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Die Linkshänder in einer rechtsorientierten Gesellschaft

Problembewältigung und Möglichkeiten am Beispiel einer Konzeptentwicklung für eine Linkshänder-Beratungsstelle

Diplomarbeit 2002 93 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 Einleitung 4

Kapitel 2 Wissenschaftliche Aspekte
1 Die Verteilung von Rechts- und Linkshändern in der Bevölkerung
1.1 Häufigkeit der Linkshändigkeit in der Statistik
1.2 Kuturgeschichtliche Entwicklung
1.3 Heutige Einstellung gegenüber Linkshändigkeit
2 Lateralität der Händigkeit
2.1 Definition des Begriffes Lateralität
2.2 Aufbau und Funktion des Gehirns- Die Hemisphärenspezialisation
2.3 Hirnforschung Gestern und Heute
2.4 Händigkeit im Zusammenhang mit Hirn- und Sprachdominanz
3 Ursachen für Linkshändigkeit
3.1 Vererbungstheorie
3.2 Biologische- und organische Ursachen
3.3 Umwelttheorien

Kapitel 3 Umgang mit Linkshändigkeit
1 Bestimmung der Händigkeit
1.1 Schwierigkeiten bei der Händigkeitsbestimmung
1.2 Bestimmung der Lateralität von Augen, Ohren und Füßen
1.3 Händigkeitsbestimmung durch Beobachten
1.4 Untersuchungsmethoden
1.5 Protokollbogen
1.6 Norminierte Testverfahren
2 Anpassung an eine Rechtshänderwelt und deren Folgen
2.1 Theorie der Umschulung nach Sattler
2.1.1 Primär- und Sekundärfolgen durch Umschulung 36
2.1.2 Rückschulung 38
2.3 Theorie der Über- und Fehlanpassung eines Linksveranlagten nach Pester
3 Linkshänder in verschiedenen Lebensbereichen- Schwierigkeiten und Hilfen
3.1 Einführung
3.2 Linkshändige Kinder und Spielen
3.3 Das linkshändige Kind im Kindergarten
3.2.1 Wechselnder Handgebrauch- ein Problem bei der Einschulung 49
3.4 Linkshänder in der Schule
3.4.1 Die Aufgabe von Lehrer und Eltern in der Schulzeit 52
3.4.2 Unterrichtsmaterialien und Hilfen für Lehrer und Eltern 54
4 Hilfen für Linkshänder
4.1 Ergotherapie
4.2 Beratungsstellen für Linkshänder
4.3 Initiativen
4.4 Adressen

Kapitel 4 Zusammenfassung

Kapitel 5 Organisationskonzept der Linkshänder- Beratungsstelle

Literaturverzeichnis

Internetadressen

Graue Literatur

Anlagenverzeichnis

Anlage 1 Protokollbogen von Sattler

Anlage 2 Testbogen Leistungs- Dominanz- Test von Schilling

Anlage 3 Hand- Dominanz- Test von Steingrüber und Lienert

Anlage 4 Schreibvorlagenhefte vom Schulamt Gardelegen

Anlage 7 Lefthand- Diplom vom Schulamt Gardelegen

Anlage 6 Handzettel von Schulpsychologischer Beratungsstelle

Anlage 7 Informationsblatt von Sattler

Anlage 8 Adressen

Anlage 9 Interessengruppen für Linkshänder in Deutschland

Eidesstattliche Erklärung

Kapitel 1 Einleitung

Linkshändigkeit scheint heute in der allgemeinen Betrachtung unproblematisch zu sein. In liberalen Ländern dürfen linkshändige Menschen zum Schreiben ihre dominante Hand benutzen. Selbst in einem Tagesblatt heißt es: „Linkshänder haben sich behauptet und sind in der Gesellschaft anerkannt.“[1] In einem Seminar an der Fachhochschule Lausitz wurde auf das Thema kurz von einer Schulpsychologin eingegangen. Sie machte darauf aufmerksam, dass Linkshänder nicht umgeschult werden dürfen und war überzeugt davon, dass Pädagogen informiert sind und linkshändige Kinder ausreichend unterstützt werden.

Bei eingehender Beschäftigung mit der Thematik, stößt man jedoch auf ein umfangreiches Problemfeld.

Linkshänder finden für die Entwicklung ihrer natürlichen Linkshändigkeit und -seitigkeit keine optimalen Bedingungen vor. In vielen Lebensbereichen sind sie mit Problemen konfrontiert, die auf Grund rechts orientierter Erziehungsstrategien und den typischen nur für den rechthändigen Gebrauch geschaffenen Geräten und Techniken entstehen.[2] Es fehlt oftmals in der Praxis an ausreichender Unterstützung und Hilfe, um Linkshändigkeit entsprechend fördern zu können. Die Folge kann Umerziehung und selbsterzieherische Fehlanpassung sein und dann kann es zu sehr schwierigen pädagogischen und psychologischen Problemen kommen. Gelingt es auf der anderen Seite dem Linkshänder seine Händigkeit frei zu entfalten und seine dominante Hand für alle wesentlichen Tätigkeiten zu benutzen, entstehen keine Schwierigkeiten, ganz im Gegenteil gerade unter Linkshändern finden sich häufig sogar Hochbegabte.[3] Berühmte und erfolgreiche Linkshänder sind beispielsweise die amerikanischen Präsidenten Ford, Reagan, Bush und Clinton oder Künstler wie Leonardo Da Vinci, Michelangelo, Mozart u.a.

Ziel der Diplomarbeit ist die besondere Situation von Linkshändern bzw. Linksseitig veranlagten zu betrachten und Möglichkeiten aufzuzeigen, um auch für diese Gesellschaftsgruppe gleiche Chancen für die natürliche Entwicklung ihrer Händigkeit zu schaffen.

Im theoretischen Teil der Arbeit (Kapitel 2) wird anhand von statistischen Aussagen die Verteilung von Rechts- und Linkshändern betrachtet. Weiterhin wird der Frage nachgegangen, welches gesellschaftliche Bild gegenüber Linkshändern vorherrscht und wie es zustande gekommen ist. Den Zusammenhang zwischen Händigkeit und den spezifischen Aufgaben des Gehirns ist ein weiterer Punkt der theoretischen Ausführungen. Als letzter Punkt werden mögliche Ursachen von Linkshändigkeit bzw. Einhändigkeit dargestellt. Bis heute besteht in der Wissenschaft darüber keine Einigkeit.

Im Kapitel 3 wird u.a. der Frage nachgegangen, mit welchen besonderen Problemlagen es Linksveranlagte zu tun haben und inwieweit entsprechende Hilfen vorhanden sind bzw. wie diese aussehen könnten. Für Sozialpädagogen tut sich hier in verschiedenen Berufsfeldern ein weites Betätigungsfeld auf.

Kapitel 4 faßt noch einmal die wichtigsten Aussagen zusammen.

Im Kapitel 5 wird eine Hilfe für Linkshänder anhand einer Konzept-entwicklung für eine Beratungsstelle vorgestellt. Ziel ist, durch Öffentlichkeits- und Aufklärungsarbeit, flächendeckend in Deutschland präventive Einrichtungen zu schaffen.

Kapitel 2 Wissenschaftliche Betrachtungen

1. Die Verteilung von Rechts- und Linkshändern in der Bevölkerung

1.1 Die Häufigkeit der Linkshändigkeit in der Statistik

Die Angaben über die Zahlen von Linkshändern variieren in der Statistik sehr stark. In älteren Arbeiten wird meist von einem niedrigen Prozentsatz um die 10% gesprochen, wogegen Wissenschaftler heute einen hohen Prozentsatz von 40 - 50% nicht mehr ausschließen.[4]

In der Literatur werden unterschiedliche Gründe genannt. Sattler nennt hauptsächlich die unterschiedlichen Meßmethoden, die entweder nach strengeren oder lockeren Maßstäben angelegt sein können. Dabei spielt eine wichtige Rolle, ob umgeschulte Linkshänder (Pseudorechtshänder) überhaupt erkannt werden und zu welcher Gruppe, also Rechts- oder Linkshänder, sie eingeordnet werden. In diesem Zusammenhang wird betont, dass eine frühzeitige Erfahrung der Minderwertigkeit von Linkshändigkeit dazu führt, dass die Veranlagung unterdrückt und geheimgehalten wird.

Meist wird bei der Bestimmung eine dritte Gruppe benutzt, in der Personen, die nicht sicher eingeordnet werden können als „Beidhänder“ bezeichnet werden. Das hat zur Folge, dass sich die Statistik verschiebt.[5]

Eine Seitenverteilung von 50 zu 50 vertritt unter anderem Caliezi auf Grund von Beobachtungen ein- und beidhändiger Tätigkeiten in den Bereichen Sport, Arbeit und Alltag. Dieselbe Händgikeitsverteilung konnte demnach auch bei Kleinkindern festgestellt werden. Caliezi geht davon aus, dass ungefähr mit dem 2. Lebensjahr eine deutlich sichtbare Händigkeit besteht. Bis zum 5. Lebensjahr wurde eine Verteilung von 50% zu 50% beobachtet. Das gleiche galt auch für die Bevorzugung von Füßen, Augen und Ohren. In der späteren Entwicklung verschob sich dann die Händigkeit zugunsten des Rechtshandgebrauchs. Dieser ging einher mit dem Schuleintritt und damit dem Beginn der Schreibtätigkeit. Gefunden wurden dann noch eine 20 - 40 prozentige Linksorientierung, die sich bis zum 8. Lebensjahr auf 8 - 10% verringerte.[6]

Kritisch bei diesen Beobachtungen ist, dass beidhändige Tätigkeiten nur ungenaue Aussagen über die dominierende Hand geben können und dass die Angaben über die Datenerhebungen nicht sehr genau waren. Interessant scheint die Verschiebung der Händigkeit nach rechts mit dem Schulbeginn, was schon Sovak (1968) durch empirische Untersuchungen tschechischer Kinder belegen konnte.

In der westlichen Welt ist ein stetiger Zuwachs von Linkshändern erkennbar. Waren es 1930 in den USA und England 3%, so konnten 1970 schon 11%[7]

verzeichnet werden. Die USA sind in Bezug auf Linkshändigkeit heute das toleranteste Land der Welt, was auch auf den Einfluß der vielen linkshändigen amerikanischen Präsidenten zurückzuführen ist.

Interessant sind auch heutige Zahlen von bayerischen Grundschulen in Deutschland. Hier ist ein Anstieg in den letzten zehn Jahren zu verzeichnen, der mittlerweile zwischen 20 und 30 % liegt. In Bayern befindet sich seit 1985 die Erste Beratungs- und Informationsstelle für Linkshänder und umgeschulte Linkshänder in München. Sie hat durch ihre Arbeit, insbesondere die Öffentlichkeitsarbeit, die Bevölkerung sensibilisiert und über das Thema aufgeklärt. Seit 1989 gibt es weiterhin in Zusammenarbeit der Beratungsstelle und landesstaatlicher Institute, Materialien und Arbeiten für Lehrer und Erzieher, über den Umgang mit linkshändigen Kindern.[8] Somit konnte die Beratungsstelle einen entscheidenden Anteil leisten, für die steigende Toleranz gegenüber dem Schreiben mit der linken Hand.

In anderen Ländern sind in den Statistiken nur sehr geringe Linkshänder Anteile zu finden. Auffallend sind hier Taiwan und Japan, denn mit 3% (1970) scheinen sie eine weltweite Ausnahme zu bilden. In Japan wird Linkshändern sogar eine größere Geschicklichkeit unterstellt, da sie dem dort herrschenden Ideal eines flexiblen Beidhänders nahe kommen. Zum einen werden hier Linkshänder im sportlichen Bereich gefördert, zum anderen wird ausschließlich nur mit der rechten Hand geschrieben. Als Grund für das Selbstverständliche rechtshändige Schreiben, wird eine scheinbare tiefe gesellschaftliche Verwurzelung gesehen. Es fehlen in Japan völlig staatliche Richtlinien und Kommentare, die das linkshändige Schreiben unterstützen und fördern.[9]

Zusammenfassend ist erkennbar, dass die statistische Zahlen über Links-händigkeit mit verschiedenen Aspekten zusammenhängen. Zum einen werden in der Literatur Häufigkeitsangaben über Händigkeit sehr unterschiedlich dargestellt. Es finden sich sehr allgemeine Aussagen, die Prozentzahlen ohne Hinweis auf Alter, Geschlecht, Umfang der Stichprobe und Methoden angeben aber auch detaillierte und differenzierte Aussagen mit hohem Informationsgehalt.[10]

Weiterhin beeinflussen auch gesellschaftliche und kulturelle Faktoren vorhandene Angaben über die Anzahl von Links- wie auch Rechtshändern. Im nächsten Punkt soll der Frage nachgegangen werden, inwieweit in der kultur-geschichtlichen Entwicklung Gründe für ein scheinbares Überwiegen der Rechtshändigkeit zu finden sind.

1.2 Kulturgeschichtliche Entwicklung

Durch Funde von Werkzeugen aus der Steinzeit konnte festgestellt werden, dass die Anzahl der Rechts- wie auch Linkshänder annähernd gleich gewesen sein muß. Auch Höhlenmalereien zeigen Abbildungen von Menschen und Tieren in den beiden Richtungen: Rechts wie auch Links.

Erst in der Bronzezeit veränderte sich dieses Gleichgewicht zugunsten der Rechtshändigkeit. Auch dies konnte anhand von Werkzeugfunden nachgewiesen werden. Nach Sovak gab es jedoch im Verlauf der Geschichte nicht immer eine kontinuierliche eindeutige Rechtsentwicklung. Noch im alten Ägypten sind linkshändige Personen in Schriften sowie durch Plastiken dargestellt. Weiterhin meinen Wissenschaftler, dass aus den unter-schiedlichen nicht einheitlichen Schriftrichtungen zu sehen ist, dass es zur damaligen Zeit schwer viel, sich über eine Richtung zu einigen.[11] Angenommen wird, daß aus der Schriftrichtung erkennbar ist, welche Händigkeit vorherrschend war. Eine von rechts nach links (linksläufig) verlaufende Schrift erscheint demnach für einen Linkshänder und umgekehrt eine Rechtsläufigkeit für einen Rechtshänder geeigneter. Frühere Schriften besaßen beide Richtungen, wobei häufiger eine Linksläufigkeit wie z.B. bei der frühsten griechischen und auch heute noch der chinesischen Schrift, vorkam.[12]

Nach Sattler ist die Schriftrichtung als sicherer Beweis mit Vorbehalt zu betrachten. Weiterhin hinterfragt sie kritisch, ob die Schriftrichtung und damit verbundene Händigkeit weniger Gelehrter, auf die allgemeine Bevölkerung übertragen werden kann. Sie sieht einen Zusammenhang zwischen dem „Durchsetzungsvermögen der Linkshänder und dem Entstehen der Schrift“.[13]

Gemeint sind die unterschiedlichen Fähigkeiten der Gehirnhemisphären. In der rechte Hemisphäre, welche motorisch dominierend ist bei Linkshändern, sind das synthetische Verarbeiten und die Raumwahrnehmung besonders ausgeprägt. Dies ist ein Vorteil im Kampf ums Überleben und in der Kriegführung. Linkshänder konnten somit den Rechtshändern in dieser Beziehung überlegen sein und sich in Kriegszeiten stärker durchgesetzt haben. Im Gegenzug sind die sprachliche und analytische bzw. aufeinanderfolgende Art zu Denken schwächer besetzt. In der linken Hemisphäre, welche dominierend für Rechtshänder ist, sind diese letzt genannten Merkmale stärker ausgeprägt. Somit waren Rechtshänder im sprachlichen Bereich den Linkshändern etwas überlegen. In friedlichen Zeiten und bei der Niederschrift der Sprache waren diese besonderen Fähigkeiten gefordert. Somit konnten sich in Zeiten des Friedens wahrscheinlich die Rechtshänder durchsetzen.[14]

Welche Bedeutung die Seitigkeit in der religiösen Entwicklung hatte, ist aus dem ältesten Symbolsystem welches bekannt ist, ersichtlich. „...die Tafel der Gegensätze des Pythagoras ... enthält Gegensatzpaare [wie z.B.]:

weiblich - männlich

dunkel - hell

schlecht- gut

kalt - warm

krumm - grade

links - rechts „[15]

In diesem System wurde also schon rechts mit dem Guten und links mit dem Schlechten, Dunklen verbunden. Nach Smits haben „die Völker auf der ganzen Welt die gleichen Einteilungen“.[16] Am Beispiel der Bibel ist dies auch heute noch erkennbar. Sie bewertet die rechte und linke Seite oder Hand unterschiedlich. Nach Brockhaus „gilt rechts im primitiven Volksglauben und auch in höheren Religionen meist als die glückhafte Seite. ... Die recht Hand des Menschen gilt als besserer Leiter des Segens : Genesis 48/18“.[17]

Seitenaufteilung in Kirchen sowie Darstellungen der christlichen Kunst zeigen verschiedene Seitensymboliken, wie in der folgenden Abbildung 1 zu sehen ist. Sattler stellt hier stützend auf überlieferten Daten von christlichen Autoren, schematisch die Seitenaufteilung im Kirchengebäude bei geosteten Kirchen dar:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1 Kirchengebäude bei einer geosteten Kirche[18]

Darstellungen von Kreuzigungen zeigen immer von Christus aus gesehen auf der rechten Seite die positiven Menschen und auf der Linken die weniger anerkannten bzw. negativen.[19]

Aber auch in anderen Glaubensrichtungen wie z.B. im Islam finden sich die negative Beurteilung von Links. Wer im Islam mit der linken Hand ißt, wird verabscheut. Die linken Hand ist für einen Mohammedaner unrein, denn mit ihr werden schmutzige Arbeiten verrichtet. Mit der rechten wird dagegen gegessen, geschrieben und gegrüßt. Die unterschiedliche Funktionen der Hände machen nach Smits in warmen Klimazonen auch Sinn. Um sich in Zeiten mangelnder Hygiene vor Krankheiten zu schützen, war es sinnvoll Regeln aufzustellen. Die Hand, die für schmutzige, unhygienische Arbeiten wie z.B. zum Abwischen nach dem Stuhlgang genutzt wurde, sollte nicht beim Essen gebraucht werden.[20]

Auch in Volkssagen und Aberglauben hat links und rechts immer eine unterschiedliche Bedeutung. Es gibt unzählige Geschichten in denen gerade die linke Seite des Körpers magische und beschwörende Eigenschaften im negativen wie auch im positiven Sinne besitzt. In Schwaben ist z.B. überliefert, daß Bäcker das Brot durch das Eindrücken der linken Fingerspitzen in den letzten Teig, vor der Macht der Hexen schützen könnten.[21] Teilweise wurde im Zusammenhang mit Hexerei die linke Hand regelrecht verteufelt.

Im Sprachgebrauch wird aus abergläubischer Frühzeit stammend, links oft mit Unvollkommenheit und Unzureichenheit assoziiert wohingegen rechts für das Richtige und Wahre steht. Das lateinische Wort „dexter“ bedeutet rechts und richtig, wogegen „sinester“ links und nicht rechtschaffend heißt. Das englische links (left) steht für unbeholfen und ungeschickt und das russische „levo“ wird gleichgesetzt mit falsch und verstohlen.[22]

Somit kann die Geschichte der Benachteiligung von links auf ein lange

Tradition und Überlieferung über die Jahrhunderte hinweg zurückschauen. Sovak sieht in der„Unterdrückung der Linkshändigkeit ... ein Überbleibsel religiöse Vorurteile und des Aberglaubens...“.[23]

Bis in die heutige Zeit haben sich Vorurteile gegenüber dem Gebrauch der linken Hand in den Köpfen der Menschen festgesetzt. Allerdings haben sie in der heutigen modernen Industriegesellschaft keinerlei Begründung mehr. Frühere vorherrschende Lebensbedingungen sind überwunden und darauf zurückzuführende Dogmen und Tabusetzungen sind deshalb nicht mehr nötig. Nach Olsson und Rett ist wissenschaftlich kein begründeter Anlaß bekannt, der für eine Unterdrückung der Linkshändigkeit sprechen würde.[24]

1.3 Heutige Einstellungen gegenüber Linkshändigkeit

Eltern, Großeltern und Pädagogen handeln aus ihnen bekannten soziokulturellen üblichen Überzeugungen. In den Sätzen wie:“ Gib mir das schöne Händchen oder Du bist ein Linkspatsch“ werden aus ihrer Sicht normale Werte und Normen an die Kinder weitergegeben. Linkshändigkeit wird auch heute noch auf Grund der überlieferten Wertvorstellungen als etwas Minderwertiges angesehen. Deshalb werden immer noch Kinder auf die rechte Hand umgeschult bzw. schulen sich selbst um. Diese Umschulung hat jedoch Folgen für die gesunde Entwicklung, denn sie kann zu krankhaften Störungen führen. Ausführlich wird das Thema Umschulung im Kapitel 3 Punkt 2.1 behandelt. Es gibt immer noch Eltern, Pädagogen und auch Ärzte, die diese Tatsache ignorieren. Teilweise gibt es heute noch Kinderärzte, die Müttern linkshändiger Kinder empfehlen, sie sollen beim Schuleintritt doch darauf achten, dass mit der rechten Hand geschrieben wird, da das leichter zu handhaben wäre (für wen?) und Eltern, die sich der Linkshändigkeit ihrer Kinder schämen.

Olsson und Rett drücken dies so aus: „ In unserem Kulturbereich ist es für Eltern unangenehm, wenn ihr Kind der Tante die >>falsche<< Hand gibt“.[25]

Auch Sattler, Leiterin der Beratungsstelle in München, konnte an verschiedenen Fällen aus ihrer Praxis feststellen, dass es noch immer Lehrer und Ärzte gibt, die wissenschaftlichen Erkenntnissen zum Trotz, an alten überlieferten Vorurteilen hängen bleiben.[26]

2. Lateralität der Händigkeit

2.1 Definition des Begriffes Lateralität

Je höher ein Lebewesen in der Entwicklungsreihe steht, um so öfter treten Ungleichheiten (Asymetrien) der Form- gemeint ist der äußere Körperbau- und der Funktionen auf. Gerade beim Menschen sind diese Form - und Funktionsasymmetrien am meisten vorhanden.[27] Würde man die Hälfte eines Gesichts als Spiegelbild zusammensetzen, ergäben sich Unterschiede zum echten Gesicht. Auch alle anderen Körperteile zeigen in ihrer äußeren Form Unterschiede ( Formasymmetrien).

Anhand experimenteller Untersuchungen und Beobachtungen sind weiterhin die Bevorzugung sowie größere Geschicklichkeit und Aktivitäten einer bestimmten Seite nachweisbar. Diese Dominanz betrifft verschiedene Körperteile z.B. Hände und Füße sowie Sinnesorgane z.B. Augen und Ohren (Funktionsasymmetrien).[28]

Lateralität heißt quasi das natürliche Dominieren einer bestimmten Seite und damit verbunden eine sensorische und motorische Bevorzugung.

Sovak drückt das wie folgt aus: „Die Lateralität ist eine entwicklungsmäßig,...bedingte Asymmetrie der paarigen Organe im Sinne einer Überordnung der einen Seite gegenüber der anderen“.[29]

Die unterschiedliche Dominanz von Motorik und Sensorik hängt nach neurophysiologischen Forschungen grundlegend mit dem zentralen Nervensystem zusammen. Das Großhirn hat eine zentrale Bedeutung und übernimmt regelrecht die Funktion einer Schaltzentrale. Sattler spricht davon, „dass die menschliche Wahrnehmung grundlegend von dem zentralen Nervensystem abhängt und von dort auf komplizierteste Weise gesteuert wird...“.[30]

2.2 Aufbau und Funktion des Gehirns- Die Hemisphärenspezialisation

Das Großhirn unterteilt sich in die linke und rechte Hemisphäre. Die beiden Hemisphären werden durch einen Balken, den Corpus callosum verbunden. Der Balken besteht aus einer kabelförmigen Struktur, die aus Milliarden von Nervenfasern gebildet wird. Die Nervenbahnen, die Motorik und Sensorik kontrollieren, sind vorwiegend überkreuzt organisiert. Die Kreuzung wird in der Regel im oberen Rückenmark vollzogen. Der motorische Bereich (Hände und Beine) sowie der visuelle (Augen) sind demnach mit der gegenüberliegenden Gehirnhemisphäre verbunden. Hier findet die Ver-arbeitung von peripheren Reizen statt, sowie die Impulsaussendung an Muskeln. Bei den Augen ist die Kreuzung so angelegt, dass die Linke Hälfte des Gesichtsfeldes von der rechten und die rechte Hälfte in der linken Hemisphäre des Gehirns ausgewertet wird.

Keine eindeutige Kreuzung gibt es bei den Ohren. Hier gibt es anatomische Besonderheiten, auf die hier im einzelnen nicht eingegangen werden soll. Grundsätzlich wurde festgestellt, dass das rechte Ohr zur linken Hemisphäre einen leichteren Zugang hat.[31] Die beiden Gehirnhemisphären unterscheiden sich weiterhin in ihren Aufgabenbereichen und Funktionen, d.h. jede der Hälften ist unterschiedlich spezialisiert. Vereinfacht dargestellt sieht das wie folgt aus:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1, Aufteilung der Hirnhälften[32]

Die Erkenntnisse über die Aufteilung der Hirnfunktionen konnten zum großen Teil durch klinische Befunde d.h. anhand von Untersuchungen an Patienten mit Hirnverletzungen gewonnen werden. In der heutigen Zeit gibt es Methoden, um auch an gesunden Menschen die Funktionen der Gehirnhälften untersuchen zu können. Zusammenfassend steht das heutige Wissen in der Hirnforschung auf dem Standpunkt, dass beide Gehirnhälften in der Verarbeitung von Informationen unterschiedliche Aufgaben übernehmen. Sie kooperieren miteinander, können sich jedoch auch gegenseitig behindern und hemmen, wie es bei einer Umschulung der Fall ist. Jede für sich hat Funktionsbereiche, die auch ersatzweise von der anderen entwickelt werden können, dann allerdings nicht mehr auf dem alten Niveau. In der heutigen Neurophysiologie wird das mit den Begriffen “funktionelle Asymmetrie des Gehirns“ und die Verteilung der Verarbeitung als “Lateralitätsstruktur“ definiert.[33]

2.3 Hirnforschung gestern und heute

Dieser Punkt soll einen kurzen Überblick über einige wichtigen Forschungen und wissenschaftlichen Experimente geben.

Klinische Befunde nach Operationen und Verletzungen ergaben bei Rechtshändern regelmäßig das folgende Bild: War die linke Groß-hirnhemisphäre betroffen, kommt es „zu rechtsseitigen Lähmungen und /oder Sprachstörungen oder Verlust der Sprache (Aphasie)“.[34] Beim Betreffen der rechten Großhirnhälfte führt das zwar auch zu Lähmungen, hier der linke Seite, aber Sprachstörungen sind höchstens vorübergehender Natur. Lange Zeit stritten sich Ärzte und Wissenschaftler über den tatsächlichen Sitz der Sprache im Gehirn.

Mitte des 19. Jahrhunderts etwa 1861, entdeckte Broca den Zusammenhang zwischen dem Sitz des Sprachzentrums und der linken Seite des Gehirns. Er erstellte die Regel, daß die Hemisphäre welche die Sprache kontrolliert, der bevorzugten Hand gegenüberliegt. Heute weiß man, dass bei den meisten Menschen die Sprache in der linken Hirnhälfte lokalisiert ist und nur bei wenigen in der rechten bzw. beiden Seiten. Broca hat trotzdem einen

entscheidenden Beitrag geleistet über das Wissen von Hirnspezialisierungen, insbesondere der Sprache wie auch den Zusammenhang zwischen Hirndominanz und Händigkeit.[35] Es gab und gibt eine Reihe klinischer Untersuchungsmethoden, die bekanntesten werde hier kurz umrissen:

Der amerikanische Neurochirurgen R.W.Sperry führte in den 60 iger Jahren die Splint- Brain-Operationen ein. Hier handelt es sich um eine Durchtrennung des Corpus callosum, dem Balken der die Gehirnhälften verbindet. Das hat zur Folge, dass beide Hirnhälften unabhängig voneinander arbeiten, so als wäre jede einzelne ein ganzes Gehirn. Diese Operation war ursprünglich für Patienten mit schweren epileptischen Anfällen gedacht. Nach der Operation verbesserte sich das Befinden der Patienten und sie waren frei von Anfällen.

Sperry konnte zusammen mit anderen Wissenschaftlern nachweisen, dass beide Hemisphären mehr oder weniger die gleichen Funktionen haben aber es doch Unterschiede in den Empfindungen, Wahrnehmungen oder Gedächtnisinhalten sowie kognitiven und emotionalen Erlebnissen gibt

(siehe Tabelle 1).[36]

Eine weitere Methode, wie sie vor Hirnoperationen eingesetzt wird, ist der Wada-Test, 1960 von Wada und Rasmussen entwickelt . Hier geht es darum, den Sitz der Sprache in der jeweiligen Großhirnhälfte zu ermitteln. Jede Hemisphäre wird dabei einzeln durch eine Injektion in die entsprechende Halsschlagader betäubt. Wird die sprachkontrollierende Hemisphäre getroffen, kann der Patient vorübergehend nicht sprechen.[37]

Es gibt heute ein Reihe von Verfahren, mit denen die Durchblutung und der Stoffwechsel im Gehirn untersucht werden kann. Eingesetzt wird hier beispielsweise die Computertomografie (CT), die mit Röntgenstrahlen erfolgt, nachdem Stoffe injiziert werden, die im Hirnstoffwechsel benötigt werden.

Ein anderes Verfahren ist die Positronen-Emissions-Tomogrphie (PET). Der Vorteil besteht darin, dass viele verschiedene Funktionen gemessen und dargestellt werden können. Nachteilig ist der große Aufwand von Technik, Personal und Finanzen.

Mit der Single-Photonen-Emissions-Computertomographie (SPECT) ist es ebenfalls möglich, „Hirndurchblutung und- metabolismus sowie die Ver-teilung von Rezeptoren der Neurotransmitter dreidimensional und Funktional darzustellen“.[38] Nachteil ist u.a. eine schlechte räumliche Auflösung. Vorteile bestehen im geringen finanziellen und personellen Aufwand.

Die letzte Untersuchungsmethode die hier vorgestellt wird, ist die Kernspintomographie oder Magnet-resonanz-Tomographie (MRT). Damit ist es möglich noch genauer, graue und weiße Substanzen bei Gehirn-untersuchungen abzugrenzen und knochennahe Strukturen genauer darzustellen. Im Vergleich zur CT-Untersuchung werden keine Röntgenstrahlen und chemischen Stoffe verwendet. Auch diese Methoden hat ihre Grenzen. Man hofft deshalb auf eine Weiterentwicklung, um sie in Zukunft besser bei Gehirnuntersuchungen nutzen zu können.[39]

In der Gehirnforschung bleiben noch viele Fragen unbeantwortet. Wie oben dargestellt können heutige Untersuchungsmethoden begrenzt Hirnfunktionen wiedergeben und sind teilweise sehr teuer.

Andererseits beziehen sich gerade Forschungen über Linkshändigkeit auf Gruppen mit krankhaften Störungen und selten auf Gruppen ohne Störungen.

2.4 Händigkeit im Zusammenhang mit Hirn- und Sprachdominanz

Händigkeit wird determiniert durch die Hirnhemisphärenlateralisation. Wie schon im Punkt 2.2 dargestellt sind die Hirnhälften auf bestimmte Funktionen spezialisiert, d.h. eine Hirnhemisphäre ist in Bezug auf bestimmte Funktionen der anderen überlegen wie z.B. in der Sprache oder motorischen Kontrolle.

Es wird dafür auch der Begriff „zerebrale Dominanz“ verwendet.

Die jeweilige Gehirnhälfte steuert die ihr gegenüberliegende Körperseite. Gerade in der Händigkeit ist diese Dominanz am meisten ausgeprägt.[40] Praktisch heißt das, bei einem Rechtshänder, mit Lateralisation der linken Gehirnhälfte, ist die rechte Hand geschickter und bei einem Linkshänder mit Lateralisation der rechten Gehirnhälfte, die linke Hand. Zusammenfassend ist Händigkeit Ausdruck der motorischen Dominanz der kontralateralen Gehirnhälfte. Trotzdem weiß man heute noch wenig über den speziellen Zusammenhang zwischen Händigkeit und Hirndominanz. Deutsch und Springer bezeichnen „die Beziehung der Händigkeit zur funktionellen Hemisphärenasymmetrie [als] eine der wichtigsten noch offenen Fragen der Hirnorganisationsforschung“.[41]

Springer und Deutsch versprechen sich in der Beantwortung der Frage, warum es zu einer Hemisphärenspezialisierung gekommen ist, Antworten zu finden.

Mit der Entwicklung der Händigkeit wird Parallel auch die Sprache entwickelt. Festgestellt wurde, dass sich das Sprachzentrum, wie bei den meisten Rechtshändern, in der Hemisphäre befindet, welche auch die Hand kontrolliert. Einen Zusammenhang sehen Wissenschaftler eventuell in der Evolutionsgeschichte. Es gibt Untersuchungen, aus denen die Hypothese aufgestellt wurde, dass die Spezialisierung der Sprache in der Linken Hirnhälfte auf bestimmte motorische Fertigkeiten zurückzuführen sind. Gemeint sind motorische Aktivitäten, die sich durch Zufall gut zur Kommunikation eigneten und im Ergebnis zu einer Anpassung der linken Hemisphäre führten.

Durch eine geschicktere Hand bestand möglicherweise der Vorteil eine neuartige Kommunikation zu entwickeln. Anfangs hätten das Gebärden sein können, später die Nutzung der Sprechmuskulatur. Die linke Hemisphäre kontrollierte dadurch zunehmend die motorischen Funktionen, welche an sprachlichen Tätigkeiten- wie sprechen oder schreiben- beteiligt sind.[42]

Hier könnte sich eine Begründung finden, warum sich in allen Kulturen immer die Rechtshänder durchgesetzt haben und nie die Linkshänder.

3. Ursachen für Linkshändigkeit

In der Literatur werden verschiedene Ursachen diskutiert, eine einheitliche Meinung gibt es jedoch nicht. Unbestritten scheint die Theorie, dass Erbfaktoren eine entscheidende Rolle spielen. Es gibt weiterhin Theorien, die auch neben der genetischen Disponente andere Faktoren wie z.B. die Umwelt in die Ursachenbetrachtung einbeziehen. Dies scheint günstig zu sein, um eine ganzheitliche Sichtweise zu ermöglichen.

3.1 Vererbungstheorien

Die Bevorzugung motorischer und sensorischer Funktionen werden in dieser Theorie, als genetisch festgelegt begründet. Sovak gibt dazu beispielhaft Befunde und Beobachtungen an. Als einen Grund nennt er die Tatsache, dass es ganze Linkshänderfamilien gäbe, die sich über Generationen gehalten haben, trotz des Einflusses des rechtshändigen Milieus. Linkshänder haben mehr linkshändige Verwandte als Rechtshänder. Anhand ganzer Stammbäume von Linkshändern, wird dieser Umstand in der Literatur kenntlich gemacht.[43] Sattler betont, dass „die Händigkeit eines gesunden Menschen durch genetisch Vorgänge für sein ganzes Leben festgelegt ist...“.[44] In dem Versuch einer späteren Änderung durch Umschulung, sieht sie die Entstehung meist schwerer Schäden für die Betroffenen.

Pester betont in diesem Zusammenhang, dass nicht vordergründig „die Richtung der Lateralisation, sondern der Grad vererbt würden“.[45]

Sie weist darauf hin, dass der Vererbungsmechanismus kompliziert ist und postuliert die folgenden 2 Modelle:

- Dieses - eines der ältesten - genetische Modell geht davon aus, dass ein einzelnes Gen verantwortlich für die Handbevorzugung ist. Rechtshändigkeit ist danach auf das Gen Allel R zurückzuführen und Linkshändigkeit auf das rezessive Gen Allel L. Wird von beiden Eltern das R- Allel vererbt entsteht Rechtshändigkeit ebenso, wie bei der Vererbung des Genotyps RL, wogegen bei Linkshänder das L- Allel die entscheidende Rolle spielt.[46] Da das LL- Gen als sehr umweltlabil angenommen wird, können nach Pester exogen Faktoren dazu führen, dass Linkshänder zu Rechtshändern umgeprägt werden. In Statistiken erscheinen sie dann als Rechtshänder oder Beidhänder und es ist schwierig, sie ohne weiteres als Linkshänder sichtbar zu machen.[47]

- Das zweite Modell stammt von Annett, Psychologin an der Universität von Hull. Sie bringt ein dominantes Gen RS + für die Sprachentwicklung in der linken Hemisphäre in Zusammenhang. Dadurch wird die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass die rechte Hand in ihren Fertigkeiten höhere Ergebnisse erzielt. Deshalb nannte sie ihre Theorie auch Rechtsverschiebungstheorie. Diese Verschiebung nach einer Seite, zutreffend für die Sprache und Händigkeit, würde fehlen, wenn nur das Gen RS- vorkommt. Bei Personen mit den Genen RS-RS-, würden nach ihrer Ansicht Umwelteinflüsse die Händigkeit bestimmen. Sie geht noch weiter, indem sie aussagt, dass diese Gruppe auch eine Anfälligkeit für Leseschwierigkeiten mitbringt. Die zweite Gruppe des Genotyps RS+ RS+ würde schlechtere Leistungen mit der linken Hand erbringen und Probleme mit dem räumlichen Sehen zeigen. Die dritte Gruppe des Genotyps RS+RS- bezeichnet sie als optimal und für das Fortbestehen beider Gene eine wichtige Rolle spielend. In der Wissenschaft wird dieses Modell als Erklärungs-versuch oft benutzt, da es viele Fragen beantwortet.[48]

Vererbungsmodelle können nicht ausreichend erklären, warum es gerade bei Zwillingen einen sehr hohen Anteil an Linkshändern gibt und Zwillinge, die beide Linkshänder sind, selten vorkommen. Trotzdem wird eine erbliche Disposition bei der Entwicklung der Seitenbevorzugung nicht mehr ausgeschlossen.

3.2 Biologische- und organische Ursachen

Vertreter der Testosteron- Theorie stellten die Hypothese auf, dass das Sexualhormon Testosteron Linkshändigkeit verursacht. Testosteron bewirkt in großen Mengen eine Verzögerung des Wachstums der linken Gehirnhälfte. Es kommt dann zu einer Benachteiligung der rechten Körperseite, welche durch die linke Hirnhemispäre gesteuert wird. Bei männliche Embryos ist die Zufuhr und Konzentration dieses Hormons höher wie bei weiblichen und würde die höhere Anzahl männlicher Linkshänder erklären. Trotzdem kann diese Theorie nicht die Händigkeit bei Zwillingen beantworten, denn auch bei weiblichen Zwillingen gibt es einen hohen Linkshänderprozentzatz.[49]

Kinder mit frühkindlichen Hirnschäden weisen häufiger Linkshändigkeit auf als gesunde Kinder. Diese Schäden können während der Geburt, z.B. durch Sauerstoffmangel entstehen oder als Folge von Meningitis u.a. Erkrankungen auftreten, die mit Schädigungen des zentralen Nervensystems einhergehen.[50] Das ist auch der Grund weshalb unter behinderten Kindern eine erhöhte Anzahl von Linkshändern anzutreffen ist. Das sollte nach Olsson und Rett jedoch nicht verallgemeinert und auf alle Linkshänder übertragen werden. Man dürfe nicht daraus schlußfolgern, wie frühere Theorien behaupten, dass Linkshändigkeit meistens durch frühkindliche Hirnschädigungen verursacht wird. Bei Nichtbehinderten ist Linkshändigkeit als Folge der Schädigung der linken Hirnhemisphäre nur selten eine Ursache.[51]

Springer und Deutsch weisen in diesem Zusammenhang noch einmal auf den hohen Linkshänderanteil bei Zwillingen hin, der bei etwa 20 % liegt. Sie zeigen oft Störungen, vermutet durch Schäden infolge Platzmangel während der vorgeburtlichen Entwicklung. Angenommen wird hier, dass dies auch ein Grund für das häufige Auftreten von Linkshändigkeit bei Zwillingen ist.[52]

Auch Beidhändigkeit wird nach Sattler, als Ursache einer Sauerstoffunter-versorgung im Gehirn gesehen. Dadurch kann es zu Schäden der

dominanten Gehirnhälfte kommen, da diese einen höheren Sauerstoffbedarf hat. In der Folge wird die angeborene Hemisphärendominanz im hohem Ausmaß gestört. Es kommt zum wechselnden Handgebrauch, welcher als Beidhänder oder Ambidexter bezeichnet wird. Durch Umschulung kann es zu erneuten Schädigungen kommen, verursacht durch den Gebrauch der nicht dominierenden Hand, besonders beim Schreiben. Prozesse der Kompensation durch das Gehirn werden dann beeinflußt bzw. gestört.

[...]


[1] Kruse, St. 8/2001, In: Lausitzer Rundschau, S.20

[2] vgl. Pester 1996, S.449

[3] vgl. Pester 2001, S. 409

[4] vgl. Pester 1996, S.448

[5] vgl. Sattler 2000 a, S. 242

[6] vgl. Caliezi 1983, S. 123-126

[7] vgl. Left Hand Corner 2000 In: http://lefthandcorner. wtal.de

[8] vgl. Sattler 2000 b, S.24

[9] vgl. Left Hand Corner 11-4-2000 In: http://lefthandcorner.wtal.de

[10] vgl. Oeser 1973 zit. nach Pester 1999

[11] vgl. Sovak 1968, S.41

[12] vgl. Sattler 2000 a, S. 236

[13] Sattler, S.238

[14] vgl. Sattler, S.239

[15] Smits 2002, S.18

[16] Smits 2002, S.19

[17] Caliezi 1983, S. 124

[18] Sattler 2000 b, S.119

[19] vgl. Sattler 2000 b , S. 120

[20] vgl. Smits 2002, S. 21

[21] vgl. Smits 2002, S.35

[22] Pester 1999, S. 662

[23] Sovak 1968, S. 53

[24] vgl. Olsson, Rett 1989, S.16

[25] Olsson, Rett 1989, S. 12

[26] vgl. Sattler 2000 b, S. 137

[27] vgl. Sovak 1968, S. 23

[28] vgl. Sattler 2000a, S. 102

[29] Sovak 1968, S. 23

[30] vgl. Sattler 2000a, S. 103

[31] vgl. Sattler 2000 b, S.25-27

[32] Sattler 2000 b, S.115

[33] vgl. Meyer 2001, S.22

[34] Olsson, Rett 1998, S.23

[35] vgl. Springer, Deutsch 1995, S. 29

[36] Sattler 2000 b, S. 29

[37] vgl. Olsson, Rett 1989, S.24

[38] Tegeler 1993, S.404 /24-405/25 zit. nach Sattler 2000 (b), S.32

[39] Tegeler 1993, S.404/24 zit. nach Sattler 2000 b, S.33

[40] vgl. Sattler 1999, In: Praxis Ergotherapie, S.98-110

[41] Springer, Deutsch 1995, S. 35

[42] vgl. Springer, Deutsch 1995, S.299

[43] vgl. Sovak 1968, S.31

[44] Sattler 2000 b, S.47

[45] Heyne, Heyne, Pester, 1999, In Zeitschrift für Humanotogenetik, Jg.2, H.1, S. 45

[46] vgl. Springer, Deutsch 1993, S. 144

[47] vgl. Heyne, Heyne, Pester 1999, In: Zeitschrift für Humanontogenetik, Jg.2, H.1, S. 46

[48] vgl. Annett 1967, S. 327-333 zit. nach Springer, Deutsch 1995, S.145

[49] vgl. Geschwind, Behan, 1982, S.5067-5100 zit. nach Sattler 2000 (b), S.43

[50] vgl. Olsson, Rett 1989, S.39

[51] Olsson, Rett 1989, S.38

[52] vgl. Springer, Deutsch 1995, S.146

Details

Seiten
93
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783832469351
ISBN (Buch)
9783838669359
Dateigröße
1.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v222270
Institution / Hochschule
Fachhochschule Lausitz – Sozialarbeit/-pädagogik
Note
1,0
Schlagworte
lateralität händigkeit seitigkeitsbevorzugung linkshändigkeit hirnforschung

Autor

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Titel: Die Linkshänder in einer rechtsorientierten Gesellschaft