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Konzeption einer motivierenden Kinderhallenleichtathletik für die 5./6. Klasse

Examensarbeit 2003 48 Seiten

Didaktik - Sport, Sportpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Probleme
2.1 Mangelnde Beliebtheit der Sportart Leichtathletik in der Schule
2.2 Koordinative und konditionelle Defizite der SchülerInnen
2.3 Fehlendes Konzept für die Halle

3. Einordnung und Definition des Begriffs „Kinderleichtathletik“
3.1 Konzept „Kinderleichtathletik“ des Deutschen Leichtathletik-Verbandes
3.1.1 DLV-Lehrplan „Kinderleichtathletik“
3.1.2 Ansprüche einer modernen Kinderleichtathletik
3.2 Definition „Kinderleichtathletik“

4. Didaktische Entscheidung bei der Planung des Konzeptes einer motivierenden Kinderhallenleichtathletik für die 5./ 6. Klasse
4.1 Didaktische Legitimation des Konzeptes
4.1.1 Richtlinienbezug
4.1.2 Bedeutung der Kinderleichtathletik für die Schule
4.2 Ziele des Kinderhallenleichtathletik-Konzeptes
4.3 Begründung der Anwendung des DLV-Konzeptes auf die 5./ 6. Jahrgangsstufe

5. Konzept „motivierende Kinderhallenleichtathletik“
5.1 Umsetzungsmöglichkeiten des Konzeptes für die Schule
5.2 Zwei-Phasen-Modell
5.3 Die Disziplinen des „Kinderhallenleichtathletik-Cups“
5.3.1 Die Sprintdisziplin
5.3.2 Die Sprungdisziplin
5.3.3 Die Wurfdisziplin
5.3.4 Die Ausdauerdisziplin
5.4 Die Wertung des „Kinderhallenleichtathletik-Cups“
5.4.1 Einzelauswertung
5.4.2 Teamauswertung
5.4.3 Bewertungstransfer in Noten

6. Grundprinzipien für das Kinderhallenleichtathletik-Konzept
6.1 Das Ersatzprinzip
6.2 Das Ergänzungsprinzip
6.3 Das Gleichberechtigungsprinzip

7. Gesamtreflexion des Konzeptes

8. Ausblick

Literaturverzeichnis

Anhang

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Ergebnisdokumentation

Bilddokumentation

Urkunde

1. Einleitung

Im Rahmen der Hospitationsstunden (§ 12 OVP) im Fach Sport während des Referendariates bekam ich Einblick in die Gestaltung des Sportunterrichtes in verschiedenen Klassen und Schulformen. Drei Aspekte fielen mir dabei aus der unterrichtlichen Sportpraxis auf.

Einserseits unterrichteten die Sportlehrer hauptsächlich Ballsportarten. Leichtathletik fand - wenn überhaupt - nur draußen bei schönem Wetter statt. Die Sportart Leichtathletik wurde zudem in den Klassen 5 und 6 nicht „kindgerecht“ durchgeführt.

Prinzipien wie Vielseitigkeit, hohe Wiederholungszahlen, hohe Bewegungsintensität, Abwechlungsreichtum, Spaß an der Bewegung oder Geräte mit Aufforderungscharakter zu benutzen sind hier nicht bekannt. Langeweile, Schlangen-Formationswarten und Motivationsverlust waren die Folge. Dies hat mich in Erstaunen versetzt, weil ich Ausbildungen genossen habe, die darauf Wert legten, dass diese Prinzipien angewendet werden.

Andererseits zeigten die SchülerInnen erhebliche Mängel bei den konditionellen und vor allem koordinativen Fähigkeiten im Hinblick auf die Ausführung einfacher Lauf- Sprung- und Wurfbewegungen.

Von meinem 10. – 26. Lebensjahr habe ich selbst aktiv Leichtathletik betrieben. So habe ich das Grundlagen-, Aufbau- und Leistungstraining selbst miterlebt. Kinderleichtathletik im heutigen Sinne wurde, als ich im entsprechenden Alter war, noch nicht betrieben. Inzwischen habe ich eine Kinderleichtathletik-Ausbildung absolviert und bin zudem im Besitz des Leichtathletik-A-Trainerscheins. In der Vergangenheit habe ich eine Kinderleichtathletikgruppe mit sechs- bis zehnjährigen Kindern geleitet.

Den Gegensatz, den ich erlebt habe – Leichtathletik in der Schule und Kinderleichtathletik, wie ich sie gelernt habe – hat mich bewogen, über Kinderleichtathletik meine Hausarbeit zu schreiben.

Die aufgeführten Missstände in der unterrichtlichen Sportpraxis führen zu der Notwendigkeit eines Konzeptes, das kindgerecht, entwicklungsgemäß und für die Halle geeignet ist.

Die vorliegende Hausarbeit für das Fach Sport befasst sich daher mit dem Thema „Konzeption einer motivierenden Kinderhallen-Leichtathletik“. Wichtig ist mir dabei folgendes Anliegen: Das Konzept soll sowohl für den Lehrer als auch für die Schüler und Schülerinnen eine Motivation sein, der Leichtathletik in der Schule einen neuen Stellenwert zu verschaffen.

Die vorliegende Arbeit beschreibt daher zunächst in Kapitel 2 die Probleme aus der unterrichtlichen Praxis, die durch ein Konzept für die Praxis verbessert werden sollen. In Kapitel 3 wird dann der Begriff Kinderleichtathletik in Anlehnung an das Konzept des DLV erläutert.

Basierend auf den Richtlinien Sport des Landes NRW für Gesamtschulen wird in Kapitel 4 der inhaltliche Bezug der Leichtathletik zum vorliegenden Konzept erörtert. Dazu werden auch die pädagogischen Perspektiven untersucht und auf Konformität überprüft.

Anschließend wird in Kapitel 5 an einem selbstentwickelten Konzept beispielhaft gezeigt, wie man Kinderhallenleichtathletik in Form eines Zwei-Phasen-Modells entwicklungsgemäß und motivierend für eine 5./ 6. Klasse gestalten kann.

Im Folgenden werden in Kapitel 6 schließlich, als eine Art Empfehlung, Grundprinzipien zur Durchführung und Gestaltung des Gesamtkonzeptes aufgezeigt.

In Kapitel 7 wird eine Gesamtreflexion zum Konzept und zur Durchführung des Wettbewerbes durchgeführt.

Abschließend bildet Kapitel 8 einen Ausblick auf die Perspektiven einer erfolgreichen Umsetzung von Kinderleichtathletik in der Schule.

2. Probleme

2.1 Mangelnde Beliebtheit der Sportart Leichtathletik in der Schule

Bei den Beobachtungen zur Unterrichtswirklichkeit im Fach Sport fallen einige Aspekte auf, die eine kindgerechte und damit motivierende Leichtathletik vermissen lassen.

Die Akteure des Unterrichtes Lehrer und SchülerInnen gehen Bewegungslehr- und lernprozessen oft aus dem Weg. Ein Faktum ist zudem, dass die schulische Leichtathletik von den Lehrpersonen tendenziell auf das Training der motorischen Grundeigenschaften Ausdauer und Schnelligkeit reduziert wird. Die attraktivsten Disziplinen Hürdenlauf, Stab und Speer werden nicht thematisiert. Viele Lehrer weisen große Wissensdefizite, Könnensdefizite und Organisationsdefizite zur Thematik Leichtathletik für Kinder auf.[2]

2.2 Koordinative und konditionelle Defizite der SchülerInnen

Im heutigen Sportunterricht fällt zunehmend auf, das die SchülerInnen erhebliche Mängel in ihren koordinativen und konditionellen Fähigkeiten aufweisen. Der Grund dafür liegt in einer veränderten Kindheit.

Die Kindheit früher war gekennzeichnet durch eine intakte Bewegungswelt: Bolzplätze, Wiesen, Wälder und Sandgruben boten ausreichenden Raum für eine große Anzahl von Spiel- und Bewegungsmöglichkeiten. Terminkalender und Einflüsse der Medien hemmten kaum die Aktivitäten der Kinder und Jugendlichen. Verschiedene soziale Gruppierungen wie Familie, Sportverein und Jugendgruppen, symbolisierten eine Anlaufstelle und einen Ankerplatz für die Gefühle, Probleme und Interessen junger Menschen. Die Bewegung im Alltag war gekennzeichnet durch großzügige Bewegungsräume, umfangreiche Bewegungszeit und vielfältige Bewegungsformen.[3]

Kindheit heute trifft auf eine veränderte Umwelt. Die zunehmende „Verstädterung“ sorgt für immer weitere Wege der Kinder zu Tummel- und Spielplätzen. Viele Verbotsschilder zieren zudem Wohnanlagen und Wiesen. Die „Straßenkindheit“ verändert sich zur „Verhäuslichung“. Computerspiele, Internetsurfen und schulische Aufgaben schränken die Bewegungszeit der SchülerInnen stark ein. Ein zunehmend reduzierter Sportunterricht an den Schulen führt ebenfalls dazu, dass diese Bewegungszeit ständig abnimmt.[4]

„Die Folgen von Bewegungsmangel wie Dysbalancen, koordinative Störungen, geringe Belastungsfähigkeit infolge eines geschwächten Bewegungsapparates und unterentwickelter organischer Kapazitäten werden zunehmend Realität.“[5]

Andere Literaturstellen nennen bei der Analyse dieser Probleme vor allem zwei Gründe. Einerseits sind die Veränderungen bei den Erziehungsnormen und ihre Auswirkung auf schulisches und außerschulisches Verhalten dafür verantwortlich. Andererseits sind es die Veränderungen bei den Freizeitaktivitäten der Kinder. [6]

2.3 Fehlendes Konzept für die Halle

Die Forderung nach einer Kinderleichtathletik-Konzeption für die Halle wird damit begründet, dass viele Sportkollegen das Problem haben, weitentfernte Sportanlagen aufsuchen zu müssen, um adäquat die Sportart Leichtathletik durchzuführen.[7] Die Folge davon ist, dass auf die Durchführung leichtathletischer Angebote im Sportunterricht verzichtet wird. Bei den ausgeprägten Sommer- und Winterzeiten sollte Leichtathletik für Kinder auch eine Hallensportart sein.[8] Dabei bietet die Halle einige Vorteile, vor allem für eine Kinderleichtathletik, wie die nachstehende Tabelle zeigt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tab.1: Vorteile der Halle für die Kinderleichtathletik

Einige Gründe, warum Leichtathletik dagegen kaum noch in der Halle stattfindet, wurden bereits in der Einleitung (s. Kap. 1) und in Kapitel 2.1 erörtert.. Leichtathletik in der Halle ist oft aufgrund mangelnder Anregungen schwer umzusetzen, vor allem in den 5. und 6. Klassen.

3. Einordnung und Definition des Begriffs Kinderleichtathletik

Kinderleichtathletik ist die Leichtathletik für Kinder zwischen 6 und 11 Jahren. Sie kommt zeitlich vor dem Grundlagentraining. Die Inhalte sind klar definiert und finden sich bei verschiedenen Autoren wieder (Katzenbogner, Eberle, Rahmentrainingsplan Grundlagentraining). Inhalte sind:

1. Vielfältige Bewegungserfahrungen sammeln
2. Koordinative und konditionelle Fähigkeiten entwickeln
3. Handlungskompetenzen[9] aufbauen und dabei altersgemäß angemessene Techniken entwickeln
4. Vielfältige Wettspiele

Ziel der Kinderleichtathletik ist, bedingt durch die veränderte Kindheit, die fähigkeitsorientierte Ausbildung, d.h. die Fähigkeiten aus den Bereichen Koordination und Kondition, die die Kinder mitbringen, müssen verbessert und ausgebaut werden.

Die Entwicklung der Kinderleichtathletik ist sehr jung. Deshalb ist es auch schwierig, Veränderungen und Entwicklungen an Jahreszahlen festzumachen. Literatur zur Kinderleichathletik gibt es mittlerweile genug (Spielleichtathletik, neue BJSP, DLV-Handreichungen „Leichtathletik in der Schule“), dagegen werden Problemstellungen und Forderungen zu Änderungen der Kinderleichtathletik sehr oft aufgeführt. Aufgezeigt werden soll nun in gekürzter Form das heutige Verständnis von Kinderleichtathletik.

Noch vor einigen Jahren war die Leichtathletik mit Kindern in der Schule wie auch im Verein eine „reduzierte Erwachsenenleichtathletik“. Die Inhalte des Kindertrainings wiesen, nur gering verändert, die des Erwachsenentrainings auf, denn „Kinder müssen so trainieren wie die Spitze, damit der Nachwuchs spitze wird“[10]. Lediglich die zu laufenden Strecken und die Gewichte der zu werfenden oder stoßenden Geräte waren reduziert. Die Wettkampfdisziplinen wurden im Training in gleicher Weise absolviert. Stoppuhr und Bandmaß waren wichtige Utensilien im Training. Das Leistungsmotiv stand im Vordergrund und verdrängte alle anderen Sinnaspekte[11]. Begriffe wie „Talentsuche“ und „frühe Spezialisierung“ herrschten vor[12]. Erst mit zunehmendem Wissen über medizinische, lernpsychologische und altersspezifische Grundbedingungen machten sich Forderungen breit, dass sich die Kinderleichtathletik mehr an den Bedürfnissen, an den Fähigkeiten und an den bisher erreichten Fertigkeiten des Kindes orientieren muss.

3.1 Konzept „Kinderleichtathletik“ des Deutschen Leichtathletik-Verbandes

Die jüngsten Entwicklungen im Bereich Kinderleichtathletik des DLV brachten im Jahr 2002 den DLV-Lehrplan „Kinderleichtathletik“ hervor.

3.1.1 DLV-Lehrplan „Kinderleichtathletik“

Die Vorraussetzungen für die DLV Konzeption Kinderleichtathletik sind:

1. Das Kind steht im Mittelpunkt.

2. Es werden vier Handlungsfelder aufgezeigt, die sich aus der Vernetzung von Schule und Verein sowie Training und Wettbewerb ergeben.

Der DLV-Lehrplan bildet auf der Publikationsebene wesentliche Grundlage der DLV-Konzeption Kinderleichtathletik. Des weiteren wird der Plan erweitert durch die Programme von „Kids´ athletics“, durch die DLV-Handreichungen „Leichtathletik in der Schule“ und durch die neue Konzeption Bundesjugendspiele.

Die Kinderleichtathletik hat eine neue Qualität erreicht. Die Inhalte orientieren sich maßgeblich an den Forderungen und Vorschlägen der drei Pädagogen Massin[13], Eberle[14] und Katzenbogner[15]. Alle drei sind an verschiedenen Schularten und gleichzeitig in den Landesverbänden tätig. Dieter Massin beschäftigt sich vor allem mit der Umsetzung der Kinderleichtathletik in Wettbewerben, Eberle trägt hauptsächlich durch „Leichtathletik in der Schule“ zur Konzeption bei und Katzenbogner durch seine Materialsammlung „Leichtathletik macht Spaß!“.

Was man heute unter Kinderleichtathletik versteht, ist nicht in wenigen Sätzen zu erklären, weil erkannt wurde, dass viel mehr dazugehört, als Laufen, Springen, Werfen einfach nur zu „verpacken“. Die Person des Kindes und dessen Entwicklung sowie die geänderten gesellschaftlichen Verhältnisse bilden die Grundlage des Trainings.

Leichtathletik in der Schule kommt somit der Forderung als Basissportart nach, indem die Kinder über die Leichtathletik zu anderen Sportarten problemlos überwechseln können oder indem sie auf ein leistungs- oder freizeitsportliches Betreiben der Leichtathletik vorbereitet.

3.1.2 Ansprüche einer modernen Kinderleichtathletik

Im Rahmen des Schul- und Vereinssports muss eine Leichtathletik für Kinder fähigkeitsorientiert und entwicklungsgemäß verlaufen.

Fähigkeitsorientiert, da sie die gesamtpersönlichen Fähigkeiten der Kinder fördert und fordert. Eine Mittel- und langfristige Konzeption berücksichtigt, dass 6 – 11jährige Kinder nicht nur körperlich und motorisch gefördert werden; es geht ebenso um die Ausprägung kognitiver, emotionaler und motivationaler sowie sozialer Fähigkeiten.

Entwicklungsgemäß (zeitgemäß + altersgemäß), da sie sich nicht als „reduzierte Erwachsenenleichtathletik“ versteht, in welcher lediglich Streckenlängen und Gewichte verringert werden. Kinderleichtathletik muss die Eingangsvoraussetzungen der Lerngruppe berücksichtigen. Es sollen Disziplinen und Wettbewerbe angeboten werden, die die SchülerInnen körperlich und motorisch fördern und fordern.

Die Kinderleichtathletik soll bei den Disziplinen und Wettbewerben den Teamgedanken in den Vordergrund stellen. Zudem soll im Wettbewerb ein Bewertungssystem zur Anwendung kommen, welches für die SchülerInnen dieses Alters verständlich ist (Zonen-, Additions- und Rangplatzwertung). Die Wettbewerbe sollen aus einem umfangreichen Repertoire von Übungen mit hohem Aufforderungscharakter aus Lauf-, Sprung- und Wurfaufgaben zusammengestellt werden. Im Vorfeld dieser Wettbewerbe muss ein vielseitiges und interessantes Training durchgeführt wird. Das Basislernen im Kindesalter muss eine darauf aufbauende zunehmende Spezialisierung ermöglichen.

Katzenbogner betont aber auch ausdrücklich, dass der eigentliche Charakter der Leichtathletik nicht verloren gehen darf: Schneller - Höher - Weiter müssen in den Übungsformen Platz finden. Verzichtet werden kann auch nicht auf die individuelle Leistung, auch wenn der Trend hin zu Teamwettbewerben geht. Kinder müssen die Notwendigkeit von Anstrengung und Zielstrebigkeit im Training lernen.

Spielerisches Handeln in der Leichtathletik bedeutet intensives Lernen und tiefe Energieausschöpfung auf Grund hoher Motivation und Handlungsbereitschaft. Dieser spielerische Bereich muss zielstrebig und geplant angegangen werden und sich an den Gesetzmäßigkeiten des Trainings orientieren.

Die oben aufgeführten Punkte finden sich auch bei Eberle. Er setzt diesen Punkten ein „Bild des Kindes“ (Abb.1) voraus:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.1: Bild des Kindes[16]

3.2 Definition „Kinderleichtathletik“

Das in Kap.3.1 beschriebene Verständnis der Kinderleichtathletik heute zeigt, dass es schwierig ist, sie in einer kurzen Definition wieder zu geben.

Kinderleichtathletik ist die Leichtathletik für 6 bis 11-jährige Kinder, die darauf abzielt, Laufen-Springen-Werfen sowie die koordinativen und konditionellen Fähigkeiten zu schulen und zu verbessern.

Dies soll zielgerichtet, vielseitig, abwechslungsreich und spielerisch geschehen. Dazu eignen sich Spiel-, Übungs- und Wettbewerbsformen mit hohem Aufforderungs- und Motivationscharakter.

Die Kinder sollen durch die zu erreichenden Handlungskompetenzen optimal auf das folgende Grundlagentraining vorbereitet werden. Durch die oben genannten Inhalte sollen behutsam und langfristig die Voraussetzungen für den späteren Spitzensport gelegt werden.

Die Kinderleichtathletik stellt die Person des Kindes in den Mittelpunkt. Sie orientiert sich an der gesamtpersönlichen Entwicklung des Kindes; unterstützt die körperlichen und motorischen Fähigkeiten, gleichgewichtig die Ausprägung der kognitiven, emotionalen und motivationalen Fähigkeiten und fördert in teamorientierten Übungsformen ausdrücklich wichtige soziale Fähigkeiten.

4. Didaktische Entscheidung bei der Planung des Konzeptes einer motivierenden Kinderhallenleichtathletik für die 5./ 6. Klasse

Die Sportart Leichtathletik gehört zu den Individualsportarten. Im Vergleich zu den Spielsportarten Basketball, Fußball, Hockey, Volleyball und Handball nimmt die Sportart Leichtathletik einen eher geringeren Raum im schulischen Sportunterricht ein. Verschiedene Gründe wurden dazu bereits angeführt (s. Kap.2).

4.1 Didaktische Legitimation des Konzeptes

4.1.1 Richtlinienbezug

Die „Konzeption einer motivierenden Kinderhallenleichtathletik“ lässt sich gemäß der Richtlinien und Lehrpläne für das Fach Sport (Sekundarstufe I/ Gesamtschule) dem Inhaltsbereich 3: „Laufen, Springen, Werfen - Leichtathletik“ zuordnen.[17] Bezüglich der pädagogischen Perspektiven auf den Sport in der Schule kann man die Konzeption folgenden Bereichen zuordnen: Wahrnehmungsfähigkeit verbessern, Bewegungserfahrungen erweitern (A), Das Leisten erfahren, verstehen und einschätzen (D), Kooperieren, wettkämpfen und sich verständigen (E) und Gesundheit fördern, Gesundheitsbewusstsein entwickeln (F).

Für den Bereich A bedeutet dies, dass die Weiterentwicklung der koordinativ-rhythmischen Fähigkeiten im Vordergrund steht. Den Schwerpunkt der Weiterentwicklung der konditionell-athletischen und der koordinativ-technisch-athletischen Fähigkeiten wird im Bereich D gefordert. Im Bereich E soll der individuelle Umgang mit Erfolg und Misserfolg zum Beispiel bei einem leichtathletischen Mehrkampf geübt werden. Letztendlich sorgt der Bereich F mit der Ausbildung der Grundfertigkeiten Laufen, Springen, Werfen zu funktionellen Bewegungsabläufe einen weiteren Schwerpunkt.[18]

Das vorliegenden Konzept zur Kinderhallenleichtathletik verhält sich somit konform zu allen genannten pädagogischen Perspektiven. In dem Punkt, dass in allen Klassen darauf zu achten ist, dass der Leichtathletik-Unterricht so oft wie möglich im Freien stattfindet, stimmen Richtlinien und Konzept nicht überein.[19] Das Konzept ist für die Austragung der Leichtathletik in der Halle. Gerade darin liegt eine gewisse Herausforderung. Einige Gründe, welche Vorteile die Halle gegenüber dem Sport im Freien besitzt, werden in Kapitel 2.3 beschrieben.

In den Jahrgangsstufen 5 und 6 soll es zunächst um eine spielorientierte Vermittlung der Vielfalt des Laufens, Springens, Werfens gehen. Die Verbesserung des Bewegungskönnens und der Leistungsfähigkeit durch gezieltes Üben und Trainieren sind die Inhalte. Zur Umsetzung dieser Inhalte können unterschiedliche Wettkampfformen und „[...] selbst gefundene und verabredete Normen und Anspruchsebenen die Grundlage bilden.“[20]

4.1.2 Bedeutung der Kinderleichtathletik für die Schule

Kinder leben heute in einer Umwelt, die durch eingeengte Bewegungsräume, reduzierte Bewegungsmöglichkeiten und verkürzte Bewegungszeiten gekennzeichnet sind. Eine „Leichtathletik für Kinder“ vermittelt eine Vielzahl abwechslungsreicher, herausfordernder und attraktiver Bewegungsanlässe, die dem inneren Bewegungsdrang und dem breiten Bewegungsbedürfnis der Kinder gerecht wird.

4.2 Ziele des Kinderhallenleichtathletik-Konzeptes

Mit dem durchzuführenden Konzept soll folgendes Gesamtziel erreicht werden:

Die SchülerInnen verbessern ihre grundlegenden allgemeinen motorischen Handlungskompetenzen im Laufen, Springen und Werfen mittels umfangreicher, vielseitiger und abwechslungsreicher Übungsformen, erfahren die Umsetzung der erworbenen motorischen Handlungskompetenzen an speziellen, attraktiven und vielseitigen Disziplinen im Rahmen eines Team-Mehrkampfwettbewerbes (Kinderhallenleichtahletik – Cup).

Aus diesem Grobziel ergeben sich folgende Feinziele:

Die SchülerInnen:

- sammeln Erfahrungen durch möglichst vielseitige Bewegungsformen und die Benutzung verschiedenster Geräte und Materialien und entwickeln dadurch ein breites Bewegungsspektrum.
- lernen die Tätigkeitsfelder der Kinderleichtathletik in Form des Vergleichens, Messens, Wetteiferns und Leistens untereinander kennen.
- verbessern die koordinativen Fähigkeiten (Reaktionsfähigkeit, Orientierungsfähigkeit, Rhythmisierungsfähigkeit, Differenzierungsfähigkeit).
- erreichen eine Verbesserung der altersgemäß zu entwickelnden konditionellen Fähigkeiten Kraft, Ausdauer, Schnelligkeit, Beweglichkeit, Geschicklichkeit
eine allgemeine körperliche Fitness und beugen eventuellen Haltungsschwächen und Verletzungen vor.
- verbessern ihre sportlichen Handlungskompetenzen im Laufen, Springen, Werfen.
- bauen nach konkreten Anweisungen des Lehrers Wettbewerbsdisziplinen oder Geräte auf und räumen alles benötigte Gerät und Material anschließend zügig weg.
- erfahren durch attraktive, abwechslungsreiche und spannende Übungs-, Spiel- und Wettbewerbsformen das individuelle Erlebnis Kinderhallenleichtathletik.
- fördern durch die individuellen Erlebnisse der Kinderhallenleichtathletik das Selbstbewusstsein und somit ihre Persönlichkeitsentwicklung.
- beachten die aufgestellten Regeln zur Durchführung der Disziplinen.
- erproben im Mannschaftswettbewerben die Teamfähigkeit.
- erfahren in der Auseinandersetzung mit dem Team-Wettbewerb „Kinderhallenleichtathletik-Cup“ die Ausprägung der kognitiven, emotionalen und motivationalen Fähigkeiten.
- lernen im Rahmen des Mannschaftswettbewerbes „Kinderhallenleichtathletik-Cup“ den Umgang mit Erfolg und Misserfolg.
- erleben in den Teamwettbewerben 40 m – Wendesprint und in der Biathlonstaffel das Mannschaftsgefühl und die Leistung als positiven Aspekt zur Erreichung eines gemeinsamen Ziels und akzeptieren Stärken und Schwächen der Mitschülerinnen und Mitschüler gleichermaßen.
- üben sich in den einzelnen Disziplinen im Fair-Play-Gedanken.

4.3 Begründung der Anwendung des DLV-Konzeptes auf die 5./ 6. Jahrgangsstufe

Das Kinderleichtathletikkonzept des Deutschen Leichtathletik-Verbandes wurde für Kinder im Alter von 6 – 11 Jahre konzipiert. Die Kinderleichtathletik des DLV ist dem anschließenden Grundlagentraining (12 – 15 Jahre) als eigenständiger Bereich vorgeschaltet. Dies betrifft den Vereinssport.

Für den Bereich der Schule entspricht das Alter hauptsächlich dem Grundschulalter und dem Übergang zur Sekundarstufe I. Die Inhalte des DLV-Konzepts lassen sich aber ohne weiteres auch auf die 5. und 6. Klasse übertragen. Das Konzept orientiert sich an der allgemeinen sportlichen Entwicklung, vor allem an der Entwicklung der koordinativen und konditionellen Fähigkeiten und Fertigkeiten der Kinder. Zudem befinden sich die Kinder in einem günstigen motorischen Lernalter. Die Kinder im Alter von 11 und 12 Jahren weisen im heutigen Sportunterricht oft starke Defizite in koordinativer und konditioneller Hinsicht auf. Einfache Bewegungsabläufe im Laufen, Springen und Werfen stellen oft erschwerte Hindernisse für die SchülerInnen dar.

Durch meine langjährige Tätigkeit in der Leichtathletik und meiner eigenen leichtathletischen Biografie, fühle ich mich verpflichtet, als Sportlehrer an der Bertha-von-Suttner Gesamtschule in Dormagen das Kinderleichtathletik-Konzept des DLV für die Klassen 5 und 6 in der Schule umzusetzen. Mit diesem Beitrag möchte ich erreichen, dass die Leichtathletik in der Schule für die Schüler und Schülerinnen einer 5. und 6. Klasse attraktiver und kindgerechter dargestellt wird.

5. Konzept „motivierende Kinderhallenleichtathletik“

5.1 Umsetzungsmöglichkeiten des Konzeptes für die Schule

Nach diesen theoretischen Ausführungen sollen Möglichkeiten aufzeigt werden, wie Kinderleichtathletik in der Schule konkret umgesetzt werden kann. Es gibt im Handel inzwischen sehr gutes und anschauliches Material, das es lohnenswert erscheinen lässt, all die vorgeschlagenen Übungen auszuprobieren. Das Angebot ist inzwischen so vielfältig und zahlreich, dass die Auswahl schwer fällt. Es sollen nicht einfach Übungen zum Laufen, Springen und Werfen vorgestellt werden, sondern es wird versucht, die im Bildungsplan geforderten Inhalte zur Leichtathletik (Laufen, Springen, Werfen)[21] in den Klassen 5 und 6 mit ausgewählten attraktiven, abwechslungsreichen Übungsformen für einen motivierenden Hallenleichtathletik-Cup, praxisorientiert umzusetzen.

Bei den Vorüberlegungen zur Umsetzung dieses Konzeptes stellten sich einige Fragen: Wie soll das Konzept umgesetzt werden (Phaseneinteilung)? Wo kann man das Konzept zunächst erproben, bevor es tatsächlich in die Praxis umgesetzt werden kann. Im folgenden wird der Lösungsweg dazu erläutert.

5.2 Zwei – Phasen – Modell

Im Rahmen des „Offenen Angebotes“[22] der Bertha-von-Suttner Gesamtschule in Dormagen boten sich zwei entscheidende Voraussetzungen an, die eine Erprobung ermöglichten.

Die Stundeninhalte können von der Lehrperson selbst getroffen werden und sind nicht laut Lehrplan explizit vorgeschrieben. Des weiteren ist das „Offene Angebot“ für die Klassen 5 und 6 bestimmt, womit sich ein optimales Experimentierfeld unter entspannter Lernatmosphäre mit begrenzter Schülerzahl ergab. Mit jeweils zwei Zeitstunden pro Woche (montags 12:30 Uhr – 13:30 Uhr, freitags 12:30 Uhr – 13:30 Uhr) war somit auch der zeitliche Rahmen zur Erprobung des Konzeptes hergestellt. Die Erprobung des Konzeptes fand im Rahmen des „Offenen Angebotes“ in einer kleineren Turnhalle (30 m x 15 m), in der ebenfalls der Sportunterricht der 5. und 6. Klasse stattfindet, statt.

Bei der Frage, wie man die SchülerInnen methodisch an das Konzept heranführt, ergab sich der nachstehende Lösungsweg.

[...]


[1] Deutscher Leichtathletik-Verband (DLV): Ein Kinderleichtathletik-Wettbewerb, Rundschreiben vom 14.01.2002

[2] vgl. Treutlein, Gerhard: Die Leichtathletik attraktiver machen – nicht ohne das Subjekt Schüler! In: Hommel, H. u. Hopf, H.: Kinder in der Leichtathletik, Bericht vom Kongreß des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, Mainz, 6. – 8. Dezember 1996, S.138

[3] vgl. Katzenbogner, Hans: Kinderleichtathletik, Spielerisch und motivierend üben in Schule und Verein, Münster 2002, S.12

[4] ebenda, S.13f.

[5] wörtlich zitiert aus vgl. Katzenbogner, Hans: Kinderleichtathletik, Spielerisch und motivierend üben in Schule und Verein, Münster 2002, S.13

[6] vgl. Fölling-Albers, Maria: Kindheit im Prozeß der Modernisierung und Individualisierung. In: Hommel, H. u. Hopf, H.: Kinder in der Leichtathletik, Bericht vom Kongreß des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, Mainz, 6. – 8. Dezember 1996, S.17

[7] vgl. Treutlein, Gerhard: Die Leichtathletik attraktiver machen – nicht ohne das Subjekt Schüler! In: Hommel, H. u. Hopf, H.: Kinder in der Leichtathletik, Bericht vom Kongreß des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, Mainz, 6. – 8. Dezember 1996, S.137f.

[8] vgl. Vonstein, Winfried: „Kids´athletics“ – Leichtathletik in einer „normalen“ Sporthalle. In: Sportpraxis, Sonderheft 2001, S.48

[9] Handlungskompetenz = flexibles Reagieren und Agieren in vielfältigen Situationen

[10] Eberle, Fred: Einführung in das Kongressthema. In: Schiele/Eberle/Frey/Kromer 1990, S.11

[11] vgl. Treutlein, Gerhard: Leichtathletik in der Schule neu entdecken. In: Sportpädagogik 1995, S.13

[12] vgl. Hahn, E.: Kindertraining 1982, S.85

[13] Massin entwickelte die Konzeption der neuen Bundesjugendspiele und Kids´ Athletics.

[14] Eberle konzipierte die DLV-Handreichung „Leichtathletik in der Schule“.

[15] Katzenbogner entwickelte zusammen mit Medler die Spieleleichtathletik woraus der DLV-Lehrplan „Kinderleichtathletik“ entstand.

[16] Eberle, Fred: Pädagogische Grundzüge des Trainingsin der Kinderleichtathletik. In: Hommel, H. u. Hopf, H.: Kinder in der Leichtathletik, Bericht vom Kongreß des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, Mainz, 6. – 8. Dezember 1996, S.266

[17] Der Kultusminister des Landes Nordrhein-Westfalen (Hrsg.): Richtlinien und Lehrpläne für den Sport, Sekundarstufe I Gesamtschule, S.33

[18] Der Kultusminister des Landes Nordrhein-Westfalen (Hrsg.): Richtlinien und Lehrpläne für den Sport, Sekundarstufe I Gesamtschule, S.71f.

[19] ebenda, S.72

[20] wörtlich zitiert aus: Der Kultusminister des Landes Nordrhein-Westfalen (Hrsg.): Richtlinien und Lehrpläne für den Sport, Sekundarstufe I Gesamtschule, S.72

[21] Der Kultusminister des Landes Nordrhein-Westfalen (Hrsg.): Richtlinien und Lehrpläne für den Sport, Sekundarstufe I Gesamtschule, S.71ff.

[22] im Rahmen der Ganztagsschule angelegtes Angebot für eine sinnvolle beaufsichtigte Bewegungsgestaltung in der Mittagspause

Details

Seiten
48
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783832471958
ISBN (Buch)
9783838671956
Dateigröße
775 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v222499
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – unbekannt
Note
1,0
Schlagworte
kinderleichtathletik teamwettbewerb hallenleichtathletik mehrkampf schulsport

Autor

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