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Rolle und Bedeutung der Phantasie in Tolkiens "Der Herr der Ringe" und Endes "Die unendliche Geschichte"

Magisterarbeit 1991 68 Seiten

Didaktik - Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zu J.R.R. Tolkien:
2.1. Sein Leben
2.2. Sein Werk

3. Phantasie bei J.R.R. Tolkien
3.1. Die Bedeutung von Phantasie für den Menschen Tolkien
3.2. Phantasie und ihre Bedeutung für den Literaten Tolkien
3.3. Tolkien und seine Zweitschöpfung Der Herr der Ringe

4. Zu Michael Ende:
4.1. Sein Leben
4.2. Sein Werk

5. Phantasie und Die unendliche Geschichte
5.1. Rolle und Bedeutung von Phantasie für Michael Ende
5.2. Rolle und Bedeutung von Phantasie in Die unendliche Geschichte

6. Vergleich der Bedeutung von Phantasiein Der Herr der Ringe und Die unendliche Geschichte

7. Persönliche Stellungnahme

8. Auswahlbibliographie zu Werken J.R.R. Tolkiens
8.1. Wissenschaftliche Arbeiten
8.2. Literarische Werke
8.3. Deutsche Ausgaben
8.4. Studien und Sekundärliteratur über J.R.R.Tolkien

9. Auswahlbibliographie zu Werken Michael Endes
9.1. Literarische Werke
9.2. Studien und Sekundärliteratur über Michael Ende

1. Einleitung

J.R.R. Tolkien und Michael Ende zählen zu den bekanntesten Autoren phan­tastischer Literatur. Die Höhepunkte ihrer schriftstellerischen Arbeit wa­ren Der Herr der Ringe (Tolkien) und Die unendliche Geschichte (Ende), wobei zwischen der Entstehung dieser beiden phantastischen Romane mehr als vierzig Jahre liegen. Diese große Zeitspanne bedingt einen jeweils völlig anderen gesellschafts-politischen Hintergrund der Au­toren. Deshalb ist es besonders interessant zu untersuchen, ob es bei Tol­kien und Ende Parallelen oder Unterschiede in Bezug auf Motivation und Intention gibt.

Eine Gemeinsamkeit haben die beiden Werke mit Sicherheit:

Daß für die Autoren die Phantasie eine große Rolle spielte und bei der Entstehung der Romane sozusagen als "schöpferisches Moment" diente. Tolkien entwickelte daraus eine Art des phantastischen Romans, die es bis dahin in dieser Form kaum oder gar nicht gegeben hatte und ist deshalb als Begründer des "Fantasy-Romans" anzusehen. Trotz sehr widersprüchli­cher Kritiken wurde Der Herr der Ringe mit seiner von Tolkien präzise erdachten Phantasiewelt ein Kultbuch. Auch Endes Die unendliche Geschichte hatte weltweit großen Erfolg.

Inwieweit die Rolle und Bedeutung von Phantasie bei der Entstehung der beiden Werke entscheidend war, und welche Intention dabei von den Au­toren verfolgt wurde, soll Thema dieser Arbeit sein.

2. Zu J.R.R. Tolkien

2.1. Sein Leben

John Ronald Reuel Tolkien wurde am 03. Januar 1892 in Bloemfontain/Südafrika geboren. Seine Eltern, Mabel und Arthur Tolkien, kamen aus Birmingham; sie waren nach Südafrika ausgewandert, weil der Vater dort eine Stelle als Filialleiter einer Bank annahm. Doch schon 1896 starb Ar­thur Tolkien und hinterließ seiner Frau mit dem nun vierjährigen Ronald und dem zweijährigen Bruder Hilary kaum finanzielle Sicherheiten.

Die drei kehrten nach England zurück, wo sie anfangs bei der Familie Mabels unterkamen. Später wohnten sie in einem Haus in der Nähe von Birmingham; die Familie leistete finanzielle Unterstützung.

Dies änderte sich, als Mabel vom anglikanischen zum katholischen Glau­ben konvertierte. Katholiken waren in England eine kleine Minderheit und wenig anerkannt, so daß dieser Schritt ihr die Mißbilligung der übri­gen Familie einbrachte. Mabel Tolkien erhielt keinerlei Unterstützung mehr. Daraufhin erfolgten mehrere Umzüge in jeweils billigere Wohnge­genden. Die Mutter versuchte ihr möglichstes, indem sie den Kindern stets ein Heim bot und ihnen gleichzeitig Unterricht gab, da sie das Schulgeld nicht zahlen konnte. Doch diese Belastungen waren zu viel für die junge Frau; sie starb 1904 nach längerer Krankheit.

Die Kinder kamen erst zu einer unsympathischen Tante, wo sie sich nicht wohl fühlten. Deshalb besorgte ihnen der von der Mutter bestimmte Vor­mund, Pater Francis Morgan, eine Unterkunft in der Nähe seines Klosters. Er nahm eine Art Vaterfunktion bei den Jungen ein und finanzierte zu ei­nem großen Teil deren Lebensunterhalt.

Nach dem Tod der Mutter konzentrierte sich Tolkien auf die Schule. Er war ein guter Schüler und beliebt bei seinen Schulkameraden.

1908 lernte Tolkien die etwas ältere Edith Bratt kennen, die in der glei­chen Pension wie die Brüder wohnte. Edith, ebenfalls Waise, und Ronald verliebten sich ineinander. Doch Pater Francis verbot die Beziehung, da Tolkien nach Oxford sollte.

1910 erlangte dieser dort ein Stipendium und begann, Klassische Philologie zu studieren. Angespornt durch einen Lehrer für Vergleichende Philologie wechselte er zu Anglistik über; dort belegte er den sprachwissen­schaftlichen Teil.

1913 wurde Tolkien volljährig und schrieb an Edith Bratt, woraufhin die beiden sich kurze Zeit später heimlich verlobten.

Im Juni 1915 bestand er seine Abschlußprüfungen in Oxford mit Aus­zeichnung.

Bevor Tolkien 1916 an die Kriegsfront nach Frankreich eingezogen wurde, heiratete er Edith Bratt.

In Frankreich befiel ihn das sogenannte "Grabenfieber", das bei ihm aber eher psychosomatische Ursachen (aufgrund der schrecklichen Kriegser­lebnisse) hatte und nicht mehr abheilte. Deshalb wurde er nach England zurückgebracht und mußte nicht mehr an die Front.

1917 wurde sein Sohn John Francis Reuel geboren. Ende 1918 ließ er sich mit Frau und Kind in Oxford nieder und arbeitete in einer Gruppe, die ein neues Wörterbuch herausbringen wollte. Nebenbei gab er Privatunterricht in Angelsächsisch.

1920 bewarb er sich um eine Dozentenstelle in Leeds und wurde dorthin berufen. Im Oktober kam sein zweiter Sohn Michael Hilary Reuel zur Welt. In Leeds blieben die Tolkiens bis 1926; 1925 kam dort ihr dritter Sohn Christopher Reuel zur Welt und Tolkien erhielt im gleichen Jahr im Alter von 32 Jahren (!) eine Professur.

Zusätzlich bewarb sich Tolkien 1925 in Oxford um eine Professur in An­gelsächsisch und bekam sofort die Zusage. Deshalb erfolgte im nächsten Jahr der Umzug nach Oxford, wo Tolkien dann 24 Jahre lebte. 1929 wurde dort Tochter Priscilla Mary Reuel geboren.

Von seinen vier Kindern hatte Tolkien zu Christopher immer den größten Kontakt; auch später stand dieser Tolkien am nächsten und wurde ein en­ger Mitarbeiter beim literarischen Schaffen seines Vaters.

Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs hatte für Tolkien bloß insofern persönliche Folgen, als daß seine älteren Söhne eingezogen wurden.

1945 wurde Tolkien neben der Angelsächsisch-Professur noch die Merton-Professur für englische Sprache und Literatur verliehen. 1954 erhielt er in Dublin den Ehrendoktor für Literatur, kurze Zeit später folgte der gleiche Titel für ihn in Lüttich.

Sein nebenher verfaßtes Kinderbuch Der kleine Hobbit war inzwischen veröffentlicht worden und avancierte nach und nach zum Welterfolg. Die Fortsetzung, der erste Band von Der Herr der Ringe erschien im August 1954. Mit der darauf erfolgenden Popularität seiner Person kam der ei­genbrötlerische Tolkien nicht gut zurecht, weshalb unter anderem die Familie Tolkien in einen ruhigen Oxforder Vorort zog.

1959 ging er dann auf eigenen Wunsch in Pension. Er hatte Probleme mit dem Älterwerden; vor allem beunruhigte ihn, daß seine Konzentration nachließ und er nicht mehr so gut arbeiten konnte.

1968 zogen Edith und Ronald Tolkien in den Küstenort Bournemouth, da es ihr gesundheitlich sehr schlecht ging, und sie sich dort besser fühlte. Neben der Pflege seiner Frau arbeitete Tolkien hauptsächlich am Silma­rillion, einem großen Legendenzyklus.

Nach dem Tod seiner Frau im November 1971 zog er wieder nach Oxford, wo es ihm am besten gefiel. Seine letzten zwei Lebensjahre waren ganz in seinem Sinn: er war gut untergebracht, wurde bestens versorgt, er be­suchte viele Gesellschaften und erhielt weitere zwei Ehrendoktor-Titel, in Edinburgh und Oxford. Am 2. September 1973 starb John Ronald Reuel Tolkien im Alter von 81 Jahren.[1]

2.2. Sein Werk

Da Mabel Tolkien ihre Söhne anfangs selbst unterrichtete, stellte sie bei Ronald schon sehr früh eine große Begabung für Sprachen fest und unter­stützte diese. Er konnte bereits mit vier Jahren lesen, weshalb sie ihn stän­dig mit Büchern versorgte; davon begeisterten ihn am meisten Sagen und Märchen, vor allem Geschichten über Drachen. Mit sieben Jahren ver­faßte er schon seine erste eigene Drachengeschichte.

Fremdsprachen machten Tolkien ebenfalls keine Mühen, doch gefielen ihm die festen Regeln unterworfenen alten Sprachen wie Latein und Grie­chisch besser als zum Beispiel Französisch.

In der Schule kam er durch einen Lehrer mit mittelenglischen Texten in Berührung.

Für Ronald Tolkiens Ohren war dies eine Offenbarung, und er beschloß, mehr über die Geschichte der Sprache in Erfahrung zu bringen.[2]

Der Tod seiner Mutter war ein schwerer Schlag für Ronald und um sich von dem Schmerz abzulenken, ereiferte er sich umso mehr in der Schule und für alte Sprachen.

Und darin wurde er noch bestärkt, als er das Angelsächsische kennenlernte.[3]

Alte Sprachen schienen ihn einfach magisch anzuziehen: Angelsächsisch, Mittelenglisch, Keltisch, eigentlich alle nordisch-germanischen Sprachen.

Philologie, die "Liebe zu den Wörtern" - das war es, was ihn bewegte |...| es war die tiefe Liebe zu dem Klang und der Gestalt der Wörter.[4]

Er erfand selbst Sprachen (schon immer sein Hobby aus Kindertagen[5] ) mit eigenen Grammatiken und Lautlehren, auch versuchte er zum Bei­spiel schriftliche gotische Fragmente durch eigene Wortschöpfungen zu ergänzen, und von da aus ging er weiter zur Konstruktion einer nicht schriftlich überlieferten, doch vermutlich historischen germanischen Frühsprache.[6]

Schon mit 18 Jahren war Tolkien ein ausgezeichneter Sprachwissen­schaftler. Er hielt Vorträge, rezitierte (z.B. aus Beowulf) und schrieb Ab­handlungen (z.B. über die Mythologie Finnlands). Zu dieser Zeit begann er auch Gedichte zu schreiben, was ihn allerdings nie völlig zufriedenstellte.

Nebenher zeichnete er sehr viel, beschäftigte sich mit Handschriften und Kalligraphie und war bei Theateraufführungen ein guter Schauspieler. Trotz Studium oder später Beruf und Schriftstellerei entwickelte er immer wieder neue Sprachen. So ließ er sich zum Beispiel von einer finnischen Grammatik zur Schöpfung des Quenya leiten, was er später als eine "hochelbische Sprache" in Das Silmarillion benutzte[7].

In seinen Gedichten begann Tolkien langsam, eine eigene Welt und My­thologie zu entwerfen. Bald darauf setzte er dies in Geschichten fort. In ihm war der Wunsch entsprungen eine Mythologie für England zu schaffen.|...| eine Sammlung von mehr oder weni­ger zusammen-hängenden Legenden |...|, die von den großen, kosmogonischen bis hin zum romantischen Märchen reichen sollten - die größeren auf den kleineren gründend.[8]

Diesen Wunsch versuchte er seit 1917 durch Das Silmarillion, einem Legendenzyklus mit eigener Mythologie, zu verwirklichen und dies dau­erte bis zu seinem Tod an. Er hatte immer vor, dieses Werk noch selbst zu veröffentlichen, doch durch den Umfang des Buches, anderweitige Ver­pflichtungen und seinen Perfektionsdrang (durch den alle seine Werke stets vielen Änderungen und Umschreibungen unterlagen) kam es nicht zur Veröffentlichung zu seinen Lebzeiten. Erst 1977 brachte sein Sohn Christopher ein sehr umfangreiches, aber noch immer fragmentarisches Das Silmarillion heraus.

Immer wieder erfand Tolkien Sprachen oder ließ sich von ihnen inspirie­ren. Er ent-wickelte meistens erst die Sprache, wie zum Beispiel die Elben­sprache des Westens, und dann das Volk, das sie in den Geschichten sprach. Dazu erfand er die jeweils passenden Schriften. Um Tolkiens Sorgfalt und seine Phantasie bezüglich dieser Schrift-Erfindungen nach­vollziehen zu können, sollen hier zwei Beispiele in Kopie wiedergegeben werden[9]:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Natürlich sind diese Schriften nicht völlig frei erfunden, Das Angerthas enthält eine Menge runischer Zeichen, Die Tengwar ist an eine irische Unziale angelehnt.

Das belegt jedoch nur, daß Tolkiens Weltentwurf angeregt ist von seiner Beschäftigung mit der Sagenwelt und Mythologie der Nordgermanen und der Kelten, also seinen britischen Vorfahren.

1921 arbeitete er an einem Band mit mittelenglischen Textauszügen, der später als Glossar gedruckt wurde.[10]

1923 waren viele der Geschichten für Das Silmarillion fertig. Doch Tolkien scheute sich, seinen Legendenzyklus ganz zu beenden. Mittlerweile war er nämlich schon so sehr in seiner "Welt-Schöpfung" verhaftet, daß er sich sein Leben ohne sie gar nicht mehr vorstellen konnte. So änderte er stets an den Geschichten herum.

1925 gaben er und E.V. Gordon eine neue Ausgabe von Sir Gawain heraus.[11]

Als Dozent war Tolkien bei seinen Studenten sehr beliebt, da er so origi­nelle Ideen wie zum Beispiel die Gründung eines Wikinger-Clubs realisierte:

|...| und zusammen mit ihrem |Tolkien und E.V.Gordon| ausgezeichneten Unter­richt, sorgte dies dafür, daß der sprachwissenschaftliche Zweig der Englisch-Abteilung immer mehr Studenten anzog.[12]

1936 verfaßte Tolkien einen Aufsatz über Beowulf: Die Ungeheuer und ihre Kritiker, der große Popularität erlangte.[13]

Neben seinen wissenschaftlichen Tätigkeiten und der eher geheimen Arbeit an seiner Mythologie schrieb er des öfteren Geschichten für seine Kinder, woraus Der kleine Hobbit entstand, der 1937 veröffentlicht wurde (die für den privaten Bereich erdachte Geschichte kam durch Zufall in die Hände einer Verlagsmitarbeiterin. Der Sohn ihres Arbeitgebers las das Buch, befand es gut, und daraufhin wurde es gedruckt.). Nach dessen Erfolg wurden auch Tolkiens andere Kindergeschichten gedruckt, die er eigentlich gar nicht für eine Veröffentlichung vorgesehen hatte, wie zum Beispiel Die Briefe vom Weihnachtsmann, die ganz besonders liebevoll verfaßt und gestaltet sind. Hier ein Beispiel:[14]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Obwohl der Stoff in Der kleine Hobbit, in dem es um ein menschenähnliches Geschöpf in Zwergengröße geht, ursprünglich nur den Ansprüchen seiner Kinder genügen sollte, reizte es Tolkien, ihn in die Thematik seiner Silmarillion -Mythologie einzubeziehen:

|...| Bald war deutlich, daß die Reise Bilbos und seiner Gefährten durch eine Ge­gend von Mittelerde führte, deren Vorgeschichte im Silmarillion aufgezeichnet war.[15]

Die Vermischung von Der kleine Hobbit und Das Silmarillion blieb in diesem Fall jedoch nur eine nebensächliche Liebhaberei Tolkiens, da die Zielgruppe der Geschichte von Bilbo Beutlin, dem Hobbit, und seinen Abenteuern mit den Zwergen und deren Anführer Thorin Eichenschild, Kinder blieben. Als Kinderbuch wurde die Erzählung dann auch weltweit ein großer Erfolg und Tolkien wurde von seinem Verleger um eine Fortsetzung gebeten. So kam es, daß er schon im Dezember 1937 mit der Arbeit an einer neuen Hobbit-Geschichte begann, wobei er allerdings keine klare Vorstellung über den Fortgang des Geschehens hatte. Fest stand allerdings, daß es einen neuen Hobbit als Protagonisten geben sollte. Später

|...| kam ihm eine andere Idee, und er hielt sie in einer Notiz fest |...| : "Rückkehr des Rings zum Motiv machen".[16]

Der Ring, den Bilbo in Der kleine Hobbit findet, sollte zum Bindeglied zwischen alter und neuer Geschichte werden. Trotz dieses Einfalls tat Tolkien sich zunächst schwer bei der Fortsetzung. Doch dann passierte etwas, das eigentlich unausbleiblich war, es kam zum

|...| Auftauchen eines unheimlichen "Schwarzen Reiters", der offenbar nach den Hobbits sucht. Das war nur die erste von mehreren ungeahnten Wendungen, wel­che die Geschichte nahm. Unbewußt und gewöhnlich ohne Vorwissen lenkte Tol­kien seine Geschichte aus dem heiteren Stil des Hobbit heraus und zu etwas Dunklerem und Mächtigerem hin, das der Welt des Silmarillion näherkam.[17]

Durch Beruf und Familie abgelenkt, kam Tolkien erst 1938 an seiner Geschichte weiter, wobei sich immer stärker manifestierte, daß dies nicht die Fortsetzung eines netten Kinderbuches werden sollte:

Tolkien hatte nicht wirklich noch mehr Geschichten wie den Hobbit schreiben, er hatte das ernsthafte Geschäft seiner Mythologie fortführen wollen.[18]

Darin wurde der Ring handlungsweisend und so nannte Tolkien seine neu entstehende Geschichte Der Herr der Ringe.

Nicht nur der Stil, sondern auch der Umfang des entstehenden Werkes sollte den Rahmen eines Kinderbuches erheblich sprengen. Tolkien war sich sicher, daß er es in mehrere Bücher aufteilen mußte. Er befürchtete, daß diese Entwicklung nicht im Sinne seines Verlegers sein könnte und rechtfertigte sich deshalb mit der Feststellung, daß Märchen nicht nur Kinder ansprächen, sondern auch ein erwachsenes Publikum erreichen könnten. Als ob er dies bekräftigen wollte, hielt er am 8. März 1939 eine Vorlesung Über Märchen, die vor allem von den Ursprüngen der Märchen und der Bedeutung von Phantasie handelte.[19] Der Inhalt dieser Vorlesung, bzw. dieses Aufsatzes wird an anderer Stelle noch von großer Wichtigkeit sein.

Die erste längere Schreibpause entstand gegen Ende 1940, bedingt durch den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. Doch dies war nur eine von vielen noch folgenden Unterbrechungen. Ein wichtiger Grund dafür war Tolkiens Perfektionsdrang:

|...| teils pures Sichergehen in der Freude des >Nebenschöpfers<, vor allem aber ein Bestreben, ein ganz und gar überzeugendes Bild zu zeichnen.[20]

Nach sechs Jahren war er sehr deprimiert und befürchtete, die Geschichte nie zu Ende zu bringen:

Als Philologe hatte er bereits eine gewisse Berühmtheit für das nahezu unbe­grenzte Sichhinziehen seiner Arbeiten erlangt, und manchmal belustigte ihn das, doch oft erschien es ihm betrüblich; daß er aber auch seine Mythologie vielleicht nie zu Ende bringen würde, das war ein furchtbarer und betäubender Gedanke.[21]

Erst durch Zureden seines Freundes C.S. Lewis setzte er 1944 die Arbeit an Der Herr der Ringe fort. Nach einer weiteren Stagnation 1945/46 brachte er die Geschichte 1947 endlich zum Abschluß, doch darauf folgte die obligatorische Zeit des Änderns und Umschreibens. Nach weiteren drei Jahren war Der Herr der Ringe 1949, nach zwölf (!) Jahren, fertig.

Parallel zu Der Herr der Ringe beschäftigte Tolkien sich stets mit dem Fortgang des Silmarillion. Im Grunde bedeutete ihm dieses schon immer viel mehr und so kam es, daß er unbedingt wollte, daß Das Silmarillion (obwohl noch nicht vollendet) und Der Herr der Ringe gemeinsam gedruckt werden sollten. Aufgrund dessen kam es zum Streit und Bruch mit seinem Verleger (dessen Verlag, wie viele zu dieser Zeit, unter wirtschaftlichen Kriegsfolgen litt und somit schon mit dem Druck eines dieser Werke Schwierigkeiten gehabt hätte), was Tolkien bewußt provozierte, da er sich schon mit einem anderen Verlag geeinigt hatte.

Durch Tolkiens Unzuverlässigkeit bei der Fertigstellung des Silmarillion, durch seine zu hohen Erwartungen für die Druckgestaltung seiner Werke und aus vielen anderen Gründen scheiterte jedoch auch dieser Vertrag, weshalb er letztendlich sehr kleinlaut zu seinem ersten Verleger zurückkehrte. Schließlich wurde nach mehr als sechzehn Jahren im August 1954 der erste Band von Der Herr der Ringe veröffentlicht. Bis Oktober 1955 erschienen dann auch die nächsten zwei Bände. Die Trilogie wurde weltweit ein riesiger Erfolg, wobei es die Leser nicht zu stören schien, daß die Kritiker sich in zwei Lager spalteten: entweder totaler Enthusiasmus oder vernichtendes Mißfallen. Tolkien selbst schrieb dazu:

The Lord of the Rings

is one of those things:

if you like you do:

if you don't, then you boo![22]

Schon 1957 kam das erste Angebot zur Verfilmung des Stoffes, was Tolkien jedoch aufgrund der starken Abweichungen von seinem tatsächlichen Text ablehnte.

1959 legte er, wie schon erwähnt, seine Professur nieder. Daraufhin beschäftigte er sich mit wissenschaftlichen Arbeiten (z.B. Übersetzungen), Ausarbeitungen früherer Aufsätze und Geschichten, die veröffentlicht werden sollten, Leserpost und natürlich immer wieder mit dem Silmarillion.

Die letzte vollständige Geschichte, die Tolkien schrieb, war Der Schmied von Großholzingen,[23] und Carpenter entdeckte in ihr autobiographische Züge bezüglich seiner Schwierigkeiten mit dem Altwerden:

Er |Tolkien| nannte sie "eine Altmännergeschichte, voll vorgeahnter Trauer", |...| sie sei "geschrieben mit einem tiefen Gefühl, zum Teil aus dem erlittenen Schmerz des >Ruhestands< und des nahenden Alters.[24]

An Das Silmarillion arbeitete Tolkien bis zu seinem Tode. In weiser Vor­aussicht hatte er mit seinem Sohn Christopher geplant, daß dieser das Buch soweit als möglich fertig stellen sollte, falls er vorher sterben würde. Und so geschah es dann auch, da Das Silmarillion am 2. September 1973, dem Todestag Tolkiens, noch unvollendet war.

3. Phantasie bei J.R.R. Tolkien

3.1. Die Bedeutung von Phantasie für den Menschen Tolkien

Um die Bedeutung von Phantasie für Tolkien ganz ermessen zu können, ist es nötig, sich über die persönlichen und sozialen Hintergründe dieses Mannes zu informieren.

Die Möglichkeit, sich mittels Phantasie in andere Welten zu versetzen, bedeutet für viele Menschen eine Art Fluchtmöglichkeit aus ihrem oft ein­tönigen oder problematischen Alltag. Vor allem als Kind hatte auch Tol­kien vielerlei Gründe, sich in Phantasiewelten zu flüchten oder sich inten­siv mit anderen Dingen abzulenken, da sein Aufwachsen von wenigen glücklichen Momenten durchzogen war.

Wie schon erwähnt, verlor er sehr früh seinen Vater. Daraus resultierten ständige Wohnungswechsel, da keine finanziellen Mittel zur Verfügung standen und immer billigere Unterkünfte gesucht werden mußten. Wenn Tolkien sich gerade an einen Ort gewöhnt hatte, mußte er wieder fort. Be­sonders der Umzug von der ländlichen Gegend um Sarehole in einen dun­klen Vorort von Birmingham bedrückte den sensiblen Jungen, da er sehr naturverbunden war. Seit frühester Kindheit liebte er Pflanzen, vor allem Bäume, welche er in der Birminghamer Industrieatmosphäre sehr ver­mißte. Es fiel ihm niemals leicht, ein richtiges Heimatgefühl aufzubauen. Stattdessen konstruierte er sich lieber imaginäre Landschaften, wie z.B. später Mittelerde in Das Silmarillion und in Der Herr der Ringe, was sehr an Mittelengland erinnert, wo Tolkien die Ursprünge seiner mütterlichen Familie vermutete, und wo es wie in Sarehole viel Natur gab.

Die Zeit, die Tolkien in Sarehole verbrachte, war für ihn die wohl glück­lichste während seiner Kindheit und prägte ihn stark. Dies kann man unter anderem daraus entnehmen, daß er diese Landschaft und ihre Bewohner leicht verfremdet in seine Geschichten einfließen läßt.[25]

Noch schwieriger wurden die Lebensumstände für die drei Tolkiens, als die Mutter zum katholischen Glauben konvertierte. Da die Familie sich daraufhin von ihr abwandte und ihr die Mittel entzog, erlitten die Söhne noch größere Einschränkungen.

Mabel Tolkien blieb den beiden Söhnen trotz aller Belastung eine liebe­volle und fürsorgliche Mutter. Als sie dann viel zu früh starb, war Ronald Tolkien erst zwölf Jahre alt. Die Jungen, nun Vollwaisen, mußten wieder umziehen. Sie kamen zu einer sehr unsympathischen Tante, in eine noch unfreundlichere Gegend.

Zum Glück hatte Mabel Tolkien kurz vor ihrem Tod den katholischen Pa­ter Francis Morgan als Vormund für ihre Söhne bestimmt. Dieser er­kannte schnell, wie unglücklich die Jungen waren und besorgte ihnen eine Unterkunft in einer Pension in der Nähe seines Klosters. Dort gefiel es Tolkien schon aufgrund der ländlichen Gegend viel besser.

Ronald Tolkien litt sehr unter dem Tod seiner Mutter und unterlag star­ken Stimmungsschwankungen. Carpenter schreibt dazu:

[...]


[1] vgl. Carpenter, H., J.R.R. Tolkien, Eine Biographie

[2] Carpenter,H., J.R.R. Tolkien, S. 40

[3] ebd. S. 47

[4] ebd. S. 48

[5] vgl. Tolkien, J.R.R., Gute Drachen sind rar, S. 9 ff.

[6] Carpenter, H., J.R.R. Tolkien, S. 50/51

[7] vgl. Tolkien, J.R.R., Der Herr der Ringe/Anhänge, S. 116

[8] Carpenter, H., J.R.R. Tolkien, S. 109

[9] Tolkien, J.R.R., Herr der Ringe/Anhänge, S. 104-105, 112

[10] A Middle English Vocabulary, Oxford, 1921

[11] Sir Gawain and the Green Knight, Oxford, 1925

[12] Carpenter, H., J.R.R. Tolkien, S. 126

[13] Beowulf: The Monsters and the Critics, 1936

[14] Tolkien, J.R.R., Die Briefe vom Weihnachtsmann, Brief aus 1928

[15] Carpenter, H., J.R.R. Tolkien, S. 204

[16] ebd. S. 213

[17] ebd. S. 214

[18] ebd. S. 216

[19] "Über Märchen" (On Fairy-Stories) in: Tolkien, J.R.R., Gute Drachen sind rar

[20] Carpenter, H., J.R.R. Tolkien, S. 223

[21] ebd. S. 224

[22] Carpenter, H., J.R.R. Tolkien, S. 254

[23] „Der Schmied von Großholzingen“ (Smith of Wootton Major) in: Tolkien, J.R.R., Fabelhafte Geschichten

[24] "Der Schmied von Großholzingen" (Smith of Wootton Major) in: Tolkien, J.R.R., Fabelhafte Geschichten, S. 275

[25] Vgl. Carpenter, H., S. 32 und Tolkien, Herr der Ringe, Bd. 1, S. 120

Details

Seiten
68
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
1991
ISBN (eBook)
9783832464394
ISBN (Buch)
9783838664392
Dateigröße
1.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v221863
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – unbekannt
Note
3,0
Schlagworte
tolkien michael ende phantasie

Autor

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Titel: Rolle und Bedeutung der Phantasie in Tolkiens "Der Herr der Ringe" und Endes "Die unendliche Geschichte"