap. 2 genannten ¢Konzepten¢ und ¢neuen Formen¢ unter Zuhilfenahme dieser Qualifikations- und Anforderungsdimensionen zu Schlüsselkategorien hinzuführen, aus denen sich dann die in Kap. 3 dargestellten Subjektstrukturen entwickeln lassen.

2.2.1 Tertiarisierung auf der sektoralen Ebene

Vieles deutet darauf hin, dass die sektorale Einteilung in ¢Land- und Forstwirtschaft¢, ¢Produktion¢ und ¢Dienstleistungen¢ starke Verschiebungen erfährt bzw. auch von der Emergenz eines vierten Sektors, ¢ Information und Wissen ¢ , ausgegangen werden kann. Betrug bspw. im 18. Jahrhundert der Anteil der Beschäftigten im Landwirtschaftssektor 80 Prozent der Gesamtbevölkerung – und bezeichnet man heute diese Epoche deshalb als ¢Agrargesellschaft¢ –, so sind heute nur noch 2,6 Prozent der Erwerbstätigen in der Landwirtschaft tätig (vgl. Willke 1999, S. 48). Der Anteil des Produktiossektors wuchs im Zuge der Industrialisierung enorm (bis hin zur ¢Industriegesellschaft¢), nahm allerdings durch technischen Wandel und Rationalisierung seit Beginn der 1970-er Jahre kontinuierlich ab und ließ die so genannte ¢Dienstleistungsgesellschaft¢ entstehen, in die der größte Teil der im industriellen Sektor freigesetzten Arbeitskräfte aufgenommen wurde (vgl. ebd., S. 48 f.). Es bleibt also festzuhalten, dass sich nicht alle Arbeitsprozesse in der Wirtschaft nach den Prinzipien der Massenproduktion organisieren lassen – daher wirkt der technische Fortschritt nicht in allen Sektoren in gleicher Weise, denn der Absatz von Massengütern aus der landwirtschaftlichen, aber auch der industriellen Produktion, lässt sich von einem bestimmten Punkt an nicht weiter steigern. Damit wirkt der technische Fortschritt nicht weiter produktionssteigernd, sondern führt zu einer – wie oben erwähnt – relativen Verringerung der in dem sekundären Sektor beschäftigten Arbeitskräfte (vgl. Deutschmann ebd., S. 29).

Da nun allerdings zu befürchten steht, dass auch die Dienstleistungsproduktion – und somit auch die Beschäftigung in diesem Sektor – durch zunehmende Rationalisierung an ihre Grenzen stößt, scheint ein vierter Sektor, man könnte ihn Wissenssektor nennen, in dem Information und Wissen als Quelle der Wertschöpfung identifiziert werden können, längst entstanden zu sein. Nun kann man einwenden, dass auch die Produktion bzw. Nutzung von Wissen eine Dienstleistung sei, allerdings erscheint die Teilung zwischen Dienstleistungs- und Wissenssektor sinnvoll, weil mit der Ausdifferenzierung eines Wissenssektors unterstrichen wird, dass bei dieser Form von Dienstleistung das Wissen zum zentralen zukünftigen Wertschöpfungsfaktor geworden ist (vgl. ebd.). Welche ausdifferenzierten Dienstleistungen Kern des Wissenssektors sein könnten bzw. längst sind, sei im Folgendem aufgeführt:

- Hochschulen, Akademien, Forschungseinrichtungen, Labors, beratende Berufe, Software-Häuser, Verlage, etc. („Wissens-Industrien“)
- Museen, Theater, Opern- und Musical-Häuser, Multimedia-Zentren („Kunst- und Kultur-Industrien“)
- Religionsgemeinschaften, Sekten, Esoterikzentren („Ethik-Industrie“)
- Agenturen, Studien- und Trainingszentren, Kur- und Tagungsstätten, Coaching-Institute, Wellness-Studios, etc. („Selbstfindungs- und Selbstverbesserungs-Industrie“) (vgl. ebd.).

Welche Konsequenzen sich aus der Verschiebung von Erwerbsarbeit innerhalb der Sektoren auf die Strukturen der Beschäftigungsverhältnisse ergeben, sei in Kap. 2.2.13 dargestellt.

Unter Berücksichtigung des Tertiarisierungs-Phänomens sollen nun in den folgenden Kapiteln neue ¢Konzepte¢ der Organisation von Erwerbsarbeit vorgestellt werden

2.2.2 Die „neuen Produktionskonzepte“

Kern/Schumann (1984) unterstellen für die 1980-er Jahre eine grundlegend gewandelte Rationalisierungssituation: Die Perfektionierung der Mikroelektronik –durch Entwicklung funktionsreicher, billig herstellbarer Mikroprozessoren, die sich durch vielfältige Verwendungsmöglichkeiten auszeichnen und die in der Fertigung für die verschiedensten Zwecke der Steuerung und Regelung eingesetzt werden können –, weist in eine neue Richtung. Durch die Mikroelektronik wird jene bereits in den 1950-er Jahren beginnende Automation, die zunächst nur für Großbetriebe mit Massenfabrikation Bedeutung gewinnen konnte – weil sie die große Serie, den durchstandardisierten Produktionsprozess und hohe Kapitalkraft voraussetzte – durch eine Lösung komplettiert, die Automation und Flexibilität zu kompatiblen Größen werden lässt (vgl. Kern/Schumann 1984, S. 15 f.). Durch die gegebene Flexibilität der neuen Systeme sind Vernetzungen mit ursprünglichen (tayloristischen) Prozessen möglich geworden, so dass die Funktionsbreite der Produktionsmittel sehr viel größer wird. Die neue „Technik kann in nicht standardisierte Prozesse vordringen [...] die wegen der geforderten Vielfalt und Variabilität bisher als Reservat menschlicher Arbeit galten“ (ebd., S. 47).

In Bezug auf die Organisationsstrukturen ist anzuführen, dass die Veränderungen innerhalb der Produktionstechnologien mit der Zeit auch eine Debatte um die Auflösung der starren tayloristischen Trennung in die klassischen Funktionsbereiche von Produktion und Fertigung, Instandhaltung und Qualitätskontrolle und nicht zuletzt auch um die generell praktizierte Trennung von dispositiven und ausführenden Tätigkeiten ausgelöst hat. Nicht nur in den Bereichen der Technik soll modernisiert werden, auch die Organisationsphilosophie erfährt einen Wandel, so dass man von einem Trend weg von hochgradiger Arbeitsteilung und Spezialisierung hin zu einer Integration und Ganzheitlichkeit in den Arbeitsabläufen sprechen kann. Dies kommt auch darin zum Ausdruck, dass die Bildung von dezentralen, eher autonomen Produktionszentren, in denen integrierte Teams arbeiten sollen, die die Verantwortung für die Verfügbarkeit von Maschinen oder einer Produktionslinie übernehmen, gebildet werden. Diese Neuerung hat neben einem positiven Effekt auf die sozialen und beruflichen Kompetenzen der Arbeitnehmer auch Vorteile für die Unternehmen: sie versprechen sich hiervon eine Verkürzung der Standzeiten, z. B. im Falle eines Maschinenausfalls.

Mit Hilfe der reformierten Konzepte werden die Arbeiter zum ersten Mal in deutlich feststellbarem Umfang wieder ¢freier¢, denn durch Gruppenbildung, gruppendynamisches Training, Abbau von verkrusteten Hierarchien, stärkeren Blick auf die Qualifizierung der Arbeiter – manifestiert durch „mehr Facharbeiter in der Produktion“ (ebd., S. 50) –, der Entkopplung des Arbeitstaktes vom Fließband und nicht zuletzt den breiteren Zuschnitt der Arbeitsplätze verbessert sich die Lage der Arbeitnehmer sehr stark. Die Motivation für die Unternehmen ist nach Kern und Schumann dreifacher Art, da die Produktion mehr Flexibilität, mehr Produktivität und letztendlich auch mehr Qualität durch die integrierten Strukturen erbringen wird. Alle diese Entwicklungen stellen einen beachtlichen Wandel der Bedeutung und Verwertung menschlicher Arbeit innerhalb der Kernsektoren der deutschen Industrie dar.

Die beiden Autoren sprechen in diesem Zusammenhang der Reorganisation und Requalifizierung der Industriearbeit von der „Neoindustrialisierung“ und einem entscheidenden „Paradigmenwechsel“ innerhalb der Industrie – oftmals in der späteren Industriesoziologie als Reprofessionalisierung der Industriearbeit bezeichnet –, der im Credo der neuen Produktionskonzepte zum Ausdruck komme:

„Das Credo der neuen Produktionskonzepte lautet:

a) Autonomisierung des Produktionsprozesses gegenüber lebendiger Arbeit durch Technisierung ist kein Wert an sich. Die weitestgehende Komprimierung lebendiger Arbeit bringt nicht per se das wirtschaftliche Optimum.
b) Der restringierende Zugriff auf Arbeitskraft verschenkt wichtige Produktivitätspotentiale. Im ganzheitlichen Aufgabenzuschnitt liegen keine Gefahren, sondern Chancen; Qualifikationen und fachliche Souveränität sind auch Produktivkräfte, die es verstärkt zu nutzen gilt.“ (ebd., S. 19)

Die neuen Produktionskonzepte produzieren drei Kategorien von Mitarbeitern: Zuerst können in erster Linie Produktionsfacharbeiter und Instandhaltungsspezialisten als „Rationalisierungsgewinner“ bezeichnet werden: Ihre Arbeitsgrundlage ist nicht mehr die überkommene, am Taylorismus orientierte Arbeitsteilung, sondern es rücken zunehmend breiter zugeschnittene und Qualifikationen umfassender nutzende Arbeitsplätze in den Vordergrund. Mit ihnen zeigt sich ein verändertes Rationalisierungsverständnis: Die Arbeitskraft, bislang potenzieller Störfaktor, die über eine restriktive Arbeitsgestaltung zu ersetzen ist, gewinnt nunmehr eine herausgehobene Bedeutung mit Blick auf ihre besonderen Qualitäten (vgl. Raehlmann 1996, S. 111 f.). Die Gruppe der „Rationalisierungsdulder“ ist aufgrund von Merkmalen wie fortgeschrittenes Alter, Fehlen polyvalenter Qualifikationen oder Zugehörigkeit zur Gruppe der Frauen und Ausländer den Herausforderungen, die von den neuen Rationalisierungsmustern ausgehen, nicht gewachsen. Sie verbleiben im Betrieb aufgrund gewisser Schutzmaßnahmen ohne inner- oder überbetriebliche Perspektive. Eine weitere Gruppe arbeitet in krisengeschüttelten Branchen, wo die Beschäftigungsperspektiven unsicher sind. Deutlicher noch als diese Gruppe sind die Erwerbslosen zu den „Rationalisierungsverlierern“ zu rechnen (vgl. Kern/Schumann ebd., S. 22 f.).

Als Qualifizierungsdimension für die „Neuen Produktionskonzepte“ kann festgehalten werden: Integrierte und ganzheitliche Einsatzbereitschaft in der Arbeit.

2.2.3 Das Konzept der „systemischen Rationalisierung“

Arbeitssoziologisch ist nicht nur die Entwicklung der Verschiebung von der Produktion zur Dienstleistung bzw. der erhöhten Aufmerksamkeit der Betrachtung vom Arbeiter- zum Angestellten-Block interessant, sondern vielmehr muss m. E. der Blick auf die internen Veränderungen innerhalb der ¢Blöcke¢ gerichtet werden. Welcher ¢Teil¢ der lohnabhängig Beschäftigten als Profiteur des sich anbahnenden Wechsels gelten kann, macht folgendes Zitat deutlich:

„Dass den Angestellten die Zukunft gehören werde, und dass sie zur größten Gruppe der abhängig Beschäftigten avancieren würden, galt seit den Theorien Clarks (1940) und Fourastiès (1954) in sozialwissenschaftlichen Diskussionen als ausgemachte Sache.“ (Baethge/Oberbeck 1986, S. 15)

Obige Autoren definieren zu Beginn der 1990-er Jahre wie folgt:

„Systemische Rationalisierung in Dienstleistungsunternehmen heißt, dass technische und organisatorische Maßnahmen nicht länger punktuell, auf einzelne betriebliche Aufgaben hin betrieben werden, sondern dass von den Unternehmen verstärkt auf die integrierte, technisch-soziale Gestaltung von Arbeits-, Betriebs- und Marktstrukturen gezielt wird.“ (Baethge/Oberbeck 1990, S. 150)

In den 1980-er Jahren hatten sie bereits ausgeführt, dass systemische Rationalisierungsprozesse dadurch gekennzeichnet seien, dass unter Nutzung neuer, mikroelektronisch basierter Datenverarbeitungs- und Kommunikationstechnik der betriebliche und überbetriebliche Informationsfluss, die Kommunikation über die Kombination von Daten, die Organisation der Betriebsabläufe und die Steuerung der unterschiedlichen Funktionsbereiche in einer Verwaltung bzw. in einem Unternehmen in einem Zug neu gestaltet würden (vgl. Baethge/Oberbeck 1986, S. 22).

Systemische Rationalisierung hat die Optimierung der Organisierung von Markt- und Austauschprozessen zum Ziel. Deren begrenzte Durchschaubarkeit besser in den Griff zu bekommen, Informationsvorteile herauszuschlagen, Kunden und Lieferanten in ihren Verhaltensdispositionen und Interessen besser transparent zu machen, um sie dauerhafter ans Unternehmen zu binden oder rechtzeitig abzustoßen, seien die zentralen Rationalisierungsziele (vgl. ebd.). Interessant ist, dass Personalkostenreduzierung offenbar nur eine strukturell nachgeordnete Rolle spielt. Rationalisierung im Dienstleistungssektor heiße in erster Linie verbesserte Antizipation von Marktentwicklungen und – wenn möglich – Erhöhung der Kapazität zur Marktsteuerung, nicht vorrangig Weiterentwicklung von Technik zur Kompensation menschlicher Arbeit (vgl. ebd.).

Auf die überbetriebliche Dimension systemischer Rationalisierung machen Altmann et al. ebenfalls Mitte der 1980-er Jahre aufmerksam:

„Der „Neue Rationalisierungstyp“ macht in seinem systemischen Charakter nicht an den Grenzen des Betriebes halt. Rationalisierungsmaßnahmen dieses Typs beziehen die außerbetrieblichen Liefer-, Bearbeitungs- und Distributionsprozesse mit ein. Mit der datentechnischen Integration auch betriebsexterner Prozesse deuten sich Veränderungen in der zwischenbetrieblichen Arbeitsteilung und in der Struktur traditionell marktvermittelter Beziehungen zwischen den Betrieben an, die die bislang erfaßte Reichweite gesellschaftlicher Folgen beim Einsatz von Computertechnologien bei weitem übersteigen.“ (Altmann et al. 1986, S. 192)

Der Einsatz „Neuer Technologien“ sei die entscheidende Voraussetzung betrieblicher Ökonomisierungs- und Flexibilisierungsstrategien. Damit sei die Technik das zentrale Elastizitätspotential betrieblicher Rationalisierungsstrategien – einhergehend mit einem zunehmenden Bedeutungsverlust von Arbeitskraft als elastische Potenz (vgl. ebd., S. 196).

Bezugspunkt von Unternehmens- und Rationalisierungsstrategien wird die Produktions- und Wertschöpfungskette sowie deren Effektivierung und Flexibilisierung. Dies bedingt eine Ausrichtung von der horizontalen Arbeitsteilung (klassischer Fordismus) hin zu der Ausschöpfung der Potentiale der vertikalen Arbeitsteilung. „Der sachliche Zusammenhang einer Produktionskette konstituiert sich neu über die organisatorische Ausgliederung (Segmentierung) und Zusammenführung (Integration) von Teilprozessen in neue organisatorische Einheiten.“ (Sauer/Döhl 1994, S. 199). Hierdurch werden zum einen organisatorische, technische und arbeitskraftbezogene Vorteile in der Spezialisierung, Flexibilität und Standardisierung einzelner und unterschiedlicher Produktionssegmente innerhalb der Produktionskette genutzt, zum anderen wird das eigenständige Produktivitäts- und Flexibilitätspotential der gesamten Kette ausgeschöpft – überbetriebliche Arbeitsteilung und Kooperation werden zu einer neuen Quelle der Wertschöpfung.

Wichtig erscheint in diesem Zusammenhang, auf den Wesensunterschied zur ¢ einzelfunktionsbezogenen Rationalisierung ¢ hinzuweisen: Bisherige Rationalisierungsmaßnahmen wurden im Prinzip von unten und vom Arbeitsmittel her, d. h. einzelfunktionsbezogen und mit nur begrenztem Blickwinkel für Zusammenhänge mit angrenzenden Aufgabengebieten gedacht und durchgeführt. Dagegen „werden Rationalisierungskonzepte jetzt eher von oben, von der Organisation des gesamten Funktionsprozesses her, d. h. mit der Perspektive der Veränderung von komplexen Funktionszusammenhängen und der Realisierung mehrerer Wirkungspotentiale ... entwickelt und durchgesetzt.“ (Baethge/Oberbeck 1986, S. 23)

In Bezug auf die Folgen „systemischer Rationalisierung“ ist folgendes zu bemerken: Es ist ein Wandel im Arbeitshabitus auszumachen. Dass Systemische Rationalisierung allerdings automatisch dequalifizierende Auswirkungen auf die Angestellten habe, könne lt. Baethge und Oberbeck als zweifelhaft angesehen werden. Eine Dequalifizierungsprognose scheine ihnen nur für jene begrenzten Teilgruppen kaufmännischer Angestellter in dispositiven Funktionen wahrscheinlich, die mit Hilfs-, Kontroll- und Zuarbeitstätigkeiten befasst seien, und für bestimmte Gruppen unterer und mittlerer Führungskräfte, deren herkömmliche Kontrollfunktionen auf das System übertragen würden (vgl. ebd., S. 34).

Die Autoren sind weiter der Auffassung, dass als Haupttendenz aber die Weiterentwicklung der EDV für die Kerngruppen der kaufmännischen Angestellten eher in die Richtung einer dichteren Aktualisierung der ihnen im betrieblichen Arbeitsalltag abgeforderten Qualifikationen gehe, da sie von schematischen Rechenoperationen, Routineprüfungen und zeitaufwendiger Informationsbeschaffung entlastet und auf die fachinhaltlichen Zentren ihrer Arbeit konzentriert seien, das heiße für viele konkret, mehr Fälle oder Vorgänge in der gleichen Zeit zu bearbeiten als früher (vgl. ebd.).

Weiter führen Baethge/Oberbeck aus, dass durch den Wechsel des Informations-trägers vom Papier zum Mikrochip sich zwangsläufig die Umgangsformen des Angestellten mit den Informationen änderten:

„Papier ist – verglichen mit dem Bildschirm – geduldig, gemächlich und von kompakter Anschaulichkeit. Die Interaktion mit dem EDV-System verlangt demgegenüber einen Arbeitsstil, der durch eine Verbindung von Reaktionsschnelligkeit, Abstraktionsfähigkeit, Konzentrationsfähigkeit und Genauigkeit gekennzeichnet ist.“ (ebd., S. 33)

Grundsätzlich gehen mit dem Einzug von „systemischer Rationalisierung“zwei zentrale Tendenzen der Veränderung einher:

a) die Veränderung der betrieblichen Macht- und Entscheidungsstrukturen: zentrale Steuerungs- und Kontrollpotentiale werden stärker, dezentrale Betriebseinheiten werden schwächer;
b) Hierarchien werden gefestigt, Prozesse der Demokratisierung bleiben zurück.

Dem Begriff der „integrativen Organisationskonzepte“ kommt eine zentrale Bedeutung zu: Er meint eine Integration der Geschäftsaktivitäten eines Kunden in der Hand eines Sachbearbeiters. Ermöglicht werden diese Konzepte durch die technisch neue Kapazität der Datenverarbeitung. Heterogene Aufgaben, die vorher auf mehrere Arbeitsstellen bzw. Abteilungen verteilt waren, werden nun von einem Sachbearbeiter (gebündelt) erledigt (vgl. Baethge/Oberbeck 1986, S. 29 f.).

In der Auseinandersetzung mit diesen neuen Konzepten der systemischen Rationalisierung bezeichnen die Autoren Sauer und Döhl die unternehmensübergreifende Produktion zu weitverzweigten Produktionsnetzwerken auch als „Arbeit an der Kette“. Die Basis für die Entstehung unternehmens- und länderüberschreitender Produktionsverbünde bildet die Ausrichtung der systemischen Rationalisierung an Produktions- und Wertschöpfungsketten. Die Konsequenzen, die sich aus diesen wirtschaftlichen Umstrukturierungen ergeben, sind sehr vielseitig und ambivalent.

Es fällt auf, dass die breitere Nutzung menschlicher Arbeit und die Herausbildung spezifischer Funktionen für das Funktionieren vernetzter Produktionsketten von besonderer Bedeutung geworden ist. Im Zuge dessen werden die Arbeitskräfte erneut versachlichten Zwängen unterworfen, was unter dem Strich für die Mehrzahl der Beschäftigten zu einer Verschlechterung der Arbeitssituation führt. Dieser Aspekt erscheint allerdings durch die Verlagerung von Arbeitskräfteproblemen verschleiert und wird lediglich an den Segmentationslinien (hochentwickelte Industriestaaten – Schwellenländer – industrielle Billiglohnländer) erkennbar.

Kritik an der wissenschaftlichen Konzeptualisierung systemischer Rationalisierung übt vor allem Ortmann:

„ ... systematisch ausgeblendet bleiben bei einer solchen rationalistischen Focussierung alle möglichen Unklarheiten, Kontingenzen, Ambiguitäten, immanenten Widersprüchlichkeiten, Irrationalitäten, betrieblichen Besonderheiten, kulturellen Orientierungen [an Interpretationsmustern, Leitbildern, Technikgläubigkeit etc.] [...].“ (Ortmann 1990, S. 99)

Denn auch noch so scharfer ökonomischer Druck führe erst via Wahrnehmung, Interpretation, Kommunikation, kultureller und normativer Orientierung und mikropolitischer Bezugnahme zu – zum Beispiel – Prozessen systemischer Rationalisierung (vgl. ebd., S. 102).

Ortmann nimmt weiter – vermutlich eine Giddens-Analogie – mit dem Begriff der „Dialektik systemischer Kontrolle“ den Macht- und Herrschaftsaspekt auf: „Dialektik systemischer Kontrolle“ meine die Tatsache, dass Machtstrukturen Ressourcen – er [Ortmann] würde hinzufügen: und Regeln – zur Verfügung stellten, mit denen die Machtunterworfenen ihrerseits eine gewisse Macht über die Mächtigen ausüben könnten (vgl. ebd., S. 113).

Als Qualifizierungsdimension für das Konzept der „Systemischen Rationalisierung“ kann festgehalten werden: Dichte Aktualisierung von Fachwissen, Fähigkeit zur überbetrieblichen Arbeitsteilung und Kooperation sowie zur Bewältigung von heterogenen Aufgabenbündeln.

Exkurs 1: Die „Informatisierung der Arbeit“ als systemischer Prozess

Schmiede (1996) thematisiert den Prozess der systemischen Rationalisierung unter dem besonderen Aspekt der ¢Informatisierung der Arbeit ¢. Er führt aus, dass die fortschreitende Informatisierung auf qualitativ neuartigem Niveau (also dem Niveau der Mikroelektronik, manifestiert bspw. in den ¢Neuen Produktionskonzepten¢, s. Kap. 2.2.2) und ihre zunehmende systemische Einbindung (vgl. Kap. 2.2.3 zur ¢Systemischen Rationalisierung¢) die bis in den 1980-er Jahre dominanten Parameter der Entwicklung überforme: Die organisatorische Zerlegung der Arbeit nach tayloristischen Prinzipien und die Maschinisierung derselben werden transformiert und mit neuen Formen der Informatisierung und Einbindung der Arbeit ¢vermischt¢ (vgl. Schmiede 1996, S. 145). Schmiede geht weiter davon aus, dass die Bedeutung der Informationsarbeit weiter zunehmen werde. Dies gelte in quantitativer Hinsicht sowohl für die Ausdehnung der Beschäftigtengruppen, die ausschließlich mit der Verarbeitung von Informationen befasst seien, als auch für den Anteil der Informationsarbeit an der Arbeit aller Beschäftigungsgruppen. Ebenso aber gelte es in qualitativer Hinsicht: Je wirkungsvoller sich die Produktionsprozesse über die informatorische Ebene steuern ließen, desto mehr werde die Informationsarbeit an Bedeutung gegenüber der Arbeit auf der stofflich-energetischen Ebene des Produktionsprozesses gewinnen (vgl. ebd.).

Unter dem Eindruck dieser Randbedingungen kann mit Schmiede konstatiert werden: Arbeit wird unter dem Eindruck ihrer systemischen Einbindung reflexiv i. S. v. verändernd auf sich selbst bezogen; sie macht sich zum Gegenstand ihrer selbst:

„Arbeit benötigt in der Informationsgesellschaft eine neuartige, nämlich reflexive Fachlichkeit. Die einfache, von der Dominanz der stofflichen Ebene der Produktion bestimmte Fachlichkeit des Taylorismus-Fordismus erodiert unter dem Eindruck sich beschleunigender Innovationsprozesse und computergestützter Informatisierung der Arbeit; sie verliert darüber hinaus in schwach strukturierten, „systemischen“ Aufgabenzuweisungen ihre traditionellen funktionalen Grenzen. Gleichzeitig erfordert das Eingebundensein in systemisch organisierte Kooperationszusammenhänge von den Arbeitenden die Fähigkeit, sich in ihrem spezifischen fachlichen Beitrag in Verhältnis zu den spezifischen Beiträgen anderer setzen zu können. Mehr denn je ist also die fachliche Identität notwendig, um hier agieren zu können.“ (Schmiede ebd., S. 146)

Diese geforderten Reflexionsleistungen der Arbeit sind ihrerseits nur als Ergebnis eines subjekthaften Bezugs des Individuums auf die Bedingungen des Arbeitshandelns denkbar, weil die prinzipielle Kontingenz dieser Handlungssituation ein regelhaftes Handeln unmöglich macht; Subjektivität ist für das Agieren in systemisch strukturierten Produktionsprozessen unverzichtbar (vgl. Boes 1996, S. 109 ff.).

Mit dem Übergang zur „systemischen Rationalisierung“, so argumentiert nun Schmiede weiter, erfolge gemeinsam mit der Schaffung einer systematischen Interdependenz der organisatorischen Teilprozesse eine Parallelisierung von Innovations- und Arbeitsprozess. Ein Weiteres kommt hinzu: Der arbeitende Mensch ist in seiner Realitätskonstruktion zunehmend auf Informationssysteme verwiesen, die scheinbar vollständig alle wesentlichen Aspekte des Produktionsprozesses erfüllen. Seine Wahrnehmung ist zunehmend von der Auseinandersetzung mit hochabstrakten, formalisierten Objekten bestimmt, nicht mehr ausschließlich durch den Produktionsprozess selbst (vgl. Schmiede ebd.).

Begreift man nun die oben beschriebene Informatisierung der Arbeit in Form eines systemischen Prozesses als Teil eines grundlegenden gesellschaftlichen Wandels in Richtung „Informationsgesellschaft“ (Baukrowitz/Boes 1998), so stellt sich folgende zentrale Frage: Wie verändern sich die Qualifikationen der Beschäftigten im Übergang zur Informationsgesellschaft? Baukrowitz und Boes geben keine ausführliche Auflistung aller sich wandelnder Einzelqualifikationen, vielmehr kommt es ihnen darauf an, den Wandel des fachlichen Kerns von Berufen und Tätigkeitsfeldern zu erfassen, das heißt, die beiden Autoren gehen der Frage nach, welche grundlegenden Qualifikationsentwicklungen mit der Informatisierung verbunden sind, die letztlich den gesamten fachlichen Qualifikationszuschnitt verändern (vgl. Baukrowitz/Boes 1998, S. 1). Zunächst unterscheiden sie – mit Rekurs auf Reich (1991)[8]drei Hauptkategorien, die im Folgenden ausgeführt werden sollen (vgl. hierzu ebd., S. 1 f.):

- Routinemäßige Produktionsdienste

Hierunter werden die monotonen Routinetätigkeiten gefasst, die in den Unternehmen der Massenproduktion anfallen. Dieses sind allerdings nicht allein die ausführenden Tätigkeiten der Produktion. Vielmehr weisen auch routinemäßige Aufsichtstätigkeiten von Managern der unteren und mittleren Ebene, große Anteile der Programmierung von Software und vor allem die Arbeit der Datentypisten, die sozusagen den Rohstoff der Informationsgesellschaft, die Berge von Rohdaten, eingeben und verarbeiten, diese Eigenschaften auf. Kennzeichnend für diese Tätigkeiten ist, dass sie vorgegebenen Standardprozeduren folgen.

- Kundenbezogene Dienste

Diese Tätigkeiten bestehen aus einfachen, stereotypen Tätigkeiten, die allerdings von Person zu Person erbracht werden und deshalb nicht weltweit vermarktet werden können. Z. B. gehören Krankenschwestern, aber auch Sekretärinnen zu dieser Gruppe.

- Symbolanalytische Dienste

Diese Dienste bestehen vor allem aus Tätigkeiten der Problemlösung, -identifizierung und strategischen Vermittlung. Wissenschaftler, Ingenieure, Berater, Werbemanager, Schriftsteller, Journalisten und auch Musiker gehören in diese Gruppe. Diese „Symbol-Analytiker“ lösen, identifizieren und vermitteln Probleme, indem sie Symbole manipulieren. Sie reduzieren die Wirklichkeit auf abstrakte Bilder, die sie bearbeiten und mit denen sie experimentieren, die sie an andere Spezialisten weiterreichen und die sie zurück in die Wirklichkeit verwandeln können. Dabei setzen sie Methoden wie mathematische Algorithmen, juristische Argumente, wissenschaftliche Regeln und andere Techniken als Werkzeuge ein. Die Arbeitssituation ist oft durch Teamwork, auch in weltweiten Netzwerken, geprägt sowie durch die Offenheit der Anforderungen, die an diese Gruppe gestellt werden.

Die Autoren weisen im Weiteren darauf hin, dass diese von Reich so skizzierte Differenzierung hauptsächlich auf die USA zutreffe, für die BRD erscheine die Abgrenzung zwischen diesen Gruppen keineswegs so eindeutig: Viele Beschäftigte, die in den USA den routinemäßigen oder den kundenorientierten Diensten zugeordnet würden, wiesen in der BRD erhebliche symbolanalytische Tätigkeitsanteile auf (vgl. ebd.). Zudem müsse für die BRD berücksichtigt werden, dass, wolle man den Wandel innerhalb der Qualifikationsstruktur der Beschäftigten erfassen, man ein insgesamt breiteres Feld von Beschäftigten in den Blick nehmen müsse, was bedeute, in den Bereichen ¢kundenorientierte Dienste¢ sowie ¢routinemäßige Produktionsdienste¢ neben den Anteilen an hochgradig standardisierten Tätigkeiten einen wachsenden Anteil von problemlösenden und entscheidenden Tätigkeiten anzuerkennen; so könne man dann auf einem hohen Abstraktionsniveau folgende Qualifikationsanforderungen bestimmen:

- Abstraktionsfähigkeit

Hiermit ist nicht nur die Fähigkeit zum Umgang mit gegebenen Abstraktionen gemeint, sondern vor allem die Fähigkeit, einerseits selbst Ereignisse und Vorfälle so zu interpretieren, dass sie im Rahmen formaler Systeme bearbeitbar werden, und andererseits abstrakte formalisierte Aussagen wieder in die Realität umzusetzen, das heißt etwa für Kunden zu ¢übersetzen¢.

- Systemdenken

War bisher die modellhafte Vorstellung vom Arbeitsbereich auf einen bestimmten Funktionsausschnitt beschränkt, so besteht heute die Notwendigkeit, Einzelaspekte von dem Hintergrund eines ganzen Geschäftsprozesses einzuordnen und zu interpretieren.

- Experimentieren

Moderne Arbeitssituationen sind häufig durch wirklich offene Probleme gekennzeichnet, deren Lösungen es durch ¢Experimentieren¢ zu ¢entdecken¢ gilt.

- Zusammenarbeit

Die Fähigkeit zur Zusammenarbeit und zur Kommunikation erhält sowohl im Kontakt zur Unternehmensumwelt als auch in den internen Abläufen eine immer größere Bedeutung (vgl. ebd., S. 5).

Die Autoren betonen, dass es allerdings nicht bei dieser allgemeinen Bestimmung von Qualifikationen bleiben dürfe: Es sei notwendig, von diesen allgemeinen Qualifikationen den Wandel des fachlichen Kerns in den verschiedenen Tätigkeitsfeldern zu erkennen und zu analysieren. Sie trennen dabei in ¢Fertigungsbereich industrieller Produktion¢ (vgl. hierzu bspw. mein Kap. 2.2.2 ) und ¢Büroarbeit¢ (vgl. hierzu bspw. mein Kap. 2.2.3): Für den Fertigungsbereich konstatieren sie einen „Gewährleistungsarbeiter“ als einen „Facharbeiter neuen Typs“ (ebd., S. 3), der sich durch die Fähigkeit zur theoretisch abstrakten Modellbildung einerseits und die Fähigkeit zu empirischen Beobachtungen der Anlage andererseits auszeichnet. Der Gewährleistungsarbeiter bringt also theoretisches Basiswissen und Erfahrungswissen zusammen. Neue Büroarbeit zeichnet sich durch eine Aufspaltung in Routinearbeit und qualifizierte Sachbearbeitung aus. Diese Trennung ist hauptsächlich auf die zunehmende Ausbreitung und Weiterentwicklung der Computertechnik zurückzuführen. Die „Routinearbeiter“ erleben einen Trend zur Dequalifizierung; die „PC-Arbeiter“ sind sehr stark an die Kenntnis bestimmter – durch Innovation ständig weiterentwickelter – technischer EDV-Systeme gebunden (vgl. ebd., S. 4 f.).

Als Qualifizierungsdimension für die „Informatisierung der Arbeit“ kann festgehalten werden: Kommunikative Kooperationskompetenz in Verbindung mit reflexiver fachlicher Identität, Gewährleistungsarbeit und komplexerer EDV-Bedienung.

[...]


[1] Zur polyvalenten Bedeutung des Institutionen-Begriffs für die Konstitution von Subjekt-strukturen s. Kap. 3.3.

[2] Gleichwohl muss an dieser Stelle m. E. erwähnt werden, dass gerade unter geschlechtsspezifischer Betrachtung nicht gerade von einer ¢Aushebelung¢ des traditionalen Vergesellschaftungsmodus, nämlich Vergesellschaftung über Erwerbsarbeit, gesprochen werden kann: Der gestiegene Anteil von Frauen an der Erwerbsquote (vor allem ab den 1980-er Jahren) belegt doch aus- drücklich eine Orientierung am – bisher verstärkt männlichen – Vergesellschaftungsmodus (über Arbeit).

[3] Diese ¢Annahmen¢ sind nicht solche im Sinne von Hypothesen bzw. Vermutungen, sondern haben eher deskriptives Niveau, d. h., viele ¢Annahmen¢ gelten ja bereits bzw. konstituieren das Arbeitsparadigma industrieller Gesellschaften.

[4] Baethge (2001) kennzeichnet das Arbeitsparadigma industrieller Gesellschaften als „Industrialismus“ – diesen wiederum definiert er als „institutionelle Verfasstheit von Arbeit“ (Baethge 2001, S. 30), die in einer für Deutschland typischen Ausprägung spezifische Merkmale sowohl auf der Unternehmensebene als auch auf gesellschaftlicher Ebene aufweise. Die Merkmale habe ich in obige Auflistung integriert.

[5] Selten ist für diesen in der Literatur viel zitierten Begriff eine Definition zu finden: am ehesten trifft es wohl ein ¢Einhalten der unternehmerischen Erfolgskennzahlen¢.

[6] Vgl. Fußnote 2.

[7] Hierzu bemerkt Funder (2000), dass die vollständige „Auflösung“ organisationaler Grenzen jedoch fraglich erscheine, wohl aber könne von einer Neuordnung gesprochen werden (vgl. Funder 2000, S. 21).

[8] Reich, R. B.: Die neue Weltwirtschaft: das Ende der nationalen Ökonomien. Frankfurt am Main 1991 (mittlerweile in der Auflage von 1996 erhältlich).

Details

Seiten
150
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783832481384
ISBN (Buch)
9783838681382
Dateigröße
888 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v223362
Institution / Hochschule
Bergische Universität Wuppertal – FB 6 - Wirtschafts- und Sozialwissenschaften
Note
1,3
Schlagworte
sozialwissenschaften arbeit organisationssoziologie arbeitssoziologie subjekt

Autor

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Titel: Organisation von Erwerbsarbeit im Umbruch - Auswirkungen auf die Anforderungen der Beschäftigten und deren Subjektstrukturen