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Hilfsangebote für Scheidungskinder

Diplomarbeit 2000 140 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2 Beziehungswandel
2.1 Wandel der Beziehungsformen - ein geschichtlicher Rückblick
2.2 Trennung und Scheidung im Erleben der Kinder
2.3 Modelle der Ehescheidung
2.3.1 Desorganisationsmodell
2.3.2 Reorganisationsmodell
2.3.3 Transitionsmodell
2.4 Zusammenfassung

3. Reaktionen der Kinder auf Trennung/ Scheidung und daraus resultierende Folgen
3.1 Alters- und entwicklungsspezifische Reaktionen
3.1.1 Geburt bis dritte Lebensjahr
3.1.2 Vorschulalter
3.1.3 Grundschulkinder
3.1.4 Vorpubertät und Pubertät
3.2 Reaktionen in einzelnen Trennungs- und Scheidungsphasen
3.2.1 Ambivalenzphase
3.2.2 Trennungsphase
3.2.3 Scheidungsphase
3.2.4 Nachscheidungsphase
3.3 Geschlechtsspezifische Reaktionen
3.4 Parental alienation syndrom (PAS)
3.5 Zusammenfassung

4. Bewältigung und Verarbeitung
4.1 Schutz- und Risikofaktoren
4.2 Coping Strategien
4.2.1 Aktive und Defensive Strategien
4.2.2 Einflußfaktoren
4.3 Zusammenfassung

5. Hilfeangebote
5.1 Ambivalenzklärungshilfen
5.1.1 Ambivalenz- Paargruppe
5.1.2 Strukturierte Trennung
5.1.3 Informationsprogramme
5.2 Regelungshilfen
5.2.1 Verfahrenspfleger
5.2.2 Betreuter Umgang
5.2.3 Mediation
5.2.4 Regensburger Modell
5.3 Bewältigungshilfen
5.3.1 Kurzzeit- Angebote
5.3.2 Phasengerechte Angebote
5.3.3 Gruppen Angebote
5.3.4 Therapeutische Angebote
5.4 Zusammenfassung

6. Institutionen
6.1 Jugendamt
6.2 Beratungsstellen
6.3 Zusammenfassung

7. Bestandsaufnahme
7.1 Ziele
7.2 Messinstrumente
7.3 Stichprobe
7.4 Ergebnisse
7.5 Auswertung

8. Schlussbetrachtung

9. Literaturverzeichnis

Anhang

Erklärung

1. Einleitung

Von 1996 bis 1997 ist die Anzahl der minderjährigen Kinder, die von einer Scheidung ihrer Eltern betroffen sind, um 9,6% gestiegen, d. h.

von 148.782 auf 1997 163.112 Kinder (vgl.: Huss, Lehmkuhl, U. in Fegert (Hrsg.), 1999, S. 31). Die Kinder werden meist unfreiwillig in die Konflikte der Erwachsenen einbezogen. Aufgrund ihres sozial- kognitiven Entwicklungsstandes nehmen sie die sich wandelnde Lebenssituation anders als ihre Eltern wahr (vgl.: Jaede, 1996, S.6).

Im Rahmen dieser Diplomarbeit ist es mir ein Anliegen herauszustellen, welche Hilfemöglichkeiten für Scheidungskinder angeboten werden, denn auch diese haben Bedürfnisse, Ansprüche und Wünsche, bezüglich der elterlichen Trennung und Scheidung. Edelgard Placke- Brüggemann hat diese Wünsche zusammengefasst, z.B.:

"Redet mit mir. Ich kriege schon seit längerer Zeit mit, dass etwas in unserer Familie nicht stimmt. Wenn ihr nicht mit mir redet, wachsen meine Fantasien ins Unerträgliche."
"Sagt mir ausdrücklich, dass ich keine Schuld an der Trennung habe, auch wenn ich mitbekommen habe, dass ihr euch oft über meine Erziehung gestritten habt."
"Haltet meine Wut, meine Angst, meine Stimmungsschwankungen aus, so versuche ich meine Konflikte zu bewältigen."
"Helft mir zu sehen, dass mit der Trennung endlich der Streit zu Hause aufhören kann, dass dies auch eine Chance für einen Neubeginn darstellt" (vgl.: Edelgard- Plache- Brüggemann in Kinderschutzbund e. V. (Hrsg.), 1999, S.4,5,7,8).

Die Kinder sind das schwächste Glied in der Kette der Betroffenen. Gerade deshalb benötigen sie Hilfe und Unterstützung, damit die elterlichen Konflikte, sowie die Trennung/ Scheidung für sie nicht zu einer lebenslangen Belastung werden.

Die Ergebnisse der Scheidungsforschung, welche sich mit der Dynamik des Scheidungsprozesses und den Folgen für alle Beteiligten befassen, geben Hinweise für den Umgang mit Scheidungsfamilien. Desweiteren berücksichtigen die Fachkräfte der Institutionen, welche Maßnahmen für Scheidungsfamilien anbieten, diese Ergebnisse. So bemühen sich z. B. Familiengerichte, Jugendämter, Beratungsstellen, Anwälte, Psychologen und Sozialarbeiter, den betroffenen Kindern und den Eltern gerecht zu werden (vgl.: Böhm, Scheuerer- Englisch in Buchholz- Graf, Vergho (Hrsg.), 2000, S. 121).

Mit der Einführung des neuen Kindschaftsrechts vom 1.7.1998 veränderten sich einige Bedingungen für die Betroffenen.

So wird z. B. deutlich herausgestellt, dass das Kind ein Recht auf Umgang mit beiden Eltern auch nach einer Trennung/ Scheidung hat. Desweiteren besitzen Eltern einen Rechtsanspruch auf Beratung in Fragen der Partnerschaft, Trennung und Scheidung (vgl.: Schwab, Wagennitz, 1998, S.163,605). Inwieweit sich diese neuen Bedingungen deeskalierend auf die streitenden Eltern auswirken, wird sich erst mit der Zeit zeigen. Die positive Wirkung des Gesetzes hängt mit der Umsetzung in die Praxis und der gelingenden Kooperation aller Institutionen, die in die Arbeit mit Scheidungsfamilien eingebunden sind, zusammen (vgl.: Buchholz- Graf in

Buchholz- Graf, Vergho (Hrsg.), 2000, S. 11).

Im Mittelpunkt meiner Arbeit steht, wie bereits erwähnt, die bestehenden Hilfeangebote für Scheidungskinder unter Berücksichtigung der Veränderungen durch das neue Kindschaftsrecht. In diesem Zusammenhang möchte ich darauf hinweisen, dass aufgrund des umfangreichen Themas nicht alle Aspekte berücksichtigt werden können. Außerdem habe ich eine Bestandsaufnahme bezüglich bestehender Hilfeangebote für Scheidungskinder im Raum Koblenz durchgeführt, um einen Einblick über bestehende Angebote und deren Nutzung in der Praxis zu erhalten.

Nach dem kurzen einführenden Überblick, durch Kapitel 1, gliedert sich die Arbeit in weitere sieben Teile auf.

Der erste Teil (Kapitel 2) stellt die Entwicklung der emotionalen Eltern- Kind- Beziehung von der vorindustriellen- bis in unsere heutige Zeit dar. Desweiteren wird das kindliche Erleben der Scheidung beschrieben. Ebenso wird auf die zur Zeit diskutierten Modelle von Ehescheidung eingegangen.

Im Blickfeld des zweiten Teils (Kapitel 3) stehen die Ergebnisse der Scheidungsforschung wie alters- und entwicklungsspezifische Reaktionen, Reaktionen in den einzelnen Trennungs- und Scheidungsphasen, sowie geschlechtsspezifische Reaktionen der Kinder. Außerdem werden einige Aspekte bezüglich des elterlichen Entfremdungssyndroms angeführt.

Im dritten Teil (Kapitel 4) werden die unterschiedlichen Schutz- und Risikofaktoren, sowie die Bewältigungs- und Verarbeitungsmöglichkeiten des Kindes bezüglich der elterlichen Trennung und Scheidung näher betrachtet.

Einen Schwerpunkt dieser Arbeit bilden die unterschiedlichen Hilfeangebote für Scheidungskinder im vierten Teil (Kapitel 5). Diese werden entsprechend den Scheidungsphasen in die Ambivalenzklärungs- , Regelungs- und Bewältigungshilfen unterteilt. Da es sehr viele unterschiedliche Angebote und Konzepte diesbezüglich gibt, können nur einige dieser beispielhaft dargestellt werden.

Die Institutionen, welche Maßnahmen für Scheidungskinder anbieten, werden im fünften Teil (Kapitel 6 ) vorgestellt. Die Veränderungen, die durch die Kindschaftsreform 1998 in Kraft traten, werden mitberücksichtigt. Im Mittelpunkt der Arbeit dieser Einrichtungen steht unter anderem "Das Wohl des Kindes", deshalb wird dieser unbestimmte Rechtsbegriff kurz umrissen.

Einen weiteren Schwerpunkt dieser Arbeit stellt der sechste Teil ( Kapitel 7) dar. Die von mir durchgeführte Bestandsaufnahme zu Hilfeangeboten für Scheidungskinder wird näher erläutert. Ziel dieser war es, einen Überblick über bestehende Hilfeangebote und deren Nutzung in der Praxis zu erhalten. Desweiteren werden die Ergebnisse dargestellt.

Meine Meinung bezüglich des gewählten Themas fließt in den siebten Teil

(Kapitel 8) mit ein.

Das Hauptanliegen meiner Arbeit ist es aufzuzeigen, welche Hilfeangebote für Trennungs- und Scheidungskinder bestehen. Denn nicht nur die Eltern, sondern auch die Kinder benötigen Hilfe und Unterstützung vor, während und nach einer Trennung und Scheidung.

Desweiteren möchte ich auf das Abkürzungsverzeichnis, welches sich im Anhang befindet, hinweisen.

2 Beziehungswandel

2.1 Wandel der Beziehungsformen - ein geschichtlicher Rückblick

Mit der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung hat sich die Beziehung zwischen den Eltern und den Kindern verändert. Heute kommt es vor allem durch eine Trennung/ Scheidung zu ungewollten Trennungs- und Ablösungsprozessen der Eltern von den Kindern. In der vorindustriellen Zeit geschah dies überwiegend durch Tod eines Elternteils, durch Kindesaussetzung und durch die Weggabe von Kindern an andere Personen oder Institutionen (vgl. :Nave Herz in Menne u.a. (Hrsg.), 1997, S.26).

Im Folgenden wird die geschichtliche Entwicklung der emotionalen Eltern- Kind- Beziehung in verkürzter Form dargestellt.

In der vorindustriellen Zeit lebten die Kinder mit anderen Familienmitgliedern wie Eltern, Geschwistern, Großeltern und familienfremden Personen in einem Allzweckraum zusammen. Dieser Raum war Familienstätte und Produktionsbereich in einem. Aries beschreibt diesen als einen öffentlichen Raum und nicht als Zufluchtstelle vor der Öffentlichkeit (vgl.: Aries in Menne u.a.(Hrsg.),1997, S. 32).

Das Haus war das einzig beständige. In bäuerlichen Hausgemeinschaften verging kein Jahr in denen nicht eine Person wegging, hinzukam oder starb. (vgl.: Mitterauer in Menne u.a. (Hrsg.), 1997, S. 32). Frauen starben sehr häufig an Komplikationen während der Geburt oder im Kindbettfieber. Nachrechnungen aus Kirchenbüchern belegen, dass eine verheiratete Frau in ihrem Leben alle 1,5 bis 2,5 Jahre eine Geburt zu überleben hatte (vgl. Cipolla, Borchardt in Menne u. a.(Hrsg.), 1997, S. 31). Für Kinder war es normal, dass sie eher ihren Großvater als ihre Großmutter kennen lernten.

Im 17. und 18. Jahrhundert sank schließlich die Säuglingssterblichkeit, wodurch vermehrt Kinder ausgesetzt wurden. Die Kindesaussetzung stand damals nicht unter Strafe, sie mußte aber geschehen bevor der Säugling durch die Taufe ein Recht auf Leben erworben hatte. Ausgesetzt wurden sie auf öffentlichen Plätzen, wo sie gut gefunden werden konnten (vgl. Peiper in Menne u. a.(Hrsg.), 1997, S.28). Desweiteren sahen sich Arbeiterfamilien, die in ständiger materieller Unsicherheit lebten und durch eine plötzlich eingetretene Krise wie Arbeitslosigkeit oder Krankheit zusätzlich belastet wurden, gezwungen, ihre Kinder für einen befristeten Zeitraum wegzugeben. Sie wurden an kinderlose Verwandte oder an die Kirche abgegeben. Dort hatten sie höhere Überlebenschancen. Die Weggabe von Kindern war bei denn Arbeiterfamilien bis ins 19. Jahrhundert hinein weit verbreitet (vgl.: Flecken in Menne u.a. (Hrsg.), 1997, S.27). Kinder, die im Elternhaus aufwuchsen, mußten dieses mit sieben oder acht Jahren, spätestens jedoch mit vierzehn Jahren verlassen. Sie arbeiteten als Mägde, Knechte oder Diener in anderen Haushalten und lebten auch größten teils dort. Die Eltern sahen sie aufgrund der weiten Entfernung und der langen Arbeitszeiten nur sehr selten. Kinder, deren Eltern einen großen Bauernhof besaßen, konnten längere Zeit mit diesen zusammen leben. Im Gegensatz zum Gesinde mußten die Eltern die Arbeitskraft ihrer Kinder nicht bezahlen

(vgl.: Mitterauer in Menne u.a.(Hrsg.), 1997, S. 29).

In der vorindustriellen Zeit hatte die emotionale Beziehung zwischen Kindern und Eltern eine andere Qualität als heute, sie war sachlicher (vgl.: Schütze in Menne u.a.(Hrsg.), 1997, S. 30). Es wird angenommen, dass diese sachliche Beziehung für die Frau einen Schutzfaktor vor emotionaler Verletzung darstellte. Man denke nur an die vielen Geburten bei gleichzeitig hoher Säuglingssterblichkeit.

Desweiteren besaß die Mutter damals keine Monopolstellung bezüglich der affektiv- emotionalen Beziehung zum Kind, im Gegensatz zu heute. Familienfremde Personen, die ebenfalls im Haus lebten, gaben dem Kind Zuwendung und Nähe (vgl.:Nave- Herz in Menne u.a.(Hrsg.), 1997, S.30-31).

Im 18 Jahrhundert setzte sich ein Prozess in Gang, den man als die “Entdeckung der Kindheit“ bezeichnen könnte (vgl.: Aries in Kardes, Langenmayr, 1996, S.11).

Durch die pädagogischen Gedanken von Lockes und Rousseaus kam man zu der Erkenntniss, dass die Liebesbeziehung das Eltern- Kind- Verhältnis begründen sollte (vgl.: Kardes, Langenmayr, 1996, S.11).

Mit dem Beginn der Industrialisierung, Aufklärung und Demokratisierung wandelte sich dann die gesellschaftliche Struktur und somit die emotionale Eltern- Kind Beziehung. Zu Beginn dieser Zeit zogen zunächst vermögende Familien aus dem Stadtzentrum heraus und in moderne Häuser am Stadtrand ein. Neu an den Häusern war, dass sie aus mehreren Zimmern bestanden, die durch Flure getrennt waren. Dabei kam es zu einer Trennung von Familienmitgliedern und familienfremden Personen wie Mägde und Knechte. Desweitern veränderten sich dadurch die Umgangsformen zwischen ihnen. Eine Trennung zwischen Wohnung und Arbeitsstätte fand ebenfalls statt, so dass im Stadtzentrum nur die Büros der wohlhabenden Handels- und Bankbetriebe verblieben. Die fortschreitenden Veränderungen in den Produktionsbedingungen, sowie das Bestreben der Bürger den Adel in bestimmten Lebensbereichen nachzuahmen, verstärkten diese Distanzierungsprozesse (vgl.: Nave- Herz in Menne u.a.(Hrsg.), 1997, S.32-33).

Die Voraussetzungen für den Beginn einer Emotionalisierung und Intimisierung der Familienstruktur waren somit geschaffen. Nach Luhmann kam nun der Familie die Funktion der emotionalen Bedürfnisbefriedigung der Mitglieder zu

(vgl.: Nave- Herz in Menne u.a. (Hrsg.),1997, S.33). Dies wurde zunehmend zu einer Hauptaufgabe der Ehefrau.

Heute, in unserer hochkomplexen, sehr differenzierten, spezialisierten und zweckorientierten Gesellschaft erheben die Eltern einen Exklusivanspruch auf die emotionale Beziehung zu ihrem Kind (vgl.: Nave- Herz in Menne u.a. (Hrsg.), 1997, S.35). Die Großfamilie hat sich im Laufe der Zeit weitesgehend zu einer Kleinfamilie (Kernfamilie) reduziert. Viele Kinder wachsen in den ersten Lebensjahren in einer engen Beziehung nur zu den Eltern auf. Durch das Fehlen von Geschwistern sind die Kinder mehr den je auf die Eltern fixiert (vgl.: Eichler in Nave Herz, 1994, S. 26) Das Geschwister- Subsystem, das ein Gegengewicht zum Elternsystem darstellte, hat an Bedeutung verloren (vgl.: Nave- Herz in Menne u.a.(Hrsg.), 1997, S. 34).

Die "Value- of- Children- Studies" hat gezeigt, dass die sinkende Kinderzahl in den Familien mit einem Funktionswandel von Kindern in der Familie zusammenhängt (vgl.: Nauck, Buhr, Kaufmann in Nave- Herz, 1994, S.22).

Man hat festgestellt: "Je höher der technische Industrialisierungsgrad eines Landes ist, desto stärker werden mit Kindern allein immaterielle Werte verbunden, wie die Befriedigung emotionaler Bedürfnisse, z.B. die von Kleinkindern ausgehende expressive Stimulation; die Freude, sie aufwachsen zu sehen; das Zärtlichsein mit ihnen wird geschätzt u.a.m., und dazu reichen weniger Kinder aus." (zit.: Nave- Herz, 1994, S.22).

Desweiteren erbringen Mütter heute mehr Leistungen als früher bei der Betreuung ihres Kindes auf. Unter Leistung wird ein größerer zeitlicher Umfang bei der Kinderbetreuung, höhere ökonomische Aufwendungen und eine stärkere Intensität der Beziehung verstanden (vgl.: Schumacher in Nave- Herz, 1994, S.25).

Dabei wirken sich die vorherrschenden Beziehungen in der Kernfamilie wie z. B. eine starke affektiv- emotionale Eltern- Kind- Beziehung " direkt auf die psychische und somatische Gesundheit der Familienmitglieder aus"(vgl.:Nave- Herz in Menne u.a.(Hrsg.), 1997, S.34). Einerseits ist diese starke emotionale Bindung der Eltern an das Kind eine wichtige Stütze beim Heranwachsen andererseits kann diese Beziehungsform im Falle einer Trennung / Scheidung der Eltern zum "Fallstrick" für das Kind werden (vgl.:Nave- Herz in Menne u.a.(Hrsg.), 1997, S. 35).

Eine Lockerung der emotionalen Eltern- Kind- Beziehung verursacht z. B. durch Trennung/ Scheidung, kann für die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes negative Folgen haben, muss es aber nicht. Ebenso können lang andauernde elterliche Konflikte vor einer Trennung/ Scheidung psychische Störungen beim Kind verursachen.

Gerade dann, wenn es zu beiden Eltern eine hohe affektiv- emotionale Beziehung aufgebaut hat.

Historisch gesehen steht fest, dass die Eltern, noch nie so stark wie heute, die einzigen Hauptträger der Erziehung und die hauptsächlichsten Bezugspersonen des Kindes sein wollten und auch waren (vgl.: Nave- Herz, 1994, S. 103-104).

2.2 Trennung und Scheidung im Erleben der Kinder

Die moderne Scheidungsforschung hat inzwischen Erkenntnisse über die Bedingungen erhalten, die wesentlich auf das kindliche Erleben und Verhalten einwirken und so die Trennungs- und Scheidungsbewältigung von Kindern beeinflussen.

Nach Felner und Terre gibt es fünf Hauptbereiche, die eine psychologische Relevanz für die kindliche Entwicklung bei Trennung- und Scheidung haben:

- die Eltern- Kind- Interaktion
- Interaktionen zwischen den Eltern
- Psychische Befindlichkeit der Eltern
- Grad der häuslichen Stabilität und Organisation im täglichen Leben
- Veränderung von Lebens(umwelt)bedingungen (vgl.: Felner, Terre in Kardas, Langenmayr,1996, S.132).

Desweiteren wirken ontogenetische Faktoren wie Alter, Geschlecht und Konstitution des Kindes und temporale Faktoren wie die Dauer der elterlichen Konfliktsituation in der Ambivalenzphase oder der Zeitraum, der zwischen der Trennung und der Scheidung vergeht auf das Erleben und das Verhalten des Kindes ein (vgl.: Kardas, Langenmayr, 1996, S. 132).

Schon lange Zeit vor der elterlichen Trennung erleben viele Kinder offene und verdeckte Konflikte der Eltern mit. Sie hören ihre Eltern streiten und können körperliche Auseinandersetzungen dieser miterleben. Bei den Kindern wird dadurch Angst, Hilflosigkeit, Ohnmacht oder auch Wut ausgelöst. Einige versuchen dann zwischen den Eltern zu vermitteln, andere ziehen sich zurück (vgl.: Jaede u.a., 1996, S.3).

Haben sich die Eltern schließlich zu einer Trennung entschieden, dann muss auch das Kind informiert werden. Dies fällt vielen Eltern nicht leicht. Sie verspüren oft schwere Schuldgefühle und hoffen, dass die Mitteilung dem Kind nicht all zu viele Schmerzen bereiten wird. Durch diesen Irrglauben werden bei den Eltern Mechanismen der Verleugnung, des Wegschiebens und des Verdrängens in Gang gesetzt.

Den Kindern geht es ähnlich, auch sie wollen sich mit der plötzlichen und starken Veränderung ihrer Lebenssituation nicht auseinandersetzen.

Dies kann Störungen in der kindlichen Entwicklung auslösen, denn nur offenbarter Schmerz kann bewältigt werden (vgl.: Figdor, 1998,S.20).

Erfahren die Kinder von der Trennung/ Scheidung, dann entsteht bei ihnen Angst, den Vater oder die Mutter, für eine gewisse Zeit oder für immer zu verlieren. Erklärungen der Eltern wie "wir haben uns nicht mehr lieb" oder "wir streiten uns zu oft" lösen bei ihnen große Ängste aus, denn einigermaßen glückliche Kinder glauben noch an die Ewigkeit der Liebe. Diese Illusion wird bei ihnen zerstört, weil auch sie oft mit Mama und Papa streiten. Befürchtungen, dass auch sie irgendwann nicht mehr von den Eltern geliebt werden und alleine zurückzubleiben entstehen (vgl.: Figdor,1998, S.21-22).

In dieser Zeit sind die Eltern sehr mit ihren eigenen Problemen beschäftigt. Besonders jüngere Kinder fühlen sich durch die geringe erzieherische Präsenz und Kompetenz der Eltern bedroht.

Ihnen fehlen stabile Alltagsstrukturen, Kontinuität im Tagesablauf und verlässliche Ansprechpartner (vgl.:Jaede,1996, S.3).

Mit dem Familiendiagnostischen Testsystem (Family Relations Tests) wurde bei 6-11 jährigen Kindern ihre Sicht der familiären Beziehung erfasst.

Dabei erleben die Kinder ihre Mütter während der Trennungszeit als große Unterstützung, wobei Kinder den gleichgeschlechtlichen Elternteil bevorzugen. Gleiches trifft auch bei den Eltern zu.

Meistens ist es der Vater, der die gemeinsame Wohnung verlässt. Er steht den Kinder nicht mehr ohne Weiteres zur Verfügung. Sein Weggehen erzeugt negative Gefühle, die sie unterdrücken. Mädchen bringen dem Vater stärkere ablehnende Gefühle als Jungen entgegen. Kinder solidarisieren sich auch eher mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil bezüglich entstehender Loyalitätskonklikte. Durch die Loyalitätskonflikte fühlen sich insbesondere jüngere Kinder überfordert (vgl.: Schmidt- Denter, Beelmann, 1995 in Schmidt- Denter, 1997(a), S.57.).

Ein großer Teil der Kinder gibt sich die Schuld an der Trennung/ Scheidung der Eltern. Dabei fühlen sich Kinder um so schuldiger, je jünger sie sind (vgl.: Figdor, 1998, S.23).

Eine weitere Besonderheit im kindlichen Erleben ist, dass sie länger und fester als Erwachsene an den Fortbestand der alten Kernfamilie glauben und festhalten, denn der Trennungswunsch geht hauptsächlich von den Ehepartnern aus und eher selten von den Kindern. Trennungsbedingte Systemveränderungen nehmen Kinder nicht so schnell wahr. Das Bezugssystem Mutter, Vater und Geschwister wird als unverändert wahrgenommen, sie erleben weiterhin einen familiären Zusammenhalt. Die Stabilität der Familie wird weit aus höher eingeschätzt als ihr Wandel. So kann es sein, dass Eltern bereits neue Partnerschaften eingegangen sind und diese neuen Partner zu den Familienangehörigen zählen. Im Gegensatz dazu entwickelt sich bei den Kindern eine Akzeptanz des neuen Partners nur sehr zögernd (vgl.: Schmidt- Denter,1997(a), S.58).

Eine neue Partnerschaft, die Wiederverheiratung oder die Geburt neuer Stiefgeschwister können das Kind in erneute Krisen stürzen. Gegenüber dem neuen Partner kann es Eifersucht verspüren und Verlustangst bezüglich des bei ihm verbleibenden Elternteil erleben. Die Trennung wird so als unumstößlicher wahrgenommen.

Für das Kind wird die Trauerarbeit bezüglich des weggegangenen Elternteils erschwert, wenn der neue Partner diesen ersetzen soll (vgl.: Jaede, 1996, S.3).

Andere familiäre Subsysteme wie Geschwisterbeziehungen und Großeltern gewinnen jetzt an Bedeutung, z. B. stellt die Geschwisterbeziehung eine Stützfunktion während der elterlichen Trennung und Scheidung dar, d. h. das Kind hat einen Gesprächspartner und ist nicht alleine. Ein Stück familiärer Kontinuität bleibt so für beide Geschwister erhalten (vgl.: Schmidt- Denter, 1997(a)., S.57).

2.3 Modelle der Ehescheidung

Nach einer Ehescheidung muß das Eltern- Kind- Verhältnis neu gestaltet werden. Eine Neugestaltung des Eltern- Kind- Verhältnis ist von dem jeweiligen vorherrschendem Verständnis von Ehescheidung abhängig. Zur Zeit bestehen drei Modelle: Desorganisationsmodell, Reorganisationsmodell und Transitionsmodell (vgl.: Fthenakis in LBS- Initiative Junge Familie (Hrsg.), 1996, S.83)

2.3.1 Desorganisationsmodell

Das Desorganisationsmodell geht von der Grundannahme aus, dass sich das Familiensystem durch eine Ehescheidung auflöst. Im Laufe der Zeit haben sich die Vorstellungen der Familienmitglieder unterschiedlich entwickelt, so dass sie keine gemeinsamen Ziele mehr finden können (vgl.: Fthenakis in LBS- Initiative Junge Familie (Hrsg.), 1996, S.84). Die Scheidung stellt einen Endpunkt in der familiären Entwicklung dar (vgl.: Lempp in LBS- Initiative Junge Familie (Hrsg.), 1996, S. 84).

Die ursprüngliche Kernfamilie löst sich auf, zurück bleibt eine "Restfamilie" bestehend aus dem sorgeberechtigten Elternteil und den Kindern (vgl.: König in Lohrentz, 1999,S.49).

Diese "Nachscheidungsfamilie" gleicht in ihrer familiären Organisation der Kernfamilie. Sie bildet den sicherheitsstiftenden Lebensrahmen und ist nach Thery Ausdruck für die Restabilisierung der Lebenssituation.

Durch die Scheidung ausgelöst findet auch eine Neudefinition der Beziehung zwischen dem nichtsorgeberechtigten Elternteil und dem Kind statt (vgl.: Thery in Lohrentz, 1999, S.49). In der Regel erhält der nichtsorgeberechtigte Elternteil nur ein Umgangsrecht. Somit hat er keine unmittelbare Verantwortung mehr für das Kind.

Studien, die sich mit den Folgen solcher Umgangsmodelle befaßt haben, fanden heraus, dass es in der Nachscheidungsphase zu einer Reduktion der Kontakte zwischen dem nichtsorgeberechtigten Elternteil und dem Kind kommt

(vgl.: Fthenakis in LBS- Initiative Junge Familie (Hrsg.), 1996, S.84).

Die Jugendhilfe soll nach diesem Modell bei einer problemfreien Auflösung der ehemaligen Familie helfen und die Restfamilie in ihrer Neubegründung unterstützen.

D. h., sie soll die Scheidungsfolgen für die Kinder so gering wie möglich halten und ihnen bei einer Wiedereingliederung in die Restfamilie helfen.

Das Desorganisationsmodell schließt den nichtsorgeberechtigten Elternteil, aufgrund des Kontinuitätsprinzips, aus (vgl.: Lohrentz, 1999, S. 49-50).

D. h., dass für das Kind der Übergang zu einer unvollständigen Familie mit nur einem Elternteil dann am wenigsten schädlich ist, wenn die Bindung zu diesem möglichst wenig beeinträchtigt wird (vgl.: Beschlußempfehlung und Bericht des Rechtsausschusses zum SorgRG in Lohrentz, 1999, S.50).

"Das Desorganisationsmodell lag- seiner Aussage nach- der Regelung zum Sorgerechtsverfahren bei Ehescheidung nach §1671 BGB in der Fassung des 1. SorgeRG vom 1.1.1980 zugrunde " (zit.:Beschlußempfehlung und Bericht des Rechtsausschusses zum SorgeRG in Lohrentz, 1999, S.50).

Diese ausschließliche alleinige Sorgerechtszuweisung verstieß gegen den

Artikel 6Abs.2 Nr.1GG und wurde deshalb vom Bundesverfassungsgericht für nichtig erklärt (vgl.: Lohrentz, 1999, S.50). Mit der Einführung des neuen Kindschaftsrechtes 1998 wurde der §1671 BGB verändert.

Nach der Kindschaftsrechtsreform heißt es in §1671 Abs.1 BGB:

"Leben Eltern, denen die elterliche Sorge gemeinsam zusteht, nicht nur vorübergehend getrennt, so kann jeder Elternteil beantragen, dass ihm das Familiengericht die elterliche Sorge oder einen Teil der elterlichen Sorge überläßt."

(zit.: Schwab, Wagenitz, 1998, S.157).

Heute können die geschiedenen Eltern einen Antrag beim Familiengericht auf die alleinige elterliche Sorge stellen. Ansonsten besteht auch nach einer Trennung/ Scheidung das gemeinsame Sorgerecht weiter.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die Grenzen des Desorganisationsmodells in der Rechtsprechung und in der Beratungspraxis sehr früh erkannt wurden.

Dieses Modell vernachlässigt in seinem Konzept, dass auch nach einer Trennung/ Scheidung der Kontakt des Kindes zu beiden Eltern sehr wichtig ist.

Zur Entwicklung eines neuen Verständnisses von Trennung und Scheidung trugen in den 70er und 80er Jahren vor allem empirische Arbeiten wie Ahrons, 1981 und Hetherington, Cox, Cox, 1982,1985 usw. bei (vgl.: Fthenakis, Niesel, Griebel. in Menne u.a.(Hrsg.),1997, S.261).

Seitdem wird Ehescheidung, nicht mehr als ein punktuelles Ereignis im Leben einer Familie betrachtet, sondern als ein prozesshaften Geschehen, welches schon lange vor einer Scheidung beginnt und sich danach weiter fortsetzt (vgl.: Fthenakis in LBS- Initiative Junge Familie (Hrsg.),1996, S. 86).

2.3.2 Reorganisationsmodell

Nach dem Reorganisationsmodell löst sich die Kernfamilie, wie bisher angenommen, nicht auf. Sie bleibt in veränderter Form als eine "Zwei- Kern- Familie" bestehen.

Die Trennung/ Scheidung stellt somit einen Übergang von der Kernfamilie zu einer reorganisierten "bipolaren" Familieneinheit dar. D.h. das Kind lebt weiterhin in einem Familiensystem, dieses System besteht aus einem mütterlich organisierten Haushalt und einem väterlich organisierten Haushalt (vgl.: Thery in Lohrentz, 1999).

Die Reorganisation der Familie bedeutet für alle Mitglieder eine grundlegende Umgestaltung der familiären Lebensverhältnisse wie: Rollen der Mitglieder, Gestaltung der Freizeit, Aufgabenteilung, Umgestaltung der Beziehungen der Familienmitglieder untereinander und die Umgestaltung der Beziehungen im sozialen Netz (vgl.: Napp- Peters, Thery in Lohrentz,1999, S.53).

Die familiale Übergangsphase wird als ein kritisches Lebensereignis angesehen, deren Bewältigung gelingen, aber auch mißlingen kann.

Die gewählte Bewältigungsform der Betroffenen sagt einiges über die Qualität der Bewältigung und die weitere Entwicklung der Familie aus (vgl.: Fillip in Fthenakis, . Kunze (Hrsg.),1992, S.16).

Die Bewältigung hängt von unterschiedlichen Faktoren ab:

- individuelle Kompetenzen der Familienmitglieder
- von der Beziehung der Partner vor dem Übergang
- von den bestehenden sozialen Netzwerken
- und von der Unterstützung die, die Betroffenen von Außenstehenden erhalten

Eine gelungene Reorganisation des familialen Systems beeinflußt den weiteren Verlauf auf allen anderen Ebenen positiv und eine nicht gelungene Reorganisation beeinflußt den weiteren Verlauf auf allen Ebenen negativ. Der familiale Übergang, der durch eine Trennung/ Scheidung ausgelöst wird, beinhaltet für die Familienmitglieder nicht nur Verluste und Einschränkungen, sondern auch Chancen (vgl.: Fthenakis, Griebel, Kunze, Niesel, Oberndorfer in Fthenakis, Kunze (Hrsg.), 1992, S. 16- 17).

Nach dem Reorganisationsmodell bleibt die elterliche Verantwortung für das Kind weiterhin bestehen. Sie wird auch nach der Scheidung von beiden Eltern wahrgenommen (vgl.: Fthenakis in LBS- Initiative Junge Familie (Hrsg.), 1996, S.86). Stütz- und Hilfesysteme wie Verwandtschaft, Nachbarschaft und Gleichaltrigen- Gruppen sollen dem Kind erhalten bleiben.

Mit dem Inkrafttreten des Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG) am 1.1.1991 veränderten sich die staatlichen Interventionen im Bereich Trennung und Scheidung.

Zuvor lag der Schwerpunkt auf einer gerichtlichen Regelung der elterlichen Sorge und des Umgangsrechts. Mittlerweile liegt er auf einer außergerichtlichen Beratung durch die Jugendhilfe (vgl.: Fthenakis in Lohrentz, 1999, S.54).

Durch die §§17, 18 KJHG hat der Gesetzgeber auf der Grundlage dieses Modells ein jugendhilferechtliches Hilfeangebot geschaffen.

Zu den Leistungen der Jugendhilfe gehören bei Trennung/ Scheidung die Stabilisierung der familiären Krise, sowie der Versuch das Familiennetz zu erhalten (vgl.: Hinz, Balloff in Lohrentz, 1999, S.55).

2.3.3 Transitionsmodell

Das nach dem Transitionsmodell entwickelte Verständnis von Ehescheidung geht über das Verständnis des Reorganisationsmodell hinaus. Auch hier wird von einer Übergangsphase im Familienentwicklungsprozess, die als Transition bezeichnet wird, gesprochen. Wie zuvor beschrieben findet eine Reorganisation innerhalb des gesamten Familiensystem und auf der individuellen Ebene der Mitglieder statt.

Unter dem Aspekt der Transition wird Trennung/ Scheidung als eine Phase der beschleunigten Entwicklung und Veränderung gesehen. Frühere Phasen der Familienentwicklung haben auf die Scheidungsbewältigung einen Einfluss (vgl.: Fthenakis in LBS- Initiative Junge Familie (Hrsg.), 1996, S. 88).

Hier wird eine Diskontinuität zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart wahrgenommen, d. h. dass durch das Scheidungsgeschehen alle beteiligten Personen Dinge erfahren und wahrnehmen, die sie vor der Scheidung in dieser Form nicht erfahren haben. Dies löst, wie von Erikson beschrieben, einen emotionalen Aufruhr in jeder Person aus (vgl.: Das Modell von Cowan (1991) in Fthenakis, 1994, S.21). Dieser emotionale Aufruhr begleitet den Versuch die jetzt neu und zweifelhaft entstandenen Lebensaufgaben zu bewältigen, denn wenn alte Verhaltensmuster und Einstellungen an Gültigkeit und Funktion verlieren, entsteht bei den betroffenen Menschen Unsicherheit. Somit können Spannungen, Ängste und Depressionen auftreten.

Von einer Scheidung betroffene Personen müssen ihren psychologischen Lebensraum neu organisieren und ein Gleichgewicht der Selbst und Umweltwahrnehmung wieder herstellen. Vor allem das Selbstwertgefühl bedarf einer Reorganisation, da einige sich als Opfer des Partners oder Verlierer in einem familienrechtlichen Verfahren sehen können (vgl.: Fthenakis, 1994, S. 21-23).

Durch das erweiterte Verständnis, von Ehescheidung, läßt sich die Frage nach den konkreten Veränderungen auf der individuellen und familiären Ebene beantworten.

Somit erhält die Eltern- Kind- Beziehung in der Nachscheidungsphase eine zentrale Bedeutung.

Studien, die auf dem Hintergrund des Transitionsmodells durchgeführt wurden, zeigen, dass der nichtsorgeberechtigte oder außerhalb lebende Elternteil eine gleichwertige Position wie der sorgeberechtigte Elternteil bei der kindlichen Entwicklung einnimmt. Die Art der Behandlung des nichtsorgeberechtigten Elternteils bestimmt mit, inwieweit er dazu bereit ist Verantwortung für das Kind zu übernehmen.

Die Rechtsordnung ist nur begrenzt in der Lage eine qualitativ gute Beziehung des Kindes zu beiden Eltern zu gewährleisten.

Somit wird die Notwendigkeit einer interdisziplinären Kooperation unterschiedlicher Fachkräfte und Institutionen deutlich (vgl.: Fthenakis in LBS- Initiative Junge Familie (Hrsg.), 1996, S.88-89).

Gleichzeitig kristalliert sich, dass es Familien geben kann, die größere Schwierigkeiten als andere bei einer Bewältigung übergangsbedingter Veränderungen haben. Deshalb ist eine Identifizierung von Risiko- und Protektivfaktoren wichtig. Präventive Interventionen lassen sich ebenfalls durch dieses Modell begründen. Durch diese Sichtweise verringert sich auch die Diskriminierung der Scheidungsfamilie (vgl.: Fthenakis, 1994, S.28-30).

2.4 Zusammenfassung

Der geschichtliche Rückblick zeigt, wie sich durch eine Veränderung der äußeren Lebensumstände auch die emotionale Eltern - Kind - Beziehung verändert hat. Dieser Prozess der Emotionalisierung und Intimisierung der Familienstruktur hält bis heute an.

Heute besitzen die Eltern einen Exklusivanspruch in Bezug auf die emotionale Beziehung zu ihrem Kind. Einerseits ist die intensive Eltern- Kind- Beziehung eine wichtige Stütze für das Heranwachsen. Andererseits entstehen so, bei einer Trennung/ Scheidung, Probleme für das Kind.

Es hat dann kaum Ausweichmöglichkeiten bezüglich anderer intensiver emotionaler Beziehungen. Den wie bereits beschrieben wird diese starke affektiv- emotionale

Eltern- Kind- Beziehung von allen Gesellschaftsmitgliedern akzeptiert.

Kinder erleben eine Scheidung sehr unterschiedlich. Das Scheidungserleben hängt von vielen Faktoren ab, wie z. B ontogenetische und temporale Faktoren des Kindes. Desweiteren hat z. B. die bestehende Eltern- Kind- Interaktion auch einen Einfluss auf das kindliche Erleben.

Nach der Trennung/ Scheidung muss die Eltern- Kind- Konstellation neu gestaltet werden. Die Neugestaltung hängt vom jeweilig herrschenden Verständnis von Ehescheidung ab.

Die zur Zeit diskutieren Modelle werden nochmals kurz beschrieben:

- das Desorganisationsmodell, welches Ehescheidung als einen Endpunkt in der familiären Entwicklung ansieht. Hier werden äußere Merkmale einer Familie betont und psychologische Faktoren wie Zusammengehörigkeitsgefühl vs. Abgrenzung vernachlässigt. Ehescheidung wird als ein persönliches Scheitern aufgefaßt (vgl.: Fthenaki,1994, S.6).
- das Reorganisationsmodell; Scheidung stellt hier ein komplexes prozesshaftes geschehen dar. Vor, während und nach der Scheidung werden an die Eltern und Kinder vielfältige Anforderungen gestellt (vgl.: Fthenakis, 1991 a; Fthenakis, Kunze, 1992 in Menne u.a. ( Hrsg.), 1997, S.262). Das Familiensystem löst sich nicht auf, es besteht in reorganisierter Form weiter fort. Ehescheidung ist danach eine mögliche Form der Entwicklung, die eine Familie nehmen kann
(vgl.: Fthenakis, Niesel, Griebel in Menne u.a. (Hrsg.), 1997, S.262).
- das Transitionsmodell; Hier wird Scheidung als ein Übergang (Transition) im Familienentwicklungsprozess verstanden. Dabei geht das Verständnis dieses Modells von Scheidung über das des Reorganisationsmodells hinaus, so dass die Fragen nach den konkreten Veränderungen auf der individuellen und familiären Ebene beantwortet werden können. An zentraler Bedeutung gewinnt hier, die Qualität der Eltern- Kind - Beziehung zu beiden Eltern nach der Scheidung.

Im weiteren Verlauf des Textes werden nun die Reaktionen der Kinder auf die elterliche Trennung/ Scheidung beschrieben.

3. Reaktionen der Kinder auf Trennung/ Scheidung und daraus resultierende Folgen

3.1 Alters- und entwicklungsspezifische Reaktionen

Kinder nehmen aufgrund ihres allgemeinen und sozial kognitiven Entwicklungsstandes zwischenmenschliche Beziehungen anders als Erwachsene wahr (vgl.: Jaede u.a., 1996, S. 6). Im folgenden werden die Reaktionen der Kinder, gemäß ihres erreichten Alters und entsprechend ihrer erreichten Entwicklungsebene beschrieben.

3.1.1 Geburt bis dritte Lebensjahr

Eine kognitive Erfassung des Scheidungsereignisses ist vom Zeitpunkt der Geburt bis zum dritten Lebensjahr noch nicht möglich. Nach Piaget befindet sich das Kind im Stadium des symbolischen und vorbegrifflichen Denkens (vgl.: Fthenakis in LBS- Initiative Junge Familie (Hrsg.), 1996).

In dieser Zeit ist die Beziehung zu den Eltern sehr wichtig, denn erst dadurch ist das Kind in der Lage, seine physische Eigenständigkeit getrennt von der Umwelt wahrzunehmen. Durch eigenes Tun erlebt es einen Verlust von Nähe und Geborgenheit zu den Eltern. Dabei entstehen Ängste und Verlassenheitsgefühle. Normalerweise reagieren die Eltern hierauf mit liebevoller Zuwendung.

So erhält es die notwendige Sicherheit, um weiterhin eigenständig aktiv zu sein.

Verändert sich die Eltern- Kind- Beziehung durch den Fortgang eines Elternteils, dann wird dem Kind die Basis für eine sichere Hinwendung zur Umwelt entzogen.

Es versucht diese Basis wieder herzustellen, indem es sich an den verbleibenden Elternteil klammert (vgl.: Oberndorfer in LBS- Initiative Junge Familie (Hrsg.), 1996, S.37-38).

In der akuten Scheidungsphase nimmt die Zuwendung und Fürsorge der Mutter ab, da diese mit ihren eigenen Problemen beschäftigt ist. Das Kind spürt ihren Kummer und ihre Niedergeschlagenheit. Alpträume, Nachtangst und nächtliches Schreien des Kindes sollen der Mutter verdeutlichen wie wichtig ihre Anwesenheit ist.

Scheidungsbedingte Reaktionen können unter anderem in den Bereichen,

- Essen z. B. Abweisen zuvor geliebter Speisen
- Motorik z.B. Aufgabe von gehen oder stehen
- Sprache z.B. zeigen statt des Versuches zu sprechen
- Sauberkeitserziehung z.B. nächtliches Einnässen
- emotionale Entwicklung z.B. emotionale Labilität auftreten (vgl.: Fthenakis in LBS- Initiative Junge Familie (Hrsg.), 1996).

Die gezeigten Verhaltensänderungen sind zunächst noch normal, denn dadurch versucht das Kind sein momentanes Befinden auszudrücken.

Reagieren die Erwachsenen nicht angemessen auf diese Signale, dann kann das Kind sehr schnell resignieren (vgl.: Oberndorf in LBS- Initiative Junge Familie (Hrsg.),1996, S.38).

3.1.2 Vorschulalter

In diesem Alter ist das zeitliche Vorstellungsvermögen des Kindes, was die Zukunft und die Vergangenheit betrifft, noch wenig ausgeprägt. Übergänge zwischen Imagination und Wirklichkeit sind fließend. Sie besitzen nur eine eingeschränkte Fähigkeit sich in andere hineinzuversetzen und Dinge aus einer anderen Perspektive zu betrachten (vgl.: Jaede, 1996, S.6-7).

Desweiteren haben sie ein egozentrisches Weltbild, d.h. sie sehen sich als den Mittelpunkt der Welt und als den Verursacher von Ereignissen an.

Informieren die Eltern ihre Kinder nicht ausreichend über die Gründe der Trennung/ Scheidung, dann suchen sie die Schuld bei sich. Z. B. überlegen sie, ob sie nicht lieb genug waren, was zu starken Schuldgefühlen führen kann (vgl. Jaede, 1996, S.6).

Die Anzahl der Kinder, die sich die Schuld an einer Ehescheidung zuschreiben, variiert je nach Alter und liegt zwischen 30% und 50% (vgl.: Leahy, a.a.O.; Wallerstein, Kelly, a.a.O. in Figdor, 02.1997, S.61).

Das Vorschulkind ist sich bewußt, dass es physisch getrennt von den Eltern lebt.

Es weiß aber auch, dass es existentiell von ihnen abhängig ist. Ängste, die es aufgrund einer elterlichen Trennung/ Scheidung erlebt, beziehen sich auf die Fragen "Wer spielt mit mir und kocht mir mein Essen“? "Wer bringt mich in den Kindergarten“? Den die Beziehungen des Kindes entwickeln sich über konkretes miteinander tun. Der Weggang eines Elternteils wird als besonders schmerzlich empfunden, als eine Art Liebesentzug.

Durch anfängliches Wohlverhalten will das Kind erreichen, dass die Eltern zu streiten aufhören und dass der weggegangene Elternteil wieder zurückkommt.

In der Regel scheitern seine Bemühungen, so dass es mit Enttäuschung, Wut und Aggression reagiert. Verläßt ein Elternteil die Familie, so zieht das Kind die logische Konsequenz, dass auch der andere Elternteil verschwinden kann.

Es hat große Angst vor dem Verlassen werden, so das es sich, z. B. weigern kann in den Kindergarten zu gehen, weil es befürchtet nicht mehr abgeholt zu werden (vgl.: Oberdorfer in LBS- Initiative Junge Familie (Hrsg.), 1996, S.39-40).

Andere Kinder versuchen durch besitzergreifendes Verhalten oder allzugroße Ordnungsliebe am Verlorenen festzuhalten.

Reagieren die Eltern auf diese Verhaltensänderung Angst reduzierend, dann normalisiert sich das kindliche Verhalten sehr schnell wieder. Hier hängt sehr viel von der psychischen Stabilität der Eltern ab, denn ihre Gefühle und Unsicherheiten übertragen sich auf das Kind.

Zusammenfassend läßt sich sagen, dass das Kind Informationen über die Gründe der Trennung, das Verbleiben des nicht mehr anwesenden Elternteils, Informationen über die Zukunft und Kontinuität im Tagesablauf benötigt (vgl.: Jaede,1996, S.6,7).

3.1.3 Grundschulkinder

Grundschulkinder merken, dass sie nicht nur physisch sondern auch in ihrem psychischen Befinden unabhängig von ihren Eltern sind.

Sie erfahren, dass ihre Eltern in gleichen Situationen andere Empfindungen als sie haben können (vgl.: Oberndorfer in LBS- Initiative Junge Familie (Hrsg.), 1996, S. 44).

Erst jetzt entwickelt sich beim Kind der Zeitbegriff und das moralische Urteilsvermögen. Zum ersten Mal setzt sich das Kind mit dem Tod und dem Sterben auseinander. Ihm wird bewußt, dass das Leben, aber auch die Beziehung zu den Eltern nur von begrenzter Dauer ist. Grundschulkinder reagieren sehr sensibel auf eine Trennung/ Scheidung (vgl.: Jaede, 1996, S.7).

Die Auflösung der Familie wird als eine existentielle Bedrohung angesehen.

Das Kind kann in einen Loyalitätskonflikt geraten. Denn gerade Grundschulkinder fühlen sich verpflichtet Partei für einen Elternteil zu ergreifen, so dass es häufig zu einer Solidarisierung mit dem Schwächeren kommt.

Die Solidarisierung mit einem Elternteil ist eine Möglichkeit, die das Kind anwendet um den Loyalitätskonflikt in dem es sich befindet, zu beenden. Weitere Lösungsmöglichkeiten können Rückzug und Überangepaßtheit sein.

Desweiteren verspürt es Ärger und Wut dem Elternteil gegenüber, der es im Stich gelassen hat. Die Gefühle des Kindes können sich in rechthaberischen und streitsüchtigem Verhalten zeigen.

In solch einer Situation ist es wichtig, die Beziehung des Kindes zu beiden Eltern zu stabilisieren.

Da sich seine Wünsche bezüglich der elterlichen Versöhnung nicht erfüllen, kann es mit Verleugnung, Trauer und Depression reagieren.

Trotz Trennung sollten die Eltern sich gegenseitig akzeptieren und das Kind bestärken sich mit ihnen zu identifizieren. Nur so erhält es die Möglichkeit ein positives Selbstbild von sich aufzubauen.

Das Kind ist hier auf regelmäßige Besuche des nicht mehr anwesenden Elternteils angewiesen (vgl.: Jaede, 1996, S.7).

3.1.4 Vorpubertät und Pubertät

In der Vorpubertät und Pubertät können jugendliche Kinder, durch ihre wachsende Fähigkeit zum abstrakten Denken, größere Zusammenhänge verstehen (vgl.: Jaede, 1996, S.7).

Sie können die eigene Perspektive und die der anderer gleichzeitig erfassen und miteinander koordinieren, ebenso können sie Situationen aus der Sicht eines Dritten betrachten und beurteilen. Die Kinder sind in der Lage über sich selbst nachzudenken und fähig eigene Lösungen für ihre Probleme zu finden. Der Umgang mit und das erkennen eigener Gefühlen gelingt ihnen, doch die Integration von Widersprüchlichen Gefühlen bereitet ihnen noch Schwierigkeiten.

In der Vorpubertät erleben sie die Trennung/ Scheidung als sehr schmerzhaft. Denn bei ihrem Ablösungsprozeß von den Eltern benötigen sie deren Rückhalt und Unterstützung. Da die Eltern sehr mit ihren eigenen Problemen beschäftigt sind, werten die Kinder ihre Abwesenheit und ihren Rückzug als Desinteresse und Mißachtung an ihrer Person (vgl.: Jaede, 1996, S.7-8).

Desweiteren suchen viele Eltern bei ihren jugendlichen Kindern Hilfe und Trost, dies kann die Entwicklung der kindlichen Persönlichkeit unterbrechen (vgl.: Oberndorfer in LBS- Initiative Junge Familie (Hrsg.), 1996, S.44). Wird die Persönlichkeitsentwicklung für einen längeren Zeitraum gestört, dann kann dies zu Identitätsproblemen führen.

Jugendliche Kinder schämen sich bezüglich der Trennung/ Scheidung und fühlen sich anderen gegenüber stigmatisiert.

Zu einer Solidarisierung mit Gleichaltrigen kann es kommen, wenn man ihnen verdeutlicht, dass auch andere Familien von einer Scheidung betroffen sind

In der Vorpubertät besteht ein Bedürfnis nach familiärer Beziehung. Dagegen gewinnt in der Pubertät der gegenseitige Austausch von Gefühlen und Erfahrungen in der Gleichaltrigengruppe immer mehr an Bedeutung.

In der Pubertät steht der Wunsch nach familiärer Ablösung, die Entwicklung einer eigenen Zukunftsperspektive, der eigenen Individualität und der Sexualität im Vordergrund (vgl.: Jaede,1996, S.7-8). Auf die Trennung/ Scheidung können Jugendliche mit Wut, Zorn, Trauer und Schmerz reagieren. Diese Gefühle können sich mit dem Gefühl der Scham und des "Verlassen worden sein" verbinden. Eine plötzliche destruktive Ablösung vom Elternhaus, frühe sexuelle Aktivität und die Vermeidung einer Auseinandersetzung mit den Problemen der Gegenwart können weitere Reaktionen Jugendlicher sein. Desweiteren werden sie schon sehr früh dazu gezwungen, ihre Eltern nicht nur in der Eltern- Rolle, sondern auch in der Rolle als eigenständige Individuen mit eigenen Bedürfnissen zu sehen, was ihre momentane Lebenssituation nicht erleichtert (vgl.: Oberndorfer in LBS- Initiative Junge Familie (Hrsg.), 1996, S.44). Nach dem ersten Schock gelingt es vielen Jugendlichen die Trennungsursachen der Eltern einzuschätzen. Desweiteren können sie ihre eigene Stellung innerhalb des familialen Systems reflektieren. In der Trennungszeit ist es für sie sehr wichtig, dass sie Halt und Unterstützung durch beide Eltern erfahren (vgl.: Oberndorfer in LBS- Initiative Junge Familie (Hrsg.), 1996, S.45).

Zusammenfassend läßt sich sagen, dass Kinder auf jeder nächst höheren Entwicklungsstufe das Ereignis der Trennung und Scheidung neu bearbeiten.

Je größer ihre kognitive Kompetenz wird, desto bessere Bewältigungsstrategien können sie sich erarbeiten. Jedoch besteht auch die Gefahr, dass Fehlentwicklungen sich verstärken, wenn elterliche Konflikte weiterbestehen und die kindlichen Bedürfnisse nicht ausreichend wahrgenommen werden (vgl.: Fthenakis in LBS- Initiative Junge Familie (Hrsg.), 1996). Die kindlichen Reaktionen sind vorerst noch keine Entwicklungsstörungen, sondern sie sind altersentsprechende Bewältigungsversuche. Familien, in denen behinderte Kinder aufwachsen, haben ein viel höheres Scheidungsrisiko als andere. Dennoch ist die Forschung sich nicht im Klaren, in wie weit sich die Reaktionen behinderter Kinder, von denen nicht behinderter Kinder unterscheiden.

Zweifellos ist, dass physisch oder psychisch kranke Kinder mehr Zuwendung und Fürsorge benötigen als andere, doch waren sie bis jetzt nicht Gegenstand der Scheidungsforschung (vgl.: Oberndofer in LBS- Initiative Junge Familie (Hrsg.),1996, S.45-46).

3.2 Reaktionen in einzelnen Trennungs- und Scheidungsphasen

Scheidung stellt heute einen komplexen, ganzheitlichen Prozeß, der auf unterschiedlichen Ebenen und nicht zeitsynchron verläuft, dar (vgl.: Schneewind, Vierzigmann, Backmund in Oerter Montada (Hrsg.), 1998, S.1101).

Dabei läßt sich der Scheidungsprozeß in unterschiedliche Phasen einteilen (vgl.: Kaslow (1990) in Oerter Montada, 1998, S.1102). Die deutschen Phasenkonzepte wurden in Anlehnung an die amerikanische Scheidungsforschung entwickelt. In Bezug auf die amerikanische Literatur wären Framo 1980; Kresseler, Jaffee, Tuchman, Watson und Deutsch 1980 und Paul 1980 zu nennen (vgl.: Kardas und Langenmayr, 1996, S.47).

Die Scheidungsphasen sind durch spezifische Ereignisse und Belastungen der Eltern und Kinder gekennzeichnet. Im Vordergrund stehen die Anpassungsleistungen an die veränderte Lebenssituation und individuelle Reaktionen der Eltern und Kinder auf das Ereignis (vgl.: Jaede, 1996, S.11).

Rossiter stellt das phasenhafte Scheidungserleben der Menschen in Frage, indem sie einen Zusammenhang sucht zwischen der Vorstellung des phasenhaften Erlebens und einem Bedürfnis nach therapeutischer Intervention (vgl.: Rossiter, 1991 in Kardas, Langenmayr, 1996, S.47).

Anhand eines Verlaufsmodells der Streßbewältigung unterscheiden Auerbach, Stolberg 1987 und Lazarus 1991 vier Zeiträume der Trennungsbewältigung.

Zu diesen Zeiträumen zählen die Ambivalenzphase, Trennungsphase, Scheidungsphase und die Nachscheidungsphase, die im Folgenden Text näher beschrieben werden (vgl.: Jaede, 1996, S.11-12).

3.2.1 Ambivalenzphase

Diese Phase ist zeitlich nicht begrenzt, sie kann sich über mehrere Jahre hinziehen, wobei sich bestehende Ehekonflikte weiter verschärfen. Das familiäre Zusammenleben wird durch Mißtrauen, ständige Auseinandersetzungen und Angst vor der Trennung und den daraus resultierenden Folgen beeinträchtigt.

Durch die Unentschlossenheit der Eltern zum handeln, lebt das Kind in einer permanenten Verunsicherung, d.h., das es muß jederzeit damit rechnen von einem Elternteil verlassen zu werden (vgl.: Bauers in Menne u.a. (Hrsg.), 1996, S.43).

Angst, Ohnmacht und Unsicherheit sind mögliche Reaktionen des Kindes auf diese Lebenssituation. (vgl.: Jaede, 1996,S.11). Für Kinder beginnt, aus psychologischer Sicht, das Scheidungstrauma schon vor, aber spätestens mit der Ehekrise (vgl.: Figdor, 1997, S.60). Ein möglicher Ausgangspunkt ehelicher Konflikte kann die Geburt eines Kindes sein (vgl.:Figdor,1998,S.31).

Während der Ehekrise und auch später noch ist das Kind eine wichtige emotionale Stütze für die Eltern, auch wenn es für eine gemeinsame Lebensplanung dieser an Wert verloren hat. Im Konflikt der Eltern übernimmt es wichtige Funktionen. So kann ihm die Rolle des Bündnispartners bei einer Koalitionsbildung zukommen (vgl.: Göttinger Studie in Menne u.a. (Hrsg.), 1996, S.43). In der Regel schließt sich die Mutter mit dem Kind zusammen, wobei der Vater ausgeschlossen wird (vgl.: Bauers, Reich, Adam, 1986 in Menne u.a. (Hrsg.), 1996, S.43)

Desweiteren kann das Kind in der Rolle des Elternersatzes aktiv werden, z. B. betreut es die Geschwister oder übernimmt häusliche Pflichten. Als Vertrauens- und Geheimnisträger kann es zum Partnerersatz für ein Elternteil werden (vgl.: Göttinger Studie in Menne u.a. (Hrsg.), 1996, S.43).

Durch diese Rollenzuschreibungen soll es Wünschen und Ansprüchen gerecht werden, die sonst nur Erwachsene erfüllen.

Die Rollendelegation und die Einbeziehung des Kindes in den elterlichen Konflikt sind für Erwachsene spezifische Formen der Konfliktlösung (vgl.: Richter, 1996; Stierling, 1976 in Menne u.a. (Hrsg.), 1996, S.44).

Desweiteren reagieren Kinder sehr sensibel auf Stimmungsschwankungen der Eltern, d.h. sie merken sehr schnell, wann ein Elternteil unglücklich ist und leidet (vgl.: Wolchile, Sander, Bauer, Fogas, a.a.O. in Figdor, 1997, S.60).

Sie versuchen dann eine Vermittlerposition im Streit der Eltern einzunehmen.

Symptome, die die Kinder zeigen, dienen häufig dem Zweck, die Wiederversöhnung der Eltern herbeizuführen. Die gezeigten Verhaltensauffälligkeiten sollen sie von ihren eigenen Problemen ablenken. Andere Kinder versuchen z. B. durch besonders angepasstes, unproblematisches Verhalten, eine Versöhnung der Eltern, zu erreichen (vgl.: Bernhardt, a.a.O. in Figdor,1997, S.60).

Desweiteren sind die belastenden Beziehungserfahrungen der Kinder für ihre weitere intrapsychische Entwicklung von großer Bedeutung (vgl.: Bauers in Menne u.a. (Hrsg.), 1996, S.44). Zu nennen wäre hier das Phänomen der Triangulierung, d.h. die Herrausbildung der „Drei- Personen- Beziehung“. Die Entwicklung dieses Beziehungsdreiecks stellt für das Kind, aber auch für die Eltern eine Entlastungsfunktion dar. Dadurch kann es sich Fantasien, wie die Vorstellung, dass es die Mutter für einen begrenzten Zeitraum nicht mehr gibt, erlauben. Denn das Kind ist sich der Verfügbarkeit des Vaters bewußt. Anschließend kann es wieder zu einer normalen Beziehung zurückkehren. Steht die dritte Person nicht mehr zur Verfügung, dann wird die Ausweichmöglichkeit innerhalb des Beziehungsdreiecks empfindlich gestört. Eine Störung tritt auch dann ein, wenn für das Kind keine sichtbare Liebesbeziehung mehr zwischen den Eltern besteht. Leben Mutter und Kind alleine zusammen, dann sind beide mit ihrer ganzen Liebe, Enttäuschung und Wut alleine, so dass jeder Konflikt zwischen ihnen große Angst auslöst, denn es fehlt ihnen die Ausweichmöglichkeit. Aufgrund der Ausweichmöglichkeit bleiben viele Beziehungskonflikte in Dreiecksfamilien unentdeckt und treten erst bei einer Scheidung an die Oberfläche. Viele emotionale Probleme der Eltern (wie die unbewußte Eifersucht des Vaters auf das neugeborene Kind), die innerhalb des ersten und zweiten Lebensjahres des Kindes auftreten können, manifestieren sich in einer pathologischen Verzerrung der frühen Mutter- Kind- Beziehung. Diese unbewältigten emotionalen Probleme der Eltern führen später zur Scheidung. Je größer die innerpsychischen Konflikte des Kindes schon vor der Scheidung sind desto größer wird auch das Scheidungstrauma für es sein (vgl.: Figdor, 1998, S.3o-33).

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Details

Seiten
140
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783832459192
ISBN (Buch)
9783838659190
Dateigröße
832 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v221372
Institution / Hochschule
Fachhochschule Koblenz - Standort RheinAhrCampus Remagen – Sozialwesen
Note
1,3
Schlagworte
kindschaftsrecht kindergruppenarbeit trennung bewältigungsstrategien jugendamt

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Titel: Hilfsangebote für Scheidungskinder