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Kosten und Nutzen der EU-Osterweiterung: Eine Analyse Ihrer Wirkungen

Diplomarbeit 2002 120 Seiten

Politik - Sonstige Themen

Leseprobe

Inhalt

Verzeichnis der Abbildungen und Tabellen

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Relevanz der Untersuchung
1.2 Fragestellung
1.3 Gang der Untersuchung

2. Theoretische Grundlagen
2.1 Allokationseffekte durch den Außenhandel
2.1.1 Heckscher-Ohlin-Samuelson-Modell
2.1.2 Wohlfahrtswirkung des Außenhandels (Theorie der Zollunion)
2.1.3 Wohlfahrtswirkung bei unvollständiger Konkurrenz und steigenden Skalenerträgen
2.2 Faktorbewegungen
2.2.1 Wohlfahrtswirkung der Migration
2.2.2 Wohlfahrtswirkung von Ausländischen Direktinvestitionen
2.3 Wachstumseffekte
2.4 Zusammenfassung der bisherigen Ergebnisse

3. Aussenhandel
3.1 Bisheriger Außenhandel mit den MOEL
3.1.1 Politische Regulierung
3.1.2 Entwicklung und Relevanz des Außenhandels
3.2 Spezialisierungsmuster im Außenhandel
3.2.1 Analyse nach Faktorintensitäten
3.2.2 Analyse der Handelsstruktur (Intra-industrieller Handel)
3.3 Zukünftiges Außenhandelspotenzial
3.3.1 Beobachtung früherer Erweiterungen
3.3.2 Schätzungen durch Gravitationsmodelle
3.4 Wirkung auf Einkommen und Beschäftigung
3.5 Beurteilung der Außenhandelseffekte

4. Ausländische Direktinvestionen
4.1 Umfang der Direktinvestitionen in den MOEL
4.2 Bestimmungsfaktoren der Direktinvestitionen
4.2.1 Kostenmotiv versus Absatzmotiv
4.2.2 Politische, rechtliche und institutionelle Rahmenbedingungen
4.3 Regionale Agglomerationseffekte
4.4 Wirkung auf Einkommen und Beschäftigung
4.5 Beurteilung der Effekte durch ADI

5. Migration
5.1 Entwicklung der Migration aus den MOEL
5.2 Determinanten der Migration aus den MOEL
5.2.1 Lohn- und Einkommensdifferenz
5.2.2 Erträge auf Humankapital
5.2.3 Asymmetrische Information und Netzwerke
5.2.4 Diskriminierung und Risikoaversion
5.3 Schätzungen der künftigen Migration
5.4 Wirkung auf Einkommen und Beschäftigung
5.5 Übergangsregelungen
5.6 Beurteilung der Immigrationseffekte

6. Wachstum

7. Fiskalische Kosten
7.1 Folgen der Osterweiterung für den Haushalt der Europäischen Union
7.2 Kosten des Beitritts nach der Agenda
7.3 Finanzierung der Erweiterung bis
7.3.1 Kosten der Erweiterung nach Beitragsquoten
7.3.2 Kosten durch Neuverteilung der Zuwendungen
7.4 Kosten der Erweiterung nach
7.5 Beurteilung der fiskalischen Effekte

8. Zusammenfassung und Schlussfolgerungen

9. Anhang

10. Literatur

Verzeichnis der Abbildungen und Tabellen

Abbildung 1: Standardanalyse von Handelsbarrieren

Abbildung 2: Außenhandel zwischen MOEL-10 und EU in Prozent der jeweiligen gesamten Ex- und Importe 1994-1999)

Abbildung 3: Entwicklung der weltweiten ADI in den MOEL-10 von 1993-2000 (Zuflüsse in Millionen US-Dollar)

Abbildung 4: Verteilung des Bestands der Immigranten aus den MOEL auf die EU-Mitgliedsstaaten

Abbildung 5: Lohn, Einkommen, BIP-Wachstum und Arbeitslosigkeit in den MOEL-10 im Vergleich zum EU-Durchschnitt

Tabelle 1: Strukturkonvergenz der MOEL-10 mit der EU anhand ausgesuchter Indikatoren

Tabelle 2: Ex- und Importe der MOEL-10 in und aus der EU in Prozent ihres gesamten Außenhandels

Tabelle 3: Ex- und Importe der EU-Mitglieder in und aus den MOEL-10 in Prozent ihres gesamten Außenhandels

Tabelle 4: Anteile je Faktorintensität an den gesamten exportierten und importierten verarbeiteten Produkten in Prozent

Tabelle 5: Direktinvestitionen aus der EU in den MOEL-10 (Ausflüsse in Mio. US-Dollar 1993-1998)

Tabelle 6: Bestimmungsfaktoren Ausländischer Direktinvestitionen in Mittel- und Osteuropa

Tabelle 7: Schätzungen der künftigen Migration aus den MOEL nach Einführung der Freizügigkeit

Tabelle 8: Integrationseffekte der Osterweiterung auf die EU-15 (Zunahme des BIP in Prozent)

Tabelle 9: Fiskalische Effekte einer Erweiterung bis 2006 nach Beitragsquoten für die Mitgliedsstaaten

Tabelle A1: Integrationseffekte nach Baldwin et al. (1997)

Tabelle A2: Verteilung der Gewinne auf die EU-15 nach Baldwin et al. (1997)

Tabelle A3: Integrationseffekte auf die MOEL nach DG ECFIN (2001)

Tabelle A4: Integrationseffekte auf die EU-Mitgliedsstaaten nach DG ECFIN (2001)

Tabelle A5: Integrationseffekte nach Orlowski (2001)

Tabelle A6: Integrationseffekte nach Breuss (2001)

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten[1]

1. Einleitung

1.1 Relevanz der Untersuchung

Die Osterweiterung der Europäischen Union wird die politische Architektur Europas grundlegend verändern. Bei der geplanten Erweiterung der EU um bis zu zwölf neue Staaten steht nicht weniger auf dem Spiel als eine bisher in der Geschichte nie da gewesene politische und ökonomische Einheit Europas. Mit einem Beitritt aller Kandidaten würde die Bevölkerung der EU um mehr als 105 Millionen Menschen zunehmen (Hall und Quaisser 2002, S. 4) und damit um mehr als ein Viertel anwachsen; die Zahl der Mitgliedsstaaten würde sich fast verdoppeln. Die Osterweiterung ist also die größte Herausforderung der EU in den kommenden Jahren.

Die Europäische Union führt seit Februar 2000 Beitrittsverhandlungen mit den Kandidaten Bulgarien, Zypern, Tschechische Republik, Estland, Ungarn, Litauen, Lettland, Malta, Polen, Rumänien, Slowenien, Slowakei[2] und bezeichnet die Osterweiterung inzwischen als „unumkehrbar“ (Europäischer Rat von Göteborg, 2001, S.2). Die Bedingungen für eine Aufnahme sind in den Kopenhagener Kriterien von 1993 formuliert. Diese verlangen institutionelle Stabilität als Garantie für demokratische und rechtsstaatliche Ordnung, die Wahrung von Menschenrechten und den Schutz von Minderheiten; außerdem müssen die neuen Mitglieder eine funktionierende Marktwirtschaft und Wettbewerbsfähigkeit sowie die Fähigkeit zur Übernahme ihrer Verpflichtungen als Mitglieder nachweisen (Baldwin 1997, S. 73).

Die Verhandlungen zwischen der EU und den Kandidaten sollen bis Ende 2002 beendet sein. Im Juni 2002 waren je nach Bewerber elf bis 28 der insgesamt 31 Kapitel der bilateralen Verhandlungen vorläufig abgeschlossen (Beck 2002, S. 33). Auf dem Gipfel von Göteborg haben sich die Staats- und Regierungschefs der EU das Ziel gesetzt, den neuen Mitgliedern 2004 die Teilnahme an den Wahlen zum Europaparlament zu ermöglichen. Die Nationalstaaten müssen die Beitrittsverträge zuvor ratifizieren. Ob dieser enge zeitliche Rahmen eingehalten werden kann, steht bisher nicht fest. Mit der Regierungskonferenz von Nizza (7.-9. Dezember 2000) hat die EU auch ihre Institutionen im Hinblick auf den Beitritt reformiert (Deutsche Bundesbank 2001, S.16).

Ein entscheidender Grund der Osterweiterung kann im Bedürfnis der EU nach Sicherheit und Stabilität gesehen werden (Roper 1998, S.117-125). Nach dem Zusammenbruch der planwirtschaftlichen Systeme 1989 entschieden sich die mittel- und osteuropäischen Länder (MOEL) für die Einführung von Marktwirtschaft und Demokratie. Dieser Prozess war jedoch nicht von Anfang an unumkehrbar; eine Schwierigkeit, die mit dem Begriff des „Sicherheitsvakuums“ in Osteuropa umschrieben wird (Roper 1998, S.122). Dies stellte aus sicherheitspolitischer Perspektive einen Anreiz für eine enge wirtschaftliche und politische Zusammenarbeit und letztlich auch für die Aufnahme von Verhandlungen über eine vollständige Mitgliedschaft der mittel- und osteuropäischen Länder in der EU dar.[3] Auf der Seite der Kandidatenstaaten darf man ebenfalls ein Interesse an Sicherheit, insbesondere vor einer erneuten hegemonialen Rolle Russlands, als Grund für die Nachfrage nach einer Mitgliedschaft in der EU vermuten (Baldwin 1997, S. 80; Roper 1998, S. 121). Politische Rationalität stellt also ein wichtiges Motiv für die Osterweiterung dar.

Manche politikwissenschaftlichen Beiträge erklären die Osterweiterung allerdings ausschließlich aus dieser politischen Rationalität und sehen in dieser politischen Entscheidung einen Widerspruch zur ökonomischen Rationalität. So spricht etwa Kamppeter von hohen erweiterungsbedingten Kosten für die EU als Preis des Friedens (Kamppeter 2000, S. 123). Die Befürchtung von hohen Kosten ergibt sich aus den großen ökonomischen Unterschieden der Beitrittsländer zur EU im Bezug auf das Einkommensniveau, den relativen Überschuss an billigen Arbeitskräften und die Größe des Agrarsektors. Eine Angleichung der Durchschnittseinkommen in den MOEL an die bisherigen EU-Mitglieder an das Niveau der finanzschwächsten bisherigen Mitgliedsstaaten wird auf rund 30 Jahre geschätzt (Fischer et al. 1997, S.97). In der öffentlichen Diskussion über die Osterweiterung werden insbesondere eine mögliche Massenzuwanderung nach Westen, hohe Transferzahlungen an die neuen Mitglieder sowie ein verschärfter Standortwettbewerb befürchtet.

Gegen die Sichtweise von hohen Kosten als Preis des Friedens lassen sich jedoch zwei Argumente vorbringen:

Auf der rechtlichen Ebene nennt Artikel 2 der konsolidierten Fassung des EU-Vertrages vom 2. Oktober 1997 („Amsterdamer Vertrag“) die „Förderung des wirtschaftlichen und sozialen Fortschritts“ als ein Ziel der Europäischen Union (Europäische Union 1997, S.12). Daran muss gegebenenfalls auch eine Erweiterung beurteilt werden.

Auf der politischen Ebene können hohe wirtschaftliche Kosten zu fehlender politischer Akzeptanz für die Osterweiterung führen. Ähnlich wie für die Einführung der Europäischen Währungsunion 1999 gilt auch für die Osterweiterung, dass ihre politische Durchsetzbarkeit und Dauerhaftigkeit ernsthaft gefährdet wäre, wenn sie sich ökonomisch als nicht tragfähig erweisen sollte. Diese Sichtweise ergibt sich vor dem theoretischen Hintergrund der Neuen Politischen Ökonomie[4] und der Theorie des liberalen Intergovernmentalismus. Letztere erklärt die Ergebnisse internationaler Politik mit Hilfe einer sequenziellen Analyse von nationaler Präferenzformation und strategischer Interaktion zwischen Regierungen (Moravcsik 1993, S.480). Aus dieser Sicht beeinflusst die nationale Verteilung von Gewinnen und Verlusten, die durch eine wirtschaftspolitische Entscheidung entstehen, die nationale Präferenzformation der Wähler und Interessengruppen im Bezug auf die Außenpolitik. Diese begrenzt ihrerseits den strategischen Spielraum der Regierungen auf der supranationalen EU-Ebene (Moravcsik 1993, S. 480).[5] Die Europäische Integration wird also als „Zwei-Ebenen-Spiel“ (Putnam 1988, S. 427) betrachtet; Wähler und Regierung stehen dabei in einer Principal-Agent-Beziehung zueinander.[6] Neben der Höhe der erwarteten Gewinne und Verluste durch eine wirtschaftliche Integration spielen auch Unsicherheit und Risiko eine Rolle (Moravcsik 1993, S.487).[7]

Aus diesen Überlegungen ergibt sich eine hohe politische und politikwissenschaftliche Relevanz der Frage nach Kosten und Nutzen der Osterweiterung. Entstehen für bestimmte sozioökonomische Gruppen oder sogar ganze EU-Mitgliedsstaaten durch die Osterweiterung hohe Kosten, dann existiert für die betreffenden Regierungen unter Umständen ein Anreiz, diese abzulehnen (Moravcsik 1993, S. 487), selbst wenn für die Europäische Union insgesamt Netto-Gewinne zu erwarten sind. Eine Belastung des Erweiterungsprozesses ist aus dieser Sicht erst recht zu erwarten, falls die Kosten der Erweiterung für die EU insgesamt den dadurch entstehenden Nutzen übersteigen sollten.

1.2 Fragestellung

Diese Arbeit untersucht die möglichen wirtschaftlichen Auswirkungen der Osterweiterung. Dabei soll erstens die Frage beantwortet werden, ob die Osterweiterung zu Wohlfahrtsgewinnen für die EU führt oder ob die Kosten der Erweiterung ihren Nutzen übersteigen. Darüber hinaus sollen zweitens die distributiven Auswirkungen der Osterweiterung, also ihre Konsequenzen für die relative Höhe der Einkommen, dargestellt werden. Aufgrund der quantitativen Restriktionen konzentriert sich die vorliegende Arbeit weitgehend auf die Auswirkungen auf die bisherigen EU-Mitgliedsstaaten.

Die Frage nach Kosten und Nutzen der Osterweiterung soll mit Hilfe des im Folgenden beschriebenen ökonomischen Wohlfahrtskriteriums beantwortet werden. Die Kosten-Nutzen-Analyse untersucht in ihrer allgemeinsten Form, ob politische Entscheidungen, die den Einsatz von knappen Ressourcen beeinflussen, zu mehr Effizienz führen oder möglicherweise Kosten auftreten, die den Nutzen übersteigen (Fuguitt und Wilcox 1999, S. 35). Die Differenz zwischen gesellschaftlichen Kosten und Nutzen, also der entstehende Nettonutzen, wird als Wohlfahrt bezeichnet (Mühlenkamp 1994, S. 9). Die Kosten-Nutzen-Analyse ermittelt also mögliche Wohlfahrtsänderungen, die durch öffentliche Maßnahmen entstehen. Das übliche ökonomische Kriterium für eine Steigerung der Wohlfahrt ist in diesem Zusammenhang lediglich die Aggregation von Einkommensvariationen (Ray 1984, S. 22f.).

Die dabei möglichen verschiedenen Güterallokationen können mit Hilfe des Pareto-Kriteriums bewertet werden. Demnach ist eine Situation genau dann nicht verbesserungsfähig, wenn es nicht möglich ist, durch eine andere Allokation von Ressourcen mindestens ein Individuum besser zu stellen, ohne gleichzeitig ein anderes Individuum schlechter zu stellen (Mühlenkamp 1994, S. 73). In der Realität gibt es allerdings meistens Gewinner und Verlierer. Dieser Tatsache trägt das Konzept der potenziellen Pareto-Optimalität Rechnung, das auch als „Kaldor-Hicks-Kompensationstest“ bezeichnet wird (Gans und Marggraf 1997, S. 46). Demnach stellt eine Handlung genau dann eine potenzielle Pareto-Verbesserung dar, „wenn es nach dieser Handlung möglich ist, dass die Gewinner die Verlierer voll kompensieren können und trotzdem noch besser als vor der Handlung dastehen.“ (Gans und Marggraf 1997, S. 46) Dabei geht es lediglich um die Frage, ob eine solche Kompensation theoretisch möglich ist (Gans und Marggraf 1997, S. 47).[8] Auf der Grundlage dieser Ausführungen werden die wirtschaftlichen Auswirkungen der Osterweiterung im weiteren Verlauf wie folgt untersucht:

(1) Die Arbeit untersucht die allokative Dimension der Osterweiterung, also die Frage, ob die Osterweiterung zu einer Wohlfahrtssteigerung in der Europäischen Union beiträgt. Die wirtschaftlichen Wirkungen der Osterweiterung werden also als Änderung der gesamten Wohlfahrt definiert, die sich aus der Summe der materiellen Wohlfahrt der einzelnen Bürger der bisherigen EU ergibt. Die Beurteilung der Vorteilhaftigkeit der wirtschaftlichen Auswirkungen erfolgt dabei anhand der Änderung der Summe der individuellen materiellen Wohlfahrt der einzelnen Bürger. Dabei kann die Summe der individuellen Wohlfahrt ansteigen, ohne dass alle Individuen besser gestellt werden. Bestimmte Gruppen, Sektoren und Regionen können also durchaus verlieren, während andere gewinnen.
(2) Die Arbeit berücksichtigt die distributive Dimension der Osterweiterung, also die Frage nach den Auswirkungen auf die relative Höhe der Einkommen in den EU-Mitgliedsstaaten. Diese sind zwar für die unter (1) beschriebene klassische Wohlfahrtsanalyse ohne Bedeutung. Für die politische Akzeptanz der Osterweiterung sind die Distributions- und Beschäftigungswirkungen – wie beschrieben – vor dem Hintergrund der Neuen Politischen Ökonomie jedoch durchaus von Relevanz. Die vorliegende Untersuchung geht daher auch auf die distributiven Effekte auf die einzelnen EU-Mitgliedsstaaten, Sektoren und Produktionsfaktoren ein.[9]

Der Arbeit liegt ein enger ökonomischer Kosten-Nutzen-Begriff zu Grunde. Selbstverständlich gibt es auch nicht-materielle Vorteile der Osterweiterung[10] ; auf die enorme Bedeutung für Sicherheit und Stabilität in Europa ist bereits hingewiesen worden. Diese Aspekte sind jedoch nicht Thema der vorliegenden Untersuchung. Gleiches gilt weitgehend für die institutionellen Konsequenzen auf EU-Ebene, etwa die Reform der EU-Stimmverteilung auf der Regierungskonferenz von Nizza 2000.[11] Aus Gründen des Umfangs werden außerdem die Folgen der Osterweiterung für die Wechselkursregime und die Kapitalmärkte (Portfolioinvestitionen) nicht berücksichtigt.[12] Auf eine ausführliche Diskussion des Zeitplans der Erweiterung wird ebenfalls verzichtet.[13] Nicht zuletzt wird die Frage eines Beitritts der MOEL zur Euro-Zone nicht behandelt, auf den sie sich bei einem Beitritt verpflichten, so bald sie die Maastrichter Kriterien erfüllen (Bolle et al. 2001, S.3).

Die Frage nach Kosten und Nutzen der Osterweiterung soll mit Hilfe der zu dieser Frage in der Literatur vorliegenden Untersuchungen beantwortet werden. Methodisch lassen sich die darin verwendeten Herangehensweisen in (1) theoretische Deduktion, (2) empirische Untersuchungen der bisherigen Entwicklung, (3) ökonometrische Berechnungen und (4) Simulationen mit Hilfe von makroökonomischen Modellen oder Allgemeinen Gleichgewichtsmodellen unterscheiden. Der weitere Verlauf der vorliegenden Arbeit gestaltet sich folgendermaßen:

1.3 Gang der Untersuchung

In Kapitel 2 werden mit dem Heckscher-Ohlin-Samuelson-Modell (HOS-Modell), der Theorie der Zollunion und der Analyse einer regionalen Integration durch die neuere Außenhandelstheorie die theoretischen Grundlagen für eine Beurteilung der Auswirkungen einer EU-Erweiterung auf den Außenhandel dargestellt. Anschließend wird angesichts der restriktiven Annahmen der neoklassischen Außenhandelstheorie die Wohlfahrtswirkung von Faktorwanderungen untersucht. Zudem stellt das Kapitel die Grundlagen für die Akkumulationseffekte einer regionalen Integration dar.

Kapitel 3 untersucht die Auswirkungen der Außenhandelsintegration auf die Mitgliedsstaaten. Dabei werden zunächst Regulierung, Entwicklung, Bedeutung und Struktur des bisherigen Außenhandels zwischen MOEL und EU dargestellt. Im Anschluss wird die Möglichkeit einer zukünftigen Außenhandelszunahme mit Hilfe von empirischen Beobachtungen früherer Erweiterungen sowie von Untersuchungen durch ökonometrische Gravitationsmodelle untersucht. Abschließend werden die Wohlfahrts-, Distributions- und Beschäftigungswirkungen diskutiert.

Kapitel 4 beschreibt den Einfluss der Erweiterung durch die ausländischen Direktinvestitionen (ADI) in den MOEL. Nach einer Darstellung des bisherigen Umfangs der ausländischen Direktinvestitionen folgt eine Untersuchung von Bestimmungsfaktoren und Struktur der ADI. Anhand der gewonnenen Erkenntnisse werden die Wohlfahrts-, Distributions- und Beschäftigungswirkungen beurteilt.

Kapitel 5 beschäftigt sich mit der Migration von Arbeitskräften in die EU. Im Anschluss an einen Überblick über die bisherige Entwicklung der Migration untersucht das Kapitel mögliche Anreize und Hemmnisse für einen zukünftigen Anstieg der Immigration. Der mögliche Umfang der künftigen Wanderungsbewegungen wird mit Hilfe der neueren Modellberechnungen quantifiziert. Zuletzt werden auch hier die Wohlfahrts-, Distributions- und Beschäftigungswirkungen dargestellt.

In Kapitel 6 werden die möglichen Auswirkungen der Osterweiterung auf das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts anhand vorliegender Simulationsmodelle dargestellt.

Kapitel 7 stellt diesen Ergebnissen die voraussichtlichen fiskalischen Auswirkungen der Osterweiterung auf den EU-Haushalt gegenüber. Dabei wird zunächst ein Überblick über die fiskalischen Transferbeziehungen in der EU gegeben. Im Anschluss werden die Kosten der Osterweiterung nach der mittelfristigen Finanzplanung der EU sowie die Verteilung der Lasten auf die Mitgliedsstaaten untersucht. Schließlich werden mögliche künftige Finanzierungsunsicherheiten für den Zeitraum nach 2006 diskutiert.

In Kapitel 8 wird auf der Basis der bisherigen Untersuchungsergebnisse die Fragestellung nach Kosten und Nutzen der EU-Osterweiterung beantwortet.

2. Theoretische Grundlagen

Die neoklassisch ökonomische Theorie geht davon aus, dass Integration von Regionen mit unterschiedlicher Faktorausstattung zu Gewinnen für beide Regionen führt. Wirtschaftliche Integration führt per Definition zu einer Wohlfahrtssteigerung, wenn man sie in Anlehnung an Burda als „das Erreichen einer pareto-Verbesserung des Output- oder Nutzenniveaus durch die wirtschaftliche Vereinigung [von] zwei oder mehr Regionen“ definiert (Burda 2000, S.81). Im vorliegenden Kapitel werden die möglichen positiven Effekte einer Verbesserung der internationalen Arbeitsteilung durch eine regionale Integration theoretisch abgeleitet.[14]

Bei der Analyse von regionalen Integrationsprozessen unterscheidet man zwischen statischen und dynamischen Effekten (Caetano et al. 2002, S. 18), die auch als Allokations- und Akkumulationseffekte bezeichnet werden (Baldwin et al. 1997, S. 133). Statische Effekte (oder Allokationseffekte) entstehen durch eine Änderung der Allokation von Ressourcen, also der „Art und Weise, in der eine Volkswirtschaft ihre Ressourcen (Produktionsfaktoren[15] ) auf die verschiedenen Verwendungen verteilt, denen sie zugeführt werden können, um eine bestimmte Kombination von verschiedenen Gütern zu produzieren“ (Samuelson und Nordhaus 1987, S.761). Dynamische Effekte (oder Akkumulationseffekte) ergeben sich durch Änderungen der wirtschaftlichen Entwicklung bei gegebener Allokation aufgrund einer vorübergehenden oder dauerhaften Zunahme der Akkumulation von Sach- oder Humankapital (Dicke und Foders 2000, S. 7).

Allokationseffekte und Akkumulationseffekte werden in den vorliegenden Abschnitten wie folgt dargestellt: Erstens wird mit dem Heckscher-Ohlin-Samuelson-Modell das Standardmodell der neoklassischen Außenhandelstheorie vorgestellt. Zweitens werden mit Hilfe der Theorie der Zollunion sowie der neueren Außenhandelstheorie die Wohlfahrtswirkungen einer Außenhandelsliberalisierung abgeleitet. Drittens wird die Möglichkeit einer Mobilität der Faktoren Kapital und Arbeit bei einer fehlenden Angleichung der Faktorpreise untersucht. Viertens werden die Auswirkungen der regionalen Integration auf das Wachstum (Akkumulationseffekte) aufgezeigt.

2.1 Allokationseffekte durch den Außenhandel

Der folgende Abschnitt untersucht die allokativen Auswirkungen einer regionalen Integration im Bereich des Außenhandels.

Allokationseffekte betreffen die Frage nach der Effizienz, mit der die gegebenen Ressourcen einer Ökonomie eingesetzt werden. Standard-Modelle der Außenhandelstheorie erklären die Wohlfahrtseffekte einer regionalen Integration mit einer Verbesserung der internationalen Arbeitsteilung. Die Effekte einer Integration von zwei Wirtschaftsräumen mit unterschiedlicher Faktorausstattung können mit Hilfe des neoklassischen Heckscher-Ohlin-Samuelson-Modells erklärt werden.[16] Der folgende Abschnitt stellt daher die Grundlagen des Heckscher-Ohlin-Samuelson-Modells dar (Adebahr und Maennig 1987, S. 56-61).

2.1.1 Heckscher-Ohlin-Samuelson-Modell

Das Heckscher-Ohlin-Samuelson-Modell geht davon aus, dass sich verschiedene Länder in ihrer Ausstattung mit Produktionsfaktoren unterscheiden. Die unterschiedliche Knappheit der einzelnen Faktoren führt dazu, dass die Faktorpreise von Land zu Land differieren. So wird der jeweils verhältnismäßig knappe Faktor vergleichsweise teuer und der jeweils relativ reichlich vorhandene Faktor billig sein. Von Bedeutung ist in diesem Zusammenhang, dass sich der Faktorgehalt von Gütern (z.B. kapitalintensiv oder arbeitsintensiv) unterscheidet. Daraus ergibt sich, dass Länder mit einem hohen Anteil des Faktors Arbeit einen Kostenvorteil bei der Herstellung von arbeitsintensiven Produkten haben, während ein Land mit einem Überschuss des Faktors Kapital Kostenvorteile bei der Produktion von kapitalintensiven Gütern besitzt. Das arbeitsreiche Land kann also beispielsweise Güter mit einem hohen Anteil des Faktors Arbeit billiger herstellen. Nach Aufnahme des Außenhandels wird sich in einem Heckscher-Ohlin-Samuelson-Modell mit zwei Gütern, zwei Produktionsfaktoren und zwei Ländern jedes Land auf den Export desjenigen Gutes konzentrieren, zu dessen Produktion vor allem derjenige Produktionsfaktor eingesetzt wird, der relativ zu dem anderen Land im Überfluss vorhanden ist (Adebahr und Maennig 1987, S. 57).[17] Diese Beobachtung wird auch als „Faktorproportionen-Theorem“ (Adebahr und Maennig 1987, S.59) bezeichnet. Eine Liberalisierung des Außenhandels verstärkt daher die internationale Arbeitsteilung und verbessert die internationale Allokation von Ressourcen. Das Neo-Faktorpropotionentheorem ergänzt diese Betrachtung der Mengen der Produktionsfaktoren um eine Betrachtung ihrer Qualität, also die Unterscheidung in qualifizierte und einfache Arbeit (Rose und Sauernheimer 1995, S. 390).

Die beschriebene Spezialisierung führt im HOS-Modell unter bestimmten Bedingungen zu einer Angleichung der Faktorpreise. Die Mobilität der Faktoren zwischen den Mitgliedsstaaten der regionalen Integration wird auf der Basis dieses Faktorpreisausgleichstheorems ausgeschlossen. Der Mechanismus für eine Angleichung der Faktorpreise kann folgendermaßen beschrieben werden: Bei einer Integration von zwei Wirtschaftsräumen mit einer unterschiedlichen Faktorausstattung ergeben sich nach dem HOS-Modell folgende Effekte für das Land mit einem relativen Überschuss an Kapital (Boeri und Brücker 2000, S. 18):

- fallende Preise für arbeitsintensive Güter im Verhältnis zum Preis von kapitalintensiven Gütern, da die Konkurrenz aus dem Land mit dem Überschuss des Faktors Arbeitskraft zunimmt,
- eine Zunahme der Produktion von kapitalintensiven Gütern sowie ein Rückgang in der Produktion von arbeitsintensiven Gütern,
- ein Preisrückgang des Faktors Arbeitskraft im Verhältnis zum Preis des Faktors Kapital bis zu einer Angleichung der Faktorpreise in den beiden Ländern,
- Mobilität des Faktors Arbeitskraft von den arbeitsintensiven Sektoren in die kapitalintensiven Sektoren sowie ein Anstieg der Arbeitsintensität in beiden Sektoren (da der Preis für den Faktor Arbeitskraft gefallen ist und damit mehr Arbeit zum gleichen Preis eingesetzt werden kann),
- eine konstante Beschäftigung, da sich der Rückgang der Produktion in den arbeitsintensiven Sektoren sowie der Anstieg des Verhältnisses von Arbeit zu Kapital in beiden Sektoren ausgleichen.

Das HOS-Modell geht allerdings von sehr restriktiven Bedingungen aus. So werden in diesem Außenhandelsmodell gleicher Zugang zu und gleiche Anwendung von Technologie, konstante Skalenerträge, perfekte intersektorale Mobilität der Produktionsfaktoren sowie keine vollständige Spezialisierung unterstellt (Adebahr und Maennig 1987, S. 59f). In der Realität ist die Erfüllung dieser Bedingungen ausgesprochen unwahrscheinlich. Daher wird in der Regel nicht von einer vollständigen Angleichung der Faktorpreise beziehungsweise von einer neutralen Wirkung auf die Beschäftigung ausgegangen (Boeri und Brücker 2000, S. 18). Daraus ergibt sich grundsätzlich ein Anreiz für die Mobilität der Produktionsfaktoren.[18]

Der folgende Abschnitt stellt die Wohlfahrtseffekte einer Zunahme des Außenhandels durch eine Abschaffung von Handelsbeschränkungen dar.

2.1.2 Wohlfahrtswirkung des Außenhandels (Theorie der Zollunion)

Die Wohlfahrtswirkung einer Liberalisierung des Außenhandels kann mit Hilfe der Theorie der Zollunion[19] beschrieben werden (Adebahr und Maennig 1987, S. 335). Zölle und andere Handelsbarrieren[20] benachteiligen demnach ausländische Anbieter und ermöglichen weniger leistungsfähigen inländischen Anbietern eine Aufrechterhaltung oder sogar Ausdehnung der Produktion. Der Außenhandel und die internationale Arbeitsteilung nehmen nicht zu (beziehungsweise ab) und es kommt zu einer ineffizienten globalen Faktorallokation. Die Aufhebung von Zöllen durch eine Zollunion hat entsprechend positive Auswirkungen. Der Abbau von Zöllen führt aus der Sicht des Inlands zu einer Zunahme der Importe und einer Verstärkung der Arbeitsteilung. Eine Zunahme der Importe ist daher eine notwendige und hinreichende Bedingung für einen Wohlfahrtsgewinn in einem Mitgliedsland des Integrationsraumes (Baldwin und Venables 1995, S. 1603). Die dabei auftretenden Mechanismen von Handelsschaffung und Handelsablenkung können folgendermaßen beschrieben werden:

Handelsschaffung

Barrieren, die beim Import eines Gutes zu zusätzlichen Kosten führen, beeinflussen die Preise von Inlandsgütern und Importgütern. Alle Arten von Importbeschränkungen führen dabei zu höheren Preisen für die Konsumenten. Die Folgen von Importbeschränkungen können mit Hilfe von Abbildung 1 graphisch abgeleitet werden:

Abbildung 1: Standardanalyse von Handelsbarrieren

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Steigt der ursprüngliche Weltmarktpreis P[2] eines Importgutes durch eine Importbeschränkung auf den inländischen Preis P[1], dann ergeben sich in der Standardanalyse von Handelsbarrieren folgende Effekte (Baldwin 1994, S. 26f):

- Der Preis des inländisch hergestellten Gutes steigt ebenfalls auf P[1], da es für inländische Hersteller keinen Anreiz gibt, das Gut billiger anzubieten als das konkurrierende Importgut.
- Die inländische Preissteigerung führt zu einer Erhöhung der im Inland angebotenen Menge des Gutes von Q[1] auf Q[2] (Produktionsausweitung).
- Der höhere Preis P[2] führt zu einem Rückgang der konsumierten Menge des Gutes von Q[4] auf Q[3] (Nachfragerückgang).
- Die Kombination von gesteigerter inländischer Produktion und verringerter Nachfrage führt zu einem Importrückgang, der sich aus der Differenz von konsumierter Menge und produzierter Menge ergibt, also von Q[4] – Q[1] auf Q[3] – Q[2].
Im Fall von tarifären Handelsbeschränkungen kommt es zu folgenden Wohlfahrtseffekten (Baldwin 1994, S. 27f.):
- Die Regierung erhält Einnahmen in Höhe der Zölle für die jeweilige Importmenge, also die Fläche D.
- Konsumenten entsteht ein Verlust in Höhe der Preisdifferenz P[1]-P[2] mal der Menge des zu einem höheren Preis P[1] konsumierten Gutes (A+B+C+D) plus der entgangene Nutzen durch die Möglichkeit, eine größere Menge des Gutes zum Weltmarktpreis zu erwerben, also die entgangenen Konsummöglichkeiten (Fläche E).
- Inländische Produzenten profitieren von dem höheren Preis der verkauften Güter. Der Gewinn ergibt sich aus der Preisdifferenz P[1]-P[2] mal der Anzahl der verkauften Güter (Fläche A) sowie dem zusätzlichen Profit durch die wegen verringerter Importe zusätzlich verkauften Güter Q[2]-Q[1] (Fläche B).

Die Verluste der Konsumenten sind dabei höher als die Gewinne von Unternehmen und Regierung. Zölle können in diesem Sinn als Umverteilung von den Konsumenten hin zur Regierung sowie als Unterstützung inländischer Unternehmen betrachtet werden. Das Ergebnis sind also Wohlfahrtsverluste für das Inland in der Größe der Flächen C + E (Baldwin 1994, S. 27f.).

Ein Wegfall der beschriebenen Barrieren wird zu einer Veränderung des Handelsvolumens führen: Übersteigt der inländische Preis eines Produktes den Preis des (substituierbaren) Importproduktes, dann hat der Wegfall von Handelsbeschränkungen eine Zunahme der Importe zur Folge. Daraus ergeben sich sinkende Kosten beim Konsum dieses Produktes und damit eine Steigerung der gesamtwirtschaftlichen Wohlfahrt im Inland. Dabei fallen die Verluste von Regierungen und Unternehmen durch den Wegfall der Zölle geringer aus als die damit verbundenen Gewinne der Konsumenten (Dicke und Foders 2000, S. 17). Dieser Effekt wird als „Handelsschaffung“ bezeichnet (Baldwin et al. 1997, S. 134). Kommt es also zu einer Senkung der Kosten des Gütertausches, dann gewinnen alle Mitgliedsländer eines Integrationsraumes, weil die Güterpreise nach Maßgabe der Handelskosten sinken (Dicke und Foders 2000, S. 11). Die Vorteile der Handelsschaffung durch Integration müssen jedoch mit den Nachteilen einer möglichen Handelsablenkung verglichen werden.

Handelsablenkung

Handelsablenkung bezeichnet eine mögliche Folge von geographisch diskriminierender Liberalisierung des Handels (Baldwin und Venables 1995, S. 1603). Bei der Bildung einer Zollunion zwischen zwei Staaten werden demnach Anbieter aus Drittstaaten benachteiligt, weil sie im Gegensatz zu ihren Konkurrenten innerhalb der Zollunion weiterhin dem gemeinsamen Außenzoll der Zollunion unterliegen. Die Verbraucher werden daher die relativ preiswerteren Produkte, die innerhalb der Zollunion hergestellt werden, bevorzugen, wenn man von einer Preiselastizität der Nachfrage ausgeht, also die Konsumenten ihr Kaufverhalten den Preisveränderungen anpassen. Die Exporte der ausländischen Anbieter in den Integrationsraum schrumpfen. Dieser Effekt wirkt auch für die Zollunion wohlfahrtsmindernd, weil die leistungsfähigeren Drittlandsanbieter nur wegen ihrer Zollbelastung von den Anbietern aus dem Integrationsraum verdrängt werden (Handelsablenkung). Dies führt zu einer Verschlechterung der Faktorallokation (Adebahr und Maennig 1987, S. 335). Die Höhe dieses Wohlfahrtsverlustes hängt von der Struktur der Handelsbeziehungen vor der Einführung einer präferentiellen Liberalisierung ab: Werden bereits zuvor große Mengen an Gütern aus dem Beitrittsland importiert, dann ist es wahrscheinlicher, dass das exportierende Land das betreffende Gut bereits zuvor am billigsten angeboten hat (Baldwin 1994, S. 32).

Die Wohlfahrtseffekte einer regionalen Liberalisierung können also mit Hilfe der Theorie von Handelsschaffung und Handelsablenkung abgeleitet werden. Die Bedingung für einen Wohlfahrtseffekt lautet damit, dass das Volumen der Handelsschaffung innerhalb des erweiterten Gebiets einer Zollunion das Volumen einer möglichen Handelsumlenkung übersteigen muss (Dicke und Foders 2000, S. 14f.). Das Vorzeichen und die Höhe des Wohlfahrtseffektes ist dabei von der Höhe des Außenzolls und der Höhe der Kostendifferenz, die zwischen Mitgliedsländern und Drittländern besteht, sowie von der Größe des Integrationsraums abhängig (Adebahr und Maennig 1987, S. 347f). Dicke und Foders (2000) nennen zwei Möglichkeiten, in denen eine Zollunion wirkungslos bleiben kann:

- entweder ist die Höhe des Außenzolls für die Mehrheit der gehandelten Güter vor der Bildung der Zollunion niedriger als die anschließende Kostendifferenz zwischen den Mitgliedsländern und den Drittländern
- oder die Mitglieder einer Zollunion treiben untereinander Handel in einem Verhältnis, das dem Austauschverhältnis vor Beginn der Integration entspricht (Dicke und Foders 2000, S. 16).

Unterscheidung von tarifären und nicht-tarifären Handelskosten

Bei der Wohlfahrtsanalyse von Handelsbeschränkungen muss dabei zwischen tarifären und nicht-tarifären Beschränkungen unterschieden werden (Baldwin 1994, S. 27). Tarifäre Barrieren bezeichnen Maßnahmen wie Zölle, Quoten, Lizenzgebühren für Importe usw., die zu einem Anstieg der Staatseinnahmen führen. Nicht-tarifäre Barrieren erhöhen ebenfalls die Preise für Importgüter. Sie bezeichnen aber reale Kosten, die etwa durch eine notwendige Anpassung an Produktstandards (technische Barrieren) oder die Kosten für bürokratische Hürden und Verzögerungen entstehen können. Nicht-tarifäre Beschränkungen können damit von niemandem auf der „Habenseite“ verbucht werden. Sie repräsentieren diejenigen Ressourcen, die für die Überwindung von Handelsbeschränkungen eingesetzt werden müssen. Nicht-tarifäre Barrieren erhöhen lediglich die Handelskosten der importierten Güter. Die Kosten, die dadurch entstehen, führen ebenfalls zu einem negativen Wohlfahrtseffekt (Baldwin 1994, S. 28).

2.1.3 Wohlfahrtswirkung bei unvollständiger Konkurrenz und steigenden Skalenerträgen

In der neueren Handelstheorie wird zudem die Bedeutung von unvollständigem Wettbewerb und steigenden Skalenerträgen[21] für eine effektivere Allokation von Ressourcen betont (Baldwin und Venables 1995, S. 1605ff). Die Bedeutung dieser Effekte ist allerdings nicht uneingeschränkt anerkannt, da diese verhältnismäßig wenig erforscht und empirisch belegt sind (Dicke und Foders 2000, S. 12). Im Mittelpunkt steht die Frage nach den Auswirkungen von regionaler Integration auf den Umfang der Produktion und den Wettbewerb zwischen Unternehmen, die bis zum Zeitpunkt der Integrationsmaßnahme unter der Voraussetzung von unvollständigem Wettbewerb operiert haben (Baldwin und Venables 1995, S. 1605). Theorien über Integration bei unvollständigem Wettbewerb legen nahe, dass die Wohlfahrtseffekte einer regionalen Integration um ein Vielfaches höher sein können, wenn zuvor unvollständiger Wettbewerb vorliegt (Baldwin und Venables 1995, S. 1606). Ausgangspunkt ist der Zusammenhang zwischen Importen und Konkurrenz sowie die Existenz von Skalenerträgen. In der neueren Außenhandelstheorie ergeben sich bei unvollständigem Wettbewerb und steigenden Skalenerträgen aus einer Abschaffung von Handelsbarrieren die folgenden zusätzlichen Allokationsgewinne (Baldwin 1994, S.39f):

- Pure Profit Effect: Eine erste Zunahme der Wohlfahrt ergibt sich aus dem so genannten „pure profit effect“ (Kristensen und Jensen 2001, S. 11). Liegen die inländischen Preise über den Durchschnittskosten, dann führt eine Steigerung des Outputs, die durch eine Vergrößerung der Märkte bedingt wird, zu zusätzlichen Profiten für die Produzenten und damit zu einer Steigerung der Wohlfahrt.
- Wettbewerbseffekt: Eine größere Zahl von Unternehmen in einem gegebenen Markt verringert die Möglichkeiten für strategische Kooperation im Sinne von Preisabsprachen der Produzenten (Baldwin 1994, S. 41). Auf einem geschlossenen Markt mit wenigen Unternehmen ist Kooperation eine naheliegende Möglichkeit, um einen Preiskrieg und die damit verbundenen hohen Kosten für alle Akteure zu vermeiden. Eine Ausweitung der Produktionskapazitäten der inländischen Produzenten würde zu einem Sinken der Preise führen und damit – wegen der Konzentration auf den inländischen Markt – zu einer Bedrohung der betreffenden Unternehmen führen. Der Anreiz für eine Kooperation zwischen wenigen Akteuren ist damit naturgemäß hoch. Eine solche Kooperation führt zu hohen Preisen und damit zu hohen Gewinnen. In einem offenen Markt würden ausländische Anbieter dagegen auf Kooperation der inländischen Unternehmen mit Markteintritt reagieren. Da ausländische Unternehmen in der Regel in der Ausgangssituation zudem nur über einen relativ kleinen Marktanteil verfügen, wären die bei einem Preiskrieg entstehenden Verluste für die ausländischen Anbieter verhältnismäßig gering. Sie würden einen Preiskrieg also eher in Kauf nehmen (Baldwin 1994, S. 41). Eine größere Zahl von Akteuren begrenzt also die Möglichkeit von Preisabsprachen und Kartellbildung (Baldwin 1994, S. 42). Dies steigert die Wohlfahrt der Konsumenten durch sinkende Preise (Kristensen und Jensen 2001, S.11). Eine Verdrängung von Unternehmen, die nicht wettbewerbsfähig sind, vom Markt führt zudem zu einer Einsparung von Fixkosten und damit zu einer Steigerung der Wohlfahrt (Baldwin 1994, S. 40).
- Steigende Skalenerträge: Die Beseitigung von Markteintrittskosten (z.B. Produktstandards) und Handelskosten (z.B. Zollinspektionen, Verzögerungen) hat eine Aufhebung der Fragmentierung in viele kleine segmentierte Märkte zur Folge (Baldwin 1994, S. 40). Mit einer solchen Fragmentierung sind häufig unzureichende Produktionsskalen verbunden. In Industrien, in denen steigende Skalenerträge existieren, kann eine Vergrößerung des Markts also zu einer Ausdehnung der Produktion, zu sinkenden Produktionskosten pro Stück und damit zu sinkenden Preisen führen, also die Wohlfahrt erhöhen (Baldwin 1994, S. 40).

Die Betrachtung der Erweiterungswirkungen ist bisher auf den Güterhandel beschränkt geblieben. Allerdings ist entgegen der restriktiven Annahmen des HOS-Modells eine Immobilität von Produktionsfaktoren in der Realität unwahrscheinlich (Quaisser et al. 2000, S. 15). Das folgende Kapitel untersucht daher die Möglichkeit und Wirkung einer Mobilität von Kapital und Arbeit. Dies ist insbesondere im Kontext des EU-Binnenmarkts und der damit verbundenen Garantie der Freiheit von Güter- und Dienstleistungs-, Kapital- und Personenverkehr von Bedeutung.

2.2 Faktorbewegungen

Handel mit Gütern und Dienstleistungen und die Bewegungen von Kapital und Arbeit können unter bestimmten Bedingungen als Substitute betrachtet werden (Quaisser et al. 2000, S. 16): Sowohl der Güterhandel als auch die Mobilität von Produktionsfaktoren stellen Mechanismen für eine Angleichung der Faktorpreise und eine Herstellung der allokativen Effizienz dar. Die Analyse der Wohlfahrtswirkungen einer Erweiterung wird daher um die Liberalisierung des Personen- und Kapitalverkehrs erweitert.

Wenn Faktorpreisunterschiede zwischen den Mitgliedsstaaten der regionalen Integration bestehen bleiben, welche die Transaktionskosten der Wanderung übersteigen, dann kann eine regionale Liberalisierung Faktorwanderungen auslösen, die zusätzlich zum Handel einen Mechanismus für die Angleichung der Faktorpreise darstellen (Dicke und Foders 2000, S. 22). Transaktionskosten bestehen grundsätzlich in Transportkosten, Informationskosten, Kosten zur Überprüfung der Produktivität usw. (Siebert 1991, S. 116). Faktorwanderungen setzen sich dabei aus Wanderungen von einfacher, qualifizierter und hochqualifizierter Arbeit sowie Kapital (darunter auch Wissenskapital durch Direktinvestitionen) zusammen. Diese Bewegungen von Kapital und Arbeit verändern die Knappheitsrelationen zwischen den Produktionsfaktoren. Faktorwanderungen können die Faktorausstattungen der Mitgliedsstaaten des Integrationsraumes so verändern, dass das Angebot an Produktionsfaktoren in einem Land besser mit dem Bedarf derjenigen Wirtschaftssektoren übereinstimmt, die diese Faktoren nachfragen (Dicke und Foders 2000, S. 22). Insgesamt bedeutet dies für den Integrationsraum erneut eine verbesserte Allokation von Ressourcen. Gleichzeitig geht wegen der Veränderung der Knappheitsrelationen mit den Faktorwanderungen eine Veränderung der Faktorpreise einher.

Die Bedeutung von Güterhandel und Faktorwanderungen für die Angleichung der Faktorpreise kann folgendermaßen bewertet werden. Grundsätzlich hängt das Gewicht des jeweiligen Mechanismus von den Transaktionskosten ab. In der Regel erfordert der Kapitalverkehr geringere Transaktionskosten als der Güterhandel und der Güterhandel geringere Transaktionskosten als die Wanderung von Arbeitskräften (Dicke und Foders 2000, S. 22).

Die folgenden Abschnitte stellen die Wohlfahrtswirkungen von Faktorbewegungen dar. Bei der Mobilität von Kapital beschränkt sich die Arbeit dabei auf die Darstellung der Effekte von Ausländischen Direktinvestitionen (ADI).

2.2.1 Wohlfahrtswirkung der Migration

Im Folgenden werden die Wohlfahrtswirkungen einer Liberalisierung des Personenverkehrs und dem damit verbundenen Anstieg der Migration dargestellt.

Wanderungen von Arbeitskräften, die im Einwanderungsland produktiv beschäftigt sind, können unter bestimmten Umständen zu positiven Wohlfahrtseffekten für das Zielland führen (Dicke und Foders 2000, S. 23). Unter der Bedingung von vollständigem Wettbewerb auf den Güter- und Faktormärkten sowie deren vollständiger Anpassung an Angebot und Nachfrage („geräumte Faktormärkte“) kann die Wohlfahrt des Einwanderungslandes durch die Immigration von Personen, die eine Arbeit suchen und finden, steigen. Immigration führt in dieser Sicht zu einer Ausdehnung der Produktion (Brücker und Weise 2001, S. 4). Der Anstieg des Arbeitsangebotes führt zwar auf geräumten Faktormärkten zu einem Sinken der Löhne und damit zu einem Verlust für die heimischen Arbeitskräfte (Dicke und Foders 2001, S. 23). Dies macht jedoch andererseits die Einstellung von zusätzlichen Arbeitskräften durch die Unternehmen rentabel, deren Produktivität über ihrer Entlohnung liegt (Brücker und Weise 2001, S. 4). Dadurch entstehen zusätzliche Gewinne und es kommt zu einem Anstieg der einheimischen Kapitaleinkommen, der höher als die Verluste der einheimischen Arbeitnehmer durch die sinkenden Reallöhne ist (Dicke und Foders 2000, S. 23; Brücker und Weise 2001, S. 4). In der Summe ergibt sich daraus ein Wohlfahrtsgewinn – „immigration surplus“ (DG ECFIN 2001, S. 43) – sowohl für die Einheimischen als auch für die Zuwanderer, die im Vergleich zu ihrem Heimatland ein höheres Arbeitseinkommen erzielen können (Brücker und Weise 2001, S. 4).

Bei der Beurteilung der Migration stellt sich außerdem die Frage nach der Homogenität des Arbeitsangebots. Dabei unterscheidet man zwischen qualifizierten und unqualifizierten Arbeitskräften. Die Zuwanderung von qualifizierten Arbeitskräften kann dabei zu einem zusätzlichen Gewinn („brain gain“) für das Einwanderungsland führen, da die Investitionen in das immigrierte Humankapital im Herkunftsland getätigt wurden (Brücker und Weise 2001, S. 4). In den Herkunftsländern bewirkt die Emigration einen entsprechenden Wohlfahrtsverlust („brain loss“). Dort wird die Migration außerdem die Knappheit des Faktors Arbeit erhöhen und damit zu steigenden Reallöhnen und sinkender Arbeitslosigkeit führen (Kiander et al. 2002, S. 43).

Eine weitere Konsequenz der Zuwanderung besteht in einer Vergrößerung der Märkte in der Zielregion, die im Fall von Produktion mit steigenden Skalenerträgen zu mehr Einkommen und Wachstum im Einwanderungsland führen kann (Brücker und Weise 2001, S. 4).

Die bisher beschriebenen Wohlfahrtsgewinne durch Migration können unter der Voraussetzung von geräumten Faktormärkten, also einer vollständigen Anpassung des Preises an Angebot und Nachfrage, zu Stande kommen. Gibt man diese Annahmen auf, dann müssen die Erwartungen an Wohlfahrtsgewinne durch Zuwanderung vermindert oder sogar revidiert werden (Dicke und Foders 2000, S. 24). So können Regulierungen des Arbeitsmarktes bestehen, die eine Unterbeschäftigung des Erwerbspersonenpotenzials im Zielland verursachen.[22] In diesem Fall wird sich die Zuwanderung auf Personen beschränken, deren Wertgrenzprodukt[23] über dem der einheimischen Arbeitskräfte liegt. Die Verluste aus der Verdrängung der inländischen Arbeitskräfte werden in diesem Fall größer sein als die Gewinne der Produzenten (Dicke und Foders 2000, S. 24) und es kommt zu einem Sinken der Wohlfahrt der Inländer.

In Volkswirtschaften mit Arbeitslosigkeit sind die Wohlfahrtswirkungen der Zuwanderung stark von der Struktur der Migration abhängig (Brücker und Weise 2001, S. 5). Die Zuwanderung von Arbeitskräften, die in einem Substitutionsverhältnis zu einheimischen Gruppen von Erwerbslosen stehen, erhöht damit das Angebot an Arbeitskraft zusätzlich und trägt damit zu einer Erhöhung der Arbeitslosigkeit bei. Die Zuwanderung von Arbeitskräften, die über komplementäre Qualifikationen zu den von Arbeitslosigkeit betroffenen Gruppen verfügen, kann dagegen zu einer Verringerung der Arbeitslosigkeit führen, weil die Nachfrage nach diesen Erwerbspersonen zunehmen wird (Boeri und Brücker 2001, S. 5).

Wenn negative Externalitäten der privaten Produktion (etwa Überausbeutung der natürlichen Ressourcen) existieren oder es zu einer Überfüllung der Infrastruktur[24] kommt, wird die Zuwanderung und die damit verbundene Produktionsausweitung zu einem Anstieg der sozialen Grenzkosten und damit ebenfalls zu einer Wohlfahrtsminderung führen (Dicke und Foders 2000, S. 25). In diesem Zusammenhang wird in einigen Studien die Bedeutung von Wanderungsströmen betont, die nicht durch eine Differenz der Faktorpreise erklärt werden können. Dahinter steht der Gedanke, dass es auch zu Wanderungen kommen kann, wenn keine Aussicht auf höhere Einkommen im Einwanderungsland besteht (Dicke und Foders 2000, S. 25). Die Zuwanderer profitieren nämlich auch von den steuerfinanzierten Ausgaben des umverteilenden Sozialstaates und erzeugen so fiskalische Lasten für die Inländer (Sinn 2001, S. 8) und reduzieren deren individuellen Pro-Kopf-Nutzen aus (unvollkommenen) öffentlichen Gütern[25]. Wenn es also die Erwartung gibt, dass im Einwanderungsland auf andere Art und Weise als durch Arbeit ein Einkommen erzielt werden kann, das nach Abzug der durch die Migration entstehende Transaktionskosten höher ist als das Einkommen im Herkunftsland, dann kann es ebenfalls zu Wanderungen kommen (Dicke und Foders 2000, S. 25). Diese werden gelegentlich als „Konsumentenwanderungen“ bezeichnet und wirken wohlfahrtsmindernd.

Die distributiven Konsequenzen der Migration bestehen in einer Umverteilung von Einkommen. Dabei verlieren im Einwanderungsland die Bezieher von Arbeitseinkommen, während die Bezieher von Kapitaleinkommen gewinnen (DG ECFIN 2001, S. 43). Umgekehrtes gilt im Ursprungsland.

2.2.2 Wohlfahrtswirkung von Ausländischen Direktinvestitionen

Unter Ausländischen Direktinvestitionen (ADI) ist jede ausländische Investition zu verstehen, die zu einer Beteiligung von Ausländern in einer inländischen Produktionseinheit führt (Van Aarle und Skuratowicz 2000, S. 4). Der Begriff der ausländischen Direktinvestitionen umfasst dabei sowohl die Einrichtung von vollkommen neuen Produktionsstätten im Besitz ausländischer Unternehmen („greenfield investment“) als auch Fusionen und Übernahmen („brownfield investment“), insbesondere im Kontext der Privatisierung von Staatsunternehmen (Van Aarle und Skuratowicz 2000, S. 4).

Regionale Integration wird als Ursache für einen Anstieg der Direktinvestitionen verantwortlich gemacht, weil sie eine glaubwürdige Selbstbindung[26] für eine Reform der politischen, rechtlichen und institutionellen Rahmenbedingungen darstellt, die auch für zukünftige Regierungen verbindlich ist (Ethier 2001, S.13). Dadurch wird das betreffende Land für Direktinvestitionen attraktiver. Grundsätzlich wirken Kapitalwanderungen in Form von Direktinvestitionen unter Wettbewerbsbedingungen auf den Güter- und Faktormärkten tendenziell wohlfahrtsmehrend im Herkunftsland und im Zielland (Dicke und Foders 2000, S. 23). Das Herkunftsland, in dem der Kapitaleigentümer seinen Wohnsitz behält, bezieht ein höheres Kapitaleinkommen aus dem Ausland, welches höhere Einfuhren und damit eine bessere Güterversorgung im Inland ermöglicht. Im Empfängerland erhöht die ausländische Investition die Produktion, auch wenn der Konsum im Empfängerland wegen des Gewinntransfers in das ADI-Herkunftsland nicht im gleichen Ausmaß ansteigt (Dicke und Foders 2000, S. 23). Zudem kommt es durch ADI zu einer Übertragung von Wissenskapital (Bolle et al. 2001, S.5), einem positiven Impuls für die Neustrukturierung von Unternehmen sowie zu technologischen Spillover-Effekten, die einen wichtigen Impuls für die Steigerung der Wachstumsraten darstellen (Saul und Estrin 2000, S. 3). Einkommensentwicklung und Beschäftigungsanstieg werden beschleunigt (Beyfuß und Eggert, S.17). In den Herkunftsländern kann die durch ADI ausgelöste erhöhte Kapitalnachfrage zu einem leichten Anstieg der Zinssätze führen (Kristensen und Jensen 2001, S. 17). Die verbesserte Faktorallokation führt im Ergebnis zu einer Steigerung der Realeinkommen in beiden Ländern. Im Kapitalexportland wird die Knappheit von Arbeit verringert und die Löhne sinken zu Gunsten der Kapitaleinkommen. ADI können damit zu einer Angleichung der Faktorpreise beitragen (Quaisser et al. 2000, S. 94).

2.3 Wachstumseffekte

Der folgende Abschnitt untersucht die dynamischen Effekte (oder auch Wachstumseffekte) einer regionalen Integration.

Wirtschaftliches Wachstum bezeichnet eine langfristige Ausweitung des Produktionspotenzials (Teichmann 1993, S. 263). Die Voraussetzung für ein Wachstum des Pro-Kopf-Outputs ist eine Akkumulation der Produktionsfaktoren (Baldwin 1994, S. 50). Die dynamischen Effekte einer regionalen Integration ergeben sich bei gegebener Allokation also durch eine vorübergehende oder dauerhafte Zunahme der Akkumulation von Sach- und Humankapital und Wissen (Dicke und Foders 2000, S. 7). Bezogen auf die Auslastung des Produktionspotenzials kann Wirtschaftswachstum als langfristige Zunahme des realen Bruttoinlandsprodukts definiert werden (Siebert 1991, S. 282). Wachstum ermöglicht eine bessere Güterversorgung und damit eine Reduzierung von Knappheit, einen Anstieg der Beschäftigung sowie eine Korrektur der Einkommensverteilung, da in einer wachsenden Wirtschaft Umverteilung aus den Zuwächsen erfolgen kann, also nicht zwangsläufig eine bestimmte Gruppe schlechter gestellt werden muss, um eine andere besser zu stellen (Siebert 1991, S. 283).

Mittelfristige Wachstumseffekte: Induzierte Kapitalformation

Ein mittelfristiger Wachstumseffekt kann mit dem Mechanismus der induzierten Kapitalformation in neoklassischen Wachstumsmodellen erklärt werden (Baldwin 1994, S. 51f): Aus den oben genannten Gründen führt eine regionale Integration zu einer Verbesserung der Faktorallokation. Diese verbesserte Allokation von Produktionsfaktoren führt nicht nur zu mehr Konsum, sondern ermöglicht auch steigende Ersparnisse und damit höhere Investitionen. Zudem wird die verbesserte Faktorallokation die Totale Faktorproduktivität (Wissenskapital) erhöhen und damit die Investitionsbedingungen verbessern (Baldwin 1994, S. 51). Die Investoren aus dem In- und Ausland werden also eine höhere Rendite erwarten und daraufhin ihre Investitionspläne im Integrationsraum anpassen und mehr Kapital nachfragen (Dicke und Foders 2000, S. 12). Ist Kapital vollkommen mobil, dann wird unter der Annahme des kleinen Landes und einer konstanten Sparquote der Inländer die zusätzliche Kapitalnachfrage vom Weltmarkt befriedigt werden. Dies führt zu einer Akkumulation von Sach- und Humankapital in der Integrationsregion und damit zu einem Anstieg der gesamtwirtschaftlichen Produktion (Dicke und Foders 2000, S. 12). Dynamische Wachstumseffekte sind in diesen Modellen also eine Folge der statischen Effizienzgewinne. Die dynamischen Wachstumseffekte werden in der Regel auf der Basis der Schätzungen der Allokationseffekte in einer Zunahme des Bruttoinlandsproduktes gemessen (Baldwin 1994, S.52f.). Die dabei meist angegebenen Wachstumssteigerungen stellen die Summe aus statischen Effizienzgewinnen und induzierter Kapitalformation dar (Baldwin 1994, S. 53).

Diese Produktionsausweitung kann jedoch nicht direkt mit einem Nutzenzuwachs des repräsentativen inländischen Konsumenten gleichgesetzt werden, weil ein Teil der zusätzlichen Faktoreinkommen an das Ausland transferiert werden muss und in Höhe dieses Transfers Kaufkraft zum Erwerb von Gütern des Integrationsraumes an das Ausland übertragen wird. Geht man dagegen von einem Verzicht auf Kapitalimport aus, dann würde die erhöhte Kapitalnachfrage im Integrationsraum zu einem Anstieg des Zinssatzes im Integrationsraum führen. Die Folge dieses Zinsanstiegs wäre eine Dämpfung der inländischen Kapitalnachfrage und damit ein Rückgang der Investitionen (Dicke und Foders 2000, S. 13). Eine Steigerung des Outputs kann zudem nicht automatisch mit einer Steigerung der Wohlfahrt gleichgesetzt werden, da die Akteure zu Gunsten von zukünftigem Konsum auf Konsum in der Gegenwart verzichten müssen (Baldwin 1994, S. 54).

[...]


[1] Die Abkürzungen der Länder sind dem EUROSTAT-Jahrbuch 2002 entnommen.

[2] Die vorliegende Arbeit berücksichtigt aufgrund ihrer besonderen historischen und ökonomischen Gemeinsamkeiten lediglich die zehn mittel- und osteuropäischen Länder (MOEL-10).

[3] Allerdings gab es Anfang der neunziger Jahre keine genauen Konzepte für die Integration der MOEL (Mattli und Plümper 2002, S. 4). Das änderte sich erst, als der europäischen Politik die Gefahr einer Rückkehr zu diktatorischen politischen Systemen oder dauerhaft instabilen Verhältnissen in Osteuropa eindringlich vor Augen geführt wurde. Die ersten ernstzunehmenden Überlegungen der EU über die Osterweitung folgten erst auf den 1991 in Moskau stattfindenden Putsch (Gower 1993, S. 289f.), der die Möglichkeit einer Rückkehr Russlands zu autoritären politischen Systemen ins Bewusstsein rückte. Und erst nachdem der Krieg im Kosovo 1999 die europäischen Staats- und Regierungschefs an die hohen Kosten von politischer Instabilität in den Nachbarregionen erinnert hatte, entschied sich die EU auf dem Gipfel von Helsinki (10./11. Dezember 1999) für eine Ausdehnung der Aufnahmeverhandlungen auf zwölf Kandidaten.

[4] Die „Neue Politische Ökonomie“ geht auf der Basis des methodologischen Individualismus von rationalen Akteuren aus, die ihren Nutzen auf der Basis von individuellen Präferenzordnungen maximieren wollen. Das Ziel ist die Erklärung des Verhaltens von Wählern und Parteien sowie dem daraus folgenden Handeln von Regierungen in Demokratien aus individuellen Präferenzen. Das Ziel der politischen Parteien besteht im Wahlgewinn statt in einer Steigerung eines so genannten „Allgemeinwohls“ (Tullock 2000, S.7). Die Wähler versuchen, ihren Nutzen aus der Regierungstätigkeit zu maximieren (Downs 1957, S. 135ff.). Daraus folgt, dass politische Parteien in Demokratien diejenigen Programme entwickeln, von denen sie sich eine Maximierung der Wählerstimmen erhoffen.

[5] Dies setzt vollständige Information der Wähler über die Konsequenzen von Politik voraus. Da die Beschaffung dieser Informationen selbst mit hohen Kosten verbunden ist, können sich die individuell erwarteten Konsequenzen selbstverständlich von qualifizierteren Vorhersagen unterscheiden. Gut informierte Interessengruppen werden dabei in der Regel besser informiert sein als Wähler.

[6] Allgemein tritt eine Principal-Agent-Beziehung immer dann auf, „whenever one individual’s actions have an effect on another individual” (Stiglitz 1987, S. 967). Eine Definition liefert Gilardi: „The principal-agent-relationship can be defined as a social transaction, or interaction, in which one actor, the agent, carries out actions that are intended to fulfil the interests of another actor, the principal.” (Gilardi 2001, S.3) Unter der Bedingung von asymmetrischer Information und unvollständigen Vertragsbeziehungen kann es dabei zu Interessenkonflikten zwischen Prinzipal und Agent kommen (Gilardi 2001, S. 4).

[7] Existiert eine hohe Wahrscheinlichkeit für das Eintreten von Kosten in einer relevanten Höhe, dann haben die betroffenen Akteure einen hohen Anreiz, gegen die entsprechende politische Entscheidung zu mobilisieren und damit den Verhandlungsspielraum auf internationaler Ebene zu beschränken. Ist die Höhe und Verteilung von Kosten und Nutzen dagegen unsicher und gibt es ein geringes Risiko für das Eintreten von Kosten, dann sind die Beschränkungen für Regierungen bei Verhandlungen geringer (Buchanan und Tullock 1962, S. 78f.).

[8] Das Konzept der (potenziellen) Pareto-Optimalität wird gelegentlich kritisiert, weil es von einem interpersonellen Nutzenvergleich und damit von der Berücksichtigung von Verteilungsfragen absieht. So wird ein für alle Individuen gleicher Grenznutzen des Einkommens angenommen. Die Entscheidung, auf eine Gewichtung zu verzichten, stellt also selbst eine Gewichtung dar: Ihr liegt die Annahme zu Grunde, dass die beobachtete Einkommensverteilung selbst optimal ist und alle Individualnutzen gleich zu gewichten sind (Mühlenkamp 1994, S. 82). Ebenfalls als problematisch gilt die Forderung nach der Möglichkeit einer Kompensation (statt ihrer Durchführung). Eine ausführliche Diskussion dieser Aspekte würde jedoch den Rahmen dieser Arbeit sprengen.

[9] Fragestellung (1) untersucht sozusagen, ob der Kuchen größer wird. Fragestellung (2) zielt darauf ab, wie der Kuchen verteilt wird.

[10] Etwa die Durchsetzung von Normen (Schimmelfennig 2001).

[11] Vgl. Apholto et al. (2001), S.16-21.

[12] In beiden Fällen dürfte der exogene Schock der Osterweiterung jedoch zu einer Verbesserung beitragen.

[13] Vgl. Hall und Quaisser (2002).

[14] Aufgrund des begrenzten Umfangs wird lediglich eine knappe Übersicht über die wichtigsten theoretischen Folgen einer regionalen Liberalisierung gegeben.

[15] Produktionsfaktoren sind Güter, mit denen andere Güter hergestellt werden können. Dabei unterscheidet man normalerweise in die Produktionsfaktoren Arbeit, Boden, produzierte Ressourcen (also vom Menschen hergestellte Hilfsmittel zur Produktion) in Form von Kapital sowie technisches Wissen (Siebert 1991, S. 44).

[16] Eine andere mögliche theoretische Grundlage für eine Untersuchung der Außenhandelsgewinne ist die Theorie der komparativen Kostenvorteile nach Ricardo. Aufgrund der unterschiedlichen Faktorausstattung von EU und MOEL beschränkt sich die Arbeit jedoch auf die Darstellung des Heckscher-Ohlin-Samuelson-Modells. Zur Theorie der komparativen Kostenvorteile vgl. Heine und Herr (2000), S. 572ff.

[17] Das Faktorproportionentheorem ist allerdings von Leontief angezweifelt worden. Seine Studie zum Außenhandel der USA ergab, dass der Arbeitsgehalt der US-Importe kleiner als der der US-Exporte ist und Umgekehrtes für die Kapitalintensität gilt. Diese dem Faktorproportionentheorem widersprechende Beobachtung ist als „Leontief-Paradoxon“ bekannt geworden und konnte erst durch das Neo-Faktorproportionentheorem aufgelöst werden (Rose und Sauernheimer 1995, S.389).

[18] Vgl. Abschnitt 2.2.

[19] Die Theorie der Zollunion geht zurück auf Viner (1950).

[20] Dazu gehören preisliche Belastungen der Einfuhr (Abschöpfungen, Zollzuschläge, Einfuhrgebühren) sowie quantitative Beschränkungen der Einfuhr (Kontingente, Freiwillige Exportbeschränkungen).

[21] „Skalenerträge (returns to scale) bezeichnen die Auswirkung der proportionalen Erhöhung aller Faktoren auf das Produktionsergebnis. Wenn die Produktion im gleichen Verhältnis ansteigt, so sind die Skalenerträge für die entsprechende Gruppe von Faktorkombinationen konstant. Sie sind steigend, wenn der Ausstoß überproportional ansteigt und fallend, wenn sich der Ausstoß verhältnismäßig weniger erhöht als die eingesetzten Produktionsfaktoren.“ (Henderson und Quandt 1983, S.107)

[22] Dazu zählen Maßnahmen, die den Bruttolohn oberhalb der Wertgrenzproduktivität des Faktors Arbeitskraft bei Vollbeschäftigung fixieren (Dicke und Foders 2000, S. 24).

[23] Das Wertgrenzprodukt ist der in Geldwerten ausgedrückte Ertrag, den der zusätzliche Einsatz einer Einheit eines Produktionsfaktors erbringt (Siebert 1991, S.82).

[24] Mit jedem zusätzlichen Nutzer ist bei bestimmten Gütern ab einer bestimmten Grenze ein Rückgang des individuellen Nutzens pro Kopf verbunden.

[25] Dabei müssen alle Ausgaben des Staates berücksichtigt werden, die zusammen mit dem Steuer- und Abgabensystem eine Umverteilung von Ressourcen zu Gunsten der ärmeren Einkommensbezieher darstellen. Dazu gehören neben Sozialleistungen auch Infrastruktur, Schulen und Rechtssystem, für die im Fall einer Zuwanderung höhere Finanzierungsleistungen aufgebracht werden müssen, wenn die Qualität nicht sinken soll (Sinn 2001, S. 8).

[26] Zum Begriff der glaubwürdigen Selbstbindung vergleiche Dixit und Avinash (1997), S. 139.

Details

Seiten
120
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783832460495
Dateigröße
840 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v221517
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Politik- und Sozialwissenschaften, Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaften
Note
1,3
Schlagworte
aussenhandelstheorie regionale integration eu-beitritt mitteleuropa osteuropa eu-haushalt

Autor

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Titel: Kosten und Nutzen der EU-Osterweiterung: Eine Analyse Ihrer Wirkungen