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Die österreichisch-russischen Beziehungen von Peter dem Großen bis Joseph II

Diplomarbeit 2003 153 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Neuzeit, Absolutismus, Industrialisierung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Osteuropäische Mächtekonstellation
2.1 Russland und Polen im 17. Jahrhundert
2.1.1 Die Zeit der Wirren
2.1.1.1 Die soziale Phase
2.1.1.2 Die nationale Phase
2.1.2 Russische Expansion auf Kosten Polens
2.1.2.1 Innerstaatliche Konsolidierung
2.1.2.2 Polen als Hauptgegner Russlands
2.1.2.3 Das Schwinden der polnischen Vormachtstellung
2.2 Österreichs Osteuropapolitik im 17. Jahrhundert
2.2.1 Reichspolitik versus Hausmachtspolitik
2.2.2 Bündnispolitik gegen das Osmanische Reich

3 Österreich und der russische Machtzuwachs
3.1 Thronbesteigung Peters I
3.1.1 Regentschaft Sofijas
3.1.2 Peter I. als Co-Zar
3.1.3 Militärische und diplomatische Unternehmungen
3.1.3.1 Die Eroberung Asows
3.1.3.2 Die Große Gesandtschaft
3.2 Der Große Nordische Krieg
3.2.1 Niederlage und Sieg bei Narwa
3.2.2 Russlandfeldzug Karls XII
3.2.3 Neue Hegemonialmacht im Nordosten Europas
3.3 Diplomatische Weichenstellungen
3.3.1 Österreichs Haltung bis 1709
3.3.2 Österreichisch-russische Bündnisbestrebungen
3.3.3 Nordische Koalitionen

4 Die drei Schwarzen Adler
4.1 Das Bündnis von 1726
4.1.1 Die Entstehungsgeschichte
4.1.1.1 Die Folgen des Titelstreits mit Russland
4.1.1.2 Österreich – Russland – Schweden
4.1.1.3 Einbeziehung Preußens
4.1.2 Die Auswirkungen
4.1.2.1 Der Polnische Thronfolgekrieg
4.1.2.2 Gegen das Osmanische Reich
4.2 Russland und der österreichisch-preußische Dualismus
4.2.1 Österreichs außenpolitische Krise
4.2.1.1 Der Erste Schlesische Krieg
4.2.1.2 Russisches Zögern
4.2.1.3 Neuausrichtung der Allianz
4.2.2 Gemeinsames Vorgehen gegen Preußen
4.2.2.1 Instrumentalisierung Russlands durch Österreich
4.2.2.2 Lösung aus der österreichischen Bevormundung
4.3 Expansion auf Kosten Polens und des Osmanischen Reichs
4.3.1 Russische Einflussnahme auf die polnische Königswahl
4.3.2 Russisch-türkischer Krieg und erste Teilung Polens
4.3.3 Russland als Garantiemacht des Reichsfriedens

5 Joseph II. und Russland

6 Österreich und die russische Großmachtstellung - Zusammenfassung

7 Literatur- und Quellennachweis
7.1 Literatur
7.2 Karten

1 Einleitung

Das 18. Jahrhundert ist für die Geschichte Österreichs unbestreitbar von entscheidender Bedeutung. Darauf weisen bereits die Titel von Werken hin, die über diese Ära geschrieben worden sind. Mikoletzky beispielsweise bezeichnet es als das „große“ Jahrhundert Österreichs. Es brachte auf militärischem und diplomatischem Gebiet bedeutende Erfolge, aber auch zukunftsweisende Niederlagen mit sich.

Es wurde in den ersten Jahrzehnten vom habsburgisch-bourbonischen Konflikt um das spanische Erbe bestimmt, aber nach dem Ende des Österreichischen Erbfolgkrieges (1748) wurde der Gegensatz zu Frankreich durch den österreichisch-preußischen Dualismus in den Hintergrund gedrängt.

Auf dem Balkan trat das Ringen zwischen Österreich und dem Osmanischen Reich ebenfalls in neue Phase ein, die zunächst einen glänzenden Erfolg für Österreich hervorbrachte (Friede von Passarowitz 1718), der den Machtverlust des Sultans in Europa einleitete. Die weiteren Kämpfe gegen den „Erbfeind der Christenheit“ verliefen aber für Österreich weniger erfolgreich, obwohl diese beiden Kriege (1737-1739 und 1787-1791) im Verbund mit der zweiten aufstrebenden Großmacht Osteuropas geführt wurden.

Das russische Zarenreich, das sich unter Peter dem Großen zu Beginn des Jahrhunderts in das Blickfeld der europäischen Mächte gekämpft hatte, setzte auch nach dessen Tod (1725) seine Expansion fort und entwickelte sich bis zum Ende des 18. Jahrhunderts zur größten Militärmacht des Kontinents. Dadurch stieg der Bündniswert Russlands, aber auch sein Bedrohungspotential für die Anrainerstaaten enorm an, worunter nicht nur die direkten Nachbarn wie Polen zu leiden hatten, sondern auch jene Staaten, deren Interessen sich mit den russischen überschnitten. Diesem Thema und speziell dem Verhalten Österreichs im Umgang mit der neuen Macht im Osten des Kontinents ist die vorliegende Arbeit gewidmet, wobei mich vor allem die Frage interessiert, von welcher Seite jeweils die Impulse für ein Zusammen- beziehungsweise Auseinandergehen ausgingen und welches der beiden Reiche innerhalb der Allianz tonangebend war.

Ich werde mich dabei auf die außenpolitischen Verbindungen zwischen den beiden Großmächten im Osten konzentrieren, was sowohl den Bereich der Diplomatie als auch die Kriegsführung beinhaltet und in der Tradition der Anfang der neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts wieder erstarkten Forschung im Bereich der Internationalen Beziehungen steht.[1] In dieser Forschung dominiert der Systembegriff, der zum Ausdruck bringt, dass die Beschreibung einer bilateralen Beziehung nicht ohne Berücksichtigung des internationalen Machtgefüges, das die Verhältnisse in (Ost-) Europa regelte, erfolgen kann. Daher wird es vonnöten sein, in einigen Bereichen die europäische Politik im Allgemeinen sowie die Haltung Preußens und des Osmanischen Reichs im Besonderen einzubinden. Dies soll allerdings nur in dem Ausmaß erfolgen, als es zum Verständnis der Vorgänge nötig ist, da die Darstellung sonst unüberschaubar werden würde.

Den ersten Teil der Arbeit bildet die Frage der Großmachtbildung Österreichs und Russlands, wobei ich, aufgrund der weitgehenden Bekanntheit der österreichischen Verhältnisse, meinen Schwerpunkt auf die Darstellung der Entwicklung in Russland legen werde. Außerdem ist eine Untersuchung der Internationalen Beziehungen des 18. Jahrhunderts, mit Hauptaugenmerk auf Osteuropa, ohne vorhergehende Klärung der russischen Stellung in der osteuropäischen Staatenwelt nicht denkbar. Die Darstellung beginnt mit den Veränderungen im russisch-polnisch-schwedischen Mächtesystem im 17. Jahrhundert, zeigt dann die Verschiebung der Einflusssphären am Balkan zu Gunsten des Habsburgerreiches und mündet schließlich im Nordischen Krieg, der den Aufstieg Russlands zur (ost-)europäischen Großmacht einleitete.

Ab diesem Zeitpunkt intensivierten sich auch die Kontakte zwischen dem Zaren und Österreich, wobei die politische Verlässlichkeit und militärische Berechenbarkeit Russlands noch weitgehend unbekannt waren. Das letzte Unterkapitel des ersten Abschnittes wird sich mit diesen Anknüpfungsversuchen im Verlauf der ersten beiden Jahrzehnte des 18. Jahrhunderts befassen.

Dieser erste Abschnitt umfasst also zwei Kapitel und ist der Frage gewidmet, wie sich aus Russland, das zu Beginn des 17. Jahrhunderts noch um das staatliche Überleben gekämpft hatte, und aus dem losen habsburgischen Länderkomplex, der erst ab dem Ende des 17. Jahrhunderts die Bezeichnung „Österreich“ bekam, zwei Hegemonialmächte Osteuropas entwickelten.

Das dritte Kapitel bildet den Hauptteil der Arbeit und beginnt mit dem Frieden von Nystad, der 1721 den Nordischen Krieg beendete und die Stellung Russlands als osteuropäische Hegemonialmacht vertraglich absicherte. Dieser Abschnitt beleuchtet den Wechsel von militärischer und diplomatischer Annäherung beziehungsweise Entfremdung zwischen Österreich und dem Zarenreich bis zum Abschluss des Friedens von Teschen (1779). Insbesondere die Veränderung der Haltung Österreichs gegenüber dem Zarenreich innerhalb der, sich immer mehr zu Gunsten Russlands verschiebenden, Macht- und Einflussstrukturen in Osteuropa soll hier betrachtet werden. Als wichtige Stufen dieser Entwicklung sind die Bündnisse der Jahre 1726 und 1746 mit ihren jeweiligen Auswirkungen, sowie die Zeit der ersten polnischen Teilung genauer zu untersuchen. Den Abschluss dieses Abschnittes bildet der Frieden von Teschen, der 1779 den Bayrischen Erbfolgekrieg beendete und die diplomatische Integration Russlands in Europa besiegelte.

Zuletzt werde ich das Jahrzehnt der Alleinregierung Josephs II. und die Auswirkungen seiner Außenpolitik auf das Verhältnis zu Russland untersuchen. In diesen zehn Jahren kam es nicht nur zur ersten Reise eines österreichischen Herrschers nach Russland sondern auch zum letzten Krieg gegen das Osmanische Reich, während dem Joseph II. starb.

Während der Literaturrecherche musste ich feststellen, dass bis auf wenige Ausnahmen die neuere österreichische Historiographie kaum Interesse an diesem Forschungsgebiet zeigt. Nur Dr. Walter Leitsch[2] und jüngst Mag. Dr. Michael Hochedlinger vom Österreichischen Staatsarchiv haben sich in den letzten Jahren mit dieser Frage beschäftigt, wobei Leitsch seinen Schwerpunkt auf die polnische Frage legt und Hochedlinger vor allem das späte 18. Jahrhundert behandelt. Nicht zu vergessen ist die ausgezeichnete Dissertation von Maren Köster, die sich speziell mit der militärischen Zusammenarbeit zwischen Österreich und Russland im Polnischen Thronfolgekrieg befasst. Auch für den Siebenjährigen Krieg liegt von Dieter Bangert eine Studie über das gemeinsame militärische Vorgehen gegen Preußen vor. Im Übrigen musste ich vor allem aus Biographien (Joseph I., Maria Theresia, Joseph II., Katharina II.) und Überblickswerken diejenigen Informationen zusammensammeln, die mir für mein Thema relevant erschienen.

Ganz anders stellt sich die Literatur polnischen Frage dar, wobei auf diesem Gebiet die Darstellungen über die Zusammenarbeit zwischen Preußen und Russland dominieren. Für diese Entwicklungen liegen einige zeitgemäße und umfangreiche Publikationen vor, wobei ich hier stellvertretend Klaus Zernack und Michael G. Müller erwähnen möchte, deren Werken ich ebenfalls wertvolle Hinweise für meine Arbeit entnehmen konnte.

2 Osteuropäische Mächtekonstellation

Die Situation in Osteuropa am Ende des 16. Jahrhunderts lässt sich schwerlich kurz zusammenfassen. Ein roter Faden zieht sich jedoch durch die Entwicklungen dieser Zeit. Es ist dies der Konflikt zwischen Polen-Litauen, Schweden und Moskau.

Hervorgegangen aus dem Zusammenschluss der Großfürstentümer Moskau und Novgorod im Jahre 1478 und der darauf folgenden Zerschlagung der Mongolenherrschaft (1480) bemühten sich die Moskauer Herrscher stetig, ihr Territorium auszubauen. Die größten Gebietsgewinne wurden dabei im Osten des Reiches erzielt, wo die ehemaligen Mongolenkhanate Kasan und Astrachan schon in den fünfziger Jahren des 16. Jahrhunderts dem Moskauer Zaren[3] untertan wurden. Einige wichtige Erweiterungen des Moskauer Reichs wurden aber auch im Westen erreicht, wo militärisch potentere Gegner die Erfolge aber weit schwieriger und zunächst auch kurzlebiger machten. Unter Ivan dem Schrecklichen hatte es bereits die ersten Anzeichen dafür gegeben, was im 18. Jahrhundert das Charakteristikum der russischen Europapolitik bilden sollte: Der Anspruch eine europäische Macht zu sein.

Ausgangspunkt des von Ivan ausgelösten Livländischen Krieges[4] war die Entdeckung des Seeweges über das Nordkap ins Weiße Meer und die Landung eines englischen Seefahrers an der russischen Nordküste.[5] Der Antrieb für die englischen Händler, diesen schwierigen Weg zu erkunden, war die Absicht, den dänischen Zöllen am Sund und den Handelsauflagen in den Häfen Livlands[6] zu entgehen. Es entspann sich auch bald ein ansehnlicher Handel zwischen England, wo 1555 die Muscovy Company gegründet wurde, und dem Zarenreich. Allerdings stellte sich der 1.600 km lange Weg aus dem russischen Zentralraum in die nördliche Küstenregion als sehr beschwerlich heraus. Dadurch offenbarte sich die ungünstige Lage, in der sich Russland in Bezug auf den Handel mit Westeuropa befand. Es fehlte ein gut ausgebauter Ostseehafen, von dem aus der direkte russische Handel abgewickelt werden konnte. Schon Ivan III. hatte mit der Gründung Ivangorods in unmittelbarer Nachbarschaft des schwedisch-livländischen Hafens Narwa die Anwartschaft des russischen Reiches auf die Ostsee unterstrichen, doch war die neue Anlage dem besser gelegenen und eingeführten Nachbarhafen unterlegen.

Ivan IV. unternahm wiederholt den Versuch, die Schwächen der Nachbarn auszunutzen. So konnten seine Truppen im Livländischen Krieg Narwa und andere Teile Livlands erobern, die er aber nach seiner totalen Niederlage gegen die verbündeten Schweden und Polen aufgeben musste.[7] Mit diesem Sieg begann auch der Aufstieg Schwedens zur hegemonialen Stellung im Ostseeraum, die bis ins 18. Jahrhundert bestehen blieb, während dem Zarenreich der direkte Zugang zur Ostsee für über ein Jahrhundert versagt blieb. Erst unter Zar Peter I. konnte dieser Zustand geändert werden. Dazwischen lag jedoch mehr als ein Jahrhundert, das gekennzeichnet war durch den Versuch Moskaus, die eigene Lage zu stabilisieren und die seiner Nachbarn zu schwächen. Der russische Historiker Platonov fasste diese Jahrzehnte mit folgender Beschreibung zusammen: „ Ivan the Terrible was unable to hold his own against these powers [...] by the treaty concluded with the Swedes in 1617, Muscovy was completely cut off from the Baltic Sea. [...] Russia was at first too weak, and later too preoccupied with its wars with Poland to take a decisive step toward the Baltic Sea. Yet the idea of the need for this step did not die; it was handed down to Peter, who brought it to realization.[8]

2.1 Russland und Polen im 17. Jahrhundert

Die schwierigsten Jahre dieser Epoche begannen bereits mit dem Tod des „schrecklichen“ Zaren, denn er hinterließ aus sechs Ehen nur zwei, mental schwache Söhne, von denen der Ältere, Fjodor, ihm auf den Thron folgte. Der neue Alleinherrscher Russlands erwies sich als nicht fähig, das Erbe seines Vaters anzutreten. Großen Einfluss auf ihn erlangte Boris Godunov, der Bruder der Gemahlin Fjodors. Während der Amtszeit Fjodors I. kam sein jüngerer Bruder Dimitrij ums Leben. Die Ursachen des Todes sind nicht geklärt, doch er wurde mit aufgeschnittener Kehle im Hof seines Palastes gefunden.[9] Das Volk Moskaus beschuldigte die Wachen des Mordes am einzigen direkten Thronerben und lynchte sie.

Nach dem Tod des kinderlosen Fjodor war die Dynastie der Rjurikiden ausgestorben und Boris Godunov übernahm offiziell die Regierungsgeschäfte als Regent für seine Schwester, die sich, obwohl von ihrem Mann als Nachfolgerin eingesetzt, in ein Kloster zurückzog.[10]

2.1.1 Die Zeit der Wirren

Die Bojarenduma, Vertreter des Dienstadels und der Geistlichkeit, sowie Kaufleute und Bürger von Moskau wählten Boris Godunov 1698 zum neuen Zaren, womit das erste, wenn auch kurze, Interregnum des russischen Reiches beendet war. Allerdings war dies erst der Auftakt zu einer 15 Jahre währenden Krisenzeit, die als „Zeit der Wirren“ in die Geschichtsschreibung einging. Sie war geprägt von großen inneren Unruhen sowie Angriffen von ausländischen Mächten, welche die Schwächeperiode des Zarenreiches zu ihrem Vorteil auszunutzen trachteten. Demgemäß unterscheidet Riasanovsky auch zwei Phasen während der Zeit der Wirren, deren Benennung sich auf die zwei oben erwähnten Tendenzen stützt. Die soziale und die nationale Phase.

2.1.1.1 Die soziale Phase

In den Jahren 1601 bis 1603 verhungerten Hunderttausende in Folge von Dürrekatastrophen und Missernten,[11] obwohl die Regierung Godunov starke Anstrengungen unternahm, die Not der Bevölkerung zu lindern. In dieser Notlage klammerten sich viele Menschen an die Vorstellung, dass der rechtmäßige Thronerbe Dimitrij, der jüngere Bruder Fjodors I., gar nicht ums Leben gekommen sei. In Polen tauchte im Jahr 1603 auch ein Mann auf, der vorgab, eben dieser Dimitrij zu sein.

Er wurde am Hof des Königs Sigismund III. Wasa empfangen, doch verwehrte ihm der König die Unterstützung. Nachdem Dimitrij zum Katholizismus konvertiert war, erlangte er auf sein Versprechen hin, den katholischen Glauben in Russland einzuführen, die Unterstützung der polnischen Jesuiten[12] und einiger polnischer Adeliger. 1604 überquerte er mit einer kleinen Armee die Grenzen Russlands, wo er aus der Not leidenden Bevölkerung und den revoltierenden Kosakenverbänden regen Zulauf erhielt. In Gefechten mit der regulären russischen Armee konnte er zwar nicht bestehen, aber die Streitmacht des falschen Dimitrij schaffte es, sich im Zarenreich zu halten und nach dem Tod Boris Godunovs konnte der Betrüger mit Hilfe des obersten zaristischen Heerführers Fjodor Basmanov den Thron besteigen.[13] Der neue Zar verstand es, die Forderungen seiner polnischen Unterstützer zurückzudrängen, aber mit der Heirat einer polnischen Vojvodentochter löste er heftige antipolnische Reaktionen aus. Unter dem Vorwand, den Zaren vor seinem polnischen Gefolge, das sich in Moskau viele Feinde geschaffen hatte, zu schützen, zettelten 1606 einige Bojaren einen Aufstand der Leibgarde des Zaren, der Strelitzen,[14] an, bei dem der als falsch entlarvte Zar[15] hingerichtet wurde.

Zu seinem Nachfolger wählte die Bojarenduma aus ihren eigenen Reihen den Adeligen Wassilij Schuiskij zum neuen Autokraten. Dieser war eine der Schlüsselfiguren im vorangegangenen Strelitzenaufstand. Seine Regierungszeit war von weiter zunehmenden sozialen Unruhen unter der Bevölkerung geprägt und so verwundert es kaum, dass schon 1607 erneut ein falscher Dimitrij auftauchte. Auch dessen Einmarsch in Russland erfolgte von Polen aus, wieder schlugen sich polnische Adelige auf seine Seite und sogar reguläre polnische Truppen beteiligten sich an seinem Angriff. Die militärische Führung übten polnische Offiziere aus, die das Heer der Aufständischen bis vor Moskau führten. Sie konnten die Stadt jedoch nicht erobern und richteten stattdessen einen eigenen Zarenhof in dem kleinen Ort Tuschino ein. In dieser Situation wandte sich Zar Wassilij an Schweden um Hilfe, das dem polnischen König feindlich gesinnt war, obwohl beide Herrscher aus der Familie der Wasa stammten. Sigismund entstammte der Ehe des schwedischen Königs Johann III. mit der polnischen Jagiełłonenprinzessin Katharina und konnte sich 1586 in der Wahl um die Nachfolge Stefan Bathorys in Polen durchsetzen. Als sein Vater 1592 starb, schaffte es Sigismund zwar, sich in Uppsala auch zum schwedischen König krönen zu lassen. Er scheiterte jedoch am Widerstand des protestantischen Adels, der es schließlich 1599 schaffte, den katholischen Sigismund durch den Reichsrat absetzen zu lassen und dafür Herzog Karl von Södermanland, den Onkel Sigismunds, als Karl IX. auf den Thron zu hieven. Sigismund gab Zeit seines Lebens den Anspruch auf die schwedische Krone nicht auf, wodurch sich aus dem innerdynastisch-konfessionellen Konflikt eine außenpolitische Auseinander­setzung ergab.[16]

Eben jener Karl IX. sandte dem russischen Herrscher daher, unter Zusicherung der „ewigen“ Abtretung Livlands, eine Truppenhilfe von 6.000 Mann, mit deren Hilfe das Heer der Aufständischen zerstreut werden konnte. Mit diesem Schritt wurde jedoch Polen, das gegen die Ausbreitung der schwedischen Linie der Wasa in den polnisch-litauischen Einflussbereich kämpfte, auch offiziell aus der Untätigkeit gerissen.[17] König Sigismund III. Wasa erklärte dem Zaren den Krieg mit dem ersten Ziel, die russische Grenzfestung Smolensk zu erobern. Unter diesem Druck wurde Zar Wassilij von einer Bojarenversammlung, bei der auch Vertreter der Kirche und des Dienstadels stimmberechtigt anwesend waren, abgesetzt und ins Kloster verbannt. Die Regierungsgeschäfte übernahm ein Kollegium von sieben Bojaren.

2.1.1.2 Die nationale Phase

Um das staatliche Überleben des Zarenreiches zu sichern, machten daraufhin Vertreter des Dienstadels und einiger Bojarenfamilien einen bemerkenswerten Schritt. Sie boten dem Sohn des polnischen Königs die Zarenkrone an.[18] Ihr Ansinnen scheiterte an der Weigerung Sigismunds, der Konvertierung seines Sohnes Władysław zur Orthodoxie zuzustimmen.[19] Das Angebot wurde dem polnischen Herrscher von einer russischen Delegation unterbreitet, die ein hochrangiger Kirchenfürst Russlands anführte. Es war dies Philaret, der Metropolit von Moskau, aus der Familie der Romanovs. Nach der Ablehnung ihres Angebots ließ der polnische König die Mitglieder der Gesandtschaft festnehmen. Sie sollten ihm als Faustpfand für die Durchsetzung seiner eigenen Ambitionen auf den russischen Thron dienen.

Um das Durcheinander zu komplettieren, griff nun auch Schweden das Zarenreich an und besetzte weite Gebiete im Nordwesten Russlands mit der wichtigen Stadt Novgorod. Polnische Truppen eroberten zunächst Smolensk und besetzten auch Moskau woraufhin Sigismund offen die russische Krone verlangte. Da der, von den unteren Schichten der Bevölkerung favorisierte, zweite falsche Dimitrij einer privaten Auseinandersetzung mit einem seiner Gefolgsleute zum Opfer gefallen war, eröffnete sich nun jedoch der Weg zu einem geschlossenen nationalen Widerstand. Patriarch Hermogen, der höchste kirchliche Würdenträger des Reiches, appellierte an die orthodoxen Gläubigen, Widerstand gegen die katholische Besatzungsmacht zu leisten.

Dienstadel und Kosaken spannten ihre Kräfte zusammen, um eine neue Landwehr aufzustellen, deren Schlagkraft aber durch tiefe soziale Gegensätze innerhalb des Heeres begrenzt war. Es gelang daher nicht, die polnische Besatzung aus dem Land zu treiben.[20] Erst im Herbst 1612 konnte unter der Führung der Stadt Nishnij Novgorod, dem späteren Gorkij, ein neues Heer aufgebaut werden, das es schließlich schaffte, die Polen aus Moskau zu vertreiben. Den Anführern dieser Armee gelang es, die unterschiedlichen Zielsetzungen der einzelnen Bevölkerungsschichten durch das gemeinsame Streben nach der Befreiung von der polnischen Besatzungsmacht zu überspielen, sozusagen also einen „nationalen“ Widerstand zu organisieren. Dabei ist das Wort „national“ natürlich noch unter Anführungszeichen zu setzen. Eine Definition Russlands über die Nation ist frühestens in der Endphase der Herrschaft Peters des Großen erkennbar, bis dahin definiert sich Russland über das Herrschaftsgebiet des Zaren.

Im Jänner des darauf folgenden Jahres wurde von den siegreichen Anführern des Heeres der Semski Sobor einberufen, eine Landesversammlung mit Vertretern aus Hochadel, Geistlichkeit, Dienstadel, Bürgern Moskaus und der freien Bauernschaft,[21] um einen neuen Zaren zu wählen. Auch der polnische und der schwedische Königssohn standen wieder zur Debatte, obwohl man mit beiden Reichen noch immer im Krieg lag. Die Versammlung einigte sich schließlich auf den 17-jährigen Michael Romanov, dessen Vater, Metropolit Philaret, sich immer noch in polnischer Gefangenschaft befand, dadurch aber zu einem orthodoxen Märtyrer geworden war, was seine Beliebtheit im Volk stark erhöhte. Seine glänzende Ausstrahlung dürfte auch Anteil an der Entscheidung zu Gunsten seines Sohnes gehabt haben.[22] Am 21. Februar wurde Michael Romanov zum Zaren Russlands ausgerufen, mit dem Recht, seinen Titel an seine Nachfahren weiterzugeben.[23]

2.1.2 Russische Expansion auf Kosten Polens

Die Wahl des neuen Zaren bildet in der Geschichtsschreibung das Ende der Zeit der Wirren. Die Unruhen im Inneren und der Kampf gegen die Bedrohung durch Polen-Litauen und Schweden waren jedoch noch in vollem Gange. Die wichtigen Städte Smolensk und Novgorod waren von den Nachbarn besetzt, direkte militärische Auseinandersetzungen gab es jedoch keine mehr, obwohl sowohl der polnische Königssohn Władisław als auch Kronprinz Karl Phillip von Schweden ihre Anwartschaft auf die Zarenkrone nicht aufgegeben hatten und Zar Michael daher keineswegs sicher auf seinem Thron saß. Trotzdem musste sich die neue Regierung unter Zar Michael zunächst inneren Angelegenheiten widmen.

2.1.2.1 Innerstaatliche Konsolidierung

Um die Lage im Reich zu stabilisieren, blieb die Landesversammlung als Beratungsorgan des jungen Autokraten bestehen, dessen erstes Ziel die Durchsetzung von Ruhe und Ordnung in seinem Reich sein musste. Außerdem war die Staatskasse nach der 15 Jahre währenden Krise gähnend leer. Die Ereignisse in Russland zu dieser Zeit weisen dabei bemerkenswerte Parallelen zu England und Frankreich in ähnlichen Krisenzeiten auf. In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts steckte England in einer schweren innenpolitischen Krise, die schließlich in der Glorreichen Revolution von 1688 gipfelten. Nach Überwindung dieser Krise verständigten sich Regierung und Eliten auf die Restaurierung einer mächtigen Zentralregierung.

Ähnlich in Frankreich, wo sich in Krisenzeiten wiederholt ein Zusammenrücken von Zentralgewalt und Kommunen konstatieren lässt, was die Überwachung und Kontrolle des Volkes erleichterte und somit für mehr Ruhe im Land sorgte.[24]

In Russland ließ der Zar marodierende Kosaken und Banditen gnadenlos verfolgen, was auf weitgehende Zustimmung der russischen Bevölkerung stieß, obwohl dadurch auch jede potentielle Opposition gegen das Regime unterdrückt wurde. Mit dem Ende der Zeit der Wirren begann also nicht ein Aufbau neuer Strukturen, sondern die Restaurierung der alten Ordnung mit zusätzlicher Ausdehnung der persönlichen Autorität des Selbstherrschers, welche unter Zuhilfenahme einer rasch wiederhergestellten und zügig wachsenden Bürokratie die Zentralisierung und gleichzeitige Erweiterung des russischen Reiches vorantrieb.[25]

Die russische Autokratie blühte in den Jahren nach 1613 auf. Im Gegensatz dazu präsentierte sich die Lage der Bauern und Bürger als katastrophal. Der Handel lag danieder und das Land fiel in die Verhältnisse des frühen 16. Jahrhunderts zurück. Es stand also die Produktion für den Eigenbedarf im Vordergrund. Diese Situation schlug sich auch auf die Staatskasse nieder. Viele Städte Zentralrusslands waren verlassen oder die Bevölkerung stagnierte, während sich die Bevölkerungszahlen in den Randgebieten, entlang der Wolga und der Südgrenze, wo die Macht der zentralen Bürokratie weniger schlagkräftig zu Werke gehen konnte, wieder rasch erholte. Trotzdem versuchten die Finanzbehörden gleich viel Geld aus den Städten zu pressen. Dadurch wurde jedwede wirtschaftliche Erholung im Keim erstickt. Dies erhöhte nicht nur den ökonomischen Rückstand Russlands auf das westliche Europa, sondern förderte auch die Herausbildung einer starren, hierarchisch aufgebauten Gesellschaft, in der nicht der wirtschaftliche, sondern der soziale Status wichtig war. Während im Westen Europas frühe Formen des Kapitalismus Städte und Mittelschicht erblühen ließ, blieb die russische Wirtschaft staatlich dominiert.

Geschwächt ging auch der Dienstadel aus der Zeit der Wirren hervor. Zwar war die Einsetzung Michaels unter ihrer Mithilfe geschehen, doch wurde ihr Einfluss schnell zurückgedrängt oder sie überließen der Zentralgewalt freiwillig das Feld. Erklärbar wird dies durch die Tatsache, dass viele Adelige große Teile ihrer Untertanenschaft verloren hatten und sie sich daher persönlich auf ihren Besitzungen engagieren mussten. Außerdem hatte sich das adelige Heeresaufgebot, die frühere Domäne dieser Schicht, als völlig nutzlos im Kampf gegen die westlichen Invasoren und selbst gegen die aufständischen Kosakenverbände erwiesen. Trotzdem, und gerade aus Furcht vor den Kosaken, bemühte sich Michael, seit 1619 unter der Federführung seines aus der Gefangenschaft zurückgekehrten Vaters, der inzwischen zum Patriarchen von Moskau und eigentlichen Herrscher im Reich aufgestiegen war, den Dienstadel als die Kriegerkaste wieder aufzubauen. Er verlieh großzügig Ländereien und band die Bauern stärker an das Land des Adels. Entlaufene Leibeigene durften von keinem anderen Grundbesitzer aufgenommen werden und mussten an ihren eigentlichen Herrn zurückgegeben werden. Auch sollte die Aufnahme bäuerlicher Bevölkerungsteile in die Armee unterbunden werden, damit die Besitzungen des Adels über eine ausreichende Zahl von Arbeitskräften verfügten. Diese Maßnahmen entpuppten sich aber als unzureichend.[26]

Die Unzufriedenheit wuchs auch in den ersten Jahren der Regierungszeit Zar Alexeijs (1645-1676) weiter, bis sich das Landesaufgebot 1648 schließlich weigerte, Aufstände in mehreren russischen Städten niederzuschlagen. Dies führte dazu, dass 1649 ein neuer Gesetzeskodex erlassen wurde, in dem die vollständige Schollenbindung, also die Kettung der Bauern an das Land, durchgesetzt wurde.[27] Damit war der Dienstadel zufrieden gestellt und erwies sich in den späteren Jahren als Garant für die innere Stabilität des Reiches.

Die Wiedererrichtung des adeligen Heeresaufgebotes in seiner alten Stellung wurde aber auch durch eine andere Entwicklung behindert, nämlich durch die Fortschritte auf dem technischen und taktischen Sektor.[28] Bereits Zar Michael setzte erste Schritte, Regimenter nach westlichem Vorbild aufzustellen, doch geschah dies unter seinem Nachfolger Alexeij mit mehr Nachdruck. Für die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts konstatiert Crummey schließlich, dass das russische Heer keinerlei Gemeinsamkeiten mit den Reiterarmeen asiatischer Provenienz hatte, die noch am Ende des 16. Jahrhunderts in Russland vorherrschten.[29] Vielmehr hatte sich Russland zu einem „ gunpowder-state[30] entwickelt, der aufgrund der überlegenen Feuerwaffen die Ausdehnung nach Osten, wo die Nomadenvölker der neuen Bewaffnung nicht gewachsen waren, relativ rasch schaffte.

Die militärische Weiterentwicklung Russlands war in diesen Jahren nicht von einem ausgefeilten Plan geleitet, sondern auf die kurzfristige Erfüllung von neuen Anforderungen ausgerichtet, die sich durch die außenpolitischen Verwicklungen ergaben. Die Hauptstoßrichtung der russischen Außenpolitik richtete sich im 17. Jahrhundert vollends nach Westen aus, wodurch die Beziehungen zu Europa in den Vordergrund traten, allen voran die zum direkten westlichen Nachbarn Polen.

2.1.2.2 Polen als Hauptgegner Russlands

Um die Mitte des zweiten Jahrzehnts des 17. Jahrhunderts begann sich der Ausbruch des Religionskrieges im Heiligen Römischen Reich abzuzeichnen und Schweden versuchte sich den Rücken freizuhalten. Mit dem Friedensvertrag von Stolbovo wurden 1617 die russisch-schwedischen Auseinandersetzungen im Nordosten des Reiches beendet. Gegen die Zahlung von 20.000 Rubeln wurde die Stadt Novgorod zurückgegeben. Allerdings behielt Schweden die gesamte Ostseeküste zwischen den alten schwedischen Gebieten Finnland und Livland, also die russischen Gebiete Karelien und Ingermanland. Dieser Friede blieb bis zum Ende des Dreißigjährigen Kriegs bestehen und wurde nach dem Ersten Nordischen Krieg erneuert. De jure wurden durch diesen Friedensvertrag Russland und Schweden Verbündete im Dreißigjährigen Krieg und der Großfürst von Russland (Magnus dux Moscoviae)[31] wurde daher auch im Westfälischen Frieden als schwedischer Verbündeter erwähnt. Es ist dies der erste große Rechtsakt, in dem Russland völkerrechtlich als „ Glied der Res publica Christiana[32] in Erscheinung tritt.

Polen dagegen versuchte erneut, dem Anspruch auf den russischen Thron Nachdruck zu verleihen, doch eine Offensive Władysławs 1617-1618 blieb vor den Toren Moskaus stecken und im, auf 14 ½ Jahre abgeschlossenen, Waffenstillstand von Deulino trat Moskau alle von Ivan IV. eroberten Gebiete Polen-Litauens, sowie die Grenzfestung Smolensk an den Nachbarn ab, wofür man die Anerkennung der Regentschaft Michaels erhielt. Außerdem wurde die Entlassung der Mitglieder der Gesandtschaft von 1612 aus der polnischen Gefangenschaft vereinbart. Dies war ein symbolisch wichtiger Erfolg für Russland, da der Vater des Zaren einer dieser Gesandten war. Allerdings zog Władisław seinen Anspruch auf den russischen Thron vorerst nicht zurück. Nachdem mit diesem Waffenstillstand der russisch-polnische Konflikt vertagt worden war, flammte nun die Auseinandersetzung zwischen der schwedischen und der polnischen Linie der Wasas wieder auf und das Verhältnis zwischen Moskau und Polen blieb in der Schwebe, wenngleich in Russland der Wunsch nach Grenzrevisionen erhalten blieb.

Nach Ablauf der 14 ½ Jahre währenden Waffenruhe und dem Tod des polnischen Königs Sigismund III. schickte Zar Michael 1632, auf Ermunterung des schwedischen Königs Gustav II. Adolf hin,[33] 34.000 Mann gegen Polen-Litauen ins Feld. Den Kern dieser Armee bildete nicht mehr das Landesaufgebot, sondern ein Verband von 17.400 Söldnern, die in sechs neu aufgestellten Infanterieregimentern, einem Dragoner- und einem Kavallerieregiment nach westeuropäischem Vorbild organisiert waren.[34] Diese neu formierten Abteilungen wurden durch rund 200 gemietete ausländische Offiziere ausgebildet und geführt. Auch die Ausrüstung mit Musketen und Piken entsprach dem üblichen westlichen Muster. Trotz dieser Modernisierungs­schritte und der Anpassung an europäische Entwicklungen blieb die Belagerung der Festung Smolensk erfolglos, so wie auch der gesamte Feldzug an der größeren Erfahrung und der besseren Ressourcenlage der polnischen Streitmacht scheiterte. Nach dieser Niederlage wurden die Söldner aus dem Dienst entlassen und die Kavallerie des Landesaufgebots bildete bis auf weiteres die einzige bewaffnete Macht Russlands.[35] Trotzdem ließ Władysław, inzwischen seinem Vater Sigismund auf den polnischen Thron gefolgt, im „ewigen“ Frieden an der Poljankova[36] seinen theoretischen Anspruch auf die Zarenkrone fallen.

Danach blieb die Lage zwischen den beiden Nachbarn ruhig. Erst ein innenpolitisches Ereignis in Polen, das auf den gesamten ost- und südosteuropäischen Raum ausstrahlte und die Interessen aller in diesem Raum tätigen Mächte tangierte, brachte wieder Bewegung in die polnisch-russischen Beziehungen. Mit dieser Zäsur wird sich der nächste Abschnitt befassen.

Bevor sich der Zar aber wieder Polen zuwandte, stellte sich an anderer Front die Frage, ob es zum Krieg kommen würde. 1637 konnten russische Kosakenverbände einen beachtlichen Erfolg gegen die militärische Großmacht Südosteuropas erringen. Es gelang den Donkosaken, die starke türkische Festung Asow, die das Mündungsgebiet des Dons in das Asowsche Meer beherrschte, zu erobern. Trotz einer viermonatigen Belagerung mit weit überlegenen Kräften konnte das Osmanische Reich die Stadt nicht mehr zurückgewinnen. Die Kosaken hatten aber auf eigene Faust gehandelt und als sie dem Zaren die Festung offiziell unterstellen wollten, lehnte er ab. Angesichts der leeren Staatskassen wollte er keinen Krieg mit der weit überlegenen osmanischen Militärmacht riskieren.[37] Die Kosaken schleiften die Befestigungen der Stadt und übergaben sie den Türken, doch sollte Asow am Ende des Jahrhunderts erneut Schauplatz eines überraschenden russischen Sieges über die Osmanen werden.[38]

2.1.2.3 Das Schwinden der polnischen Vormachtstellung

1645 war Alexeij Romanov seinem Vater auf den Zarenthron gefolgt. Er war zwar streng orthodox, in künstlerischen Belangen wie Architektur und Theater jedoch westlich orientiert. Auch er war noch minderjährig, als er den Thron bestieg und abhängig von seinen Günstlingen und Beratern. Er sah sich bereits nach zwei Jahren mit jenem Ereignis konfrontiert, das zu einem entscheidenden Wendepunkt in den russisch-polnischen Beziehungen wurde.

Die innenpolitische Situation in Polen war durch den Gegensatz zwischen Königsmacht und den Magnatencliquen bestimmt. Hinzu kamen schwere soziale, ethnische[39] und religiöse[40] Gegensätze, die eine koordinierte und schlagkräftige Königsmacht verhinderten. Der Ausgangspunkt der Unruhen war das Gebiet der ukrainischen Kosaken. 1647 war der landflüchtige polnische Kleinadelige Chmelnitski zum Hetman (Hauptmann) der Saporoger Kosaken, die den Unterlauf des Dnjepr bewohnten, gewählt worden. Der Aufstand, der unter seiner Führung gegen die polnische Herrschaft ausbrach, ging als der Krieg der „ Blutigen Sintflut[41] in die Geschichte ein. Diese Titulierung wirft ein bezeichnendes Licht auf die Vorgänge während des Aufstandes. Vor allem die jüdische Bevölkerung wurde in grausamen Pogromen niedergemetzelt. Rund ein Fünftel der polnischen Juden wurde ermordet. In realen Zahlen waren das zwischen 100.000 und 125.000 Menschen.[42]

Bereits zu Beginn des Aufstandes war Chmelnitski an den Zaren herangetreten, um ihm die Schutzherrschaft über die Kosakenarmee anzutragen. Alexeij blieb jedoch vorerst auf Distanz und nutzte die innere Schwäche des polnischen Nachbarn auch nicht zu militärischen Aktionen aus.[43] Allerdings wurden die Vorbereitungen für einen eventuellen Krieg verstärkt. Im Nordwesten des Landes wurden erneut Infanterieregimenter europäischen Stils rekrutiert und ausgebildet. Bis zum Ausbruch des Krieges 1654 formierte das Zarenreich eine Feldarmee von 120.000 Mann, ohne auf Subsidienzahlungen befreundeter oder verbündeter Staaten zurückgreifen zu können. Russland verfügte damals über keine Bündnispartner, weshalb das Volk die nötigen Mittel in Form von Sondersteuern aufbringen musste.[44]

Auf Drängen der orthodoxen Kirche und der Landesversammlung nahm Alexeij schließlich 1652 die Huldigung der ukrainischen Kosaken an.[45] Er gewährte ihnen die gleichen Vorrechte, die sie unter polnischer Herrschaft genossen hatten, doch wurde die Wahl des Hetmans von der Zustimmung des Zaren abhängig gemacht und ihnen jede staatliche Autonomie und eine eigenständige Außenpolitik untersagt, was die eigentlichen Ziele des gesamten Aufstandes gewesen waren. Es war also bloß eine Herrschaft gegen eine andere, wenn auch orthodoxe, gewechselt worden. Dies führte zu einer erneuten Annäherung der Kosaken an Polen, die aber 1659 durch eine russische Strafexpedition in die Ukraine gestoppt wurde.

Mit dieser Ausdehnung seines Herrschaftsgebietes gab Russland den Anstoß für die Erweiterung des Aufstandes zu einem regelrechten Krieg, dem Ersten Nordischen Krieg,[46] in dem auch Schweden gegen Polen vorging und große Teile der polnischen Ostseeküste besetzte.[47] Russland stieß nach Litauen vor, eroberte Smolensk zurück und besetzte die Ukraine östlich des Dnjepr sowie das am Westufer gelegene Kiew. Im Frieden von Andrussowo konnten 1667 der Besitz Smolensks und die Gebietsgewinne in der Ukraine abgesichert werden, während Litauen in seinen alten Grenzen wiederhergestellt wurde. Dieses Vertragswerk war eine Bestätigung des Waffenstillstandsabkommens von Wilna, das 1656 unter österreichischer Vermittlung zu Stande gekommen war,[48] und schränkte das außenpolitische Gewicht Polens, das in diesem Konflikt das letzte Mal ein ernsthafter Gegner für das russische Zarenreich gewesen war, dauerhaft ein.

Entscheidend zu dieser Entwicklung beigetragen hat sicherlich auch das schwedische Eingreifen, das Polen noch größere Gebietsverluste beigebracht hatte. Nach dem polnisch-schwedischen Frieden von Oliva (1660) zog sich Schweden aus dem Krieg zurück.

Es war dies ein weiteres Anzeichen für die beginnende Machtverschiebung im Osten Europas, die nur drei Jahrzehnte später ihre Fortsetzung fand, als sich Schweden, das „ nach 1660 nur noch die Kraft für eine ‚Großmacht auf Abruf’ hatte “,[49] und Russland im Kampf um die alleinige Vormachtstellung in Nordosteuropa gegenüberstanden.

2.2 Österreichs Osteuropapolitik im 17. Jahrhundert

Das Interesse der deutschen Linie der Familie der Habsburger für die Länder nördlich und östlich ihrer österreichischen Erbländer setzt bereits zur Zeit Maximilians I. ein. Sein Plan, durch die Heiratspolitik mit den polnischen Jagiełłonen Einfluss in Böhmen und Ungarn[50] zu erlangen, trug schneller Früchte als eigentlich gedacht. Als der ungarische König Ludwig (Lajos) II. 1526 in der Schlacht von Mohacs fiel, trat Ferdinand, der Bruder des deutschen Kaisers Karl V.,[51] dessen Nachfolge an. Damit musste sich das Haus Habsburg noch intensiver, als es seine Rolle als Kaiserdynastie erfordert hatte, mit der ständigen Bedrohung durch das expandierende Osmanische Reich befassen.

2.2.1 Reichspolitik versus Hausmachtspolitik

Aber diese Bedrohung hatte für die Habsburger auch positive Aspekte, denn in der Gefahr rückten die einzelnen Länder der österreichischen Linie stärker zusammen, auch wenn man die Einschränkung machen muss, dass sowohl Böhmen als auch Ungarn weiterhin Wahlkönigreiche blieben und die Nachfolge des Geschlechts keineswegs sicher war. Beeinträchtigt wurde die Eigenständigkeit der österreichischen Osteuropapolitik durch die verschiedenen Interessen, die innerhalb der Familie präsent waren. Sie war abhängig von der Politik des Heiligen Römischen Reiches, dessen Oberhaupt der Kaiser in erster Linie war. Sie war aber auch beeinflusst durch die Haltung der spanischen Linie, durch die die österreichische Familienhälfte auch in die italienischen, spanischen und französischen Interessen verwickelt war. Erschwerend kam hinzu, dass von Anfang an immer nur Teile Ungarns, vor allem die nordwestlichen Komitate und Kroatien, die habsburgische Herrschaft unterstützten, während in anderen Teilen der Länder der Stephanskrone der Widerstand gegen die deutsche Herrschaft wachgehalten wurde und die südlichen Gebiete Ungarns gänzlich unter osmanischer Oberhoheit standen.

Dies alles führte dazu, dass das Interesse der habsburgischen Herrscher an den Ländern der ungarischen Krone lange Zeit durch die Reichspolitik überlagert war und das Hauptinteresse der Habsburger im Schutz des Reiches vor den Osmanen lag, zu dem auch die österreichischen Erbländer gehörten. Erst durch den Bedeutungsverlust innerhalb des Reiches im Verlauf des Dreißigjährigen Kriegs trat eine Wende ein.[52]

Mit dem Abschluss des Westfälischen Friedens wurden 1648 die Versuche von habsburgischer Seite beendet, das Heilige Römische Reich zu einem geeinten Staat umzubauen. Der Kaiser wurde von den Ständen von nun an als primus inter pares angesehen. Da außerdem die Stellung als Garantiemacht des Friedens dem König von Frankreich und auch den Schweden, die durch ihre norddeutschen Besitzungen nun auch Reichsstand waren, die Möglichkeit eröffnete, auf die Geschicke des Reichs Einfluss zu nehmen, kann die zunehmende Orientierung des Hauses Habsburg auf seine eigene Hausmacht kaum verwundern.[53]

Nachdem Kaiser Ferdinand II. seine Macht durch die erzwungene Umwandlung Böhmens in eine Erbmonarchie beträchtlich erweitert hatte, folgte 1688 die Umwandlung Ungarns in ein erbliches Königtum.[54] Zusätzlich hatte Ferdinand II. 1621 den Grundsatz der Primogenitur in die habsburgische Erbfolge eingeführt, somit war gewährleistet, dass alle Teile der österreichischen Erblande und der Königreiche Böhmen und Ungarn in der Hand des Kaisers vereinigt waren. Das 17. Jahrhundert bildet dementsprechend den Beginn einer österreichisch geprägten Politik.[55]

Die Verwendung des Begriffes „Österreich“ für die Erbländer der Habsburger, zu denen ab 1688 auch das Königreich Ungarn zählte, ist gleichzeitig auch Ausdruck für den neuen Status, den Kaiser Leopold I. diesem Komplex zuordnete. Mit dem Erfolg der kaiserlichen Truppen nach der Beendigung der Belagerung von Wien stieg das Ansehen des Kaisers. Die Verschiebung des Schwerpunkts der Außenpolitik nach Osten wurde auch im Reich spürbar[56] und am Beispiel der Untätigkeit des Kaisers in der Frage von Luxemburg sichtbar.[57]

Die militärische Entwicklung am Balkan lieferte den Anstoß für den Aufschwung Österreichs zur Hegemonialmacht in Südosteuropa. So sieht es auch Duchhardt, der meint: „ Insofern kann man mit der Kahlenbergschlacht und der Entscheidung eines durchaus noch in Kategorien des Türkenkreuzzuges denkenden Kaisers, den Argumenten der vom Nuntius angeführten Ostpartei an seinem Hof Gehör zu schenken, den Beginn der österreichischen Großmachtbildung datieren.“[58] Den vorläufigen Abschluss der Entwicklung bildete der Friede von Karlowitz, der 1699 unter dem Prinzip des uti possidetis abgeschlossen wurde. Dieser Grundsatz besagt, dass die Gebietsgewinne, die militärisch erreicht worden waren, durch den Friedens- oder Waffenstillstandsvertrag anerkannt werden. Für Österreich bedeutete das die Vertreibung der Türken aus dem größten Teil Ungarns, mit Ausnahme des Temesvarer Banats, das erstmals 1718 im Frieden von Passarowitz erlangt werden konnte. Dieser Friedensschluss brachte auch Belgrad, die stärkste türkische Festung auf europäischem Boden, vorübergehend in österreichischen Besitz und untermauerte endgültig die Großmachtstellung Österreichs auf dem Balkan.

2.2.2 Bündnispolitik gegen das Osmanische Reich

Das Ereignis der Entsatzschlacht am Kahlenberg war das Ergebnis lang andauernder diplomatischer Entwicklungen, die zur Zusammenarbeit der Habsburger mit Polen und Venedig geführt hatten. Die äußere Form fand diese Kooperation in der Heiligen Liga von 1683, die unter Patronanz des Papstes stand und eine allgemeine Beistandspflicht sowie ein Offensivbündnis gegen das Osmanische Reich enthielt, das sich jedoch nur auf den gerade beginnenden Feldzug Kara Mustafas bezog.[59]

Die Bemühungen der Habsburger, Polen für einen gemeinsamen Feldzug gegen die Türken zu gewinnen, sind so alt wie die Türkengefahr selbst. Sie scheiterten jedoch an der prinzipiellen Abneigung der Polen gegen einen Türkenkrieg.“[60] Die polnische Adelsrepublik war für Österreichs Herrscher also während der gesamten Auseinandersetzung mit den Osmanen ein wichtiger Faktor in der Beurteilung der eigenen Lage. Daher war der Kaiser auch stets daran interessiert, die staatliche Eigenständigkeit Polens zu erhalten. Somit war es auch klar, dass Leopold I. im Ersten Nordischen Krieg auf der Seite des polnischen Königs stand. Dies führte 1657 zum Abschluss eines österreichisch-polnischen Vertrags, der nicht nur die Verstärkung der polnischen Truppen durch österreichische Hilfskräfte mit sich brachte, sondern auch ein Angebot an den schwedischen Erzfeind Dänemark beinhaltete, diesem Bündnis beizutreten. Mit der Unterstellung Ostpreußens unter brandenburgische Oberhoheit gelang auch die Einbindung der Hohenzollern in diese Allianz und es gelang, die Schweden[61] aus Polen zu vertreiben. Damit war die schwedische Bedrohung für Polen abgewendet.[62]

Die stärkere Einbindung Polens in die Abwehrfront gegen die Türken begann jedoch erst 1666, als sich der westukrainische Kosakenhetman Doroschenko mit seinen Anhängern der osmanischen Oberhoheit unterstellte und dadurch an der Pforte der Wunsch weckte, diese Gebiete vollständig aus der polnischen Landmasse zu lösen. Das wurde durch die Abdankung des letzten Wasas auf dem polnischen Thron, Johann Kasimir, zusätzlich erleichtert. Sein Nachfolger Michael Wiśniowietski erwies sich als sehr schwacher Herrscher und konnte die Eroberung der südlichen Herrschaftsgebiete Polens durch die Türken nicht verhindern, die 1672 im Friedensvertrag von Buczacz abgeschlossen wurde.

Nach dem Tod Wiśniowietskis kam 1674 Johann III. Sobieski auf den polnischen Thron. Dieser hatte zuvor in der Schlacht von Chozim die Osmanen besiegt und ihrem weiteren Vormarsch in Polen ein Ende gesetzt. Die Wahl Johanns wurde jedoch zunächst als Niederlage der kaiserlichen Partei gewertet, da Sobieski als französischer Parteigänger galt. Dennoch entwickelte sich dieser polnische König zum Angelpunkt einer antitürkischen Allianz und er ging 1683 als Retter von Wien in die Geschichte ein.[63]

Unter Vermittlung der päpstlichen Nuntien Francesco Buonvisi (Wien) und Obizzo Pallavicini (Warschau) und unter dem Eindruck vermehrter türkischer Rüstungen wurde am 2. Mai 1683 in Laxenburg bei Wien das österreichisch-polnische Bündnis abgeschlossen.[64] Auf Drängen des Papstes hin beteiligten sich auch viele andere katholische Herrscher, zumindest monetär, an der Türkenabwehr[65] und deutsche Staaten schickten Hilfstruppen an den Kaiser. Sachsen und Bayern stellten jeweils 10.000 Mann, der Fürst von Waldeck 8.000-9.000 und Hannover 600 Reiter, was auch dringend nötig war, da der Kaiser aufgrund seiner leeren Staatskasse nur 33.000 Soldaten aufbieten konnte.[66]

Bereits am 3. Mai war Kara Mustafa in Belgrad eingetroffen, wo der Sammelpunkt für die Soldaten aus allen Gebieten des Osmanischen Reiches war. Der Vormarsch nach Wien wurde über Mohacs fortgesetzt. Nun trat der Passus der Laxenburger Allianz in Kraft, der eine Vereinigung der österreichischen und polnischen Armeen für den Fall vorsah, dass eine der beiden Hauptstädte direkt von den Osmanen bedroht werden würde. Während die Osmanen mit der Einkreisung Wiens beschäftigt waren, sammelten sich die Truppen der Alliierten (65.000 bis 75.000 Mann) nordwestlich der Stadt[67] und nahmen Anfang September die Stellung am Kahlenberg ein. Am 12. September griff eine türkische Abteilung die feindlichen Linien an und begann damit die Schlacht am Kahlenberg, die noch am gleichen Abend den Abbruch der Belagerung und den Rückzug der osmanischen Truppen nach Süden nach sich zog. Die Truppen des vereinigten Heeres stießen im Zuge der Verfolgung der Osmanen nach Ungarn vor. Damit wurde die Vertreibung der Türken aus den Ländern der Habsburger eingeleitet, was zu guter Letzt den Abschluss des Friedens von Karlowitz bewirkte.[68]

Als Reaktion auf die Vertreibung der Türken und deren Rückzug nach Ungarn bildete sich am 5. März 1684 die Heilige Liga, der neben dem Kaiser und dem polnischen König auch Venedig und der Papst angehörten und der 1686 auch Russland durch den „ewigen“ Frieden mit Polen beitrat. Diese war auch Ausdruck des kurzfristigen Wiederauflebens des Kreuzzugsgedankens, den nicht nur der Papst sondern auch Kaiser Leopold I. propagierte. Die Vertreibung der Osmanen aus dem größten Teil Ungarns fand 1699 ihr vorläufiges Ende unter den Vorzeichen der sich abzeichnenden großen europäischen Kriege im Westen (Spanischer Erbfolgekrieg) und Norden (Großer Nordischer Krieg) des Kontinents.

3 Österreich und der russische Machtzuwachs

„Hier scheint auf ein Menschenalter zusammengedrängt zu sein, was in anderen Epochen russischer Geschichte mehrere Generationen in Anspruch genommen hat. Insofern bildet das Zeitalter Peters des Großen die wichtigste Etappe auf dem Weg Russlands vom Randstaat Europas zur Hegemonialmacht.“[69]

Im Ersten Nordischen Krieg hatte sich das russische Zarenreich aus der Bedrängnis durch Polen-Litauen befreit. Durch den Frieden von Kardis (1661), dem Endpunkt der russisch-schwedischen Kämpfe während des Ersten Nordischen Krieges, war das Zarenreich im baltischen Raum aber wieder auf den Ausgangszustand vor dem Krieg zurückgeworfen worden. Der Zugang zur Ostsee war also weiterhin durch die schwedischen Besitzungen unterbunden. Um einen Zugang zum Meer und damit Anschluss an die Weltwirtschaft zu erlangen, wandte sich die russische Außenpolitik nun wieder stärker den Regionen an der südlichen Reichsgrenze zu.

Das Khanat der Krimtataren, ein osmanischer Vasallenstaat, der das Mündungsgebiet von Dnjepr und Dnjestr ins Schwarze Meer beherrschte und sein Zentrum auf der Halbinsel Krim hatte, war seit langem Ausgangspunkt für Störaktionen und regelrechte Raubzüge der tatarischen Horden gegen Russland gewesen. Trotz des Baus von Befestigungen[70] und dem Schutz der Grenze durch die Kosaken konnten diese alljährlich wiederkehrenden Verletzungen der zaristischen Autorität[71] nicht eingedämmt werden, zumal die Krimtataren über die volle Rückendeckung Konstantinopels verfügten. Operativ war ein Schlag gegen das Khanat jedoch sehr schwierig. Ein breiter Steppengürtel trennte die dichter besiedelten Gebiete des russischen Reiches von den Tataren. Ein großes Heer in diesem Gebiet zu versorgen war nahezu unmöglich, wogegen die Reiterhorden asiatischen Typus´, den die Tataren weiterhin verkörperten, durch ihre Beweglichkeit und Ungebundenheit frei agieren konnten.

Das Mündungsgebiet des Dons wurde, wie bereits erwähnt, durch die osmanische Festung Asow beherrscht, wodurch auch hier Russland vom direkten Zugang zum Meer abgeschnitten war. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts erlebte das Osmanische Reich einen erneuten Aufschwung, der das Heer des Sultans 1683 bis vor die Tore Wiens führte. Dennoch war es für den Zaren einfacher, Krieg gegen die Türken zu führen als gegen die Schweden. Erstens war die östliche Schwarzmeerküste nur ein Randgebiet des osmanischen Interessensgebietes und zweitens war der Türkenkrieg ein Bündniskrieg.[72] Hingegen stand man Schweden gegenüber alleine da, eine Situation, die sich erst gegen Ende des Jahrhunderts änderte.

3.1 Thronbesteigung Peters I.

Im Jahr 1676 starb Zar Alexeij, unter dem die Eingliederung der Ukraine und die Zerschlagung der polnischen Bedrohung gelungen war. Die Nachfolge trat sein Sohn Fjodor III. aus erster Ehe mit der Bojarentochter Maria Miloslavskaya an. Dieser Verbindung entstammte noch ein zweiter Sohn, Ivan, sowie Sofija, die entgegen der traditionellen Rolle der Zarentöchter nach dem Tod ihres älteren Bruders Fjodor, politisch aktiv wurde. Aus der zweiten Ehe Alexeijs mit Natalija Naryschkina, ebenfalls aus einer Bojarenfamilie, stammte sein dritter Sohn Peter. Dieser war im Gegensatz zu seinen Halbbrüdern gesund und stark und er überlebte sie um viele Jahre.

3.1.1 Regentschaft Sofijas

Zar Fjodor III. starb 20-jährig im Jahr 1682 ohne einen Erben zu hinterlassen und so begannen die Familien der Witwen Alexeijs um den Thron zu streiten. Die Miloslawskys forderten die Nachfolge Ivans, während die Naryschkins Peter in den Vordergrund spielten. Peters Partei behielt dabei die Oberhand. Sie stützte sich auf die Mehrheit der Bojarenduma, das Votum des Dienstadels und auch auf die Unterstützung des Patriarchen von Moskau. Der zehnjährige Peter wurde im April 1682 zum Zaren ausgerufen und seine Mutter zur Regentin ernannt. Zügig wurden die wichtigsten Positionen des Staates mit Vertrauensleuten und Familienmitgliedern der siegreichen Partei besetzt und die Miloslawskys vom Hofe entfernt. Diese räumten aber nicht kampflos das Feld. Unter Führung von Peters Halbschwester Sofija holte die Familie Ivans zum Gegenschlag aus. Die Zarewna zettelte einen Aufstand der Strelitzen an, in dem einige Mitglieder der Naryschkin-Familie grauenhaft ermordet wurden.[73] Auf Druck der Garde wurde Ivan V.[74] zum Selbstherrscher erklärt mit Peter als Co-Zaren, wobei Sofija die Regierungsgeschäfte übernahm. Damit war Peter vorerst von jeglicher Verantwortung entbunden und hielt sich auch kaum im Kreml auf. Nur an protokollarischen und religiösen Anlässen nahm er widerwillig teil.

In den folgenden Jahren gelang es der Regentin zusammen mit ihrem Berater und Liebhaber Fürst Wassily Golitsyn, ein entschiedener Anhänger westlicher Sitten und Geistesströmungen, die Kontrolle über das Land zu stabilisieren. Einen politischen Erfolg feierte Golitsyn mit dem Abschluss des „ewigen“ Friedens mit Polen, in dem die endgültige Herrschaft über die Stadt Kiew erlangt werden konnte, und der auch den indirekten Beitritt des Zarenreiches zur Heiligen Allianz bedeutete.[75] Bereits früher hatte sich abgezeichnet, dass sich die russisch-polnischen Beziehungen in dem Maße normalisierten, wie sich der osmanische Druck auf die ukrainischen Gebiete der beiden Staaten verstärkte. „ Zum ersten Mal seit dem Fall Konstantinopels lieferte Moskau[76] mit der Aufforderung an die westeuropäischen Mächte, Polen im Kampf gegen die Türkei nicht alleine zu lassen, „ einen deutlichen Beweis seiner Solidarität mit dem Abendland “.[77]

[...]


[1] Vgl. Duchhardt, Balance of Power, S. XI.

[2] Aufgrund des Erscheinungstermins Februar 2003 konnte Augustynowicz, Christoph; u.a. (Hg.): Russland, Polen und Österreich in der Frühen Neuzeit. Festschrift für Walter Leitsch zum 75. Geburtstag. Wien: 2003 (Bd. 19: Wiener Archiv für die Geschichte des Slawentums und Osteuropas) nicht mehr in die Darstellung einbezogen werden.

[3] 1547 erfolgt mit der Krönung Ivans IV. die erste Zarenkrönung. Der erste Zar ging mit dem Beinamen „der Schreckliche“ in die Geschichte ein. Seine Kriege und Reformen eingehend zu behandeln, kann aber an dieser Stelle nicht geleistet werden.

[4] Wurde in den Jahren 1558-1582/83 geführt. Zar Ivan IV. hatte den Konflikt durch seinen Einfall in Dorpat ausgelöst und damit das bislang unabhängige Großfürstentum Litauen in die Arme Polens getrieben. 1569 wurde die Lubliner Union aus der Taufe gehoben. Sie wurde durch die beiden staatsrechtlich eigenständigen Reiche Polen und Litauen gebildet, wobei der polnische König in Personalunion auch der Großfürst Litauens wurde.

[5] Hier entwickelte sich die Hafenstadt Archangelsk, die für lange Zeit der einzige Hafen des Reiches war, der jedoch von Oktober bis Mai zugefroren war.

[6] Es waren dies vor allem Riga und Narwa.

[7] Vgl. Zernack, Zwei Wege, S. 177.

[8] Platonov, Heritage, S. 7.

[9] Eine offizielle Untersuchungskommission kam zu dem Ergebnis, dass sich Dimitrij während eines epileptischen Anfalls selbst mit einem Messer am Hals verletzt hat. Aber schon unter Zeitgenossen und auch bei späteren Autoren wurde wiederholt Boris Godunov der Anstiftung zum Mord am Thronfolger bezichtigt. Vgl. Riasanovsky, Russia, S. 171.

[10] Vgl. Zernack, Zwei Wege, S. 182.

[11] Riasanovsky (Russia, S. 178) beschreibt die Lage der Bevölkerung als sehr desperat. Alleine in Moskau wird die Anzahl der Toten auf über 100.000 geschätzt. Die Hungernden aßen Gras und Rinden, die Kadaver verhungerter Tiere und sogar menschliche Leichen.

[12] Selbst die „ päpstliche Propaganda “ (Zernack, Zwei Wege, S. 188) war auf der Seite des falschen Dimitrij, der in den russischen Aufstandsgebieten, die vor allem im Süden Russlands, den erst vor kurzem eingegliederten Kosakengebieten, lagen, große Unterstützung fand. Die römisch-katholische Kirche begrüßte natürlich das Angebot des Betrügers, den Katholizismus als Staatsreligion in Russland einzuführen. Schließlich hatte sich das Moskauer Patriarchat seit dem Fall Konstantinopels 1453 als Zentrum der orthodoxen Kirche in Europa etabliert. Diese Tendenz sollte sich im Verlauf des 17. Jahrhunderts noch verstärken.

[13] Riasanovsky (Russia, S. 180) weist darauf hin, dass der falsche Dimitrij auch ein Werkzeug jener Bojarenpartei war, die die Opposition zu Boris Godunov gebildet hatte. Nach dem Tod des Zaren war der Weg für diese Partei frei und der Prätendent wurde nicht mehr gebraucht. Schon bald wurden die Gerüchte lauter, dass Dimitrij ein Betrüger sei.

[14] Die Strelitzen waren eine mit Handfeuerwaffen ausgerüstete Infanterieeinheit. Sie wurde 1550 ins Leben gerufen und war zu dieser Zeit 3.000 Mann stark, die alle aus dem Adel stammten. Ihre Zahl stieg auf bis zu 34.000 Mann an, wobei sich die Einheit immer stärker auf Polizeiaufgaben in Moskau konzentrierte, obwohl sie eigentlich die Leibgarde des Zaren bildete. Aufstände der Strelitzen führten auch in späteren Jahren zu Thronwechseln und sie waren ein Gefahrenherd für die Zarenfamilie bis zu ihrer Zerschlagung unter Peter dem Großen. Vgl. Parker, Militärische Revolution, S. 61.

[15] Nach seinem Einzug in Moskau war der Prätendent der Mutter des Zarewitsch Dimitrij gegenübergestellt worden, die ihn als ihren Sohn identifizierte. Im Zuge des Strelitzenaufstandes revidierte sie ihr Urteil und ermöglichte so seine Hinrichtung.

[16] Vgl. Zernack, Zwei Wege, S. 183 f.

[17] Vgl. Riasanovsky, Russia, S. 180 ff.

[18] Vertreter des Zarenhofes des falschen Dimitrij waren bereits nach ihrer Vertreibung durch die schwedischen Hilfstruppen mit diesem Vorschlag an Sigismund III. herangetreten. Der Grund für dieses Angebot durch die offizielle Moskauer Regierung war das Wiedererstarken eben dieses zweiten falschen Dimitrij, der besonders unter den armen und unterdrückten Bevölkerungsschichten noch immer sehr viele Anhänger hatte.

[19] Vgl. Riasanovsky, Russia, S. 190. Zernack (Zwei Wege, S. 190) führt an, dass Sigismund vermutlich auf eine Personalunion Polen-Russland aus war. Damit wäre der polnische König nicht nur Großfürst von Litauen, sondern auch Zar von Russland, wodurch sich sein Herrschaftsgebiet bis weit nach Asien erweitert hätte.

[20] Vgl. Hosking, Russland, S. 92 f.

[21] Die Teilnahme der freien Bauernschaft ist nur für diese eine Landesversammlung belegt. Vgl. Riasanovsky, Russia, S. 211. Der Semski Sobor von 1613 ist auch der einzige, der entscheidend in das politische Leben Russlands eingriff. Alle anderen Landesversammlungen wurden nur zur Absegnung bereits beschlossener Anordnungen des Zaren einberufen. Vgl. Crummey, Seventeenth-century S. 120 f.

[22] Riasanovsky (Russia, S. 189) führt als einen der ausschlaggebenden Gründe für die Wahl Michaels die verwandtschaftliche Beziehung der Romanovs zur ausgestorbenen Rjurikidendynastie an. Zar Ivan der Schreckliche war mit Anastasia Romanova verheiratet gewesen, einer Tante des Metropoliten Philaret. Vielleicht wurde die verwandtschaftliche Komponente gerade deshalb betont, weil im orthodoxen Christentum der Widerstand gegen einen illegitimen Zaren die Pflicht eines wahrhaft gläubigen Menschen ist, worauf Dunning (Legacy, S. 134) hinweist.

Außerdem war der jugendliche Michael nicht dadurch kompromittiert, die Polen oder den Usurpator Dimitrij unterstützt zu haben, wenngleich seine Familie dem falschen Dimitrij näher gestanden hatte als der polnischen Besatzung.

[23] Vgl. Donnert, Russland, S. 63 f. Die Anerkennung des neuen Zaren durch Österreich zog sich bis 1617 hin, vor allem weil die Haltung des Kaisers in dieser Frage durch die freundschaftliche Politik gegenüber Polens König Sigismund bestimmt war. Eine Anerkennung des russischen Zaren wäre einer Negierung der polnischen Ansprüche gleichgekommen. Für die diplomatischen Verwicklungen dieser Periode vergleiche Leitsch, Politik des Kaiserhofes, S. 158 ff.

[24] Vgl. Dunning, Legacy S. 137. Ähnliche Entwicklungen sind auch im 21. Jahrhundert zu beobachten. Unter dem Eindruck der weltweiten Bedrohung durch den Terrorismus ließ sich der amerikanische Präsident George W. Bush vom Kongress mit weitgehenden Sonderrechten für die Terrorismusbekämpfung ausstatten, die so weit gingen, die amerikanischen Streitkräfte auch im eigenen Land einsetzen zu können. In Italien wurde die Erfassung der gesamten Bevölkerung in Fingerabdruckdateien eingeleitet. Nennenswerten Widerstand der Bevölkerung gegen diese Einschnitte in persönliche Freiheiten und Rechte gab es keinen.

[25] Neben Dunning beschäftigt sich auch Hosking intensiv mit den innenpolitischen Folgen der Zeit der Wirren, allerdings konzentrieren sie sich auf unterschiedliche Bereiche. Dunning beschäftigt sich mit der Frage, wie sich der Absolutismus in Russland entwickelt hat, während Hosking den kirchenpolitischen Angelegenheiten breiten Raum bietet.

[26] Vgl. Dunning, Legacy S. 142 f. Durchschnittlich verfügte jeder Adelige in diesen Jahren über 5 bäuerliche Haushalte, während 20 als das Minimum angesehen wurden, um die militärischen Aufgaben erfüllen zu können. Außerdem setzte man wieder verstärkt Kosakenverbände zum Grenzschutz im Süden ein und entlaufene Bauern konnten, entgegen der Zusicherungen des Zaren an den Dienstadel, in militärische Dienste treten.

[27] Vgl. Donnert, Russland, S. 67. Dunning (Legacy S. 144) spricht dagegen von der Versklavung der Bauern.

[28] Auf das Thema der militärischen Revolution im 17. Jahrhundert möchte ich nicht näher eingehen. Es gibt hierzu eine publizistisch geführte Debatte über genaue Zeitpunkte, Ursachen und Folgen. Ich verweise daher auf Parker (Militärische Revolution), von wo aus das Thema erschlossen werden kann.

[29] Vgl. Crummey, Seventeenth-century, S. 122.

[30] Kennedy, Aufstieg und Fall, S. 46.

[31] Da Schweden den russischen Zarentitel nie anerkannt hatte, wurde der russische Herrscher in der schwedischen Diplomatie weiterhin als Großfürst geführt. Noch 1646 wies Stockholm russischen Gesandten gegenüber die Titulierung „Selbstherrscher“ zurück und ließ nur die Bezeichnung „ Magnus dux Moscoviae “ gelten. Dies war auch gegen mögliche Ansprüche im Ostseeraum nach dem Smolensker Krieg gerichtet.

[32] Donnert, Russland, S. 66.

[33] Vgl. Rauch, Moskau, S. 31.

[34] Vgl. Parker, Militärische Revolution, S. 61 f.

[35] Vgl. Bushkovitch, Transformation, S. 33.

[36] Vgl. Hoensch, Polen, S. 141.

[37] Vgl. Riasanovsky, Russia, S. 195. Um die Frage der Rückgabe Asows zu entscheiden, wurde 1642 erneut eine Landesversammlung einberufen. Vor allem die Vertreter des Dienstadels wollten das Risiko eines Krieges eingehen, aber der Zar folgte der Meinung der Händler und Stadtbürger.

[38] Näheres hierzu in Kapitel 3.1.3.

[39] Das Königreich Polen-Litauen umfasste nach dem Friedensschluss von 1634 rund 990.000 Quadratkilometer und hatte rund 10 Millionen Einwohner, von denen aber weniger als die Hälfte (rund 40%) ethnische Polen waren. Vgl. Hoensch, Polen, S. 142.

[40] Die ukrainischen und litauischen Gebiete waren größtenteils orthodox mit großen jüdischen Minderheiten in den städtischen Siedlungen, während die Polen katholisch waren.

[41] Zernack, Zwei Wege, S. 205.

[42] Vgl. Zernack, Zwei Wege, S. 202. Zu den Einzelheiten des Aufstandes mit den Siegen und Niederlagen, den Bündnissen inner- und außerhalb Polens vergleiche Hoensch, Polen, S. 146 ff.

[43] Vgl. Zernack, Zwei Wege, S. 202 f.

[44] Vgl. Bushkovitch, Transformation, S. 34.

[45] Sowohl Zernack (Zwei Wege) als auch Hoensch (Polen) weisen darauf hin, dass die Bemühungen Chmelnitskis auf einen, zumindest autonomen, Kosakenstaat mit eigener Außenpolitik gerichtet waren. Daraus kann auch auf ein erstes Aufkeimen ukrainischen Selbstbewusstseins geschlossen werden, wobei eingeräumt wird, dass diese Meinung unter Historikern umstritten ist.

[46] Die Benennung des Krieges ist in der verwendeten Literatur unterschiedlich. Dies ergibt sich vor allem aus den unterschiedlichen Sichtweisen zum Krieg von 1558-1582/83. Zernack (Schweden S. 333 f.) nennt diesen Krieg den Ersten Nordischen Krieg, was seine Berechtigung darin hat, dass sich mit Schweden, Russland und Polen-Litauen die gleichen Kontrahenten wie im Krieg von 1652-1667 (bei Zernack der Zweite Nordische Krieg genannt) und im 1700-1721 geführten Großen Nordischen Krieg gegenüberstanden. Auch ich kann dieser Sichtweise einiges abgewinnen.

Da aber sowohl Hoensch und Riasanovsky als auch Donnert den Krieg von 1558-1582/83 als Livländischen Krieg bezeichnen und somit den 1667 beendeten Konflikt als Ersten Nordischen Krieg führen, schließe ich mich dieser Diktion an.

[47] Vgl. Halecki, Geschichte, S. 131 f. 1655 marschierte Karl X. Gustav in Polen ein, vertrieb den polnischen König Johann II. Kasimir nach Schlesien und konnte rasch weite Teile des Landes besetzen. Vom Kloster Tschenstochau aus wurde der polnische Widerstand organisiert, der das schwedische Heer 1656 an den Rand einer totalen Niederlage brachte. Im Frieden von Oliva trat Polen 1660 Livland nördlich der Düna an Schweden ab.

[48] Vgl. Hoensch, Polen, S. 150.

[49] Zernack, Schweden, S. 350.

[50] Im Folgenden wird vor allem von Ungarn die Rede sein, weil in den Beziehungen zu den Osmanen die Böhmenfrage keine große Relevanz hatte.

[51] 1523 wurde im Vertrag von Brüssel die habsburgische Herrschaft geteilt. Kaiser Karl V. blieb König von Spanien unter Einschluss des Herzogtums Burgund, während Ferdinand als deutscher König und damit designierter Nachfolger Karls auf dem Kaiserthron, die Führung in den so genannten österreichischen Ländern übernahm. Diese umfassten neben den österreichischen Herzogtümern Ober- und Niederösterreich, Krain, Kärnten und Steiermark auch Tirol (ab 1665) und die Besitzungen in Süddeutschland (Vorlande). Dieser Vertrag bedeutete die endgültige Teilung der spanischen und österreichischen Linie.

[52] Durch die Bestätigung der landesfürstlichen Landeshoheit (ius territorii et superioritatis), das Zugeständnis des Mitbestimmungsrechtes in Fragen von Krieg und Frieden (ius belli ac pacis) und des Rechtes, Koalitionen mit ausländischen Mächten zu schließen (ius foederis), wurde im Westfälischen Frieden die Machtstellung des Kaisers stark eingeschränkt. Vgl. Duchhardt, Absolutismus, S. 9.

[53] Vgl. Duchhardt, Absolutismus, S. 10 ff.

[54] Vgl. Zöllner, Geschichte Österreichs, S. 254 f.

[55] 1684 verwendet der Kameralist Höringk in seiner Schrift „Österreich über Alles, wenn es nur will“ das erste Mal den Begriff „Österreich“ als Bezeichnung für eine staatliche und wirtschaftliche Einheit. Vgl. Duchhardt, Absolutismus, S. 95 und Barker, Doppeladler und Halbmond, S. 147.

[56] Regensburger Stillstand: 20-jähriger Waffenstillstand zwischen dem Reich und Frankreich, der 1684 abgeschlossen wurde und die französischen Gebietsgewinne seit 1679 bestätigte. Vgl. Duchhardt, Absolutismus, S. 34.

[57] Vgl. Kennedy, Aufstieg und Fall, S. 171. Kennedy spricht von einem „ verzweifelten Kampf gegen die Türken “, den Österreich führte, und der der Grund war, warum der Kaiser nicht in die spanisch-französische Auseinandersetzung um Luxemburg eingriff. Duchhardt (Absolutismus, S. 33 f.) sieht dagegen diese Untätigkeit als ein weiteres Indiz für die Interessensverschiebung des Kaisers, was man angesichts der früheren gleichzeitigen Kämpfe gegen die Osmanen und die Franzosen unterstützen kann.

[58] Duchhardt, Absolutismus, S. 33.

[59] Vgl. Barker, Doppeladler und Halbmond, S. 162.

[60] Leitsch, Politik des Kaiserhofes, S. 92 f.

[61] und ihren Kampfgenossen Georg Rákóczi.

[62] Vgl. Halecki, Borderlands, S. 213 f.

[63] Vgl. Halecki, Borderlands, S. 218 f.

[64] Die Laxenburger Allianz beinhaltete die Verpflichtung des Kaisers 60.000 Mann in Ungarn aufzustellen, während Johann Sobieski mit 40.000 Mann nach Podolien marschieren sollte. Papst Innozenz XI. gewährte großzügige Subsidien (1 Million Gulden für Österreich/500.000 Gulden für Polen) und stimmte der Besteuerung des Klerus mit einer außerordentlichen Türkensteuer zu. Vgl. Mikoletzky, Das große 18. Jahrhundert, S. 30 f.

[65] Portugal (100.000 Taler), Spanien (200.000 Gulden), Toskana (100.000 Gulden und 100.000 Pfund Pulver an Polen), Genua (300.000 Taler), Lucca (20.000 Gulden), Savoyen (50.000 Dukaten) usw. Vgl. Barker, Doppeladler und Halbmond, S. 163 f.

[66] Vgl. Mikoletzky, Das große 18. Jahrhundert, S. 30 f.

[67] Auf Schloss Stetteldorf bei Stockerau kamen die Heerführer der einzelnen Abteilungen (Herzog Karl von Lothringen, König Johann III. Sobieski, Fürst von Waldeck und die Kurfürsten von Bayern und Sachsen) überein, dass der Vormarsch auf Wien durch den Wienerwald erfolgen sollte und der Oberbefehl, in Abwesenheit des aus Wien geflohenen Kaisers, beim König von Polen liegen sollte. Vgl. Barker, Doppeladler und Halbmond, S. 292 f.

[68] Den genauen Verlauf der Entsatzschlacht (Barker, Doppeladler und Halbmond, S. 303 ff.) sowie des Ungarnfeldzugs und der Schlacht bei Zenta werde ich hier nicht darlegen.

[69] Zernack, Zwei Wege, S. 223.

[70] Ab 1653 wurde die so genannte Belgoroder Linie ausgebaut, die ein System von größeren und kleineren Befestigungen in regelmäßigen Abständen war. Große Festungen wurden mit regulärer russischer Infanterie bemannt (Gesamtstärke bis zu 120.000 Mann), während die kleineren von Kosaken verteidigt wurden. Vgl. Parker, Militärische Revolution, S. 62. Die Festungen dienten aber nicht nur zum Schutz gegen die Feinde von außen und zur Bedrohung ihrer Nachschubslinien und Aufmarschgebiete, sondern sie waren auch für die Kontrolle des eigenen Hinterlandes wichtig, allein schon als symbolischer Ausdruck für die Herrschaft über ein bestimmtes Gebiet. Vgl. Black, Military Revolution, S. 55.

[71] Zum Schutz gegen diese Grenzverletzungen zahlte das Zarenreich bis ins Jahr 1683 einen jährlichen Tribut an den Khan der Krimtataren.

[72] Vgl. Kapitel 2.2.

[73] Peter soll bei diesen Morden zugegen gewesen sein. Daraus werden sein Hass gegen die Strelitzen und die nervösen Gesichtszuckungen, die ihn sein weiteres Leben lang begleiteten, abgeleitet.

[74] Der krankhafte und geistesschwache (Donnert, Russland, S. 75) Ivan war nie dazu in der Lage, mehr als repräsentative Pflichten wahrzunehmen, auch war sein Ableben nur eine Frage der Zeit.

[75] Vgl. Pommerin, Bündnispolitik, S. 116.

[76] Zernack, Zwei Wege, S. 219.

[77] Georg v. Rauch zit. n. Zernack, Zwei Wege, S. 219.

Details

Seiten
153
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783832467364
ISBN (Buch)
9783838667362
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v222109
Institution / Hochschule
Universität Salzburg – Geisteswissenschaftliche Fakultät, Geschichte
Note
1,0
Schlagworte
österreich russland geschichte neuzeit auswärtige beziehungen

Autor

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Titel: Die österreichisch-russischen Beziehungen von Peter dem Großen bis Joseph II