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Das Kunstwerk als kulturhistorisches Dokument

Die Wohnkultur in der niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts anhand ausgewählter Beispiele

Magisterarbeit 2002 81 Seiten

Kulturwissenschaften - Europa

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1 Vorgeschichte und Ereignisse des „Goldenen Zeitalters“
1.1 Von den spanischen Provinzen zur Utrechter Union – 1555 bis 1579
1.2 Sieg und Waffenstillstand – 1581 bis 1609
1.3 Doktrinenstreit und Triumph – 1608 bis 1648
1.4 Kaufmannsoligarchie und Haager Allianz – 1647 bis 1697

2 Das niederländische Bürgerhaus des siebzehnten Jahrhunderts
2.1 „voorhuis“ und „achterhuis“ – Entwicklung und Anlage

3 Die kunstgeschichtliche Entwicklung des Interieurstücks
3.1 Die Entdeckung der Perspektive
3.2 Das Kunstschaffen in den Niederlanden des Barock
3.3 Die Veröffentlichung des Privaten – das Interieurstück
3.4 Das Interieur – ein historisches Dokument?

4 Die Wohnkultur des „Goldenen Zeitalters“: Interieur und häusliches Leben
4.1 Die Gemäldeauswahl – figurenfreie und mehrfigurige Interieurs
4.2 Das Heim, die Familie und die Rolle der Frau
4.3 Die Gemäldebetrachtungen
4.3.1 Die mütterliche Fürsorge:
Die Mutter (Pieter de Hooch)
Frau mit Kind an einer Speisekammer (Pieter de Hooch)
4.3.2 Das Liebesleben und die Bedeutung der Ehe:
Interieur mit einer Jacke (Hendrick van der Burch)
4.3.3 Das Liebesleben und die „Gefahren der Versuchung“:
Die Lauscherin (Nicolaes Maes)
4.3.4 Die zeitgenössische Haushaltsführung:
Die Pantoffeln (Samuel van Hoogstraten)
4.3.5 Die bürgerliche Selbstdarstellung:
Am Wäscheschrank (Pieter de Hooch)
4.3.6 Die häusliche Arbeit des Mannes:
Der Goldwäger (Cornelis de Man)
4.3.7 Die häusliche Geselligkeit:
Interieur mit einer Dame am Clavichord (Emanuel de Witte)
Rübenschälende Frau und Mann am Kamin (Esaias Boursse)

5 Schlussbetrachtung
5.1 Die bürgerliche Privatsphäre im Frühkapitalismus

Literaturangaben

Anhang (Abbildungen)

Einleitung

Ziel dieser Arbeit ist eine Untersuchung der niederländischen Wohnkultur des siebzehnten Jahrhunderts. Die Methode wird darin bestehen, anhand ausgewählter Kunstwerke (sogenannter „Interieurstücke“) sowie kulturgeschichtlicher Quellen zu einer Darstellung des häuslichen Lebens dieser Zeit zu gelangen. Primär wird zwei Fragen nachgegangen, nämlich a) wie sich das häusliche Leben gestaltete und b) welche Bedeutung der private Wohnbereich und dessen Gestaltung für den Bürger des siebzehnten Jahrhunderts hatte. Im Zentrum dieser Untersuchung steht somit einerseits der Bereich der rein materiellen Kulturgeschichte (Haus und Raum sowie Mobiliar und Dekoration) und andererseits die niederländische Sozialgeschichte des frühbürgerlichen häuslichen Privatlebens im sogenannten „Goldenen Zeitalter“. Die bisher durchgeführten Untersuchungen zur „Wohnkultur“ als kulturgeschichtlicher Teildisziplin beschäftigen sich im Gegensatz zu dieser Arbeit in erster Linie mit der materiellen Seite und berücksichtigen ihre Bedeutung und ihren Einfluss auf das zeitgenössische Leben kaum.

Der Gemäldetypus „Interieurstück“ bezeichnet eine Subgattung der Genremalerei, die sich etwa seit der Renaissance aus der mittelalterlichen Tafel- und Buchmalerei entwickelte und ihren künstlerischen Höhepunkt in der niederländischen Malerei des siebzehnten Jahrhunderts fand. Ähnlich dem Genrebild thematisiert auch das Interieur die Welt des Alltäglichen und Privaten, visualisiert dies aber konsequent unter den Bedingungen des Innenraums. Aus diesem Grund eignen sich die niederländischen Interieurstücke auch in besonderem Maße als „kulturgeschichtliche Anschauungsmodelle barocker Häuslichkeit“, denn sie vermitteln in ihrer typischen Sprache neben der materiellen auch Aspekte der menschliche Seite des Privatlebens dieser Zeit. Diese Untersuchung berücksichtigt auch figurenfreie Interieurstücke, die sich primär auf die Darstellung eines Innenraums konzentrieren und dessen Bewohner bzw. seine gegenwärtige Aktivität implizit durch im Motiv arrangierte persönliche Gegenstände und andere Bildelemente vermitteln, denn sie können als der „Urtyp“ dieser Form von Malerei betrachtet werden. Ausgewählt wurden ausschließlich Kunstwerke, die primär die räumliche Struktur, die Einrichtung sowie Szenen des häuslichen Privatlebens vermitteln. Einen Sonderfall bilden Innenraumdarstellungen, die ein im Sujet abgebildetes Interieurstück als Detail enthalten, somit sozusagen ein „Interieur im Interieur“ darstellen; auch hierauf wird eingegangen. Der besondere Charakter des Interieurstücks als Gemäldegattung wird im dritten Kapitel ausführlich und seine kulturgeschichtliche Bedeutung im vierten anhand ausgewählter Kunstwerke exemplarisch dargestellt. An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass die hier an den Kunstwerken praktizierte Analysearbeit nicht im Sinne einer kunstwissenschaftlichen Bildinterpretation verstanden sein will, sondern zur Verdeutlichung kulturgeschichtlicher Zusammenhänge dient. Sämtliche Titel der hier erwähnten Kunstwerke sind der besseren Übersichtlichkeit wegen kursiv gesetzt.

Als „Goldenes Zeitalter“ bezeichnet die niederländische Kunst- und Kulturgeschichte die kulturelle und ökonomische Hochphase der nördlichen Niederlande während des siebzehnten Jahrhunderts, die mit der Befreiung von der spanischen Herrschaft zur führenden Handelsmacht Europas wurden. Mit dem Ende des Achtzigjährigen Krieges im Jahr 1648 erhielt die wirtschaftlich prosperierende Vereinigte Republik der Niederlande ihre politische Autonomie, begleitet von einer ausgesprochenen Blütezeit in den Künsten, insbesondere in der Malerei. Städte wie Amsterdam, Delft, Haarlem und Utrecht wurden zu Zentren des künstlerischen Schaffens im Europa des Barock. Da es sich bei den im folgenden zu untersuchenden Kunstwerken um jene dieser Epoche handelt, stellt das „Goldene Zeitalter“ (etwa 1600 – 1700) mit seiner Vorgeschichte den zeitlichen Rahmen und historischen Hintergrund dieser Arbeit dar. Eine kompakte Behandlung der geschichtlichen Ereignisse folgt im ersten Kapitel.

Die Quellenlage zu dieser Thematik ist problematisch, denn das „Goldene Zeitalter“ der Niederlande ist zwar kunst- und kulturgeschichtlich intensiv bearbeitet worden, aber die angestellten Analysen zur frühbürgerlichen Wohnkultur dieser Zeit begrenzen sich nach wie vor in erster Linie auf materielle Aspekte. So konnte trotz intensiver Recherche nur ein einziger Titel ermittelt werden, der sich unter anderem auch mit dem Wandel der bürgerlichen Privatsphäre in dieser Zeit beschäftigt.[1] Die hier zitierten Autoren der Standardwerke zur niederländischen Kunst- und Kulturgeschichte (Bob Haak, Johan Huizinga, Simon Schama und Paul Zumthor sowie ferner J.L. Price und Charles Wilson) verweisen bezüglich des Privatlebens im siebzehnten Jahrhundert neben kulturgeschichtlichen Quellen und Dokumenten auf englische und französische Reiseberichte sowie bei Fragen zu Mobiliar und Dekoration der Wohnräume (insbesondere des wohlhabenden Bürgertums und der Oberschicht) auf erhalten gebliebene Nachlassinventare, Bestandslisten und Eheverträge.

1 Vorgeschichte und Ereignisse des „Goldenen Zeitalters“

Eng verbunden mit der niederländischen Kunst- und Kulturgeschichte der Neuzeit ist der Begriff des „Goldenen Zeitalters“, der eine „völlige politische und soziale Harmonie“[2] beschreibt. Betrachtet man den historischen Zeitraum beginnend etwa mit der Gründung der Republik der Vereinigten Niederlande bis hin zum Ende des siebzehnten Jahrhunderts, der auch den zeitlichen Rahmen dieser Arbeit darstellt, so wird allerdings deutlich, dass sich dieser Terminus in erster Linie auf die kulturelle und ökonomische Blüte der kleinen Republik, jedoch nicht unbedingt auf ihre politische Entwicklung anwenden lässt. Tatsächlich waren die hier relevanten knapp einhundertzwanzig Jahre niederländischer Geschichte eine nahezu kontinuierliche Aneinanderreihung außen- und innenpolitischer Krisen, unterbrochen nur von wenigen friedlichen oder „harmonischen“ Zeitabschnitten[3].

Außenpolitisch dominiert diesen Zeitraum der achtzig Jahre währende Freiheitskampf der Niederländer gegen die spanische Krone und deren Verbündete sowie zahlreiche weitere Konflikte im Rahmen der wirtschaftlichen Expansionsbestrebungen der Provinz Holland, hier insbesondere mit der konkurrierenden Seemacht England sowie dem Handelszentrum Antwerpen. Innenpolitisch dagegen ist ein permanent auf- und abflauender Machtkampf zwischen den mächtigen Kaufmannsoligarchien und den traditionell als Oberbefehlshaber von Heer und Marine installierten Oranierfürsten sowie der nahezu ständig gärende Glaubenskampf zu beobachten, aus dem die evangelisch-reformierte Glaubenslehre nach Calvin letztlich hervorging.

„Golden“ war dieses Zeitalter, weil es den Niederländern im Rahmen ihres Freiheitskampfs neben der nationalen Einheit den Wohlstand einer global agierenden Handelsmacht und damit eine einzigartige kulturelle Blüte insbesondere in Malerei und Literatur ermöglichte. Wie die folgenden Darstellungen noch zeigen werden, war es neben dem Freiheitskampf gegen die Spanier aber eben auch genau diese wirtschaftliche Führungsposition, die wiederholt Anlass zu kriegerischen Auseinandersetzungen mit den europäischen Nachbarn gab. Primär bestimmten drei Faktoren die Existenz der nördlichen Niederlande im siebzehnten Jahrhundert: der Kampf um die Freiheit des Landes, die Freiheit des Glaubens und die Freiheit des Handels. Die Vereinigte Republik der Niederlande – die erste unabhängige bürgerliche Republik Europas – erlangte ihre politische Autonomie offiziell erst mit dem Ende des Achtzigjährigen Krieges im Juni 1648 (Frieden von Münster). Zu dieser Zeit war Amsterdam, die Hauptstadt der Provinz Holland und das eigentliche Machtzentrum der Republik, bereits seit Jahrzehnten das größte europäische Handels- und Finanzzentrum und die kleine niederländische Republik die führende Handelsmacht im absolutistischen Europa. Das Fundament zu dieser erstaunlichen Entwicklung war allerdings bereits 69 Jahre früher in der Utrechter Union gelegt worden, die mit dem Zusammenschluss der nördlichen Provinzen (Holland, Seeland, Utrecht, Geldern, Friesland, Overijssel und später auch Groningen) die Geburtsstunde der Republik – seit 1815 das heutige Koninkrijk der Nederlanden – besiegelte. Die zehn südlichen Provinzen hatten sich kurz zuvor abgespalten; ihr Territorium war in etwa das des heutigen Belgiens. Die wichtigsten Ereignissen der niederländischen Geschichte vor und im „Goldenen Zeitalter“ – von der Utrechter Union von 1579 und dem Westfälischen Frieden von 1648 bis zur Koalition der Großen Haager Allianz 1697 – werden nun in kompakter Form dargestellt.

1.1 Von den spanischen Provinzen zur Utrechter Union – 1555 bis 1579

Mitte des sechzehnten Jahrhunderts war das Territorium Belgiens und der Niederlande Bestandteil des burgundisch-habsburgischen Machtbereichs unter der Herrschaft Philipps II. Als König von Spanien und Souverän der Niederlande regierte er von seiner Brüsseler Residenz aus die „Siebzehn Provinzen der Niederlande“, denen sein Vater Karl V. nach deren Übernahme als burgundisches Erbe bzw. durch Erwerb diesen Namen gegeben hatte[4]. Die Brüsseler Zentralregierung entsandte in jede Provinz einen „Statthalter“, der als Vertreter der spanischen Krone mit den Vertretern des niederländischen Adels und Klerus kooperierte. Ähnlich verfuhr man auch auf lokaler Ebene: den Bürgermeistern und Stadträten der niederländischen Städte war grundsätzlich ein Amtmann der Krone als „Kontrollinstanz“ übergeordnet. Dieser hatte beispielsweise dafür zu sorgen, dass die von der Brüsseler Zentralregierung geforderten Steuern in den Provinzen pünktlich eingetrieben wurden und die Verfolgung der „Ketzer“ nicht erlahmte. Philipp betrieb die Inquisition ungleich härter als zuvor sein Vater und scheute nicht einmal die Anordnung der grausamsten Foltermethoden, was schließlich den überwiegenden Teil der bis dahin größtenteils katholischen Bevölkerung[5] gegen die spanische Krone und den Katholizismus aufbrachte. In diesem Zusammenhang wurde der von Philipp als „Großinquisitor“ eingesetzte Kardinal Granvelle[6] zu einer der berüchtigtsten Figuren in der niederländischen Geschichte.

Angesichts ihrer Machtlosigkeit gegenüber der spanischen Krone baten die Adeligen den Statthalter von Holland, Seeland und Utrecht, Wilhelm I. von Oranien, um Unterstützung, der als Militär und Diplomat bereits am Hof Kaiser Karl V. gedient hatte. Gemeinsam verfasste man eine Petition, die unter anderem die Abschaffung der Inquisition verlangte, und übergab sie einige Monate später Philipps Halbschwester Margarete von Parma, die 1559 die Zentralregierung übernommen hatte. Aber noch bevor Philipps Antwort aus Spanien eintraf, brach im August 1566 der Aufstand aus.

Die überwiegend aus dem niederländischen Mittelstand stammenden Calvinisten initiierten einen Bildersturm gegen die katholische Kirche in den ländlichen Regionen Westflanderns; Heiligenbilder, Altargemälde und Statuen wurden aus den Kirchen geschafft und zerstört, weil sie nach calvinistischer Lehre als Entweihung Gottes betrachtet wurden[7]. Philipps Reaktion auf den sich rasch auf alle Provinzen ausbreitenden Aufstand war eine militärische, er entsandte Ferdinando Alvarez de Toledo, Herzog von Alba, mit einer Streitmacht zur Niederschlagung der Rebellion. Mit der Order, alle Aufständischen und „Ketzer“ zu vernichten, traf dieser im August 1567 in den spanischen Provinzen ein und führte seine Befehle erbarmungslos aus. Allein der von ihm installierte „Rat der Unruhen“ muss grausam gewütet haben. Wie Haak berichtet, soll dieser Rat, der für die folgenden zehn Jahre aktiv blieb, „den Rekord von hundert Todesurteilen an einem Tag“[8] erreicht haben. Diese Ereignisse im August 1567 markieren den Beginn des Achtzigjährigen Krieges zwischen dem spanischen Habsburg und den nördlichen Niederlanden. Albas Armeen hatten bald nicht nur Wilhelms Söldnerheer, das er unter Einbringung seines Privat- und Familienvermögens aufgebaut hatte, sondern auch die zunächst passiv gebliebene Bevölkerung zum erbitterten Gegner.

Als militärisch besonders effektiv erwiesen sich die von den Besatzern „Geusen“ („Bettler“) genannten Partisanen; verarmte Adelige, Kaufleute, Fischer und allerlei abenteuerlustiges Gesindel. Dank ihrer für den Gegner unkalkulierbaren Taktik waren diese „Wald“-, „Busch“- und „Wassergeusen“ zunehmend erfolgreich. Letztere wurden sogar zu Volkshelden, denn im April 1572 konnten sie mit ihren kleinen Booten den strategisch wichtigen Hafen Den Briel erobern. Im Herbst 1572 startete der Herzog von Alba eine großangelegte Gegenoffensive. Besetzte Städte wie beispielsweise Zuthpen an der Ijssel wurden nach der Eroberung grundlos in Brand gesetzt und die Bevölkerung heimtückisch niedergemetzelt. Gleiches geschah mit Amsterdam und im Juli 1573 schließlich mit Haarlem. Erst mit der Belagerung Alkmaars begann sich das Blatt zu wenden: angesichts der spanischen Überlegenheit nutzte Wilhelm die geographischen Besonderheiten des Landes, indem er Breschen in die Deiche schlagen ließ. Albas Heer musste sich vor den eindringenden Wassermassen überstürzt zurück ziehen. Die langwierige Belagerung Leidens endete für die Spanier in ähnlicher Weise: durch die Überflutung des flachen Hinterlandes war das spanische Heer taktisch wertlos geworden und ein leichter Gegner für die Wassergeusen in ihren kleinen wendigen Booten. Der endgültige Sieg über die Spanier in den nördlichen Provinzen kam im September 1575 jedoch von gänzlich unerwarteter Seite: weil Philipp zur gleichen Zeit auch gegen die Türken Krieg führte, musste er aufgrund der immensen Verschuldung Spaniens schließlich den Staatsbankrott erklären. Albas Soldaten erhielten daraufhin keinen Sold mehr und zogen sich plündernd nach Flandern zurück.

Wilhelm von Oranien strebte währenddessen weiterhin die Wiedervereinigung der nördlichen mit den südlichen Provinzen an. 1576 unterzeichnete er die Genter Pazifikation, die alle siebzehn Provinzen in religiösen und politischen Fragen zukünftig zur Zusammenarbeit verpflichten sollte[9]. Dieses Vorhaben scheiterte jedoch am Misstrauen des konservativen Adels der Südprovinzen, der vor allem dem neuen Generalgouverneur der Niederlande, Alexander Farnese, Herzog von Parma, eine Diplomatie zugunsten Philipps vorwarf. Die Folge war, dass sich die zehn katholischen Südprovinzen im Januar 1579 in der Union von Arras vereinigten. Die sieben Nordprovinzen unter der Führung Wilhelms von Oranien schlossen sich daraufhin zwei Wochen später in der Utrechter Union zu den calvinistischen Generalstaaten zusammen.

1.2 Sieg und Waffenstillstand – 1581 bis 1609

1581 verkündeten die Generalstaaten ihre Unabhängigkeit, nachdem Philipp auf Wilhelms Kopf ein Preisgeld ausgesetzt hatte, der von Delft aus den Kampf gegen die Besatzer fortführte. Der neue Monarch der Niederlande wurde der Herzog von Anjou, der Bruder Heinrichs III. von Frankreich. Als dieser allerdings bereits im Juni 1584 verstarb und Wilhelm selbst im darauffolgenden Monat Opfer eines Attentats wurde[10], suchte man sich einen neuen Souverän, denn der Gedanke einer nationalen Einheit unter eigener Führung war den Niederländern zu dieser Zeit noch fremd. Schließlich wandte man sich an Königin Elisabeth I. von England, die den Earl von Leicester, Robert Dudley, als Generalgouverneur der Niederlande entsandte. Wie Haak bemerkt, war dessen Regentschaft aber offensichtlich „von Anfang an ein Fiasko“[11], wohl auch, weil der sich weder Land noch Leuten in irgend einer Weise verbunden fühlte. Als nun zwei seiner Kommandanten auch noch die Städte Deventer und Zuthpen eigenmächtig an die Spanier übergaben, was einem Hochverrat gleichkam, entschloss sich der niederländische Adel, zukünftig auf einen solchen Souverän gänzlich zu verzichten und die politische Macht den Generalstaaten zu übertragen. Prinz Moritz von Nassau, Wilhelms zweitältester Sohn und sein Nachfolger, erhielt dementsprechend 1585 eingeschränkte Rechte „als Diener der Staaten und Kommandeur der Armee und Marine“[12] („Gouverneur en Capiteyn Generaal“).

Während nun die Nordprovinzen allmählich mit dem Aufbau ihres Staates begannen, wuchs im Süden die spanische Bedrohung von neuem. Alexander Farnese, Herzog von Parma, nahm 1584 Gent und im folgenden Jahr Antwerpen ein, wodurch die zukünftige Staatsgrenze zwischen Nord und Süd bereits in groben Zügen festgelegt und die ehemals habsburgischen Niederlande definitiv getrennt wurden. Als sich im Sommer 1588 Philipps „unbesiegbare Armada“ vor der flandrische Küste mit Parmas Armeen vereinigen sollte, um Dudleys zurückgebliebene Soldaten und die Armee des Prinzen Moritz zu vernichten (sowie außerdem eine Invasion Englands durchzuführen), wurde sie vor Dünkirchen eingekesselt und von englischen und niederländischen Schiffen völlig vernichtet. Die Niederländer hatten ihre militärischen Fähigkeiten enorm verbessert und wussten sie unter der gemeinsamen Führung von Prinz Moritz und dessen Freund und Mentor Johan van Oldenbarnevelt, dem Sprecher der niederländischen Staaten („Landesadvokat“), auch effektiv zu nutzen. Prinz Moritz war nicht nur ein „erstklassiger Militärtaktiker“[13], sondern der erfolgreichste Reformator des gesamten niederländischen Militärwesens schlechthin. In den neunziger Jahren eroberten seine Truppen fast sämtliche zuvor spanisch besetzten Gebiete im Osten bzw. Nordosten des Landes zurück. Die endgültige territoriale Zusammensetzung der nun „Sieben Vereinigte Provinzen“ genannten Generalstaaten stand 1595 fest: Holland, Seeland, Utrecht, Geldern, Friesland, Overijssel und Groningen.

1598 übernahm Philipps Sohn Philipp III. den spanischen Thron und damit die weitere Kriegsführung gegen die Niederländer. Die Nachfolge Parmas trat der Feldherr Ambrogio Spinola an, der auch bald erste militärische Erfolge vorweisen konnte. Die immense Staatsverschuldung Spaniens hatte jedoch in den zurückliegenden Jahren nicht reduziert werden können, weshalb sich schon bald eine Möglichkeit für Friedensverhandlungen bot. Trotz der Forderungen der Niederländer – die Kaufleute forderten von Spanien weiterhin den unbegrenzten Seehandel auch außerhalb Kontinentaleuropas, die Calvinisten lehnten die Duldung katholischer Gottesdienste nach wie vor ab und Prinz Moritz wollte nicht auf seine Armeen verzichten – einigte man sich schließlich dennoch auf einen zwölfjährigen Waffenstillstand und die Anerkennung der niederländischen Unabhängigkeit für die Dauer des Friedensvertrags. Der förmliche Friedensvertrag vom April 1609 verschaffte beiden Seiten die dringend notwendige Atempause, denn nicht nur die Spanier waren bankrott, auch die niederländische Republik „schuldete England acht Millionen Gulden und Frankreich vierzehn Millionen mit Zinssätzen bis zu vierzehn Prozent.“[14]

1.3 Doktrinenstreit und Triumph – 1608 bis 1648

Obwohl die Republik mit dem Abschluss des Zwölfjährigen Waffenstillstands außenpolitisch entlastet war, brachte dies nicht den ersehnten Frieden. Während das Land nun wirtschaftlich erblühte, wurde die Religion zum Konfliktthema. Nachdem der Calvinismus zur größten Glaubensrichtung geworden war und sich im Land etabliert hatte, flammte 1608 ein Doktrinenstreit zwischen den Liberalen unter Führung des Jacobus Arminius und seinem ultra-orthodoxen Widersacher Franciscus Gomarus auf. Während Gomarus die Auffassung vertrat, dass der Mensch seit Adams Sündenfall nur durch die Gnade Gottes gerettet werden könne, weil Gott nach calvinistischem Dogma allmächtig sei („Prädestinationslehre“), glaubte Arminius an die Errettung des Menschen aufgrund seiner Fähigkeit, mit freiem Willen gute Taten zu vollbringen. Nachdem Arminius als Folge eines zehntägigen Streitgesprächs mit Gomarus an Erschöpfung gestorben war, reichten seine empörten Anhänger („Arminianer“) eine schriftliche Beschwerde („Remonstration“) bei den Staaten von Holland ein, weshalb man sie fortan auch „Remonstranten“ nannte. Ihre „Gomaristen“ genannten Gegner wiederum verfassten daraufhin eine „Contra-Remonstration“ und verboten dem Staat die Einmischung in kirchliche Angelegenheiten.

Durch die Einbeziehung des Machtgefüges zwischen Staat und Kirche in diesen Doktrinenstreit wurde es ein nationales Anliegen, bei dem sich letztendlich landesweit Remonstranten und Contra-Remonstranten gegenüber standen. Als der Konflikt 1616 schließlich in Straßenkämpfen ausgetragen wurde, forderte der Landesadvokat Oldenbarnevelt zur Beruhigung der Situation Prinz Moritz und dessen Truppen zur Unterstützung an. Doch der weigerte sich, dieser Aufforderung seines früheren Mentors nachzukommen, wohl auch, weil Oldenbarnevelt den Waffenstillstand mit den Spaniern gegen seinen Willen durchgesetzt hatte. Aber Oldenbarnevelt musste handeln, denn die Lage drohte zu eskalieren. So gab er schließlich den Städten die Anweisung, mit aus dem Heer des Statthalters abgeworbenen Söldnern das Problem selbst zu lösen. Dies war allerdings ein gravierender Eingriff in den Kompetenzbereich des Oberbefehlshabers. Der in seiner Position gänzlich missachtete Prinz Moritz verlangte daraufhin die Einberufung der Nationalsynode zur Beendigung des Glaubensstreits und ließ außerdem die städtischen Bürgerwehren auflösen, was eine landesweite politische Krise heraufbeschwor, die in der Verhaftung des Landesadvokaten und seiner Anhänger mündete. Im Mai 1619 wurde Johan van Oldenbarnevelt, der sein Leben lang als hochgeachteter Staatsmann im Dienst der Niederlande gestanden hatte, wegen angeblichen Hochverrats in Den Haag zum Tode verurteilt und im Alter von zweiundsiebzig Jahren öffentlich hingerichtet. Die Contra-Remonstranten triumphierten, ihre liberalen Widersacher wurden verfolgt und geächtet.

Mit Ende des Waffenstillstands im April 1621 nahm Moritz die Kampfhandlungen gegen die Spanier wieder auf, denn die Vertreibung der Besatzer unter Spinolas Kommando und die Wiedervereinigung aller siebzehn Provinzen war nach wie vor sein oberstes Ziel. Aber der Erfolg von 1588 sollte sich diesmal nicht einstellen; der Versuch, Antwerpen zurück zu erobern, scheiterte kläglich. Bis zu seinem Tod im Jahr 1625 blieben die Spanier in der Offensive. Sein Nachfolger und Halbbruder Friedrich Heinrich war militärisch und diplomatisch erfolgreicher. 1635 gelang ihm der Abschluss eines „Offensiv-Defensiv-Pakts“ mit Frankreich, der es ihm erlauben sollte, die Spanier mit Hilfe der Franzosen in die Zange zu nehmen und so endgültig aus den Südprovinzen zu vertreiben. Territoriale Gewinne sollten beiden Seiten nach der in den neugewonnenen Gebieten jeweils gebrauchten Landessprache zustehen. Kardinal Richelieu, der an einer Expansion Frankreichs interessiert war, stimmte diesem Vorschlag tatsächlich zu und erklärte den überraschten Spaniern den Krieg. Philipp IV., mittlerweile spanischer König, setzte daraufhin wie einst sein Großvater Philipp II. eine Armada in Marsch, die Admiral Maarten Harpertsz. Tromp aber vor Calais vernichtend schlug. Als die Franzosen 1646 auch noch Dünkirchen zurück eroberten, begann das Ende der spanischen Seeherrschaft, der Verfall des ehemaligen Weltreichs hatte begonnen. Auch innenpolitisch sah sich der spanische König mit großen Problemen konfrontiert, denn in Katalonien brachen kurz darauf Aufstände aus und Portugal kündigte sein Bündnis mit Spanien. Angesichts dieser katastrophalen Lage musste sich Philipp IV. zu Friedensgesprächen bereit erklären.

Bis zum Frieden von Münster im Juni 1648, der den achtzigjährigen Freiheitskampf der Niederländer endgültig beendete, bedurfte es noch zahlreicher zäher Verhandlungen. Per Schwur musste der spanische König die Vereinigte Republik der Niederlande als souveränen Staat anerkennen. Gleiches galt auch für die Kolonien des niederländischen Handelsimperiums (unter anderem die lukrativen ost- und westindischen Inseln), deren Schifffahrtswege nun für den spanischen Seehandel tabu waren. Antwerpen, das Zentrum der südlichen Niederlande und im sechzehnten Jahrhundert größter Umschlagplatz für den Textilhandel, verlor endgültig seine Führungsposition als reichstes Handelszentrum des Nordens durch die Sperrung der Scheldemündung. Mit dieser Maßnahme – Antwerpen war durch die Sperrung der Schelde vom seefahrenden Handel isoliert – hatten sich die holländischen Kaufleute ihres größten Handelskonkurrenten entledigt; dem Aufstieg Amsterdams zur führenden Handelsmacht Europas stand somit nichts mehr im Weg. Die Ratifizierung des Westfälischen Friedens brachte allerdings nicht die interne Einigkeit, die man bei Betrachtung von Gérard ter Borchs berühmten Gemälde Die Beeidigung des Friedensvertrags zu Münster am 15. Mai 1648 (1648, London, The National Gallery) vermuten könnte, denn „provinzieller Separatismus und mittelalterlicher Partikularismus prägten die Regierung der Vereinigten Niederlande das 17. Jahrhundert hindurch.“[15]

1.4 Kaufmannsoligarchie und Haager Allianz – 1647 bis 1697

Die Bedingungen des Friedens waren seitens der Niederländer primär von den mächtigen Amsterdamer Kaufleuten bestimmt worden und somit vornehmlich von deren wirtschaftlichen Interessen geprägt. Sie hatten die kleine Republik trotz aller innen- und außenpolitischen Krisen zur führenden Handelsmacht Europas[16] mit weltweiten Handelsbeziehungen gemacht. Und weil es vor allem ihre Gelder waren, mit denen seit je her die Armeen der Statthalter finanziert wurden, wollten sie sich nun – in Friedenszeiten – dieser teuren Verpflichtung entledigen. Auch Sutton bemerkt, dass sich die holländischen Kaufleute vor allem ihren wirtschaftlichen Interessen verpflichtet fühlten: „Ungleich den Königen, zogen diese Herrschenden den Gewinn dem Ruhme vor.“[17] Somit war der drohende Konflikt mit dem neuen Statthalter Wilhelm II., der 1647 sein Amt antrat, bereits vorprogrammiert. Die anti-orangistischen Regenten der holländischen Städte wollten sich der Söldner entledigen, denn deren Sold war hoch und deren Loyalität galt offenbar in erster Linie dem Oranier. Letzteres trat 1650 schließlich auch offen zutage, als Wilhelm seinem Vetter Friedrich den Angriff auf das widerspenstige Amsterdam befahl, dessen Kaufmannsclans die weitere Finanzierung der Armee verweigerten. Obwohl es zum Angriff nicht kam (die Söldner verliefen sich im Nebel), hatten diese Ereignisse politische Folgen. Nach dem plötzlichen Tod Wilhelm II. (er starb an einer Pockenerkrankung) entschieden die Staaten der Niederlande 1651, dass alle Provinzen zukünftig ihre eigenen Streitkräfte nach eigenem Ermessen zu führen und zu unterhalten hätten. Somit hatten die Kaufmanns-Regenten faktisch alle politische Macht allein in ihren Händen, denn die Position des Statthalters als politisches Gegengewicht war nicht wieder besetzt worden. Das sie ihre zukünftigen politischen Entscheidungen ihren kommerziellen Interessen unterordneten, zeigte sich beispielsweise darin, dass „die einflussreichen und finanziell vorteilhaften städtischen Ämter in ihren Kreisen blieben.“[18] Folglich wurde der Militärhaushalt alter Art drastisch gekürzt; einzige Ausnahme bildete die Marine, denn die schützte die holländischen Handelsflotten vor der weitverbreiteten Piraterie. Natürlich kam auch der neue Landesadvokat aus den Amsterdamer Patrizierkreisen: Johan de Witt übernahm 1653 die Wahrung der außenpolitischen Interessen der Niederlande.

Trotz des triumphalen Sieges über die Spanier war der hart errungene Frieden aber nur von kurzer Dauer. Englands Politik unter Oliver Cromwell führte 1651 zur Verabschiedung der Navigationsakte, welche die holländische Vorstellung der für alle Völker freien Meere quasi gänzlich aushebelte. Die Akte sah unter anderem vor, dass die englischen Küstengewässer für die ausländische Seefahrt gesperrt wurden und alle für England bestimmten Waren nur mit englischen Schiffen geliefert werden durften. Für die niederländischen Kaufleute war dieser Erlass tatsächlich eine „wirtschaftliche Kriegserklärung“[19], auf die 1653 schließlich die militärische folgte. Der wirtschaftliche Schaden dieses Seekriegs, der sich in den Gewässern des Kanals abspielte, war für die Republik außerordentlich hoch, denn neben den hohen Schiffsverlusten litt das Land auch unter einer effektiven Seeblockade. Der Krieg endete schließlich mit einer Kapitulation der Niederlande, die auch die Aufrechterhaltung der Navigationsakte im Friedensvertrag akzeptieren mussten. Unter diesen Umständen ließ sich der freie Seehandel, wie ihn die Holländer forderten, natürlich nicht zufriedenstellend realisieren, weshalb es zwölf Jahre später wiederum zu einem englisch-niederländischen Seekrieg kam. Doch diese Auseinandersetzung führte zu einem triumphalen Erfolg der niederländischen Flotte unter Führung des Admiral de Ruyter, der im Juni 1667 die Themse hinaufsegelte und im Marinestützpunkt Catham nahezu die ganze englische Flotte versenkte, die dort vor Anker lag. Der folgende Friedensvertrag gab den Siegern schließlich die ökonomischen Freiheiten zurück, die ihnen mit der Navigationsakte genommen worden waren.

Der Neid der großen Nachbarn auf den wirtschaftlichen Erfolg der kleinen Republik ließ den Niederländern allerdings wenig Zeit, ihren Wohlstand zu genießen. Bereits im Frühling 1672 zeigte sich, welche fatalen Folgen die Abschaffung der Statthalterschaft durch die Amsterdamer Kaufmannsclans hatte, denn nun erklärten England, Frankreich, Münster und Köln den Niederlanden den Krieg. Die Provinzen mit ihren kümmerlichen „Armeen“ konnten dem massiven Angriff von allen Seiten[20] keine nennenswerte Gegenwehr bieten und ernannten deshalb den gerade 24-jährigen Wilhelm III. eilig zum Statthalter und Oberbefehlshaber der Armee. Da man die Marine aus kommerziellen Interessen gepflegt und ausgebaut hatte, konnte Admiral de Ruyter die feindliche Flotte erfolgreich vom geplanten Landungsversuch abhalten. Der junge Wilhelm III. erwies sich aber wie einst Prinz Moritz trotz der zunächst katastrophalen militärischen Lage als ein äußerst fähiger Militärtaktiker und Diplomat, denn er führte einen beachtlichen Landkrieg und außerdem gelang es ihm, den König von Spanien und den Kaiser des Heiligen Römischen Reiches zu Verbündeten zu machen. Vor allem letzteres ist erstaunlich, handelte es sich bei diesen neuen Verbündeten doch um die alten Feinde.

Der Frieden von Westminster brachte 1674 einen Separatfrieden zustande, nachdem aus Wilhelms erfolgreicher Koalitionspolitik die Große Haager Allianz hervorgegangen war, die in Frankreichs hegemonialen Bestrebungen die größte Gefährdung des europäischen Friedens sah. Angesichts dieser Koalition sah sich Ludwig XIV. 1679 schließlich auch zur Aufgabe gezwungen; ein Großteil der von ihm zuvor eroberten südniederländischen Gebiete ging an Spanien zurück. Die politische Lage blieb allerdings nach wie vor unsicher und bald zeigte sich, dass ein weiterer Militärschlag gegen die aggressive Expansionspolitik Frankreichs notwendig war. Erst der zweite Krieg der Großen Haager Allianz gegen Frankreich (1689 – 1697) und die nachfolgende Stationierung niederländischer Truppen in den zur Pufferzone zwischen Frankreich und der Republik umgewandelten Provinzen der spanischen Niederlande brachte wieder politische Stabilität.

Bis zum spanischen Erbfolgekrieg, der bereits 1701 um das Schicksal der spanischen Niederlande entbrannte, konnte sich die Haager Allianz erfolgreich gegen Frankreich behaupten.

Wie dieser kompakte Überblick bereits zeigt, war das „Goldene Zeitalter“ für die Niederländer tatsächlich begleitet vom nahezu ständigen Kampf um die Wahrung hart errungener wirtschaftlicher, religiöser und politischer Freiheiten. Er brachte ihnen aber letztendlich die politische Anerkennung als autonomer Staat seitens der europäischen Nachbarn und darüber hinaus den Wohlstand einer breiten bürgerlichen Mittelschicht. Wie Sutton schreibt, waren „(...) die Holländer ohne Zweifel die wohlhabendsten Menschen in der christlichen Welt“[21] dieser Zeit.

2 Das niederländische Wohnhaus im siebzehnten Jahrhundert

2.1 „voorhuis“ und „achterhuis“ – Entwicklung und Anlage

Ende des sechzehnten Jahrhunderts lebte selbst eine wohlhabende niederländische Familie noch in einem Haus, das in der Regel ein, maximal aber zwei Zimmer hatte. Häuser mit mehreren Zimmern bzw. Etagen waren zu dieser Zeit nur den reichsten Familien vorbehalten. Der Raum einer Einzimmerwohnung wurde entsprechend den Wohnbedürfnissen gleichzeitig als Wohnzimmer, Küche und Schlafzimmer genutzt. In Handelsmetropolen wie Amsterdam verwendete man die übrigen Räumlichkeiten des Hauses (Keller und Speicher) häufig auch als fremdgenutzte Lagerräume, denn Lagerraum war dort stets gefragt und konnte gewinnbringend vermietet werden. Ebenso diente dieser Raum aber auch den Arbeitsbedürfnissen, war also auch beispielsweise Verkaufsraum oder Büro eines Kaufmanns. Handelte es sich um eine größere Wohnung mit einem Zweizimmergrundriss, so befand sich der Arbeits- bzw. Geschäftsbereich im zur Straße bzw. Gracht gelegenen Vorderzimmer.

Als die niederländischen Kirchen im Zuge der Reformation ihre Funktion als reich geschmückter Versammlungsort der Gemeinde verloren, wuchs das Bedürfnis nach privatem Wohnraum als Rückzugsort des Individuums. Die wohlhabenden Bürger der Städte spendeten ihr Geld nicht mehr zur Verschönerung der Kirchen, sondern gaben es nun für die Gestaltung des eigenen Hauses aus. „Man schenkte nicht mehr der Kirche ein passendes Gemälde, um deren Interieur zu verschönern, sondern man hängte sich eine Abbildung ins Wohnzimmer, auf der die eigene Lebensmaxime ihre bildliche Darstellung erfuhr.“[22] Mit dem allgemeinen Bedürfnis nach entsprechend gestaltetem Wohnraum und dem steigendem Wohlstand wuchs auch die Größe der neu errichteten Häuser. Bei der Erweiterung Amsterdams im Jahr 1585 wurden erstmals Häuser gebaut, die mit einem zweiten, innenliegenden Zimmer, in welchem der torfbefeuerte Kamin stand und gekocht wurde, ausgestattet waren. Dieser zweite Wohnraum war nur über einen Gang erreichbar, der in der Regel seitlich an beiden Räumen entlang verlief. Der Vorteil dieser neuen Raumaufteilung lag darin, dass den Hausbewohnern erstmalig ein gewisses Maß an Privatsphäre geboten wurde, denn der sonst übliche direkte Einblick von der Straßenseite war verwehrt. Diese neue Variante, die außerdem einen ersten Ansatz zur Trennung von Wohn- und Arbeitsraum bedeutete, wurde bald sehr populär und fand in den Niederlanden weite Verbreitung. Ein weiteres Novum war die „Sommerküche“, eine zusätzliche Feuerstelle auf der freien Grundstücksfläche hinter dem Haus, die in der warmen Jahreszeit zur Zubereitung der Mahlzeiten benutzt wurde.

Der Nachteil dieser Innenzimmer-Variante war jedoch, dass man diesen dunklen Raum ohne künstliche Lichtquellen kaum nutzen konnte, weshalb in der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts das Hinterhaus bzw. Hinterzimmer als adäquate Lösung erschien. Es wurde auf dem hinteren Teil des Grundstücks errichtet und war durch einen Gang bzw. einen umbauten Flur mit dem Vorderhaus an der Straßenseite des Grundstücks verbunden. Hier befanden sich beispielsweise die Schlafräume des Hauspersonals und eine Küche, die nun nur noch als Küche und nicht mehr als Koch- und Schlafraum genutzt wurde. Dieser Kerngrundriss bestehend aus dem Vorderhaus („voorhuis“) und dem Hinterhaus („achterhuis“)[23] mit dazwischenliegendem kleinen Hof bzw. Garten oder einem umbauten Flur erfüllte schließlich alle zeitgenössischen Anforderungen bezüglich Wohnqualität und Privatleben und verkörpert den (in der Umbauung natürlich variierenden) „Standardtyp“ eines niederländischen Bürgerhauses im siebzehnten Jahrhundert. Dies ist hier von Bedeutung, denn die im Rahmen dieser Arbeit zu untersuchenden Interieur- und Genrestücke erlauben dem Betrachter häufig Einblicke in diese beiden „Kernräume“ niederländischer Häuser: in das Vorderzimmer, in das Hinterzimmer oder in beide Räume bei Kompositionen mit entsprechend arrangierten Durchblicken. Darüber darf man aber nicht vergessen, dass die zeitgenössische Begeisterung vieler Künstler für die perspektivische Darstellung und den damit verbundenen Effekt der Tiefenillusion sowie deren allgemeine künstlerische Intention natürlich auch Interieurs entstehen ließ, die es in dieser Art in den Niederlanden real wohl nur sehr selten oder überhaupt nicht gegeben hat.[24] Bewohnt wurde dieser Haustyp primär vom „breden middenstand“; Menschen mit bescheidenem bis durchschnittlichem Wohlstand aus der breiten Mittelschicht wie Handwerker, Müller, Brauer, Notare, Apotheker, Pfarrer, Kaufleute und so weiter.

In den reicheren Bürgerhäusern mit mehreren Etagen lagen die Schlafräume der Familie über dem Vorder- und Hinterzimmer im ersten Stock. Die Anzahl der Zimmer und Kammern, die manchmal auch um das zentrale Vorder- und Hinterzimmer herum angeordnet waren, hing vom Reichtum und Sozialstatus des Hausherrn ab. In diesen wohlhabenden Patrizierhäusern wurde es im siebzehnten Jahrhundert zur Mode, das voorhuis nach französischem Vorbild in eine Empfangshalle bzw. einen „Salon“ (auch „Vestibül“) umzuwandeln, einen zwar sparsam, aber kostbar möblierten und reich dekorierten Raum mit Repräsentationscharakter, der in der Interieur- und Genremalerei häufig als zentrales Motiv oder dekorativer Hintergrund zu finden ist. Am Beispiel einer Bestandsliste aus dem Jahre 1665[25] lässt sich die Raumanordnung im Erdgeschoss des Amsterdamer „Bartolotti-Hauses“ rekonstruieren, dem Wohnsitz einer reichen Patrizierfamilie: Das voorhuis war von dem bekannten niederländischen Architekten Hendrik de Keyser (1565 – 1621) in Form einer Empfangshalle gestaltet worden. Nachdem man diese eher dezent ausgestattete Vorhalle durchschritten hatte, öffnete sich links und rechts je eine „Seitenkammer“ („zijkamer“), wobei der deutsche Begriff „Kammer“ irreführend und auf die tatsächliche Raumgröße nicht anwendbar ist. Diese Räume waren eher Säle und äußerst prunkvoll eingerichtet. Während die linke Seitenkammer vermutlich für gesellschaftliche Anlässe genutzt wurde (laut Inventarliste befand sich dort neben ungewöhnlich vielen Sitzgelegenheiten ein Spinett), diente die rechte aufgrund der zahlreichen Geschirrausstattung vermutlich als Speisezimmer („eetsaal“). Rechts hinter diesem im Vergleich zu bürgerlichen Häusern äußerst luxuriösen voorhuis folgte der „große Saal“, eine Art Ballsaal für offizielle Anlässe. Daneben lag, als letzter Raum des Erdgeschosses, das Wohnzimmer der Dame des Hauses. Wie Schama weiter vermutet, werden „die Wohnsitze der meisten großen Patrizierfamilien (...) kaum bescheidener ausgestattet gewesen sein.“[26] In den einfachen Haushalten der kleinen Handwerker und Händler sieht das Erdgeschoss anders aus: das Vorzimmer wird nach wie vor als Laden oder Werkstatt genutzt und anstatt einer Küche gibt es nur eine kleine Kammer oder eine Nische. Das Hinterzimmer ist gleichzeitig Schlaf- und Wohnraum.

Die Grundstücke in den niederländischen Städten waren aus Gründen des Raummangels meistens in der Form eines liegenden Rechtecks quer zur Straße bzw. Gracht angeordnet, denn nur so ließen sich möglichst viele Häuser mit ihrer schmalen Giebelfront zur Straße hin errichten. Für die Stadt Amsterdam legten die Stadtväter selbst bei der Planung luxuriöser Wohnviertel ein maximales Grundriss-Standardmaß „von etwas über 30 Fuß bei einer Tiefe von 190 Fuß“[27] fest. Diese Straßenlage war aber auch für die bescheidenen Häuser der Handwerker und Kaufleute, die auf den Publikumsverkehr der Straße angewiesen waren, von existenzieller Bedeutung. Entsprechend dieser Grundstücksform ist die hintereinanderliegende Anordnung der Räume wie oben beschrieben (und in zahlreichen Gemälden verewigt), zwangsläufig die einzig praktikable; der gesamte Wohnraum war eng, schmal und tief. Nur die wohlhabendsten Bevölkerungsschichten konnten sich zwei benachbarte Parzellen nebeneinander leisten und somit den nötigen Baugrund für ein Haus mit einer breiteren und entsprechend imposanten Straßenfassade mit mehreren Etagen erwerben. Alternativ gab es für interessierte Familien auch die Möglichkeit, sich zu einer Art „Bauherren-Gemeinschaft“ zusammenzuschließen, „wobei zwei private Häuser mit einer einzigen durchgehenden Fassade verbunden wurden“.[28] Während die Fassadengestaltung selbst bei den repräsentativen Patrizierhäusern allgemein dezent gehalten wurde, nutzte man den Giebel häufig zur Ausgestaltung mit Skulpturen oder Reliefs. Insbesondere die Kaufleute ließen dort ihr Gewerbe anpreisende Verherrlichungen (Sinnbilder oder Wappen) anbringen.

Ein weiteres Charakteristikum vieler Bürgerhäuser war, dass sich kein Raum in Straßenhöhe befand. Die Haustür lag erhöht (Hochparterre) und war über eine kurze Treppe erreichbar, denn unter dem voor- und achterhuis im Souterrain befanden sich die Kellerräume des Hauses, die ebenfalls mit etwas Tageslicht versorgt werden sollten. Für das Hausinnere bedeutete dies, dass „ein kompliziertes System von kurzen Treppen, Stufen, Türen die Räume des Erdgeschosses mit denen des »Souterrain«“[29] verband. Die darüber liegenden Räume erreichte man über eine platzsparende Wendeltreppe vom voorhuis oder Flur aus, die Kammern unterm Dachstuhl über schmale steile Treppen oder Leitern. Am Flur in der ersten Etage lagen häufig die Familienschlafzimmer, die bei den großen Häusern auch im Erdgeschoss oder in der zweiten Etage zu finden waren. Eine heute übliche Trennung der Räume entsprechend ihrer Funktion bzw. Nutzung war im „Goldenen Zeitalter“ noch relativ unbekannt. Wie einleitend bereits dargestellt, wurden die Schlafstellen in den üblicherweise nur aus einem oder maximal zwei Zimmern bestehenden Wohnräumen des „breden middenstands“ dagegen nach rein pragmatischen Gesichtspunkten (möglichst platzsparend) eingerichtet. Dieses lange schmale und von vielen Treppen und Stiegen durchbrochene Ambiente niederländischer Häuser ist in einigen der hier noch zu untersuchenden Interieurstücke anschaulich dargestellt.

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[1] Heino R. Möller: „Innenräume, Außenwelten: Studien zur Darstellung bürgerlicher Privatheit in Kunst und Warenwerbung“, Anabas-Verlag, Gießen 1981

[2] Kok, in: „Das Goldene Zeitalter der niederländischen Kunst“, S. 9

[3] Dies lässt sich kompakt darstellen: in kriegerische Auseinandersetzungen und innere Unruhen war die Republik in den folgenden Jahren bzw. Zeiträumen verwickelt: 1567 bis 1575, 1584 bis 1609, 1608 bis 1619, 1621 bis 1648, 1650, 1653 und 1665, 1672 bis 1679 und 1689 bis 1697 (Details dazu in den folgenden Kapiteln).

[4] Wilson, S. 7: „Diese Provinzen bildeten (...) etwa das Staatsgebiet der heutigen Beneluxländer und waren eines der zwei reichsten, arbeitsamsten, am dichtesten bevölkerten und am meisten verstädterten Gebiete der Welt um die Mitte des 16. Jahrhunderts. Das andere – Norditalien – hatte seine Blütezeit hinter sich.“

[5] Dazu Price, S. 29: „The population of the Generality Lands was almost completely catholic, having experienced the Counter-Reformation before being brought under Dutch rule.”

[6] Lademacher, S. 51: „(...) Granvelle (Antoine Perrenot), den Philipp zum Erzbischof von Mecheln ernannte. Granvelle avancierte bald zum bestgehassten Politiker der Niederlande.“

[7] Ebd., S. 58: „ »Bildersturm«, das hieß Säuberung der Kirchen, nicht Plünderung und Raub (...).“

[8] Haak, S. 65: „Niemand zuvor ist so sehr als Fremdling empfunden worden wie dieser spanische Herzog, dessen Truppen sich (...) durch Plünderungen schadlos hielten.“

[9] Lademacher, S. 74: „Tatsächlich war die Pazifikation eine letzte Chance, die ehemaligen burgundisch-habsburgischen Lande beisammenzuhalten.“

[10] Lademacher, S. 76: „(...) ermordet von dem katholischen Fanatiker Balthazar Gérard“.

[11] Haak, S. 24

[12] Ebd., S. 25

[13] Haak, S. 165

[14] Ebd.

[15] Sutton, in: „Von Frans Hals bis Vermeer. Meisterwerke holländischer Genremalerei“, S. 348

[16] Lademacher, S. 128: „(...) weitverzweigte Handelstätigkeit mit einer Flotte, die zahlenmäßig den Gesamtbestand der englischen, schottischen und französischen Flotte übertraf (1632 etwa 1750 Schiffe mit insgesamt 310 000 Tonnen)“.

[17] Sutton, in: „Von Frans Hals bis Vermeer. Meisterwerke holländischer Genremalerei“, S. 348

[18] Haak, S. 348

[19] Haak., S. 350

[20] Lademacher, S. 120: „Nach der französischen und englischen Kriegserklärung (...) brach das französische Heer mit nicht weniger als 120 000 Mann auf und viel mit einiger Leichtigkeit in die Niederlande ein (...). Im Osten stieß unterdes der Bischof von Münster, Bernhard von Galen, in das Land mit 25 000 Mann vor (...). Insgesamt: ein totaler militärischer Zusammenbruch im Lande.“

[21] Sutton, in. Von Frans Hals bis Vermeer. Meisterwerke holländischer Genremalerei“, S. 350

[22] de Roever, in: „Amsterdam 1585 – 1672. Morgenröte des bürgerlichen Kapitalismus“, S. 182

[23] Das Vorder- und Hinterhaus bestanden in der Regel nur aus je einem Raum, deshalb findet sich auch in einigen Quellen die Bezeichnung „Vorder“- bzw. „Hinterzimmer“ für diese Wohnbereiche.

[24] Als Beispiel sei Emanuel de Wittes Interieur mit einer Dame am Clavichord (4.3.7 und Anhang S. 79) genannt, dessen dargestellte Architektur zugunsten einer gesteigerten Tiefenwirkung eine extreme Streckung erfuhr.

[25] Schama, S. 337

[26] Schama, S. 340

[27] Ebd., S. 336

[28] Ebd.

[29] Zumthor, S. 53

Details

Seiten
81
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783832464318
Dateigröße
1.9 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v221855
Institution / Hochschule
Universität Bremen – Kulturwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
goldenes zeitalter bürgertums genre- interieurmalerei privatleben frühkapitalismus

Autor

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Titel: Das Kunstwerk als kulturhistorisches Dokument