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Sozialarbeiterische Krisenbegleitung unter besonderer Berücksichtigung des systemischen Zuganges bei Familien

Diplomarbeit 2002 165 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung:

2. Was sind Krisen? (Definitionen verschiedener Ansätze)
2.1 Aus Sozialarbeiterischer Sicht:
2.1.1 Der Empowerment - Ansatz:
2.1.2 Die systemische Sozialarbeit nach Peter Lüssi:
2.1.3 Die systemische Krisenintervention nach Egidi und Boxbücher:
2.1.4 Eigendefinition:
2.2 Aus Psychologischer Sicht:
2.2.1 Die Verhaltenspsychologie:
2.2.2 Die Psychoanalyse:
2.2.3 Die Lerntheorie:
2.3 Aus Psychiatrischer Sicht:
2.4 Aus Soziologischer Sicht:
2.5 Definitionen anderer Gebiete der Natur- und Geisteswissenschaften:
2.5.1 Der Begriff von Krise in der Chemie:
2.5.2 Der Begriff von Krise in östlichen Philosophien:

3. Wie kommt es zu Krisen? (Herkunft und Entwicklung aus unterschiedlichen Zugängen)
3.1 Allgemeines zur Entwicklung
3.2 Herkunft aus Sicht der Sozialarbeit:
3.2.1 Systemische Sozialarbeit nach Peter Lüssi:
3.2.2 Die Klientenzentrierte Psychotherapie nach Rogers:
3.3 Herkunft aus Sicht der Psychologie:
3.3.1 Die Psychoanalyse:
3.3.2 Die Verhaltenstherapie:
3.3.3 Humanismus-Existentialismus:
3.4 Das Burnout - Syndrom als Beispiel für die Entwicklung einer Krise:
3.4.1 Aspekte des Burnout Syndrom sind vor allem:
3.4.2 Zur Entstehung des Burnout-Syndroms:
3.4.3 Folgen des Burnout und Strategien zur Prävention und Bewältigung:

4. Was machen Krisen? (Charakteristika und Auswirkungen)
4.1 Grundlegende Fragen zur eigenen Krisenerfahrung:
4.1.1 Welche Lebenssituationen können mich selbst in eine Krise bringen?
4.1.2 Was brauche ich dann von anderen Menschen und Freunden?
4.1.3 Was brauche ich auf keinen Fall?
4.1.4 Was also können wir selbst bei Krisen tun?
4.2 Allgemeine Charakteristika von Krisen:
4.2.1 Körperliche und psychische Verfassung:
4.2.2 Problemlösefähigkeit:
4.2.3 Kommunikation:
4.2.4 Krisen sind durch typische Merkmale bestimmt:
4.2.5 Weltbilder:
4.2.6 Gefahren von Krisen:
4.2.7 Anlass von Krisen und Belastungsaspekte:
4.2.8 Psychosoziale Belastungsfaktoren nach DSM Iv:
4.2.9 Krankheitsbilder und deren Zusammenhang mit Krisen:

5. welche Krisen kennen wir? (einteilung der Krisen)
5.1 Traumatische Krisen:
5.1.1 Definition:
5.1.2 Verlauf:
5.1.3 Schwerpunkte einer Intervention:
5.2 Lebensveränderungskrisen:
5.2.1 Definition:
5.2.2 Verlauf:
5.3 Chronische Krisen
5.3.1 Definition:

6. Was machen wir als Helfer bei Krisen? (Interventionsformen und HandlungsMöglichkeiten)
6.1 Allgemeines:
6.2 Richtlinien für die Krisenarbeit:
6.3 Schematische Darstellung der Wirkung regulierender Faktoren:
6.4 Wesentliche Aspekte der Diagnose einer Krise:
6.5 Definitionen des Methodenbegriffes in der sozialarbeiterischen Fachliteratur :
6.6 Aus der psychiatrischen Krisenintervention nach Sonneck:
6.6.1 Definition:
6.6.2 Ziele der Krisenintervention:
6.6.3 Prinzipien
6.6.4 Konzept einer Krisenintervention:
6.6.5 Der Erstkontakt
6.6.6 Das Erstgespräch:
6.6.7 Weiteres Vorgehen:
6.7 Unterschiedliche therapeutische Perspektiven zu Krisen:
6.8 Krisenintervention aus Sicht der systemischen Sozialarbeit nach Lüssi:
6.9 Die Sozialpädagogische Beratung nach Thiersch:
6.9.1 Begriff und Abgrenzung:
6.9.2 Relevanz zur Krisenarbeit:
6.9.3 Zusammenfassung:
6.10 Klientenzentrierte Gesprächsführung nach Rogers
6.10.1 Begriff und Abgrenzung:
6.10.2 Theoretische Grundlagen der Klientenzentrierten Gesprächsführung:
6.10.3 Grundhaltungen:
6.11 Multiperspektivische Fallarbeit:
6.11.1 Fall von
6.11.2 Fall für
6.11.3 Fall mit
6.11.4 Die sozialpädagogische Anamnese:
6.11.5 Die sozialpädagogische Diagnose:
6.11.6 Die sozialpädagogische Intervention:
6.11.7 Die sozialpädagogische Evaluation:
6.12 Case Management:
6.12.1 Funktionen des Case Management:
6.12.2 Elemente des Case Managements sind vor allem:
6.12.3 Einschätzung von Case Management und Bezug zur Krisenarbeit:
6.13 Rekonstruktive Sozialpädagogik:
6.14 FIM (Familie im Mittelpunkt):
6.14.1 Programm der FiM:
6.14.2 Handlungsmaximen:
6.14.3 Techniken:
6.14.4 Intervention von FiM nach Gehrmann/Müller:
6.14.5 Kritik:
6.15 Empowerment:
6.15.1 Herkunft:
6.15.2 Perspektiven:
6.15.3 Kritik:
6.15.4 Fazit:
6.16 Soziale Netzwerkarbeit:
6.16.1 Definition:
6.16.2 Geschichte:
6.16.3 Prinzipien sozialer Netzwerkarbeit:
6.16.4 Techniken der sozialen Netzwerkarbeit:
6.16.5 Einschätzung der Sozialen Netzwerkarbeit für die Krisensozialarbeit:
6.17 Systemische Familientherapie: (besondere Berücksichtigung)
6.17.1 Das System:
6.17.2 Die Familie:
6.17.3 Die Familie in der Krise
6.17.4 Falldarstellungen:

7. Welche Botschaften enthalten Krisen? (Sinn und Chance, das innewohnende Potential)
7.1 Allgemeines:
7.2 Das kreative Potential, der Aufbau des Lösungsfeldes:
7.3 Vom Werdegang einer Krise am Beispiel eines Märchens:
7.4 Krisen und Übergangsphasen:
7.5 Die Angst in der Krise und der Mut zum Loslassen:
7.6 Trauerprozess:

8. Schlussworte:

9. Literaturverzeichnis:

10. Eidesstattliche Erklärung

1. Einleitung:

Die vorliegende Arbeit berichtet über Krisen. Genauer gesagt über Sozialarbeiterische Krisenbegleitung in Familien unter besonderer Berücksichtigung des systemischen Zuganges bei Familien.

Warum Krisenbegleitung?

Krisenintervention zielt vom Wort her auf ein rasches Helfen und vor allem auch auf ein „Dazwischentreten“ ab. Dieser Ansatz entstammt dem medizinisch/psychiatrischen Notfallsprogramm und findet Niederschlag in den ersten, akuten Maßnahmen, welche wichtig sind, um Fremd- oder Selbstgefährdung von jemandem abzuwenden. Diese Maßnahmen sind Medizinern zugeordnet.

Die nachfolgenden Maßnahmen, welche den Menschen helfen, Muster zu entdecken, die zur Krise geführt haben, oder Möglichkeiten aufzeigen, um ihr eigenes zur Krise führendes Verhaltensrepertoire zu ändern etc. dauern länger und die Sozialarbeiter, welche mit Menschen in Krisen arbeiten, tun dies gewöhnlich über eine längere Zeit. Dieser längere Kontakt soll sich im Terminus „Begleiten“ ausdrücken.

Warum Systemisch?

In vielen Semestern Ausbildung an der Sozialakademie in Graz wurde klar, dass dies ein sehr gewinnbringender und viel versprechender Ansatz ist, Sozialarbeit zu verstehen und durchzuführen. Aus diesem Grunde wurde ihm besondere Beachtung geschenkt.

Warum in Familien?

Dies lässt sich zurückführen auf meine Praktikas beim Amt für Jugend und Familie, welche durch die Konfrontation mit Aufgabenstellungen rund um Familienkrisen mein Interesse für dieses Handlungsfeld der Sozialen Arbeit erwachen ließen.

Behandelte Fragestellungen:

Was ist der sozialarbeiterische Zugang bei Krisen? Welche Möglichkeiten bieten sich dem Sozialarbeiter (vor allem dem systemisch arbeitenden), Krisen über die zur Zeit in der gängigen Krisentheorie üblichen Interventionsformen (vor allem der Psychiatrie) hinaus zu betrachten und welche Methoden ergeben sich infolge seiner fächerübergreifenden Ausbildung, mit Menschen in Krisen zu arbeiten?

In dieser Arbeit wird versucht Antworten zu finden und vor allem darzustellen, dass der Sozialarbeiter, vor allem der systemisch orientierte, infolge seines multiperspektivischen Ansatzes, die besten Möglichkeiten für Menschen, welche in Krisen geraten, bietet, mit seinen Krisen gewinnbringend und entwicklungsfördernd umzugehen.

Aufbau der Arbeit:

Die Arbeit setzt sich aus 6 Teilen zusammen:

Im ersten Teil werden Definitionen von Krisen vorgestellt.

Aus sozialarbeiterischer, psychologischer, psychiatrischer und soziologischer Sicht, sowie anderer Gebiete der Natur- und Geisteswissenschaften heraus werden verschiedene Möglichkeiten, Krisen zu betrachten, beschrieben.

Im zweiten Teil wird versucht, die Herkunft und die Entwicklung von Krisen aus unterschiedlichsten Zugängen her zu beleuchten. Neben einem allgemeinen Teil kommen wieder die Sozialarbeit und die Psychologie zu Wort. Weiters wird der Versuch unternommen, anhand eines Beispiels, nämlich des Burnout-Syndroms, die Entwicklung einer Krise aufzuzeigen.

Im dritten Teil werden verschiedene Charakteristika und Auswirkungen von Krisen dargestellt. Grundlegende Fragen zur eigenen Krisenerfahrung zeigen den persönlichen Zugang des Autors auf.

Der vierte Teil der Arbeit teilt Krisen nach den gängigen Modellen in Traumatische Krisen, Lebensveränderungskrisen, und Chronische Krisen ein.

Der fünfte Teil dieser Arbeit widmet sich zuerst einem allgemein gehaltenen Teil, dann Richtlinien zur Krisenarbeit, die Darstellung der Wirkung von regulierenden Faktoren, wesentliche Aspekte der Diagnose einer Krise und eine kurze Definition des Methodenbegriffes in der Sozialarbeit.

Nach der Erörterung der psychiatrischen Krisenintervention und der kurzen Darstellung unterschiedlichster Perspektiven zur Therapie von Krisen werden die unterschiedlichen Ansätze der Sozialarbeit aufgezeigt: Der systemische Ansatz nach Lüssi, die Sozialpädagogische Beratung nach Thiersch, die Klientenzentrierte Gesprächsführung nach Rogers, die Multiperspektivische Fallarbeit, das Case Management, die Rekonstruktive Sozialpädagogik, die Familie im Mittelpunkt (FiM), der Empowerment - Ansatz, die Soziale Netzwerkarbeit und in der besonderen Berücksichtigung, die Systemische Familientherapie.

Im abschließenden sechsten Teil der Arbeit wird versucht den in Krisen innewohnenden Sinn und das sich daraus ergebende Potential ins Bewusstsein zu rücken und verständlich zu machen.

Es wird nach einem allgemeinen Teil aufgezeigt, welches kreative Potential in Krisen enthalten ist. Am Beispiel eines Märchens wird ein Werdegang einer Krise und der Aufbau des dazugehörenden Lösungsfeldes erhellt.

2. Was sind Krisen? (Definitionen verschiedener Ansätze)

2.1 Aus Sozialarbeiterischer Sicht:

2.1.1 Der Empowerment - Ansatz:

„Der Ausgangspunkt von Empowerment-Prozessen ist stets das Erleben von Machtlosigkeit und Fremdbestimmung (sense of Powerlessness), eine Erfahrung also, ausgeliefert zu sein, mit dem Rücken an der Wand zu stehen, die Fäden der eigenen Lebensgestaltung aus der Hand zu verlieren“ ( Herriger 1997, S. 52 zit. n. Edler 2001,S. 74).

In dieser Form ähnelt er sehr dem Begriff der Krise aus systemischer Sicht.

2.1.2 Die systemische Sozialarbeit nach Peter Lüssi:

Bei Peter Lüssi wird dargestellt, wann eine Sozialarbeiterische Intervention erforderlich ist. Dort wird ein abgegrenztes, sozialarbeiterisches Handeln in bezug auf eine bestimmte soziale Problemkonstellation bezeichnet. Dieses Handeln hat bei Lüssi zweierlei Gestalt: Nämlich die Eigenschädigung oder Eigengefährdung und die Fremdschädigung bzw. Selbstgefährdung abzuwenden.

„Sowohl im Falle der Selbstgefährdung wie in dem der Fremdgefährdung sind die gefährdeten Menschen außerstande, durch eigenständiges Handeln ihre notvolle Lebenssituation zu verändern. Als Selbstgefährder sind sie ihren schädlichen psychischen Impulsen oder Unfähigkeiten unterworfen, als Fremdgefährdete stehen sie in der Macht der schädigenden Person(en), und zwar so sehr, dass sie - im einen wie im anderen Falle - als praktisch hilflos gelten müssen“ (Lüssi 1992, S. 415).

2.1.3 Die systemische Krisenintervention nach Egidi und Boxbücher:

Der Mensch wird als Teil eines lebenden Systems gesehen, der durch zirkuläre Beziehungen in seinem sozialen Netzwerk eingebunden ist. Bedeutsam sind nun die Art und Weise, wie diese Beziehungen geregelt werden. Unter Regeln werden bestimmte „Übereinkünfte“ verstanden, was in einem sozialen Netzwerk als krank oder gestört oder gesund bzw. funktionstüchtig empfunden wird. Durch die Regeln entstehen Ordnungsmuster und daraus bestimmte Verhaltensweisen.

Ein Mensch in einer Krise wird nun als abhängig vom Verhaltensmuster anderer beschrieben und es kommt zum sogenannten „Tunnelphänomen“: „Ein Mensch erlebt sich als ausgeliefert und sich seiner vielfältigen Verhaltensoptionen beraubt, beschreiben Egidi und Boxbücher“ (Egidi und Boxbücher 1996, S. 15).

2.1.4 Eigendefinition:

Wenn Themen des Lebens an jemanden herangetragen werden und von diesem nicht oder nicht ausreichend beachtet und behandelt werden, so kumulieren sie (das Tunnelphänomen) und es entsteht ein, unter Umständen enormer, Handlungsdruck. Dieser ist begleitet von dem Gefühl, selbst nicht mehr handlungsfähig zu sein (die Machtlosigkeit) und die Gestaltung des eigenen Lebensprozesses abgegeben zu haben (die Fremdbestimmung). Solche „Lebensthemen“ können sehr rasch an jemand herangetragen werden, so dass der Druck auch sehr rasch steigt und sich dem Betroffenen keine Möglichkeit zu entkommen bietet. Eine schnelle Entlastung im Sinne eines Spannungsausgleichs scheint der einzige Ausweg (Die Abwehr schädigender Handlungen an sich oder anderen hat Vorrang). Diese schnellen Entlastungen sind dann meist aggressionsgeladen und auch oft irreversibel.

2.2 Aus Psychologischer Sicht:

2.2.1 Die Verhaltenspsychologie:

„Krise ist jede scharfe oder entscheidende Veränderung, für die alte Verhaltensformen nicht mehr adäquat sind, und in der übliche Verhaltensformen nicht mehr belohnend sind und neue gefordert werden“ (Hill zit. n. Oerter/Montada 1987, S. 350).

2.2.2 Die Psychoanalyse:

„Nach der psychoanalytischen Theorie ist die psychische Entwicklung eine psychosexuelle Entwicklung in strenger Abfolge: orale - anale - phallische - genitale Phase; Krisen und Störungen treten dann auf, wenn eine Entwicklungsphase nur unvollständig verarbeitet wird und man so auf sie fixiert bleibt“ (Weinberger 1992, S. 176 zit. n. Edler 2001, S. 37).

2.2.3 Die Lerntheorie:

Es kommt zu einer Krise, „wenn eine Situation zu neu, zu schnell, zu selten, zu ungewohnt, zu fremd, zu schwer, zu schmerzhaft ist, so dass das bisher gelernte Verhalten unbrauchbar wird, keine Bestätigung (reinforcement) mehr bekommt...“ (Dörner/Plog 1996, S. 330).

2.3 Aus Psychiatrischer Sicht:

„Verlust des seelischen Gleichgewichts, den ein Mensch verspürt, wenn er mit Ereignissen und Lebensumständen konfrontiert wird, die er im Augenblick nicht bewältigen kann, weil sie von der Art und vom Ausmaß her seine durch frühere Erfahrungen erworbenen Fähigkeiten und erprobten Hilfsmittel zur Erreichung wichtiger Lebensziele oder zur Bewältigung seiner Lebenssituation überfordern“ (Caplan und Cullberg zit. n. Sonneck 1995, S. 15).

2.4 Aus Soziologischer Sicht:

Diese Definition geht auf Durkheim zurück und versteht Krise als zu wenig oder zu viel Distanz zu den gesellschaftlichen Werten und Einrichtungen oder als eine unauflösbare Verwirrung der eigenen Ziele und Mittel (Dörner/Plog 1996, S. 329).

2.5 Definitionen anderer Gebiete der Natur- und Geisteswissenschaften:

2.5.1 Der Begriff von Krise in der Chemie:

Um Krisen besser verstehen zu können, wurde versucht, diesen Begriff auf einer Metaebene zu betrachten und die gemeinsamen Merkmale in anderen Bereichen zu suchen. Dabei ist aufgefallen, dass Krisenbegriffe - manchmal anders bezeichnet, aber eben doch als Krisenbegriffe dargestellt - auch in verschiedenen anderen Wissenschaftsbereichen verwendet werden. Es wird stellvertretend die Chemie herausgenommen und der Begriff der Krise dort behandelt.

Krisen sind Ungleichgewichtszustände in Systemen. Dies gilt auch für chemische Systeme.

Lebende Systeme werden unter anderem als solche definiert, die unter Bedingungen des Ungleichgewichts stabil sind.

Gemeint ist, dass trotz oder gerade weil solche Ungleichgewichte vorhanden sind, eine eigene Art von Stabilität auftritt, eine schwankende Stabilität zwischen quasi zwei Polen.

In der Chemie wurde zum Beispiel festgestellt, dass, bevor in einem System ein kritischer Punkt erreicht wird (etwa ein bestimmter Wärmewert), bestimmte geordnete Strukturen vorhanden sind. Diese können auch sichtbar gemacht werden. Wenn sich nun das System vom Gleichgewicht entfernt (also etwa Wärme zunimmt), und dann einen kritischen Punkt der Instabilität erreicht, dann tritt ein besonderes, hexagonales Muster auf.

Diese Muster, welche auftreten, wenn eine Form von Instabilität in einem System eintritt, können unter verschiedenen Umständen beobachtet werden.

Prigogine nennt solche Strukturen „Dissipative Strukturen" (vgl. Prigogine in Capra 1999, S. 203). Damit wird die enge Verbindung zwischen Ordnung, Unordnung und deren Strukturen betont.

Hyperzyklen:

In der Chemie und in der Physik gibt es also Systeme, die Punkte von Instabilität durchlaufen und dann neue Formen der Ordnung erzeugen.

Manche Systeme neigen dazu, sich miteinander zu verbinden und so wieder größere, offenere oder geschlossenere Systeme zu bilden. Einige dieser Systeme bilden sich immer wider neu nach ein und demselben Muster. Sie kopieren sich selbst und sind sogar in der Lage, Kopierfehler, die auftreten, zu korrigieren.

Eine der bemerkenswertesten Eigenschaften solcher Systeme, welche Hyperzyklen genannt werden, besteht darin, Phasen von Instabilität (Krisenphasen) zu durchlaufen und aus diesen Phasen in höhere Organisationsebenen überzutreten. Diese höheren Ebenen weisen dann eine zunehmende Vielfalt und Reichhaltigkeit von Bestandteilen und Strukturen auf. Sie haben sich weiterentwickelt und sozusagen „aus der Krise gelernt“.

Solche Systeme sind bemerkenswert lebensähnlich. Wenn sich chemische und biophysikalische Systeme durch Zuführung von Energie, von einem Zustand des dynamischen Gleichgewichtes hinweg bewegen, so verändert sich das Muster der Beziehung zwischen den Teilen in diesem System. Vorerst wird ein gewisser Ruhezustand beibehalten, aber einem bestimmten Grenzwert wird der Energiedurchfluss durch Konvektion (lat.: zusammenfahren, zusammenbringen) ersetzt. Ab diesem Punkt entsteht eine Bewegung der Moleküle. Und es tritt ein auffallend geordnetes Muster dieser Zellen auf. Dieses Hexagonale Muster (Bernard-Zellen) erinnert an Honigwaben (vgl. Capra 1999, S. 112-114).

Dieses Muster ist nicht nur im Labor beobachtbar, sonder tritt auch in der Natur auf. Etwa in arktischen Schneefeldern oder auf Sanddünen in der Wüste, wenn warme Luft von der Erdoberfläche in Form von hexagonalen Zirkulationsstrudeln in den Weltraum abfließt.

Ein Blick zu den Randgebieten der derzeitigen Familienarbeit zeigt, dass sich Organisationsmuster anderer lebender Systeme, in diesem Fall Familiensysteme, auch aufzeigen und graphisch darstellen lassen. Jedoch hat sich noch niemand diese Mühe gemacht bzw. sich mit der Erarbeitung solcher komplexer Organisationsmuster lange genug beschäftigt. Doch kann dies eine gewinnbringende Aufgabe im Sinne der Früherkennung von Krisen in lebenden Systemen sein. Diese Organisationsmuster werden sich auch mathematisch definieren lassen. Wenn sich ein Familiensystem von einem Zustand des dynamischen Gleichgewichts wegbewegt und eventuell auf eine Krise hinsteuert, so tritt auch hier ein neues Muster in den Beziehungen auf.

Veränderungen von Systemen mit sich ständig verändernden Bedingungen (etwa Beschleunigungen) können in der Mathematik mit Hilfe von Differentialgleichungen dargestellt werden. Differentialgleichungen sind das mathematische Mittel zur Erklärung von Beziehungen und Muster und deren Veränderungen.

Auch lebende Systeme, wie etwa menschliche Systeme (Familien oder Gesellschaftssysteme), welche sich einer Krise nähern, können mathematisch erfasst und graphisch dargestellt werden, und zwar indem vorher bestimmte Parameter definiert werden, die ein stabiles System ausmachen und dann die Veränderungen erfasst und in eine Gleichung gebracht werden.

2.5.2 Der Begriff von Krise in östlichen Philosophien:

In der chinesischen Philosophie beschäftigt man sich mehr mit den Zusammenhängen zwischen den Dingen als mit deren Reduzierung auf fundamentale Elemente (vgl. Capra in: „Das neue Denken", S. 172). Es geht also (zum Beispiel in der Medizin) um ein Netz von Zusammenhängen. Dieses ist „von Natur aus" dynamisch. So wird auch der individuelle Organismus, wie der gesamte Kosmos, im Zustand des kontinuierlichen Fließens und Wandels gesehen.

Aber nicht nur der individuelle Organismus, sondern auch unsere Interaktion mit unserer Umwelt besteht aus komplexen, rhythmischen Mustern. Diese fliesen ineinander und auseinander, gehen ineinander über und erzeugen so einen Zustand dynamischen Gleichgewichts. Diese Entwicklungen weisen, im physikalischen, im psychischen und im sozialen Bereich zyklische Formen auf. Dies wird in der östlichen Anschauung als Schwankungen zwischen Yin und Yang gedeutet. Die natürliche Ordnung ist ein dynamisches Gleichgewicht zwischen diesen Polen. Eine Krise tritt dann auf, wenn ein Mangel an dieser Synchronisation und Integration vorhanden ist und dann eine Kumulation (lat.: anhäufen) stattfindet (Dies ist ähnlich wie in einem Labor, wenn eine Lösung gesättigt ist und plötzlich einen anderen Zustand einnimmt).

3. Wie kommt es zu Krisen? (Herkunft und Entwicklung aus unterschiedlichen Zugängen)

3.1 Allgemeines zur Entwicklung

Gemeinsam sind diesen Definitionen vor allem die oft einschneidenden Veränderungen von Lebenssituationen und die damit verbundenen Veränderungen von eigenen Verhaltensweisen. Gefühle des Ausgeliefertseins und der Verlust des inneren Gleichgewichtes machen sich breit. Zudem empfindet man sich seiner eigener Verhaltensoptionen beraubt und handelt so fremdbestimmt.

Menschen in Krisensituationen erwarten vom Helfer meist eine rasche Linderung ihrer akuten Beschwerden und eine Stabilisierung ihres Zustandes, so dass weiterführende Maßnahmen greifen können. Oft jedoch treten die Umstände, die zu Krisen führen derart heftig in Erscheinung, dass auch der professionelle Helfer Gefahr läuft, in diese Dynamik hineingezogen zu werden.

Krisen sind Bestandteil des Lebens, und stellen sinnvolle Reaktionen auf einschneidende Lebensereignisse dar. Eine Krise führt zum vorübergehenden Auflösen von Strukturen des Lebens. Dieses Auflösen ist wichtig, damit eine Neuordnung stattfinden kann. Wichtig ist für die eigene Krise, sich des Potentials bewusst zu werden, das in einer solchen Destrukturierung liegt. Und nicht in einer Art „Todstellreflex a la Kaninchen vor der Schlange“ im Sumpf der eigenen Probleme stecken zu bleiben.

Sich auf andere Krisen einzulassen und seinen Klienten das Gefühl zu vermitteln, dass man aus Krisen auch gestärkt hervorgehen kann, ist vor allem dann gut möglich, wenn die Erfahrung vorhanden ist, selbst aus einer Krise gestärkt hervorgegangen zu sein.

Wichtig ist also die Erfahrung gemacht zu haben, mit eigenen Krisen so umgegangen zu sein, das daraus Kraft, Erleichterung und Erkenntnis gewachsen sind. Das Gefühl, eigene schwierige Lebenssituationen gemeistert zu haben und daran gereift zu sein, ist von grundlegender Bedeutung, Krisenintervention authentisch betreiben zu können.

Aus dem Duden: Krise, Krisis (grch., Entscheidung, Wendepunkt, Wendezeit). In der chinesischen Sprache gibt es ein Schriftzeichen für Krise, welches aus zwei Teilen besteht. Das obere bedeutet „Gefahr“ und das untere bedeutet “Chance“ (Siehe erstes Blatt).

Die Krise stellt einen Entscheidungspunkt dar, an dem eine Neuorientierung stattfinden kann, wenn bestimmte, einengende Grenzen überwunden werden.

In der Literatur wird zwischen zwei gängigen Modellen der Krisenentwicklung unterschieden, zum einen Traumatische Krisen, das sind schnell eintretende Krisen und zum anderen Lebensveränderungskrisen, sie werden als meist langsamer in das Leben tretende aufgefasst.

Meist geht man davon aus, dass eine Krise zeitlich stark begrenzt ist, also nur wenige Tage bis Wochen dauert. Für derartige Krisen gibt es Kriseninterventionsansätze, welche allesamt fast ausschließlich der psychiatrischen Literatur entnommen sind und dort überwiegend als Suizid-Theorien vorkommen. Doch diese harren einer Ergänzung. Selbst bei traumatischen Krisen sind, von den ersten Maßnahmen abgesehen, Krisenbearbeitungstechniken und Krisenbegleittechniken erforderlich, die nicht aus dem medizinischen Bereich kommen können, sondern eben dem sozialarbeiterischen Methodenrepertoire entnommen werden. Alle anderen Krisen, also diejenigen, die einem „einfach so mitten im Leben treffen“, oder die „verschleppt“ werden und an denen man also länger „knabbert“, brauchen erst recht Maßnahmen, welche über die erste, akute Phase hinausgehen und den Menschen ein Stück weit begleiten auf seinem Weg durch die Krise und helfen können, diese zur Chance für ihn werden zu lassen.

Von diesem (sozialarbeiterischen) Weg der Begleitung bei Krisen soll diese Arbeit berichten und nicht so sehr vom medizinisch/psychiatrischen Notfallsprogramm. Nicht dass es nicht auch Niederschlag findet, aber die ersten akuten Maßnahmen, die vor allem auch darauf abzielen, Fremd- oder Selbstgefährdung von jemand abzuwenden, sind einem Mediziner oder Psychiater besser zugeordnet. Die gewinnbringenden begleitenden Maßnahmen jedoch gehören in die Hand von Therapeuten oder Sozialarbeitern.

3.2 Herkunft aus Sicht der Sozialarbeit:

3.2.1 Systemische Sozialarbeit nach Peter Lüssi:

Nach Peter Lüssi wird ein sozialer Sachverhalt dann zu einem Problem, wenn ihm bestimmte Merkmale innewohnen, nämlich Not, Subjektive Belastung und eine Lösungsschwierigkeit (vgl. Lüssi 1992, S. 84 und S. 89).

3.2.1.1 Not

Not liegt dann vor, wenn ein soziales Bedürfnisobjekt in einem Ausmaß fehlt, dass dies der entsprechenden Person nicht zugemutet werden kann. Not ist also eine „unzumutbare Beschwernis“ und sehr stark von den gegebenen gesellschaftlichen Verhältnissen abhängig. Sie stellt also so etwas wie eine Durchschnittsmeinung dar.

Man unterscheidet zwischen immaterieller und materieller Not:

Materielle Not liegt in unserer Gesellschaft nicht erst dann vor, wenn jemand am nackten Existenzminimumm lebt, sondern bedeutend früher. Einen solchen Maßstab geben in Österreich beispielsweise die Sozialhilferichtsätze.

Immaterielle Not ist sehr schwierig zu definieren. Sie liegt irgendwo zwischen sozialpsychologischen Idealen, also Soll-Normen, und der gesellschaftlichen Wirklichkeit.

3.2.1.2 Subjektive Belastung

Erst wenn sich mindestens eine Person belastet fühlt, ist ein soziales Problem gegeben. Das heißt, „es muss jemand leiden“. Dies ist je nach gesellschaftlicher Anschauung und kulturellen Unterschieden vielfach anders gelagert.

3.2.1.3 Lösungsschwierigkeit:

Zu einer Not-Situation im sozialarbeiterischen Sinne bedarf es auch der Lösungsschwierigkeit, welche sich hier auf das Erfordernis der sozialarbeiterischen Kompetenz bezieht. Lösungsschwierigkeit meint einen Zustand, der fremde Hilfe (von Fachkräften) erfordert.

Not-Situationen, welche von den Betroffenen selbst oder von Laien ebenso gut gelöst werden können, sind keine „sozialen Probleme“.

3.2.1.4 Ein soziales Problem wird systemisch folgendermaßen erörtert:

Das Problem findet sich nicht so sehr in einer Person, sondern entsteht vielmehr zwischen den Personen. Es wird von drei systemischen Perspektiven aus betrachtet, und zwar von Systemzugehörigkeit, Systemfunktionalität und Systembeziehung.

Ein soziales Problem in der Perspektive der Systemzugehörigkeit zeigt sich, wenn jemand sozial isoliert ist. Der Sozialarbeiter muss sich dann um Menschen kümmern, die nicht in einem sozialen Netz aufgehoben sind.

In der Perspektive der Systemfunktionalität erscheint das Problem als dysfunktionales Sozialsystem, das wir Problemsystem nennen. Es ist dann eine bestimmte Funktion ausgefallen, fehlgeleitet, oder es gibt einen Konflikt in der Erfüllung der Funktionen.

Letztlich ist ein Problem aufgrund mangelnder Systembeziehung gegeben, wenn zum Beispiel im System kein Kontakt mehr besteht, oder dieser mangelhaft ist. Zum Beispiel wenn etwa eine Mutter deliktisches Handeln ihrer Tochter deckt, nur um sich im Kampf mit ihrem Partner der Loyalität der Tochter zu versichern.

3.2.2 Die Klientenzentrierte Psychotherapie nach Rogers:

Es wird unterschieden zwischen dem Organismischen Selbst (Ideales Selbstkonzept) und dem Realen Selbst (angelerntes, reales Selbstkonzept).

„Da der Mensch akzeptiert und anerkannt werden möchte, lebt er nicht sein ideales Selbstkonzept, sondern das angelernte, reale Selbstkonzept. Daraus entstehen Konflikte.

Jeder Mensch beginnt also, die ungeliebten Teile seines Selbst zu verbergen.“ (Rogers 1972, zit. n. Edler 2001, S. 37) Vergleiche die Selbstverbergung nach Schulz von Thun (Hier Fassadentechniken genannt).

3.3 Herkunft aus Sicht der Psychologie:

3.3.1 Die Psychoanalyse:

Die psychoanalytische Theorie geht im wesentlichen davon aus, dass das Individuum bestimmte Entwicklungsstufen durchläuft, die durch die Aktivierung bestimmter Körperzonen erreicht werden und in einem wesentlichen Zusammenhang zu diesen stehen. Nach Erikson gibt es einen Grundplan der Persönlichkeit, welcher genetisch vermittelt wird. Mit diesem Grundplan hängen acht wesentliche Krisen zusammen, welche jeder Mensch im Laufe seines Lebens durchläuft.

Jeder sollte mit diesen Krisen angemessen fertig werden, um für die nächste Stufe einer Entwicklung vorbereitet zu sein. Diese acht Stufen sind:

1. Vertrauen gegen Ur-Misstrauen. Oral-Sensorische Phase. Es entwickelt sich die Hoffnung und das Vertrauen in den unmittelbaren Bezugspartner.
2. Autonomie gegen Scham und Zweifel. Muskulär-Anale Phase. Es entwickelt sich der Wille und die Kontrolle über sich selbst.
3. Initiative gegen Schuldgefühl. Loko-Motorisch-Genitale Phase. Es entwickelt sich die Ansicht und die Einsicht in die Umwelt.
4. Leistung gegen Minderwertigkeitsgefühl. Latenzphase. Es entwickelt sich die Kompetenz, physische, soziale und kognitive Fähigkeiten.
5. Identität gegen Rollenkonfusion. Pubertät und Adoleszenzphase. Es entwickeln sich die Treue, Gefühle des eigenen Selbst und seiner Zweckbestimmung.
6. Intimität gegen Isolierung. Phase des frühen Erwachsenenalters. Entwicklung der Liebe. Jemand verliert sich und findet sich in einem anderen.
7. Zeugende Fähigkeiten gegen Stagnation. Es entwickelt sich die Fürsorge. Der Erwachsene strebt danach sich um etwas zu kümmern, anstatt sich um sich selbst zu kümmern.
8. Ich-Integrität gegen Verzweiflung. Es entwickelt sich die Weisheit. Der Erwachsene hat anderen zum Wachstum verholfen und muss nun die letzte Krise seines Lebens bewältigen, die der eigenen Desintegration und seinen Tod (vgl. auch Zimbardo 1996, S. 461- S. 462)

Beim psychoanalytischem Ansatz nun sind Konflikte zwischen dem Es und dem Ich die Auslöser von Neurosen, und zwar nach folgendem Schema:

1. Angst, Gefahr und Bedrohung
2. Desintegration des Ich und Regression auf die Ebenen einer Fixierung
3. Reaktivierung infantiler Konflikte und Rückkehr von verdrängtem Material
4. Abwehrende Umwandlung und sekundäre Durcharbeitung innerhalb des Ich
5. Hervortreten des Symptoms (vgl. auch Zimbardo 1996, S. 530 – 535)

Bei einer Therapie geht es nun um die Erforschung des Zusammenhanges zwischen dem jetzigen Zustand und früheren Entwicklungsvorgängen. In der psychoanalytischen Therapie beschäftigt man sich mit den Ursachen von Verhalten und sucht die Erklärungen in früheren Kindheitserfahrungen.

3.3.2 Die Verhaltenstherapie:

Die Wesensart des Menschen ist die Endsumme seines Verhaltens. Ein Kind wird mit denjenigen Reflexionsmechanismen geboren, die dafür sorgen, dass es sich den Inhalt derjenigen Kräfte in seiner Umwelt, die sein Verhalten stimulieren und formen, aneignet und so diesen Inhalt reflektiert.

Die Umwelt ist also die Quelle aller psychischen Phänomene. Schon Locke meint im siebzehnten Jahrhundert, dass der Verstand ja nichts enthalte, was nicht von den Sinnen komme.

Eine der grundlegenden Thesen der Verhaltenstheorie ist, dass Verhalten erlernt wird und natürlich auch wieder verlernt werden kann.

Allerdings entsteht ein Ungleichgewicht zwischen dem, was erlernt worden ist, und dem, was die Umwelt gerade an einen heranträgt.

Dieses Ungleichgewicht führt zu einer Krise. Es zu füllen ist aber auch ein nächster Lernschritt. Damit einher geht die Bewältigung der Krise. Hier gilt also die Krise als Chance.

In der Intervention hilft der Sozialarbeiter dem Klienten dadurch, dass er mit ihm durch ein Programm der Verhaltensmodifikationen eine Verhaltensänderung herbeiführt. Er hilft dem Klienten dabei, sein Problemverhalten, welches zu der Krise geführt hat, zu erkennen und mit Hilfe eines Lernplanes, in dem spezifische Verstärker zur Anwendung kommen, zu spezifizieren.

Zusammenfassend kann man sagen, „Man hat unerwünschte Verhaltensweisen - also etwas falsch gelernt - oder Verhaltensdefizite - also etwas nicht gelernt“ (Weinberger 1992,S. 176 zit. n. Edler 2001, S. 37). Das heißt, zwischen dem was an Anforderungen an jemand herangetragen wird und dem was jemand möglich ist zu tun, klafft eine Lücke. Es ist ein Ungleichgewicht entstanden. Dieses Ungleichgewicht ist für jeden einzelnen Menschen anders, je nach seinen subjektiven Möglichkeiten, damit umzugehen.

3.3.3 Humanismus-Existentialismus:

Die Existenz ist nach Kierkegaard „die Möglichkeit des Menschen, er selbst zu sein, indem er seine Kräfte voll ausschöpft“ (zitiert bei Sinsheimer). Der Mensch hat ein sicheres Bewusstsein seiner selbst als eine Ganzheit mit eigener Autonomie und Freiheit. In einer Krise wird der Mensch nun erlebt, wenn er dieser Freiheit und der Entfaltung seiner inneren Möglichkeiten beraubt wird.

Die Chance in der Krise wird existentialistisch-humanistisch folgendermaßen gedeutet: Leiden gehört zum Leben und das eigene Wachstum hängt von der Bereitschaft ab, Leid hinzunehmen und damit zu leben. Es wird der Sinngehalt im Leiden entdeckt und erkannt, dass jeder Mensch die Wahl hat, anders zu handeln, als es ihm durch seine Kindheitserlebnisse und seine Vergangenheit vorgegeben ist. Aus dieser Perspektive wird die gegenwärtige Lebenssituation auch der zentrale Bezugspunkt jeder Therapie (vgl. Zimbardo 1996, S. 14 - 17 und S. 665).

3.4 Das Burnout - Syndrom als Beispiel für die Entwicklung einer Krise:

„Beim Burnout handelt es sich um ein Reaktionssyndrom, das sich oft über viele Jahre aus spezifischen Arbeitsbedingungen, Aufgaben- und Tätigkeits- sowie Persönlichkeitsmerkmalen als Sonderform einer Problemlösung entwickelt:“ (Sonneck 1995, S. 95)

3.4.1 Aspekte des Burnout Syndrom sind vor allem:

Emotionale Erschöpfung

Depersonalisierung

Leistungseinbuße

3.4.1.1 Von Emotionaler Erschöpfung sprechen wir bei:

- Müdigkeit (und zwar schon beim Gedanken an Arbeit)
- Chronische Müdigkeit
- Schlaflosigkeit
- Krankheitsanfälligkeit
- Diffuse körperliche Beschwerden

3.4.1.2 Depersonalisierung bedeutet:

- Negative, zynische Einstellung zu Kollegen
- Negative Gefühle zu Patienten, Klienten
- Schuldgefühle
- Rückzug
- Vermeidungsverhalten
- Reduzierung der Arbeit

3.4.1.3 Leistungseinbuße:

- Erfahrung der Erfolgs- und Machtlosigkeit
- Fehlende Anerkennung
- Überforderung

3.4.2 Zur Entstehung des Burnout-Syndroms:

Es kommt infolge Überforderung (aber auch Unterforderung) in Arbeitssituationen zu defensiven Bewältigungsstrategien.

Was die Persönlichkeit von „Burnout-Typen“ betrifft finden sich sowohl Personen mit geringem Selbstwertgefühl, wie auch Personen mit Ehrgeiz, Wetteifer, Aggressivität)

Dazu kommen überhöhte Ansprüche und Erwartungen an die eigene Leistungsfähigkeit.

Zur Art der Tätigkeit: Vor allem Personen, die sich mit komplex strukturierten und unklar definierten alltagsnahen Schwierigkeiten auseinandersetzen müssen (Sozialarbeiter!).

Freudenberger und North (1992) haben Symptome, Verhaltensweisen, Gefühle und Gedanken in 12 Stadien zusammengefasst (vgl. Freudenberger und North 1992, zit. n. Sonneck 1995, S. 47):

1. Der Zwang sich zu beweisen: Hier ist es wichtig, den Umschlagpunkt von Leistungsstreben zu Leistungszwang zu erkennen.
2. Verstärkter Einsatz: Das Gefühl, alles selbst machen zu müssen! In diesem Stadium muss delegieren geübt werden, sonst schreitet die Burnout Entwicklung fort.
3. Vernachlässigung eigener Bedürfnisse: Der Wunsch nach Ruhe und Entspannung tritt in den Hintergrund. Gerade jetzt muss auf die eigenen vernachlässigten Bedürfnisse geachtet werden und versucht werden, sich Gutes zu tun.
4. Die Verdrängung von Konflikten und Bedürfnissen: Fehlleistungen wie Unpünktlichkeit, Verwechslung von Terminen etc. sind Hinweise!
5. Umdeutung von Werten: Die Wahrnehmung trübt sich, Prioritäten verschieben sich, soziale Kontakte werden als Belastung erlebt. Grundwerte überprüfen und Kontakte reaktivieren!
6. Verstärkte Verleugnung der aufgetretenen Probleme: Zynismus, aggressive Abwertung Ungeduld und Intoleranz sind die Kennzeichen. Patienten werden als böse, uneinsichtig und fordernd erlebt. Ab diesem Stadium bedarf es bereits professioneller Hilfe.
7. Rückzugs-Stadium: Das Soziale Unterstützungsnetz wird als feindlich erlebt. Orientierung und Hoffnungslosigkeit prägen das Bild. Drogen, Medikamente, Essen, Sexualität und andere treten als Ersatzbefriedigung in den Vordergrund.
8. Verhaltensänderung: Rückzug nimmt weiter zu, paranoide Reaktionen können auftreten.
9. Verlust des Gefühls für die eigene Persönlichkeit: Jemand ist nicht mehr er/sie selbst, sondern hat das Gefühl, nur mehr automatisch zu funktionieren.
10. Innere Leere: Der Mensch fühlt sich ausgehöhlt, ausgezehrt, mutlos und leer. Panickatacken und phobische Zustände können auftreten.
11. Depression: innere schmerzhafte Gefühle wechseln mit Abgestorbensein und Suizidgedanken. In diesem Stadium bedarf es auch suizidpräventiver Maßnahmen.
12. Völlige Burnout-Erschöpfung: Völlige geistige, körperliche und emotionale Erschöpfung, Gefahr von Herz-Kreislauf-Magen und Darmerkrankungen stehen im Vordergrund. Das ist die klassische Veränderungskrise.

Je nach Stadium leidet auch die Beziehung zwischen dem Erkrankten und seinem Partner oder Therapeuten darunter, was dann zum Beziehungs-Burnout führen kann. Die Beziehung selbst brennt dadurch aus, was die Rückzugstendenzen noch mehr fördert.

3.4.3 Folgen des Burnout und Strategien zur Prävention und Bewältigung:

Ein Burnout führt nicht immer zur sofortigen und völligen Arbeitsunfähigkeit. Fast immer aber zu einer Veränderung der Arbeitsgestaltung.

Folgen eines Burnout sind vor allem Verzweiflung, negative Einstellung zum Leben, Hoffnungslosigkeit, existentielle Verzweiflung und Suizid.

Wichtige Maßnahmen sind: Einerseits auf personeller Ebene und andererseits auf institutioneller Ebene Druck wegzunehmen. Zeitdruck abzubauen, Verantwortung zu teilen und die Arbeit zu organisieren. Weiteres: realistische Ziele festlegen, die ein Feedback ermöglichen.

Zu Beginn soll eine Analyse der Situation stehen und wichtige Fragen geklärt werden: Umweltbedingungen? Persönliche Fähigkeiten und Anforderungen? Welche Vorstellungen hat jemand von seiner Arbeit und den damit verbundenen Anforderungen? Welchen Glaubenssätzen und Denkmustern ist jemand verbunden?

Autonomie wieder herstellen! Supervision in Anspruch nehmen.

4. Was machen Krisen? (Charakteristika und Auswirkungen)

4.1 Grundlegende Fragen zur eigenen Krisenerfahrung:

Mit folgenden Fragen habe ich versucht, mich meinen eigenen Krisenerfahrungen zu nähern:

4.1.1 Welche Lebenssituationen können mich selbst in eine Krise bringen?

- Verlust des primären Netzwerkes, das sind die engste Familie und der Partner/die Partnerin.
- Gesundheitliche Beeinträchtigung, vor allem wenn sie unerwartet kommt.
- Strukturen und Muster, welche einem vertraut sind und mit deren Hilfe ich meinen Lebensalltag meistere, lösen sich plötzlich auf oder brechen zusammen.

4.1.2 Was brauche ich dann von anderen Menschen und Freunden?

- Ich möchte von diesen Menschen wahrgenommen und ernst genommen werden.
- Das Gefühl, dass Zeit für mich zu Verfügung steht. Das Gefühl, zu spüren, dass ich jemandem wichtig bin und dieser Mensch mir hilft, an einer Lösung meiner Probleme zu arbeiten. Ich brauche dann jemand, der mir hilft, (weil ich es in dieser Situation vermutlich nicht alleine kann, oder es mir zu dieser Zeit nicht so wichtig vorkommt) sogenannte, in dieser Situation fehlende Grundbedürfnisse zu stillen.
- Dinge, welche ich zu anderen Zeiten selbst mache, kann ich dann oft nicht und bräuchte jemand, der mir für eine bestimmte, begrenzte Zeit die Erledigung dieser abnimmt. So jemand muss also auch Stärke und Führungsqualitäten aufweisen, um sich bei mir durchsetzen zu können.

4.1.3 Was brauche ich auf keinen Fall?

- Keine Sofortlösungen nur um damit das „schlechte Gefühl“ eines anderen zu befriedigen
- Keine Pauschallösungen a la Lehrbuch
- Keinen Helfer, der von meinen Problemen derart überfordert ist, so dass er zu einem „Co-Abhängigen“ wird (vergl. Schaef 1986, S. 53 ff)
- Voyeurismus beim Helfer
- Übertriebenes Mitgefühl, also Mitleid
- Keine Lösungen, die in irgend einem Weltbild verankert sind, das mit meinem nichts gemeinsam hat (Z. B. Rein spirituelle Lösungsansätze)

4.1.4 Was also können wir selbst bei Krisen tun?

4.1.4.1 Warnreaktionen erkennen:

Wir müssen darauf achten, wann unsere Energiereserven verbraucht sind und was wir brauchen, um sie wiederzubefüllen.

4.1.4.2 Probleme ordnen:

Die „Spreu vom Weizen“ trennen sagt ein Sprichwort und meint damit, dass wir versuchen sollen, zu erkennen, was an der Problematik vorrangig ist und zuerst behandelt werden muss.

4.1.4.3 Hilfe anderer nötig?

Was von den anstehenden Problemen können wir alleine lösen und wo brauchen wir die Hilfe anderer Menschen, Freunde oder Professionalisten.

4.1.4.4 Chancen wahrnehmen:

Welcher innerer Sinn steckt in dieser Krise. Was an Möglichkeiten tut sich „dahinter“ auf? In eine Krise sind wir gekommen, weil schon einige Zeit „etwas“ in unserem Leben schief läuft und was das nun ist, gilt es zu erkennen und zu ändern. „Das will uns die Krise damit sagen“. Das Potential für die Veränderung steckt in dieser Krise. Die Möglichkeiten und die Kraft dazu steckt in uns.

Gefahren erkennen, Überforderung und Zögern beim Annehmen von Hilfe: Wir müssen uns über die Gefahren solcher Krisen bewusst werden. Eine davon ist, dass wir leicht in eine Überforderungssituation hineingeraten, weil wir die Dynamik unterschätzen und die nächste Gefahr ergibt sich aus dem Zögern beim Annehmen fremder Hilfe (vgl. Aufegger und Pruggeri zit. in Sonneck 1995, S. 29).

4.2 Allgemeine Charakteristika von Krisen:

4.2.1 Körperliche und psychische Verfassung:

Es entstehen hohe innere Spannungen, so wie Gefühle von Hilflosigkeit und Fremdbestimmtheit. Gefühle von Angst (Panik) und depressive Verstimmung machen sich breit.

Diese Gefühle können sich auch in körperlichen Beschwerden äußern: Herzrasen, Atemnot, Erstickungsanfälle, Appetitverminderung, Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Verdauungsstörungen (siehe auch weiter unten: „Krankheitsbilder und deren...“; S. 34).

4.2.2 Problemlösefähigkeit:

Die Problemlösungsfähigkeit wird gestört, da entweder das Problem nicht mehr wahrgenommen werden kann, bzw. die Lösungsmuster nicht vollständig durchdacht werden können.

4.2.3 Kommunikation:

Aus dem Rückzugsverhalten heraus können die normalerweise vorhandenen gesellschaftlichen Möglichkeiten der Unterstützung nicht mehr angenommen werden.

4.2.4 Krisen sind durch typische Merkmale bestimmt:

Sie haben ein auslösendes Moment - KRISENAUSLÖSER

Sie haben eine bestimmte Dauer - KRISENZEIT

Sie sind durch eine bestimmte Dynamik der Veränderungen gekennzeichnet - KRISENDYNAMIK

Sie sind ergebnisoffen und fordern Entscheidungen heraus - PROBLEMLÖSUNG ODER PROBLEMCHRONIFIZIERUNG

Krisen fordern die Bereitschaft, Hilfen zu gewähren und anzunehmen - KRISENCHANCE (vgl. Qualitätskatalog der Grazer Jugendwohlfahrt 2000, S. 7.2 und 7.1)

4.2.5 Weltbilder:

Sogenannte „harte Weltbilder“, welche keine oder nur eingeschränkte Deutungsmuster offen lassen, Zukunftsbeschreibungen, welche die Bedingungen für das Weiterleben nicht im eigenen Handlungs- und Verantwortungsrahmen suchen, Lebensbeschreibungen im „schwarz-weiß“ Bereich und ähnliches, lassen Krisen eher auftreten und die damit oft verbundenen Selbsttötungsabsichten wahrscheinlich werden.

4.2.6 Gefahren von Krisen:

Es besteht aufgrund der hohen Belastung die Tendenz zu einer schnellen Entlastung.

Aggressions- und Kurzschlusshandlungen sind oft irreversibel (Selbsttötung).

Es können psychische Erkrankungen entstehen.

Somatisieren (griech.: körperbezogen): Die Begleitsymptome der Krise werden vom Arzt nicht als Krisenreaktion erkannt und führen oft zu langen diagnostischen Prozeduren.

Daraus kann eine Chronifizierung entstehen.

Krisen sind nicht besonders beliebt, da sie nicht selten ebensolche Krisen im Hilfesystem auslösen. Sie können Panik und Angst erzeugen, die Hilfekräfte selbst unter Druck setzen und verleiten dann zu schnellem und unüberlegten Handlungen.

Krisen lösen bei Fachkräften oft das Gefühl aus, den Klienten alles abnehmen zu müssen. Die Ohnmacht und Verzweiflung, welche oft bei Klienten zu bemerken ist, löst beim Helfer das Gefühl aus, „alles im Griff haben zu müssen“. Hierbei wird jedoch der Klient oft übergangen und ihm so die Möglichkeit geraubt, seine Chance in seiner Krise wahrzunehmen und zu ergreifen.

4.2.7 Anlass von Krisen und Belastungsaspekte:

Massenbelastung: Politische und/oder ethische Verfolgungen, Kriegswirren, Naturkatastrophen etc.

Individuelle Belastungen: Schicksalsschläge oder Situationen des üblichen Lebensablaufs.

Diese Belastungen treffen zumindest eine Ebene menschlicher Identität mit Auswirkungen auf die beiden anderen.

Diese Ebenen sind:

- Körperlich-biologische Ebene
- Psychische Ebene
- Soziale Ebene

Zum Anlass einer Krise wird vor allem die subjektive Bedeutung eines Ereignisses für jeden einzelnen verstanden.

Zur Lösung braucht der Mensch eigene und mitunter auch außenliegende Ressourcen.

Eigene Ressourcen sind unter anderem die eigenen Erfahrungen, Kenntnisse und Fähigkeiten welche gelernt wurden, die eigene Persönlichkeit, eine gewisse Standfestigkeit, soziale Intelligenz und ähnliches.

Außenliegende Ressourcen sind: Hilfe von Fachleuten, Sozialkontakte, finanzielle Mittel und ähnliches.

Nach dem Qualitätskatalog der Grazer Jugendwohlfahrt „...können sich Krisen ergeben, wenn unterschiedliche Bedürfnisse, unterschiedliche Schichten, Männer und Frauen, unterschiedliche Glaubensüberzeugungen, unterschiedliche Beziehungsansprüche, wie Nähe und Distanz, Wunsch und Abwehr, Bedürfnis und Befriedigung, aufeinandertreffen oder etwas zur Entscheidung ansteht, in Gegensätze gespaltet ist, auf der Kippe steht“ (vgl. Qualitätskatalog der Grazer Jugendwohlfahrt 2000, S. 7.1).

4.2.8 Psychosoziale Belastungsfaktoren nach DSM Iv:

Partnerbeziehung: Verlobung, Heirat, Streit, Trennung, Tod eines Partners;

Elterliche Beziehung: Schwangerschaft, Geburt eines Kindes, Auseinandersetzung mit einem Kind, Krankheit eines Kindes;

Andere zwischenmenschliche Probleme: Schwierigkeiten mit Freunden, Nachbarn, Geschäftspartnern oder nicht verwandten Familienmitgliedern, etwa Krankheit des besten Freundes oder schlechtes Verhältnis zu Vorgesetzten;

Berufliche Aspekte: Hierzu gehören Arbeit, Schule, Haushalt, z.B. Arbeitslosigkeit, Pensionierung und Schulschwierigkeiten;

Allgemeine Lebensumstände: z. B. Wohnungswechsel, Gefährdung der persönlichen Sicherheit, Auswanderung;

Finanzen: Veränderung der finanziellen Situation;

Rechtliche und gesetzliche Aspekte: z.B. polizeiliche Festnahme, Haft, Rechtsstreit oder Prozesse;

Entwicklung: Lebensabschnitte wie Pubertät, Übergang in den Erwachsenenstatus, die Menopause, „50-Jahre alt werden“;

Körperliche Krankheiten oder Unfälle: z. B Krankheit, Unfall, Operation, Fehlgeburt;

Weitere psychosoziale Belastungsfaktoren: z.B. natürliche oder vom Menschen hervorgerufene Katastrophen, Strafverfolgung, unerwünschte Schwangerschaft, außereheliche Geburt, Vergewaltigung;

Familiäre Faktoren: In Ergänzung zu den oben genannten Bereichen sollten bei Kindern und Heranwachsenden folgende weitere Stressoren Berücksichtigung finden: Art der Beziehung bzw. Verhaltensweisen der Eltern gegenüber dem Kind (z. B. kalt, feindselig, das Kind bedrängend, missbrauchend, konfliktgeladene oder verwirrend inkonsistente Beziehung der Eltern untereinander); Körperliche Erkrankungen oder psychische Störungen anderer Familienmitglieder; das Fehlen elterlicher Anleitung oder exzessive, strenge oder inkonsistente elterliche Kontrollen; unzureichende, exzessive oder verwirrende soziale oder kognitive Stimulierungen des Kindes; eine anomale Familiensituation, z. B. komplexe und inkonsistente Muster von Beaufsichtigung und Besuchregelungen; Pflegeeltern; Heimerziehung und Verlust engerer Familienmitglieder.

4.2.9 Krankheitsbilder und deren Zusammenhang mit Krisen:

4.2.9.1 Somatische Zeichen:

Die somatischen Zeichen einer Krise sind vielfältig und variieren je nach Schweregrad. Sie begleiten eine Krise und umfassen - allein oder kombiniert - die folgenden Störungen:

- Störungen im Respirationstrakt: Hyperventilation, Dyspnoe, Asthma;
- Störungen im Herz-Kreislauf-System: Tachykardie, Blutdruckerhöhung, lokale Durchblutungsstörungen;
- Störungen im Verdauungssystem: Durchfall, Obstipation, Ulkusbildung;
- Störungen im Urogenitalsystem: Miktionsstörungen, Menstruationsstörungen;
- Dermatologische Störungen: u. a. Exazerbation von Ekzemen, Psoriasis;
- Muskuläre und neurologische Störungen: spannungsbedingte Rücken- oder Kopfschmerzen, Ischiasbeschwerden;
- Störungen des Immun- und Hormonsystems: allgemeine Resistenzverminderung, Infektionsbereitschaft, Erschöpfung (vgl. Lyon und Copony 1996, S. 4);

Die Wahl der Reaktionsmuster ist individuell verschieden und hängt von vielen situativen und konstitutionellen Faktoren sowie vermutlich von frühkindlichen Erfahrungen ab.

Zur Erklärung der Fachausdrü>

Hyperventilation:

im Verhältnis zum erforderlichen Gasaustausch des Körpers gesteigerte alveoläre Ventilation mit normalem bis erhöhtem arteriellen Sauerstoffpartialdruck bei niedrigem CO2 -Partialdruck;

Dyspnoe:

mit subjektiver Atemnot einhergehende Erschwerung der Atemtätigkeit, in der Regel mit sichtbar verstärkter Atemarbeit als Ausdruck einer Atmungsinsuffizienz unterschiedlicher Genese;

Asthma:

schweres Atemholen, anfallsweise auftretende hochgradige Atemnot;

Tachykardie:

Herzrhythmusstörungen mit einem Anstieg der Herzfrequenz auf über 100/min; Einteilung nach dem Entstehungsort;

Obstipation:

Stuhlverstopfung, Sammelbegriff für heterogene Störungen, die durch erniedrigte Stuhlfrequenz und notwendiges starkes Pressen bei der Defäkation entstehen;

Ulkusbildung:

Substanzdefekt der Haut oder der Schleimhaut; Geschwüre;

[...]

Details

Seiten
165
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783832462604
ISBN (Buch)
9783838662602
Dateigröße
897 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v221480
Institution / Hochschule
Pädagogische Akademie des Bundes in der Steiermark – unbekannt
Note
1,0
Schlagworte
krisenentstehung krisendefinition auswirkungen krisen interventionsformen

Autor

Zurück

Titel: Sozialarbeiterische Krisenbegleitung unter besonderer Berücksichtigung des systemischen Zuganges bei Familien