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Die Darstellung des Faschismus in den Werken Alberto Moravias

La mascherata, Gli indifferenti, Il conformista

Magisterarbeit 2003 67 Seiten

Romanistik - Französisch - Literatur

Leseprobe

Vorwort

Viele geistesgeschichtliche, gesellschaftliche oder politische Strömungen finden ihren Nachhall in der bildenden Kunst und insbesondere der Literatur, denn sie gelten als die sichersten Ausdrucksmöglichkeiten eines Volkes. Kunst lebt immer von und mit der Gesellschaft, in der sie entsteht. Deren Produzenten versuchen deshalb oft in mehr oder minder starkem Maß bestimmte Einstellungen, Denkweisen, Zustände etc., zu reproduzieren und zu unterstützen - oder wollen sie mittels ihrer Werke kritisieren. Insbesondere Letzteres kann ein für den Künstler äußerst kompliziertes Unterfangen werden, nämlich dann, wenn Kritik nicht nur nicht erwünscht, sondern gar verboten ist und im Zweifelsfall auch verfolgt wird. Gerade diktatorische Systeme zeichnen sich durch die ausnahmslose und oft brutale Unterdrückung kritischen Gedankenguts aus.

Der italienische Faschismus war ein solches System und in dieser Arbeit soll anhand dreier ausgewählter Werke - La mascherata, Gli indifferenti und Il conformista von Alberto Moravia - gezeigt werden, ob und mit welchen Mitteln es ihm gelungen ist, den italienischen Faschismus als politisches, gesellschaftliches und soziales Phänomen darzustellen und zu kritisieren. Der erste Abschnitt wird sich mit relevanten Aspekten der Biographie Alberto Moravias und seinem Oeuvre, sowie den Ursprüngen und wichtigsten Zeitabschnitten des faschistischen Regimes in Italien auseinandersetzten. Im zweiten Abschnitt sollen, nach einer kurzen Darstellung der verschiedenen literarischen Strömungen und Autoren dieser Epoche, einige charakteristische Merkmale des Faschismus in den genannten Werken nachgewiesen werden. Ein Vergleich mit Der Untertan von Heinrich Mann, der das Leben in einem ebensolchen und doch ganz anderen diktatorischen Regime beschreibt, wird die Arbeit abschließen.

1. Alberto Moravia

Anzitutto bisogna chiedersi: Moravia è stato un grande intellettuale, ha rappresentato, come qualcuno ha detto, 'la coscienza critica degli italiani?'. Le opinioni sono discordi. Forse nessun autore italiano è stato così amato e, allo stesso tempo, così contestato.[1]

Lange haftete Moravia das Etikett des "antifaschistischen Intellektuellen jüdischer Abstammung"[2] an, was seine Auswahl im Rahmen dieser Arbeit offensichtlich erscheinen läßt. Obgleich diese Etikettierung in gewisser Weise ihre Berechtigung haben dürfte, da Moravia sich auch selbst so bezeichnete, bieten sowohl seine Biographie als auch sein Gesamtwerk noch weitere Aspekte.

1.1. Biographie

Moravia hieß bürgerlich Alberto Pincherle und wurde am 28. November 1907 als drittes Kind einer gutbürgerlichen Familie in Rom geboren.[3] Die angedeutete jüdische Abstammung geht auf die väterliche Linie zurück.[4] Im Alter von nur neun Jahren erkrankte er an trockener Knochentuberkulose und mußte sich in den darauffolgenden Jahren aufgrund dieser Krankheit einer Reihe von Kuren und Sanatoriumsaufenthalten unterziehen, was einen normalen Schulbesuch un-möglich machte.[5] Nach eigener Aussage las er in dieser Zeit viel, vor allem um den sonst versäumten Schulstoff aufzuholen. Die Lektüre war für einen Jungen seines Alters zum Teil recht anspruchsvoll und prägte seinen eigenen schriftstellerischen Stil: Goldoni, Shakespeare, Molière, Dostojevskij.[6] Außer als Verfasser fiktiver Literatur hat sich Moravia auch als Autor verschiedener Filmkritiken (für L'Espresso), Reiseberichte (z.B. Un'idea dell'India oder Un mese in URSS) und politischer Essays betätigt, schrieb für Zeitungen wie Il Mondo, La Stampa, Popolo di Roma oder Corriere della Sera und war Mitherausgeber der Zeitschrift Nuovi Argomenti, einem in Italien recht bedeutenden Diskussionsforum. Oft soll er eher durch seine direkte und bisweilen schroffe Art als wegen des Inhalts seiner Mitteilungen aufgefallen sein.[7]

Er wurde zwar, abgesehen von einigen Einschüchterungsversuchen, die ihn hauptsächlich am Schreiben seiner antifaschistischen Artikel hindern sollten, nie wirklich ernsthaft verfolgt, hat sich aber zeitweise eines zweiten Pseudonyms bedient und mußte sich im Herbst 1943 einige Monate in den Bergen nahe Cassino verstecken, um nicht der deutschen Besatzung in die Hände zu fallen und verhaftet zu werden.[8] Alberto Moravia starb am 26. September 1990 in Rom.[9]

1.2. Oeuvre

Manche Kritiker haben Moravia den Vorwurf gemacht, sein Werk drehe sich im Wesentlichen um den Faschismus und sei auch stilistisch sehr invariabel und zu wenig ausgereift.[10] Die Imitation seiner literarischen Vorbilder wäre nur allzu offensichtlich und gelänge eher schlecht als recht.

Andere wiederum bescheinigen ihm eine große Bandbreite an Themen,[11] die außer Faschismuskritik auch Probleme und Ängste der Nachkriegszeit (L'uomo che guarda), die Schwierigkeiten in einer Beziehung zwischen Mann und Frau (L'amore congiugale) oder auch Prostitution (La romana) behandeln und eine ebensolche an literarischen Formen, darunter so unterschiedliche wie den Gesellschaftsroman (Le ambizioni sbagliate) oder den volkstümlichen Roman (La ciociara), satirische und surrealistische Erzählungen (in L'epedemia und I sogni del pigro), Kurzgeschichten (Racconti Romani und Nuovi Racconti Romani) und einige andere.

Da nur wenige Schriftsteller einen derart hohen Bekanntheitsgrad erreichten, sind sich die meisten Kritiker allerdings auch darüber einig, daß durch Schriftsteller wie Moravia, aber auch Pavese oder Vittorini, der italienische Roman inter-national wieder mehr Beachtung fand, nachdem es eine Zeitlang kaum bekannte Autoren gegeben hatte.[12]

Die katholische Kirche setzte Moravias Gesamtwerk wegen moralisch anstößiger Beschreibungen ("quae res lascivas seu obscenas ex professo narrant") 1952 schließlich auf den Index.[13]

2. Der italienische Faschismus

Diktatorische Systeme sind keine Erfindung des letzten Jahrhunderts. Monarchien stehen von Natur aus einer Diktatur sehr nahe. Als klassische Beispiele hierfür werden gern die ägyptischen Pharaonen oder die japanischen Kaiser genannt, weil sich beide außer über die in Monarchien übliche Erbfolge auch über die göttliche Abstammung zum Herrscher qualifizierten.[14] Andere Länder wurden nach einer kurzen Phase der Demokratie alsbald wieder in eine Autokratie verwandelt. Deutschland, Italien und auch die Sowjetunion zählen dazu.[15] Dennoch zeichnete sich der Faschismus in Italien durch eine Reihe spezifischer Charakteristika aus, die es im Folgenden zu untersuchen gilt.

2.1. Ursprung und Ideologie

Wollte man den Beginn der faschistischen Bewegung in Italien auf ein konkretes Datum zurückführen, so wäre es der 23. März 1919. Denn an diesem Tag wurde in Mailand eine politische Vereinigung gegründet, aus der zwei Jahre später der Partito Nazionale Fascista (PNF) hervorgehen sollte.[16] Das Abzeichen dieser Partei war ein fascio (von lat. fasces), ein ursprünglich altrömisches Rutenbündel, das den Amtsdienern hoher römischer Beamter (Liktoren) als Symbol ihrer Gewalt über Leben und Tod diente, in stilisierter Form; das Wort diente auch als Grundlage bei der Namensgebung.[17]

Führend bei der Gründung war ein junger Mann namens Benito Amilcare Andrea Mussolini, der bis dahin eher als überzeugter Sozialist in Erscheinung getreten und häufig wegen politisch motivierter Delikte im Gefängnis gewesen war. Wann und wodurch genau der "Umschwung nach rechts" stattfand, ist schwer zu bestimmen. Doch anders als Adolf Hitler beispielsweise, der in Deutschland mit dem Nationalsozialismus ein fertiges Programm vorlegte, dessen zentraler Punkt die Rassenideologie und der daraus folgende Haß gegenüber Angehörigen als "minderwertig" eingestufter Menschengruppen waren[18], zeichneten sich Mussolini und seine faschistische Bewegung zunächst durch eine gewisse Orientierungslosigkeit aus.

Noch Jahre später hat Mussolini vielfach geleugnet, überhaupt ein auf längere Sicht angelegtes Programm zu haben.[19] Wie aber lassen sich faschistische Ideen in Worte fassen, wenn es kein festes Programm zu geben scheint?

Auf philosophischer Ebene stützt sich der Faschismus auf zwei Säulen, von denen allerdings nur eine sich tatsächlich selbst so gesehen hat: der Futurismus.

Der Futurismus war die erste wirklich einheitlich avantgardistische Bewegung innerhalb der italienischen Literatur. Avantgarde im eigentlichen Sinn ist ein militärischer Begriff und bedeutet 'Vorhut'.[20] Avantgardistische Dichter verstanden sich demzufolge als Vorreiter ihrer eigenen Zeit. Die Entstehung und Zusammensetzung der futuristischen Bewegung waren ausgesprochen vielfältig und heterogen, mindestens zu Beginn sammelten sich dort Dichter mit den verschiedensten Überzeugungen, sogar Anarchisten waren darunter.[21]

Der Futurismus versteht sich als eine - auch politische - Bewegung, die, wie schon der Name andeutet, mit der Vergangenheit abschließen und sich nur auf die Zukunft ausrichten möchte. Das 'Manifesto del Futurismo', das 1909 von Filippo Tommaso Marinetti veröffentlicht wurde, ist nur das erste und wichtigste von unzähligen weiteren, die in den folgenden dreißig Jahren herauskamen. und die neben dem engeren Bereich der Literatur- und Kunsttheorie auf so unterschiedliche Aspekte gerichtet sind wie die 'futuristische Mathematik', die Verherrlichung des Krieges als 'einziger Hygiene der Welt', den 'futuristischen Patriotismus', die 'futuristische Frau', die 'futuristische Küche' und nicht zuletzt das 'Proletariat der Genialen'.[22]

Sie beanspruchten außerdem, Italien von "sua fetida cancrena di professori, d'archeologi, di ciceroni e d'antiquarii" befreien zu wollen. Futuristen verstehen sich oft als Politiker und spätestens mit dem 1924 erschienenen Werk "Futurismo e Fascismo" mündete die Bewegung in den italienischen Faschismus ein.

Kennzeichen futuristischer Literatur sind der schon von D'Annunzio verwendete 'freie Vers' und die 'poetische Prosa', die bis zum Exzeß verwendeten Bilder, oft gewagten Metaphern und Analogien. Die Futuristen priesen außerdem die völlige Freiheit der Worte und einen von syntaktischen Regeln losgelösten Satzbau, um alle Gefühlsregungen darstellen zu können, die die Welt ihnen darbot.[23]

Allerdings war die Sprache vielen Ansprüchen der Futuristen, wie zum Beispiel dem Wunsch nach extremer Schnelligkeit, nicht gewachsen und so blieb bei den Werken stets eine unüberwindbare Kluft zwischen Theorie und Praxis.[24] Neben den Literaten gab es unter den Futuristen auch Maler, Bildhauer, Architekten, Bühnenbildner und Cineasten, von denen einige sogar recht anspruchsvolle Kunstwerke produzierten: Giacomo Balla, Carlo Carrà oder Luigi Russolo.

Die zweite der oben angesprochenen Säulen ist der Nihilismus, wie Friedrich W. Nietzsche ihn geprägt hat. Anfang des vergangenen Jahrhunderts war Nietzsche ein in Italien sehr moderner Philosoph[25] und ähnlich wie Hitler versuchte auch Mussolini seine Politik über dessen - falsch verstandene - Ideen zu legitimieren. Abgesehen davon, daß sich mit Philosophie nichts rechtfertigen läßt - auch wenn das gern behauptet wird - sondern daß jede Philosophie nur ein Versuch ist, unsere Welt zu interpretieren, wurde die Friedrich Nietzsches außerdem anhand stark verkürzter Versionen seiner Schriften rezipiert. Nietzsches Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche hat sich in seinen letzten Lebensjahren um die Verwaltung der Manuskripte gekümmert und nach seinem Tod im Jahre 1900 die Herausgabe solcher Fassungen veranlaßt oder mindestens begrüßt.[26] In seinen Werken hat Friedrich Nietzsche, der als exzellenter Essayist und Meister des Aphorismus galt, Begriffe wie "Wille zur Macht", "gefährlich leben", "Übermensch" oder "Herrenmoral" geprägt. Für Nietzsche waren diese Begriffe rein anthropologisch basiert, jede Form sowohl von Nationalismus als auch Rassismus standen ihm völlig fern.[27]

Mussolini selbst begriff den Faschismus als eine Art sich ständig erneuernder Revolution, was Emilio Gentile zu der These veranlaßt, es handle sich im Prinzip um eine unfertige Diktatur.[28] Weder er noch die meisten seiner Anhänger empfanden es als sonderlich problematisch oder gar unlogisch, den Faschismus wahlweise als eine linke, eine rechte oder eine beide Richtungen vereinende Bewegung zu sehen.[29] Ideologien bezeichnete Mussolini als unnützen Luxus für Intellektuelle, den der Faschismus nicht nötig hätte.[30]

Viele hätten auch Schwierigkeiten gehabt, ideologische Grundlagen des Faschismus zu benennen und waren oft sogar stolz darauf, daß es eine "ideologia 'antiiedologica'"[31] sei. Erst 1932 wurde aus der Erkenntnis heraus, daß zumindest Leitlinien dem Ganzen den Anstrich eines festen Programms geben könnten, die Dottrina del Fascismo von Giovanni Gentile verfaßt und in der Enciclopedia Italiana Treccani, deren Direktor er war, veröffentlicht.[32]

2.2. Il ventennio nero

Der Zeitraum zwischen 1922 und 1943 wird in Italien gemeinhin das 'ventennio nero ' genannt und von den meisten Historikern in drei Phasen unterteilt:[33]

eine erste Phase der Machtübernahme und Etablierung des Systems (1922-1925), eine zweite der Konsolidierung der Macht (1926-1935), und schließlich eine dritte der Expansionsbestrebungen und fortschreitenden Ideologisierung und des Zerfall des Regimes (1936-1943). Alle drei Phasen sollen nun kurz skizziert werden.

2.2.1. Machtübernahme und Etablierung des Systems

Mussolini liebte die Vorstellung eines Mythos seiner "conquista del potere", bei der 300.000 Faschisten nach einer aufsehenerregenden "marcia su Roma" die Macht mittels einer blutigen "rivolta ideale"[34] an sich reißen sollten. Dieser Marsch auf Rom hat nie stattgefunden und die tatsächliche Machtüberlassung verlief relativ unspektakulär, unblutig und war vor allem ein völlig legales Verfahren. Einige Historiker betrachten sie sogar als eine logische Folge der Ereignisse.[35]

Als die Faschisten 1922 an die Macht kamen, hatte Italien die Staatsform einer parlamentarischen Monarchie. Die gerade neu gebildete Regierung war liberal mit dem relativ schwachen Premierminister Luigi Facta an der Spitze und litt schon damals unter kontinuierlicher Instabilität.[36] König Vittorio Emanuele III. war ein von Natur aus vergleichsweise unsicherer Mensch, der äußerem Druck schnell nachgab und voreilig jedem geneigt war, der sich bereit erklärte, Entscheidungen zu treffen und diese auch durchzusetzen.[37]

Im Oktober überstürzten sich die Ereignisse, es gab verschiedentlich Treffen und Veranstaltungen der Faschisten, beispielsweise am 24. Oktober in Neapel, wo sie für eine Rede einfach eine Aufführung im Theater San Carlo unterbrachen.[38] In der Nacht zum 28. Oktober besetzten die Faschisten schließlich diverse Regierungs-büros. Vittorio Emanuele III. weigerte sich, ein in aller Eile verfaßtes "Dekret über die Proklamation des Belagerungszustandes"[39] zu unterzeichnen und ernannte statt dessen Mussolini am 29. Oktober zum neuen Premier Italiens und beauftragte ihn mit der Regierungsbildung.[40]

Mussolinis erstes Parlament war kein rein faschistisches, viele Mitglieder des vorhergehenden hatten ihre Mandate behalten. Ebenso waren in der Regierung Mitglieder anderer Parteien als der PNF vertreten.[41] Mussolini hätte es sich auch gar nicht leisten können, alle Mitglieder auf einmal zu ersetzen oder gar gleich das Parlament aufzulösen, da es ihm an politischer Erfahrung mangelte und er noch eine Weile auf die Mitarbeit von Berufspolitikern angewiesen war.[42]

Die neue Regierung erfuhr durchaus Unterstützung aus dem Volk, vielen mag sie auch als das kleinere Übel gegenüber den ihrer Meinung nach drohenden Sozialisten erschienen sein. In eine Krise geriet das System erst, nachdem Mussolini im Juli 1923 gegen erheblichen Widerstand der Linken die legge Acerbo durchgebracht hatte. Die Sitzverteilung, die sich bei den folgenden Parlamentswahlen im Mai 1924 daraus ergab (65% der Sitze für die Partei, die mindestens 25% der Stimmen bekommt, der Rest proportional auf die Wahlkreise verteilt) wurde vom sozialistischen Abgeordneten Giacomo Matteotti als un-demokratisch verurteilt.[43] Er beantragte, die Ergebnisse für ungültig zu erklären.

Matteotti wurde daraufhin von einem faschistischen Schlägertrupp entführt und zwei Monate später ermordet aufgefunden.[44] Mussolini hat sich allerdings auch bald Feinde gemacht und wurde zum Ziel dreier Attentate. Diese Tatsache verstanden die Faschisten geschickt für ihre Argumentation zur Wiedereinführung der Todesstrafe auszunutzen.[45]

2.2.2. Konsolidierung der Macht

Soweit man es von einer Diktatur sagen kann, war in Italien ab 1925 so etwas wie "Normalität" eingekehrt. Lange galt Mussolini als Pragmatiker, der sich eher um Kompromisse mit vielen seiner Gegner bemühte und sie auf diese Weise zu über-zeugen suchte, auch stets darauf bedacht, daß Italien nach außen als zivilisierter Staat galt.[46]

So unterzeichnete er eine Reihe von Verträgen, hielt sich später jedoch an die wenigsten.[47] Als sein Meisterstück in dieser Hinsicht gelten die am 11. Februar 1929 mit dem Vatikan abgeschlossenen Lateran-Verträge, die der Kirche unter anderem die Entscheidungsgewalt über Ehe und Familie zusicherten. Mussolini hatte schnell begriffen, daß ihm ein gutes Verhältnis zum Vatikan, um das sich alle vorhergehenden Regierungen vergeblich bemüht hatten, nützen, der Versuch einer Entmachtung ihm aber schaden würde. Erstens, weil die Italiener nicht nur zu einem sehr hohen Prozentsatz katholisch, sondern auch gläubig waren und weil zweitens eine Einigung mit der Kirche die Partei der Popolari spalten konnte.[48] Außerdem ahnte er, daß die Anerkennung des Vatikans das internationale Prestige Italiens erhöhen würde.[49] Mussolini ließ zwar die staatliche Integrität des Vatikans unangetastet, kündigte jedoch, bald nachdem die Verträge unterzeichnet waren, in einer Rede an, daß die katholische Kirche als Institution aufgrund des Konkordats nun nicht mehr selbständig wäre, sondern dem italienischen Staat unterstünde. Seitdem waren die Beziehungen zwischen Kirche und Staat so angespannt wie selten zuvor.

1929 ging in Italien auch die zweite Legislaturperiode der Faschisten zu Ende.[50]

Da Mussolini demokratische Grundsätze und Einrichtungen wie freie Wahlen, Parlament oder Gewaltenteilung entschieden ablehnte, sie ihm regelrecht zuwider waren, dachte er sich für die anstehenden Wahlen im März desselben Jahres ein System "faschistischen Stils" aus: im ganzen Land sollte eine einzige, aus 400 Namen bestehende Einheitsliste präsentiert werden, die nur en bloc akzeptiert oder abgelehnt werden konnte.[51]

Damit letzteres nicht geschah, wurden die Wähler bei den Wahlen selbst zum Teil massiv bedroht.[52] Da die Italiener ahnten, daß jede Opposition sinnlos sein würde, widersetzten sie sich nur in wenigen Fällen.

So pragmatisch Mussolini in vielen Situationen auch gehandelt haben mag, war er in der Regel rationalen Überlegungen weniger zugänglich, als er sich selbst eingestehen wollte. Er hing dem Glauben an, zwei recht widersprüchliche Ziele miteinander vereinen zu können. Einerseits proklamierte er Italien als rechtmäßigen Erben des Römischen Reiches, das in alter Macht und Größe wieder auferstehen müßte.[53] Er war auch der Idee neuer Kolonien gegenüber aufgeschlossen und hatte für diesen Zweck Abessinien (heute Äthiopien) auserkoren. Warnungen, daß koloniale Experimente in der Regel mehr kosten als sie wert sind, schlug er in den Wind.[54]

Andererseits strebte er völlige Autarkie an, die aber mit seinen militärischen Ambitionen nicht zu vereinbaren war, weil Italien für das notwendige Waffen-programm die Rohstoffe fehlten.[55] Da über das Vorhandensein entsprechender Rohstoffe in Abessinien spekuliert wurde, hoffte er, den Bedarf über die Kolonie decken zu können. Italien griff also am 2. Oktober 1935 Abessinien an.[56]

2.2.3. Expansion und Zerfall des Regimes

Mindestens zu Beginn war der Krieg gegen Abessinien in Italien sehr unpopulär, verstärkt durch die Tatsache, daß der Völkerbund den Angriff einstimmig verurteilte. Als sich jedoch die ersten Erfolge einstellten, wandelte sich die Stimmung und als das Land am 5. Mai 1936 schließlich besiegt war, jubelte man nicht nur in faschistischen Kreisen.[57]

Durch den Erfolg ermutigt, wagte sich Mussolini drei Jahre später an sein nächstes Ziel, Albanien, das am 7. April 1939 besetzt wurde. Damit war erneut ein Teil des Vorhabens, Italien zur neuen Großmacht im Mittelmeerraum zu machen, erfolgreich abgeschlossen. Das Land beherrschte die Adria an ihrer strategisch wichtigsten, weil engsten Stelle.[58]

Gleichzeitig versuchte sich Mussolini auch immer deutlicher an Hitler zu orientieren. So erließ er, obwohl Italien keine mit Deutschland vergleichbare antisemitische Tradition kannte, Ende des Jahres 1938 einige antijüdische Gesetze, die allerdings eher politisch mit angeblich nicht erfolgter Anpassung und nicht vorrangig rassisch begründet wurden.[59]

Er hatte außerdem erkannt, daß er außenpolitischen Rückhalt gut brauchen konnte und begann, sich verstärkt um Bündnisse mit anderen Mächten zu bemühen. Beispielsweise wollte er 1935 mit der Stresa-Front ein gutes Verhältnis zu Großbritannien aufbauen.[60] Doch schon bald fühlte sich Mussolini eher dem nationalsozialistischen Deutschland verbunden, da die beiden Regime, ungeachtet einiger Differenzen in unwichtigen Punkten, im Bolschewismus einen gemeinsamen, zu bekämpfenden Feind hatten.[61]

Hitler hatte eine Zeitlang recht intensiv um die Gunst seines politischen Verwandten geworben, ohne je erhört worden zu sein. Jetzt, da Hitler Mussolini "an Macht, Prestige und ideologischer Ausstrahlung übertraf"[62], wurde er immer mehr zum Umworbenen. Seit 1936 waren die beiden über den Zusammenschluß in der Achse Berlin - Rom verbunden, der sich später das Japanische Kaiserreich zugesellte. Um ihre Beziehungen noch zu festigen, schlossen die beiden Mächte am 22. Mai 1939 den Stahlpakt, in dem sie sich gegenseitige militärische Unterstützung im Kriegsfall versicherten.[63]

Italien trat erst 10. Juni 1940, also gut zehn Monate nach dessen Ausbruch in den Zweiten Weltkrieg ein, da Deutschland unter Hitler im Westen Europas immer größere und schnellere Erfolge zu erringen schien. Im Oktober desselben Jahres gab Mussolini den Befehl zum Angriff auf Griechenland und kurz darauf einen gegen Ägypten.[64]

Da Italien für einen Krieg diesen Ausmaßes weder strukturell noch technisch ausreichend gerüstet war, endeten die Feldzüge verhältnismäßig schnell in einem Desaster, das durch Unterstützung von deutscher Seite nicht aufgehalten werden konnte. Teilweise lehnte Mussolini willig angebotene Unterstützung sogar ab.[65]

Während des gesamten Krieges gelangte Italien militärisch auf keinen grünen Zweig mehr, ganz im Gegenteil wurden die Niederlagen immer größer und zahlreicher. Mussolini wurde auch immer häufiger und immer heftiger von schweren Magenproblemen heimgesucht, was ihn meist einige Zeit davon abhielt, seinen Regierungsaufgaben nachzukommen.

Da er die Frage nach einem Vize oder gar nach einem Nachfolger stets abgewiesen hatte, gab es auch niemanden, der diese Aufgaben in vollem Umfang hätte übernehmen können.[66] Daher bat schließlich der Gran Consiglio König Vittorio Emanuele III. um Mitwirkung bei der Suche nach erfolgreicheren Möglichkeiten, das Land zu regieren. Mussolini wurde nicht direkt angeklagt und dem König blieb die Wahl der Mittel überlassen. Er bestellte daher Mussolini am folgenden Tag, dem 25. Juli 1943, zu einem Gespräch in seine Villa, ließ ihn dort verhaften und setzte Marschall Badoglio als neuen Premier ein.[67] Italien stellte sich sofort auf die Seite der Alliierten.

Nach einigen Monaten im Gefängnis versuchte Mussolini mit der anarchistisch anmutenden repubblica di Saló noch einmal politischen Einfluß zu gewinnen, bevor er am 28. April 1945 zusammen mit seiner Geliebten Clara Petacci von Kommunisten erschossen und sodann kopfüber auf der Piazza Loreto in Mailand aufgehängt wurde.[68]

2.3. Das tägliche Leben

Ebenso wie Mussolinis Persönlichkeit und Politik hat auch das äußere Bild des Lebens im faschistischen Italien [...] ganz verschiedene Beschreibungen gefunden: was die Betrachter sahen, war stets von ihrem Denken bestimmt oder mindestens beeinflußt. Aber es herrscht allgemeine Übereinstimmung darüber, daß der Faschismus "Ordnung" bedeutete, sei es die Ordnung des Lebens und der Entwicklung oder die Ordnung der Unterdrückung und der Regungslosigkeit.[69]

Manche ausländische Besucher verglichen Italien nunmehr mit einem Friedhof, auf dem die persönliche Freiheit begraben liege[70] und viele bemerkten, daß die Italiener weit seltener lachten als vorher. Selbst die Kinder schienen ihren Sinn für Humor und ihre Lebensfreude verloren zu haben.[71] Das Land wirkte paralysiert.

Die Regierung propagierte jetzt den homo fascisticus, einen neuen, mit Kraft, Energie und Willensstärke ausgestatteten Menschen, der Demokratie, Liberalität und Individualität ablehnt und völlig in den faschistischen Staat integriert ist, ja geradezu in ihm aufgeht.[72] Daher ergriff nach und nach auch eine allumfassende "fascistizzazione" die meisten staatlichen und privaten Institutionen, um dieses Ideal zu erreichen: für die Schulen wurden neue Lehrpläne ausgearbeitet, die Gewerkschaften neu organisiert, Jugend, Frauen und auch diverse Berufsgruppen in eigens geschaffenen Organisationen zusammengefaßt, es gab spezielle Einrichtungen zur Freizeitgestaltung (beziehungsweise auch zur faschistischen Indoktrinierung) und vieles mehr.[73] Unter den Universitätsprofessoren leisteten die meisten auch deshalb den verlangten Eid auf den Faschismus, um letztendlich weiter nach eigenen Vorstellungen zu unterrichten.[74]

2.4. Presse und Zensur

Eingeschränkte Pressefreiheit ist ein sehr typisches Merkmal einer Diktatur. Die Faschisten ließen als erstes bald nach der Machtübernahme liberale oder links-gerichtete Herausgeber von Zeitungen durch solche ersetzen, die ihnen nahestanden.[75] Ab Juli 1923 erließ Mussolini eine Reihe von Gesetzen,[76] mit denen er sich die Kontrolle über die Presseorgane sichern wollte. Die italienischen Publizisten und ausländischen Korrespondenten wurden, wenn sie bestimmte Regeln beachteten, privilegiert mit Informationen versorgt und wenn sie sie mißachteten zurückgesetzt, konnten aber nie ganz am Schreiben gehindert werden.[77] Dies alles führte dazu, daß insbesondere die Tageszeitungen einander immer ähnlicher wurden. Die einzige Ausnahme waren einige katholisch orientierte Zeitungen, in denen sogar leise Kritik geäußert wurde.[78] Dennoch gab es im Faschismus nie ein dem Nationalsozialismus vergleichbares Stadium der 'totalen Gleichschaltung', eine halbwegs effektive Kontrolle wurde nur zum Schluß und auch eher auf dem Papier als in der Realität erreicht.[79]

[...]


[1] Gervasutti. I fantasmi di Moravia. S.12.

[2] vgl. Arnold. Vergessene Literatur des ventennio nero. S.110.

[3] vgl. Tessari. Alberto Moravia. S.1.

[4] vgl. Maraini. Der junge Alberto. S.46.

[5] vgl. Tessari. Alberto Moravia. S.2.

[6] vgl. Hofer Italienische Literatur der Gegenwart in Einzeldarstellungen. S.199.

[7] vgl Hösle. Die italienische Literatur der Gegenwart. S.35.

[8] vgl. Ross/Freed. The existentialism of Alberto Moravia.S.79.

[9] vgl. Arnold. Vergessene Literatur des ventennio nero. S.109.

[10] vgl. Dego. Moravia. S.45.

[11] vgl. Kanduth. Wesenszüge der modernen italienischen Erzählliteratur. S.137/138.

[12] vgl. Guarnieri. Cinquant'anni di narrativa in Italia. S.126.

[13] vgl. Hösle. Die italienische Literatur der Gegenwart. S.36.

[14] vgl. Brockhaus-Enzyklopädie. Bd.1: A-Apt. S.237, sowie Bd.11: It-Kip. S.102 und 113.

[15] vgl. Grana. La rivoluzione fascista. S.151.

[16] vgl. Mack Smith. Mussolini. S.35.

[17] vgl. Brockhaus-Enzyklopädie. Bd.7: Ex-Frt. S.127.

[18] vgl. Rosh/Jäckel. Der Tod ist ein Meister aus Deutschland. S.15.

[19] vgl. Mack Smith. Mussolini. S.45.

[20] Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie. S.31.

[21] vgl. Petronio. Italia letteraria. S.683.

[22] Meter. Maschinenkult und Eschatologie. S.275.

[23] vgl. Petronio. Italia letteraria. S.685.

[24] vgl. Hahn. Die futuristische Versuchung. S.105.

[25] vgl. Fazio. Nietzsche und der Faschismus. S.222.

[26] vgl. Golomb&Wistrich. Nietzsches politics, fascism and the jews. S.308.

[27] vgl. Golomb&Wistrich. Nietzsches politics, fascism and the jews. S.308.

[28] vgl. Gentile. La via italiana al totalitarismo. S.150.

[29] vgl. Mack Smith. Mussolini. S.138.

[30] vgl. Mack Smith. Mussolini. S.138.

[31] Gentile. La via italiana al totalitarismo. S.132.

[32] vgl. Gipper. Giovanni Gentile. S.92.

[33] in Anlehnung an: Lill. Geschichte Italiens in der Neuzeit. S.301.

[34] Collotti. Il fascismo nella storiografia. S.40; vgl. auch: Grana. La rivoluzione fascista. S.20.

[35] vgl. Veneruso. L'Italia fascista. S.43.

[36] vgl. Mack Smith. Mussolini. S.48.

[37] vgl. Mack Smith. Mussolini. S.53.

[38] vgl. Mack Smith. Mussolini. S.51.

[39] vgl. de Luna. Benito Mussolini. S.48.

[40] vgl. de Luna. Benito Mussolini. S.49.

[41] vgl. Mack Smith. Mussolini. S.56.

[42] vgl. Mack Smith. Mussolini. S.66.

[43] vgl. de Luna. Benito Mussolini. S.55.

[44] vgl. de Luna. Benito Mussolini. S.55

[45] vgl. Mack Smith. Mussolini. S.145.

[46] vgl. Grana. La rivoluzione fascista. S.153.

[47] vgl. Mack Smith. Mussolini. S.156.

[48] vgl. Mack Smith. Mussolini. S.65.

[49] vgl. de Luna. Benito Mussolini. S.66.

[50] vgl. Mack Smith. Mussolini. S.166.

[51] vgl. Mack Smith. Mussolini. S.166.

[52] vgl. Mack Smith. Mussolini. S.166.

[53] vgl. Steinbach. National-imagotype Mythen in der faschistischen Literatur Italiens. S.247.

[54] vgl. Mack Smith. Mussolini. S.190.

[55] vgl. de Luna. Benito Mussolini. S.97.

[56] vgl. de Luna. Benito Mussolini. S.98.

[57] vgl. de Luna. Benito Mussolini. S.100.

[58] vgl. Lill. Geschichte Italiens in der Neuzeit. S.350.

[59] vgl. de Luna. Benito Mussolini. S.106.

[60] vgl Veneruso. L'Italia fascista. S.212.

[61] vgl. Mack Smith. Mussolini. S.215.

[62] Lill. Geschichte Italiens in der Neuzeit. S.346.

[63] vgl. de Luna. Benito Mussolini. S.114.

[64] vgl. Mack Smith. Mussolini. S.257.

[65] vgl. Mack Smith. Mussolini. S.254.

[66] vgl. Mack Smith. Mussolini. S.169.

[67] vgl. Mack Smith. Mussolini. S.298.

[68] vgl. Mack Smith. Mussolini. S.319/320.

[69] Nolte. Der Faschismus. S.102.

[70] vgl. Mack Smith. Mussolini. S.150.

[71] vgl. Mack Smith. Mussolini. S.160.

[72] vgl. Steinbach. National-imagotype Mythen in der faschistischen Literatur Italiens. S.253.

[73] vgl. Veneruso. L'Italia fascista. S.100/101.

[74] vgl. Quazza. Fascismo e storia d'Italia. S.12.

[75] vgl. Mack Smith. Mussolini. S.91.

[76] vgl. Cannistraro. Il Ministero della cultura popolare. S.172.

[77] vgl. Mack Smith. Mussolini. S.92

[78] vgl. Veneruso. L'Italia fascista. S.200.

[79] vgl. Cannistraro. Il Ministero della cultura popolare. S.193.

Details

Seiten
67
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783832473006
ISBN (Buch)
9783838673004
Dateigröße
676 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v222598
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Philosophie
Note
2,3
Schlagworte
geschichte italien untertan heinrich mann realismus

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Titel: Die Darstellung des Faschismus in den Werken Alberto Moravias