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Geschwister frühgeborener Kinder

Eine empirische Untersuchung

Examensarbeit 2001 164 Seiten

Pädagogik - Familienerziehung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1. Einleitung (Ursachen und Bedingungen der Frühgeburt) C.V.

2. Geschwisterbindung T.K.
2.1 Zugangsweisen von Geschwistern
2.2 Der allgemeine Wandel in den Familienstrukturen und dessen Einfluß auf die Geschwistersituation
2.2.1 Wandel der Familiengröße
2.2.2 Aspekt der erhöhten Lebenserwartung
2.2.3 Der Einfluß der geographischen Mobilität
2.2.4 Scheidung und Wiederheirat
2.2.5 Steigende Mütterarbeit und entsprechende Kinderversorgung
2.2.6 Konkurrenzdruck innerhalb der Familie
2.2.7 Streß und elterliches Versagen
2.3 Die Lebenssituation von Geschwistern behinderter Kinder und deren Auswirkungen auf die Beziehung untereinander
2.4 Die „traditionslose Elternschaft“ und deren potentielle Konsequenzen für die Nicht-behinderten Geschwister - die Auswirkungen der Behinderung auf die Familienbeziehung
2.5 Ableitbare Problembereiche für das nicht-behinderte Geschwisterkind und resultierende Reaktionsmuster

3. Methodik
3.1 Erhebungsverfahren
3.2 Zur Durchführung des Interviews
3.3 Der Interviewleitfaden

4. Die Kontrollgruppe C.V.
4.1 Konzeption zur Befragung der Kontrollgruppe
4.1.1 Erste Kontakte
4.2 Zusammenfassung der Ergebnisse der Kontrollgruppe
4.2.1 Ursachen und Indikatoren der Frühgeburt
4.2.2 Mögliche Komplikationen und Probleme vor, während und nach der Schwanger­schaft
4.2.3 Medizinische Vorgehensweisen und notwendige Eingriffe
4.2.4 Auswirkungen auf das Familienleben
4.2.5 Diagnostik der Behinderung
4.2.6 Die Entwicklung des Frühchen
4.2.7 Zur Situation des Frühgeborenen zum jetzigen Zeitpunkt
4.2.8 Gesundheitliches Befinden
4.2.9 Vergleich im Hinblick auf die normale Kindsentwicklung
4.2.10 Soziales Umfeld
4.2.11 Gefühle - wahrnehmbare Reaktionen des Geschwisterkindes
4.2.12 Charakteristische Merkmale des Geschwisterkindes bzw. der Geschwisterkin­der
4.2.13 Grundlegende Verhaltensmuster, die das Geschwisterkind in Konfliktsituationen zeigt (Familie und Umfeld)
4.2.14 Die Auswirkungen der Frühgeburt auf das Sozialverhalten und das Selbstbild der Geschwister

5. Die Existenz des frühgeborenen Kindes als Belastungsmoment für allgemeine Familienbeziehungen T.K.

6. Auswertungsaspekt Aggression T.K.
6.1 Zur Begrifflichkeit
6.2 Die Ergebnisse aus der Hackenberg-Studie bezüglich des Aspekts Aggression und der direkte Vergleich mit unserer empirischen Untersuchung
6.2.1 Der Umgang mit Agressionen bei altershomogenen Gruppen
6.2.2 Der Umgang mit Aggression in der Geschwisterkonstellation
6.3 Indikatoren von Aggressionen
6.3.1 Das Verhältnis der Kinder zu den Eltern und das Erziehungsverhalten als Indikator für Aggression
6.3.2 Geschlechtsspezifische Merkmale
6.3.3 Altersspezifische Unterschiede
6.3.4 Sozialisation - Mängel im Sozialverhalten
6.4 Geschwisterkinder von Frühchen und Geschwisterkinder von geistigbehinderten Frühchen im Vergleich - im Hinblick auf Aggressivität
6.4.1 Ergebnisse aus der Befragung der Geschwister behinderter Frühchen
6.5 Zusammenfassende Interpretation aus der Gegenüberstellung von Geschwistern von Frühchen und Geschwistern von geistigbehinderten Frühchen in Anlehnung an die Hackenberg-Studie
6.6 Allgemeine Schlussbetrachtung und Zusammenfassung der Gesamtergebnisse bezüglich des Auswertungspunktes Aggression und mögliche ableitbare Hypothesen

7 Auswertungsaspekt Sozialkompetenzen und Sozialverhalten C.V.
7.1 Zur Begrifflichkeit sozialer Kompetenzen und deren Bedingungen
7.2 Elternerziehung und Elternverhalten in Hinblick auf die Entfaltung der ge­schwisterlichen Sozialkompetenzen
7.3 Geschlechtsspezifische Merkmale bezüglich sozialer Kompetenzen
7.4 Altersspezifische Unterschiede bezüglich sozialer Kompetenzen
7.5 Auswertung der Geschwisterbefragung bezüglich sozialer Kompetenzen
7.5.1 Soziale Kompetenzen innerhalb altershomogener Altersgruppen
7.5.2 Soziale Kompetenzen der geschwisterlichen Interaktion
7.5.3 Geschwister von frühgeborenen und Geschwister von geistigbehinderten Frühchen im Vergleich hinsichtlich ihrer Sozial-kompetenzen
7.6 Ausblicke

Vorwort

Als wir uns vor gut einem ¾ Jahr Gedanken über unsere Ex­amensarbeit machten, war unsere Entscheidungsfreudigkeit be­grenzt. Wir waren uns einig ein Thema zu wählen, das unserem gemeinsamen Interesse entspricht, um unsere „Leidenszeit“ so angenehm wie möglich zu gestalten. Da einige von uns das Se­minar „Frühgeborene und ihre Eltern“ besucht hatten bzw. wir uns mit dem Thema ein wenig vertraut fühlten, viel unsere Wahl doch recht eindeutig aus. Eine empirische Untersuchung fand ebenso allgemeine Zustimmung, da uns die Durchführung von Interviews an Kindern bzw. Jugendlichen besonders attraktiv er­schien.

Somit sind wir unserem betreuenden Dozenten Dr. Norbert Hei­nen sehr dankbar, uns diese empirische Untersuchung von Ge­schwistern frühgeborener Kinder anvertraut zu haben. Trotz der erschwerten Umstände, daß sich unsere Gruppe von vier auf zwei Teilnehmern reduzierte, war es unter Mithilfe von Herrn Heinen möglich, die Aufgabenbereiche dahingehend zu be­schränken, daß Sie für uns leistbar und überschaubar waren.

Bevor wir uns unserer eigentlichen Arbeit widmen, möchten wir dieses Vorwort nutzen, um uns bei all jenen Menschen zu be­danken, die es uns möglich gemacht haben, diese Arbeit zu schreiben.

Unser erster und ganz besonderer Dank gilt verständlicherweise den Eltern und den Geschwistern der frühgeborenen Kinder, die sich Zeit genommen haben, unserem Interview sowie der an­schließenden Kontrollgruppenbefragung Rede und Antwort zu stehen. Selbst die Fragen, die in intimste Sphären des Familien­verbundes eingreifen, wurden zu unserer Überraschung und zu unserem Erstaunen mehr als zufriedenstellend erläutert und be­antwortet. Dies ist nicht selbstverständlich und nur unzureichend zu honorieren. Wir hoffen, (doch davon sind wir überzeugt), daß wir die emotionalen Momente nicht überstrapaziert haben. Des weiteren halten wir uns sebstverständlich in unserer Arbeit an den Wunsch der Diskretion und an die Vorgaben des Daten­schutzes. Die erwähnten Namen sind demnach frei erfunden und entsprechen nicht denen unserer tatsächlich befragten Teilneh­mer.

Auch das Verständnis der Befragten für unsere zum Teil ver­spätete Anreise aufgrund der weiten Anfahrtswege, die bis an die Grenzen benachbarter Bundesländer reichten, sind hier zu erwähnen.

Ebenso wichtig waren die zusätzlichen Informationen und Hil­fen von Verwandten, Freunden, Frühförderzentren, den Unikli­niken aus Köln und Bonn, den zwei Kinderärzten aus Mönchen­gladbach und Viersen sowie dem Institut für Neurophysiologie in Neuss. Als sehr engagiert erwiesen sich die unterschiedlichen Eltern, die selbst aktiv in Elterninitiativen tätig sind.

Besonders dankbar sind wir natürlich auch dem Ärzte- und Pfle­geteam von Frau Dr. Krebs, das uns eine unvergeßliche Führung durch das Perinatalzentrum gewährte und unseren Fragen Rede und Antwort stand, uns Bilder machen ließ sowie uns bei einer Sauerstoffverabreichung beiwohnen ließ.

Nicht zu vergessen ist die Unterstützung von Seiten unserer Freunde, die unsere Launen ertragen mußten und unseren Freundinnen, die uns in der schwierigsten Phase der universitä­ren Ausbildung die Stange hielten und uns nicht verließen.

1. Einleitung

Eine Schwangerschaft ist ein Ereignis, das, wenn es von den Eltern erwünscht und geplant ist, von diesen mit einer großen Vorfreude erwartet wird und tiefgreifende Veränderungen im Zusammenleben und Alltag der Partner mit sich bringt.

Partnerschaftliche Beziehungsgewohnheiten und Automatismen werden dadurch von den künftigen Eltern neu beurteilt werden müssen, konkrete Zukunftsplanungen und Perspektiven hin­sichtlich der Familiensituation werden erörtert, Strategien und Umgangsformen werden individuell geprüft.

Diesbezügliche Aspekte sind meist finanzieller, logistischer, pragmatischer und pädagogischer Natur.

Besonders junge Eltern, die das erste Mal „aktiv“ einer Schwan­gerschaft beiwohnen und die dementsprechend keine Vorerfah­rungen aufweisen, müssen ihren Alltag grundlegend, eng an den (vermuteten) Bedürfnissen des „nahenden“ Familienzuwachses orientiert, durch den sie erst zu einer „richtigen“ Familie wer­den, umstellen, um ein verantwortungsvolles Handeln und Agie­ren gewährleisten zu können.

Dies bedeutet für die Partner, daß Eigeninteressen und persönli­che Eitelkeiten zurückgestellt werden müssen, um der Rolle als Elternteil ausreichend nachkommen zu können. Dies beinhaltet meist eine zeitliche Umgestaltung alltäglicher Abläufe und Ge­wohnheiten, beispielsweise in Form einer Zäsur in der Berufs­ausübung (der Mutter), mit der Intention, sich der Situation ent­sprechend anzupassen und sich in Ruhe darauf vorzubereiten.

Eltern, die zum wiederholten Male Familienzuwachs erwarten, verfügen über einen gewissen Kenntnisstand eines regulären Schwangerschaftsverlaufes und sind sich in der Regel den An­forderungen, die auf sie zukommen, bewußt und können dem­entsprechend ihren Alltag umsichtig planen. Der Umstand einer Frühgeburt läßt das Gefühl einer Absicherung nicht mehr zu, der freie Fall tritt ein.

Eine von uns befragte Mutter beschreibt ihre Gefühle hinsicht­lich der Geburt ihrer Tochter:

„ Ich war zunächst gefangen, gefangen in tiefer Unsicherheit und Angst.“ Was sich anhört wie der Beginn eines bescheidenen Romans, ist für die Kontrollgruppe unserer Befragung als all­gemeingültig zu bewerten, wenn die Mutter fortfährt, „ danach lag ich einem grüngestrichenen Raum, über der Tür hing ein Kreuz und ich dachte nur, es soll vorbeigehen. Es soll leben. Alles war so sinnlos.“ Nach einigen Tagen der Rehabilitation kehrte die Mutter nach Hause zurück, ihr Gemütszustand blieb derselbe, die Ungewißheit konnte durch ärztliche Diagnosen nicht behoben werden. Das Neugeborene war sehr früh geholt worden und mußte intensivmedizinisch betreut werden, seine Überlebenschancen waren sehr gering und ständig drohte akute Erstickungsgefahr, was die familiäre Interaktion stark belastete.

Die Mutter erzählt: „Ich war Tag und Nacht vor Ort, ich konnte sie da doch nicht allein lassen, das waren mir zu viele kalte Ma­schinen, da fehlte die Wärme. Die Schwestern haben mir sehr viel geholfen, ebenso der Professor, alle sprachen mir Mut zu und sagten, daß alles schon wieder gut werden würde, aber ich wollte, daß sie weiß, sie ist nicht allein, ihre Mutter ist bei ihr.“

Die Schilderungen der Mutter dokumentieren einen energischen, aufopferungs- und liebevollen Einsatz für ihr Kind , den sie, selbst hilflos im Handeln, durch Präsenz in der Klinik zu kom­pensieren versucht.

Andererseits zeigt das verständliche und intensive Betreuungs­verhalten der Mutter erste Anzeichen für eine gravierende Zäsur innerhalb des bestehenden Familiengefüges, das vermutlich ein verstärktes Fehlen der Mutter zu Hause nach sich zieht und die fehlende Präsenz dadurch innerhalb der Familie durch den Va­ter, enge Verwandte und ältere Geschwister zu kompensieren und zu tragen sein wird.

Die Notwendigkeit eines verfrühten und initiierten Geburtsaktes ist auch heutzutage nicht eindeutig diagnostizierbar, da es ver­schiedene Indikatoren gibt, die eine Frühgeburt verursachen können. Dazu zählen genetische Defekte und Fehlbildungen, Krankheiten und gesundheitliche Probleme der Mutter, die auch psychischer Natur sein können, sowie toxische Infektionen, zum Beispiel verursacht durch eine spezifische Unverträglichkeit von Medikamenten.

Meistens trifft die Diagnose oder das verfrühte Einsetzen der Wehen die Eltern unerwartet und verursacht bei ihnen einen re­gelrechten Schockzustand. Alle im Vorfeld durch Plan- und Ge­dankenspiele durchlaufenen Erwartungen und Hoffnungen wer­den schlagartig negiert und die Vorfreude der Eltern schlägt um in die Sorge um den Nachwuchs, hinsichtlich der zu vermuten­den Geburtskomplikationen und der Möglichkeit einer anhalten­den kindlichen Beeinträchtigung und die Eltern müssen sich die Frage stellen, wie man diese Situation bewältigen kann, mit der man, eventuell vorab schon einmal, durch Schilderungen aus dem Bekanntenkreis oder Dokumentationen im Fernsehen, kon­frontiert wurde, deren Aufkommen innerhalb der eigenen Fami­lie aber verdrängt oder generell als unwahrscheinlich zu bewer­teten schien.

Es kann diesbezüglich sicher pauschal festgehalten werden, daß emotionale Schwankungen und eine Perspektivlosigkeit hin­sichtlich der Zukunftsgestaltung aufgrund der nicht absehbaren Konsequenzen der zu bestehenden Frühgeburt bei allen Eltern auftreten und ganzheitlich belastend wirken. Persönliche Schuldzuweisungen und Identitätskrisen sind zwar sicherlich nicht die Regel und allgemeingültige Folgeerscheinungen dieses Umstandes, können aber individuell verstärkt zu Tage treten und eine andauernde psychische Beeinträchtigung eines oder beider Elternteile verursachen.

Ein Mutter schildert ihre Gedanken wie folgt: „ Man hat kei­nerlei Anhaltspunkte mehr, alle Sicherheit ist auf einen Schlag verschwunden, die Frage nach dem Warum und der eigenen Verantwortung und Schuld für diese Situation ist stetig im Hin­terkopf. Ich überlegte unentwegt, habe ich mich fahrlässig er­nährt, habe ich mich zuwenig geschont oder habe ich mich zu vielen Streßsituationen ausgesetzt?!“

Um die schwierigen und belastenden Umstände einer Frühge­burt außenstehend besser beurteilen zu können, möchten wir vorab einige empirische Zahlen und ärztliche Diagnosen dar­stellen und Kategorien unterschiedlicher Schweregrade von Frühgeburt, verbunden mit den kindlichen Chancen und Risiken, erläutern, um die Möglichkeit zu haben, die Familie und ihre Situation gebührend nachempfinden zu können.

„In Deutschland kommen 6 bis 8 Prozent der Kinder zu früh auf die Welt, das heißt vor der 37. Schwanger­schaftswoche. Das sind etwa 50.000 bis 60.000 Frühchen pro Jahr“

(Sarimski, 2000, 11)

Dies ist ein Meßergebnis, das objektiv betrachtet ein relativ gro­ßes Aufkommen impliziert, und das Risiko einer verfrühten Ge­burt doch relativ hoch erscheinen läßt, trotz aller bekannten Ri­sikofaktoren und Indikatoren, wie es beispielsweise ein übermä­ßiger Tabak- und Alkoholkonsum während der Schwanger­schaft, eine ungünstige und einseitige Ernährung sowie Überan­strengung des Körpers in Folge einer Überschätzung der Mutter oder die überhöhte Konfrontation mit alltäglichen Streßkonstel­lationen hervorrufen kann, wodurch ein normaler Verlauf der Schwangerschaft und dadurch Mutter und Kind gefährdet wer­den können.

Die elterliche Sorge und die darauf folgende Frage nach den Chancen und Risiken ihres Kindes, ist ein zentraler Belastungs­moment der ganzen Familie, von dem die Geschwister in einem gewissen Maße tangiert werden, auch wenn sie andere Bela­stungsschwerpunkte zu tragen haben und sie sicherlich, in der Konfrontation mit der Situation, einen anderen Blickwinkel als die Eltern aufweisen. Unsere Arbeit wird noch versuchen, dies zu dokumentieren.

Der im Kinderzentrum München tätige Arzt Klaus Sarimski, der einige Untersuchungen und empirischen Befunde zu der Pro­blematik unternommen hat, verweist auf die jeweilige, individu­ell einzuschätzende Befindlichkeit des Frühgeborenen, die es erforderlich macht, den Eltern konkrete Orientierungshilfen und Einschätzungsmöglichkeiten ihrer spezifischen Situation anzu­bieten, damit gegebenenfalls vorsorgende oder fördernde Maß­nahmen getroffen werden können und erste Perspektiven aufge­zeigt werden.

Er unterteilt zur besseren Orientierung die Frühchen nach dem Geburtsgewicht und der Schwangerschaftsdauer um so eine ef­fektive Diagnose stellen zu können.

Frühchen, die ein Geburtsgewicht von 1000-2500g aufweisen und die nach der 27. Schwangerschaftswoche zur Welt kommen, haben durch die medizinischen Versorgungsmöglichkeiten gute Chancen, sich ausreichend gesund und normal zu entwickeln. 90% der Kinder überleben den Eingriff, 10-25% benötigen ver­stärkt postnatale Unterstützung durch Ärzte und Therapeuten, durch deren Förderung die Entwicklungsstörungen und Verzö­gerungen unterschiedlichstem Schweregrades behoben werden können.

Frühgeborene, die weniger als 800 Gramm wiegen und die vor der SSW 25 geboren werden, hatten vor 15 Jahren kaum eine Überlebenschance. Dank der verbesserten stationären Behand­lungsmöglichkeiten überleben heute 50% der Kinder, wobei der überwiegende Teil andauernder und weitreichender basaler För­der- und Behandlungsmaßnahmen bedürfen wird, die, je nach dem individuellen physischen und kognitiven Entwicklungs­stand, intensiviert und verstärkt werden müssen.

„Allgemein kann man als festhalten, daß, je kürzer die Schwangerschaft andauert und je geringer das Gewicht des Neugeborenen ist, die Risiken einer andauernden

Schädigung des Säuglings sich erhöhen und Kognition, Physis und basale Kompetenzen

langfristig und andauernd in Mitleidenschaft gezogen werden.“

(Sarimski,1998)

Diese Zahlen verstärken den Eindruck einer extremen Ausnah­mesituation.

Im Zuge unserer empirischen Untersuchung besuchten wir die Frühgeborenenstation der Universitätsklinik Köln und gewannen dort einen Eindruck über die medizinische Versorgung, gleich­falls kamen wir in Kontakt mit Frühgeborenen, deren Anblick uns als Außenstehende zutiefst bewegte und nachhaltig haften blieb. Man traut kaum seinen Augen, wenn man sich vorstellen will, daß dieses kleine Bündel Mensch eine praktische Überle­benschance hat.

Auf den ersten Blick kann man dies wirklich nicht erwarten, man ist zunächst geschockt und verspürt tiefgreifende Anteil­nahme bzw. Mitleid.

Die Gefühle der engsten Verwandten, der Eltern und der Ge­schwister müssen dementsprechend umso heftiger involviert und tangiert sein und erheblichen Schwankungen und Ängsten un­terliegen.

Die nun vorliegende Untersuchung legt ihren Schwerpunkt in die Beurteilung der Geschwistersituation und ihre individuellen Erfahrungen, Verhaltensweisen und Einstellungen bezüglich der Thematik Frühgeburt, ihre Auswirkungen auf das familiäre Ge­füge und ihre Folgeerscheinungen für das Handeln und Agieren der Geschwister.

Zunächst wollen wir allgemeine, theoretische Aspekte und Be­dingungsfaktoren von Geschwisterkonstellationen aufzeigen, um eine fundierte Basis zur Erstellung einer empirischen Untersu­chung zu erlangen, die eine gewisse Transparenz impliziert und die uns dadurch ermöglicht, verschiedene Interpretationsoptio­nen aufzustellen.

Danach versuchen wir, die Methodik unserer Geschwisterbefra­gung zu erklären und zu beschreiben, um unsere Absichten und Ziele der Untersuchung, die wir vorab festgelegt haben, an­schaulich dokumentieren zu können.

Danach wollen wir einen Einblick in die Befragung der Eltern, die die Funktion der Kontrollgruppe übernehmen, gewähren und einige Aussagen explizit darstellen, um einen Einstieg in den Schwerpunkt „Geschwistersituation Frühgeborener“ zu erhalten.

Anschließend folgt die Darstellung und Auswertung der Ge­schwistersituation anhand der von uns gesetzten Schwerpunkte „ Aggression “ und „Soziale Kompetenzen“.

Abschließend erfolgt die Erstellung eines Resumees und es wird der Versuch einer Vorschau auf weitere empirische Untersu­chungen, die gewisse Aspekte und Erkenntnisse vertieft erläu­tern sollen, vorgenommen.

2. Die Geschwister - Bindung

Frage: „War es für Sie wichtig, daß Sie eine Schwester hat­ten?“ fragte ich Rebecca. Sie richtete sich ein wenig auf, hob die Handflächen, zuckte kurz die Achseln und warf mir einen irritierten Blick zu, um mir zu zeigen, daß ich nicht begriffen hatte, was doch auf der Hand lag.

„Natürlich war es wichtig! Ich weiß, daß ich eine Schwester habe! Sie ist von meinem Fleisch und Blut. Und ich muß sie gar nicht die ganze Zeit um mich haben. Einen Bruder zu haben, eine Schwester...“

Sie hielt inne, suchte nach den richtigen Worten für ihr tiefinne­res Gefühl. „Einfach zu wissen, daß sie...da sind..., darauf kommt es an.“

Die Geschwisterbindung stellt eine der dauerhaftesten und ein­flußreichsten Beziehungen im Leben dar. Doch welchen Stel­lenwert hat dieser Verbund, was kann er leisten und vor allem: Welche Ursachen verstärken diese Bindung oder lassen sie ver­kümmern? Entscheidenden Einfluß nehmen sicherlich die El­tern auf die Geschwisterbeziehung im guten wie im schlechten Sinne.

Definitionsgemäß stellt sich die Geschwisterbindung als eine intime wie öffentliche Beziehung zwischen dem Selbst von zwei Geschwistern dar.

2.1 Zugangsweisen von Geschwistern:

Eine wesentliche Bedeutung, welche die emotionale Beziehung zwischen Geschwisterkindern ausmacht, kann man unter dem Begriff „Zugang“ festhalten. Die Spannbreite der Zugangswei­sen der Geschwister untereinander können durchaus weit aus­einanderklaffen. Geschwister mit niedrigem Zugang kennzeich­nen sich dadurch, das sie ohne einen gemeinsamen Resonanzbo­den durchs Leben gehen. Das beinhaltet zumeist ein Altersunter­schied von mehr als acht Jahren, sie gehören unterschiedlichen Generationen an, haben in ihren Interessensbereichen wenig miteinander zu tun und ihre sozialen Umfelder greifen nicht unmittelbar ineinander. Sie haben nur wenig Zeit miteinander verbracht und kaum eine gemeinsame, persönliche Geschichte. Ihre Schulzeit, Freunde, ja sogar ihre Eltern waren verschieden, da sie sich je nach Lebensalter anders in ihrer Rolle verhalten. Ein entscheidendes Kriterium für die emotionale Distanz liegt darin begründet, daß sie sich gegenseitig kaum gebraucht haben, auch für die Eltern war ein Zusammenhalt der Kinder nicht zwingend notwendig.

Folglich fördert ein geringer Altersunterschied und auch die Gleichgeschlechtlichkeit den Zugang zu gemeinsamen Le­bensereignissen, während Unterschiede in Alter und Geschlecht ihn verringern (vgl.: Bank/Kahn, 1991, 15).

Diese empirischen Tendenzen lassen sich allerdings nicht so weit vertiefen, das man sagen könnte, zwischen einem 30-jähri­gen Bruder und seiner 15jährigen Schwester gäbe es keine Bin­dung. Entscheidend sind die innerfamiliären und persönlichen Umstände, die im Familiengefüge herrschen.

So ist es durchaus denkbar, daß etwa gleichaltrige Geschwister in ihrem Bindungsgefühl starke Defizite verspüren, aus dem Umstand heraus, daß sie bei getrennten Elternteilen aufwuchsen oder sonst wenig miteinander zu tun hatten.

Deshalb gibt es praktisch keine starke Geschwisterbindung ohne hohen Zugang in den entscheidenden Jahren der Entwicklung.

Wichtige Merkmale sind unter anderem: Besuch der gleichen Schule, gleicher Freundeskreis, gemeinsames Zimmer, Tausch von Kleidungsstücken etc.

Auch die Zugangsintensität und -dauer beeinflußt die Qualität der Beziehung. Je früher der Zugang beginnt und je länger er dauert, desto intensiver wird die Beziehung.

2.2 Der allgemeine Wandel in den Familienstrukturen und dessen Einfluß auf die Geschwistersituation:

Die epochale Entwicklung in Bezug auf die Geschwisterbezie­hung spiegelt den

allgemeinen Wandel in den Familienstrukturen wieder.

Die Familiensoziologie zeigt in zahlreichen Studien, daß sich die familiären Beziehungen im 20.Jahrhundert gelockert haben und das hat auch entscheidenden Einfluß auf die Geschwisterbe­ziehungen.

Geschwister können heutzutage in der Familie deutlich früher ihren eigenen Weg gehen. Traditionelle Bräuche, wie zum Bei­spiel das Erstgeburtsrecht bzw. Erbrecht, wobei dem ältesten Sohn die Übernahme des Besitzes und des Titels zustehen und ihm dadurch eine entscheidende Machtstellung in der Familie eingeräumt wird, spielen heute kaum noch eine Rolle.

Im allgemeinen ist die Macht der Eltern, Heranwachsende an die Familie und aneinander zu binden, sehr viel geringer geworden. Der Drang, sich selbst zu verwirklichen, früh selbständig zu sein, um auf eigenen Füßen stehen zu können, als auch der Trend zur Spaß- und Erlebnisgesellschaft, drängen Kinder und Jugendliche immer früher und zielstrebiger aus dem familiären Umfeld heraus.

Auch ist es den Geschwistern selbst überlassen, anders als frü­her oder in anderen Kulturen, selbst zu entscheiden, ob und was sie miteinander zu tun haben wollen.

Der Trend in unserer modernen Gesellschaft, mit ihren zum Teil besonderen Ansprüchen, geht dahin, daß Geschwister, die gut miteinander auskommen, einander zugänglicher sind. Aktuelle gesellschaftliche Veränderungen wie kleinere Familienstruktu­ren, höhere Lebenserwartung, Scheidung und Wiederheirat, geographische Mobilität, Mütterarbeit und alternative Kinder­versorgung, Streß sowie elterliches Versagen sind elementare Faktoren, die Geschwister heute mehr in Kontakt bringen und eine größere emotionale Interdependenz zwischen ihnen fördern (vgl.: Bank/Kahn, 1991, 17).

2.2.1 Wandel der Familiengröße:

Die Mehrzahl der Kinder wächst heutzutage in Ein- oder Zwei–Kinder– Familien auf, die Drei- und Mehr-Kinder-Familie ist in Deutschland eine Seltenheit (vgl.: Nave-Herz, 1994, 20).

Die Reduktion der Geburtenrate involviert qualitative Auswir­kungen auf die innerfamiliären Interaktionsbeziehungen, da gruppendynamische Prozesse auch durch die Gruppengröße be­stimmt werden. Sie bewirkt, daß es häufig an nachbarschaftli­chen Spielgruppen mangelt und daß Einzelkinder heute nicht nur in der Familie, sondern auch in der nächsten Umgebung al­lein sind. In der Zwei-Kind-Familie intensiviert sich das Ge­schwisterverhältnis zwangsweise durch die gegenseitige Abhän­gigkeit zueinander. Der Einfluß, der auf den Bruder bzw. auf die Schwester ausgeübt werden kann, ist enorm. Folglich resultiert aus dem Fehlen anderer Geschwister, mit denen man sich identi­fizieren kann, daß heutige Geschwister in sehr intensiven Bezie­hungen gefangen bleiben können.

Vergleicht man die heutige Situation mit der vor 80 Jahren, so kann man feststellen, daß heute die Altersunterschiede zwischen Geschwistern wesentlich geringer sind als früher. Tendenziell viele Mütter verfolgen ihre eigene berufliche Karriere und sind daran interessiert, möglichst wenige Schwangerschaften so rasch wie möglich hinter sich zu bringen, um sich schnell wieder in den Berufsprozeß eingliedern zu können. Oft ist die Kinderpla­nung dahingehend ausgerichtet, daß die Kinder höchstens drei bis vier Jahre, meist aber nur ein bis zwei Jahre auseinander lie­gen. Diese geringen Altersunterschiede haben zur Folge, daß die gegenseitige Einflußnahme auch besondere Auswirkungen auf das Abhängigkeits- und Konkurrenzverhalten hat.

2.2.2 Aspekt der erhöhten Lebenserwartung:

Wenn man sich die schrumpfende Familiengröße vor Augen führt, dann zeigt sich gleichzeitig ein gegenläufiger Trend im Hinblick auf die heute zu erwartende Lebensspanne.

Die durchschnittliche Lebenserwartung in Mitteleuropa beträgt mittlerweile bei Männern ungefähr 74 und bei Frauen 80 Jahre. Dies ist vor allem der fortschreitenden medizinischen Versor­gung aber auch der verbesserten Ernährung zuzuschreiben. Seit 1980 ist die Vier-Generationen-Familie zur Realität geworden. Das hat zur Folge, daß Geschwister mehr Lebenszeit miteinan­der verbringen als je zuvor. Durchaus realistisch ist daher, daß das Leben mit dem Geschwister länger dauert als das mit den Eltern. Die Sozialisationsforschung gibt Anzeichen dafür, daß Geschwister im Alter, nach dem Tod der Ehepartner und dem Auszug der eigenen Kinder, ein sehr starkes Netzwerk bilden (vgl.: Cicerelli 1977; Townsend 1957). So ist gerade in den letzten Jahren deutlich zu beobachten, daß Geschwisterpaare gemeinsam in Pflegeheimen unterkommen.

Das Schicksal des Einzelkindes kann gerade im 21. Jahrhundert schwerwiegende Konsequenzen haben. Die Kleinfamilie macht am Lebensende potentiell verletzlicher und wenn auch noch ein Bruder oder eine Schwester stirbt, geht unter Umständen die wesentlichste Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegen­wart verloren.

2.2.3 Der Einfluß der geographischen Mobilität:

Die Tatsache, daß wir mittlerweile in einer hochmobilen Gesell­schaft leben, läßt ebenfalls Rückschlüsse auf den immens hohen Stellenwert der Geschwisterbeziehung schließen. Es kommt immer öfter vor, daß Familien aus beruflichen, sozialen oder wirtschaftlichen Gründen umziehen. Dabei werden Freund­schaften und soziale Netzwerke abgebrochen, es kommt zu Schul- und Lehrerwechseln. Die Kinder und Jugendlichen müs­sen sich mit den neuen Umständen abfinden und sich an die neue Umgebung gewöhnen. In einer solch prekären Situation ist der Bruder bzw. die Schwester die konstant vorhandene Person, die im Guten wie im Bösen dem „Leidensgenossen“ zur Seite steht.

2.2.4 Scheidung und Wiederheirat:

In den letzten Jahren hat sich der Trend der steigenden Instabi­lität von Ehe und Familie fortgesetzt. Er wurde insbesondere als Deinstitutionali sierungsprozeß innerhalb der Familie gedeutet (vgl.: Tyrell, 1985).

Bech-Gemsheim 1990 und Zapf 1992 betonen ebenfalls den ge­stiegenen Traditionsverlust, sehen die zunehmende Auflösung fester Verbindlichkeiten als Gewinn an individueller Freiheit an und benennen diese Entwicklung als Individualisierungsprozeß, wobei das Individuum frei entscheidet, welches menschliche Zusammenleben es wählt.

In den letzten Jahrzehnten haben in Deutschland verschiedenar­tige Familienformen, die nicht der Norm entsprechen, statistisch an Gewicht gewonnen.

Das heißt, es ist ein stetiger Anstieg von nichtehelichen Le­bensgemeinschaften mit Kindern, der Ein-Eltern-Familien und von Wiederverheiratungen (Stiefelternschaften) zu erkennen.

Zum Vergleich hat sich in Deutschland die Zahl der nichteheli­chen Lebensgemeinschaften von 137.000 (1972) auf 963.000 (1990) versechsfacht.

Die Zahl der Ein-Eltern-Familien hat in den letzten 20 Jahren in Deutschland ebenso explosionsartig zugenommen. Ihr Anteil beträgt nunmehr 19% an allen Familienformen.

Besonders aussagekräftig ist die Zahl der alleinerziehenden Müttern. Sie machen mittlerweile 10% aller Familienformen aus. Dieser Trend entwickelte sich in den letzten 20 Jahren (vgl.: Nave-Herz, 1994, 11).

Die Zunahme der Ein-Eltern-Familien ist im Wesentlichen eine Folge der stark gewachsenen Scheidungshäufigkeit.

Insgesamt kann gesagt werden, daß sich in allen europäischen Staaten seit Ende des 2.Weltkriegs die Scheidungsrate verdop­pelt bis verdreifacht hat.

Das heißt mit anderen Worten: Jede dritte Eheschließung in Deutschland wird wieder geschieden.

Doch welche Auswirkungen haben diese Tatsachen auf die all­gemeine Geschwistersituation?

Der Schock der Scheidung wird oft abgelöst vom Schock der neuen Eheschließung, denn die Mehrzahl der Geschiedenen hei­ratet innerhalb weniger Jahre noch einmal. Die Kinder werden abermals in neue Familienkonstellationen geworfen. Festzuhal­ten ist, daß jedes Kind die Umstände einer Scheidung und die neue Ehe anders erlebt. Geschwisterkinder haben die Möglich­keit, sich mit dem Trauma der auseinanderbrechenden Familie gemeinsam zu konfrontieren. Es ist allerdings noch nicht empi­risch erwiesen, ob diese Erfahrungen die Geschwister näher zu­sammenbringen, sie eher eine neutrale Haltung einnehmen oder ob das Konfliktpotential dadurch größer wird.

Fakt ist allerdings, daß Störungen innerhalb der Familie Ge­schwisterbeziehungen zwangsläufig aktivieren (vgl.: Ransom 1979, Reeves 1982)

2.2.5 Steigende Mütterarbeit und entsprechende

Kinderversorgung

Immer mehr Mütter sind verpflichtet, aus finanzieller Notwen­digkeit oder aber auch aus dem Bedürfnis nach gleichberechtig­ter Teilhabe an der beruflichen und gesellschaftlichen Wirklich­keit heraus, arbeiten zu gehen.

War 1950 jede vierte Mutter mit Kindern unter 18 Jahren er­werbstätig, so war es 1961 jede dritte und nunmehr sogar jede zweite (vgl. Nave- Herz , 1994, 31)

Selbst von den Müttern mit Kindern unter sechs Jahren gehen über ein Drittel in Deutschland einer Erwerbstätigkeit nach.

Das hat zur Folge, daß in vielen Familien die Zuwendung in wichtigen Entwicklungsabschnitten der Kinder zu kurz kommt. Die Kinderversorgung übernehmen in den Arbeitsphasen der Mütter zum größten Teil Babysitter bzw. das Personal von Kin­dertagesstätten.

Für Geschwisterkinder bedeutet dies, daß sie in der Zeit, in der sie ohne Aufsicht durch die Eltern sind, auf sich selbst angewie­sen sind oder der ältere Geschwisterpart übernimmt die Funk­tion des Babysitters. In der Zeit ohne Kontrolle wird besonders dem älteren und vernünftigeren Geschwisterteil eine enorme Verantwortung übertragen.

2.2.6 Konkurrenzdruck innerhalb der Familie:

Die Konkurrenz zwischen Geschwistern um den Erfolg in der Außenwelt (Wer hat das beste Zeugnis? Wer bringt deutlichere Erfolge im Sportverein etc.?) zwingt sie, sich miteinander zu messen.

Die immer ausschlaggebendere Funktion der Wettbewerbs- und Leistungsgesellschaft und deren Ansprüche stellen auch deutli­che Ansprüche an die Geschwister.

„Geschwisterliche Rivalität beruht einerseits auf dem Wettstreit um elterliche Anerkennung und Zuwendung, andererseits auf dem Bestreben, innerhalb der Geschwi­sterbeziehung einen erwünschten Status zu erreichen“

(Hackenberg, 1992, 31).

Intensive Rivalitätsbestrebungen sind insbesondere zwischen Brüdern vorzufinden und sie sind besonders ausgeprägt bei ge­ringem Altersunterschied.

2.2.7 Streß und elterliches Versagen:

Geschwisterbeziehungen können, wenn die Eltern unter starkem Streß stehen und dadurch zeitweilig nicht zugänglich sind, wichtige Kompensations-leistungen vollbringen. Sie sind unter Umständen füreinander da und können sich am Besten in den anderen hineinversetzen, da sie selbst in der gleichen Problem­lage stecken. Gerade bei schwerwiegenden Problemen wie Al­koholismus, psychischen Störungen von Seiten der Eltern oder Mangel an elterlicher Fürsorge, geben sich Geschwister oft den nötigen Rückhalt in der schwierigen Familiensituation.

Die sozialen Veränderungen der modernen Gesellschaft lassen die heutige Kinder- und Jugendgeneration in einer komplizierten Welt aufwachsen, in der Kontakt, Konstanz und Permanenz selten sind. Da dies aber lebensnotwendige Bedürfnisse von Kindern sind, versuchen sie diese zu befriedigen, indem sie sich an jede ihnen zugängliche Person wenden. Von daher ist es nicht verwunderlich, daß gerade Geschwister in den Familien diese Rolle bestens ausfüllen.

2.3 Die Lebenssituation von Geschwistern behinderter Kinder und deren Auswirkungen auf die Beziehung un­tereinander

Durch die Geburt eines behinderten Kindes werden die Ge­schwisterkinder schon frühzeitig und eindringlich mit menschli­chem Leid konfrontiert.

Auf die Geburt eines geistigbehinderten Kindes bzw. auf die Entdeckung der geistigen Behinderung ihres Kindes reagieren Vater und Mutter wahrscheinlich aus biologischen und ge­schlechtsrollenspezifischen Gründen sehr unterschiedlich, wobei sich die Reaktionen der Mütter aus Erfahrungsberichten sehr spontan und zum Teil unkontrolliert äußern, während der Vater weniger zu derartig offenen Gefühlsausbrüchen neigt. Das für das nicht-behinderte Kind als fremdartig erscheinende und wahrscheinlich erschreckende Verhalten der Mutter ist die erste Konfrontation des nicht-behinderten Geschwisters mit der Be­hinderung, so daß angenommen werden darf, daß das Verhalten der Mutter die erste Vorstellung von dem, was Behinderung meint, in einer negativen Richtung beeinflußt und somit den Aufbau einer geschwisterlichen Beziehung hemmt.

Des weiteren geht aus Studien hervor, daß besonders in dieser Phase der Vater als emotionaler Ausgleich für das Geschwister­kind eine besondere Rolle spielt.

„Demgegenüber zeigt sich für die Beziehung zum Vater, daß mehr positive und weniger negative Zuordnungen mit erfolgreicher Bewältigung der Geschwister im Jugendal­ter in Zusammenhang stehen. Dies weist auf die kompen­satorische Funktion des Vaters für unvermeidliche Zu­rücksetzungen des Geschwisters in traditionell struktu­rierten Familien hin.“

(Hackenberg, 1992, 37)

Vorwiegend bringt das behinderte Kind das familiäre Gleichge­wicht durcheinander und über langfristige Anpassungsprozesse muß ein neues Gleichgewicht erst wieder aufgebaut werden. Auf die Geschwisterkinder wirken mehr oder weniger schwere Bela­stungen und Beeinträchtigungen durch die Behinderung, aber auch ihre Stellung innerhalb der Familie und ihre Beziehungen zu den übrigen Familienmitglieder wird nachhaltig beeinflußt.

Somit gelten Geschwister behinderter Kinder in psychologi­schen Untersuchungen als Risikogruppe aufgrund zusätzlicher Belastungen praktischer, emotionaler und kognitiver Art. Ver­änderungen in der familiären Interaktion, neue, evtl. sogar ver­letzende Erfahrungen im sozialem Umfeld als auch die Ausein­andersetzung mit Normen und Werten können mögliche ent­scheidende Einschnitte in der Persönlichkeitsentwicklung be­wirken.

Wenn man bedenkt, daß die Erkenntnis, ein geistigbehindertes Kind zu haben, bei den Eltern zum größten Teil enttäuschte Zu­kunftserwartungen, „Frustrationen der eigenen Ambitionen“, „Enttäuschung“ und gekränkte „Eigenliebe“ (vgl.: Vliegenthart/ Dunk, 1968, 355) hervorruft, so drängt sich die Frage auf, wel­che Bedeutung in und nach der Konfrontation mit der Behinde­rung ein gesundes, nicht-behindertes Kind hat, in dem all die durch das geistigbehinderte Kind negierten Komponenten be­stätigt sind. So ist es denkbar, daß die Geschwister gewisserma­ßen als Entschädigung für ihre schwerbetroffenen Eltern zu exi­stieren haben (vgl.: Oriesek-Savioz, 1979, 35) und auf diesem Hintergrund ihrer mehr instrumentellen Funktion zu neuroti­schen Verhaltensweisen neigen (vgl.: Richter, 1967).

Die in dem Zustand seelischer Erschütterung sich möglicher­weise herausbildenden Kompensationsbestrebungen müssen nicht dauernd stabil bleiben, sondern werden von Art und Grad, der dem Schockzustand nachfolgenden Verarbeitung der Behin­derung, durch die Eltern modifiziert und langfristig geprägt.

Mit anderen Worten heißt dies, daß das Geschwisterkind unter Umständen einem erhöhten Leistungsdruck ausgesetzt ist. Es soll etwas Vernünftiges lernen, später einen ordentlichen Beruf ergreifen und die Familientradition ehrenhaft fortführen.

2.4 Die „traditionslose Elternschaft“ und deren potentielle Konsequenzen für die nicht-behinderten Geschwister - Die Auswirkungen der Behinderung auf die Familienbeziehung -

Das Rollengewicht innerhalb der Familie wird durch ein behin­dertes Kind schwer gestört. Die Basis der familiären Beziehun­gen, die auf Reziprozitätsnormen beruht, das heißt auf dem si­cheren Gefühl der Entsprechung von Erwartungen und Ge­generwartungen, von physischen, psychischen und sozialen Lei­stungen und Gegenleistungen, ist erschüttert.

„Das behinderte Kind kann aus der Sicht der Familien­mitglieder diese Reziprozitätsnormen nicht erfüllen.“

(Thimm, 1974, 15).

In Anbetracht der Tatsache, daß die Behinderung des Kindes die Eltern in einen unerwarteten, unerwünschten und im Verlauf ih­res bisherigen Sozialisationsprozesses in einen nicht antizipier­ten Status drängt, ist es nicht verwunderlich, daß sie in den mei­sten Fällen der neuen, vornehmlich durch die Bedingungen des behinderten Kindes bestimmten Situation und den daraus entste­henden Aufgaben völlig hilflos gegenüber stehen. Sie können nicht auf direkte oder indirekte Erfahrungen im eigenen Lebens­bereich zurückgreifen und hier reicht die auf sozialer Vererbung beruhende Erzieherfähigkeit auch nicht mehr aus, um dieses spezifische Erziehungsproblem bewältigen zu können (vgl.: Balzer/Rolli, 1975, 48). Aus diesem Aspekt der „traditionslosen Elternschaft“ resultieren insbesondere Unsicherheiten im erzie­hungspraktischen Bereich, die häufig einen den sozialen und intellektuellen Fähigkeiten adäquanten Umgang mit dem Behin­derten unmöglich machen. Aber auch erhebliche Defizite im Er­ziehungsverhalten des Nicht-Behinderten sind auszumachen. Es zeigt sich überwiegend ein gegenläufiger Trend. Ein Großteil der Eltern von Geistigbehinderten tendiert zu einer Unterforde­rung und im besonderen Maße zu einer Überbehütung des Be­hinderten. Die Untersuchungen von Hewett/Newson (1970, 98) erbrachten, daß mehr als die Hälfte der Eltern der Meinung sind, sie würden weniger vom behinderten Kind erwarten, selbst dann, wenn es älter sei, als vom nicht-behinderten Kind. In den Studien von Carr (1978) und Hewett/Newson(1970) ist es sogar ein nicht unerheblicher Teil der befragten Eltern, die eine Be­vorzugung des Behinderten gegenüber seinen nicht-behinderten Geschwister/n zugeben. Hinzu kommt oftmals die zusätzliche Pflegebedürftigkeit des behinderten Kindes, welche die Eltern-Kind-Verbindung zusätzlich intensiviert und eindeutig zu Lasten der anderen Geschwister geht. Daß die nicht-behinderten Ge­schwister unter derartigen Bedingungen das Gefühl des Zurück­gesetztseins, des von den Eltern Weniger-geliebt-Werdens ent­wickeln müssen, ist durchaus einsichtig, sehen sie sich doch permanent mit anderen Maßstäben als das behinderte Geschwi­ster gemessen. Ist dieses Gefühl gerade bei altersnahen Ge­schwistern, die sich die Liebe der Eltern teilen müssen, latent vorhanden, so tritt

„anstelle von solidarischem Geschwisterverhalten, auf das gerade der Behinderte besonders angewiesen wäre, Miß­gunst und Eifersucht.“

(Balzer/Rolli, 1975, 52)

Trotz dieses in der Literatur vorwiegenden Gedankens, daß die priviligierte Stellung des Behinderten die Quelle von familiären Konflikten darstellt, zeigen gerade neuere Arbeiten recht posi­tive Geschwisterbeziehungen. „So wurden in der Untersuchung von McHale et al. (1986) von Geschwistern autistischer und gei­stig behinderter Kinder im Durchschnitt ähnlich positive Ge­schwisterbeziehungen geschildert wie in der Kontrollgruppe von Geschwistern nicht behinderter Kinder. Allerdings fand sich in den Untersuchungsgruppen eine weit größere Streuung. Die Ge­schwister der behinderten Kinder gaben mehr sehr positive und mehr sehr negative Einschätzungen ihrer Geschwisterbeziehun­gen ab als die Geschwister der nicht behinderten Kinder, die sich mit ihren Einschätzungen wesentlich enger um den Mittel­wert gruppierten.“(vgl.: Hackenberg, 1992, 16)

Immer wieder genannte Merkmale von Seiten der betroffenen, nicht-behinderten Geschwister, die im engen Zusammenhang mit besonders positiven Geschwisterbeziehungen stehen, sind:

- Eine deutlich wahrzunehmende Annahme des behinderten Kindes durch die Eltern
- Eine geringe bzw. kaum wahrnehmbare Zurücksetzung bei den Eltern
- Eigene Kompetenz im Umgang mit der Behinderung
Auch die Untersuchung von Gath et al.(1987) zeigt vorwiegend herzliche Beziehungen bei Geschwistern von geistig behinderten Kindern.

Die zeitgleichen (1987), aber methodisch unterschiedlich ge­stalteten Forschungsansätze von Stoneman und Schubert über die Beziehung zwischen den nicht-behinderten Geschwistern und ihren Eltern, brachten zwei grundlegend unterschiedliche Ergebnisse.

Stoneman fand bei Beobachtungen von familiären Interaktionen, wobei das behinderte Kind jünger ist als sein Geschwisterteil und beide vom gleichen Geschlecht abstammen, heraus, daß sich keine Anzeichen für eine Benachteiligung von älteren Ge­schwister behinderter Kinder bewahrheiten. Im Vergleich zu ei­ner Kontrollgruppe stellt sich sogar heraus, daß die Jungen der Versuchsgruppe (mit behinderten Geschwister) mehr Interaktio­nen mit der Mutter haben.

Schubert dagegen geht von einer erhöhten Belastung und Störanfälligkeit in Familien mit behinderten Kindern aus. Aus­schlaggebend sind die Aussagen von Geschwistern behinderter Kinder, die die Beziehung zu ihren Eltern tendenziell ungünsti­ger bewerten als die Befragten der Kontrollgruppe. Erstaunlich sind dagegen die Angaben der Eltern, die ihre Beziehung zu ih­ren nicht behinderten Kindern entsprechend besser beurteilen, als dies die Eltern der Kontrollgruppe taten. Dieses gegenläufige Ergebnis entschlüsselt Schubert als gestörte Eltern- Kind-Bezie­hung.

2.5 Ableitbare Problembereiche für das nicht-behinderte Geschwister und resultierende Reaktionsmuster:

Geschwister von behinderten Kindern kämpfen gegen ein breites Spektrum an Belastungen und Konflikten an. Sie reichen von praktischen Belastungen durch Haushalts- und Betreuungs­pflichten, über intrapsychische und intrafamiliäre Schwierig­keiten bis hin zu Konflikten mit dem sozialen Umfeld und mit gesellschaftlichen Wertvorstellungen.

Die Elternrolle nimmt in ihrer Funktion immer deutlichere, in­strumentelle Rollenanteile an. Die Aufopferungsbereitschaft der Eltern beinhaltet neben dem erhöhten finanziellen Aufwand auch spezielle zeitliche Probleme. Arztbesuche, Übungsstunden, Therapiestunden sowie die erhöhte Zuwendungsbedürftigkeit beim Erlernen lebenspraktischer Fertigkeiten, wirkt sich als ein Mehr an zeitlicher Belastung für die Eltern aus, das von den Ge­schwistern als ein Mehr an effektiver Zufuhr mit dem Gefühl der eigenen Vernachlässigung, des „weniger Geliebtwerdens“ interpretiert werden kann.

Zum Anderen kann das Faktum der hohen instrumentellen Rol­lenanteile aber auch insofern Rückbezüge auf die Geschwister haben, als diese, um die Eltern zeitlich zu entlasten, vermehrt Aufgaben im häuslichen Bereich übernehmen müssen bzw. Aufgaben erledigen, die mit der Behinderung in Zusammenhang stehen. Wird diese Möglichkeit, das nicht-behinderte Geschwi­ster aktiver in derartige Aufgaben einzubeziehen, von einigen Autoren zur Entspannung der familiären Gesamtsituation vorge­schlagen (vgl.: Schmidt-Thimme, 1970, 50), skizzieren Farbers (1962, 240-241) Ergebnisse eher negativer Effekte, so etwa die Tendenz, daß Mädchen, die häufiger in die Pflege ihres behin­derten Geschwisters einbezogen werden, ein schlechteres Ver­hältnis zu diesem haben als diejenigen, die weniger oft mit die­sem in Kontakt treten. Auch Holt (1958), der explizit die männ­lichen Geschwister in seine Aussage einschließt, weist anhand seiner Studie die stärkere Belastung der so Angesprochenen nach.

„Kinder, die aufgrund familiärer Krisensituationen zu früh selbständig werden müssen, finden später oft nur schwer den Zugang zu ihrem eigenen kreativen Potential.“

( Wallerstein et al.,1989)

Nimmt man aktuellere Erkenntnisse, dann lassen sich Anzeichen für eine abnehmende Belastung der Geschwister finden, denn heutzutage sind viele Familien durch eine verbesserte institutio­nelle Versorgung des behinderten Kindes (Ganztagsschulen, Sonderkindergärten, integrative Programme etc.) entlastet.

Eine amerikanische Untersuchung von Stoneman (1988) ergibt zwar eine verstärkte Einbeziehung der älteren Schwestern in Betreuungspflichten, dies geht allerdings nicht auf Kosten ihrer Kontaktmöglichkeiten zu Gleichaltrigen. Vergleicht man dies­bezüglich die Pflichten der älteren Brüder behinderter Kinder, so entsprechen sie in ihrem Umfang etwa den Aufgaben älterer Schwestern von nicht-behinderten Kindern. Komplementär ist, daß die Geschwister, denen umfangreiche Betreuungspflichten auferlegt werden, ein gespanntes bis feindseliges Verhältnis zu ihrem behinderten Geschwisterteil haben.

Ein weiterer, entscheidender Faktor, kann im Schweregrad der Behinderung gesehen werden, wird sich doch die physische und zeitliche Belastung der Eltern in Relation zu diesem steigern. Hierbei ist nicht zu verkennen, daß die Inanspruchnahme von therapeutischen und pädagogischen Angeboten den Eltern Hil­fen zum angemessenen Umgang mit dem Behinderten und zum Aufbau eines realitätsgerechten Erziehungsverhalten diesem ge­genüber bieten kann, so daß langfristig der Aspekt der Entla­stung und Entspannung durchaus zu überwiegen vermag.

Ein weiterer Aspekt, nämlich der stagnierende Familienzyklus in der Kennzeichnung der sogenannten „permanenten Eltern­schaft“, kann für die Geschwister eine tragende Bedeutung be­kommen. Nämlich dann, wenn der Nicht-Behinderte weniger als Spielkamerad sondern als Miterzieher und Mitverantwortlicher für den Behinderten gesehen wird. Laut Harbauer (1976, 42) werden alle Familienmitglieder, auch die Geschwister, durch die Gegenwart eines geistigbehinderten Kindes daran gehindert, die ihnen eigentlich zukommende Rolle adäquat einzunehmen. Die Übertragung der permanenten Elternschaft in eine „permanente Geschwisterschaft“ kann vermutet werden. Dies hat entschei­denden Einfluß auf die spätere Versorgung des Behinderten ei­nerseits, andererseits aber auch auf die Zukunftsplanung des Ge­schwisterkindes.

Doch welche Auswirkungen haben intrapsychische und inter­personelle Konflikte und Belastungen von Geschwistern behin­derter Kinder tatsächlich?

Sind sie grundlegend anfälliger für Verhaltensstörungen, Anpas­sungsschwierigkeiten oder neurotische Verhaltensweisen?

Hierüber gibt es unterschiedliche Auffassungen von Graliker (1962), Cath (1972), Grossman (1972), Kew (1975) und Cleve­land (1977).

In einer früheren Untersuchung Hackenbergs von 1983 läßt sich keine erhöhte Rate von Verhaltensstörungen aufweisen, aller­dings gibt es Anzeichen für eine erhöhte emotionale Labilität bei den Geschwistern im Kindesalter.

Ein wesentlicher Faktor sind nach Meinungen dieser fünf Auto­ren, die individuell unterschiedlichen Entwicklungsbedingungen innerhalb der betroffenen Familien. So zeigen Geschwister von schwer behinderten Kindern deren Mütter depressive Verhal­tensmuster haben, infolge der „Mutter-Deprivation eine erhöhte Aggressivität und zunehmend depressive Gefühle und Tenden­zen zur sozialen Isolation“ (vgl.: Breslau et al. 1987).

Besonders in der angloamerikanischen Literatur (vgl.: Cath, 1973) wurde die Frage nach deviantem Verhalten aufgeworfen. Es konnte festgestellt werden, daß Geschwister von Kindern mit Down-Syndrom von ihren Lehrern wie von ihren Eltern signifi­kant häufiger als „antisozial“ beurteilt wurden, als dies die Kontrollgruppe tat. Allerdings kann keine andere Untersuchung das Ergebnis bestätigen. Studien von Caldwell/Guze (1960), Graliker (1962), Schipper (1959) und Tizard/Grad (1962) be­stätigen vielmehr die „Normalität“ des geschwisterlichen Ver­haltens und deren sozialen Bezüge.

Die Arbeit von Grossmann (1979, 438-439) weist der Existenz des Geistgibehinderten sogar eine „wohltätige Wirkung“ nach, denn alle Angehörigen der Untersuchungsgruppen besaßen im allgemeinen mehr Toleranz sowie mehr Mitgefühl.

3. Methodik

In Anlehnung dieser unterschiedlichen Ergebnisse aus der Wirklichkeit der Geschwistersituation soll unter verstärkter Be­trachtung der Hackenberg-Studie (Geschwister behinderter Kin­der im Jugendalter – Probleme und Verarbeitungsformen) die Geschwistersituation in Familien mit einem frühgeborenen Kind empirisch erforscht werden. Hierbei beschäftigen wir uns mit Familien die mindestens zwei Kinder haben, wobei das jüngere ein Frühgeborenes sein muß. Unsere geplante Fokussierung bzw. Zuspitzung der Interviewgruppe (Geschwister) sollte sich ursprünglich auf Kinder im Alter von 9-15 Jahren erstrecken. Da sich die Suche nach geeigneten Personen jedoch als besonders schwierig erwies, sahen wir uns gezwungen, die Intervie­wgruppe auf die Altersstruktur von 9-20 auszuweiten. Ebenso mußten wir in Kauf nehmen, daß einige spezielle und tieferge­hende Fragen, vornehmlich von den ganz jungen Interviewteil­nehmern, die zum Zeitpunkt der verfrühten Entbindung selber noch relativ jung waren, nicht beantwortet werden konnten.

Um unser Aufgabengebiet sinnvoll einzuschränken, konzen­trierten wir uns auf die uns in der Hackenberg–Studie besonders prägnant erscheinenden Bezugspunkte Aggression (Torben) und soziale Kompetenz (Christoph). Hierbei formulierten wir zu je­dem Schwerpunkt eine für uns interessant zu untersuchende Hy­pothese, die sich folgendermaßen darstellen:

Themenschwerpunkt 1: Agressionen

Hypothese: Geschwister von frühgeborenen Kindern zeigen gleiche Tendenzen/Reaktionen auf soziale Konfliktsituationen (Agressionen) wie die Geschwister von behinderten Kindern und Jugendlichen!

Das heißt zusammengefaßt, daß besonders Jungen (genauer: die Brüder der Frühchen) weniger gegen die Außenwelt gerichtete Agressionen als durchschnittlich Gleichaltrige zeigen und ver­mehrt aggressive Impulse gegen die eigene Person richten. Sie reagieren auf soziale Konfliktsituationen oftmals mit sozialem Verhalten (Rücksichtnahme, Selbstbeschuldigungen, Aggressio­nen gegen die eigene Person). Mädchen (also die Schwestern der Frühchen) dagegen zeigen ausgeprägte soziale Einstellungen und eine stärkere sozial-emotionale Belastung.

Themenschwerpunkt 2: Soziale Kompetenz

Hypothese: Geschwister von frühgeborenen Kindern weisen ein überproportional ausgebildetes Sozialverhalten in Hinsicht auf Verantwortung, Engagement und integrativer Liberalität gegen­über Schwächeren, Hilfsbedürftigen und Behinderten auf.

Kernthese ist, daß Geschwister von Frühchen die „fähigeren So­zialarbeiter“ sind und sie demzufolge Krisensituationen und Konfliktpotential individuell und durch ihre Lebenssituation be­einflußt, einfacher und pragmatischer lösen und für sich positiv gestalten.

3.1 Erhebungsverfahren

Für unsere Untersuchung an Geschwistern von frühgeborenen Kindern wählen wir als Erhebungsmethode die Befragung aus. Die Befragung gilt als das Standardinstrument von empirischen Sozialforschungen. Sie stellt eine soziale Situation dar, die über verbale Kommunikation zustande kommt.

(vgl.: Schnell et. al., 1995, 299)

Von den drei zu unterscheidenden Formen der Befragung

- Schriftliche Befragung
- Telefoninterview
- Mündliche Befragung (Interview)

setzten wir überwiegend die Interviewmethode ein. Lediglich in einem Fall waren wir gezwungen, das Interview auf telefoni­schem Wege durchzuführen, da unsere zu Befragenden in Wies­baden leben.

Die methodische Vorgehensweise beim Telefoninterview sieht vor, daß man sich strikt an den vorgefertigten Fragebogen hält. Er soll verhindern, daß der Interviewer vom Leitfaden abkommt, stockt oder völlig aus dem Konzept kommt.

[...]

Details

Seiten
164
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783832465216
ISBN (Buch)
9783838665214
Dateigröße
815 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v221700
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Heilpädagogische Fakultät
Note
2,0
Schlagworte
frühgeburt schwangerschaft diagnostik familienbeziehungen sozialkompetenzen

Autor

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Titel: Geschwister frühgeborener Kinder