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Sucht und Gesellschaft

Eine Beschreibung einer konstruktivistischen Auseinandersetzung und eines Projekts zur Suchtprävention mit konstruktivistischen Vorgaben

Diplomarbeit 2002 253 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

EINLEITUNG

1 KONSTRUKTIVISMUS UND GESELLSCHAFT
1.1 Einführung in den Konstruktivismus
1.1.1 Was ist die Wirklichkeit? Ein Streifzug durch die
Geschichte
1.1.2 Verabschiedung von Weltbildern
1.2 Der Konstruktivismus
1.2.1 Definition
1.2.2 Neurobiologische Abläufe
1.2.3 Wichtige Begriffe des Konstruktivismus
1.2.4 Das System (Systemtheorie)
1.2.5 Zusammenfassung
1.3 Konstruktivismus im alltäglichen Leben
1.4 Konstruktivismus und die soziale Systemtheorie
1.4.1 Entstehung und Bedeutung sozialer Systeme
1.4.2 Das Makrosystem Gesellschaft
1.4.3 Bedeutung von Werten, Moral und Recht in sozialen
Systemen
1.5 Motive menschlichen Verhaltens
1.5.1 Ethik
1.5.2 „Imaginäres“, „Symbolisches“, „Rückkopplung“ und
„Reales“
1.6 Kultur
1.7 Pädagogik im Konstruktivismus
1.7.1 Definition von Pädagogik
1.7.2 Lehre und Lernen im Konstruktivismus
1.7.3 Erwartungen an die Pädagogik in der Gesellschaft
1.7.4 Erziehungsstile in der Gesellschaft
1.7.5 Konstruktivistische Pädagogik

2 WAS IST SUCHT?
2.1 Warum beschäftigt sich die Gesellschaft mit Sucht?
2.1.1 Richtet Sucht Schaden an?
2.1.2 Warum konsumiert die Gesellschaft Alkohol, Drogen
oder Nikotin?
2.2 Was ist Sucht?
2.2.1 Definitionen von Sucht
2.2.2 Verschiedene Suchtmuster
2.2.2.1 Sucht als Krankheit
2.2.2.2 Sucht als Zustand krimineller Lebensweise
2.2.2.3 Sucht als selbstgewählte Lebensform
2.2.3 Zusammenfassung: Was ist Sucht?
2.3 Umgang mit Sucht
2.4 Prävention
2.4.1 Traditionelle Suchtprävention
2.4.2 Konstruktivistische Suchtprävention

3 PROJEKT
3.1 Gesellschaftliche Vorrausetzungen im Sportverein
3.1.1 Kultur des Sportvereins
3.1.2 Sportverein und Jugendarbeit/Pädagogik
3.1.3 Ausgangssituation für das Projekt
3.2 Die Projektvorbereitung 98
3.3 Durchführung der Planungsschritte
3.3.1 Notwendigkeit herausfinden
3.3.2 Projektzielvereinbarungen
3.3.3 Rahmenbedingungen festlegen
3.3.4 Verantwortungsbereiche festlegen
3.3.5 Was ist sonst noch wichtig?
3.4 Projektdurchführung
3.4.1 Einführungsveranstaltung
3.4.2 „Seminar 1“
3.4.3 „Seminar 2“
3.4.4 Aktionstag
3.4.5 Auswertungsveranstaltung
3.5 Auswertung des Projekts sowie der einzelnen Teilschritte
3.5.1 Einführungsveranstaltung
3.5.2 Seminar
3.5.3 Seminar
3.5.4 Aktionstag
3.5.5 Auswertungsveranstaltung
3.5.6 Gesamtprojekt
3.6 Persönliches Fazit

4 FAZIT
4.1 Konstruktivismus und Systemtheorie
4.2 Sucht und Konstruktivismus
4.3 Schlussbemerkung

LITERATURVERZEICHNIS

INTERNET-QELLENVERZEICHNIS

ANHANG

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

EINLEITUNG

Diese Arbeit setzt sich aus drei Teilen zusammen. Teil setzt sich mit der Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie des Konstruktivismus auseinander und stellt seine Denkstrukturen und Prinzipien vor.

In der Einführung soll es zunächst darum gehen, warum es notwendig war, dies Theorie zu begründen. Die Erklärung wichtiger Begriffe soll dazu beitragen, dass die Theorie verständlich wird. Eines dieser Begriffe ist das System oder die Systemtheorie, die in enger Verwandtschaft zum Konstruktivismus steht. Auf diese Theorie wird besonders ausführlich eingegangen, da sie Brücke zum nächsten Themenkomplex schlägt, die Auseinandersetzung mit dem Thema gesellschaftliche Phänomene und Konstruktivismus.

Eines dieser Phänomene ist das menschliche Handeln, welches im Anschluss auf die Spur gegangen wird. Menschliches Handeln steht im Bezug zu Ethik, Moral und Recht.

Das Ende des ersten Teils soll vor allem als Vorbereitung zu den nächsten Kapiteln dienen und beschäftigt sich mit dem Zusammenhang zwischen Pädagogik und Konstruktivismus bzw. Pädagogik und Systemtheorie.

Kapitel zwei ist dann komplett der Auseinandersetzung von Sucht in unserer Gesellschaft gewidmet. Natürlich ist diese Diskussion am Konstruktivismus und der Systemtheorie orientiert. Diskutiert werden der Grund der Auseinandersetzung der Gesellschaft mit dem Thema Sucht, verschiedene Definitionen von Sucht sowie Suchtmuster. Im zweiten Teil dieses Kapitels werden dann verschiedene Umgangsformen von Sucht vorgestellt.

Eine dieser Umgangsformen ist die Suchtprävention (Suchtvorbeugung). In einer ausführlichen Auseinandersetzung werden verschiedene Ansätze der Suchtprävention und deren Menschenbilder diskutiert sowie Modelle der Suchtprävention vorgestellt. Unter anderem soll auch auf die Möglichkeiten von konstruktivistischer Suchtprävention hingewiesen werden.

Im abschließenden dritten Kapitel wird dann in aller Ausführlichkeit das Präventionsprojekt des Sportvereins SG Köndringen-Teningen aus dem Frühjahr 2002 vorgestellt und beschrieben, welches im Rahmen dieser Arbeit begleitet wurde und den Titel hatte: „Rolle der Vorbildfunktion in der Suchtprävention im Sportverein“. In diesem dritten Teil wird Stellung bezogen zur spezifischen Charakteristik der Kultur des Sportvereins, die sich unter anderem durch eine besondere Form der Gemeinschaft und auch des Trinkverhaltens kennzeichnet. Begriffe wie Verantwortung und Vorbildfunktion sollen wie auch bereits zuvor am Ende des zweiten Kapitels diskutiert werden. Ausführlich wird der Werdegang dieses Projektes von der Idee bis zur Auswertung begleitet.

Diese Arbeit ist keine empirische Arbeit, auch wenn sie sich empirischer Mittel zur Bestandsaufnahme bedient hat. Sämtliche durchgeführte wissenschaftliche Methoden werden in dieser Arbeit nur als Hilfswerk bzw. als zusätzliche Quelle verwendet. Daher sind die Ergebnisse, sofern man sie Ergebnisse nennen kann, im Anhang oder näherer Erklärung und Auswertung wiederzufinden. In diesem Anhang sind auch Auszüge von Transkriptionen von den Veranstaltungen integriert worden, die ebenfalls als Quelle in der Diplomarbeit dienlich sein sollen. Allerdings spiegelt der Anhang auch die Vorgehensweise des Projekts wieder und gibt Aufschluss über dessen Inhalte.

1.KONSTRUKTIVISMUS UND GESELLSCHAFT

1.2 Einführung in den Konstruktivismus

1.1.1 Was ist Wirklichkeit? Ein Streifzug durch die Geschichte

„Wie wirklich ist die Wirklichkeit?“ Das ist in einer Frage zusammengefasst die Grundaussage des Konstruktivismus. Im Laufe der Geschichte haben sich viele Menschen Gedanken über das Wesen der Wirklichkeit gemacht. Was ist wahr und wer bestimmt Wahrheit? Nicht erst die Vertreter des Konstruktivismus hinterfragten das Wesen und die Herkunft dieses Begriffes. Der folgende Abschnitt soll Einblick über einige Theorien geben.

Dem Mensch ist es scheinbar in die Wiege gelegt, nach Erkenntnis zu streben. Dies zeigt sich schon in der Geburtsstunde der Menschheit. Am Beginn der Bibel erfährt der Leser in 1. Mose 3 Vers 5, dass der Satan Adam und Eva verspricht:„...an dem Tag wo ihr davon esset, werden Eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen was gut und böse ist“ (Thompson-Studienbibel, 1986). Die Aussicht auf Erkenntnis ist verlockend und Eva lässt sich zur Sünde verführen.

Die Denker und Philosophen der Antike beschäftigte weniger das Streben nach Erkenntnis um Gut und Böse, sondern vielmehr die Frage nach der Wirklichkeit von Dingen. „Demokrit, zum Beispiel, erklärte schon im 5. Jahrhundert vor Christus, ’dass wir nicht erkennen können, wie in Wirklichkeit ein jedes Ding beschaffen oder nicht beschaffen ist’“ (vgl. Glasersfeld v., E. 2002. S. 9). Griechische Philosophen wie Platon unternahmen ebenfalls Erklärungsversuche. In Platons Höhlengleichnis sitzt ein Mensch gefesselt auf einen Stuhl und kann nur die Höhlenwand betrachten. Von oben wirft ein Licht (in der Literatur mal als Sonne, mal als Feuer erwähnt) Schatten von vorbeiziehenden Wesen an die Wand. Der gefesselte Mensch kann die Wirklichkeit der Wesen aufgrund seiner Fesselung nicht erkennen und wird daraufhin die Schatten für die Wirklichkeit halten, solange er keine Vergleichsmöglichkeit hat. Wäre er befreit von den Fesseln, könnte er die Wirklichkeit betrachten, würde sich aber gleichzeitig vom Licht der Wirklichkeit dermaßen geblendet fühlen, dass er es vorziehen würde, den herkömmlich alten Platz aufzusuchen. Erst gewaltsam und durch äußeren Zwang wird er nach oben gebracht. Er erkennt die Wirklichkeit und kehrt zurück um die anderen „Höhlenmenschen“ zu ermutigen, den gleichen Weg zu gehen und eine Positionsveränderung vorzunehmen um die Wahrheit zu erkennen. Jedoch stößt er auf Unverständnis und Ablehnung bei seinen Mitmenschen (vgl. I: Annettes Philosophenstübchen). Platon wollte mit diesem Gleichnis scheinbar die Geschichte Sokrates nachzeichnen wollte, einem Menschen der durch eine Positionsveränderung die Wahrheit erkannt hat und die anderen Menschen dazu ermahnt, den gleichen Weg der Erkenntnis zu gehen und im Gleichnis auf Ablehnung stößt (vgl. I: Hausarbeiten.de: Staemmler. 2000).

Philosophen der späteren Zeit wie der Franzose René Descartes (1596 – 1650) forschten nach der wahren, von dem Erlebenden unabhängigen Erkenntnis der Wirklichkeit. Im philosophischen Hauptwerk von „Meditationes de prima philosophia“ (1641) findet sich der berühmte Hauptsatz „cogito ergo sum“ (lateinisch: Ich denke also bin ich), der besagt, dass durch Gottes Güte die von ihm geschaffene Vernunft absolute Zuverlässigkeit besitzt und damit jegliche Erkenntnis objektive Realität besitzt. Vernunft besitzt bezüglich des Erkennens von Dingen Priorität gegenüber der durch Sinneswahrnehmung ermöglichten Erfahrung. Im 20. Jahrhundert war diese Theorie nicht immer populär. Die Suche nach Grundlagen, die für immer Geltung haben sollten, galt als überholt (vgl. I: Universitätsbibliothek Salzburg).

Ein weiterer wichtiger Begriff der Geschichte der Erkenntnistheorien ist die „Ontologie“. Darunter versteht man die „Lehre vom Wesen und von den Eigenschaften des Seienden . . .“ (Brockhaus. 2000. S. 663) und, dass „ . . . die Welt dem Verstand und der Vernunft gemäß, d.h. von logischer, gesetzmäßig berechenbarer Beschaffenheit sei“ (I: Hausarbeiten.de: Backhaus R. 2000). Nach Backhaus R. (2000) benutzen Rationalisten das ontologische Argument als Beweis für die Übereinstimmung von Denk- und Wirklichkeitsordnung. Sie waren davon überzeugt, nur durch Denkprinzipien der Vernunft, ohne Erfahrungsmomente den Wirklichkeitsaufbau zu erkennen – ausgehend von Gott als oberste Instanz bzw. reales Prinzip für Denk und Wirklichkeitsordnung (vgl. I: Hausarbeiten.de: Backhaus. 2000).

Auch Immanuel Kant (dt. Philosoph, 1724 – 1804) setzt sich mit der Erkenntnis von Wirklichkeit auseinander. In seiner „Kritik an der reinen Vernunft“ beschreibt Kant den Zusammenhang zwischen Erkenntnissen, die uns über Notwendigkeit und Beschaffenheit von Dingen Auskunft geben, und unabhängigen Erfahrungen. Die Erkenntnisse waren vor aller Erfahrung da und werden von Kant „a priori“ (lateinisch: prior = früher) genannt. Rein ist nach Kant die Vernunft dann, wenn sie nicht auf Erfahrung beruht. Wenn wir z.B. aufgrund schmerzlicher Erfahrungen den Griff auf heiße Herdplatten vermeiden, dann ist diese Vernunft nicht rein, da sie auf Erfahrungen basiert. Kant verweist auf die Mathematik als Beispiel von der Erfahrung unabhängiger Erkenntnisse „a priori“. Er will zeigen, dass in unserem Erkennen Bestandteile enthalten sind, die aus uns selbst kommen und schon vor aller Erfahrung „a priori“ da sind, für jeden denkenden Geist im gleichen Sinn gelten und damit notwendig sind (vgl. I: Greifswald-Online).

Sokrates Vorstellung der Wirklichkeit, ausgedrückt in Platons Theaithetos, verdeutlicht die Vorstellung der Menschen im Streben nach Erkenntnis: „Wenn ich wahrnehme, nehme ich etwas wahr – es ist unmöglich, wahrzunehmen, ohne daß [sic] da etwas wäre, das wahrgenommen wird; der Gegenstand, sei er nun süß, bitter oder von andere Eigenschaft, muß [sic] Beziehung haben zu einem Wahrnehmer;. . .“ (Platon. 1578. nach Glasersfeld v., E. 2002. S. 12).

Glasersfeld v., E. (2002) unterstellt – und damit soll der Bezug zum Konstruktivismus erstmals hergestellt werden – allen Theorien ein Missverständnis des Wissensbegriffs: Der Welt der „ontischen“ (griechisch: ontisch=seinsmäßig) Elemente steht der Erlebende gegenüber, der sie aufgrund seiner Sinnesorgane wahrnehmen kann. Das ist Kernpunkt sämtlicher Theorien. Keiner kann aber eindeutig diesen Transfer der Informationen in seinen Theorien klären. Entweder steht die Vernunft als Basis sämtlicher Erkenntnis zur Verfügung oder aber Erfahrungen (vgl. Glasersfeld v., E. 2002. S. 11f).

1.1.2 Verabschiedung von Weltbildern

Glasersfeld v., E. (2002) spricht in seinem Beitrag zur Einführung in den Konstruktivismus von der Schwierigkeit der Abkehr der Menschen von bestehenden Weltbildern. Zuerst war der Abbau des egozentrischen Weltbildes der Erde, dann die Abkehr vom Glauben an einen überweltlichen Leiter, der am Handeln und Schicksal des Menschen Interesse zeigt [Anm. des Verf.: Ich nehme an, er bezieht sich auf frühere Gottesbilder] und schließlich das Auskommen ohne der Überzeugung, jemals die Wahrheit über die ontische Welt erfahren zu können (vgl. Glasersfeld v., E. 2002. S. 14). Glasersfeld v., E. (2002) glaubt, je später Weltbilder abgebaut werden, desto schwieriger ist es, alte Überzeugungen loszulassen. Weiters ist er überzeugt, dass „. . . viele heutige Wissenschaftler, was die Erkenntnislehre betrifft, noch tief im 19. Jahrhundert stecken ...“ (ebd. S. 16).

Bestätigung erhält er dadurch, dass Theorien aus Kapitel 1.1.1 immer wieder aufgegriffen und erneuert wurden. So beschäftigt sich Martin Heidegger, ein Vertreter des 20. Jahrhunderts mit Kants „Kritik an der reinen Vernunft“ und orientiert sich ebenfalls an rationalistischen Grundtendenzen einer auf Vernunft basierenden Möglichkeit der Begreifbarkeit der ontischen Welt (vgl. I: Hausarbeiten.de: Gabel. 2000).

Glasersfeld v., E. (2002) versucht nun eine notwendige Gegentheorie zu erklären. Demnach nimmt jeder Mensch Signale aus der Umwelt wahr, kann sie jedoch niemals in seiner Gesamtheit deuten. Dennoch setzt er sämtliche Signale zu einem Weltbild, dem seinigem, zusammen. Sollten verschiedene Dinge der Umwelt an jeden Menschen die gleichen Signale aussenden, so würde dies der „herkömmlichen“ philosophischen Tradition entsprechen, die von einer von individuellen Erfahrungen unabhängigen Vernunft ausgeht, da jeder Mensch die gleichen Signale wahrnimmt. Wahrnehmung in Glasersfeld v., E. (2002) Sinne entspricht nicht einer Wahrnehmung einer wirklichkeitsgetreuen Umwelt, sondern ist individuell. Die Abkehr von der Uralttheorie zur neuen, bahnbrechenden Theorie bedarf jedoch einer gewissen Konsequenz (vgl. Glasersfeld v., E. 2002. S. 22). Da aber alte Theorien keine brauchbaren Lösungsmodelle zur Erklärung der Wirklichkeit anbieten, „ . . . mag es sich schon lohnen, den mühsamen Versuch mit einem ungewohnten Begriff zu unternehmen“ (ebd. S. 23).

1.2 Der Konstruktivismus

1.2.1 Definition

Der Konstruktivismus ist eine Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie (vgl. Bertelsmann Lexikon Verlag GmbH & Bertelsmann Electronic Publishing [BLVG & BEP]. 2002). Auf den Punkt gebracht bedeutet Konstruktivismus „ . . ., daß [sic] es keine Beobachtungen gibt – d.h. keine Daten, kein Naturgesetze, keine Objekte außerhalb unserer selbst –, die von Beobachtern unabhängig sind.“ (Segal L. 1989. S.25).

Die beste Definition jedoch für den Konstruktivismus liefert der Umkehrschluss einer Definition bisheriger, traditioneller Erkenntnistheorien, die treffender nicht sein könnte, als jene von Lynn Segal aus seinem Buch „Das 18. Kamel oder Die Welt als Erfindung“ (ebd. S. 25):

Erstens möchten wir, dass Wirklichkeit unabhängig von uns, die wir sie beobachten, existiert. Zweitens wollen wir die Wirklichkeit erkennen können, wir wollen, daß [sic] sie uns zugänglich ist. Wir möchten ihre Geheimnisse aufdecken, d.h., wie sie funktioniert. Drittens wollen wir, daß [sic] diese Geheimnisse einer bestimmten Gesetzmäßigkeit unterliegen, damit wir die Wirklichkeit voraussagen und letztendlich bestimmen können. Viertens möchten wir Gewißheit [sic]; wir wollen wissen, ob das, was wir über die Wirklichkeit herausgefunden haben, wahr ist.

Radikaler Konstruktivismus

In der Literatur taucht immer wieder der Begriff „Radikaler Konstruktivismus“ auf, ohne jedoch, dass auf die tiefer Bedeutung des Wortes „radikal“ eingegangen wird (vgl. Glasersfeld v., E. 1997). Radikal bedeutet „von Grund auf, gründlich; bis zum Äußersten gehend; rücksichtslos“ (Brockhaus. 2000. S. 730). Im gleichen Abschnitt wird Radikalismus als eine Weltanschauung erklärt „ . . . , die auf eine grundsätzl. Kritik bestehender Verhältnisse und eine grundlegende Veränderung zielen; . . . (ebd. S. 730).

So gesehen ist der Konstruktivismus als Weltanschauung radikal, da er versucht, bisher Dagewesenes in seinen Grundfesten zu erschüttern um eine neue Weltanschauung zu propagieren. Der Radikale Konstruktivismus in seiner Begrifflichkeit hat also keine andere Bedeutung außer, dass er zum Ausdruck bringen möchte, dass er alten Weltanschauungen grundsätzlich widersprechen möchte.

1.2.2 Neurobiologische Abläufe

Theoriegrundlage ist das menschliche Gehirn als relativ geschlossenes und sich autopoietisches[1], informationsverarbeitendes System. Während Maturana das Gehirn als komplett autopoietisches System anerkennt (vgl. I: Leibseele), befinden andere wie Allefeld C. (1997), dass zwar der Großteil der Aktivitäten des Gehirns sich um sich selbst dreht aber dennoch ein geringer Teil sich mit der Verarbeitung von Informationen oder Reizen der Außenwelt beschäftigt (vgl. I: Murfit: Allefeld C. 1997). Was bedeutet das nun für die Wahrnehmung: Der Mensch kann mit seinen Sinnesorganen die Umwelt wahrnehmen, jedoch nur die Reizstärke und keine Sinnesqualitäten (vgl. ebd.). Dies führt zu Impulsfrequenzen z.B. Töne oder visuelle Eindrücke, die dem Gehirn jedoch keine Informationen über die Realität der Welt bieten, sondern nur als zu interpretierendes Rohmaterial dem Gehirn zur Verfügung stehen. Unsere Ohren z.B. hören keine Musik sondern nehmen Schallwellen wahr, setzten sie in einfache elektrische Impulse um und leiten sie an das Gehirn weiter, das aus diesen Impulsen erst die Musik macht. Der Musikeindruck wird also erst im Gehirn erzeugt und nicht von den Sinnesorganen aufgenommen (vgl. I: Frank-Thissen. 1997. S.6). Diese Unbestimmtheit der Reize betrifft nicht nur die Sinnesorgane, sondern gilt auch für diejenigen Gehirnareale, in denen die Sinnesdaten verarbeitet werden. Sinnesqualitäten werden im Gehirn erzeugt. Allefeld C. (1997) folgert in seinem Diskussionskreis, dass die wesentliche Leistung des Gehirns darin besteht, die von den Sinnesorganen übertragenen Impulse aus der Außenwelt permanent zu interpretieren, sich also seine Welt zu konstruieren ohne zu wissen, wie sie wirklich ist. Wahrgenommen werden immer nur Erfahrungen von Dingen, nicht die Dinge selber. Verständnis bedeutet Interpretationen aufzubauen, die funktionieren und schlüssig zu sein scheinen (vgl. I: Murfit: Allefeld C. 1997).

Allefeld C. (1997) betont, dass diese Unspezifität Voraussetzung dafür ist, dass verschiedene Arten von Sinnesdaten gemeinsam verarbeitet und aus den unterschiedlichen Kontaktbereichen zur Umwelt eine einheitliche Welt konstruiert werden können. Auf Sinneseindrücke folgen geistige Prozesse und Handlungen. Das heißt, das Gehirn ist eine in sich geschlossen Struktur mit der Fähigkeit zu Interpretieren und Konstruieren von Bedeutungen. Dennoch ist die Welt nicht willentlich steuerbar, denn die Impulse der Umwelt, die den neurobiologischen Ablauf in Gang bringen, sind vom individuellen Willen unabhängig (vgl. Murfit: Allefeld C. 1997).

Was meint Maturana dazu? Die Sinnesorgane verwandeln Reize in neuronale Aktivitäten, ohne dass sich eindeutige Verbindungen zwischen Außen und Innen aufweisen lassen. Die Verwandlung verläuft reizunspezifisch: das heißt, im Gehirn lassen sich ausschließlich bioelektrische Aktivitätszustände nachweisen, die die äußere Welt nicht abbilden, sondern allein selbstreferentiell (selbstbezogen) konstruieren. Das menschliche Bewusstsein schafft sich gewisser- maßen seine Welt selbst (vgl. I: Leibseele).

Fazit: Sowohl Allefeld und Thissen als auch Maturana betonen, dass die Wirklichkeit niemals wahrnehmbar ist, sondern immer nur Reize, die vom Gehirn in der Konstruktion von Bildern bestenfalls eingebaut werden.

1.2.3 Wichtige Begriffe des Konstruktivismus

Objektivität

Bei Objektivität spricht man von einer „Denkweise und Haltung die den Gegenstand sachlich, unbeeinflusst von Voreingenommenheit, Gefühlen und Interessen auffasst“ (Brockhaus. 2000. S. 656). In anderen Worten: Es gibt eine vom Beobachter unabhängige, objektive Realität.

Der Konstruktivismus lehnt dies ab. Vielmehr spricht er von Übereinstimmung oder Verständigung. Jeder Mensch besitzt als biologisches System die Fähigkeit zu beobachten und zu kommunizieren. Die Sprache ist Mittel der Kommunikation. Nach Segal L. (1989) bedeutet eine Sprache zu sprechen „. . ., dass [sic] man sich auf eine gemeinsame Vorstellung hinsichtlich des Wahrnehmens von ‚Realität’ verständigt hat“ (Segal L. 1989. S. 30).

Realität wird demnach durch Übereinstimmung geschaffen. Im Laufe der Jahrhunderte gab es unterschiedliche Theorien z.B. wie das Universum angeordnet sei. Das geozentrische Weltbild hatte die Erde zum Mittelpunkt, worum sich alle anderen Planeten und die Sonne bewegen. Da Wenige etwas anderes geglaubt wurde das geozentrische Weltbild zur objektiven Realität gemacht. Erst Kopernikus und später auch Galilei und andere fanden heraus, dass die Sonne im Mittelpunkt steht und die anderen Planeten inklusive Erde um die Sonne kreisen. Seit diesem Zeitpunkt veränderte sich die objektive Realität vom geozentrischen zum heliozentrischen Weltbild (vgl. Foerster v., H. 2002. S. 83ff).

Im Laufe der Jahrtausende gab es viele Entdeckungen oder Erfindungen bedeutender Wissenschaftler, die ständig alte „Realitäten“ überholten und veränderten. Die Einstellung, die objektive Realität irgendwann mal durch den Fortschritt erkennen zu können nennt man „Optimismus“ (vgl. ebd. 2002).

Fazit: Der Konstruktivismus lässt Objektivität nicht zu. Das, was Menschen oft für objektive Realität halten, ist immer nur eine Einigung mehrerer Menschen um einen Konsens zur besseren Verständigung zu finden.

Wahrheit

Foerster v., H. (2002) bezieht sich noch mal auf das Höhlengleichnis, wenn er versucht ein menschliches Bild von Wahrheit zu beschreiben. Er nimmt Bezug auf die Stelle, wo der Mensch seinen Blickwinkel durch Positionswechsel verändern kann, indem er von seinen Fesseln erlöst wird. Der „Befreite“ kann nun die von ihm bisher geglaubte Wahrheit überprüfen, erlebt aber eine neue Wahrheit, die er seinen zurückgebliebenen mitteilt. Er stößt jedoch auf Ablehnung, weil die Kollegen ihren Blickwinkel nicht verändern wollen oder können (vgl. Foerster v., H. 2002. S. 53ff). Wodurch kann sich der der Höhle entstiegene Mensch jedoch sicher sein, dass er nun die „richtige“ Wahrheit erkannt hat?

Segal L. (1989) attestiert dem Menschen, dass er Wahrheit konstruiert, indem er etwas, was er sich denkt, mit etwas, von dem er glaubt, dass es unabhängig von ihm in der Welt des Konkreten existiert, vergleicht (vgl. Segal L. 1989. S.39). Der Mensch sucht ständig nach irgendwelchen Bestätigungen seiner Gedanken um Wahrheit zu finden. Anders kann er nicht arbeiten oder leben. Um Zeit und Kraft zu sparen, lässt der Mensch ständig seine Vermutungen durch Beweise bestätigen. Er verlässt sich auf das, was andere für wahr halten und vergleicht seine Wahrheit mit anderen, bzw. mit dem, was andere über seine Wahrheiten sagen: z.B. Wissenschaftler, Experten oder Menschen aus der Umwelt (vgl. ebd. S. 40ff).

Der Mensch glaubt demnach an eine Wahrheit über die objektive Realität, der er vertrauensvoll Glauben schenkt. Segal L. (1989) argumentiert weiter indem er Heinz von Foerster´s Kritik über die Wahrheitskonstruktion von Menschen übernimmt, die besagt, „ . . . daß [sic] wir uns selbst etwas vormachen, indem wir zuerst unsere Welt in zwei Wirklichkeiten unterteilen – die subjektive Welt unserer Erfahrung und die sogenannte objektive Welt der Wirklichkeit – und anschließend behaupten, daß [sic] wir verstehen, indem wir unsere Erfahrung mit einer Welt vergleichen, von der wir annehmen, daß [sic] sie unabhängig von uns existiert“ (ebd. S.42).

Fazit: Im Höhlengleichnis kann durch Positionswechsel die Wahrheit über die objektive Realität erkannt werden. Der Mensch kann seine alte Wahrheit durch den Vergleich mit den Blickwinkel der wirklich Sehenden neu definieren. Doch die Wahrheit der Sehenden (z.B. angesehene Wissenschaftler, Experten) als vom Beobachter unabhängig existierend und objektive Realität anzunehmen, ist nach Segal L. (1989) und Foerster v., H. (1997) nicht möglich.

Ein Beispiel für die Unmöglichkeit einer Existenz von einer vom Beobachter unabhängigen objektiven Realität bzw. Wahrheit bietet der Konflikt „Terroristischer Islam“ gegen „Westlich-zivilisierte Welt“. Der Terrorist, der in das „World Trade Center“ in New York fliegt, mag an die Wahrheit glauben, dass der ungläubige Amerikaner vernichtet werden muss. Der wiederum ist der Überzeugung, dass diese Terroristen Verbrecher sind, die aus barbarischer Intention heraus handeln. Der Verbrecher gehört bestraft (vgl. Brinkbäumer K., Cziesche D., Mascolo G., Meyer C. & Ulrich A. 2002. S. 92ff).

Wahrnehmung

Wahrnehmung eines menschlichen Individuums beruht immer auf den fünf Sinnesorganen des Organismus: Gehör-, Geruch-, Tast-, Seh- und Geschmacksinn. Wahrnehmung im physikalischen Sinn beruht jedoch immer auf Reizintensität und niemals auf Reizursache oder Reizbeschaffenheit (Foerster v., H. 1992. S. 57f). Das heißt, Wahrnehmung kann niemals objektiv sein, weil jeder Mensch Intensitäten unterschiedlich wahrnimmt. Das mag unter anderem an Organstörungen wie Blindheit oder Taubheit liegen oder aber auch an Vorerfahrungen, die jemanden sich auf bestimmte Dinge konzentrieren lässt.

Neben körperlichen Vorraussetzungen gibt es scheinbar noch andere Gründe für unterschiedliche Wahrnehmung. Folgende Situation soll dies veranschaulichen: Eine Person hat ein bestimmtes Feld in seinem Zimmer im Blick. Angenommen, da stehen ein Telefon, vielleicht zwei Bücher daneben eine Lampe. Die Glühbirne der Lampe ist defekt und das Licht blinkt mal auf, dann geht es wieder aus. Die volle Aufmerksamkeit ist auf die blinkende, weil vielleicht störende Lampe gerichtet. Doch plötzlich läutet das Telefon. Nun ist trotz unveränderter visueller Tatsachen – das Licht blinkt immer noch – die volle Aufmerksamkeit einer Person auf das Telefon gerichtet, die andere Person verweilt mit ihrem Blick und der Aufmerksamkeit auf dem blinkendem Licht.

Verantwortlich dafür sind neurobiologische Abläufe im Gehirn, nach denen Konstrukte von der Welt geschaffen werden, die ein Überleben ermöglichen (vgl. I: Frank-Thissen. 1997. S. 6). Überleben kann in diesem Fall für die eine Person bedeuten, den Telefonhörer abzuheben um die Neugier zu befriedigen. Die andere Person ist jedoch in erster Linie an der Reparatur des Lichtes interessiert, weil es ansonsten sich in ihrer Ruhe gestört fühlt. Sie ignoriert das Telefon.

Fazit: Wirklichkeit ist eine Konstruktion des Gehirns, bei der Wahrnehmung von selbstreferentiellen Vorgängen im Gehirn beeinflusst wird.

Viabilität

Das Gehirn arbeitet nicht um Wahrheit herauszufinden, sondern um einem Individuum Überlebensfähigkeit zu ermöglichen. Diese Überlebensfähigkeit nennt man Viabilität (vgl. I: Frank-Thissen. 1997. S.6). Auch bei Glasersfeld v., E. (2002) finden wir diesen Begriff, zunächst allerdings in der Verwendung von „Brauchbarkeit“ (vgl. Glasersfeld v., H. 2002. S.22). Später aber wird deutlich, dass auch bei Glasersfeld dieser Begriff „ . . . sich immer und ausschließlich nur auf die Fähigkeit bezieht, innerhalb der Bedingungen und trotz der Hindernisse zu überleben, welche die Umwelt oder ‚Wirklichkeit’ dem Organismus als Schranken in den Weg stellt“ (ebd. S. 25). Als Wirklichkeit wird in diesem Zusammenhang nicht an die objektive Realität gedacht, sondern die an die subjektiv unbestreitbare Realität von Dingen.

1.2.4 Das System (Systemtheorie)

Der Mensch als biologisches System ist ein soziales Wesen, indem er im Kontakt zu anderen Menschen steht. Die Auseinandersetzung zwischen zwei Menschen nennt man Interaktion. Über diese Interaktion werden intersubjektive, gemeinsame Wirklichkeiten erzeugt, die sogenannten Bedeutungssysteme. Systeme sind im Konstruktivismus also Interaktionen, die sich innerhalb zwischenmenschlich erzeugter Wirklichkeiten ereignen. Diese Wirklichkeiten sind Übereinkünfte mehrer Menschen über Dinge und Abläufe. Essl (1992) glaubt beispielsweise, dass jeder Mensch eine für ihn objektive Welt konstruiert, die sich durch die Wechselwirkung (Beziehungen) zwischen Menschen immer wieder verändern kann (vgl. I: Essl. 1992). Im folgenden Abschnitt soll die Systemtheorie durch die Beschreibung einzelner Begriffe und Vorgänge verdeutlicht werden.

Kybernetik

Die Wechselwirkung oder Beziehungen bilden die Grundstruktur von Systemen und werden unter dem Begriff Kybernetik zusammengefasst. Kybernetik bezeichnet die Wissenschaft, die sich mit den Gesetzmäßigkeiten der Steuerung, der Regelung und Rückkopplung der Übertragung und Verarbeitung von Informationen in Maschinen, Organismen und Gemeinschaften beschäftigt (vgl. Brockhaus. 2000. S. 513). Jeder Mensch als eigenes System und Teilnehmer anderer Systeme steht in ständiger Wechselwirkung zu anderen Systemen in seiner Umwelt. Die Form der Wechselwirkung nennt man Interaktion oder Kommunikation.

Der Beobachter

Ein Teil der Wechselwirkung ist die Beobachtung bzw. die Wahrnehmung des eigenen Systems oder der Umwelt. So wie wir nicht „Nicht Kommunizieren“ können, können wir auch nicht „Nicht beobachten“ (vgl. Watzlawick P., Beavin J. & Jackson D. D. 2000. S. 53). Jeder Mensch ist ständig Beobachter, sonst ist er tot. Alles was wir wahrnehmen und beobachten ist nach Glasersfeld v., E. (1997) eine Form des selbstreferentiellen Erkennens (vgl. Glasersfeld v., E. 1997. S. 241). Das bedeutet, dass alles was wir wahrnehmen und beschreiben abhängig davon ist, wie wir wahrnehmen und beschreiben (vgl. Frohnenberg A. 2000. S. 14). Oder anders ausgedrückt: Wir sehen nicht, was wir nicht sehen (vgl. Glasersfeld v., E. 1997. S. 242).

Es handelt es sich in Systemen bei Beobachtungen um Prozesse der zirkulären Kausalität, die nicht nach dem Ursache-Wirkung-Prinzip funktionieren. Jede Beobachtung hängt mit der willkürlichen Interpretation von Geschehnissen zwischen Kommunikationspartnern zusammen (vgl. Kersting H. J. 2002. S. 21).

Drei Schlussfolgerungen zieht Kersting H. J. (2002) aus dem Status der Beobachtung: Erstens beeinflussen die Beobachtungen des Beobachters das Beobachtete, zweitens erschaffen die Beobachtungen des Beobachters das Beobachtete und drittens wird das Beobachtete vom Beobachter nicht entdeckt sondern erfunden. Ist der Beobachter nun Teil dessen, was er beobachtet, so spricht man von Beobachtung 1. Ordnung (vgl. Kersting H. J. 2002. S. 28).

Kersting H. J. (2002) unterscheidet zwischen zwei Varianten von Beobachtung: Bei der Beobachtung erster Ordnung ist der Beobachter Teil seiner Umwelt, die er beobachtet. Bei der Beobachtung zweiter Ordnung beobachtet der Beobachter aus einer Perspektive außerhalb seiner Umwelt (ebd. S. 25). Beobachter erster Ordnung ist z.B. der Sozialpädagoge, seine Umwelt das Jugendzentrum. Beobachter zweiter Ordnung wäre dann der Supervisionär, der diesen Sozialpädagogen berät (ebd. S. 25).

Auotopoieses

Der Begriff „Autuoiese“ setzt sich aus den beiden griechischen Wörtern „autos“ (selbst) und „poiein“ (Schöpfung) zusammen und bedeutet Selbstschöpfung oder Selbsterzeugung (vgl. Rees-Schäfer W. 1992. S. 45). Das ständige und einzige Ziel von Systeme ist, ihre autopoietische Organisationsform zu erhalten und einzelne Elemente neu zu produzieren. Z.B. reproduziert sich die Familie durch das Gebären von Kindern, die als Elemente des Systems die Organisationsform durch erneute Reproduktion über Generationen hinwegtragen. (vgl. Frohnenberg A. 2000. S. 13f). Autopoietische Systeme sind in sich geschlossen – also nicht offen gegenüber der Umwelt, die sie maximal als Anregung wahrnehmen und in ihre EIgenfrequenz verarbeiten (vgl. Reese-Schäfer W. 1992. S. 47 & Tretter F. 1998. S. 72).

Folge der Selbstreferenz von Systemen ist die Autonomie (vgl. Frohnenberg A. 2000. S. 14). Dieser Begriff stammt aus dem Griechischen und bedeutet „Eigengesetzlichkeit“ (vgl. BLVG & BEP. 2002).

Strukturelle Rückkopplung

Unter struktureller Rückkopplung versteht man den Prozess, wenn Menschen oder Systeme über einen längeren Zeitraum miteinander interagieren und durch diese Interaktion Bereiche der Übereinkunft erzielen. Allerdings geschieht dies aufgrund der Geschlossenheit nicht durch einen Informationsaustausch, sondern indem jedes der beteiligten Systeme bedeutsame Unterschiede zur Umwelt ausmacht und diese selbstreferentiell verarbeitet. Gegebenenfalls werden dadurch strukturelle Zustandsveränderungen ausgelöst. Diese Veränderungen werden Pertubationen (Störungen) genannt (vgl. Frohnenberg A. 2000. S. 14f).

Pertubationen können nun dazu führen, dass Systeme sich nach autopoietischen Prinzipien weiterentwickeln können. Oder aber der Auslöser muss des Frieden willens aus dem System verbannt werden. Das System entscheidet jeweils nach dem Prinzip der „Viabilität“.

Interaktion [2]

Interaktion ist die Form der Wechselwirkung zwischen mindestens zwei Systemen. Eine Form der Interaktion ist die Kommunikation. Kommunikation ist abhängig vom Bewusstsein, also jenes operationell, geschlossenes autopoietisches System, welches den Menschen ausmacht. Kommunikation gibt es dann, wenn nun Bewusstsein und die Systeme seiner Umwelt in Kontakt treten und Anschlussstellen finden. Gedanken als Bestandteile des Bewusstseins sind oftmals Auslöser sozialer Kommunikation, die ihrerseits aus drei Elementen besteht: Information, Mitteilung und Verstehen. Wobei Verstehen wiederum die Vorrausetzung für die Fortsetzung der Kommunikation ist. Hindernisse beim Verstehen können die Sprache oder fehlende Anschlussstellen sein (vgl. Horster D. 1997. S. 98ff). Schulz von Thun glaubt an die mehrfache subjektive Bedeutung einer Nachricht, wonach jede Nachricht vier Botschaften enthält, die im direkten Zusammenhang mit dem Absender stehen: Der Sachinhalt, die Selbstkundgabe, der Appell und der Beziehungsaspekt (vgl. I: Scope-Online. 2002). Wenn immer Systeme die Botschaften des anderen Systems nicht deuten können, werden sie sich missverstehen (vgl. Reich K. 1997. S. 76).

Watzlawick P. et al. (2000) versuchen im pragmatischen Kommunikationsmodell mit verschiedenen Axiomen die menschliche Kommunikation zu erklären. Unter anderem stellen sie fest, dass man nicht nicht kommunizieren kann (vgl. Watzlawick P. et al. 1969. S. 53). Das heißt auch, wenn der Mensch sich nicht offensichtlich äußert, also verbal, teilt er sich mit (z.B. durch nonverbale Kommunikation). „Kommunikation ist die Operationsweise des Systems Gesellschaft, das sie erhält“ (Horster D. 1997. S. 101).

Sprache

Sprache ist die Voraussetzung für die Aufrechterhaltung der Kommunikation. Das Sprachsystem entwickelt sprachliche Zeichen für verschiedene Situationen, die keinen Kontakt zur Außenwelt erfordern. Sie repräsentieren Sachverhalte, die in einem oder mehreren Systemen auftauchen. Ein sprachliches System ermöglicht die Unterteilung in verbale und nonverbale Kommunikation. So sind nonverbale Zeichen von Polizisten in dem System, dem sie angehören lautlos verständlich (vgl. Horster D. 1997. S. 128ff).

Das Lernen eine Sprache hängt immer mit der Umgebung zusammen, in dem ein Mensch aufwächst. Unterschiedliche Dialekte der Eltern sowie der Wohngegend, schulische Bildung oder aber auch soziale Schichten prägen die Färbung der Sprache oder die Ausdrucksweise. Als Mitglied verschiedener Systeme kann es sein, dass ein Mensch unterschiedliche Sprachmodalitäten pflegt und für gleiche Begriffe in verschiedenen Umfeldern verschiedene Ausdrücke verwendet.

Sprache ist keine Möglichkeit, Wissen zu vermitteln. Ausgetauschte Informationen werden stets nach subjektiven Kriterien interpretiert. Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache, welcher flexibel ist und die Intention des Sprechers vermittelt und nicht die Bedeutung von Worten (vgl. I: Frank-Thissen. 1997. S.7).

1.2.5 Zusammenfassung

Im Zentrum des Konstruktivismus steht die Frage, wie Erkenntnisvorgänge zustande kommen, sich auswirken und zu welchen Ergebnissen sie führen. Ein Kernpostulat des Konstruktivismus lautet, das Wort „Erkenntnis“ aufzugeben und statt dessen eine neue Wissenstheorie zu entwickeln: Das Wahre ist demnach das Gemachte – Menschliches Wissen ist folglich Konstruktion.

Der Konstruktivismus betont, dass das, was der Mensch wahrnimmt, ein Konstrukt seines Gehirns ist. Er lehnt die Erkennbarkeit einer vom Bewusstsein unabhängigen Welt ab. Das Kriterium der Objektivität wird durch jenes der Intersubjektivität ersetzt. Demnach sind nicht so sehr die objektiven Daten, sondern die subjektiven Reaktionen beim Empfänger der Daten von entscheidender Bedeutung. Objektivität ist nach Foerster v., H. (2002) eine geniale Strategie, um sich der Verantwortung für das eigene Leben und eigene Entscheidungen zu entziehen (vgl. Foerster v., H. 2002. S. 44). Diese Wahrnehmung der Wirklichkeit, erfordert, dass der Mensch gleichermaßen Beobachter und Teilnehmer von Systemen ist, und er sich Rückkopplung mit anderen Systemelementen bzw. anderen Systemen bewusst wird.

1.3 Konstruktivismus im alltäglichen Leben

Im folgenden Abschnitt soll es darum gehen, zu erklären, warum der Konstruktivismus keine Theorie ist, die nur auf der Metaebene eines philosophischen Ansatzes anzusiedeln ist, sondern eine Theorie ist, die alltägliche Lebenszusammenhänge erklären und bestimmen kann.

[...]


[1] Der chilenische Biologe Humberto Maturana (*1928) entwickelte das System der Autopoieses nachdem sich alle Lebewesen dadurch charakterisieren, dass sie sich andauernd selbst erzeugen (vgl. Maturana H. & Varela F. J. 1987). Der Begriff Autopoiese wird ausführlich im Kapitel 1.2.4. beschrieben.

[2] 1. wechselseitige Beziehung, aufeinander bezogenes Handeln, gegenseitige Beeinflussung 2. Verstärkung oder Aufhebung von Wirkungen (vgl. I: Langenscheidt)

Details

Seiten
253
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783832468903
ISBN (Buch)
9783838668901
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v222230
Institution / Hochschule
Evangelische Fachhochschule Freiburg – Sozialpädagogik
Note
1,5
Schlagworte
konstruktivismus pädagogik systemtheorie sportvereine vorbildfunktion

Autor

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Titel: Sucht und Gesellschaft