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Zukunftsorientierte Sport- und Sportstättenentwicklung

Basisstudie zur Entwicklung der sportlichen Infrastruktur der Stadt Halle/S.

Diplomarbeit 2004 137 Seiten

Gesundheit - Sport - Sportökonomie, Sportmanagement

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Problemstellung

3 Gesellschaft und Sport im Wandel
3.1 Grundlegende gesellschaftliche Veränderungen
3.1.1 Wertewande l in der Gesellschaft
3.1.2 Demographische Veränderungen
3.1.3 Wandel der Freizeitbedingungen
3.1.4 Wandel der Kindheit
3.2 Beziehungen zwischen Sport und Gesellschaft
3.3 Ausdifferenzierung und Sportverständnis
3.4 Motive und Trendentwicklung im Sport
3.5 Sporttechnologie und -ausrüstung

4 Zukunftsorientierte Sport- und Sportstättenentwicklung
4.1 Sport und Agenda
4.2 Leitfaden für die Sportstättenentwicklungsplanung
4.3 Kommunale Sport- und Sportstättenentwicklungsplanung
4.3.1 Leitziele einer zukunftsorientierten Sportstättengestaltung
4.3.2 Kooperative Planung
4.3.3 Regionales Sportentwicklungskonzept
4.4 Stadt - Raum für sportliche Aktivitäten

5 Rahmenbedingungen der Stadt Halle/S
5.1 Stadtgebiet und demographische Aspekte
5.1.1 Bevölkerungsentwicklung und -struktur
5.1.2 Problem Abwanderung
5.1.3 Altersstruktur der Stadt
5.1.4 Räumliche Ausdehnung
5.2 Sportvereine und Sportarten Halle/S
5.3 Bestand der Sportstätten
5.3.1 Sportplätze
5.3.2 Sporthallen
5.3.3 Schwimmbäder
5.3.4 Tennisanlagen
5.3.5 Spezielle Sportanlagen
5.3.5.1 Leistungssportanlagen
5.3.5.2 Fitnessanlagen
5.3.5.3 Sonstige spezielle Sportstätten
5.4 Befragung der Bevölkerung zum Sportverhalten
5.4.1 Darstellung d er Ergebnisse
5.4.2 Auswertung

6 Zusammenfassung und Ausblick

Anhang

1 Einleitung

Das Bedürfnis der Menschen, im Sport Freude, Erholung, Entspannung, Gesundheit und Geselligkeit zu finden, ist nach wie vor ungebrochen. Der Sport beeinflusst im positiven Sinn Bildung und Erziehung, trägt bei zu einem funktionierenden sozialen und kulturellen Leben in Gemeinden und Städten, zur Gesundheitsförderung, zur Orientierung und Förderung junger Menschen, zur Integration benachteiligter Menschen, die zum Teil am Rande unserer Gesellschaft leben.

In den vergangenen Jahrzehnten hat der Sport zunehmende Bedeutung für die verschiedensten gesellschaftlichen Teilbereiche erhalten. Sein enormer Wachstumsprozess ist ein Teil der globalen Veränderungen moderner Industriegesellschaften seit Mitte der 60er Jahre. Der in der Vergangenheit einfach strukturierte Sport hat sich zu einem großen, komplizierten System entwickelt, das einer zunehmenden Ausdifferenzierung und Individualisierung unterliegt. Über die Sportvereine und -verbände hinaus findet sich heute eine wachsende Vielfalt neuer Sportanbieter und Organisationsformen. Neben den bisher dominierenden Sinnorientierungen wie Leistung und Wettkampf, sind neue, wie Körpererfahrung und Gesundheit, Erlebnis, Abenteuer, Spaß und Entspannung getreten. Kommerzialisierung und Mediatisierung bestimmen in zunehmendem Maße das heutige Sportgeschehen.

Bei der Bundeskonferenz Breitensport, im Oktober 1998 in Bad Kissingen, verabschiedete sich der langjährige Geschäftsführer des Deutschen Sportbundes (DSB), Prof. Dr. Jürgen Palm, mit einem Vortrag offiziell aus seinem Amt. Palm, der seine langjährigen Erfahrungen nun als Beauftragter für die Förderung des Breitensports im DSB einbringt, spricht in seinen Ausführungen:

„Der Sport betritt das kommende Jahrhundert mit einer guten Gewissheit im Rücken und mit Ungewissheiten vor Augen. Erst wenn er sich einerseits auf seine Bewährung im Veränderungsprozess der letzten Jahre besinnt und andererseits neue Herausforderungen annimmt, wird er sein Potential für die Zukunft ausschöpfen. Es sind zwei unterschiedliche Kategorien von Bedingungen, mit denen er sich auseinandersetzen muss. Einerseits sind es externe Bedingungen, die aus den Veränderungen der Lebensweise im globalen Kontext herrühren, andererseits sind es interne Bedingungen, die aus den Variationen der sportlichen Inhalte entspringen“ (Palm, 1998, S. 334).

Im letzten Drittel des zwanzigsten Jahrhunderts hat sich der Sport zu einem Massenphänomen entwickelt. Rummelt (1998) umschreibt die Entwicklung des Sports „... zu einem Faktor präventiver Gesundheitspolitik, zu einem Ausdruck eines modernen Lebensstils, zu einem Kennzeichen von Alltagskultur, zu einem Ort sozialer Kommunikation und Interaktion, zu einer Institution allgemeiner Lebenshilfe, zu einem Teil sozialer Infrastruktur, zu einem Handlungsmuster sinnstiftender Identität, zu einem wesentlichen Element sportpolitischer Daseinsvorsorge, zu einem integralen Bestandteil kommunaler Stadtentwicklung und zu einem „weichen“ Wirtschafts- und Standortfaktor“ (Rummelt, 1998, S. 112).

Erhebliche Bedürfnisverschiebungen und Strukturveränderungen in allen Bereichen unserer Gesellschaft haben zur Folge, dass sich die sportliche Infrastruktur in einer Umbruchsituation befindet. Dies gilt für kommunale, vereinseigene sowie auch für kommerzielle Sportanlagen. Angesichts des Werte- und Strukturwandels gewinnen Nutzungsqualitäten für Sportanlagen und andere Spiel- und Bewegungsräume an Bedeutung, die über die traditionsgebundenen Richtlinien des Wettkampfsports hinausgehen.

Die Zielsetzung „Sport für alle“ verlangt eine Sportbewegung, die auf Emanzipation des Individuums ausgerichtet ist - politisch unabhängig, weltanschaulich neutral und offen für alle gesellschaftliche Gruppen. Die in Zukunft notwendige Infrastruktur muss den Sportbedürfnissen der Menschen Rechnung tragen und neben Sportstätten ein bewegungsfreundliches Wohnumfeld mit Spiel- und Sportgelegenheiten umfassen (DSB 2002, S. 208f).

Es ist notwendig, dass sich die Sportwissenschaft mehr als bisher dieser Thematik widmet und neue Kooperationen mit den Kommunalverwaltungen und der Wirtschaft eingeht. Sowohl inhaltlich als auch aus strukturellen Gründen steht die Sportentwicklung im kommunalen Raum vor insgesamt neuen Herausforderungen - Herausforderungen der Moderne des 21. Jahrhunderts. Die gesamtgesellschaftlichen Veränderungsprozesse und die damit verbundene Entwicklung im Sport- und Freizeitbereich haben in den letzten Jahren ein Umdenken eingeleitet, welches sich auch in den neueren Diskussionen um die kommunale Sportentwicklung und ihre Planung niederschlägt. Sichtbar ist dies anhand zahlreicher Studien und Projekte, die in jüngerer Vergangenheit bundesweit in verschieden Kommunen erfolgreich durchgeführt wurden bzw. werden und anderen Städten und Gemeinden Anlass geben, über eigene kommunale Untersuchungen nachzudenken. Ziele sind hauptsächlich die Erstellung und Durchführung von Sportentwicklungskonzepten bzw. -plänen zur Erweiterung, Verbesserung und Neugestaltung der sportlichen Infrastruktur. Basis hierfür bilden grundsätzlich Untersuchungen und Studien, die Analysen hinsichtlich des Bestandes an Sportstätten, Sportgelegenheiten und weiterer Bewegungsräume, der Sportangebote sowie des Sportverhaltens und Sportbedürfnisse der Bevölkerung zum Inhalt haben. In diesem Zusammenhang veröffentlichte Entwicklungspläne und Modellkonzepte können als Richtschnur dienen, um hinsichtlich der Sport- und Sportstättenentwicklung in Halle/S. eigene Projekte in Gang zu setzen. Derartige sportpolitische Planungs- und Entscheidungsprozesse müssen, wie vergleichbare Vorhaben in anderen Bereichen, auf der Grundlage möglichst genauer Aussagen über die sportbezogenen Erwartungen und Möglichkeiten in den nächsten Jahren erfolgen.

Die Grundfrage bezüglich der Thematik kann demnach folgendermaßen formuliert werden: „Welche Art von inhaltlichen Sportangeboten, Organisationsformen und baulicher Infrastruktur entspricht den alltagskulturellen, sozialen, gesundheitlichen und ökologischen Wünschen und Bedürfnissen der Menschen in den nächsten zwei Jahrzehnten“ (Wieland & Rütten, 1991, S. 1)?

Die Entwicklung des Profils einer Stadt als „Sportstadt“ oder „sportgerechte“ Stadt, mit der „...Zielvorstellung, dass in das Leitbild der heutigen und künftigen Stadtentwicklung auch die Bedürfnisse der SportbürgerInnen nach Bewegung, Spiel, Körpererfahrung und gemeinschaftlichem Leben in Sportvereinen Eingang finden...“ (Eulering, 1996, S. 198), stellt eine große Herausforderung dar, die man nur gemeinsam, in Kooperation von Sportwissenschaft, Stadtverwaltung, Politik und Wirtschaft angehen kann.

In Bezug auf das oben genannte Thema kann die Wahl der Region Leipzig, als deutscher Kandidat für die Ausrichtung der Olympischen Sommerspiele 2012, der Sportentwicklung der Stadt Halle/S. gegebenenfalls wegweisende Impulse verleihen. Olympische Spiele stellen an den jeweiligen Ausrichter hohe Anforderungen in sportlicher, politischer, wirtschaftlicher und organisatorischer Hinsicht. „Abgesehen von der immensen Logistik der Vorbereitung und der Spiele selbst, sind weit im Vorfeld - also ab sofort - strukturelle Entscheidungen zu treffen, die sowohl die Spiele betreffen als auch weit darüber hinaus wirken. Für die ausrichtende Stadt als auch für die Region ist das eine Chance, sportbauliche und infrastrukturelle Maßnahmen in Angriff zu nehmen, die sonst in diesem Umfang und in einer vergleichsweise so kurzen Zeit wohl niemals zustande zu bringen wären“ (Leirich & Leuchte, 2003, S. 2).

Für das Institut für Sportwissenschaft der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg besteht die Chance sich in verschiedene Themenbereiche wie Entwicklungen des Sports, Barrieren und Wege aktiver Steuerung, Konzepte der Sportstättengestaltung, Problemzonen der Sportraumgestaltung oder Perspektiven zukünftiger Sportentwicklung einzubringen und beispielsweise deskriptive, reflexive oder beratende Aufgaben zu übernehmen. So entstehen Möglichkeiten für die Sportwissenschaft, über Fragen der Sport- und Sportstättenentwicklung mitzureden und gegebenenfalls mitzuentscheiden.

2 Problemstellung

Sport ist in unserer Gesellschaft nicht nur Spitzensport, denn die Begeisterung für ihn geht weit darüber hinaus und umfasst alle gesellschaftlichen Teilbereiche. Über 27 Millionen BürgerInnen sind in mehr als 87.000 Turn- und Sportvereinen tätig. Dort erleben sie Gemeinschaft, erproben ihre Leistungsfähigkeit, stärken ihre Fitness und halten sich gesund.

In kaum einem gesellschaftlichen Bereich gelingt die Integration ausländischer MitbürgerInnen so umfassend und reibungslos wie im Sport. Vereine sind eine Klammer für Menschen aller Altersbereiche. Personen unterschiedlichster sozialer und gesellschaftlicher Herkunft werden hier zusammen geführt. Darüber hinaus leistet er einen wichtigen Beitrag für demokratisches Verständnis.

Spaß und Freude an sportlicher Betätigung, Toleranz, Leistung, Gesundheitsvorsorge, Fair Play und Erlernen demokratischen Verhaltens sind Aspekte, welche die hohe gesellschaftliche Bedeutung des Sports ausmachen. Darüber hinaus stellen sportliche Großveranstaltungen eine zunehmende Attraktion für Jung und Alt dar. Sie tragen weiterhin zu einem weltweiten Imagegewinn Deutschlands bei und stärken unseren Wirtschafts- und Tourismusstandort. Es ist deshalb eine vordringliche Aufgabe von Bund, Ländern und Kommunen, den Sport in seinen vielfältigen Aufgaben nachhaltig zu unterstützen, damit er die an ihn gestellten Herausforderungen der Zukunft meistern kann.

Bei der Tagung des Hauptausschusses des Deutschen Sportbundes (DSB), am 27. November 1999 in Frankfurt am Main, sprach DSB Präsident Manfred von Richthofen in seinem Bericht zahlreiche Schwerpunkte sport- und gesellschafts-politischer Arbeit an, wobei er u.a. bezüglich der Thematik dieser Arbeit folgendes sagte: „Voller Bewunderung und Dankbarkeit dürfen wir heute die Aufbauleitung des Sports in Ostdeutschland bilanzieren. Das, was in den Landessportbünden Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Sachsen und auch im Ostteil Berlins bisher mit großem Engagement geschaffen wurde, ist aller Ehren wert. Durchgängig hat es einen beachtlichen Mitgliederaufschwung gegeben. Die Zahl der Vereine ist kontinuierlich gestiegen, und die Angebotspalette steht der in den westlichen Bundesländern in nichts nach. Vor allem aber registrieren wir die ungebrochene Begeisterungsfähigkeit an der Arbeit im Sport, trotz manchmal widrigster Umstände. Denn es ist in erster Linie die Sportstättensituation, die das Wirken in vielen Bereichen sogar unzumutbar macht“ (Richthofen, 2002, S. 124).

Sport wird in erster Linie in Städten betrieben, hier werden Sportstätten gebaut und unterhalten. Deshalb sind sie gefordert, ihre Sportstättenentwicklung zu planen und entsprechende Konzepte aufzustellen. Die Grundvoraussetzungen für eine Sportstättenentwicklungsplanung sind die Analyse des Sportbedarfs, eine Aufstellung der vorhandenen Sportstätten und die Planung des zukünftigen Bestandes an Sportanlagen. Dabei steht nicht unbedingt der Bau einer neuen Sporthalle oder eines Stadions im Vordergrund. Vielmehr geht es um eine Neukonzeption bzw. Umgestaltung von bestehenden Sport- und Freizeitanlagen. Es sollten wohnungsnahe Standorte gewählt, Sportanlagen in das städtische Flächensystem integriert und das Nebeneinander von Wettkampfsport und „Sport der Alltagskultur“ gefördert werden (Rößler, 1998, S. 6).

Gewandelte Sportbedürfnisse, die anhaltende Ausdifferenzierung von Freizeitaktivitäten, teilweise nicht mehr zeitgemäße Sportstätten, drastische Kürzungen kommunaler Sporthaushalte, die weitere Verdichtung des urbanen Raumes, die damit einhergehende Nutzungskonkurrenz und die Zunahme des Autoverkehrs sind nur einige der Rahmenbedingungen, welche die derzeitige und zukünftige Situation der Sport- und Bewegungsmöglichkeiten in den Städten entscheidend mitbestimmen. Es drohen Schließungen nicht mehr finanzierbarer Sportstätten, der weitere Verlust von öffentlichem Spielraum, vor allem für Kinder und Jugendliche, die noch stärkere Kommerzialisierung von Sportangeboten und die noch zunehmende räumliche Trennung der Bewegung von anderen Lebensbereichen wie Wohnen und Arbeiten (Wilken, 1996, S. 190).

Eine der zentralen Aufgaben künftiger Sportentwicklungsplanungen ist die Betrachtung gegenwärtiger Sportstrukturen. Nur durch analytische Auseinandersetzung mit der städtischen Realität ist es möglich, entwicklungs- und realisierungsfähige Ziele, Leitbilder und Handlungskonzepte für den Sport herauszuarbeiten (Berg & Koch, 1996, S. 162).

Eine wachsende Zahl von Städten und Gemeinden sieht gegenwärtig die Notwendigkeit, neue Wege bei der Erstellung zukunftsfähiger Sportentwicklungskonzepte zu gehen. Der Wandel des Sports und die Vielschichtigkeit der Sportentwicklung haben dazu ebenso beigetragen, wie die Verschlechterung der kommunalen Finanzlage und die zunehmend inadäquaten Instrumente der traditionellen, an festen Richtwerten orientierten Planungen. Grundlegender Baustein eines innovativen Entwicklungsprogramms sind empirische Untersuchungen zum lokalen Sportverhalten (Technische Universität Darmstadt - Institut für Sportwissenschaft, 2003).

Die Kommunen müssen flexibel auf neue Anforderungen an Strukturen, aber auch neue Trends in der Jugendkultur reagieren, um allen Teilen der Bevölkerung gerecht zu werden. Dabei gibt es in den neuen Ländern erheblichen Nachholbedarf bei den Sportbauten. Die Nutzung der sportlichen Infrastruktur wird von den Kommunen durch Benutzungsordnungen und Vergabekriterien geregelt. Dabei kommt der gerechten Verteilung der vorhandenen Ressourcen angesichts der steigenden Nachfrage und weitgehenden Ausdifferenzierung des Sports besonderes Gewicht zu. Der Leistungssport, dessen Trainingintensität einen höheren „Pro-Kopf-Verbrauch“ im Verhältnis zum Breitensport in Anspruch nimmt, darf dabei als wesentliche Säule unserer Sportkultur gelten und wegen seiner Bedeutung für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen nicht vernachlässigt werden.

Um sachgerechte und effiziente Entscheidungen für die Entwicklung des Sports in der Zukunft treffen zu können, bedarf es zum einen Erkenntnisse über die Veränderungsprozesse im Sportgeschehen, zum anderen aber auch der Überprüfung und Spezifizierung dieser Entwicklungen und Anforderungen in Abhängigkeit von strukturellen, räumlichen, organisatorischen und inhaltlichen Besonderheiten in der jeweiligen Stadt bzw. Gemeinde. Gerade diese fehlende Berücksichtigung von gesellschaftlichen Entwicklungen und deren Auswirkungen auf das Sport- und Freizeitverhalten der Bevölkerung ist vielfach ein gravierender Mangel in der kommunalen Sportentwicklung (Bös & Wöll, 1991, S. 78).

Es gilt innovative, bedarfsgerechte und ökologische Konzepte für die Gestaltung der sportlichen Infrastruktur zu entwickeln, die eine vielfältige Nutzung für den organisierten sowie den nicht organisierten Sporttreibenden möglich machen.

Die Sportwissenschaft in den westdeutschen Bundesländern hat sich schon in der Vergangenheit intensiver mit der Problematik der Sport- und Sportstättenentwicklungsplanung beschäftigt. Zunächst orientierte man sich in den 80er Jahren am richtwertorientierten „Goldenen Plan“ der Deutschen Olympischen Gesellschaft (DOG), welcher später auch auf die östlichen Bundesländer unter der Bezeichnung „Goldener Plan Ost“ erweitert wurde. Nun steht ein „Leitfaden für die Sportentwicklungsplanung“, herausgegeben vom Bundesinstitut für Sportwissenschaft (BISp), zur Verfügung, der unter Berücksichtigung der sportbezogenen Bedürfnisse der Bevölkerung eine neue zukunftsweisende verhaltensorientierte Methode darstellt, um eine Hilfestellung bei der Sportstättenentwicklungsplanung anzubieten (Institut für Kooperative Planung und Sportentwicklung, 4, 2003).

Bedürfnisgerechte Sportentwicklung ist als mehrdimensionaler Ansatz aufzufassen, der aufgrund der Wechselbeziehungen zwischen Sporträumen, Sportinhalten und Organisationsformen die Angebotsstruktur, die räumliche Infrastruktur und die vorhandenen Organisationsstrukturen des Sports einbeziehen muss. Aufgrund der komplexen Anforderungen müssen die bisher vorherrschenden quantitativen und richtwertfixierten Berechnungsmethoden der Sportstättenentwicklungsplanung verändert und innovative und zukunftsfähige Konzepte entwickelt werden.

In diesen komplexen Themenbereich gehören, im Hinblick auf eine zukunftsorientierte Entwicklung, eine nähere Betrachtung des Wertewandels in der Gesellschaft, der sportlich-kulturellen Bedürfnisse der Bevölkerung, die Bestandserhebung und Beurteilung der sport- und freizeitbezogenen Infrastruktur sowie die Berücksichtigung von Veränderungen in der städtischen und regionalen Siedlungsstruktur. Für alle BürgerInnen des Landes soll es möglich sein, in Wohnortnähe Freizeit- und Wettkampfsport zu betreiben. Das dafür notwendige Angebot an Sportstätten sollte von den Kommunen bereitgestellt und angemessene Rahmenbedingungen für die Entwicklung des Sports geschaffen und verbessert werden.

In den letzten Jahren wurde von vielen Experten und Instituten festgestellt, dass die Orientierungswerte der Richtlinien der Deutschen Olympischen Gesellschaft (DOG) für den Sportstättenbau (richtwertorientierter Ansatz) mit ihren Angaben nach Quadratmetern (qm) je Einwohner heute nicht mehr ausreichen. Sie berücksichtigen die örtlichen Gegebenheiten unzureichend. Die Einheitsformel „Sportfläche mal Einwohner“ ist aus heutiger Sicht veraltet. Die Orientierungswerte waren für einen langen Zeitraum das am einfachsten handhabbare und bewährte Instrument zur Ermittlung des Sportbedarfs. Sie können jedoch der Forderung nach einer stärkeren Individualisierung der Sportstättenentwicklungsplanung nicht gerecht werden. An die Stelle fester Richtwerte ist das empirisch ermittelte Sportverhalten und die daraus resultierende Sportstättennachfrage getreten (verhaltensorientierter Ansatz).

In Anlehnung an Roskam (1992) soll unter Sportstättenentwicklungsplanung ein systematisches Verfahren verstanden werden, bei dem der Bedarf und das Angebot an Sportstätten und Sportgelegenheiten der Bevölkerung im Bereich einer Gebietskörperschaft differenziert erfasst und bilanziert werden. Dieser empirisch zu fundierende Dreischritt (Bedarf - Angebot - Bilanzierung) stellt eine rationale Basis für politisch zu legitimierende Maßnahmenkonzepte dar. Das umfassende Verständnis einer Sportstättenentwicklungsplanung erfasst als grundlegende Säule sowohl den Sportstättenbedarf als auch die lokal vorhandene Sportinfrastruktur und bezieht diese systematisch aufeinander.

Um Entwicklungen im Sportverhalten der Bevölkerung in derartige Planungen mit einbeziehen zu können, sind Bevölkerungsbefragungen von großer Bedeutung. Diese ermöglichen zuverlässige Aufschlüsse über die aktuelle sowie zukünftige anlagenbezogene Sportnachfrage. So soll ein realitätsnahes Bild des Ist-Zustandes ermittelt werden. Die gewonnenen Kenntnisse sind Grundbestandteil einer zeitgemäßen kommunalen Sportentwicklung und -förderung. Repräsentative Untersuchungen zum Sportverhalten sind notwendig, um einen bilanzierenden Vergleich zwischen Sportanlagenangebot und -nachfrage durchführen zu können. Nur auf Basis qualifizierter Sportverhaltensanalysen kann der Bedarf an Sportstätten sportart- und zielgruppenspezifisch sowie stadtteilbezogen ermittelt werden. Sie geben einen breiten Überblick über das Sporttreiben der jeweiligen Stadt und liefern wesentliche Informationen in Hinblick auf Organisationsform und -grad (Hübner, 1994, S. 43f).

Im Sinne dieses neuen, verhaltensorientierten Ansatzes für die Sport- und Sportstättenentwicklungsplanung sind für die Stadt Halle/S. noch keine konkreten Vorstellungen oder Absichten zur Anwendung bzw. Umsetzung offenkundig. Es ist Anliegen der Arbeit, dieses Thema aufzugreifen und zu versuchen, die Notwendigkeit einer Neuorientierung zu begründen und eine theoretische Basis für weiterführende Konzepte, Vorschläge und Überlegungen zu schaffen. Grundlegende Punkte sind zum einen die Betrachtung gesellschaftlicher Veränderungen und die Darstellung der wesentlichen Aspekte einer zukunftsorientierten Sport- und Sportstättenentwicklungsplanung.

Bezugnehmend auf den verhaltensorientierten Ansatz soll, mit Blick auf die Stadt Halle/S., in einem weiteren Teil der gegenwärtige Bestand an Sportstätten betrachtet sowie eine kleine Befragung der Einwohner hinsichtlich ihres Sportverhaltens Inhalt der Arbeit sein. Der Komplexität des Sachverhaltes bewusst ist es Ziel, einen Einstieg in eine zeitgemäße Entwicklungsplanung zu erarbeiten, welcher Möglichkeiten zur Anknüpfung und Fortsetzung bieten kann.

Aus der Problemstellung heraus kann im Ergebnis der Arbeit erwartet werden, dass individuelles, ungebundenes Sporttreiben zu einem großen Teil das Sportgeschehen in Halle/S. mitbestimmt. Das Sportverhalten verändert sich, ein wachsender Anteil des Sporttreibens findet mittlerweile außerhalb der Vereine und zunehmend auch außerhalb der „normalen“ Sportstätten statt.

Der Sport als gesellschaftliches Phänomen hat in den letzten Jahren eine starke Konjunktur erfahren. Als Spitzen- und „Showsport“ ist dies in den Medien allgegenwärtig, Sport hat als Mode und Lebensstil in den Alltag der meisten Menschen Einzug gehalten und immer mehr Menschen sind sportlich aktiv.

Es entsteht eine immer stärker werdende Nachfrage. Sinnvolle, körperbetonte Beschäftigungen nehmen in der individuellen Freizeit einen hohen Stellenwert ein.

Ferner ist anzunehmen, dass im Stadtgebiet von Halle/S. zahlreiche, verschiedenartige Sportanlagen zu finden sind, wobei in einigen davon Potential zu einer breiter gefächerten Nutzung und attraktiveren Gestaltung steckt.

3 Gesellschaft und Sport im Wandel

Die Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland hat sich in den vergangenen Jahren erheblich gewandelt. In der Literatur sind u.a. Bezeichnungen wie Erlebnis-, Spaß- oder Risikogesellschaft (Schulze, 1992; Beck, 1995) zu finden. Mit diesen Begriffen werden jeweils spezifische Merkmale akzentuiert, um Modernisierungsprozesse zu begründen und zu kennzeichnen. Charakteristisch in diesem Zusammenhang sind beispielsweise Veränderungen von Werthaltungen und Verhaltensweisen der Menschen sowie Veränderungen von Rahmenbedingungen und ganzer Strukturen aller gesellschaftlicher Teilbereiche.

In Deutschland vollzieht sich ein Wandlungsprozess in der Form, dass einerseits in den alten Bundesländern die Weiterentwicklung einer modernen Gesellschaft stattfindet, und zum anderen erfolgt in den neuen Bundesländern eine aufholende und nachholende Entwicklung. Der Westen Deutschlands befindet sich in einem „Prozess fortschreitender Modernisierung und weist unter modernisierungstheoretischen Gesichtspunkten Vorsprünge gegenüber Ostdeutschland auf“ (Digel, 1997, S. 20). Vor allem die Wirtschafts- und Sozialstruktur hat sich verändert, dessen Merkmale Wohlstand, vielfältige Konsummöglichkeiten, individuelle Freiheiten und Entfaltungsmöglichkeiten für nahezu alle Bürger unserer Gesellschaft sind (ebenda, S. 23).

3.1 Grundlegende gesellschaftliche Veränderungen

3.1.1 Wertewandel in der Gesellschaft

„Als Werte bezeichnet man im allgemeinen soziologischen Sinne Einstellungen, Meinungen und Stimmungslagen im gesellschaftlichen Bewusstsein, auf deren Grundlage Handlungsziele als wünschenswert erscheinen. Die initialisierten Werte bilden die Basis für Entscheidungen und motivieren menschliches Handeln. In diesem Sinne erweisen sich die verinnerlichten Werte als entscheidende Steuerungsgrößen menschlichen Handelns [...]. Werte werden erst über soziale Normen verhaltenswirksam, die gewissermaßen stabilisierte Erwartungen und Verhaltensregeln im wechselseitigen Sozialisierungsprozess zwischen Individuum und Gesellschaft zum Ausdruck bringen“ (Rummelt, 1998, S. 84).

Die Veränderungen von gesellschaftlichen Wertevorstellungen und Bewusstseinslagen ist nichts Neues oder Ungewöhnliches, sondern sie sind ein lebensnotwendiges Produkt menschlichen Daseins und abhängig von vielen objektiven und subjektiven Variablen. Viele Soziologen beschäftigen sich mit dieser Thematik und demzufolge gibt es verschiedene Interpretationen von sozialen Prozessen und Entwicklungen. Diese werden bestätigt, erweitert, kritisiert oder entkräftet. Es herrscht jedoch Übereinstimmung dahingehend, dass sich die moderne Industriegesellschaft in einem ständigen Wandel befindet, der durch den Einfluss von umfassenden Modernisierungsprozessen zu einem komplexen Wertewandel in den vergangenen 20 bis 30 Jahren geführt hat. So haben bestimmte Werte an Bedeutung gewonnen oder verloren, sich gewandelt oder neue Werte haben sich durchgesetzt (Rummelt, 1998, S. 85).

Vor allem Klages (1983) hat sich mit der Thematik des Wertewandels tiefgreifend beschäftigt und ihm zufolge lassen sich vier Dimensionen unterscheiden. An Bedeutung verlieren: Pflicht und Akzeptanzwerte (Leistung, Folgsamkeit, Gehorsam, Anpassung). An Bedeutung gewinnen: Werte „kritisch autonomer Prosozialität“ (Selbständigkeit, Hilfsbereitschaft, Ehrlichkeit), individualistische Werte (Kreativität, Spontanität, Ungebundenheit, Eigenständigkeit) und hedonistische Werte (Genuss, Abenteuer, Spannung, Abwechslung, Ausleben emotionaler Bedürfnisse). Klages leitet zum Wertewandel die These ab, dass sich eine Wertepluralität herausgebildet hat. Neben neuen Wertorientierungen würden traditionelle bestehen bleiben (nach Digel, 1986, S. 25).

Schulze (1993, S. 35) beschreibt unsere Gesellschaft als „Erlebnisgesellschaft“, in der das Leben zum Erlebnisprojekt geworden ist. Den Willen zur Gestaltung eines schönen, interessanten, subjektiv als lohnend empfundenen Lebens bezeichnet er als kleinsten gemeinsamen Nenner unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens.

„Die zunehmende Verschiedenartigkeit der Menschen ist Indiz für eine grundlegende Gemeinsamkeit. Innenorientierte Lebensauffassungen, die das Subjekt selbst ins Zentrum des Denkens und Handelns stellen, haben außenorientierte Lebensauffassungen verdrängt. Typisch für Menschen unserer Kultur ist das Projekt des schönen Lebens“ (Schulze, 1993, S. 35).

Dieses Projekt beinhaltet einen gewissen Selbstbezug des Menschen, indem er darauf achtet, wie er lebt, und versucht, die Lebensumstände so zu arrangieren, dass er es schön empfindet. Das Schöne ist in diesem Zusammenhang ein Sammelbegriff für positiv bewertete Erlebnisse. Schulze (1993) erkennt eine innengerichtete Modernisierung, in der Rationalitätstypen entstehen. Erlebnisse werden somit nicht nur als Begleiterscheinungen des Handelns gesehen, sondern als hauptsächlicher Zweck.

„Im historischen Vergleich zeigt sich die Ausbreitung und Normalisierung der Erlebnisorientierung als etwas Neuartiges [...]. Unter dem Einfluss der Erlebnisorientierung verändert sich die Gesellschaft“ (ebenda, S. 14).

In diesem Zusammenhang sind neuere Erkenntnisse der Werteforschung von Gensicke (1996) zu erwähnen. Auf Basis von drei repräsentativen Befragungen in den Jahren 1988, 1990 und 1993, unterscheidet er die Werteveränderung in fünf verschiedene Wertmuster, welche als Wertetypen bezeichnet werden (ordnungsliebende Konventionalisten, perspektivlose Resignierte, aktive Realisten, hedonistische Materialisten und konforme Idealisten). In seinem Modell stellt Gensicke einen Zusammenhang zwischen Modernisierung, Individualisierung und Wertewandel her. Die Gesellschaft verändert sich durch funktionale Differenzierung in ein System, welches bezüglich der Lebensweise den Trend zur Individualisierung nach sich zieht und auf der Ebene der Mentalität zum Wertewandel führt. Sozusagen kommt es vorerst zu einer Modernisierung der Strukturen, dann individualisiert sich die Lebensweise und schließlich zielen die Bedürfnisse der Menschen immer stärker auf Selbstentfaltung (Gensicke, 1996, S. 5).

In Bezug auf die Sportwissenschaft ist die Werteforschung von weitreichender Bedeutung. Ausgehend von der Werteveränderung wird hier Fragestellungen nachgegangen, welche Erkenntnisse und Prognosen für die weitere Sportentwicklung ermöglichen. So z.B., ob sich neue Sportgruppen, Sportmilieus oder Sportszenen bilden und wie sie auf andere, nicht sportbezogene Lebensbereiche wirken (Rummelt, 1998, S. 89).

3.1.2 Demographische Veränderungen

Als die langjährige Teilung Deutschlands im Jahre 1990 mit der staatlichen Vereinigung ein Ende fand, wurden 79,7 Mio. Einwohner registriert. Seit diesem Zeitpunkt ist eine anhaltende Bevölkerungszunahme für unser Land kennzeichnend. Von 1990 bis 1997 nahm die Zahl der Einwohner um fast 3 Mio. zu. Diese Zunahme wurde hauptsächlich durch Wanderungsgewinne verursacht (davon 2,2 Millionen Ausländer), so dass die demographische Entwicklung in Deutschland als zunehmend international bezeichnet werden kann (Eckart, 2001, S. 32).

Um die demographischen Veränderungen näher zu erläutern, ist es notwendig, die sogenannten alten und neuen Bundesländer gesondert zu betrachten. Die Bevölkerungsentwicklung verlief nach der Wiedervereinigung gegensätzlich. Während in den ersten sieben Jahren die Bevölkerung im früheren Bundesgebiet um 4 Mio. zunahm, verringerte sich diese um 1 Mio. in den neuen Bundesländern. Die Entwicklung in den alten Bundesländern ist fast ausschließlich auf Wanderungsgewinne zurückzuführen, zum Teil auch durch eine kurzzeitig positive Geburtenentwicklung (1990-1993 leichter Geburtenüberschuss). Aufgrund des Rückgangs der Geborenenüberschüsse und der Wanderungsgewinne ist tendenziell jedoch eine Abschwächung des Bevölkerungswachstums erkennbar.

Der Bevölkerungsrückgang in den neuen Bundesländern Anfang der 90er Jahre ist durch eine extrem hohe Geburtenabnahme sowie einen starken Abwanderungsverlust zu erklären. Die negative Entwicklung schwächte sich in der Folgezeit ab, da seit 1992 Wanderungsgewinne und ein Rückgang der Gestorbenenüberschüsse registriert wurden. Trotzdem wird ein anhaltender Bevölkerungsrückgang prognostiziert.

„Während in den alten Bundesländern von einer weitgehenden Stabilität der Bestimmungsfaktoren demographischer Verhaltensweisen und damit einer Kontinuität der demographischen Prozesse auszugehen ist, sind mit dem tiefgreifenden politischen und gesellschaftlichen Wandel in den neuen Bundesländern ebenso tiefgreifende demographische Veränderungen verbunden“ (ebenda 2001, S. 34).

Vor allem in der Übergangsphase sind einschneidende Veränderungen demographischer Verhaltensweisen mit der Folge starker Rückgänge der Geburten und Eheschließungen kennzeichnend. Verstärkt wird dies durch die Wanderungsverluste, welche sich erst mit der Angleichung der Lebensbedingungen, der Erschöpfung der Aufnahmefähigkeit des westlichen Arbeitsmarktes und einer Zunahme der gegenläufigen West-Ost-Wanderung verringern werden. Mit der Angleichung der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ist langfristig eine Anpassung der demographischen Prozesse zu erwarten (Eckart, 2001, S. 33f).

Die Folgen der gegenwärtigen Bevölkerungsentwicklung werden sich nach Rummelt (1998, S. 90) vor allem in fünf Bereichen langfristig auswirken: im Arbeitsmarktbereich, im sozialen Sicherheitssystem, in der Familiensozialisation, im Freizeitbereich und im Gesundheitssystem.

Die mittel- und langfristigen Effekte des demographischen Wandels werden nachhaltiger und einschneidender sein als andere soziale Prozesse. Die Erwartungen von Sozialwissenschaftlern gehen in Richtung eines neuen Generationskonfliktes. Jeder fünfte Bewohner ist heute über 60 Jahre. In etwa 30 Jahren wird ein Drittel unserer Gesellschaft im Ruhestand leben. Der Anteil derjenigen, die für Kinder und Senioren aufkommen müssen wird immer geringer. Der Bevölkerungsanteil im erwerbsfähigem Alter (20-60 Jahre) wird in den folgenden 30 Jahren um etwa ein Viertel im Vergleich zu heute sinken (ebenda, S. 90).

Die beschriebenen demographischen Veränderungen werfen Fragen auf und geben Anlass zu Konzeptentwicklungen und Planungen für verschiedene Bereiche unserer Gesellschaft, von der Einwanderungsthematik bis zum Städtebau, in die eine zukunftorientierte Sport- und Sportstättenentwicklung integriert werden muss.

3.1.3 Wandel der Freizeitbedingungen

Sport in der modernen Gesellschaft ist immer auch an gesellschaftliche Entwicklungsprozesse gebunden, die mit den Stichworten „spätindustrielle Gesellschaft“, „postmaterielle Gesellschaft“, „Wohlstandsgesellschaft“ und „Erlebnisgesellschaft“ beschrieben werden können (Heinemann, 1998a, S. 282ff).

Kennzeichen der „spätindustriellen Gesellschaft“ ist die zunehmende Automatisierung der Produktion und die Verlagerung der Produktion von Gütern zur Erstellung von Dienstleistungen. Mit diesen Veränderungen lösen sich die Zusammenhänge zwischen Lebensweise und industrieller Produktion, wie sie für die Industriegesellschaft kennzeichnend waren, auf. Die Organisation von Arbeit und Beruf wirkt sich aber weiterhin auf die Lebensgestaltung des Einzelnen und damit auch auf seine Freizeit und seinen Sport aus. Veränderungen sind vor allem in der Frage der Zeiteinteilung des Einzelnen zu beobachten. Die hohe Standardisierung des Arbeits- und Freizeitrhythmus bis in die 80er Jahre war eine wichtige Voraussetzung für gemeinsames Sporttreiben und Vereins-aktivitäten.

Die seit Ende der 80er Jahre zunehmende Flexibilisierung der Arbeitszeit führt auf der einen Seite dazu, das gemeinsame Aktivitäten wie Sporttreiben für Arbeitnehmer schwieriger werden. Zugleich haben aber auch immer mehr Beschäftigte ein höheres Maß an Zeitsouveränität und an insgesamt frei verfügbarer Zeit. Insgesamt nimmt die Zeit zu, die man mit sich alleine verbringen kann, während die Zeit, die man mit anderen verbringen kann, abnimmt. Bei der erwerbsfähigen Bevölkerung entwickeln sich viele unterschiedliche Beschäftigungsformen, das Normalarbeitsverhältnis mit einer Fünf-Tage-Woche von Montag bis Freitag befindet sich auf dem Rückzug. Dies verdeutlicht, dass mit neuen Nutzungskonzepten Sport- und Bewegungsräume nicht nur am Wo­chenende und in den Abendstunden, sondern ganztägig genutzt werden können. Eine Verkürzung der Arbeitszeiten führt damit nicht für alle zu einer Verbesserung der Chancen Sport zu treiben. Vermutlich ist deshalb die gestiegene Nachfrage nach informellen Formen des Sporttreibens und der Erfolg kommerzieller Sportanbieter darauf zurückzuführen, dass der Koordi­nationsbedarf in diesen Bereichen relativ gering ist. Es verstärkt sich mit der Einschränkung der Zeitsouveränität damit eine Tendenz zu individualisierten Konsum- und Freizeitformen. Individual­sportarten, bei denen eine geringere Zeitkoordination notwendig ist, und informelles Sporttreiben außerhalb des Sportvereins werden durch diese Entwicklung gestärkt (Heinemann, 1998a, S. 283ff).

Die Entwicklung zur ,,postmateriellen Gesellschaft" ist dadurch gekennzeichnet, dass Beruf und Arbeit nicht mehr vorrangig und sinnstiftend für die Lebensgestaltung sind. Langfristige Leistungs- und Erfolgsorientierung wird durch den Wunsch abgelöst, gegenwartsbezogen zu leben und Lebensqualität unabhängig von steigendem Wohlstand zu verbessern. Die These der postmateriellen Entwicklung ist nicht unumstritten. Es ist wohl eher von einer Individualisierung, Differenzierung und Pluralisierung der Lebensstile zu sprechen. Diese Entwicklung schließt nicht aus, dass traditionelle Leistungsethik und Erfolgsorientierung gleichberechtigt neben postmateriellen Lebensorientierungen bestehen. So wie sich Wertorientierungen in modernen Gesellschaften verlieren, löst sich auch die Einheitlichkeit des Sports auf. Diese Auflösung zeigt sich u.a. darin, dass die Er­scheinungsbilder des Sports und die Motive zum Sporttreiben in sich widersprüchlich werden. So gibt es z.B. eine Zunahme von Bewegungsformen, die vornehmlich der Entspannung und dem Wohlbefinden dienen, aber vor allem auch eine Zunahme von Risikosportarten wie z.B. Freeclimbing, Bungee-Jumping, Canyoning, B.A.S.E.-Jumping, Mountainboarding oder Sky-Surfing. Diese Vielfalt ist das Spezifische der neuen Sportkultur (ebenda, S. 286ff).

Eine ,,Wohlstandsgesellschaft" ist durch hohen wirtschaftlichen Lebensstandard, die rasche Zu­nahme der Freizeit, die Ausweitung der Bildungsmöglichkeiten und eine Expansion der Vielfalt von Konsum- und Freizeitangeboten gekennzeichnet. Es kommt zu einem Wandel der Bedeutung der Freizeit. Die Arbeitszeit geht - gemessen an der Jahresarbeitszeit - immer weiter zurück (Opaschowski, 1997, S. 20f). Zugleich steigt die durchschnittliche Lebenserwartung. Freizeit und Sport werden dadurch in zunehmenden Maße von den Arbeitsbelastungen unabhängig. Sport und Spiel dienen nicht mehr der Regeneration für die Arbeit, sondern bekommen einen Sinn in sich selbst. Der durchschnittliche Arbeitnehmer verbrachte 1910 noch zwei Drittel seiner Lebenszeit mit Arbeit, während der Anteil der Arbeitszeit an der Lebenszeit im Jahr 2010 die 40%-Marke erreicht haben wird. Im Vergleich zu 1955 hat sich die Lebensarbeitszeit um 33% verringert. Am Eintritt ins dritte Jahrtausend verliert in Westeuropa damit die Arbeit mehr und mehr die prägende Kraft. Kon­sequenz dieser Entwicklung ist u.a., dass Freizeit mittlerweile von den Berufstätigen als zumindest genauso sinnvoll angesehen wird wie die Arbeit. Die Qualität der Freizeitgestaltung wird damit zu einem zentralen Bestandteil humaner Lebensqualität. Gleichzeitig steigt die Lebenser­wartung mehr und mehr an, so dass sich die geänderte Situation kurz und prägnant mit folgendem Slo­gan beschreiben lässt: ,,Zeitwohlstand: länger leben - weniger arbeiten". Der Anteil der über 60-jährigen, die über ein großes persönliches Freizeitbudget verfügen können, nimmt mehr und mehr zu. Es steigen die finanziellen Ressourcen, die für Freizeitaktivitäten eingesetzt werden kön­nen. Die monatlichen Freizeitausgaben eines Arbeitnehmerhaushalts mit mittlerem Einkommen haben sich zwischen 1965 und 1995 mehr als verachtfacht.

Bezeichnend für die Wohlstandsgesellschaft sind erweiterte Freizeitoptionen, die Zunahme von Möglichkeiten aktiver und passiver Freizeitgestaltung. Ob zeitlich gebunden oder nicht, ob organisiert oder nicht, ob allein oder mit anderen, es bestehen viele Möglichkeiten. Diese Optionsvielfalt zeigt sich auch an der Zunahme und Ausdifferenzierung der Sportarten. Mittlerweile müssen nach ei­ner Erhebung des Bundesinstituts für Sportwissenschaft mehr als 150 Sportarten bei der Sport­stättenplanung berücksichtigt werden. Die Vereine in Deutschland bieten nach einer Umfrage von Heinemann und Schubert (1994) 240 verschiedene Sportarten an (Heinemann, 1998a, S. 289f).

„Typisch für Menschen unserer Kultur ist das Projekt des schönen Lebens“ (Schulze 1993, S. 35). Der gemeinsame Nenner ist eine „Erlebnisrationalität", die aus der Vielzahl der Optionen das auswählt, was das schönste Erleben verspricht. „Sport nach Lust und Laune" könnte das Motto in der Erlebnisgesellschaft lauten. Sport wird durch diese Entwicklung zur Erlebnisgesellschaft und für viele Menschen zu einer wichtigen Freizeitbeschäftigung, während dem Faktor ,,Körperlichkeit" starke Bedeutung zukommt (ebenda, S. 290f).

Die dargestellten Entwicklungen erscheinen auf den ersten Blick sehr umfassend und vielseitig. Diese Charakteristika sind kennzeichnend für unsere moderne Gesellschaft. Man kann schlussfolgern, dass mit Konzepten der vergangenen Jahrzehnte keine befriedigenden Lösungen mehr zu erwarten sind. Vielmehr sind modellhafte Zukunftslösungen notwendig, die neue Antworten auf bestehende und sich entwickelnde Herausforderungen finden.

3.1.4 Wandel der Kindheit

Einen weiteren wichtigen Aspekt mit Blick in die Zukunft hinsichtlich des Erhalts, der Erneuerung oder Neugestaltung bzw. des Neubaus von Anlagen, welche zu sportlichen Aktivitäten einladen, stellen die Veränderungen der kindlichen und jugendlichen Lebenswelt dar. Kinder und Jugendliche wachsen, im Gegensatz zur Vergangenheit, anders und vor allem unter anderen gesellschaftlichen und räumlichen Lebensbedingungen auf und müssen sich mit veränderten Lebensverhältnissen auseinandersetzen.

„Die Art der räumlichen Gegebenheiten und die Intensität gesellschaftlicher Prägung haben sich historisch gewandelt. In den letzten Jahrzehnten hat die Fixierung von Handlungsvorgaben in der räumlichen Umwelt sehr zugenommen. Diese Entwicklung hat auch die Lebensbereiche der Kinder erfasst. Kinder leben heute in räumlichen Bedingungen, an die mehr und ausgeprägter als zuvor Vorgaben für einzelne Handlungen und für die Gestaltung des Lebenszusammenhangs gebunden sind“ (Zeiher, 1989, S. 176).

Im Wohnungsbereich sind zwar die der gesamten Familie zur Verfügung stehenden Flächen durchschnittlich größer als vor einer Generation, aber diese sind meist wenig auf die motorischen und sensorischen Bedingungen der Kinder eingerichtet. Eher sind sie auf das Erwachsenenleben und dessen Bedürfnisse zugeschnitten. Innerhalb und außerhalb der Wohnung ist das Spielen der Kinder wesentlicher Bestandteil der Persönlichkeitsentwicklung und ein lebensnotwendiger Bereich für die Entfaltung der eigenen Möglichkeiten. Das Spielen dient der produktiven Auseinandersetzung mit den eigenen Bedürfnissen, eigenen Interessen, sozialen Anforderungen und räumlichen Gegebenheiten. Die Voraussetzungen für das Spielen sind heutzutage unzureichend. Die Wohnumwelt verlangt von den Kindern Disziplin und Kontrolle, Organisation der Bedürfnisse und Einschränkung ihrer Wünsche. Ausreichender Spielraum steht schon flächenmäßig nicht zur Verfügung. Innenhöfe und Straßen sind weniger zugänglich geworden. Durch die hiesigen Wohnraum- und Straßenplanungen sind in den städtischen und auch ländlichen Lebensräumen bestenfalls ausgegrenzte und für Kinder allein reservierte Spielräume übrig geblieben. Kinder benötigen viel mehr verkehrsberuhigte Spielzonen und unbefahrene Bereiche, in denen sie die Umwelt als ein Ganzes, in sich zusammenhängendes System erschließen können, Spielangebote vorfinden und aktiv ihren individuellen Lebensbereich gestalten können (Hurrelmann & Mansel, 1993, S. 80ff).

Körperlich anstrengende Erfahrungen werden von Kindern immer weniger gemacht. Begünstigt wird dies durch die zunehmende Technisierung und Media­tisierung der kindlichen Welt. Kindertypische Bewegungsspiele werden immer mehr zurückgedrängt, da die Beschäftigung mit audiovisuellen Medien und ihrem Programmangebot für Kinder und Jugendliche interessanter erscheint. Anhand der Abbildung 1 soll dies veranschaulicht werden.

Der Ersatz der Bewegungsspiele bedeutet nicht nur eine geringere körperliche Belastbar­keit, sondern gleichermaßen einen Verlust an wichtigen spielerischen und motorischen Körpererlebnissen. Kinder leben zunehmend in „Secondhandwirklichkeiten“, die Erfahrung aus zweiter Hand wird in der technischen Welt zum Lebensprinzip. Es wird immer weniger Zeit auf der Strasse (nahes Wohnumfeld) verbracht. Diese waren bis in die 60er Jahre Dreh- und Angelpunkte des Lebens sowie Orte der Ar­beit, Freizeit und Kommunikation. Vor allem aber dienten sie als Spiel-, Erfahrungs- und Kommunikationsorte für Kinder. Dem Raum ,,Straße" kommt aus Sicht der Pädagogen für Kinder und Jugendliche eine überragende Bedeutung zu, denn keine Al­tersgruppe benutzt diesen gesellschaftlichen Raum so vielseitig und intensiv. In erster Linie hat der Lern- und Spielort „Strasse“, durch die rasante Zunah­me des Kraftfahrzeugverkehrs, an Bedeutung verloren. Die eigenständige kindliche Spiel- und Bewegungskultur mit ihrer Vielfalt an Spiel- und Bewegungsformen wird dadurch ein­geschränkt (Ferchhoff, 1993, S. 182ff).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1. Bewegungswelt von Kindern heute (Sportpädagogik, 1/1998, S. 1)

Charakteristisch für die heutige Lebenssituation von Kindern ist, dass hinsichtlich der Nutzung und Erschließung von Massenmedien nur wenige Unterschiede zu Erwachsenen bestehen. Über die Medien sind den Kindern praktisch alle Lebensbereiche des Erwachsenenlebens früh zugänglich. Unmittelbare, körperbezogene Spiel- und Bewegungserfahrungen besitzen elementare Bedeutung für die motorische, emotionale, soziale und kognitive Entwicklung der Kinder. Die Einschränkung der Bewegungsmöglichkeiten und des Bewegungsrepertoires kann zumindest zum Teil für die zunehmenden Hal­tungsschäden und koordinativen Schwächen der Kinder in unserer Zeit verantwortlich gemacht werden (Kunz, 1993, S. 11f). Mit diesen Überlegungen ist ein Konzept angesprochen, das auf die enge Verbindung von Be­wegung, Wahrnehmung, Umwelterfahrung und Lernen im Hinblick auf eine ganzheitliche Entwick­lung des Kindes hinweist und damit eine Förderung von Primärerfahrungen, eine Betonung der Sinneswahrnehmungen sowie die Selbsttätigkeit des Kindes in den Vordergrund stellt. Dazu eig­nen sich in besonderem Maße naturnahe Spielräume sowie einfache und veränderbare Gestaltun­gen , die an die verlorengegangenen Aktionsräume der ,,Straße" erinnern.

Ein Großteil kindlicher und jugendlicher Lebenswelt und Lebenszeit ist durch die Schule und deren Erziehungsarbeit bestimmt. In Deutschland ist mit drei Sportstunden pro Woche längst kein Optimum gegeben, sondern maximal ein Schritt in Richtung körperlich-ganzheitliche Grundversorgung. Und diese, angesichts moderner Lebensbedingungen von Heranwachsenden wenigen Sportstunden sind aus unterschiedlichen Gründen (u.a. finanzpolitischen Erwägungen) in Gefahr. Der Sportunterricht und damit auch die Sportpädagogik als Wissenschaft stehen gegenüber einer breiten Öffentlichkeit unter hohem Legitimationsdruck. Vor dem Hintergrund von Sachverhalten wie gesellschaftlicher Wandel, Technisierung, Individualisierung, Mediatisierung und der veränderten Lebens- und Bewegungswelt von Kindern und Jugendlichen tun sich Schule und Unterricht schwer, darauf angemessen zu reagieren. Ein Problem ist die Erweiterung des etablierten Angebotes im Unterricht selbst. An einigen Schulen ist es gelungen, den Sportunterricht durch außerschulische Bewegungsaktivitäten anzureichern, wobei sporadisch auch so genannte Trendsportarten zum Einsatz kommen. Eine zentrale Rolle spielen die SportlehrerInnen. Die Alterspyramide in Deutschland zeigt ein besorgniserregendes Bild (Durchschnittsalter 45-50 Jahre) und die Einstellungschancen für junge LehrerInnen stehen eher schlecht. Es ist leicht zu erkennen, wann die etablierte Lehrerschaft studiert hat und welches Bild von Sport, Unterricht, Erziehung und Jugend ihre Sozialisation und damalige Ausbildung bestimmte. So lässt sich nachvollziehen, wie schwierig es für diese LehrerInnen-Generation ist, sich auf den rasanten Wandel in der Gesellschaft, im Werte- und Normsystem und auch auf das Leben der SchülerInnen einzustellen. Deren Vorstellungen von Schule, Lebensgestaltung usw. sind mit konventionellen zum Teil schwer vereinbar. Hinzu kommen nachfolgend aufgeführte Schwierigkeiten, die den Unterricht im Sport belasten (Janalik, 2000, S. 59ff):

- unzureichende Infrastruktur, schlechte Ausstattung
- zu große Klassen
- schwierige Schüler (als Spiegelbild der gesellschaftlichen Verhältnisse), durch mangelnde Konzentrationsfähigkeit u. zunehmende Gewaltbereitschaft
- reduzierte bis schlechte Leistungsgrundlagen (Kondition, Koordination)
- Motivationsprobleme
- fehlende Anerkennung des Faches
- reduzierte Unterrichtszeit
- überladener Lehrplan

Der Sportunterricht hat durch eine entstehende Vielfalt attraktiver Bewegungsfelder Konkurrenz bekommen und seine sporterzieherische Monopolstellung verloren. „Will er überleben, muss er ein eigenes Profil entwickeln und seine Unersetzlichkeit legitimieren. Dies wird nur gelingen, wenn die SchülerInnen mit ihrer Körperlichkeit und Lebenswirklichkeit (Lebenswelt) in das Zentrum der Reflexion rücken und die Bewegungs- und Sportkultur nicht nur als Sache, sondern als Einheit mit der Kategorie Erziehung bearbeitet wird“ (Janalik, 2000, S. 66).

Kinder und Jugendliche definieren sich vor allem über ihren Körper. Er stellt sozusagen den Mittelpunkt ihres Seins dar und ist zentraler Ort ihrer Erlebnisse und Erfahrungen. Über den Körper wenden sie sich ihrer Umwelt zu und setzen sich mit ihr auseinander. So entsprechen sie gesellschaftlichen Erwartungen

oder distanzieren sich von ihnen. Der Sportunterricht tendiert sowohl mit seinen Erziehungsperspektiven, als auch mit seinen inhaltlichen und methodischen Aspekten immer noch mehr zur erhaltenden Tradition und tut sich schwer mit Innovationen. Es gilt, angesichts der Verantwortung für die nachwachsende Generation, die richtige Mischung zwischen Tradition und Innovation, zwischen Globalisierung und Lokalisierung zu finden (ebenda, S. 67).

3.2 Beziehungen zwischen Sport und Gesellschaft

Zwischen dem Sport und anderen Bereichen der Gesellschaft wie Wirtschaft, Familie, Politik, Erziehungssystem und Wissenschaft besteht eine Vielzahl von Austauschbeziehungen, durch die der Sport einerseits vielfältigen Einfluss erfährt und die er umgekehrt ebenso beeinflusst. Die Bandbreite dieser Beziehungen ist beispielhaft in der Abbildung 2 dargestellt. Hierzu gehören u.a. auch Verflechtungen vom Sport zur Schule, zum Militär, zum Gesundheitssystem sowie zur Wissenschaft und Technik. Diese verschiedenen Austauschprozesse sind so umfassend und kompliziert, dass sich innerhalb der Sportwissenschaft und -forschung daraus eigene Fachrichtungen herausgebildet haben, mit denen auch umfangreiche Literatur verbunden ist.

Heinemann (1998a) kennzeichnet im Verhältnis zwischen Sport und anderen Bereichen folgende fünf verschiedene Typen sozialer Beziehungen:

- Transferbeziehungen – diese beinhalten, dass materielle Leistungen, beispielsweise in Form von Geld (z.B. Subventionen, Konsumausgaben, Sponsorengelder) oder Zeit (z.B. ehrenamtliche Mitarbeit), fließen;
- regulative Beziehungen – die dann vorliegen, wenn die Verfassung einer Wirtschaftsordnung, gesetzliche Regelungen, Eigentumsrechte, Umweltschutzgesetze o.ä. steuernd und gestaltend in den Sport eingreifen kann oder umgekehrt der Sport erreicht, dass z.B. formale Qualifikationen für Übungsleiter/Trainer oder Sicherheitsvorschriften generell und nicht nur für den organisierten Sport verbindlich sind;
- kooperative Beziehungen – die dadurch gekennzeichnet sind, dass verschiedene Bereiche gleiche Interessen verfolgen und durchsetzen;
- ideologisch-wertorientierte Beziehungen – die vorhanden sind, wenn der Sport ideologische Rechtfertigungen, Fundierungen ethischer Grundwerte etwa von Staat oder Kirche erhält bzw. umgekehrt Vorstellungen des Sports (z.B. Fairness und Loyalität) in anderen Bereichen des Lebens Wertschätzung finden;
- funktionale Beziehungen – die bestehen, wenn ein gesellschaftlicher Bereich Funktionen für einen anderen übernimmt und so zur Bewältigung von Problemen eines anderen Systems oder der gesamten Gesellschaft beiträgt (Heinemann, 1998a, S. 273).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2. Beziehungen zwischen Sport und anderen gesellschaftlichen Bereichen (vgl. Rummelt, 1998, S. 110)

Heinemann (1998a, S. 275) weist darauf hin, dass sich solche Austauschbeziehungen nicht zufällig bilden und unerlässlich sind für die Funktionsfähigkeit der einzelnen Systeme. Es handelt sich daher nicht um Beziehungen zwischen Personen, sondern um Kommunikationen zwischen Systemen mit verschiedenen Organisationsformen, Strukturen und Aufgaben.

„Das System ‚Sport’ befindet sich in einem vielschichtigen Spannungsverhältnis zwischen Autonomie und Umweltabhängigkeit: Ausdifferenzierung bedeutet zwar, dass es seine Angelegenheiten eigenständig regelt und legitimiert. Aber seine Ziele kann es nur verwirklichen, wenn es Leistungen von außen erhält und dafür anderen Daseinsbereichen Leistungen zu Verfügung stellt. Diese Austauschbeziehungen müssen selbst wieder eigenständig geregelt werden, und zwar nicht als Beziehung zwischen Personen, sondern als Überschreiten von Grenzen zwischen sozialen Systemen“ (Heinemann, 1998a, S. 275).

Der gesellschaftliche und soziale Beitrag des Sports ist unentbehrlicher Bestandteil eines funktionierenden Gemeinwesens. Sport ist Teil der kommunalen Daseinsvorsorge sowie ein bedeutender und gewichtiger sozialer und ökonomischer Standortfaktor. Die Attraktivität und der Freizeitwert einer Kommune sind in hohem Maße von den Sportangeboten geprägt. Sportliche Betätigung kann das Selbstwertgefühl des Einzelnen und dessen Entfaltung zu einer Persönlichkeit fördern sowie Teamgeist und Fairness stärken. Der Sport ist vor allem für Jugendliche eine sinnvolle und notwendige Alternative zu einer immer häufiger auftretenden Orientierungs- und Perspektivlosigkeit. Weiterhin kann er zur gesellschaftlichen Integration aller Schichten beitragen, wodurch das Miteinander zwischen „Einheimischen“ und „Fremden“ sowie zwischen Jung und Alt gefördert wird. Darüber hinaus dient er dazu, internationale Beziehungen aufzubauen, zu pflegen und einen Beitrag zur Völkerverständigung zu leisten.

Für viele Menschen ist Sport und Bewegung Sinngebung für den Alltag. Er ist deshalb auch ein wichtiger Baustein innerhalb der Sucht- und Kriminalprävention und kann im Netzwerk professioneller Angebote hilfreich sein, Perspektiven für Betroffene zu entwickeln.

Vereine und Verbände sind in ihrer Vielfalt zu fördern. Sie bilden auf der kommunalen Ebene die Keimzelle, da Sport und ehrenamtliches Engagement im Verein Ausdruck von Bürger- und Gemeinschaftssinn ist. Förderung der Vereine heißt deshalb Förderung bürgerlichen Engagements und damit Stärkung des Gemeinwesens. Sport und Bewegung tragen ebenso zur Gesunderhaltung des Menschen bei und sind ein wesentlicher Bestandteil der öffentlichen Gesundheitsvorsorge. Das wachsende Gesundheitsbewusstsein der Bevölkerung erfordert dementsprechende Angebote sportlicher Betätigung für alle Alters-

schichten sowie vielfältige, auf die Bedürfnisse der Nutzer abgestimmte, Sport- und Bewegungsräume. Neue Angebotsmodelle und Finanzierungsmöglichkeiten müssen in Kooperation zwischen den in diesem Bereich arbeitenden Institutionen entwickelt werden. Durch den Sport werden viele Wirtschaftsbereiche einer Kommune beeinflusst. Er symbolisiert für die Wirtschaft den Willen zu Leistung, Selbständigkeit und Eigenverantwortlichkeit. Die Attraktivität einer Kommune für Wirtschaftsunternehmen hängt in starkem Maße auch von den sportlichen Angeboten vor Ort ab. Sportförderung kann deshalb auch als Wirtschaftsförderung angesehen werden, womit ein volkswirtschaftlicher Nutzwert, der sich aus den Bereichen Wirtschaft, Gesundheit und Soziales schöpft, verbunden ist (Städtetag Baden-Württemberg, 2003).

3.3 Ausdifferenzierung und Sportverständnis

Im vorangegangenen Abschnitt wurde deutlich, welche Aspekte in den Wandel der Gesellschaft und in den Beziehungen zum Sport verflochten sind. Es liegt auf der Hand, dass der Wertewandel in der Gesellschaft ebenso zu einem Wertewandel im Teilsystem Sport geführt hat.

Unsere Gesellschaft ist als ein Gesamtsystem zu betrachten, welches aus vielen Teilsystemen besteht. Die beschriebenen Veränderungsprozesse beinhalten verändernde Wirkungen des Gesamtsystems auf die Teilsysteme und umgekehrt Veränderungen dieser Systeme selbst. Nach Rummelt (1998, S. 107) sind diese Systeme nicht als etwas Starres zu sehen, sondern als Gebilde, deren Elemente parallel Stabilität und Instabilität, Sicherheit und Unsicherheit, Begrenztheit und Offenheit, Kontinuität und Widerspruch sowie Beharrung und Modernisierung sind.

„Ändert sich das Gesamtsystem, ändern sich auch die Subsysteme. Je stärker sich die Subsysteme ausdifferenzieren, desto stärker wird der Druck auf die strukturelle Veränderung des Gesamtsystems. Je direkter ein Subsystem mit seinen Funktionen in andere Subsysteme (durch Vernetzung) wirkt, desto größer ist sein Anteil an der Gesamtveränderung. Umgekehrt gilt; je mehr Subsysteme auf ein anderes Subsystem wirken, desto größer ist die strukturelle Veränderung desselben [...]. Je größer der Grad der jeweiligen Ausdifferenzierung, desto höher gestaltet sich der Grad der Komplexität, aber je größer die Komplexität, desto schwieriger ist das System steuerbar“ (Rummelt, 1998, S. 108).

Für den Sport bedeutet das: Verändert sich das Gesamtsystem der Gesellschaft, so verändert sich auch das Teilsystem Sport. In dem Maße, wie sich andere gesellschaftliche Subsysteme verändert haben, hat sich das Subsystem Sport in übereinstimmender Wirkung entsprechend verändert. Der Sport wiederum hat umgekehrt direkten oder indirekten Einfluss auf andere Bereiche wie beispielsweise Kultur, Freizeit, Umwelt, Mode, Medien, Politik und Wirtschaft. Der Sport übernimmt heute auch Aufgaben, die früher eher in anderen Subsystemen der Gesellschaft Inhalt waren. Der Sport ist in der Lage, in ihn gesetzte Erwartungen und Identitätsmöglichkeiten zu erfüllen. Er kann „bei entsprechenden Rahmenbedingungen den gegenwärtigen Tendenzen der Polarisierung, Desintegration, Individualisierung und Vereinsamung entgegenwirken“ (Rummelt, 1998, S. 109). Seine vielfältigen gesellschaftlichen Funktionen, besonders die politische, sozialintegrative und pädagogische Funktion, haben an Bedeutung gewonnen. Der Sport hat heute eine derartige Stellung erreicht, dass Sportlichkeit, Fitness und Gesundheit gleichsam als Synonym für jung, dynamisch und belastbar gelten, welche diejenigen Eigenschaften darstellen, die in der modernen Arbeitswelt verlangt und erwartet werden. Mit seinen Ausdifferenzierungen hat der Sport zu fast allen gesellschaftlichen Subsystemen Beziehungen aufgebaut, die von direkter Kausalität, indirekter Interdependenz und reflexiver Modernisierung geprägt sind (ebenda, 109f).

Der Wertewandel in der Gesellschaft hat ebenso im Subsystem Sport zu einem Wertewandel geführt. Hierbei ist zu bemerken, dass jeder soziale Wandel und/oder Wertewandel Prozesscharakter trägt, d.h. die Übergänge gestalten sich fließend und sind nicht schematisch abgeschlossen. Der Sport in der Bundesrepublik Deutschland befindet sich in einem Spannungsverhältnis zwischen dem traditionellen und einem modernen Sportverständnis. Den vorwiegenden Wertorientierungen im traditionellen Sportverständnis, wie Leistung, Erfolg, Wettkampf, Ergebnis, Perfektion, Anspannung und Regeln, stehen im modernen Sportverständnis Spaß, Gesundheit, Spielfreude, Erlebnis, Wohlbefinden, Entspannung und Spontanität gegenüber.

Wenn im Sport das Erlebnis mehr Bedeutung als das Ergebnis hat, der Spaß wichtiger ist als die Leistung und die Gesundheit gewichtiger als der Erfolg ist, dann haben sich die Sportwerte grundsätzlich verändert. Dies soll jedoch keineswegs bedeuten, dass im Breiten- und Freizeitsport keine Leistungen erbracht werden oder im Wettkampf- und Leistungssport der Spaß keinen Platz findet. Die Veränderung der Werte ist eher darin zu sehen, dass nicht mehr die Leistung im unmittelbaren Zentrum sportlicher Aktivitäten steht, so wie es im traditionellen Wettkampf- und Leistungssport war und ist (Rummelt, 1998, S. 119f).

„Die Ausdifferenzierung des Sports hat also zu einem anderen (modernen) Sportverständnis geführt, dem ein weiter Sportbegriff zugrunde liegt. Dieser weite Sportbegriff umfasst alle Freizeitsportaktivitäten, schließt neue Sportformen ein und reicht bis zu neuen alternativen Bewegungsmöglichkeiten und -erfahrungen“ (Rummelt, 1998, S. 120). Als aktuelle Beispiele sind hier u.a. Walking, Joyrobik, Beachsoccer, Freeclimbing, Bioenergetik, Yoga und Sporttheater zu nennen.

Digel (1990a) stellt bei den Sporttreibenden unter Berücksichtigung empirischer Befunde zum allgemeinen Wertewandel für die aktuelle Sportsituation folgende Werteveränderungen fest:

„Auch für jene Menschen, die Sport treiben, ist es in deren Arbeitsleben zu einer Bedeutungsminderung traditioneller Berufs- und Leistungswerte gekommen. Auch für sie ist Arbeit immer mehr Mittel zum Zweck, immer weniger Selbstzweck geworden [...]. Auch für Sporttreibende haben sich neben der Arbeit Wertemuster herausgebildet, die sich auf andere gesellschaftliche Teilbereiche beziehen, so z.B. auf die Familie, auf nichtsportbezogene Freizeit, auf berufsunspezifische Bildung und auf Institutionen politischer Partizipation [...]. Auch für Sportreibende ist es zu einem Wandel der Ansichten über religiös fundierte Wertefragen gekommen [...]. Auch für Sporttreibende kommt es zu einer Verschiebung innerhalb der Rangordnung der besonders wichtigen Lebensziele [...]. Auch für Sporttreibende gewinnt der Wert der Persönlichkeitsentfaltung und Selbstverwirklichung an Bedeutung, während Disziplin, Anpassung, Unterordnung, Gehorsam und Treue an Bedeutung verlieren [...]. Auch Sporttreibende werden von einem freizeitkulturellen Lebensstil erfasst, der sich durch Genussorientierung, Lebensfreude, Natürlichkeit, Aufgeschlossenheit, Offenheit und Toleranz auszeichnet, während Fleiß, Ehrgeiz, Pflichterfüllung, Bescheidenheit, Genügsamkeit und Selbstbeherrschung eher von nachgeordneter Bedeutung sind. Unabhängig von den Veränderungen, bedingt durch einen Wandel in Arbeit und Freizeit, haben für das Sporttreiben auch noch traditionelle Wertorientierungen einen Einfluss auf das Handeln im Sport“ (Digel, 1990a, S. 62ff).

Verdeutlicht wird dies anhand der folgenden Abbildung, in der die Verbindung von Leistung und Hedonismus (altgriechische Lehre, nach welcher der Genuss Sinn und Ziel des menschlichen Handelns ist) dargestellt ist. Den leistungsorientierten Hedonismus kann man nicht nur im Sport, sondern in der übereinstimmenden Beziehung zwischen Arbeitswelt einerseits und der Freizeit- und Kulturwelt andererseits beobachten. Das bedeutet, Leistung und Spaß schließen ebenso wenig aus, wie Erfolg und Wohlbefinden (Rummelt, 1998, S. 123).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3. Werteveränderung in Sport und Gesellschaft (vgl. Rummelt, 1998, S. 123)

Die wesentlichen Tendenzen der Werteveränderung im Sportbereich sieht Digel (1990a) ebenso im Individualismus, Hedonismus, Kommerz und in der Wertetoleranz. Er stellt eine zunehmende funktionale Ausdifferenzierung des Sportsystems fest, je mehr Menschen nach Sport verlangen. Digel formuliert folgende These, welche die Situation verdeutlicht und zugleich auch auf Gefahren aufmerksam macht:

„Die ehemals eher einheitliche Wertestruktur des Sports, die sich in erster Linie durch Fleiß, Bedürfnisaufschub, Anstrengung, Leistung, Fair-Play und Solidarität in Training und Wettkampf ausgezeichnet hat, hat sich mit neuen Werten gemischt. Der Sport hat dabei seine traditionelle Symbolkraft durch eine Hinwendung zu vermehrter Rationalität und Wissenschaftlichkeit, durch einen offe-

nen finanziellen Materialismus und durch eine Hinwendung zum Individualismus und zum praktischen Hedonismus verloren. Die sportliche Leistung steht nicht mehr für die Möglichkeit menschlichen Leistens in unserer Gesellschaft. Das Prinzip des Fair-Play wird durch eine Erfolgsideologie unterhöhlt, und an die Stelle der Solidarität ist der Eigennutz getreten. Im Sport ist es zu einer einseitigen Überbetonung der Interessen des Einzelmenschen und zu einer einseitigen Überbewertung von Lust, Vergnügen und Genuss gekommen“ (Digel in Rummelt, 1998, S. 121).

3.4 Motive und Trendentwicklung im Sport

Die Veränderungen des Sports beziehen sich auf sein Wachstum, die Organisation und Struktur, auf die Beweggründe der Menschen Sport zu treiben und auch auf ihre Wahrnehmung und ihr Verständnis für den Sport, d.h. auf den Sinn, den die Menschen mit Spiel- und Sportaktivitäten verbinden. Sportliche Sinnmuster prägen heutzutage das alltägliche Leben und das Verhalten vieler Menschen. Sportliche Kleidung trägt man heute nicht nur beim Sporttreiben, sondern auch zu anderen Aktivitäten und Gelegenheiten (beruflich, privat etc.). Sie wird von allen Altersgruppen getragen, meist aus praktischen Gründen, aber oft zugleich als Ausdruck von Sportlichkeit. Bezweckt wird damit, in diesem Sinne sportlich zu sein und dies durch Outfit und Verhalten zum Ausdruck zu bringen. „Sportlichkeit“ ist für viele zu einem wesentlichen Sinnmuster geworden. Diese neue Betrachtungsweise geht über das traditionelle Sportverständnis hinaus. So folgen dem Leitbild „Sportlich sein“ nicht nur die aktiven SportlerInnen, sondern auch diejenigen, die sich nur des sportlichen Outfits bedienen. Demzufolge wird Sportlichkeit zum Bestandteil individueller Lebensstile. Sie breitet sich über viele Lebensbereiche, soziale Schichten und Altersstufen hinweg aus. In der breit gefächerten Medienlandschaft wird das der neuen Sportlichkeit zugrundeliegende Körper-, Gesundheits-, Sport- und Bewegungsideal umfangreich propagiert. Gesundheitsbewusst zu leben und sportlich zu sein entwickelt sich zu einer Verhaltensnorm. Im Zusammenhang mit dieser Entwicklung sind die Motive für Bewegung und Sport nicht nur vielfältiger geworden, sondern auch weitläufiger. Leistung und Wettkampf stehen nicht mehr allein im Vordergrund, sondern andere Sinnrichtungen wie Körpererfahrung, Gesundheit, Fitness, Kreativität, Wohlbefinden, Unterhaltung und Erlebnis treten hervor. Die Menschen wollen Sport nach Lust und Laune betreiben, ihren Körper und sich selbst erleben und Spaß haben (Grupe, 2000, S. 32f).

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Details

Seiten
137
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783832480097
ISBN (Buch)
9783838680095
Dateigröße
1.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v223214
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg – Musik-, Sport- und Sprechwissenschaft, Sportwissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
sport freizeit gesellschaft infrastruktur verhalten

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Titel: Zukunftsorientierte Sport- und Sportstättenentwicklung