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Mehr Rechte für Kinder?

Abriss über die Geschichte der Kinderrechte im europäischen Raum und deren Umsetzung in Österreich

Magisterarbeit 2003 111 Seiten

Jura - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Einleitung

Problemstellung und thematische Abgrenzung

Vorgehensweise

1. Der Wandlungsprozess des Phänomens Kindheit
1.1 Forschungsansätze zum Thema Kindheit
1.2 Gesellschaftlicher Stand von Kindern
1.3 Postmoderne Gesellschaft und Kindheit

2. Abriss der historischen Entwicklung
2.1 Die NATÜRLICHKEIT des Jean-Jacques Rousseau
2.2 Die PRINZIPIEN des Johann Heinrich Pestalozzi
2.3 Die Hoheit des Kindes bei Ellen Key
2.4 Das Prinzip HILF MIR, ES SELBST ZU TUN bei Maria Montessori
2.5 Das Prinzip des Kontinuums bei Liedloff

3. Kinderrechtsbewegungen im 20. Jahrhundert
3.1 Grundsätzliche Antipädagogische Aspekte
3.2 Summerhills antiautoritäre Erziehung

4. Erziehung – nein danke? Die Erziehungsproblematik in der gegenwärtigen Zeit
4.1 Das verhaltensgenetische Modell
4.2 Unterschätzung des familialen Einflusses
4.3 Das Modell der Selbstsozialisation
4.4 Brauchen Kinder mehr Erziehung?

5. Auswahl verschiedener Aspekte praxisnaher Erziehungsansätze
5.1 Mut zur Erziehung
5.2 Kinder brauchen Grenzen

6. Das UN-Übereinkommen über die Rechte der Kindes
6.1 Inhalt das Übereinkommens
6.2 Umsetzung des Übereinkommens

7. Die Umsetzung und Wahrung der Kinderrechte in Österreich
7.1 Umsetzung in Österreich
7.2 Problemfelder bei der Inanspruchnahme von psychosozialer Beratung
7.3 Art. 12 – Die Berücksichtigung der Meinung des Kindes
7.4 Aktivitäten zur Umsetzung des Art. 12 der Kinderrechtskonvention

Fazit

Literaturverzeichnis

Weitere Quellen

Vorwort

Welche Rechte haben Kinder? Diese Frage stellt man sich unwillkürlich in den diversen Kriegshandlungen, in die Kinder immer wieder unverschuldet verstrickt werden (z.B. Palästina, Irak, Jugoslawien, Afghanistan). Aber nicht nur dort scheinen jegliche bürgerlichen Rechte aufgehoben zu sein; in jedem Land dieser Erde scheinen die Kinder nur ein mittleres Recht zu besitzen, scheint ihre Existenz zwar erwünscht, aber ihr Dasein beschnitten zu sein. Damit ist nicht gemeint die Beschneidung bestimmter Handlungsräume aus Gründen der Erziehung oder der eigenen Sicherheit, sondern beispielsweise das Recht auf (häuslichen) Frieden und das Recht auf Bildung.

Jedoch nicht nur das, welche Rechte werden beispielsweise Kindern aus geschiedenen Familien zugestanden? Haben sie überhaupt ein Mitspracherecht?

Aber nicht nur lokal scheint diese Frage wenig Relevanz zu besitzen, auch global liegen die Rechte der Kinder, wenn überhaupt, in einer Schublade verborgen. Wenn man von der Absenz von Kinderrechten spricht, denkt man in der Regel an Instrumentarien wie Ausbeutung, Gewalt, Entbehrungen usw. Doch Rechte sind auch ganz woanders einklagbar, beispielsweise im Bereich der Erziehung. Dabei impliziert dieser Begriff bereits Einschränkung und Rechtlosigkeit, sicherlich nicht im drastischen Sinne, aber das Kind wird in seinen Rechten beschnitten. Natürlich, nur zum Wohle des Kindes, wobei der Terminus zum Wohle des Kindes alles andere als eindeutig ist. Also letztlich keine Erziehung und das Kind einfach laufen lassen? Dem würde die Bindung der Eltern bzw. der Mutter an das Kind zuwiderlaufen. Diese Frage muss letztlich offen bleiben.

Einleitung

Die Behauptung, dass alle Kinder Rechte besitzen, brachte Überzeugungen ins Wanken, die überall auf der Welt seit Urzeiten als selbstverständlich galten. Vor tausend Jahren wurden Kinder nicht als Individuen wahrgenommen, sondern sie wurden als Besitz betrachtet und zur Arbeit herangezogen, sobald sie körperlich dazu in der Lage waren. Um ihre besonderen Bedürfnisse kümmerte man sich wenig.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren die Kinder der Verwirklichung ihrer Grundrechte noch keinen Schritt näher gekommen. Erst nach dem Ersten Weltkrieg, als sich der neu gegründete Völkerbund für Frieden und Wiederaufbau einsetzte, wuchs neben dem zunächst ausschließlich karitativen Engagement für notleidende Kinder allmählich auch die Einsicht, dass sie nicht nur Bedürfnisse, sondern auch Rechte haben.[1]

So wichtig diese karitativen Aktivisten auch waren, ihr Nutzen blieb dennoch begrenzt, was viele Fürsprecher für die Sache der Kinder enttäuschte. Die Britin Eglantyne Webb, die 1919 den Save the Children Fund gegründet hatte, verfasste das weltweit erste Dokument, das die Rechte von Kindern festschrieb und von der internationalen Völkergemeinschaft gebilligt wurde. „Ich halte die Zeit für gekommen, da wir nicht länger erwarten können, große Hilfsaktionen durchführen zu können. Wenn wir uns dennoch weiterhin für die Kinder einsetzen wollen [...] scheint es der einzige mögliche Weg zu sein, gemeinsame Bemühungen der Nationen ins Leben zu rufen, für die Kinder nicht nur auf der Basis der Wohltätigkeit zu handeln, sondern auf Dauer etwas zu bewirken. Ich glaube, wir sollten gewisse Rechte für die Kinder fordern und auf ihre weltweite Anerkennung hinarbeiten, damit jeder [...] zur Förderung der Bewegung beitragen kann.“[2]

Eine wachsende Zahl von Experten und Laien, die sich für die Sache der Kinder einsetzten, brachte im weiteren Verlauf des Jahrhunderts eine Bewegung ins Rollen, dessen Ziel es war, die besonderen Bedürfnisse von Kindern nicht nur als unveräußerliche Rechte anzuerkennen, sondern auch gesetzlich zu garantieren.[3] 1989 gipfelte diese Kinderrechtsbewegung in der Konvention über die Rechte des Kindes. Diese Konvention ist als Meilenstein in der internationalen Gesetzgebung über Menschenrechte zu begreifen und umfasst die gesamte Breite der Rechte, die in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 und in den beiden Vereinbarungen von 1966 über bürgerliche und politische Rechte (Zivilpakt) sowie wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte (Sozialpakt) enthalten sind. Auch die internationalen humanitären Gesetze und die Rechte von Flüchtlingskindern finden hier Berücksichtigung.

In einer bis dahin beispiellosen Zusammenarbeit schufen Regierungen und NPOs aus der ganzen Welt das umfassendste Menschenrechtsdokument der Geschichte. Punkt für Punkt erreichten die Verfasser einen Konsens über so sensible Themen wie Kinderarbeit, Kindersoldaten und die sexuelle Ausbeutung von Kindern. Die Fürsprecher der Kinderrechte konnten schließlich erreichen, dass dem Prinzip zum Besten des Kindes in diesem Dokument übergeordnete Bedeutung eingeräumt wurde.

Folgende Ziele sollten bis zum Jahr 2000 erreicht werden:

1. Senkung der Sterblichkeitsrate bei Kindern unter 5 Jahren,
2. Senkung der Müttersterblichkeitsrate,
3. Verringerung der Mangelernährung bei Kindern unter 5 Jahren,
4. Sicherung des allgemeinen Zugangs zu Trinkwasser und Sanitäreinrichtungen,
5. Sicherung des allgemeinen Zugangs zur Grundschulbildung,
6. Senkung der Analphabetenrate bei Erwachsenen,
7. Verbesserung des Schutzes für Kinder in besonders schwierigen Situationen.

Ergebnisse:

1. Senkung der Kindersterblichkeit um ein Drittel

Hier hat es in den 90er Jahren deutliche Verbesserungen gegeben. Während noch 1960 weltweit von 1.000 Kindern 198 vor ihrem fünften Geburtstag starben, waren es 1990 noch 94, und heute sind es 81. Der Rückgang im letzten Jahrzehnt betrug im Durchschnitt 14 Prozent. 63 Länder vor allem in Europa, Ostasien sowie in Nord- und Südamerika konnten die Verringerung um ein Drittel erreichen. 100 weitere Länder konnten die Kindersterblichkeit immerhin um ein Fünftel senken. Die afrikanischen Länder südlich der Sahara blieben dagegen deutlich hinter den Erwartungen zurück. Dort beträgt die Kindersterblichkeit durchschnittlich 172 (1990 ca. 180) pro 1.000 Geburten. In Sierra Leone erreicht sogar fast jedes dritte Kind nicht das fünfte Lebensjahr.[4]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Kindersterblichkeit. [5]

2. Senkung der Müttersterblichkeit um 50 Prozent

In diesem Punkt gab es praktisch keine Fortschritte. Weltweit sterben jährlich nach wie vor 515.000 Frauen durch Komplikationen während der Schwangerschaft oder bei der Geburt. Grund ist die völlig unzureichende medizinische Versorgung von Schwangeren. In vielen Ländern bringen Frauen ihre Kinder immer noch ohne Unterstützung durch eine ausgebildete Geburtshelferin zur Welt, in Südasien zu mehr als zwei Dritteln und in Sub-Sahara-Afrika zu rund 60 Prozent. Das Risiko einer Frau, im Laufe ihres Leben durch Schwangerschaft oder Geburt zu sterben, beträgt in den Entwicklungsländern 61 zu 1. In den Industrieländern reduzierte es sich auf 4.085 zu 1.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Anteil der Geburten, bei denen eine ausgebildete Helferin anwesend ist. [6]

3. Rückgang der Mangelernährung um 50 Prozent

Wenn Kinder früh sterben, dann ist dies in über 50 Prozent der Fälle direkt oder indirekt auf Mangelernährung zurückzuführen. Kinder, die nicht genügend Vitamine und Mineralstoffe zu sich nehmen, haben Krankheiten oft wenig entgegenzusetzen. Im Durchschnitt konnte die Rate der mangelernährten Kinder unter fünf Jahren im vergangenen Jahrzehnt um 17 Prozent reduziert werden. Auch hierbei gibt es allerdings große regionale Unterschiede. Während in Südamerika und in der Karibik die Zielvorgabe sogar übertroffen wurde, blieb der Rückgang in Asien mit einem Minus von sieben Prozentpunkten sehr gering. In den afrikanischen Ländern südlich der Sahara stieg die absolute Zahl der mangelernährten Kinder sogar an. Deutliche Fortschritte gab es bei der Bekämpfung von Vitamin-A- und Jod-Mangel. Kinder, die nicht genug Vitamin A zu sich nehmen, können erblinden. Ihr Risiko, an einfachen Krankheiten zu sterben, ist um 25 Prozent höher als bei Kindern, die nicht an Vitamin-A-Mangel leiden. Im Rahmen nationaler Impftage erhielten in den 90er Jahren Millionen Kinder auch Vitamin A. Insgesamt wurden allein 1998 und 1999 in über 40 Ländern, 30 davon in Afrika, Vitamin-A-Kapseln an Kinder verteilt. Damit konnte fast eine Million Kinder vor dem Tod bewahrt werden.

4. Ziel: Weltweiter Zugang zu sauberem Trinkwasser und hygienischen Sanitäreinrichtungen

1990 hatten nur 79 Prozent der Weltbevölkerung Zugang zu sauberem Wasser und 55 Prozent Zugang zu Sanitäranlagen. In den 90er Jahren erhielten rund 800 Millionen Menschen zusätzlich Zugang zu sauberem Trinkwasser, fast ebenso groß war der Zuwachs beim Zugang zu hygienischen Sanitäranlagen. Immer noch leben über eine Milliarde Menschen ohne Trinkwasseranschluss, und 2,4 Milliarden Menschen müssen ohne Toiletten oder Latrinen auskommen. Doch auch hier sind die regionalen Unterschiede groß. In Guatemala, Indien und Iran konnte die ländliche Wasserversorgung erheblich verbessert werden. Fortschritte gab es bei der Versorgung mit sanitären Anlagen in den Städten Chinas und Indonesiens sowie in den ländlichen Gebieten von Bolivien, Ägypten, Pakistan, Peru und Thailand.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Veränderungen beim Zugang zu sauberem Trinkwasser. [7]

5. Grundschulbildung für alle, Abschluss der Grundschule durch 80 Prozent der Kinder

Noch nie gingen so viele Kinder zur Schule wie heute. Doch von dem Ziel Bildung für alle ist die Menschheit noch weit entfernt. Die Einschulungsrate beträgt heute im weltweiten Durchschnitt 82 Prozent im Vergleich zu 78 Prozent zehn Jahre zuvor. Fast 150 Millionen Kinder verlassen die Schule in den ersten Jahren wieder, ohne einen Abschluss erreicht zu haben. Dramatisch ist die Bildungsmisere in Afrika, wo immer noch über 40 Prozent der Kinder nicht zur Schule gehen können. Doch auch hier gibt es Fortschritte: Malawi entschied 1994, den Schulbesuch für alle Kinder kostenlos anzubieten. Daraufhin erhöhte sich die Zahl der eingeschulten Kinder von 1,9 auf 2,9 Millionen. Die Länder Ostasiens haben nahezu 100-Prozent-Einschulungsraten. In China hat das neue Gesetz über das Recht auf Bildung für alle Volksgruppen dazu beigetragen, dass die Einschulungsrate auf 99 Prozent ansteigen konnte. 60 Prozent der Kinder ohne Schulbildung sind Mädchen. Eine fatale Fehlentwicklung, denn nach dem Urteil der Weltbank sind Investitionen in die Bildung von Mädchen die ertragreichsten Entwicklungsinvestitionen überhaupt, denn:

· die Säuglings- und Kindersterblichkeit ist umso geringer, je höher der Bildungsgrad der Mutter ist, · Bildung bremst das Bevölkerungswachstum. Frauen mit Schulbildung bekommen weniger Kinder als Frauen, die nicht zur Schule gegangen sind, und · gebildete Frauen setzen in der Regel alles daran, ihre eigenen Kinder ebenfalls zur Schule zu schicken.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Einschulungsraten im Vergleich. [8]

6. Ziel: Senkung der Analphabetenrate bei Erwachsenen um 50 Prozent

Rund 875 Millionen Erwachsene weltweit können weder lesen noch schreiben. In der Gesamtzahl entspricht dies in etwa dem Niveau von 1990. Aufgrund der gestiegenen Weltbevölkerung ergab sich jedoch ein prozentualer Rückgang der Analphabetenrate bei Erwachsenen von 25 auf 21 Prozent. Zwei Drittel der Analphabeten sind Frauen. Vor allem Frauen in Süd-Asien und im südlichen Afrika sind von Analphabetismus betroffen.

7. Verbesserter Schutz für Kinder in schwierigen Lebenslagen

Durch die Verabschiedung der Kinderrechtskonvention und den Weltgipfel für Kinder von 1990 ist weltweit das Bewusstsein dafür gestiegen, dass Kinder ein Recht auf einen besonderen Schutz haben. Dies gilt vor allem für Kinder in schwierigen Lebenslagen, etwa für arbeitende Kinder oder für Kinder in Kriegsgebieten. Sie sind besonders gefährdet, Opfer von Missbrauch und Ausbeutung zu werden. Um den Schutz dieser Kinder zu verbessern, wurden nachfolgende Protokolle verabschiedet:

- Im Juni 1999 wurde eine neue Konvention der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) zur Kinderarbeit verabschiedet. Diese verbietet explizit extreme Formen der wirtschaftlichen Ausbeutung von Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren. Damit werden Sklavenarbeit, Zwangsarbeit, Schuldknechtschaft, Kinderprostitution und Kinderpornographie sowie die Arbeit von Kindern und Jugendlichen in gefährlichen Bereichen verboten.
- Um den weltweiten Missbrauch von Kindern als Soldaten zu verhindern, wurde ein Zusatzprotokoll zur UN-Kinderrechtskonvention erarbeitet. Die Konvention sah bislang ein Mindestalter von 15 Jahren für den Soldatendienst vor. Das Zusatzprotokoll hebt das Mindestalter für die direkte Beteiligung an Kampfhandlungen auf 18 Jahre an.
- Durch ein zweites Zusatzprotokoll soll der Handel mit Kindern, Kinderprostitution und -pornographie wirksam bekämpft werden. Damit rücken Verbrechen an Kindern, die bisher tabuisiert oder nicht beachtet wurden, immer mehr ins öffentliche Bewusstsein.

Problemstellung und thematische Abgrenzung

Anhand der Einleitung wird deutlich, dass das Thema Kinderrechte, will man dieses behandeln, umfassend dargestellt werden muss, d.h. es müssen sowohl die geschichtlichen Hintergründe genannt als auch die Entwicklung im letzten Jahrhundert analysiert werden. Aus diesem Grund sollen folgende Fragestellungen im Mittelpunkt dieser Arbeit stehen:

1. In wie weit zeigt die postmoderne Gesellschaft ein verändertes Bild von Kindheit?
2. Kann in Österreich bereits von einer Umsetung des UN-Übereinkommens gesprochen werden?

Vorgehensweise

Um diesen Fragenkomplex ausreichend beantworten zu können, steht am Beginn dieser Arbeit das Phänomen Kindheit, und zwar unter der Prämisse von wissenschaftlicher Forschung. Es werden dazu eine Reihe von Forschungsansätzen genannt, insbesondere eine Darstellung, welchen Stand Kinder in der Gesellschaft grundsätzlich haben und inwieweit die postmoderne Gesellschaft dem Streben nach mehr Rechten für Kinder nachkommt.

Daran schließt sich ein kurzer historischer Überblick an. Hier werden Pioniere der professionellen Auseinandersetzung zwischen Kindern und Erwachsenen, wie Pestalozzi oder Montessori, aber auch an einer Außenseiterin wie Liedloff, dargestellt.

Waren vorgenannte eher der schulpädagogischen Richtung zuzurechnen, so soll nachfolgender Abschnitt sich einerseits mit der antipädagogischen Bewegung, und anderseits mit antiautoritären Konzepten, insbesondere Alexander Neills ‚Summerhill’, auseinandersetzen.

Nach diesem pädagogischen Exkurs bleibt die Frage, inwieweit Erziehung bzw. die Pädagogik schlechthin nicht mitverantwortlich für die Einengung der Kinder in ein politisches Korsett ist. Hat Erziehung überhaupt in der postmodernen Gesellschaft noch eine Chance oder ist dies bereits ein Auslaufmodell? Wie sieht es diesbezüglich in der sogenannten Ratgeberliteratur aus? Werden hier bereits erste Ansätze eines sich verändernden Pädagogikverständnisses sichtbar?

Anschließend wird das UN-Übereinkommen über die Rechte der Kinder kurz dargelegt und darauf untersucht welche Auswirkungen es auf Österreich hat.

Im letzten Abschnitt soll noch einmal detailliert auf die Kinderrechtssituation in Österreich eingegangen werden. Ein kurzer Zusammenfluss der entstandenen Gedanken beendet diese Arbeit.

1. Der Wandlungsprozess des Phänomens Kindheit

Die wissenschaftliche Annäherung an den Begriff Kindheit ist einem ständigen Wandel unterworfen, der wiederum eng mit der Entwicklung der Gesellschaft verknüpft ist. Die wissenschaftliche Annäherung an das Phänomen Kindheit war über einen langen Zeitraum eher einseitig ausgerichtet, d.h. dominierend war die entwicklungs- und sozialisationsbezogene Perspektive. „Kinder werden aus diesem Blickwinkel vorrangig als sich Entwickelnde und erst Werdende begriffen, sie sind Aufwachsende und Lernende, sie sind noch nicht vollwertige Mitglieder der Gesellschaft, sondern sie werden es erst, sie werden erst dazu sozialisiert“.[9] Die Erforschung des Lebens und der Erfahrung von Kindern blieb auf die Felder Familie, Erziehung und Sozialisation beschränkt. Das wiederum heißt, dass das Kind in der wissenschaftlichen Theorie und in der praktischen Sozialpolitik bisher vor allem im Hinblick auf seine Biographie, seine Probleme in bzw. mit der Familie oder mit deren Umfeld erforscht wurde. Um ein soziales Phänomen grundlegend zu erfassen, ist es hingegen notwendig, auch seine Geschichte neben der gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation zu sehen. „Die Erkenntnis, dass Kindheit nicht nur eine Sozialisations- und Entwicklungsphase, sondern auch ein kulturspezifisches und historisch bedingtes soziales Phänomen darstellt, das auch aus anderen Blickwinkeln gesehen werden kann, fand erst in jüngster Zeit Eingang in die wissenschaftliche Diskussion.“[10] Das Interesse richtet sich nun verstärkt auf die Lebensbedingungen von Kindern und die gesellschaftlichen Trends, von denen sie beeinflusst werden.

In der neueren Kindheitsforschung werden Kinder nun als Akteure gesehen, die ihr eigenes Leben gestalten können und, als Folge des Modernisierungsprozesses, dies auch müssen. Aber nicht nur das eigene Leben, auch die Bedeutung des Begriffs Kindheit an sich wird durch Kinder mitbestimmt und verändert. Das Kind bzw. die Kindheit wird hier also als „historisches und soziales Konstrukt“ verstanden, das wissenschaftliche Interesse gilt dem Kind als Kind und nicht nur dem zukünftigen Erwachsenen.[11]

Betrachtet man die Stellung von Kindern in der modernen Gesellschaft, so stößt man auf negative Entwicklungstendenzen wie die Marginalisierung von Kindheit, die strukturelle Benachteiligung von Kindern und die Ausdehnung von Problemlagen der Erwachsenengesellschaft auf Kinder.

Der Trend zur Marginalisierung von Kindheit ist in vielfacher Hinsicht feststellbar. Demographisch stehen das Altern der Gesellschaft bedingt durch steigende Lebenserwartung und durch sinkende Kinderzahlen im Vordergrund. Ökonomisch gesehen leisten die Kinder keinen Beitrag zum volkswirtschaftlichen Sozialprodukt, verursachen aber Kosten sowohl auf der familialen wie auf der gesellschaftlichen Ebene.[12]

Auch in rechtlicher Hinsicht sind Kinder nach wie vor marginalisiert. Das Kindeswohl wird im Allgemeinen nicht von ihnen selbst, sondern von Erwachsenen definiert, d.h. Mitsprachemöglichkeiten gibt es nur beschränkt. Die Rechtsordnung behandelt Kinder und Jugendliche primär als Objekte der Erziehung und nur in geringem Umfang als selbst handelnde Subjekte. Die Rechte und Pflichten von Kindern werden von den Erwachsenen so festgelegt, wie sie es für richtig halten. Eine kindgerechte Sichtweise einzunehmen wird kaum versucht, auch in jenen Bereichen nicht, die für Kinder primär wichtig sind: z.B. Recht auf Taschengeld.[13]

Zusätzlich greifen problematische Symptome aus der Erwachsenengesellschaft auf die Kinder über. Das Altern der Gesamtgesellschaft und die sinkende Kinderzahl entwickeln sich nicht nur zum Problem für die Generationenverhältnisse und die Alterssicherung, sondern machen sich etwa auch im Mangel an Spielkameraden und sinkenden Schülerzahlen bemerkbar. Die mit der Individualisierung und Pluralisierung der Lebensformen zusammenhängenden gesellschaftlichen Phänomene wie z.B. „Orientierungslosigkeit und Irritation, Ohnmachts- und Entfremdungsgefühle“[14] müssen von Kindern mitgetragen werden.

Allerdings haben Kinder heute im Gegensatz zu früheren Jahrhunderten eine eher emotionale, erfahrungsbereichernde und sinnstiftende Funktion im Leben der Erwachsenen. Die empathische Haltung und die im wesentlichen repressionsfreie Erziehung moderner Eltern führen dazu, dass die Bedürfnisse des Kindes heute ernster genommen werden.[15] Der Trend zur Individualisierung brachte dieser Personengruppe mehr Anerkennung als eigenständige Individuen, und daraus wiederum ergeben sich erste Zeichen von Partizipationsmöglichkeiten. Der Ansatz, Minderjährige im Einklang mit dem UN-Übereinkommen über die Rechte des Kindes als Rechtssubjekte anzuerkennen, ist auch Thema vieler juristischer Publikationen. Dank dieser UN-Konvention wurde in den letzten Jahren eine Verbesserung der Rechtsstellung von Kindern und Jugendlichen als gleichwertige Mitglieder der Gesellschaft mit eigenen Bedürfnissen erreicht. In diesem von nahezu allen Staaten der Erde unterzeichneten internationalen Vertrag werden erstmals die Pflichten der Erwachsenen, meistens der Eltern, gegenüber den Kindern als deren Rechte festgeschrieben. Auch die Einrichtung von Kinder- und Jugendanwaltschaften unterstreicht, die Entwicklung von Bürgerrechten für diese Zielgruppe.

1.1 Forschungsansätze zum Thema Kindheit

Die intensive wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema Kindheit in den letzten Jahrzehnten hat zu einer Fülle unterschiedlichster Ansätze geführt. Drei dieser Ansätze, die aus verschiedensten Blickwinkeln den historischen Wandel des sozialen Phänomens Kindheit darstellen, sollen nachfolgend thematisiert werden.

Eine der ersten Arbeiten stammt von Philippe Ariès. Seine 1960 erschienene Geschichte der Kindheit, stellte die Historizität der Begriffe Kindheit und Erwachsenenalter zum ersten Mal in den Mittelpunkt der Diskussion.[16]

Geht man in der Zeitgeschichte einige hundert Jahre zurück, so wird man feststellen, dass es im Mittelalter keine Kindheit im heutigen Sinne gab. Kinder wurden, kaum dass sie physisch selbständig waren, übergangslos ins Leben der Erwachsenen integriert, im Gegensatz zur späteren planmäßigen Erziehung. Erst mit der Entstehung der bürgerlichen Familie der Neuzeit erhielt das Kind seinen Status als Kind. Es wurde Objekt besonderer Aufmerksamkeit und affektiver Zuwendung, vor allem aber einer systematischen Erziehung, die auch entsprechenden Bildungsanstalten übertragen wurde. Ariès sieht diese langfristige Entwicklung kritisch als eine Zunahme sozialer Segregation, Kontrolle und Repression der Kinder. In seiner Analyse zur Entstehung moderner Kindheit kommt er zu dem Schluss, dass vor allem das mit Beginn der Neuzeit erwachte Interesse an Kindern und deren Erziehung sowie die damit verbundene Ausweitung des Schulsystems wesentlich das heutige Verständnis des Begriffes Kindheit prägte. Die Erfindung der Kindheit war mit größerer emotionaler Zuwendung, insbesondere von Seiten der Eltern verbunden, kostete den Kindern aber ihre Autonomie und ihren Platz mitten in der Gesellschaft.

Kinder wurden im Laufe der Zeit zunehmend aus der Welt der Erwachsenen in pädagogisch abgegrenzte Bereiche gedrängt. Ihr Weg aus der „Freiheit und Ungezwungenheit vormals ganzheitlicher Lebenswelten in eine, von den Erwachsenen abgegrenzte Welt der pädagogischen Beeinflussung“, erscheint bei Ariès als der Beginn eines Leidenswegs. „Die Zunahme an pädagogischen Maßnahmen erzeugt einen Zustand besonderer Anfälligkeit, Abhängigkeit und Ausgeliefertseins an die Erwachsenen“.[17]

Ariès Thesen spielen auch in der heutigen Diskussion um die Kindheit eine wichtige Rolle. „Insbesondere die These der Segregierung oder pädagogischen Ghettoisierung fand reichlich Nahrung in der Auseinandersetzung mit der Bildungsreform, die ja im Prinzip darauf gerichtet war, weite Bereiche der Sozialisation bis ins Vorschulalter hinein der öffentlichen Planung und Institutionalisierung zu unterwerfen“.[18] Diese Tendenz findet sich sowohl im Kinderzimmer und im Kinderspielzeug als auch in der Verwissenschaftlichung und Pädagogisierung der Eltern-Kind-Beziehung.

Die Segregierung ist sicherlich auch darauf zurückzuführen, dass der öffentliche Raum, insbesondere in den Städten, für Kinder immer weniger Spiel- und Entfaltungsmöglichkeiten bietet. Wenn die Wohnumgebung es nicht zulässt, dass Kinder sich frei bewegen und wichtige Alltagsziele zu Fuß erreichen können, wird jede Art von Freizeitgestaltung notwendigerweise nach außen verlagert und ist dann in der Regel nur mit dem Auto zu erreichen. Nicht nur die Möglichkeiten der Freizeitgestaltung, auch soziale Kontakte werden dadurch eingeschränkt. Bei Kindern mit einem Wohnumfeld, das eigenständige Mobilität zulässt, wurde eine bessere motorische Entwicklung, größere Selbständigkeit und eine reichere Palette an sozialen Verhaltensweisen festgestellt als bei Kindern mit einem vergleichsweise verkehrsbelasteten Wohnumfeld.[19]

Dies gilt, meiner Meinung nach, auch für Erwachsene, nur mit dem Unterschied, dass sie einfacher „weg“ können, weil sie Autofahren, damit aber auch zugleich eine Verkehrsbelästigung darstellen. Anders gesagt: Die Vormachtstellung des Autos beeinträchtigt insbesondere Kinder ganz erheblich, der Lebensraum des Menschen wird zugunsten des Autos eingeschränkt, besonders wenig „auto-mobile“ Menschen (= Kinder) sind die Leidtragenden.

Lloyd deMause fasste 1974 im Gegensatz zu Ariès die Geschichte der Kindheit als eine Evolution des Eltern-Kind-Verhältnisses auf, die durch eine immer höhere Fähigkeit der Eltern gekennzeichnet ist, sich in die psychische Situation ihrer Kinder zu versetzen bzw. die unbewussten Probleme ihrer eigenen Kindheit zu bearbeiten. Die Folge sei eine stetige Abnahme von Grausamkeiten und Missbrauch der Kinder. Hatten Eltern früher ihre Kinder als Projektionsobjekte zur Abwehr eigener Ängste benutzt, so entwickelte sich im Laufe der Zeit eine empathische Reaktion, also die Fähigkeit des Erwachsenen, auf die Stufe kindlicher Bedürfnisse zurückzugehen und sie richtig zu deuten, ohne ihnen eigene Projektionen beizumischen. „Die Geschichte der Kindheit ist ein Alptraum, aus dem wir gerade erst erwachen.“[20] DeMause glaubt, idealtypische Entwicklungsschritte, von Kindermord und Weggabe über Ambivalenz und Intrusion bis zur Sozialisation und Unterstützung im 19. und 20. Jahrhundert, ausmachen zu können.

Die dritte These stammt von Neil Postman, der 1983 bereits wieder vom Verschwinden der Kindheit bzw. von einer zunehmenden Angleichung von Kindern und Erwachsenen spricht. Er führt sie darauf zurück, dass der Vorsprung an Wissen, den bisher die Erwachsenen aufgrund ihres Zuganges zur Welt des gedruckten Wortes vor den Kindern hatten, wieder abnimmt. Durch die Verbreitung moderner Massenmedien und Kommunikationsmittel sei der Unterschied in der Aneignung von Wissen und damit Kindheit als Entwicklungsabschnitt vom Verschwinden bedroht. Der Unterschied zwischen Kindheit und Erwachsensein wird dadurch eingeebnet, weil Kindern der Zugang zum Wissen und den Geheimnissen der Erwachsenen tagtäglich mit Hilfe des Fernsehens ermöglicht wird: „Ohne Geheimnisse aber kann es so etwas wie Kindheit nicht geben“.[21]

1.2 Gesellschaftlicher Stand von Kindern

Die Wahrnehmung von Kindheit ist stets von den sozialen und strukturellen Bedingungen sowie den wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Entwicklungen einer Gesellschaft abhängig. Die Bilder von Kindheit und Kindern prägen die normativen Auffassungen, was und wie Kindheit zu sein habe, etwa in der Alltagssprache der Erwachsenen über Kinder, im medialen Diskurs über Kindheit heute und auch in der wissenschaftlichen Diskussion.[22]

Die Thesen der neueren Wissenssoziologie von sozialer Repräsentation besagen, dass Gesellschaften Wirklichkeiten konstruieren und auf der Basis von Bildern handeln, die vom jeweiligen Wissensstand der Gesellschaft abhängig sind und durch das Hinzukommen von neuem Wissen verändert werden können. Auf Kinder bezogen bedeutet dies, dass die im Alltagsverständnis, den Medien und in der Forschung vorherrschenden Bilder von Kindheit in einem engen, wechselseitigen Austauschprozess stehen, dessen Resultate letztendlich wiederum auf Kinder, ihre alltägliche Lebensgestaltung sowie auf ihren gesellschaftlichen und politischen Status zurückwirken.[23]

Bei der Interpretation gegenwärtiger Kindheit aus Erwachsenensicht wird diese meist vor dem Hintergrund eigener Erfahrungen als Kind reflektiert und ausgehend von dieser Perspektive bewertet. Gesellschaftliche Entwicklungen und Veränderungen, die sich in den letzten Jahrzehnten vollzogen haben, bleiben oft unberücksichtigt. Die heutige Erwachsenengeneration lebt anders als frühere Generationen, denn sie ist anderen gesellschaftlichen Herausforderungen und Anforderungen ausgesetzt. Gleiches gilt auch für die Kindergeneration, was jedoch in der Diskussion über den Wandel der Kindheit allzu leicht übersehen wird. Im Vergleich mit der eigenen Kindheit wird Kindheit von heute ambivalent, tendenziell eher negativ bewertet. Mütter, die über heutige Kindheit reden, beurteilen diese folgendermaßen:

- „Kinder haben es heute schwerer, weil sich der schützende Sozialraum des Kindes auflöst und es ein wirkliches Kindsein nicht mehr gibt.“
- „Kinder leiden heute unter Stress, weil sie dem Zwang der Konsumgesellschaft und der Wahlmöglichkeiten in jeder Hinsicht ausgesetzt sind.“
- „Für Kinder von heute sind gute soziale Beziehungen schwieriger, weil es ihnen an Festigkeit und Werten mangelt.“
- „Das Leben heutiger Kinder ist nicht mehr so behütet wie früher. Kinder müssen heute mit dem modernen, unruhigen Leben zurechtkommen.“
- „Kinder sind heute vielfältigen Anforderungen ausgesetzt, in der Schule wie in der Freizeit, sie führen ein unruhiges Leben voller Termine.“[24]

Natürlich werden auch positive Aspekte wie die Selbstständigkeit heutiger Kinder oder der größere, auch finanzielle Freiraum erwähnt. Trotzdem überwiegt eine eher negative Bewertung in Verbindung mit der Klage um ein scheinbar verlorengegangenes Paradies, das eben das Abbild der eigenen Kindheit ist.

Ein deutliches Beispiel für die nostalgische Rückbesinnung auf die eigene Kindheit ist das aktuelle Wiederaufleben der Kindheitserinnerungen der heute Dreißigjährigen, die mit Wickie, Slime und Paiper in den siebziger Jahren groß geworden sind. Prompt von den Medien aufgegriffen und vermarktet, erinnert man sich nun wieder an ‚Biene Maya’ und ‚Barbapapa’, kauft sich ‚Bazooka’-Kaugummi und tanzt zum Sound von ‚Abba’.

Immer mutiger wird in den Medien über die Situation heutiger Kinder diskutiert. Kindheit ist zum öffentlichen Thema geworden, das heftig und kontrovers besprochen wird. Kulturpessimistische Warnungen prophezeien ihr Ende, und in der öffentlichen Meinung werden Ängste vor einer neuen Generation von gewalttätigen, egoistischen, fernsehsüchtigen Kindern beschworen. Die Inszenierung einer „Horrormythologie von Kindheit in den Medien ist weit verbreitet, obwohl sie meist jeglicher wissenschaftlicher Grundlage entbehrt.“[25] Kinder werden zum Gegenstand einer Fülle von negativen Schlagzeilen. In einem Rundumschlag wird mit der heutigen Erziehung abgerechnet und deren Opfer beklagt. So ist die Rede von Monsterkindern, die ihre Eltern tyrannisieren, von Kindergarten-Rambos, die am Montag nach einem ausgiebigen Fernsehwochenende aggressionsgeladen ihre Spielkameraden verprügeln, von Nesthockern, die lebensuntüchtig und egoistisch das Hotel Mama belagern, von Nazi-Kids, die jeden das Fürchten lehren oder von Vermeider-Kindern, die sich allen Anforderungen entziehen, als könnte man Probleme mit der Fernbedienung einfach wegzappen.[26]

Das Bild, das von gegenwärtiger Kindheit in den Medien gezeichnet wird, ist durchgehend dramatisiert und vor allem stark verallgemeinert, wie dies Medien beinahe bei allen Themen machen (dies ist kein Spezifikum des Themas Kindheit), werden doch alle oberflächlich beobachteten Erscheinungen auf Kindheit heute und somit auf alle Kinder allgemein übertragen. Aus dieser selektiven Perspektive der Öffentlichkeit lässt sich Kindheit durchwegs als düster und besorgniserregend und damit als äußerst medientauglich darstellen. Ausgehend von wissenssoziologischen und medienwissenschaftlichen Konzepten werden mediale Kindheitsbilder in der neueren Kindheitsforschung daher zunehmend problematisiert. So verglich Lange mediale Aussagen über Kindheit mit empirischen Studien und kam zu dem Schluss, dass sich beträchtliche Diskrepanzen zwischen dem öffentlichen Diskurs und wissenschaftlichen Befunden ausmachen lassen.[27]

Ähnliches lässt sich gesamtgesellschaftlich bemerken: „Während die Rate bei Morden in New York gesunken ist, ist z. B. die Berichterstattung diesbezüglich erheblich gestiegen“.[28]

Reflektiert man das mediale Kindheitsbild und seine Folgen, so stellt sich die Frage, ob derartige dramatisierende Beschreibungen überhaupt dazu beitragen können, dass sich Erwachsene der Realität von Kindern annähern und diese verstehen können. Die permanente Medienpräsenz des Themas Kindheit macht außerdem die große Unsicherheit darüber deutlich, wie heutige Erwachsene sich gegenüber heutigen Kindern verhalten sollen. Beleg dafür ist sicherlich der Boom an Veröffentlichungen von sogenannten Elternratgebern. Dazu gehören auch Zeitschriften wie Eltern, Familie & Co., die das Bedürfnis nach Orientierungshilfe aufgreifen und Rat in allen Lebenslagen erteilen. Da wird erklärt, wie die Trotzreaktionen des Nachwuchses zu deuten sind, die besten Geburtskliniken werden empfohlen, Eltern erfahren, wie man sich kurz vor der Entbindung noch amüsieren kann, es wird erklärt, wie man trotz Kind ein Liebespaar bleiben kann, wie Eltern verborgene Geschwisterkonflikte erkennen können, wie man Kinder hübsch anziehen kann, warum Kinder unter Scheidungen leiden, welche Bücher, Fernsehsendungen und Filme sich für Kinder eignen und vor allem, was man wegen und für Kinder unbedingt kaufen muss.

Kindheit scheint vielfach ein Problem geworden zu sein, das zu einem großen Orientierungsbedarf seitens der Erwachsenen geführt hat und deshalb in den Medien heftig diskutiert wird. Außerdem wurde Kindheit als Markt von der Wirtschaft und der Werbeindustrie erkannt.

1.3 Postmoderne Gesellschaft und Kindheit

In der Literatur sind die verschiedensten Erklärungsmuster für die aktuellen Wandlungstendenzen familienstruktureller Verhältnisse zu finden, wobei die eigentliche Brisanz des familialen Wandels darin liegt, dass nicht nur die Lebensverhältnisse der Erwachsenen, sondern auch und vor allem die der Kinder und Jugendlichen betroffen sind. Besonders verbreitet bei der Auseinandersetzung mit diesen gesellschaftlichen Veränderungstendenzen ist das Konzept der Individualisierung in modernen Gesellschaften. Die von Beck formulierte These der Herauslösung aus traditionellen Gemeinschaftsbindungen behandelt zwar ein Schlüsselmotiv der Soziologie, ist aber kein neues Thema. Individualisierung bedeutet bei Beck, dass im Zuge von Modernisierungsprozessen Lebensläufe immer weniger vorgegeben und zunehmend offener und entscheidungsabhängiger sind. Das Leben der Menschen löst sich von traditionellen Vorgaben und Sicherheiten, also aus fremder Kontrolle. Es wird deshalb zur Aufgabe jedes Einzelnen, sein Leben selbst zu bestimmen, d.h. Menschen können und müssen mehr individuelle Entscheidungen treffen. Der Anteil der prinzipiell entscheidungsverschlossenen Lebensmöglichkeiten nimmt ab und der Anteil der entscheidungsoffenen Lebenssituationen nimmt zu. „Normalbiographien verwandeln sich in Wahlbiographien – mit allen Zwängen und Frösten der Freiheit, die dadurch eingetauscht werden“.[29]

Der Prozess der Individualisierung im Rahmen gesellschaftlicher Modernisierung bedeutet für die Menschen aber nicht nur eine Freisetzung und Erweiterung ihrer Lebensperspektiven, sondern fördert zugleich die Fähigkeit, sich neu zu orientieren, um sich in der veränderten Welt zurechtfinden zu können. „Die Subjekte werden zum Dreh- und Angelpunkt der eigenen Lebensführung, der Einzelne muss lernen, sich selbst als Handlungszentrum, als Planungsbüro in Bezug auf seinen eigenen Lebenslauf, seine Fähigkeiten, Orientierung, Partnerschaften usw. zu begreifen“.[30]

In den Bereich der Partnerschaft und Familie münden Individualisierungsprozesse in tiefgreifende Veränderungen des familialen Rollengefüges. „Die Menschen werden freigesetzt aus den verinnerlichten Geschlechtsrollen, wie sie im Bauplan der Industriegesellschaft für die Lebensführung nach dem Modell der Kleinfamilie vorgesehen sind, und sehen sich jetzt zugleich gezwungen, bei Strafe materieller Benachteiligung eine eigene Existenz über Arbeitsmarkt, Ausbildung, Mobilität aufzubauen und diese notfalls gegen Familien-, Partnerschafts- und Nachbarschaftsbindungen durchzusetzen und durchzuhalten“.[31] Es eröffnet sich häufig ein Widerspruch zwischen den Anforderungen des Arbeitsmarktes und den Anforderungen der Partnerschaft, Familie und Ehe. „Das Idealbild der arbeitsmarktkonformen Lebensführung ist der oder die vollmobile Einzelne, der ohne Rücksicht auf die sozialen Bindungen und Voraussetzungen seiner Existenz und Identität sich selber zur flexiblen, leistungs- und konkurrenzbewussten Arbeitskraft macht, stylt, hin und her fliegt und zieht, wie es die Nachfrage am Arbeitsmarkt wünscht“.[32]

Entsprechend der Individualisierungstheorie ist die heutige Familie nur dann in Ordnung, wenn es allen gelingt, ihre eigene Persönlichkeit zu entwickeln und ihre Lebenspläne zu verwirklichen. In der Familienwirklichkeit erweist sich dies aber zunehmend als Überforderung. Die vielfä1tigen Anforderungen und Entscheidungsmöglichkeiten haben das Konfliktpotential der Familien eher erhöht als gesenkt, was beispielsweise an den gestiegenen Scheidungsraten feststellbar ist.[33]

Diese Unsicherheit und die veränderten Anforderungen betreffen aber keinesfalls nur die Elterngeneration, sondern ebenso die Kinder- und Jugendlichen. Nicht nur die Rolle der erwachsenen Familienmitglieder, auch die Kinderrolle in der Familie hat sich verändert. So ist die Lebenswelt der Kinder in der Gegenwart durch zwei gegenläufige Tendenzen bestimmt: Einerseits kommt den Kindern durch zunehmende Anerkennung als eigenständige Lebewesen immer mehr Bedeutung zu, auf der anderen Seite sind die hochindustrialisierten Gesellschaften alles andere als kinderfreundlich. Rationalität, Berechenbarkeit, Leistung und Effizienz sind Kriterien, nach denen auch die Umwelt der Kinder gestaltet wird. Darüber hinaus bewirken gesellschaftliche Entwicklungstrends wie Zunahme in der Zahl der Scheidungskinder, Alleinerzieherinnenfamilien, Geburtenrückgang oder zunehmende ökonomische Belastungen der Familien ebenso eine Veränderung der kindlichen Lebenswelt.[34]

Die verschiedenen, sich zum Teil widersprechenden gesellschaftlichen Anforderungen, stellen sowohl Eltern als auch Kinder vor vielfältige Entscheidungen, denen die Beteiligten oft nicht gewachsen sind und angesichts derer sie sich häufig überfordert fühlen.

- Zwar erhalten Kinder immer mehr Chancen und Entscheidungsfreiheiten, doch setzen diese sie auch höheren Belastungen aus.
- Zwar wollen sehr viele Erwachsene Kinder haben, doch kurioserweise sinkt die Geburtenzahl und die Lebensräume der Kinder werden weiter eingeengt.
- Zwar wird kindliche Spontanität geschätzt, doch das Leben der Kinder wird in immer größerem Maße organisiert.[35]

„Erst lernt man uns Gehen und Sprechen, dann Stillsitzen und Mundhalten“ (Volksspruch).

Klare Normen und Werte, feste Zugehörigkeit zu sozialen Welten, eindeutige und kalkulierbare Abfolge von individuellen Lebensabschnitten, sichere ethische, moralische und soziale Standards sowie eindeutige Vorbilder sind für heutige Kinder nicht mehr unbedingt kennzeichnend. Von den negativen Folgen dieser Entwicklung, wie z.B. Orientierungslosigkeit und Irritation, Ohnmachts- und Entfremdungsgefühle, sind Kinder ebenso wie Erwachsene in immer stärkerem Maße betroffen, wenn es ihnen nicht gelingt, die an sie gestellten Anforderungen zu bewältigen.[36]

Ein Aspekt dieser Entwicklung ist die Pluralität möglicher Handlungsorientierungen und -alternativen. Dies hat dazu geführt, dass sich auch für Kinder die Entscheidungszwänge vermehrt haben. Dieser Trend birgt für Kinder ein Risiko, da Entscheidungsprozesse eine Reihe bereits ausgebildeter Fertigkeiten voraussetzen, die Kinder erst mit der Zeit erwerben. Jene Kinder, die diese Kompetenzen noch nicht ausreichend ausgebildet haben, sind hier sicher benachteiligt.

Andererseits führt die Freisetzung von traditionellen Normen und Wertvorstellungen zu einer Reduzierung der sozialen Kontrolle über kindliches Verhalten, und auch diese Entwicklung beinhaltet zunehmende Entscheidungsfreiheit für Kinder und somit die Chance oder den Zwang zu einer stärkeren eigen- und selbständigen Gestaltung ihrer Lebenswelten. Der Trend zur Individualisierung führt auch dazu, dass das einzelne Kind zunehmend als eigenständiges Individuum anerkannt wird, wobei es zu einer wichtigen Aufgabe insbesondere der Eltern wird, die Eigenständigkeit des Kindes zu fördern und zu unterstützen. Die Pädagogisierung der Kindheit zeigt eine Wende hin zur individualistisch orientierten Erziehung, bei der die Förderung von Eigenständigkeit und der Fähigkeit zu selbständigem Handeln im Mittelpunkt steht.

Ein weiteres Charakteristikum postmoderner Gesellschaften ist die funktionale Differenzierung der Lebensbereiche. Mit zunehmender Komplexität der Gesellschaft erfolgt die Zuweisung einzelner Aufgaben an spezifische gesellschaftliche Bereiche – ein Entwicklungstrend, der die Kindheit in besonderem Maße beeinflusst. Jene Bereiche, denen nicht explizit die Sorge, Betreuung, Erziehung oder Bildung der Kinder zugewiesen sind, lassen Bedürfnisse und Interessen von Kindern im allgemeinen unberücksichtigt. Kinder finden außerhalb der ihnen zugewiesenen Bereiche und spezialisierten Räume keine ihnen angemessenen Lebensbedingungen vor und sind somit, etwa durch elterliche Arbeitszeiten und Verkehrsbedingungen kinderfeindlichen Strukturen ausgesetzt.[37]

Die Informationsvielfalt und die Ausdifferenzierung verschiedener Spezialbereiche bringt es mit sich, dass dem Einzelnen häufig entsprechendes Wissen fehlt. Der Bedarf an Beratung nimmt in dem Maße zu, als sich spezielle gesellschaftliche Subsysteme ausdifferenzieren. Dies gilt zunehmend auch für erzieherische Bereiche.

Die wissenschaftliche Entwicklung, vor allem die Erkenntnisse der Psychologie und der Pädagogik, bewirken, dass auch in ehemals familieninternen Bereichen zwischen Fachleuten und Laien unterschieden wird. Für den Bereich der Erziehung bedeutet das, dass institutionelle Beratungs- und Betreuungseinrichtungen im Erziehungsbereich eine wichtige und notwendige Entlastung für die Familien darstellen und immer mehr an Bedeutung gewinnen, weil die Eltern Kindererziehung als immer schwieriger ansehen und den vielfältigen Problemen oft nicht mehr gerecht werden können.[38]

Der Begriff Kindheit stellt sich in der Postmoderne äußerst ambivalent dar, weil den neuen Chancen, Freiheiten und Optionen auf der einen Seite neue Gefährdungen und Risiken auf der anderen Seite gegenüberstehen. Die Paradoxie der Moderne prägt demnach nachhaltig das Aufwachsen der Kinder, wobei Kinder eine Gruppe darstellen, die zu Verlierern der Modernisierung zu werden scheint.

[...]


[1] Maggie Black, Childrens First. The story of UNICEF past and present, UNICEF, Oxford University Press, New York 1996, S. 21.

[2] Save the Children Fund, Archiv, SC/SF/17.

[3] UNICEF, Zur Situation der Kinder in der Welt 2000, S. 17.

[4] UNICEF-Bericht zur Situation der Kinder in der Welt 2001.

[5] Quelle: UNICEF 2001.

[6] Quelle: UNICEF 2001.

[7] Quelle: UNICEF 2001.

[8] Quelle: UNICEF 2001.

[9] Kränzl-Nagl 1998, S. 12.

[10] Qvortrup 1993, S. 109 ff.

[11] Vgl. Qvortrup 1993, S. 109 ff.

[12] Vgl. Wintersberger 1998 S.77 ff.

[13] Vgl. Schwarz-Schlöglmann 1998 S. 106.

[14] Kränzl-Nagl 1998, S. 41.

[15] Vgl. Wilk 1994, S.35 ff.

[16] Vgl. Kränzl-Nagl 1998, S. 45.

[17] Ariès 1960, S. 38.

[18] Geulen 1994, S. 17.

[19] Vgl. Czermak 1998, S. 287 ff.

[20] de Mause 1989, S. 12.

[21] Postman 1987, S. 95.

[22] Vgl. Kränzl-Nagl 1998, S. 21 ff.

[23] Vgl. Lange 1996, S. 78 f.

[24] Vgl. Fuhs 1999, S. 81 ff.

[25] Kränzl-Nagl 1998, S. 24.

[26] Der Spiegel 1995, zit. nach Lange 1996, S. 75 ff.

[27] Vgl. Lange 1996, S. 75 ff.

[28] Vgl. Moore, o-ton aus dem Film “Bowling for Colombine”.

[29] Beck / Beck-Gernsheim 1990, S. 13.

[30] Beck 1986, S. 217.

[31] Beck / Beck-Gernsheim 1990, S. 14.

[32] Beck / Beck-Gernsheim 1990, S. 15.

[33] Vgl. Höglinger 1994, S. 11 ff.

[34] Vgl. Höglinger 1994, S. 14.

[35] Vgl. Büchner 1994, S. 24.

[36] Vgl. Kränzl-Nagl 1998, S. 41 f.

[37] Vgl. Wilk 1994, S. 40.

[38] Vgl. Höglinger 1994, S. 10 ff.

Details

Seiten
111
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783832470951
ISBN (Buch)
9783838670959
Dateigröße
963 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v222414
Institution / Hochschule
Universität Wien – Human- und Sozialwissenschaften
Note
2,0
Schlagworte
gesellschaft un-übereinkommen phänomen kindheit

Autor

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Titel: Mehr Rechte für Kinder?