Lade Inhalt...

Heroin vom Staat?

Diplomarbeit 2002 147 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltverzeichnis

Einleitung

1 Heroinabhängig – und dann?
1.1 Heroin und Abhängigkeit
1.2 Angebote für Heroinabhängige
1.2.1 „Niedrigschwellige“ Angebote
1.2.2 „Hochschwellige“ Angebote
1.2.3 Diverse weitere Möglichkeiten und Modelle
1.2.4 Vorstellungen künftiger Drogenpolitik

2 Abstinenztherapie
2.1 Die Aufgaben der Suchtberatungsstellen
2.2 Der körperliche Entzug
2.3 Die Entwöhnungs-Therapie
2.3.1 Zielsetzung
2.3.2 Dauer / Erfolg
2.3.3 Kritikpunkte

3 Zur Substitution
3.1 Nutzen der Methadon-Substitution
3.2 Der „Fachberater Methadon“
3.3 Kritik

4 Heroin vom Staat
4.1 Zielsetzung
4.2 Modalitäten und Rahmenbedingungen der Heroin-Abgabe
4.3 Aspekte der Kriminalisierung
4.3.1 Folgen der Prohibition für die Drogenabhängigen
4.3.1.1 Zur Gewaltbereitschaft Drogenabhängiger
4.3.1.2 Gefängnis
4.3.2 Beschaffungskriminalität
4.3.3 Zur Strafverfolgung
4.3.4 Das Betäubungsmittelgesetz (BtMG)
4.3.4.1 Zum Inhalt
4.3.4.2 Verfassungsrechtliche Kritik des Drogenverbotes
4.3.4.3 Verstöße gegen das BtMG und seine Verfolgung
4.4 Gesundheitliche Aspekte
4.4.1 „Sauberes“ Heroin
4.4.2 Reinheitsgrad des Stoffes und seine Konsequenzen
4.4.3 Auswirkungen der Repression (auf das Konsumverhalten)
4.5 Menschliche Aspekte
4.6 Der Kostenfaktor
4.6.1 Direkte und indirekte Kosten durch die Verfolgung von Heroin
4.6.2 Heroinkosten unter legalen Bedingungen
4.7 Erfahrungen und Ergebnisse aus den Nachbarländern
4.7.1 Schweiz
4.7.2 England
4.7.3 Niederlande
4.8 Das Prozedere in Deutschland
4.9 Stand der politischen Diskussion
4.9.1 Ansichten der Parteien
4.9.1.1 Die Regierungsparteien
4.9.1.1.1 SPD
4.9.1.1.2 Bündnis90/Die Grünen
4.9.1.2 Die Opposition
4.9.1.2.1 FDP
4.9.1.2.2 CDU
4.9.1.2.3 PDS
4.9.2 Verlautbarungen der Polizei
4.9.2.1 Stellungnahmen der Polizeipräsidenten
4.9.2.2 Forderungen der Polizeigewerkschaft
4.9.3 Stellungnahmen diverser Interessensverbänden
4.9.3.1 Begutachtung durch die Weltgesundheitsorganisation (WHO)
4.9.3.2 Die Caritas
4.9.3.3 „Deutsche Hauptstelle gegen die Suchtgefahren e.V.“ (DHS)
4.9.3.4 Die Bundesärztekammer
4.10 Die sozialpädagogische Begleitung
4.10.1 Arbeitsverständnis vom Berufsbild des Sozialarbeiters
4.10.2 Arbeitsbedingungen unter der Prohibition
4.10.3 Die sozialpädagogische Begleitung im ärztlichen Vergabemodell
4.11 Kritik zum Modell(-Versuch)

5 Zusammenfassung

6 Schluss

Quellenverzeichnis

Verzeichnisse

Anhang

Einleitung

Ist auch für die Bundesrepublik Deutschland „Heroin vom Staat“ ein guter Ansatz in der Drogenpolitik?

Bereits in meiner Prüfungsleistung hatte ich mit diesem Thema auseinandergesetzt und möchte dieses in meiner Diplomarbeit ausbauen. Dazu gebe ich einen tieferen Einblick in die Materie, um die Fragestellung ausführlicher erörtern zu können.

Im vergangenen Jahr war in Deutschland zwar der politische Wille zu einem Modellversuch vorhanden, den Suchtstoff staatlich kontrolliert an Betroffene abzugeben. Allerdings war – zumindest mir – nie ganz klar, ob die Umsetzung auch tatsächlich geschehen würde.

Inzwischen ist es amtlich: Im Februar 2002 startet das umstrittene Projekt in Deutschland. Für etwa drei Jahre wird unter wissenschaftlicher Begleitung in einer Reihe von Großstädten (Hamburg, München, Bonn, Frankfurt, Karlsruhe, Hannover und Köln) an etwa 560 schwerstabhängig Heroinsüchtige der Originalsstoff Heroin abgegeben. Gleichzeitig wird an die gleiche Anzahl von Süchtigen Methadon ausgegeben, um die Reaktionen der Suchtstoffe bei einem längeren Gebrauch in gesundheitlicher und sozialer Hinsicht untersuchen zu können.

Ein Schwerpunkt dieser Ausarbeitung liegt in der Untersuchung des politischen Willens, Heroin vom Staat kontrolliert an Schwerstabhängige User abzugeben. Dabei ist die Umsetzung des Modellprojektes ausschlaggebend. Es geht mir darum, wie Schwerstabhängige besser erreicht werden können, wie die Reichweite der Drogenarbeit insgesamt ausgebaut werden kann. Ich habe viele Stellungnahmen zu den verschiedenen Kapiteln aus der Politik aufgegriffen und sie mit eingearbeitet. Dabei habe ich feststellen können, dass sich unter der jetzigen Bundesregierung eine gewisse Veränderung hinsichtlich der Entkriminalisierung von Drogenabhängigen und eine Verbesserung des Angebots, insbesondere was den niedrigschwelligen Bereich anbelangt, eingestellt hat. Dadurch wird die Drogenpolitik zweifelsohne menschlicher, was begrüßenswert ist.

Hierbei handelt es sich um eine sehr aktuelle Thematik. Dies zeigt sich auch daran, weil es dazu kaum deutsche Literatur gibt, die älter als 10 Jahre ist. Noch 1995 schreibt Bühringer, dass die Heroinvergabe international weder in der Forschung, noch in der Praxis eine Rolle spiele. Sie sei vom Umfang her im Vergleich zur Substitution zu vernachlässigen.[2] Auf internationaler Ebene veröffentlichen John Kaplan und Mark Moore u.a. bereits Ende der 80er Forschungsergebnisse. Auch aufgrund der gegenwärtigen Diskussionen greife ich auf diverse Internetquellen zurück.

Im ersten Kapitel möchte ich als Einführung in die Thematik zunächst einige Daten zur Heroinabhängigkeit einbringen. Dabei betrachte ich gleichwohl historische wie politische Gesichtspunkte sowie die Folgen, die sich durch den Konsum von Heroin ergeben können. Des weiteren untersuche ich, wie viele der Abhängigen eine Chance auf einen Ausstieg haben. In den folgenden Abschnitten betrachte ich eine Reihe verschiedener Ansätze für Heroinabhängige, sowohl Angebote, deren Ziel die Beendigung der Sucht ist, als auch Angebote, die die Abhängigkeit unter gesundheitsschonenden Bedingungen ermöglicht.

Die darauf folgenden Kapitel befassen sich mit der Abstinenztherapie und der Substitutionstherapie. Darin beschreibe ich zunächst die Aufgaben der Suchtberatungsstellen, den körperlichen Entzug sowie die Langzeittherapie. Im weiteren setzte ich mich kritisch mit der Substitution auseinander.

Im 4. Kapitel gehe ich auf die staatlich kontrollierte Heroinvergabe ein. Dabei beabsichtige ich, sämtliche Teilaspekte, die mit einer solchen Handhabung verbunden sind, zu beleuchten. So beschreibe ich, in welcher Form Drogenabhängige kriminell werden (müssen), um ihre Sucht befriedigen zu können und inwiefern sich eine Originalstoffvergabe hier auswirkt. Auch die gesundheitlichen Belastungen können durch eine solche Vergabe deutlich verringert werden, ebenso menschliches Leid, welches sich aus der Verfolgung von Drogen ergibt, wie ich in den folgenden Teilen darlegen werde. Untersuchen möchte ich daraufhin, inwiefern sich dieses Modell auf die Kosten auswirkt. Wie sich die Vergabe in der Praxis in den Nachbarländern darstellt und wie dieses Modell in Deutschland gesehen wird, werde ich nachfolgend darlegen. Abschließend möchte ich mich in diesem Kapitel der sozialpädagogischen Begleitung sowie den Kritikpunkten zu diesem Modell widmen.

Im 5. Kapitel fasse ich die gewonnen Erkenntnisse anhand eines Fallbeispiels zusammen.

In der vorliegenden Arbeit werden die Berufsbezeichnungen „Sozialpädagoge“ und „Sozialarbeiter“ gleichbedeutend benutzt. Weiterhin stehen die Begriffe „Drogenabhängiger, Sozialpädagoge, Therapeut, Patient, Staatsanwalt, ...“ synonym für Frauen und Männer. Im übrigen verwende ich für diese Arbeit die neue Rechtschreibung.

1Heroinabhängig – und dann?

In diesem Kapitel möchte ich untersuchen, welche Möglichkeiten und Angebote einem Heroinsüchtigen zur Verfügung stehen. Zunächst möchte ich knapp feststellen, was Heroin ist und welche Folgen die Sucht mit sich bringt.

1.1 Heroin und Abhängigkeit

Heroin [oder:] Di|acetylmorphin Rauschgift, das bekannteste und gefährlichste Opiat. Wegen der hochgradigen Suchtgefahr ist die ärztl. Anwendung des H. in Dtl. verboten.[3]

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Heroin in Deutschland wie in vielen anderen Ländern legal in jeder Apotheke erhältlich. Mit dem Internationalen Opiatabkommen, welches 1912 in Den Haag abgeschlossen wurde, wird Heroin bis in die heutige Zeit geächtet. In Deutschland wurde der Verkehr mit Heroin und anderen Opiaten 1920 erlaubnispflichtig. Konsumenten, die ein ärztliches Rezept besaßen, durften nach wie vor Heroin und andere Opiate besitzen. Seit dem Jahre 1958 wurde Heroin nicht mehr auf dem deutschen Pharmamarkt angeboten, blieb jedoch bis 1971 verschreibungsfähig. In jenem Jahr wurde das Opiumgesetz durch das „Gesetz über den Verkehr mit Betäubungsmitteln – Betäubungsmittelgesetz (BtMG)“ abgelöst.[4]

In Deutschland wird Heroin hauptsächlich in Großstädten konsumiert, weitet sich aber allmählich auf alle Regionen aus. Auch in den neuen Bundesländern wird immer noch relativ wenig Heroin konsumiert. Den Erhebungen zufolge ist der Heroinkonsum seit 1992 nur geringfügig gestiegen bzw. auf gleich bleibendem Niveau.[5]

Im Jahr 2000 verstarben in Deutschland 2.030 Menschen an den Folgen des Drogenkonsums, 12 % mehr als im Vorjahr. Seit dem Beginn der Erhebung (1973) wurden der Polizei mind. 26.445 Drogentote bekannt (siehe Abbildung IV, Seite 68). Im Vergleich zum Vorjahr blieb die Zahl der polizeilich registrierten erstauffälligen Heroinkonsumenten bei unverändert 8.000. Auch das von der Polizei sichergestellte Heroin blieb, verglichen mit dem Vorjahr, mit 796 kg unverändert hoch (siehe Abb. II, Seite 56 dieser Arbeit).[6] „Die Zahl der polizeilichen Sicherstellungen von Heroin ist in Deutschland leicht gestiegen (Fälle 2000: 8.014; 1999: 7.748; 1998: 8.387; 1997: 9.509). Heroinkonsumenten stellten 2000 mit 7.914 Personen nach wie vor den größten prozentualen Anteil aller Konsumenten harter Drogen dar, die der Polizei oder dem Zoll erstmalig in Verbindung mit dem Missbrauch harter Drogen bekannt wurden.“[7]

Die Angaben von Drogentodeszahlen werden gern zur vereinfachten Beurteilung der Drogensituation herangezogen. Allein diese Feststellung kann kein geeignetes Maß sein, um Drogenpolitik zu bewerten.

Jedoch konsumiert nur ein kleiner Teil der deutschen Bevölkerung Heroin. Eine Umfrage des Bundesgesundheitsministeriums unter 18.000 Westdeutschen im Jahre 1990/91 ergab, dass lediglich

- 0,34% schon mindestens einmal und
- 0,11% schon mindestens mehr als zwanzigmal

Heroin konsumiert haben.[8] Geschätzt wird, dass es zwischen 200.000 und 300.000 Personen gibt, die regelmäßig harte Drogen zu sich nehmen. Die Zahl der süchtigen Heroin-Konsumenten wird in Deutschland meist auf 100.000 geschätzt. Die Zahl der „behandlungsbedürftig alkoholabhängigen“ Bundesbürger liegt hingegen etwa bei 2,5 Millionen.[9]

Anlässlich der Vorstellung des Sucht- und Drogenberichtes stellte die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marion Caspers-Merk (SPD), fest: „ ... die gesundheitlichen und sozialen Folgen einer Heroinabhängigkeit sind gravierend. Auch wenn nur weniger als 1% der erwachsenen Bevölkerung Erfahrungen mit dem Konsum von Heroin hat, ist die gesundheitliche, psychische und soziale Verelendung in dieser Gruppe sehr stark.“[10]

Abgemildert findet sich bei den Jusos (Jungsozialisten) eine Beschreibung der gesundheitlichen Folgen durch den Konsum von Diacetylmorphin. So gehöre der Suchtstoff zu den „Arzneimitteln“, mit den wenigsten unerwünschten oder toxischen Wirkungen. Auch bei chronischem Gebrauch gäbe es, abgesehen vom hohen Abhängigkeitspotential, nur zwei beobachtete Nebenwirkungen: Verstopfung und ein Nachlassen der sexuellen Appetenz.[11] Folge des vermehrten Gebrauchs sei die Dosissteigerung und die Toleranzentwicklung, sowie eine starke psychische wie physische Abhängigkeit. Bei einem Entzug zeige sich diese „nur“ als mittelschwere Grippe.[12]

Bei der Drogenproblematik handelt es sich um ein globales Problem. Die Bundesgesundheitsministerin weist in ihrer Pressemitteilung darauf hin, dass zunehmend auch die klassischen Anbauregionen, wie die zentralasiatischen Regionen und Lateinamerika, selbst Sucht- und Drogenprobleme bekommen. So gibt es beispielsweise in Pakistan mittlerweile mit schätzungsweise 1,6 Mio. mehr Abhängige als in den USA und Europa zusammen.[13]

Auch diese Aspekte gehören zu Heroin und den Folgen der Abhängigkeit. An dieser Stelle kann noch viel über Heroin und seine Auswirkungen aufgeführt werden, wie beispielsweise zu seiner Verwendung, Wirkungsweise oder seiner Herkunft und der Handelswege bis zum Endverbraucher. Dabei handelt es sich jedoch nicht um das Thema dieser Arbeit und kann aufgrund des Umfanges keine (weitere) Berücksichtigung finden.

R. Schneider warnt: Der dauerhafte Konsum einer Droge birgt die Gefahr, dass durch die Toleranzentwicklung immer weniger Befriedigung eintritt und häufig mit einer Genussunfähigkeit einhergeht. Mit dem Ausbleiben der Droge treten bei suchtmittelabhängigen Menschen im körperlichen Bereich Entzugserscheinungen auf.[14]

Witter und Reiners-Kröncke erkennen, dass sich die Bedeutung des Begriffes „Droge“ im Verständnis unserer Gesellschaft gewandelt hat. Heute sind damit in erster Linie Substanzen gemeint, deren Herstellung und Weiterverbreitung durch das BtMG untersagt sind.[15]

W. Schneider verdeutlicht, dass Drogenabhängigkeit kein statischer Zustand ist, der einmal erreicht und ausschließlich über eine Langzeittherapie aufhebbar wäre und als Alternativen nur Gefängnis oder Tod in Frage kommen würden. Neuere und lebensnahe Forschungsergebnisse zeigten, dass Drogengebrauchs-Entwicklungen nicht mehr verallgemeinernd in der vereinfachenden Kausalkette, nämlich Persönlichkeitsdefizit – Soziale Probleme – Abhängigkeit – Therapie – Abstinenz, aufgehen.[16] An einer anderen Stelle gelangt er zu folgender Erkenntnis:

„Die Wahrnehmung des ‚Drogeproblems’ konzentriert sich einseitig auf sozial auffällige Heroinkonsumenten mit gravierenden Verelendungserscheinungen. Forschungsergebnisse zeigen jedoch, dass man weder verallgemeinernd von einer homogenen Heroinszene noch von den Drogenabhängigen sprechen kann.“ [17]

Laut verschiedener Untersuchungen kann – sehr grob – davon ausgegangen werden, dass von den Heroinsüchtigen etwa 30% (kontrolliert) weiter konsumieren, 30% den Ausstieg allein bewältigen und aus der Sucht „herauswachsen“. Weiteren 30% gelingt der Ausstieg durch die Unterstützung des Drogenhilfenetzes. Die Abbildung I, die sich durch eine Befragung von 60 Personen ergab, unterstützt diese Aussage ebenso wie Böllinger.[18] Dies bedeutet, dass immerhin zwei Drittel der Heroinabhängigen eine Chance auf den Ausstieg haben.

Abbildung I: Beendigung der Heroinsucht – eine Befragung[19]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Weber / Schneider, 1997, 143.

Die Abb. I (Beendigung der Heroinsucht) zeigt das Ergebnis einer Befragung von 60 Heroinabhängigen. Dabei zeigt einerseits, dass zwischen drogenabhängigen Männern und Frauen unterschiedliche Prioritäten beim Ausstieg gesetzt werden. Im Gegensatz zu den befragten Männern – die der Substitutionsbehandlung weniger zugetan sind – sehen sich die Frauen insgesamt „therapiebereiter“. Addiert man die Gruppen der „Therapiebereiten“ und „Substituierte“ zusammen, die letztlich ebenfalls eine Therapie bekommen, so erhält man anhand dieser Befragung eine prozentuale Verteilung von 32:25:43 (Selbstaussteiger : Kontrollierte Gebraucher : Therapiebereite).

Das Herauswachsen aus der Sucht soll an dieser Stelle nicht weiter vertieft werden. Dies würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen.

Weiterführende Literatur:

Weber, Georg / Schneider, Wolfgang: Herauswachsen aus der Sucht illegaler Drogen – Selbstausstieg, kontrollierter Gebrauch und therapiegestützter Ausstieg; VWB–Verlag für Wissenschaft und Bildung, Berlin 1997

1.2 Angebote für Heroinabhängige

Die drogenpolitische Sprecherin der deutschen Bundesregierung (Caspers-Merk) betont, dass die Investitionen für die Behandlung Abhängiger nicht vergebens sind. Durch die Behandlung von Drogenabhängigen wird nicht nur individuelles Leid von Betroffenen und Angehörigen gelindert, sondern es reduzieren sich zudem auch gesellschaftliche Kosten für Strafverfolgung und ordnungspolitische Maßnahmen. Die Kosten an gewonnener Lebensqualität sind dabei nicht mit einbezogen.[20]

Für Heroinabhängige, die ihrer Abhängigkeit ein Ende bereiten möchten gibt es eine Reihe verschiedener Angebote, die ich im Folgenden aufführen möchte. Dabei unterscheide ich diese in „niedrigschwellige“[21] und „hochschwellige“[22] Angebote. Ergänzen möchte ich diesen Abschnitt mit weiteren Methoden, Modellen und auch Forderungen zu Gesetzesänderungen, die im Gespräch sind und ebenfalls die Absicht haben, die Heroinsucht zu beenden oder abzumildern.

1.2.1 „Niedrigschwellige“ Angebote

In diesem Abschnitt möchte ich näher auf die Arbeit in diesem Bereich eingehen. Zunächst wird der Ansatz theoretisch abgeklärt, anschließend zeige ich Arbeitsfelder auf, in denen „niedrigschwellige“ Angebote unterbreitet werden. Ausführlich gehe ich dabei auf die Gesundheitsräume ein.

Schneider unterscheidet zwischen akzeptanzorientierter Drogenarbeit und Niedrigschwelligkeit. Bei der akzeptierenden Drogenarbeit (inhaltlicher Arbeitsansatz) wird vorausgesetzt, dass die Drogengebraucher als mündige, zur „Selbstverantwortung und Selbstbestimmung fähige Menschen angesehen werden“, die so akzeptiert werden wie sie sind. Eine solche zielgruppenorientierte Arbeit basiert auf Freiwilligkeit und ist nicht bevormundend ausgerichtet.

Die Zugangsmethode Niedrigschwelligkeit hingegen bedeutet, dass der Zugang zu Hilfsangeboten den Drogengebrauchern von möglichst wenigen Hemmschwellen abhängig gemacht wird. Auf feste Terminvereinbarungen, sowie auf „Cleanstatus“ und der „demonstrativen Darstellung einer Abstinenzmotivation“ als Voraussetzung einer Inanspruchnahme von Angeboten wird verzichtet. Die Arbeit in den offenen Arbeitsbereichen kann auch als anforderungsarm bezeichnet werden. In der Praxis hat sich inzwischen gezeigt, dass die Angebote akzeptanzorientierter Drogenarbeit erreicht haben, auch diejenigen Drogenkonsumenten einzubeziehen, die vom traditionellen, ausschließlich abstinenzorientierten Drogenhilfeverbundsystem nicht erreicht werden konnten.

Als Gemeinsamkeiten der akzeptanzorientierten Drogenarbeit und der Niedrigschwelligkeit wird festgestellt, dass beide die Reichweite der Drogenhilfe erweitern. Darüber hinaus verstehen sie sich nicht als Konkurrenz oder Alternative zu den abstinenzorientierten Einrichtungen, vielmehr als ein zusätzliches Hilfsangebot. Durch die erhöhte Reichweite akzeptanzorientierter Arbeit habe sich auch die Nachfrage nach verbindlichen Hilfen erhöht.[23]

Schneider erkennt weiterhin, dass ausschließlich abstinenzorientierte Konzepte und Strategien in Drogenpolitik und Drogenhilfepraxis sich in der Vergangenheit als weitgehend ineffizient erwiesen haben.[24]

Ein wichtiges Stichwort ist bei vielen niedrigschwelligen Angeboten „Harm Reduction“, d.h. eine Schadensminderung beim Konsum illegaler Drogen. „Harm Reduction“ hat das Ziel, über Aufklärung den Einstieg in den schädigenden Drogengebrauch, bzw. Folgeschäden bei schon etabliertem Konsum zu vermeiden. Dabei sollen möglichst viele Drogenabhängige erreicht werden. Harm Reduction beschäftigt sich sowohl mit motivierten und handlungsfähigen, als auch mit unmotivierten und desintegrierten Drogenabhängigen.[25]

Drogenhilfsangebote richten sich an Abhängige von illegalen Drogen. Olgiatti führt dazu aus, dass sich diese Angebote durch eine dezentrale Struktur auszeichnen und die Bereiche Wohnen, Arbeit, Tagesstruktur, sowie Medizin und Therapie abdecken. Zu den hohen Anforderungen an die Drogenhilfsangebote gehören die gute Akzeptanz und die Integration in der Zielgruppe, eine gute Koordination der Drogenhilfsinstitutionen und die Möglichkeit von Frühkontakten zu den Süchtigen.

Ein umfassendes Drogenhilfsangebot gliedert sich in drei Stufen. In der ersten Stufe sollten psychosoziale und medizinische Überlebenshilfe, Ausstiegshilfen und unbürokratische Substitution gewährleistet sein. In der zweiten Stufe stehen in erster Linie abstinenzorientierte Angebote sowie die Rehabilitierung durch strukturierte Substitution im Vordergrund, während in der dritten Stufe die definitive Abstinenz und ambulante Therapieangebote vorgesehen sind.

Betrachtet man die Ziele der psychosozialen und medizinischen Überlebenshilfe, so stehen hier im wesentlichen drei Punkte im Vordergrund:

- Schadensbegrenzung, durch ein Minimum an Ansprüchen
- Kontaktnahme am Ort, den der Abhängige bestimmt
- Erhaltung der Gesundheit durch:
- Medizinische Grundbetreuung und Notfalldienst
- HIV-Prävention (Beratung, Spritzenabgabe, Kondome)
- Beratung, Unterstützung, Motivation und Stabilisierung

Das medizinische Angebot im Rahmen von Harm Reduction hat ein breites Spektrum und reicht von der allgemeinen Hygiene über erste Hilfe bis zu medizinischen Beratungen und der Substitution. Wie wichtig ein schnell zugängliches und integriertes medizinisches Angebot in der Drogenszene ist, zeigt sich anhand der Ergebnisse des „ZIPP-AIDS-Projektes“ in der offenen Drogenszene in Zürich. Im Tagesdurchschnitt wurden 10 Reanimationen wegen Überdosierungen durchgeführt. Dies hat auch Auswirkungen auf die Statistik der Drogentoten. Die Zahl stieg in Zürich zwischen 1983 und 1994 von 40 auf 50 Tote relativ konstant, während im gleichen Zeitraum in der Gesamtschweiz eine Zunahme von 140 auf 400 festzustellen war.[26]

Welche Institutionen können diesen Anforderungen genügen, wie können die Fixer erreicht werden? Dazu gehört der Arbeitsbereich Streework und die Kontaktläden. Die Streetwork ist eine aufsuchende Arbeit. Sie wird sowohl in öffentlichen Räumen, wie Straßen oder Plätze, und halb öffentlichen Räumen, wie Bars, Diskotheken, Bordells usw., aber auch in der privaten Szene durchgeführt. Zur Aufgabe eines Streetworkers kann auch die medizinische Akutversorgung in Form von erster Hilfe und Wundbehandlung gehören.[27] Der Kontaktladen fungiert als offenes Treff-, Aufenthalts- sowie Beratungsangebot mit lebenspraktischen Hilfen und Grundversorgung. Dazu gehören Essen und Getränke, Hygiene, Spritzenaustausch und Kondomvergabe.[28]

Gesundheits- oder Fixerräume (auch Gassenzimmer genannt) bieten den Junkies die Möglichkeit zum Suchtmittelkonsum unter relativ stressfreien, hygienischen Bedingungen, in dem anwesende Fachkräfte schnelle Notfallhilfe leisten können. In der Schweiz wird diese Institution als unverzichtbares Element in der niedrigschwelligen Arbeit angesehen. In Deutschland ist deren Sinnhaftigkeit umstritten.[29]

Die Konsumräume befanden sich zunächst am Rande der Legalität, da wie Körner erklärt, wer Dritten eine „Gelegenheit zum Verbrauch“ verschafft, nach § 29 Abs. 1 Nr. 10 BtMG strafbar sei.[30]

1999 fand unter der Schirmherrschaft der damaligen Drogenbeauftragten, Christa Nickels (Bündnis90/Die Grünen), ein Internationaler Kongress zur Erarbeitung von Leitlinien unter dem Leittitel: „Gesundheitsräume als professionelles Angebot der Suchtkrankenhilfe“ statt. In der Konferenzeinladung ist zu lesen: „Als Konsequenz aus der gesundheitlichen und sozialen Verelendung der Drogenabhängigen wird bereits seit einigen Jahren fachlich, kommunal- und bundespolitisch über die Einrichtung von Gesundheitsräumen ... diskutiert“. Insbesondere die Gefährdung durch existentiell bedrohliche Infektionen (HIV/AIDS und Hepatitiden) hat neben ordnungspolitischen Motiven Anfang der 90er Jahre auch in Deutschland dazu geführt, dass in Frankfurt[31] und Hamburg entsprechende Angebote offiziell eingerichtet, finanziell abgesichert und rechtlich unter bestimmten Auflagen geduldet wurden. 1997 wurden in Hannover, 1999 in Saarbrücken weitere Gesundheitsraumangebote eröffnet, deren Einrichtung in mehreren Städten derzeit geplant wird.[32]

Im Februar 2000 beschloss der Bundesrat, mit dem 3. Betäubungsmittel-Änderungsgesetz (durch die Ergänzung des § 10a BtMG)[33], die Einrichtung von Drogenkonsumräumen. Mit dem Gesetz sollen Gesundheitsschäden verringert und Überlebenshilfe geleistet werden. Im August 2001 gab es 14 Fixerräume in vier deutschen Städten: Frankfurt, Hamburg, Saarbrücken und Hannover.[34] Die selben Städte sind – Saarbrücken ausgenommen – im übrigen beim Heroinvergabe-Projekt ebenfalls dabei.

Zum Weiterlesen: URL: http://www.bmgesundheit.de/themen/drogen/erlaut/raeume.htm

Im Rahmen dieser Arbeit fuhr ich nach Frankfurt, um mir in der Niddastrasse einen Konsumraum selbst anzusehen. Dabei hatte ich die Gelegenheit, mit dem Leiter der Einrichtung, Sozialpädagoge Josh Steinmetz und auch mit dort konsumierenden Junkies zu sprechen. Das Interview ist in der Anlage A2 auf Seite 129, gekürzt nachzulesen. Mit dieser Reise wollte ich einerseits einmal das „Drogenelend“ sehen, wie es sich nur in Großstädten finden lässt. Andererseits wollte ich herausfinden, was die Betroffenen aus der Brennpunktarbeit über das Heroin-Projekt denken.

Prof. Dr. Hans-Volker Happel schreibt als Vorstand im Vorwort des Jahresberichtes 2000 der Integrativen Drogenhilfe e.V. (IDH) über die zentralen Problemfelder der akzeptanzorientierten Drogenhilfe. Dazu gehören die zunehmende Verrohung und die mangelnde Vernetzung mit der Regelversorgung. Offen bleibt für ihn, inwiefern die geplante Heroinvergabe hier eine Verbesserung bringt. Happel glaubt, dass solche Programme die Hoffnung suggerieren würden, die Drogenproblematik wäre lösbar.[35] Und weiter: „Wenn durch die hoffentlich bald zu erfolgende Installation des Heroinvergabeprogramms ein Stück Normalisierung und Entdramatisierung erreicht würde, wäre das schon ein großer Schritt zur Verbesserung der Problemlage.“[36]

Im Jahre 2000 wurden allein im Gesundheitsraum „Niddastrasse“ über 125.000 Konsumvorgänge verzeichnet, 700.000 Spritzen und 1 Mio. Nadeln ausgetauscht. In dieser Zeit wurden knapp 400 Drogennotfälle bewältigt. In 90% der Notfälle kam es zu Atemdepressionen aufgrund von Heroinüberdosierungen. Zwar wurden etwa 2.000 Beratungen durchgeführt, jedoch sind Beratungen zu Terminen unter klassischen Bedingungen aufgrund der Mitarbeiterkapazitäten und der geringen Nachfrage die Ausnahme.[37]

Gerne würde ich noch vertiefend auf den Bereich der Druckraum-Angebote eingehen, möchte es aber bei dem Hinweis belassen, dass das Thema meiner Arbeit ein anderes ist. Ich möchte jedoch noch darauf verweisen, dass es doch vergleichbare Aufgabenstellungen zur staatlichen Heroinvergabe gibt: Man arbeitet in beiden Fällen direkt im Brennpunkt, mit den heroinspritzenden Junkies, die nicht die unmittelbare Absicht haben, ihrer Sucht ein Ende zu bereiten. Auch hier deutlich, dass eine Integration und Entkriminalisierung Drogenabhängiger dringend geboten sind.

1.2.2 „Hochschwellige“ Angebote

Sickinger weist darauf hin, dass die Drogenberatungsstellen für 72% der Ausstiegswilligen die zentrale Anlaufstelle des Ausstiegsprozesses sind.[38]

Schneider stellt fest, dass sich die Drogenarbeit seit dem Ende der achtziger in einer Umbruchphase befindet. Als Auslöser sieht er die geringe Reichweite des abstinenzorientierten und "hochschwelligen" Drogenhilfesystems. Die jährlich steigenden Zahlen von Drogentoten, soziale Verelendung der Drogenabhängigen in den öffentlichen Drogenszenen, sowie ständig steigenden Sekundärkosten (Beschaffungskriminalität usw.) zwangen die Politik zum beschreiten neuer Wege.[39]

In Kapitel 2 werde ich die drogenfreie Therapie und im darauf folgenden die Substitution kritisch beleuchten. Aus diesem Grund werde ich diesen Abschnitt nicht weiter vertiefen.

1.2.3 Diverse weitere Möglichkeiten und Modelle

Für die Behandlung von Heroinabhängigen kommen auch ambulante oder teilstationäre Therapieformen in Betracht. Aufgrund der mangelnden Kontroll-möglichkeiten sind diese Behandlungen stark Risiko behaftet. Jedoch wird gerade in der jüngsten Zeit die Notwendigkeit betont, Abhängigen in einem noch intakten, sozialen Umfang durch eine Verbindung von stationärer und ambulanter Therapie die sozialen Bezüge zu erhalten.[40]

Eine Reihe verschiedener Praktiken finden außerhalb der konventionellen Handhabungen und Hilfen Anwendung. Im Folgenden möchte ich einige dieser Möglichkeiten aufzeigen. Dies ist ein Auszug der Vielfältigkeit.

- Eine besondere Entwicklung hinsichtlich der Suchtbekämpfung war kürzlich der hiesigen Presse zu entnehmen. In den USA wurde an der Yale University ein Impfstoff gegen Abhängigkeit entwickelt. Derzeit ist dieser Impfstoff noch auf Kokain geeicht. Dieser Stoff soll dafür sorgen, dass bei dem Konsumenten kein „High-Gefühl“ auftritt. Ohne dieses Gefühl wird die Droge ihrer Faszination beraubt und somit unschädlich gemacht.[41]

Zwar ist dieser entwickelte Impfstoff vorerst nur auf Kokain ausgerichtet, aber vielleicht kann es damit mittelfristig tatsächlich gelingen, eine Drogenabhängigkeit wirksam vorzubeugen, bzw. diese auf diese Weise dauerhaft zu unterbrechen. Allerdings fällt es mir schwer, zu glauben, dass sich die Suchtproblematik mit solch einfachen Lösungsansätzen in den Griff bekommen lässt.

- Vielfach erwähnt wird der Wunsch, Drogen generell frei zu geben. Dabei würden sich tatsächlich eine Reihe gewichtiger Vorteile ergeben. Dazu zähle ich die Einsparung immenser Verfolgungskosten sowie die Möglichkeit einer humanen Behandlung von Drogenkonsumenten, die ohne gesetzliche Bestimmungen selbst bestimmen könnten, was sie wann, wo, und wie zu sich nehmen würden. Jedoch ist dieser Schritt mit der Kapitulation des Gesetzgebers gleichzusetzen, da ihm damit jede Form der Regulierung genommen wird und der Jugendschutz seine Bedeutung verliert. Zudem ist damit zu rechnen, dass eine Sogwirkung im Ausland entstehen würde und viele Konsumenten nach Deutschland kommen würden. Schließlich verhindern internationale Abkommen diesen äußerst riskanten Ansatz, um nur einige Gründe zu nennen, die gegen ein solches Vorgehen sprechen.[42]

Eine gewisse Reduzierung der Drogenproblematik wäre mit einer staatlichen Drogenabgabe verbunden. Der Staat würde die Produktion, Herstellung und den Verkauf von Drogen, sowie die Preisgestaltung kontrollieren. Jedoch wäre das Gemeinwesen nie in der Lage, alle Suchtbedürfnisse seiner Einwohner zu befriedigen. Auch der Zusammenbruch des Schwarzmarktes kann auf diese Weise nicht erreicht werden.[43]

- Im Internet wird mit einem 5-tägigen Opiatentzug geworben. Als Aufnahmebedingung werden der Entschluss drogenfrei leben zu wollen und eine ausreichende soziale Integration aufgeführt. Ohne diese Indikatoren wäre ein sofortiger Rückfall meiner Meinung nach ohnehin gewiss. Der Klient kann mit Hilfe der modernsten Medizintechniken und mikroprozessorgesteuerten Therapiegeräte praktisch im Schlaf seine Abhängigkeit beenden. Das Angebot kostet 1.700 €, inklusiv diskretem Einzelzimmer und Begleitperson.[44]

Dieses Angebot halte für Geldmacherei, da in jedem Krankenhaus ein Entzug erfolgen kann. Zudem schätze ich das Risiko eines Rückfalls hier noch höher ein, da mit einem „leichten und unbequemen“ Entzug dem Abhängigen suggeriert wird, dass alles doch nicht so schlimm wäre und man im Falle des Falles jederzeit diesen Schritt wiederholen könne.

1.2.4 Vorstellungen künftiger Drogenpolitik

Witter und Reiners-Kröncke beschreiben, dass sie aus „Drogenverbotsbefürwortern“ zu „Drogenverbotsgegnern“ wurden und erkannten, dass dringend neue Wege beschritten werden müssten. Sie stellen fest, dass es trotz einer Suchtstoffpolitik, die uns durch Prohibition schützen will, eine Leichtigkeit sei, sich „illegale Drogen“ aller Art an jedem Ort und zu jeder Zeit zu beschaffen.[45] Auch Gersemann erkennt, dass nach offizieller Lesart, die weltweite Lage gekennzeichnet sei von einer nahezu unbeschränkten Verfügbarkeit aller Arten von illegalen Drogen.[46]

Weitere Ideen, wie man den Handel von Drogen eindämmen und kontrollieren kann, gibt es in vielfältiger Weise. Dazu gehören etwa die Besteuerung des Heroinkonsums, Drogen nur für Volljährige genehmigen zu lassen oder die Gleichstellung von Heroin als Arzneimittel, also den Verkauf und Handel in Apotheken zu dulden.[47] Vorgeschlagen wird auch die Einrichtung eines sogenannten „Drug-Stores“, der von Sozialpädagogen geleitet und betreut wird. Der Staat könnte über eine Lizenz die Qualität und Quantität dieser Einrichtungen kontrollieren.[48]

Eine Legalisierung von Heroin, die lediglich eine Abgabe an Kinder und Jugendliche verbietet, wird sich nicht annähernd durchsetzen lassen können. Genauso als nicht durchsetzbar hat es sich erwiesen, die Abgabe von Alkohol und Tabak an Minderjährige zu verhindern.[49] Die Bildung neuer Schwarzmärkte wäre die Folge.

Als „Vorreiterfunktion“ künftigen Modells abschließend möchte ich das Schweizer Modellprojekt erwähnen. 1994 begann die Projektphase „PROVE“ (Projekt zur ärztlichen Verschreibung von Betäubungsmitteln). Mittlerweile hat sich das Angebot etabliert und wird im Drogenhilfesystem als Therapieform „HeGeBe“ (Heroingestützte Behandlung) angeboten.[50] Ausführlicher werde ich im vierten Kapitel auf das Heroinvergabemodell eingehen. Speziell das Schweizer Modell möchte ich im Kapitel 4.7.1 beleuchten.

Wie in den Abschnitten 1.2.2 und 1.2.3 bereits erwähnt, werde ich nun aus sämtlichen Verfahren drei „Therapieformen“ vertiefend ausarbeiten. Beginnend mit der drogenfreien Langzeittherapie möchte ich über die Vorstellung der Substitutionstherapie schließlich zu meinem eigentlichen Schwerpunkt dieser Arbeit gelangen, der Behandlungsmethode „Heroin vom Staat“, die sich an schwerstabhängig Heroinsüchtige richtet.

2 Abstinenztherapie

Der Oberstaatsanwalt Harald Hans Körner, der den Betrieb der ersten Druckräume in Frankfurt rechtlich durchsetzen konnte, beschreibt die Therapie der Heroinsucht wie folgt:

„Die Therapie der Heroinsucht ist langwierig, kostspielig und meist wenig erfolgreich. Auch den wenigen „geheilten Heroinpatienten“ bleibt lebenslänglich eine besondere Drogensensibilität erhalten, die nicht wenige nach langen Jahren „cleaner“ Lebensweise erneut rückfällig werden lässt. (...) Jahrelange Erfahrungen mit Opiatabhängigen haben gezeigt, dass nur mit einer Therapievielfalt den Opiatabhängigen begegnet werden kann und es keinen allgemeingültigen Königsweg in der Therapie gibt.“[51]

Täschner definiert wie folgt: „Grundlage der Therapie ist die Drogenfreiheit, Ziel der Behandlung hingegen sind die soziale Verfügbarkeit und der Wiedergewinn der Fähigkeit zu eigenverantwortlichem selbständigem Leben in bestmöglicher Einordnung in die Gesellschaft.“[52] Wie kann dies alles gelingen? Welche Schritte sind dazu erforderlich? Was sind die Probleme der Langzeittherapie?

Grundsätzlich bezweifle ich aber, ob das Ziel „Drogenfreiheit“ als Grundlage für ein selbständiges Leben zählen kann. Betrachtet man die hohen Abbruchszahlen der Langzeittherapien, bleibt für mich die Erkenntnis, dass nur ein geringer Prozentsatz der Drogensüchtigen überhaupt Drogenfreiheit erreicht. Viel sinniger wäre es doch, wenn der Spieß umgedreht würde und den Süchtigen die Möglichkeit eingeräumt wird, Drogen –kontrolliert– zu konsumieren, bei gleichzeitiger Resozialisierung. Gelingt es dem Abhängigen, Selbständigkeit zu erlangen, eine Wohnung und Arbeit zu finden und soziale Kontakte außerhalb der Drogenszene wieder herzustellen, so verliert die Droge früher oder später – zumindest meiner Meinung nach – an Bedeutung. Ein Ausstiegs(-versuch) wäre jederzeit wieder möglich.

2.1 Die Aufgaben der Suchtberatungsstellen

Im Folgenden werde ich den Idealfall einer Heroinbehandlung skizzieren. Wenn ein Heroinabhängiger seiner Sucht ein Ende bereiten möchte, helfen die Drogen- oder Suchtberatungsstellen – im übrigen auch den Angehörigen – weiter. In Hessen gibt es diese Beratungsstellen in jeder kreisfreien Stadt und in jedem Landkreis.[53] Selten aber kommt der Abhängige aus freien Stücken in diese Einrichtungen. Meist wird er von einem Angehörigen, dem Arbeitgeber oder einem Arzt geschickt. In Fulda beispielsweise könnte die Caritas oder das Diakonische Werk seine erste Anlaufstelle sein.[54]

In Einzel- oder Gruppengesprächen wird – bei Einhaltung der Vorgaben des Trägers, wie z.B. regelmäßiges Erscheinen – untersucht, was der Klient wünscht, welche (Zwischen-) Ziele gesteckt werden können und inwiefern eine Bereitschaft für eine Drogenentziehungskur besteht. Darüber hinaus wird er beispielsweise über die Möglichkeiten von Entgiftungen oder Entwöhnungskuren aufgeklärt.

Ein gewisses Maß an Disziplin wird dabei dem Süchtigen abverlangt, um die Ernsthaftigkeit seines Strebens nach einem Ende der Sucht festzustellen. Oftmals wird beim ersten Besuch eines Fixers in der Einrichtung die Dringlichkeit einer Therapie sehr deutlich aufgezeigt, dennoch wird er kein zweites Mal dort gesehen.

Wird eine Entwöhnungsbehandlung gewünscht, muss eine Langzeittherapie bei dem entsprechenden Kostenträger beantragt werden. In der Regel handelt es sich dabei um den Rentenversicherungsträger und nicht um die Krankenkasse. Für die Antragstellung ist ein ausführlicher Sozialbericht erforderlich, der vom Suchtberater verfasst wird. Im Kapitel 2.3 werde ich ausführlicher auf die Langzeittherapie eingehen. Bis die Kostenzusage für einen Therapiebesuch vorliegt, können vier bis zehn Wochen vergehen.

Auch wenn der Suchtmittelabhängige (mehrfach) die Therapie abgebrochen hat oder rückfällig wurde, kann er bei der Suchtberatungsstelle Hilfe erhalten. So kann beispielsweise geklärt werden, ob eine Methadon-Substitution sinnvoll wäre. Die Beratungsstelle kann bei der Vermittlung eines Methadon-Programms behilflich sein. Auf die Substitutionstherapie werde ich im Kapitel 3 ausführlich eingehen.

Nach dem erfolgreichen Therapiebesuch ist eine ambulante Nachsorgetherapie dringend notwendig, die in Suchtberatungsstellen oder in den Entwöhnungstherapieeinrichtungen angeboten und durchgeführt werden. Diese ist für ein drogenfreies Leben von großer Bedeutung, wie auch der regelmäßige Kontakt zu Selbsthilfegruppen der durch die Suchtberatungsstellen vermittelt wird.[55]

2.2 Der körperliche Entzug

Körperliche Entzüge, auch „cold turkey“ genannt, sind im Leben eines Junkies ein häufiges Erlebnis. Sie erfolgen sowohl auf äußeren Druck (z.B. Gefängnisaufenthalt), als auch durch einen freiwilligen Versuch des Abhängigen, den Suchtkreislauf zu durchbrechen. Meist folgt auf Entzüge ohne therapeutische Begleitung ein sofortiger Rückfall.

Durch einen Entzug kommt es zu Entzugserscheinungen. Dazu gehören Schlafstörungen und Ruhelosigkeit, Gliederschmerzen, Schwitzen, Schüttelfrost, Zittern, Tränen- und Nasenfluss, Magenbeschwerden und Erbrechen sowie Durchfälle. Der körperliche Entzug ist folglich etwa mit einer Grippe vergleichbar, die leichtere und schwerere Formen annehmen kann. In der Regel sind diese Beschwerden nach sieben bis zehn Tagen abgeklungen

Bei einem „weichen Entzug“ wird die Dosis des Suchtmittels über zwei bis vier Wochen konstant verringert.[56]

Mit zunehmender Dauer der Drogenkarriere wächst für die Drogenabhängigen die Bedeutung des betreuten körperlichen Entzuges. Gelingt es zu Beginn der Drogenkarriere noch häufig, den Entzug privat zu organisieren, so sind sie zum einem späteren Zeitpunkt der Drogenlaufbahn oft sehr viel höher dosiert, haben wegen der konsumierten Ersatzstoffe „härtere“ Entzüge mit stärkeren körperlichen Beschwerden. Infolge dessen gelingt es ihnen immer weniger, den Entzug ohne medizinische Hilfe durchzuführen.[57]

Während der körperliche Entzug bei reinen Opiatkonsumenten relativ unproblematisch verläuft, kann es bei einer Mehrfachabhängigkeit zu Komplikationen kommen. So können schwere Krampfanfälle, Desorientiertheit oder Halluzinationen auftreten, die eine sofortige Klinikeinweisung erforderlich machen.

Durch die Verabreichung von Antidepressiva oder anderer Medikamente können in einem Hospital die Entzüge erleichtert oder Komplikationen sofort behandelt werden.[58]

Bei der Überwindung der Drogenabhängigkeit nimmt der Entzug nach Sickinger die Schlüsselstelle ein. Einerseits ist die Entgiftung aufgrund der körperlichen Abhängigkeit von Heroin eine notwendige Voraussetzung für den Beginn einer drogenfreien Phase, die zudem für die Planung weiterer Schritte genutzt werden kann. Für viele Drogenabhängige ist mit einem Entzug in einer Psychiatrischen Klinik oder einem Krankenhaus gleichzeitig auch der erste Kontakt mit der institutionellen Drogenhilfe verbunden, der prägend dafür sein kann, wie weitere Hilfe angenommen wird wie sich die Ausstiegsmotivation entwickelt.

2.3 Die Entwöhnungs-Therapie

„Die Hauptschwierigkeiten im Gesundungsprozess Drogenabhängiger sind nicht die körperlichen Entzugsbeschwerden, sondern psychische und soziale Probleme. Wenn der schützende Mantel der Droge nach dem Entzug wegfällt, werden diese Probleme für den Abhängigen umso unangenehmer spürbar. Meist sind sie die Ursache für den sofortigen Rückfall am Ende der Entgiftungsbehandlung.“[59]

Daraus entnehme ich, dass auf einen unmittelbaren Therapieantritt nach der Entgiftung keinesfalls verzichtet werden sollte. Andernfalls muss damit gerechnet werden, dass der Klient sein Ziel der Entwöhnungseinrichtung nicht erreichen wird.

In Deutschland gibt es heute knapp 5.000 stationäre Therapieplätze in Einrichtungen, die ausschließlich für Konsumenten illegaler Drogen vorgesehen sind. Im Jahr 1997 wurden knapp 9.800 stationäre Maßnahmen zur stationären Entwöhnungsbehandlung für diese Zielgruppe bewilligt.[60]

Für eine Entwöhnungsbehandlung treten als Leistungsträger in der Regel die Rentenversicherungen ein. Die 1978 zwischen den Renten- und Krankenversicherungsträgern geschlossene „Suchtvereinbarung“ hat bis heute bestand und regelt die Rechtsgrundlagen der stationären Behandlung.[61] Eine stationäre Entwöhnungsbehandlung wird gewährt, wenn der Abhängigkeitskranke voraussichtlich auf Dauer in Arbeit, Beruf und Gesellschaft wieder eingegliedert werden kann.[62]

Sickinger erkennt, dass die stationären Therapien für die Überwindung der Drogenabhängigkeit eine große Bedeutung haben. Bei einer Befragung von Szeneaussteigern, gaben 75% an, bereits mindestens einmal in stationärer Therapie gewesen zu sein. 80% der Befragten mit stationärer Therapieerfahrung beurteilten die Zeit als „sehr hilfreich“ oder „hilfreich“. Zwar hat mindestens die Hälfte der Aussteiger mit Therapieerfahrung im Verlauf mindestens eine Therapie vorzeitig abgebrochen. Dies lässt nach Ansicht der Autoren jedoch nicht den Schluss zu, automatisch von einem misslungenen Abbruchsversuch zu sprechen.[63]

2.3.1 Zielsetzung

Ziel der Entwöhnungs-Therapie ist die psychische Entwöhnung von der Sucht. Das bedeutet, dass es dem Abhängigen nach dem Ende der Therapie möglich sein sollte, ein drogenfreies Leben zu führen. Täschner führt dazu aus: Ziel der Behandlung sind die soziale Verfügbarkeit und der Wiedergewinn der Fähigkeit zu eigenverantwortlichem und selbständigem Leben in bestmöglicher Einordnung in die Gesellschaft.[64]

2.3.2 Dauer / Erfolg

Bei Kreuzer/Wille schwankt die Behandlungsdauer noch zwischen 6 und 24 Monaten.[65] Aufgrund chronisch leerer Kassen wird eine Entwöhnungsbehandlung heutzutage nur noch für 6-9 Monate genehmigt.[66]

Die Ergebnisse der Entwöhnungsbehandlung sind sehr unterschiedlich. Abhängig von den Untersuchungszeiträumen stellt Täschner 23-43 % in Mitteleuropa, in den USA 20-40% Drogenfreiheit nach einer stationären Entwöhnung fest.[67] Doch möchte ich darauf hinweisen, dass derlei Erhebungen nicht besonders aussagekräftig sind. Aus Zahlen von Täschner lässt sich beispielsweise nicht entnehmen, in welchem Zeitraum nach einer stationären Therapie eine Abstinenz festgestellt wurde.

Hausser schätzt, dass allenfalls nur 5-10% der Beteiligten eine Drogenabstinenz durch die stationäre Entwöhnungsbehandlung erreichen.[68]

Kreuzer/Wille führen aus, dass zu Beginn der siebziger Jahre noch von einer 10%igen Heilungschance ausgegangen wurde. Inzwischen würden es etwa 30% der Heroinabhängigen schaffen, von der Abhängigkeit auf Dauer loszukommen.[69]

Jedoch bezieht sich dieser Prozentsatz nicht auf die Abhängigen, die eine Entwöhnungstherapie abgeschlossen haben, sondern auf sämtliche Heroinabhängigen.

Die Abbruchquote bei stationären Entwöhnungsbehandlungen beziffern Kreuzer/Wille auf 60-70%.[70]

Sickinger führt aus, dass eine Langzeittherapie beim Ausstiegsprozess der Drogenabhängigen einen hohen Stellenwert hat. So wurde bei einer Befragung für die „AMSEL-Studie“ (Ambulante Therapie und Selbstheilung) festgestellt, dass die stationäre Therapie, unabhängig vom Drogenstatus „clean“ oder „abhängig“ für fast alle Befragten mit einer Zunahme an persönlicher und sozialer Kompetenz verbunden ist. Zudem wurden neue Lebensperspektiven entwickelt.[71]

Das Ende einer stationären Entwöhnungsbehandlung ist nicht gleichbedeutend mit dem Ende des Behandlungsangebotes. Wichtig ist nun eine möglichst rasche Anbindung an eine Selbsthilfegruppe und eine ambulante Therapie in Form einer Nachsorgeeinrichtung.

2.3.3 Kritikpunkte

Bei einer Befragung von Teilnehmer einer Entzugstation äußerten 68% Kritik. Sie forderten einen größeren Realitätsbezug und mehr individuelle Zuwendung durch den Therapeuten. Abgelehnt werden starre, unverständliche Regeln und Sanktionen.[72]

Bereits bei meinem Praktikum bei der Fachstelle für Sucht hatte ich mich gefragt, welche Drogenabhängige denn überhaupt eine Langzeittherapie in Anspruch nehmen. Auch Herr Hausser äußert sich über geringe „Vermittlungserfolge“.[73] Meiner Ansicht nach werden zu wenig Abhängige für die abstinenzorientierte Therapie erreicht. Im weiteren Verlauf der Arbeit werde ich diesen Aspekt beleuchten.

Bei Buschkamp findet man, dass bei einer Drogenlangzeittherapie bis zu 80% der Klienten aufgrund gerichtlicher Therapieauflagen teilnehmen. Aus wirtschaftlicher Sicht mag „Therapie statt Strafe“ für die Therapieeinrichtungen durchaus rentabel sein. Allerdings muss der Erfolg einer solchen Therapie in Frage gestellt werden. Zu einer der grundlegendsten Interventionsform bei der stationären Behandlung zählt die Psychotherapie. Deren unerlässliche Bestandteile sind die persönliche, emotionale Beziehung zwischen Klienten und Therapeuten, sowie ein aktives Mitwirken des Klienten und eine Motivation aus eigenem Antrieb heraus. Wird mit Hilfe der Androhung einer Freiheitsstrafe die Therapiebereitschaft und zu erzwingen versucht, so stellt dies für den Betroffenen eine merkwürdige Alternative dar. Das Prinzip der freien Entscheidung zur Therapie lässt sich hier nicht mehr feststellen.[74]

Ich halte es im übrigen für besonders schwierig, Therapien durchzuführen, mit Klienten, die nur anwesend sind, um z.B. eine Gefängnisstrafe zu umgehen. Möglich wäre zwar, dass nach einer solchen (erfolgreichen) Therapie, diese Klienten durchaus ein Stück weit „(re-)sozialisiert“ sind. Das ist jedoch nicht die Aufgabe einer Langzeittherapie. Zumal ich vermute, dass das Klima während einer mehrmonatigen Therapie darunter leiden wird, wenn ein hoher Prozentsatz unter den Klienten nur passiv dabei ist. Womöglich wirkt sich diese Stimmung auch auf die „Therapiewilligen“ aus.

Festzustellen bleibt, dass die Abstinenztherapie – trotz aller Bedenken – von großer Bedeutung ist. Gerade mit denjenigen, die noch nicht allzu lange abhängig sind, können hier Fortschritte erzielt werden. Aber auch für den Teil der Abhängigen, die ihre Sucht selbst beenden können, sind Erfahrungen aus Langzeittherapien von großer Bedeutung. Es kann auch nicht darum gehen, die drogenfreie Entwöhnungstherapie abschaffen zu wollen.

3 Zur Substitution

Die zunehmende Verelendung der Heroinabhängigen, die dramatisch steigende Zahl der Drogentoten und nicht zuletzt die Befürchtung einer schnellen Verbreitung des HI-Virus zwangen die Politik zum Handeln. In Nordrhein-Westfalen und Hamburg wurden zunächst in begrenzten Modellprojekten die Substitution, unter intensiver wissenschaftlicher Begleitung, zugelassen. Anlass war allerdings auch, dass sich der bis dahin als "Königsweg" propagierte stationäre Langzeittherapie als recht ineffizient erwiesen hat: Durch diese Abstinenztherapien werden lediglich ca. 30% der Heroinabhängigen überhaupt erreicht, von denen wiederum lediglich ca. 30% erfolgreich abschließen.[75]

Inzwischen wurden die Methadonprogramme deutlich ausgebaut. Gerlach errechnet, dass gegenwärtig inklusive der Selbstzahler und über die Sozialämter gemäß BSHG finanzierte Methadonbehandlungen von einer Gesamtzahl von 40-45.000 Patienten in Deutschland ausgegangen werden kann.

Diese Zahlen werden von der Internetseite der Hessischen Landesanstalt gegen die Suchtgefahren (HLS) soweit bestätigt. So kann dort diesbezüglich entnommen werden, dass (mit dem Stand vom 1.7.2000) etwa 30.000 offiziell mit Methadon substituiert werden und sich etwa weitere 25.000 „grau“ mit Methadon oder Codein versorgen.[76]

Methadon ist ein synthetisches Opioid, mit einem dem Morphin vergleichbaren Abhängigkeitspotential. Bei adäquater Dosierung und oraler Einnahme, entfaltet Methadon, etwa im Gegensatz zu Heroin, keine euphorisierende Eigenwirkung.[77] „Die lange Wirksamkeit des Methadons von 24 bis 36 Stunden ermöglicht, dass der einen kompulsiven (zwanghaften) Heroingebrauch begleitende Vier-Stunden-Zyklus von Euphorie und Entzugserscheinungen durchbrochen wird. Eine einmalige tägliche Einnahme reicht in der Regel aus, ... um den „Heroinhunger“ durch das Besetzen der Opioidrezeptoren zu stillen. Das Auftreten der Entzugssymptome und die Wirkung zusätzlich konsumierten Heroins werden verhindert.“[78]

Im vergangenen Jahr hatte ich im Rahmen eines Praktikums beim Diakonischen Werk Fulda, die Möglichkeit, eine Substitutionsgruppe für eine längere Zeit regelmäßig zu besuchen. Diese Gruppe ist für Drogenabhängige vorgesehen, die von einem Substitutionsarzt[79] Methadon oder das etwa doppelt so starke Levomethadon (L-Polamidon) erhalten.[80]

Das Auffällige an der Substitutionsgruppe war, dass die Teilnehmer meist sporadisch erschienen, verspätet hinzukamen oder die Einrichtung bereits nach wenigen Minuten wieder verließen. Der Erfolg der „Therapie“ muss daher als äußerst fragwürdig angesehen werden. In mehreren Gesprächen mit meinem Anleiter, Herrn Hausser, wurde dies deutlich. Darum wurde auch die „Substitutionsgruppe“ in einen „Substitutionstreff“ umbenannt.

Für viele Klienten dient dieser Treff dazu, um mit der erhaltenen Anwesenheitsbescheinigung beim Substitutionsarzt eine Verlängerung der Maßnahme zu erwirken. Nach etwa zwei Jahren Substituierung in Fulda wurde deutlich, dass es sich - zumindest in dieser Einrichtung – als schwierig erweist, die Klienten für eine mehrmonatige Entwöhnungstherapie zu motivieren, die auch angetreten wird.

Durch die Betroffenen und Herrn Hausser konnte ich während meines Praktikums erfahren, dass die Methadonmenge Schritt für Schritt ausgeschlichen[81] werden könne. Stellt sich ein schlechtes Körpergefühl ein, wird mehr verabreicht. Wird diesem Wunsch nicht nachgekommen, ist es denkbar, dass der Süchtige sich wieder Heroin beschafft und konsumiert.[82]

Besonders schwierig scheint das Ausschleichen der letzten Milliliter Methadon zu sein. Regelmäßig teilen die Substituierten mit, dass besonders in diesem Stadium, bzw. nach dem erfolgreichen Absetzen des Ersatzstoffes, häufig Entzugserscheinungen auftreten und früher oder später ein erneuter Methadon-Konsum erfolgt. Vorsichtige und erfahrene Junkies vermeiden einen Rückfall durch die wiederholte Einnahme von Methadon.

Mitunter bleibt die tägliche Methadonmenge über viele Jahre unverändert, über den Beikonsum wird nicht gesprochen, zumindest ohne weitreichende Folgen. Ich bezweifle, ob es wirklich vertretbar ist, einem Drogenabhängigen eine noch härtere Droge zu verabreichen, die ihn zwar beruhigt, aber ihm nicht das Hochgefühl verschafft, den sich viele der Substituierten wünschen oder brauchen. Einige Abhängige vermissen die berauschende Wirkung des Heroins so sehr, dass sie schon bald wieder in den unkontrollierten Drogenkonsum abrutschen.[83]

Jedoch: Methadon ist ein Medikament und keine Ersatzdroge für Heroin. Seine Wirkung kann bei oralem Gebrauch die Euphoriewirkung des Heroins nicht ersetzen. Methadon kann aber entscheidend dazu beitragen, die bei intravenösem Heroingebrauch u.a. durch unreines Straßenheroin, unsteriles Spritzbesteck, sowie durch kriminalisierte Konsumverhältnisse bedingten gesundheitlichen Risiken zu vermeiden bzw. zu verringern.

In der vom deutschen Bundesgesundheitsministerium in Auftrag gegebenen Methadon-Expertise, resümiert Bühringer die Untersuchungsergebnisse wie folgt. Die Substitutionsmaßnahmen sind stabilisierende und lebenserhaltende Behandlungs-Maßnahmen und eröffnen die Chance, den Betroffenen einen Weg aus dem Szeneleben zu ebnen, sich sozial und beruflich zu (re)integrieren, psychisch und physisch zu stabilisieren und ein menschenwürdiges Leben zu führen, „Alle bundesweiten Forschungsergebnisse sind ermutigend.“ Neben der Forderung nach einer flächendeckenden Ausweitung des Substitutionsangebotes wird auch eine Senkung der Zugangsschwellen angeraten. Unterstützend sollte eine psychosoziale Begleitung auf freiwilliger Basis eingerichtet werden. Eine weitere Forderung ist, dass die Substitution möglichst frühzeitig zum Einsatz kommt. Schließlich ist es in keinem anderen Bereich des Gesundheitswesens üblich, dass die Zulassung kranker Menschen zur Behandlung und medizinischen Versorgung von einer psychischen und somatischen Verelendung abhängig gemacht wird.[84]

Die Einführung der Methadon-Substitution 1964 bedeutete auch das Ende vom vorrangigen Ziel der Abstinenz. Eine völlige Enthaltsamkeit von der Droge und Medikament stellen nicht mehr die alleinige Zielperspektive dar. Die Erfahrungen aus 30 Jahren Drogenhilfe haben erkennen lassen, dass ausschließlich abstinenzorientierte Konzepte in der Drogenpolitik und Drogenhilfepraxis nur für eine kleine Minderheit eine akzeptable Ausstiegshilfe darstellen.[85]

[...]


[1] Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung anlässlich der Vorstellung des Sucht- und Drogenberichtes 2000, im April 2001

[2] Bühringer, 1995, 87.

[3] Der Brockhaus, 1998, 379.

[4] vgl. Gersemann, 1996, 9.

[5] vgl. Jahresbericht über den Stand der Drogenproblematik in der Europäischen Union 2001.

[6] vgl. BKA, 2000.

[7] zitiert nach: Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Sucht- und Drogenbericht 2000.

[8] vgl. Bundesministerium für Gesundheit: Repräsentativerhebung 1990, Bonn 1992.

[9] vgl. Gersemann, 1996, 14/15.

[10] zitiert nach: Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Pressmitteilung Nr. 7, 2001.

[11] vgl. Juso Bundesverband: Opiate Reader Nr. 1., Bonn 1994, S. 7-8.

[12] vgl. Witter und Reiners-Kröncke, 1997, 66.

[13] vgl. Drogenbeauftragten der Bundessregierung, Pressemitteilung Nr. 16, 2001.

[14] vgl. Schneider, Ralf, 1998, 12/13.

[15] vgl. Witter und Reiners-Kröncke, 1997, 9.

[16] vgl. Schneider, Wolfgang; 1997, 7.

[17] Schneider, Wolfgang; 1997, 51.

[18] vgl. Böllinger, 1987, 32.

[19] vgl. Weber / Schneider, 1997, 143.

[20] vgl. Drogenbeauftragte der Bundessregierung, Pressemitteilung Nr. 16.

[21] Als „niedrigschwellig“ werden Arbeitsansätze in der Praxis der Drogenhilfe bezeichnet, die für Menschen mit Drogenproblemen die Zugangsvoraussetzungen zu Hilfeleistungen mindern.

[22] Als „hochschwellig“ werden entsprechend Arbeitsansätze bezeichnet, die beim Abhängigen zumindest die Bereitschaft zu einer Veränderung der Lebensführung sowie der Wunsch nach Abstinenz und ein Mindestmaß an Disziplin (z.B. regelmäßiges Erscheinen) voraussetzen.

[23] vgl. Schneider, Wolfgang; 1997, 8-11.

[24] vgl. Schneider, Wolfgang; 1997, 7.

[25] vgl. Olgiatti, 1997, 310.

[26] vgl. Olgiatti, 1997, 313-315.

[27] vgl. Steffan, 1997, 226/227.

[28] vgl. Steffan, 1997, 237.

[29] ebda.

[30] vgl. Körner, 1993, siehe auch im Anhang: Auszug aus dem BtMG, A6.

[31] Im Winter 1994/95 wurden in Frankfurt zwei Druckräume eingerichtet – vgl. Gersemann, 1996, 13.

[32] vgl. Konferenzeinladung, 1999.

[33] vgl. Auszug aus dem BtMG im Anhang, A6.

[34] vgl. Drogenbeauftragte der Bundessregierung, Grundinformationen: „Einrichtung von Drogenkonsumräumen hat sich bewährt“, Stand: 8/2001.

[35] vgl. IDH – Jahresbericht 2000, 5.

[36] Happel, Hans-Volker: Vorwort in: IDH – Jahresbericht 2000, 5.

[37] vgl. IDH – Jahresbericht 2000, 32-33.

[38] vgl. Sickinger, 1994, 9.

[39] vgl. Schneider, Wolfgang; 1997, 7.

[40] vgl. Körner, 1990, 1036/1037.

[41] vgl. AOL-Gesunheitsnachrichten, 2001.

[42] vgl. Hug-Beeli 286-287.

[43] vgl. Hug-Beeli 338-339.

[44] vgl. pro-adicta, o.J.

[45] vgl. Witter und Reiners-Kröncke, 1997, 7f.

[46] vgl. Gersemann, 1996, 64.

[47] vgl. Gersemann, 1996, 79-80.

[48] vgl. Witter und Reiners-Kröncke, 1997, 87.

[49] vgl. Gersemann, 1996, 79.

[50] vgl. HeGeBe-Ordner, 2000, 4.

[51] Körner, 1990, 1036.

[52] Täschner, 1994, 70.

[53] vgl. Hessische Landesanstalt gegen die Suchtgefahren (HLS), 2001.

[54] vgl. Interview mit Herrn Hausser, Anhang A1.

[55] vgl. Gespräche mit Herrn Hausser.

[56] vgl. Kreuzer / Wille 1988, 145-147.

[57] vgl. Sickinger in: Sickinger/Kindermann, W. u.a.. 1992, 71.

[58] vgl. Kreuzer / Wille 1988, 148.

[59] Kreuzer / Wille 1988, 149.

[60] vgl. Hessische Landesanstalt gegen die Suchtgefahren (HLS), 2001.

[61] vgl. Hessische Landesanstalt gegen die Suchtgefahren (HLS), 2001.

[62] vgl. Buschkamp, 1996, 68.

[63] vgl. Sickinger, 1994, 9-10.

[64] vgl. Täschner, 1994, 70.

[65] vgl. Kreuzer / Wille 1988, 150.

[66] vgl. Interview mit Herrn Hausser in der Anlage I, Zeilen 16.

[67] vgl. Täschner, 1994, 71.

[68] vgl. Interview mit Herrn Hausser in der Anlage, Seite III, Zeilen 100-105.

[69] vgl. Kreuzer / Wille 1988, 162.

[70] ebda.

[71] vgl. vgl. Sickinger in: Sickinger/Kindermann, W./Kindermann, S. u.a.. 1992, 43-47.

[72] vgl. Sickinger, 1994, 10.

[73] vgl. Interview mit Herrn Hausser, Anhang A1.

[74] vgl. Buschkamp, 1996, 66-68.

[75] vgl. Barth, o.J.

[76] vgl. Hessische Landesanstalt gegen die Suchtgefahren (HLS), 2001.

[77] Gerlach, 2001, 71.

[78] ebda.

[79] Substitutionsarzt ist ein Arzt, der eine Zusatzqualifikation erworben hat, mit der es ihm möglich ist, Methadon, bzw. L-Polamidon, an Süchtige auszugeben.

[80] vgl. Raschke, Peter / Kalke, Jens / Verthein, Uwe: Substitutionstherapie – ein Fazit aus Sicht der Forschung, 1999, 255.

[81] Ausschleichen bedeutet, dass das Medikament in einer immer reduzierteren Dosis eingenommen wird, solange bis die Einnahme = 0 ist und der Klient somit den Stoff ausgeschlichen hat.

[82] vgl. Gespräche mit Herrn Hausser, 2000.

[83] vgl. DIE ZEIT: „Für die ganz schweren Fälle den echten Kick“, 2001, 24.

[84] vgl. Bühringer, 1995, 91

[85] vgl. Gerlach, 2001, 73.

Details

Seiten
147
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783832459611
ISBN (Buch)
9783838659619
Dateigröße
2.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v221411
Institution / Hochschule
Hochschule Fulda – Sozialwesen
Note
1,0
Schlagworte
drogen drogenkonsum drogenpolitik

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Heroin vom Staat?