Lade Inhalt...

RAROC: Kernstück einer integrierten Risiko-Rendite-Steuerung im modernen Firmenkunden-Kreditgeschäft

Diplomarbeit 2003 92 Seiten

BWL - Controlling

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis I

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Problemstellung
1.2 Wissenschaftlicher Ansatz und Aufbau der Arbeit

2 Risiko im Kreditgeschäft
2.1 Ein Überblick über Bankbetriebliche Risiken
2.2 Risikomanagement
2.3 Quantifizierung von Risiken: Das Value at Risk-Konzept
2.4 Kreditrisikoquantifizierung

3 Eigenkapital als Risikodeckungsmasse und knappe Ressource
3.1 Der Eigenkapitalbegriff
3.2 Die Bestimmung der vorzuhaltenden Eigenmittel
3.3 Der Begriff des Ökonomischen Kapitals
3.4 Value-Based Management: Der Shareholder Value-Ansatz

4 Risk Adjusted Profitability Measurement (RAPM)
4.1 Die Konzeption des RAPM
4.2 Kennzahlen und Kennzahlensysteme
4.3 Die Kennzahl RAROC
4.3.1 Das Berechnungsschema in der Übersicht
4.3.2 Ertrags- und Kostenkomponenten
4.3.3 Kapitalkomponente
4.3.4 Beispielrechnung zur Einzelgeschäftssteuerung
4.4 RAROC als Steuerungsgröße zur Wertsteigerung
4.5 RAROC im Shareholder Value-Ansatz
4.6 Weitere RAPM- und wertorientierte Kennzahlen
4.7 Der Aufbau eines risikoadjustierten Kennzahlensystems
4.8 Exkurs: RAPM als Bestandteil eines leistungsorientierten Gehaltssystems

5 Risk-Return-orientierte Kreditportfoliosteuerung
5.1 Portfolio-Management: Grundlagen der Portfolio-Theorie
5.2 Kreditportfolio-Management
5.2.1 Instrumente des passiven Kreditportfolio-Managements
5.2.2 Instrumente des aktiven Kreditportfolio-Managements
5.3 Das Risk Management Committee
5.4 Exkurs: Anforderungen an IT und (E)DV

6 Zusammenfassung und Ausblick

Literaturverzeichnis

Erklärung des Verfassers

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Risikoarten im Bankbetrieb

Abbildung 2: Instrumente des Risikomanagements

Abbildung 3: Der Risikomanagement-Prozess

Abbildung 4: Das Value at Risk-Konzept

Abbildung 5: Das Konzept des Credit Value at Risk

Abbildung 6: Ermittlung des erwarteten Verlustes für Kreditrisiken

Abbildung 7: Von der Unternehmensanalyse zur Ausfallwahrscheinlichkeit

Abbildung 8: Abgrenzung unterschiedlicher Eigenkapital-Strukturierungen

Abbildung 9: Berechnung des unerwarteten Verlustes aus Kreditrisiken

Abbildung 10: Die Ermittlung des Unternehmenswerts

Abbildung 11: Der Shareholder Value-Ansatz im Überblick

Abbildung 12: Möglichkeiten der Risikoadjustierung einer Rentabilitätsgröße

Abbildung 13: Ein in der Kreditwirtschaft anwendbares Kennzahlensystem

Abbildung 14: Grundstruktur des RAROC

Abbildung 15: RAROC-Formel, Hauptbestandteile

Abbildung 16: Das Prinzip des internen Kapitalmarkts

Abbildung 17: Expected Loss - Beispielrechnung

Abbildung 18: Plankostenmodell auf Kundenebene

Abbildung 19: RAROC-Berechnungsbeispiel

Abbildung 20: Auswirkung der Änderung von Einflussfaktoren auf den RAROC

Abbildung 21: Undifferenzierte versus risikoorientierte Kreditkondition

Abbildung 22: Grundstruktur des „Economic Value Added“

Abbildung 23: Der Zusammenhang zwischen RAROC und EVA

Abbildung 24: Ermittlung des „Shareholder Value Added“

Abbildung 25: Grundstruktur des RORAC

Abbildung 26: Der Zusammenhang zwischen RAROC und RORAC

Abbildung 27: Schema eines risikoadjustierten Kennzahlensystems

Abbildung 28: Grundmodell eines leistungsorientierten Vergütungssystems

Abbildung 29: Die Ermittlung der Eigenkapitalkosten nach dem CAPM

Abbildung 30: Die Anwendung der Portfoliotheorie im Kreditgeschäft

Abbildung 31: Rechenbeispiel zum Diversifikationseffekt

Abbildung 32: Beispiel für ein Value at Risk-Limitsystem

Abbildung 33: Instrumente des aktiven Kreditportfolio-Managements im Überblick

Abbildung 34: Grundstruktur einer Credit Securitization

Abbildung 35: Grundstruktur eines Credit Default Swaps

Abbildung 36: Schematische Darstellung eines Data-Warehouse-Konzepts

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Beispiele für Verluste aus operationellen Risiken

Tabelle 2: Rating-Stufen verschiedener Agenturen

Tabelle 3: Risikogewichtung von Krediten nach Grundsatz I BAKred

Tabelle 4: Aufsichtsrechtliches und Ökonomisches Kapital

Tabelle 5: Möglichkeiten für den Umgang mit Kreditrisiken

1 Einleitung

Wer die Wahrheit sucht,

muss sie auch ertragen können.

Chinesische Weisheit

1.1 Problemstellung

Der Einfluss von Kreditrisiken auf die Geschäftssteuerung in Banken hat in der jüngeren Vergangenheit zugenommen. Insbesondere in Zeiten wirtschaftlichen Abschwungs treten auf Grund vermehrter Unternehmensinsolvenzen erhöhte Kreditverluste auf, schlagen sich in den Gewinn- und Verlustrechnungen der Banken nieder und belasten das Eigenkapital. Diese so genannten Risikokosten stellen mittlerweile einen bedeutenden Kostenblock in Kreditinstituten dar und wurden lange Zeit unterschätzt.[1] Banken als besonders sensibler Wirtschaftssektor unterliegen speziellen gesetzlichen Bestimmungen, hierbei spielen insbesondere Vorschriften bezüglich des Eigenkapitals eine Rolle.

Das moderne Firmenkunden-Kreditgeschäft zeichnet sich durch immer anspruchsvollere Anforderungen und ein erhöhtes Preis-/Leistungsbewusstsein der Kundschaft aus; ebenso werden die Bankgeschäfte der Unternehmen meist auf mehrere Institute verteilt. Hinzu kommt der Trend zur Desintermediation, d.h. Unternehmen wenden sich zur Finanzierung nicht mehr an Kreditinstitute, sondern beschaffen sich nötige Mittel direkt am Kapitalmarkt. Die genannten Faktoren führen zu einem verschärften Wettbewerb und sinkenden Erträgen im Kreditgeschäft der Banken.

Eine zunehmende globale Verflechtung der Kapitalmärkte und damit verbundene höhere Mobilität des Kapitals hat einen verstärkten internationalen Wettbewerb um Investoren mit sich gebracht. In diesem Zuge konzentrieren sich insbesondere bei börsennotierten Aktiengesellschaften die Management-Aktivitäten vermehrt auf eine Steigerung des Börsenwertes, d.h. des Marktwerts ihres Eigenkapitals, um so die Ansprüche der Investoren zu erfüllen und die eigene Attraktivität für Kapitalgeber zu erhöhen; dieses Phänomen wird als „Shareholder Value-Orientierung“ bezeichnet. Aktienanleger verlangen einen marktgerechten Ertrag für ihr investiertes Kapital, dieser muss von den Gesellschaften zunächst erwirtschaftet werden, dabei gilt das Eigenkapital der Bank als begrenzt vorhandene Ressource und ist demnach möglichst effizient einzusetzen. Mit Hilfe von Kapitalmarktmodellen wird ermittelt, in welcher Höhe ein Ertrag den Ansprüchen gerecht wird.[2] In der letzten Konsequenz sind nach dem Shareholder Value-Konzept von der Bank nur solche Geschäfte durchzuführen, die dazu dienen, das Vermögen des Aktionärs zu erhöhen.

Vor diesem Hintergrund hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass eine Rentabilitätsmessung und -steuerung im Kreditgeschäft ohne die Integration eines Risikomaßes in die interne Ergebnisrechnung nicht mehr adäquat darstellbar ist. Das im Controlling der Bank verwendete Instrumentarium zur Koordination der Geschäfte muss mit Hilfe geeigneter Kennzahlen in der Lage sein, die Risiko- und Ertragssteuerung miteinander zu verknüpfen. Anhand von finanzwirtschaftlichen Kennzahlen ist daher aufzuzeigen, an welchen Stellen das Eigenkapital der Bank risikoadäquat und gleichzeitig unternehmenswertsteigernd eingesetzt ist und an welchen Stellen ggf. Handlungsbedarf besteht. Ziel einer risikoadjustierten Rentabilitätssteuerung im Firmenkunden-Kreditgeschäft muss es sein, die Kreditrisiken transparent zu machen und gleichzeitig die Kundenbeziehungen so profitabel zu gestalten, dass die Rentabilität den aus der modernen Shareholder Value-Orientierung abgeleiteten Ansprüchen entspricht. In diesem Zuge entwickeln Kreditinstitute, begünstigt durch den technologischen Fortschritt mit immer leistungsfähigeren EDV-Systemen, wirksame Methoden zur möglichst genauen Risikoquantifizierung, angemessenen Bepreisung und Risikoreduzierung von Krediten, die sich am konkreten Risiko des jeweiligen Kunden orientieren. Dieser Entwicklung passen sich auch die Eigenkapitalvorschriften der Bankaufsicht mehr und mehr an.

1.2 Wissenschaftlicher Ansatz und Aufbau der Arbeit

Das vorliegende Werk ist eine anwendungsorientierte Arbeit im Bereich des Risiko- und Rentabilitätscontrollings im Firmenkunden-Kreditgeschäft von Großbanken. Dabei soll die Wahl der behandelten Fragestellungen einen hinreichenden Praxisbezug aufweisen. Aussagen, Ergebnisse und Schluss­folgerungen werden so weit wie möglich durch die bestehende Literatur belegt und sind mit Beispielen zur Anwendung der beschriebenen Methoden und Verfahren versehen. Die Resultate der Arbeit werden auch durch persönliche Wertvorstellungen und Erfahrungen aus meiner beruflichen Tätigkeit in den Abteilungen Kreditrisikomanagement und Vertriebscontrolling einer Großbank geprägt.

Folgende Fragestellungen stehen im Rahmen dieser Arbeit im Vordergrund:

- Wie können Risiken, und speziell Kreditrisiken, bewertbar gemacht und in die bankinterne Erfolgsrechnung integriert werden, so dass die Messung einer risikoadjustierten Rentabilität möglich wird, und welche Anwendungsgebiete sind hierfür in der Geschäftssteuerung denkbar?
- Welchen qualitativen und quantitativen Ansprüchen sollte eine solche Rentabilität genügen, und welche Möglichkeiten stehen auf Einzelkunden-Ebene und auf Gesamtportfolio-Ebene zur Verfügung, um sie zu beeinflussen?

Zur Behandlung dieser Fragen wurde die Arbeit in folgende Abschnitte untergliedert:

In Kapitel 2 werden zunächst theoretische Grundlagen zu bankbetrieblichen Risiken und Risikomanagement vorgestellt. Anschließend wird ein Modell dargelegt, um Risiken zu quantifizieren, dabei widmet sich ein separater Abschnitt speziell den Kreditrisiken.

Kapitel 3 stellt die besondere Bedeutung des Eigenkapitals als Sicherheitsmaßstab im Bankgeschäft heraus und zeigt Differenzen zwischen bankaufsichtsrechtlichen und betriebswirtschaftlichen Anforderungen an das Eigenkapital von Banken. Ergänzend wird der Shareholder Value-Ansatz als marktorientiertes Bewertungs­verfahren für das Eigenkapital skizziert.

Kapitel 4 verbindet das vorgestellte Verfahren zur Kreditrisikoquantifizierung mit der Ertragsrechnung: Risiko und Ertrag werden zusammengefasst in risiko­orientierten Rentabilitätskennzahlen betrachtet. Dieses Konzept trägt den Namen „Risk Adjusted Profitability Measurement“ (RAPM) und beinhaltet u.a. die Verwendung der Kennzahl „Risk Adjusted Return On Capital“ (RAROC). Die Konstruktion der Kennzahl RAROC wird aufgezeigt und ihre Anwendungs­möglichkeiten insbesondere in der risikoorientierten, unternehmenswert­steigernden Steuerung einzelner Kundenbeziehungen und Kreditgeschäfte vor dem Hintergrund der Shareholder Value-Orientierung dargelegt.

Kapitel 5 zeigt anhand eines Kapitalmarktmodells auf, welchen Rendite­anforderungen bestimmte Risikopositionen genügen müssen. Anschließend beschäftigt es sich mit der integrierten Risiko-Rendite-Steuerung des gesamten Kreditportfolios einer Bank und den Möglichkeiten, mit modernen Kapitalmarkt­instrumenten einen profitableren Einsatz des Eigenkapitals zu erreichen und damit Einfluss auf die risikoadjustierte Rentabilität im Kreditgeschäft zu nehmen.[3]

Basierend auf den theoretischen Grundlagen werden in ausgewählten Abschnitten ergänzend Beispielrechnungen angeführt, um die Anwendung und Interpretation der vorgestellten Modelle und Konzepte zu veranschaulichen.

2 Risiko im Kreditgeschäft

Le risque est l’onde de proue du succès.

(Das Risiko ist die Bugwelle des Erfolges.)

Carl Amery (*1922), dt. Schriftsteller

2.1 Ein Überblick über Bankbetriebliche Risiken

Der Begriff „Risiko“ ist in der Betriebswirtschaftslehre nicht eindeutig definiert. Er wird in Verbindung gebracht mit Unsicherheit, Verlustmöglichkeiten und möglichen Abweichungen von erwarteten Ergebnissen im Rahmen des wirtschaftlichen Handelns.[4] Unsicherheit entsteht, wenn einem Entscheidungs­träger nur unzureichende Informationen über künftige Entwicklungen vorliegen bzw. die Folgen unterschiedlicher, zur Verfügung stehender Handlungs­alternativen nicht von vornherein feststehen.[5] Verlustpotenziale haben im Bankwesen die größte Bedeutung[6], wobei hierunter für die Bank ungünstige Entwicklungen der Ertrags- oder Vermögenslage verstanden werden können.[7] Damit stehen Verlustmöglichkeiten in engem Zusammenhang zu den Gefahren einer Abweichung von erwarteten Ergebnissen. Abbildung 1 gibt einen Überblick über Risiken, die im Bankgeschäft auftreten und auf die im Folgenden kurz eingegangen wird.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Risikoarten im Bankbetrieb[8]

Eine in der Literatur anerkannte Definition für operationelle Risiken stammt vom Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht; demnach ist das operationelle Risiko die Gefahr eines Verlustes, die aus mangelhaften betrieblichen (Kontroll)Prozessen, menschlichem Fehlverhalten, Technologieversagen oder (Natur)Katastrophen resultiert.[9] Die Thematik operationeller Risiken ist im Laufe der neunziger Jahre im Zusammenhang mit außergewöhnlich hohen Verlusten, die weder eindeutig Markt- oder Ausfallrisiken zuzuordnen waren (vgl. Tabelle 1)[10], auch von der Bankenaufsicht aufgegriffen worden. Ebenso sind die wirtschaftlichen Folgen der Terroranschläge vom 11. September 2001 als Beispiel für operationelle Risiken heranzuziehen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Beispiele für Verluste aus operationellen Risiken

Liquiditätsrisiken können in drei Hauptkategorien eingeteilt werden:[14]

- Das Liquiditätsanspannungsrisiko entsteht, wenn Aktivposten aufgrund von fehlender Marktgängigkeit nicht veräußert werden können bzw. ihre Finanzierung zu ungünstigen Bedingungen nötig ist.
- Ein Terminrisiko ergibt sich aus unplanmäßigen Verlängerungen der Bindungsdauer von Aktivgeschäften (Beispiel: Schuldner zahlen nicht zu vorgesehenen Zeitpunkten).
- Das Abrufrisiko entsteht aus unerwarteten Inanspruchnahmen von Kreditzusagen oder Rückzahlungen von Einlagen.

Liquiditätsrisiken beschreiben damit mögliche unvorhergesehene Störungen im Geldfluss und daraus folgende Verlustgefahren.

Unter dem Begriff Marktrisiken fasst man Verlustgefahren zusammen, die aus Schwankungen von Preisen an bestimmten Märkten entstehen:

- Aktienkursrisiken bezeichnen die Verlustgefahren durch Verminderung des Wertes eines Aktienbestandes aufgrund von Kursbewegungen.
- Rohstoff(preis)risiken umfassen mögliche Verluste aus dem Eingehen oder Halten von Positionen in Rohstoffen.[15]
- Zinsänderungsrisken beschreiben die Gefahr negativer Abweichungen von geplanten Zinseinkünften oder -aufwendungen aufgrund von Marktzinsschwankungen.
- Währungsrisiken ergeben sich bei nicht ausgeglichenen, d.h. offenen Positionen auf Aktiv- und Passivseite der Bilanz, also aufgrund von unterschiedlichen Beträgen gleicher Fälligkeit oder unterschiedlichen Fälligkeiten von Forderungen und Zahlungsverpflichtungen in fremden Währungen.

Hiervon abzugrenzen sind Kreditrisiken, die stets im direkten Zusammenhang mit einem Geschäftspartner der Bank in Form von Bonitätsrisiken oder Ausfallrisiken auftreten:[16]

- Bonitätsrisiken beinhalten die Gefahr, dass sich die Bonität eines Kunden während der Kreditlaufzeit verschlechtert.
- Ausfallrisiken sind demnach Bonitätsrisiken in einer extremen Form: Der Kreditnehmer kann seinen Zahlungsverpflichtungen nicht mehr oder nur teilweise nachkommen[17] ; dies hat u.U. Forderungsausfälle der Bank zur Folge.

Als Risiko soll die Gefahr angesehen werden, dass der tatsächliche Wert eines Ereignisses aufgrund von unvorhergesehenen Einflüssen in negativer Weise vom erwarteten Wert abweicht. Dies bedeutet für das Kreditrisiko, dass es nicht in einer nur unvollständigen Rückzahlung besteht, sondern dass der tatsächlich auftretende Verlust höher ausfällt als ein erwarteter. Im Rahmen der vorliegenden Arbeit stehen diese Kreditrisiken, im Besonderen die Ausfallrisiken, im Vordergrund der Betrachtung; Marktrisiken werden meist in einer zentralen Abteilung mit Hilfe von geeigneten Kapitalmarktinstrumenten abgesichert.[18] Für den Umgang mit bankbetrieblichen Risiken insgesamt ist es jedoch wichtig zu erkennen, dass zwischen den genannten Risikoarten u.U. gegenseitige Abhängigkeiten bestehen, so dass neben den speziellen Einzelrisiken auch stets ein aggregiertes Gesamtrisiko beurteilt und gesteuert werden muss.

2.2 Risikomanagement

Auflagen bzw. Anregungen vielfältiger Art zur Weiterentwicklung der unternehmensinternen Risikosteuerung und -überwachung erhalten Kreditinstitute insbesondere auch durch nationale und internationale Aufsichtsbehörden und Gremien.[19] Ergänzend hat der bundesdeutsche Gesetzgeber mit dem Gesetz zur Kontrolle und Transparenz im Unternehmensbereich (KonTraG)[20] eine Verpflichtung geschaffen, nach der Unternehmen ein Risikomanagementsystem einzurichten haben. Ein solches System muss den Entscheidungsträgern eine rechtzeitige Erkennung und adäquate Handhabung wirtschaftlicher Risiken ermöglichen; dabei steht die langfristige Existenzsicherung der Unternehmung im Vordergrund.[21] Für kapitalmarktorientierte Großunternehmen geht ein effizientes Risikomanagement über die Erfüllung rechtlicher Vorschriften hinaus und stellt heute ein wesentliches Kriterium für die Beurteilung der Attraktivität des Unternehmens an den internationalen Finanzmärkten dar. So hat die Geschäfts­leitung nicht mehr nur die Pflicht, das Unternehmen gegen mögliche Verluste abzusichern,[22] sondern im Wettbewerb um die Gunst von Kapitalgebern u.a. ebenso sicherzustellen, dass das Verhältnis aus geschäftlichen Chancen und Risiken frühzeitig erkannt, bewertet und mit geeigneten Instrumenten (vgl. Abbildung 2) optimiert wird.[23] Folgende Ziele eines Risikomanagements lassen sich anführen:[24]

- den Fortbestand der Unternehmung sichern,
- zukünftige Ertragspotenziale erkennen,
- Risiken zum Zwecke einer optimalen Eigenkapitalverwendung steuern und
- den Marktwert des Unternehmens steigern.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Instrumente des Risikomanagements

Risikomanagement kann in weiterem Sinn als Gesamtheit aller Institutionen, Prozesse und Instrumente betrachtet werden, die im Rahmen der Risikoproblemlösung in einer Unternehmung angewendet werden.[25] Die zwei Bestandteile des Risikomanagements im weiteren Sinn sind:[26]

- Risiko-Controlling: Im Vordergrund steht hier die Bereitstellung von zeitnahen unternehmensinternen und -externen Daten zur Entscheidungs­vorbereitung und -unterstützung.[27] Ebenso sind im Risiko-Controlling drei der vier wesentlichen Kernelemente des Risikomanagement-Prozesses[28] angesiedelt (vgl. Abbildung 3): Die Risikoidentifikation, Messung und Analyse der Risiken sowie die Risikoüberwachung. Ferner wird insbesondere die kontinuierliche Weiterentwicklung der internen Steuerungsinstrumente und -prozesse zu den Aufgaben des Risiko-Controllings gezählt.[29]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Der Risikomanagement-Prozess[30]

- Risikomanagement im engeren Sinn: Gemeint ist die eigentliche Risikosteuerung, d.h. das operative Entscheiden auf der Basis relevanter verfügbarer Informationen und vor dem Hintergrund der unternehmens­eigenen risikopolitischen Grundsätze.[31]

Ein funktionierendes, proaktives Risikomanagement mit dem Ziel, Strategien zur Begrenzung bewusst eingegangener Risiken unter gleichzeitiger Optimierung des Ertrags zu entwickeln, stellt eine notwendige Voraussetzung für eine langfristige Steigerung des Marktwertes der Unternehmung und damit für einen Vermögens­zuwachs der Anteilseigner dar.

2.3 Quantifizierung von Risiken: Das Value at Risk-Konzept

Um Risiken beurteilen und anschließend geeignete Steuerungsmaßnahmen einleiten zu können, müssen die untersuchten Risiken nach ihrer Identifikation mit Hilfe adäquater Risikomaße bewertbar gemacht werden. Folgende Mindest­anforderungen werden an solche Risikomaße gestellt:[32]

- Risikomaße sollen dieselbe Dimension wie Erfolgsgrößen, vorzugsweise Geldeinheiten, haben.
- Eine getrennte, überschneidungsfreie Betrachtung von einzelnen Risiken muss möglich sein, so dass diese auch auf höheren Hierarchieebenen aggregiert werden können.

Sämtlichen Modellen und Methoden zur Quantifizierung von Risiken liegen zwei notwendige Voraussetzungen zugrunde: Zum einen muss die Bank einen Erwartungswert für die Höhe der Verluste haben, die auftreten, wenn das entsprechende Risiko schlagend wird, und zum anderen ist für das Eintreten eines solchen Verlustfalles eine spezifische Wahrscheinlichkeit zu bestimmen.[33] Ein in der Praxis etabliertes Konzept zur Bestimmung von Verlustmöglichkeiten ist das des „Value at Risk“ (VaR). Der Bestimmung eines Value at Risk als Risikomaß liegen mathematisch-statistische Verfahren zugrunde, mit denen Wahrscheinlich­keitsaussagen über zukünftige Ereignisse modelliert werden. Grundsätzlich wird der Value at Risk definiert als der geschätzte, maximale Verlust, der unter üblichen Marktbedingungen innerhalb eines bestimmten Betrachtungszeitraums („Halteperiode“) mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit nicht überschritten wird.[34] Eine Bank benötigt aus betriebswirtschaftlicher Sicht grundsätzlich mindestens so viel Eigenkapital, wie (mit der festgelegten Wahrscheinlichkeit) Verluste auftreten können, um eine Überschuldung zu verhindern.

Durch die Wahrscheinlichkeitsverteilung wird im Value at Risk-Konzept jedem möglichen Verlustbetrag eine Wahrscheinlichkeit seines Auftretens zugeordnet. Value at Risk ist eine Größe, die einen möglichen Verlust in Geldeinheiten ausdrücken kann.[35] Wesentlichen Einfluss auf die Wahrscheinlichkeitsverteilung nehmen der Erwartungswert und die Standardabweichung, ein Maß für die Schwankungsbreite um den Erwartungswert. Die Wahl des Betrachtungszeitraums wird bestimmt durch den Planungshorizont des Risikomanagements und durch die Reaktionsfähigkeit der Bank, die betreffende Risikoposition zu liquidieren oder mit Hilfe von Gegengeschäften zu neutralisieren.[36] Das Sicherheitsniveau wird von der Geschäftsleitung festgelegt. Die Daten zur Ermittlung solcher Wahrscheinlichkeitsverteilungen werden in der Praxis zumeist aus historischen Daten gewonnen.

Zur Illustration der Anwendung des Value at Risk-Konzeptes[37] soll folgendes vereinfachtes Beispiel dienen:[38]

Die Gewährung eines Darlehens in Fremdwährung (500.000 US-Dollar) für 1 Jahr führt bei der kreditgebenden Bank u.a. zu einem Devisenkursrisiko, welches die Höhe des Rückzahlungsbetrages in Euro beeinflusst. Der Wechselkurs zum Zeitpunkt der Darlehensauszahlung betrage 1,00 EUR/USD, d.h. die Höhe der Rückzahlung wird mit 500.000 Euro erwartet. Für die Bank stellt sich die Frage, welcher Rückzahlungsbetrag mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit (hier z.B. mit 98%, d.h. mit relativ hoher Sicherheit) erreicht wird, wenn der Kurs des US-Dollar vereinfachend als standard-normalverteilt[39] um den Euro zu charakterisieren ist und innerhalb eines Jahres eine Schwankung (Volatilität) von 10 Prozent aufweist. Mathematisch lässt sich der Value at Risk dann folgendermaßen ermitteln:

VaR = E • z • б

wobei E der erwartete Wert der Vermögensposition sei,

z der Ausdruck für den Sicherheitsgrad der Aussage („Konfidenzniveau“) und

б das Streuungsmaß um den Erwartungswert („Standardabweichung“).

Daraus ergibt sich:

VaR 98% ≈ 500.000 EUR • 2 • 0,10 ≈ 100.000 EUR

Dies bedeutet, dass mit 98prozentiger Wahrscheinlichkeit ein Verlust von 100.000 EUR nicht überschritten wird, bzw. dass lediglich in 2 Prozent der Fälle ein Verlust auftritt, der größer als 100.000 EUR ist. Relevant für die Risikoeinschätzung ist lediglich die Verlustgefahr, nicht die zusätzliche Gewinnchance in gleicher Höhe.

Eine grafische Darstellung des Ergebnisses und der Zusammenhänge bietet Abbildung 4.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Das Value at Risk-Konzept

Mit dem Value at Risk-Konzept steht ein Modell zur Verfügung, das verschiedene Risikoarten konsistent messen, vergleichen und aggregieren kann.[40] Damit ist dieses Modell sowohl für die Betrachtung von Einzelgeschäften wie auch für Risiken einer Gesamtheit von Geschäften („Portfoliorisiken“) geeignet; in einem Portfolio auftretende Risikostreuungs- oder -kompensationseffekte werden gleichermaßen abbildbar, ebenso können verschiedene Marktveränderungen und ihre Einflüsse auf die Risikosituation dargestellt werden. Gegenseitige Abhängigkeiten, d.h. Korrelationen der verschiedenen Einflussfaktoren sind aufgrund der historischen Daten mathematisch zu modellieren.[41] Allerdings sind bei der Verwendung von VaR-Konzepten folgende Aspekte kritisch zu berücksichtigen:

Alle Parameter zur Berechnung sind Vergangenheitswerte, und es wird - zusätzlich zu einer Normalverteilung der Ereignisse und einer gleich bleibenden Portfoliozusammensetzung während der gesamten Haltedauer - vorausgesetzt, dass diese Werte auch in der Zukunft Bestand haben werden.[42] Die vergleichsweise komplexe mathematische Struktur täuscht jedoch u.U. eine Scheingenauigkeit vor, derer sich der Anwender bewusst sein muss.[43] Simulationen und Szenarioanalysen verschiedener Marktentwicklungen[44] stellen aus diesem Grund eine wichtige Ergänzung zu mathematischen Methoden dar. Ebenso ist in regelmäßigen Zeitabständen auf der Basis von Ist-Daten zu ermitteln, wie zuverlässig das Modell die Risikosituation tatsächlich abgebildet hat („Backtesting“). Auch verbleibt bei der VaR-Methodik stets eine Restwahrscheinlichkeit, dass der tatsächlich eintretende Verlust größer ist als der errechnete. Über das Ausmaß solcher extremer Verluste vermag das Modell nichts auszusagen.

2.4 Kreditrisikoquantifizierung

Um Markt- und Kreditrisiken gleichermaßen mess- und vergleichbar zu machen und die bankinterne Risikosteuerung im Kreditbereich auch mit Blick auf den Wettbewerb um bonitätsmäßig einwandfreie Kunden sowie mögliche aufsichtsrechtliche Änderungen weiterzuentwickeln, wird vorgeschlagen, das Value at Risk-Konzept auch für Kreditrisiken anzuwenden.[45]

Der so genannte „Credit Value at Risk“ (CVaR) oder kurz „Credit at Risk“ (CaR) wird als Instrument bereits bei mehr als einem Viertel der deutschen Kreditinstitute verwendet, und fast die Hälfte beabsichtigt eine Einführung bis zum Beginn des Jahres 2003.[46] Kreditausfälle stellennormalerweise seltene Ereignisse mit beträchtlichen Auswirkungen dar und treten zumeist in volkswirtschaftlich rezessiven Zeiten gehäuft auf. Ebenso können Ausfälle von Kreditnehmern je nach ihrer Branchen- oder Länderzugehörigkeit ggf. in engem Zusammenhang stehen, d.h. stark korrelieren. Diese Beobachtungen führen zu dem Schluss, dass Verluste aus Kreditrisiken, anders als beispielsweise Marktpreisrisiken, nicht normalverteilt sein können.[47] In einer grafischen Darstellung des Value at Risk-Konzeptes für Kreditrisiken führt dies zu einer linksschiefen Wahrscheinlichkeitsverteilung (vgl. Abbildung 5).

Bei den Kreditrisiken ist es bedeutsam, zu trennen zwischen

- dem erwarteten Verlust (expected loss, EL), der den Mittelwert der empirischen Häufigkeitsverteilung von Kreditverlusten darstellt und
- dem unerwartetem Verlust (unexpected loss, UL); dieser ist das Maß für die potenzielle Abweichung von o.g. Mittelwert bis zu einem bestimmten Sicherheitsgrad und entspricht dem Credit Value at Risk.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: Das Konzept des Credit Value at Risk

Der erwartete Verlust aus einem Kreditportfolio ist ein statistischer Mittelwert, der mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit vorhersehbar ist und damit als kalkulierbarer Aufwand oder als Ertragsminderung betrachtet werden kann.[48] Aus diesem Grund wird in der Praxis oft der Begriff „Standard-Risikokosten“ für erwartete Verluste angeführt. Standard-Risikokosten sollen im Durchschnitt über mehrere Jahre durch Erträge aus dem laufenden Geschäft abgedeckt werden und müssen bei der Kundenkonditionsgestaltung Berücksichtigung finden.[49] Zu betonen ist an dieser Stelle der kalkulatorische Charakter dieser „Kosten“; die tatsächlichen Ist-Risikokosten treten später als Neubildungen von Wert­berichtigungen, in Form von Abschreibungen auf Forderungen oder als Zuführungen zu Rückstellungen in Erscheinung. Der erwartete Verlust einer Kreditnehmer-Gesamtheit (d.h. eines Kreditportfolios) ergibt sich aus der Addition der erwarteten Verluste aller einzelnen Kreditnehmer.

Zur Ermittlung von Standard-Risikokosten auf Einzelkundenebene werden in der Literatur grundsätzlich zwei Modelle diskutiert: Zum einen ein optionspreis­theoretischer Ansatz[50], und zum anderen ein Konzept, das auf der jeweiligen Schuldnerbonität beruht. Im heutigen Firmenkunden-Kreditgeschäft gilt die Klassifizierung von Kunden mit Blick auf ihre Bonität anhand von Beurteilungs-Modellen (Rating) zur Bestimmung einer Insolvenzwahrscheinlich­keit als etabliert. Einfluss auf den erwarteten Verlust im Rahmen solcher Konzepte nehmen drei Faktoren:

- Die Bonität des Kreditnehmers und ihre Veränderung während der Dauer der Geschäftsbeziehung, ausgedrückt im kundenindividuellen Rating.
- Die jeweilige Kreditart und die Struktur der daraus resultierenden Zahlungsströme (Cash-flows).
- Die Qualität und Liquidierbarkeit evtl. vorhandener Kreditsicherheiten.

Ein erwarteter Verlust wird beziffert durch die mathematische Verknüpfung der Ausfallwahrscheinlichkeit des Kreditnehmers, seiner Kreditinanspruchnahme zum Zeitpunkt des Ausfalls und einer Verlustquote, die den Verlust als Anteil der Inanspruchnahme ausdrückt (vgl. Abbildung 6).[51]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 6: Ermittlung des erwarteten Verlustes für Kreditrisiken

Die drei Komponenten des Expected Loss werden im Folgenden näher beschrieben.

Ausfallwahrscheinlichkeit (Probability of Default, PD): Die grundlegende Methode zur Bestimmung von Ausfallwahrscheinlichkeiten basiert auf der Verwendung von externen oder internen[52] Ratings. Ausgangspunkt sind standardi­sierte Auswertungsverfahren, die verschiedene finanzielle und nicht-finanzielle Faktoren zur Beurteilung der Schuldnerbonität umfassen (vgl. Abbildung 7). Die Einschätzung mündet in der Ermittlung eines unternehmensindividuellen, objektiven und skalierten Risikofaktors, dem seinerseits eine spezifische Ausfallwahrscheinlichkeit zugeordnet ist (vgl. Tabelle 2).[53]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 7: Von der Unternehmensanalyse zur Ausfallwahrscheinlichkeit[54]

Kreditäquivalent (Loan Equivalent, LE):[55] Die Risiken aus den verschiedenen Kreditgeschäften oder Finanzinstrumenten, die ein Kunde in Anspruch nimmt, sind aufgrund ihrer unterschiedlichen Cash-flow-Strukturen i.d.R. heterogen. Das Kreditäquivalent versucht, verschiedenste Kreditarten mit Hilfe von Abzinsungs­methoden auf ein so genanntes Referenzdarlehen mit vergleichbarem Risikogehalt und bestimmter Laufzeit abzubilden.[56] Bei Kreditlinien ist dies beispielsweise die aktuelle Ausnutzung zuzüglich eines prozentualen Anteils der freien Linie, abhängig vom Rating.[57]

Verlustquote (Severity, Sev): Mit der Verlustquote wird der Einfluss von Kreditsicherheiten auf den Ausfallbetrag berücksichtigt. Im Falle der Insolvenz eines Kreditnehmers fallen oftmals nicht 100% des Kreditbetrages aus, sondern weniger.[58] Bei der Ermittlung von Verlustquoten muss auf historische Daten zurückgegriffen werden, denn Verlustquoten lassen sich nur im konkreten Insolvenzfall eines Kunden beobachten. Eine Insolvenzabwicklung ist sehr fallspezifisch, und zumeist stehen solch spezielle Daten nicht öffentlich zur Verfügung.[59]

Der unerwartete Verlust (CVaR) ist das bis zum gewählten Sicherheitsniveau gemessene Risiko der potenziellen Abweichung vom erwarteten Verlust. Hierfür ist nur ein passives Risikomanagement möglich, d.h. eine Absicherung für den Fall, dass solche Verluste eintreten und der Bank wirtschaftlichen Schaden zufügen. Als Puffer zur Abdeckung unerwarteter Verluste dient daher das (wirt­schaftliche) Eigenkapital der Bank.[60] Es ist daher zu überlegen, wie groß dieser Risikopuffer mit Blick auf die eigene Insolvenzwahrscheinlichkeit sein muss.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2: Rating-Stufen verschiedener Agenturen[61]

3 Eigenkapital als Risikodeckungsmasse und knappe Ressource

Es ist besser, Deiche zu bauen, als zu hoffen,

dass die Flut allmählich Vernunft annimmt.

Hans Kasper (*1916), dt. Schriftsteller[62]

3.1 Der Eigenkapitalbegriff

Das Eigenkapital einer Unternehmung ist die Gesamtheit aller von Anteilseignern zur Verfügung gestellten Mittel zur Erreichung der Unternehmensziele. An die Quantifizierung der Risiken schließt sich die Frage an, wie viel Eigenkapital ihnen in der Bank gegenübersteht. Bankaufsichtsrechtlich sind drei Funktionen des Eigenkapitals zu unterscheiden:[63]

- Die Garantie- und Haftungsfunktion: Bei Insolvenz der Bank gleicht das Eigenkapital fehlende Haftungsmassen aus.
- Die Verlustausgleichsfunktion: Verluste aus dem laufenden Geschäft werden durch Eigenmittel aufgefangen.
- Die Finanzierungsfunktion: Eigenmittel müssen eingezahlt und verfügbar sein, damit sie zur Finanzierung von Aktivgeschäften und zum Verlustausgleich dienen können.

Bei der Ermittlung der Eigenmittel geht man vom bilanziellen Eigenkapital, d.h. dem Buchwert aus. Er errechnet sich aus dem gezeichneten Kapital, der Kapitalrücklage, der Gewinnrücklage und dem Reingewinn. Stille Reserven[64] finden in dieser Definition keine Berücksichtigung, sie stehen bei ihrer Aufdeckung aber auch als Verlustpuffer zur Verfügung. Der Substanzwert trägt diesem Sachverhalt Rechnung und umfasst neben dem bilanziellen Eigenkapital auch diese stillen Reserven. Das bankenaufsichtsrechtliche Eigenkapital (regulatorisches Eigenkapital) ist noch weiter gefasst.[65] Es setzt sich aus den Positionen Kernkapital, Ergänzungskapital sowie Nachrangkapital zusammen.[66] Das Kernkapital ist an das bilanzielle Eigenkapital angelehnt, das Ergänzungskapital beinhaltet zumindest teilweise auch stille Reserven.[67] Ergänzend fließen auch Bestandteile mit Fremdkapitalcharakter ein (z.B. nachrangige Verbindlichkeiten). Eine Übersicht bietet Abbildung 8.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 8: Abgrenzung unterschiedlicher Eigenkapital-Strukturierungen

Um Eigenkapital zu beschaffen, gibt es für die Bank grundsätzlich zwei Wege:[68]

- Der erste Weg führt über den Kapitalmarkt, das bedeutet die Ausgabe neuer Anteile (Außenfinanzierung).
- Die zweite Möglichkeit ist die Gewinnthesaurierung (Innenfinanzierung).

Beide Möglichkeiten sind nicht kurzfristig umzusetzen. Der Weg über den Kapitalmarkt nimmt einen längeren Zeitraum in Anspruch: Beschlüsse der Haupt- oder Gesellschafterversammlung, die gewöhnlich nur einmal im Jahr zusammen­tritt, sind nötig, ebenso sind gesetzliche Informations- und Publizitätspflichten zu beachten. Gewinne müssen im Verlauf eines Geschäftsjahres erzielt werden. Aus diesen Gründen gilt das Eigenkapital auf kurze Sicht als knappe Ressource und ist daher möglichst effizient einzusetzen.

[...]


[1] Hodel (1994), S. 19 f.

[2] Hahn (2002), S. 130.

[3] Die vorgestellten Kapitalmarktinstrumente dienen grundsätzlich der Reduzierung von Kreditrisiken.

[4] Diggelmann (1999), S. 32 f.

[5] Kopp (1993), S. 7.

[6] Biermann (1998), S. 5.

[7] Hanker (1998), S. 17.

[8] Darstellung angelehnt an die „Verlautbarung über Mindestanforderungen an das Betreiben von Handelsgeschäften der Kreditinstitute“ vom 23.10.1995 des Bundesaufsichtsamtes für das Kreditwesen.

[9] Basel Committee on Banking Supervision (2001), S. 2.

[10] Eine Möglichkeit ist die indirekte Definition operationeller Risiken als Restgröße: Es sind Risiken, die weder Markt- noch Kreditrisiken sind. Vgl. z. B. Schierenbeck (2001 b), S. 336 f.

[11] o.V. (2001): „Schmählicher Abgang”, www.manager-magazin.de/unternehmen/ missmanagement/0,2828,149049,00.html (Stand: 01.02.2003).

[12] Hillenbrand (1995): “The Barings collapse: Spreading the blame”, www.time.com/time/magazine/archive/1995/951030/banking.box.html (Stand: 01.02.2003).

[13] Palmer (1998): “Regulation: The price of stardom“, www.assetpub.com/archive/gc/97-02gcsummer/summer97GC018.html (Stand: 01.02.2003).

[14] Schierenbeck (2001 b), S. 7.

[15] Rohstoffe sind in diesem Zusammenhang physische Güter, die auf einem Sekundärmarkt gehandelt werden können; beispielsweise Mineralien, Agrarerzeugnisse oder Edelmetalle.

[16] Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), 1986, S. 194 f.; Hanker (1998), S. 20; Eller u.a. (2002), S. 499.

[17] Dies ist auch auf Grund von Transferrisiken möglich. D.h. beispielsweise, ein Kreditnehmer mit Sitz im Ausland ist zwar zahlungsfähig, aufgrund staatlicher Restriktionen können jedoch keine Zahlungen erfolgen.

[18] Rolfes (1999 a), S. 39; James (1996), S. 8.

[19] Vgl. z. B. Global Derivatives Study Group der Group of Thirty, 1993; Kapitaladäquanzrichtlinie und Marktrisikoregeln des Baseler Ausschusses für Bankenaufsicht der BIZ (Richtlinie über die angemessene Eigenkapitalausstattung von Wertpapierfirmen und Kreditinstituten); Mindestanforderungen an das Betreiben der Handelsgeschäfte der Kreditinstitute (MaH).

[20] Gesetz zur Kontrolle und Transparenz im Unternehmensbereich (KonTraG), 1998. Weitere relevante Vorschriften finden sich in § 25a KWG.

[21] Vgl. vertiefend zum KonTraG z. B. Romeike (2001), S. 11-17 oder Weber u.a. (1999), S. 39 ff.

[22] Hornung u.a. (1999), S. 317 ff.

[23] Dieser Prozess wird auch als „aktives Risikomanagement“ bezeichnet. Vgl. Schmoll (1999), S. 57.

[24] Pollanz (1999), S. 394.

[25] Diggelmann (1999), S. 42.

[26] Johanning/Rudolph (2000), o.S.

[27] Vgl. hierzu vertiefend Abschnitt 5.3.

[28] Reichmann (2001), S. 609 ff.

[29] Biermann (1998), S. 21 ff.

[30] Quelle: Eigene Darstellung.

[31] Mit risikopolitischen Grundsätzen sind hier unternehmensweit geltende Leitlinien gemeint, die allgemeine Verhaltensregeln darstellen und Mitarbeiter zu risikoorientiertem Handeln anhalten sollen. Ziel ist, dass die Bank durch ihre Geschäfte niemals mehr Risiken übernimmt als sie kann, will oder darf.

[32] Kopp (1993), S. 18 f.

[33] Geiger (2000), S. 9.

[34] Riedel/Terp (1998), S. 337; Willinsky (2001), S. 145.

[35] Diggelmann (1999), S. 66.

[36] Poppensieker (1997), S. 11.

[37] Für Marktrisiken hat sich das VaR-Konzept zur Risikoquantifizierung in der Praxis bereits durchgesetzt. Bei der Analyse von Zeitreihen wurde erkannt, dass sich Gewinne und Verluste aus Marktpreisschwankungen langfristig die Waage halten und damit mit Hilfe der Gauss’schen Normalverteilung angemessen abgebildet werden können. Der VaR hat aufsichtsrechtliche Anerkennung gefunden und darf als Grundlage für ein internes Risikomodell zur Bestimmung der erforderlichen Eigenkapitalunterlegung nach Genehmigung durch die zuständige nationale Aufsichtsbehörde verwendet werden.

[38] Angelehnt an Rolfes (1999 b), S. 12.

[39] Sind Ereignisse normalverteilt, so liegen die Häufigkeiten ihres Auftretens achsensymmetrisch gestreut um einen Mittelwert. Bei der Standard-Normalverteilung liegt der Mittelwert bei Null, und das Streuungsmaß (die Standardabweichung) hat einen Wert von z=1.

[40] Holst/Holtkamp (2001), S. 246.

[41] Schmoll (1999), S. 251.

[42] Um diesen Kritikpunkt zu umgehen, sind verschiedene Simulationsverfahren in der Diskussion, z. B. die „Monte-Carlo-Simulation“. Hierbei werden die Parameter zur Berechnung eines VaR nicht aus historischen Daten, sondern mit Hilfe von Zufallsvariablen ermittelt. Vgl. hierzu z. B. Pechtl (1999 a), S. 113; Schierenbeck (2001 b), S. 87 ff.

[43] Brüning/Hoffjan (1997), S. 365 f.

[44] Gemeint sind so genannte „worst-case-Fälle“ oder „Stress-Tests“; das Ziel solcher Simulationen besteht darin, sicherzustellen, dass operative Risikoentscheidungen nicht i. w. durch Mathematiker beeinflusst werden, sondern von Personen in den Geschäftsbereichen. Vgl. hierzu Kopp (1993), S. 44; Biermann (1998), S. 20 f.; Kretschmer (1998), S. 379.

[45] Hartmann-Wendels (2000), S. 671.

[46] Ergebnis einer schriftlichen Befragung aus Aug./Sept. 2000 unter 100 deutschen Banken mit dem größten Geschäftsvolumen im Jahr 2000, veröffentlicht in Rathgeber/Willinsky (2002), S. 868-876.

[47] Wehrspohn (2001), S. 582 f.; Studer/Steiger (2001), S. 214 f.

[48] Garside u.a. (1999), o.S.

[49] James (1996), S. 18.

[50] Vgl. vertiefend hierzu z. B. Schierenbeck (2001 a), S. 334 ff.

[51] Arnold/Meier (2000), S. 30.

[52] „extern“ bedeutet hier: von einer Rating-Agentur wie z. B. Moody’s Investors Services, Inc. (Moody’s), Standard & Poor’s Corp. (S&P) oder Fitch IBCA, erstellt und öffentlich verfügbar. „intern“ meint hier „bank-intern“, d.h. auf eigenen Richtlinien basierend und i.d.R. nicht öffentlich zugänglich.

[53] zu möglichen Beurteilungskriterien („hard + soft facts“) vgl. z. B. Kassberger/Wentges (1999), S. 26 ff.; Schmoll (1999), S. 183 ff.

[54] Quelle: Eigene Darstellung.

[55] Rolfes (1999 a), S. 451 f.

[56] Franzetti (2001 a), S. 189.

[57] Riedel/Terp (1998), S. 330 ff.

[58] Asarnow/Edwards (1995), S. 11.

[59] Schmoll (1999), S. 46.

[60] James (1996), S. 18.

[61] Kassberger/Wentges (1999), S. 29 f.

[62] Vgl. hierzu und im Folgenden - auch vertiefend – Schierenbeck (2001 b), S. 24 f., S. 98 f., S. 466 ff.

[63] Vgl. zu den Funktionen des Eigenkapitals vertiefend auch z. B. Stummer/Nolte (2002), S. 648 ff.

[64] Stille Reserven entstehen in der Bilanz durch Unterbewertung von Aktiva oder Überbewertung von Passiva. Vgl. z. B. Bewertungsvorschriften in §§ 252 ff. HGB. Diese Reserven sind mitunter erheblich und betrugen in der Vergangenheit bei deutschen Großbanken bis zu 40-70% des bilanziellen Eigenkapitals.

[65] Vorschriften der EU-Eigenmittelrichtlinie und EU-Kapitaladäquanzrichtlinie wurden in der vierten bzw. sechsten Novelle des Gesetzes über das Kreditwesen (KWG) umgesetzt und sind in § 10 KWG festgehalten.

[66] Definition des Eigenmittelbegriffes des Baseler Ausschusses, basierend auf den Eigenkapitalverein­barungen des Cooke-Komittees aus 07/1988.

[67] Vgl. zu den Positionen Kern- und Ergänzungskapital vertiefend z. B. Werner/Padberg (2002), S. 151 ff.

[68] Willinsky (2001), S. 142 f.

Details

Seiten
92
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783832465896
ISBN (Buch)
9783838665894
Dateigröße
1.5 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v221980
Institution / Hochschule
Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach – Wirtschaftswissenschaften
Note
1,3
Schlagworte
bankcontrolling kennzahlen rentabilität kreditportfoliomanagement sharholder value

Autor

Teilen

Zurück

Titel: RAROC: Kernstück einer integrierten Risiko-Rendite-Steuerung im modernen Firmenkunden-Kreditgeschäft