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Sportzuschauer und ihre Kontrollillusion

Magisterarbeit 2001 157 Seiten

Gesundheit - Sport - Sportpsychologie

Leseprobe

1. Einleitung und Problemstellung

Der Sport, und hierzulande insbesondere der Fußball, nimmt einen besonderen Stellenwert in der Gesellschaft ein, und die Literaturlage zu diesem Themenkomplex stellt sich dementsprechend breit gefächert dar. Von je her, seit der Fußball sich zum Zuschauersport entwickelte, interessierten die Autoren neben dem sportlichen Geschehen an sich, vor allen Dingen die Menschen, die, sei es lediglich als passive Rezipienten, oder besser noch als aktive Sympathisanten der Athleten an solcherlei Sportveranstaltungen partizipierten, deren Gemüt und Empfinden offensichtlich durch den Anblick der Sportdramatik bereichert wird:

„Sie schreien, sie toben sich aus und sie spielen den Narren, sie tragen groteske Hüte, gewaltige Papierblumen in den Farben der Spieler, die sie bevorzugen oder auf die sie gewettet haben, ja manche verkleiden sich geradezu, sie sind voll innerer Spannung, sie können sich beim geringsten Anlaß ausschütten vor Lachen, sie sind unzweifelhaft hysterisch und schwingen lärmende Ratteln, um wenigstens einen Bruchteil von dem auszudrücken, was sie im Augenblick empfinden, angeregt durch die Magie des Fußballs.“

Dieses Zitat von Rudolf Kirchner (Hopf, 1979,147) schildert besonders eindrucksvoll die Eindrücke eines neutralen Besuchers von den offensichtlich fanatischen Zuschauern eines Fußballspiels in England um die Jahrhundertwende (19./ 20. Jahrhundert). Viele dieser Verhaltensweisen lassen sich in die heutige Zeit transportieren und bei aktuellen Sportveranstaltungen wiederfinden. Das „Phänomen“ Fußballfan als Zielobjekt der Wissenschaft hat im Laufe der Jahre eine enorme Entwicklung durchlaufen und immer extreme Auswüchse gebildet: Von den beschriebenen Anfängen im England des 19. Jahrhunderts, über die Etablierung der Gewalt und einer sogenannten „Hooliganszene“ seit Beginn der 50er Jahre des letzten Jahrhunderts, bis hin zu dem modernen, komfortverwöhnten Typus „Edelfan“, der in den VIP- Lounges aller Fußballarenen dieser Welt zu hause ist, und sich in den Mannschaftsfarben präsentiert, weil dies gerade als besonders „schick“ gilt. Die genannten Erscheinungsformen stehen in diesem Zusammenhang exemplarisch für eine Gruppe unserer Gesellschaft, die so vielfältig und schillernd ist, wie sich ihre Mitglieder in der Regel selbst optisch präsentieren. In der Öffentlichkeit wurde jedoch zunehmend, weniger die Gruppe der Sportzuschauer als vielmehr die der Fans, insbesondere nach den Katastrophen von Brüssel und Sheffield weitestgehend auf ihr vermeintliches Gewaltpotential reduziert und demzufolge oftmals mit der mit der sich mehr und mehr vom Sport separatisierenden Hooliganszene fälschlicherweise gleichgesetzt, und auch die Wissenschaft (u.a. Psychologie und Soziologie) nahm sich insbesondere diesem negativen Begleitumstand der Sportveranstaltungen an. Darüber hinaus reichend, ist die wissenschaftliche Literaturlage neben Beiträgen zur Motivlage der Zuschauer hinsichtlich des Besuchs einer Sportveranstaltung sowie zu ihren offensichtlichen Verhaltensweisen innerhalb der Arena, nur relativ dünn, weshalb tiefergehende Erkenntnisse über die Sportzuschauer und -Fans meist im Verborgenen bleiben.

Diese Tatsache bildet den Anstoßpunkt der vorliegenden Arbeit, deren Ziel es sein soll, auf einem wissenschaftlich weitestgehend unerforschten Gebiet herauszuarbeiten, welche Prozesse dazu führen, dass Sportzuschauer, und innerhalb dieser Gruppe insbesondere die ausgewiesenen Fans einer bestimmten Mannschaft (aufgrund der außerordentlichen Popularität dieser Sportart hierzulande, sind in diesem Falle speziell die Fußballfans von Interesse) daran glauben, auf welche Weise auch immer, auf die sportlichen Geschicke und somit in direktem Maße auf die Leistung der Athleten einwirken zu können, und somit eine Möglichkeit der Einflussnahme bzw. der Kontrolle zu besitzen. Sicherlich spielt die diesbezügliche Bestätigung von Seiten der Sportler, Trainer und Journalisten eine entscheidende Rolle, deren Aussagen hinsichtlich des leistungsfördernden Einflusses, insbesondere des Heimpublikums, sich wie ein roter Faden durch die Medienlandschaft ziehen. Die allgemeine Fragestellung gewinnt jedoch unter Berücksichtigung der kontroversen wissenschaftlich gestützten Erkenntnis, dass die Möglichkeit einer, zumindest zielgerichtet eingesetzten, Einflussnahme von Seiten der Zuschauer, grundsätzlich nicht aufrecht erhalten werden kann, zusätzlich an Relevanz.

Was ist also dran an der Kontrollmöglichkeit des Stadionpublikums, welches so gerne beispielsweise von den aktiven Fußballern vielsagend als „12. Mann“ bezeichnet wird? Diese Frage zu beantworten, bzw. die aus der Lektüre der wissenschaftlichen Literatur gewonnene Erkenntnis, dass es sich dabei weniger um Kontrolle, als vielmehr um eine Kontrollillusion handelt, zu bestätigen, ist das zentrale Anliegen dieser Arbeit.

Hierzu wird zunächst eine definitorische Differenzierung und Charakterisierung der Zuschauerschaft anhand ihrer motivationalen Hintergründe sowie ihrer demografischen Merkmale vorgenommen, ehe die Entwicklung eines sportinteressierten Individuums hin zum ausgesprochenen Fan auf der Grundlage von Identifikationsprozessen vor dem Hintergrund der Herausbildung einer positiven sozialen Identität, skizziert werden soll. Diese geschilderten Identifikationsprozesse, und damit zusammenhängend die Zentralisierung des Identifikationsobjektes im Leben seiner Anhänger, zeichnen auch verantwortlich für die Entwicklung eines ausgeprägten Kontrollbedürfnisses selbiger, woraufhin das theoretische Konstrukt der „Kontrolle“ u.a. in bezug auf seine motivationalen und strukturellen Aspekte dargestellt werden soll, ebenso wie die negativen Folgen, die mit einem Kontrollverlust einhergehen, so dass vor diesem Hintergrund die Entstehung des Konstruktes der Kontrollillusion, verständlich wird. Die Konzeption der Illusion von Kontrolle, welche allgemein besagt, dass objektiv nicht zu beeinflussende Lebenssituationen dennoch von Seiten eines Individuums „kontrolliert“ werden, kann je nach Art des ausgewählten Kontrollmechanismus, situationsabhängig vielfältige Erscheinungsformen annehmen. Einige Beispiele hierfür liefert Langer (1975). In einem konkreten Bezugsrahmen wird im Folgenden der (zumeist behaviorale) Einfluss von Sportzuschauern auf die Leistung der Akteure auf der Grundlage wissenschaftlicher Studien analysiert, ehe die resultierende Erkenntnis, dass sportliche Wettkämpfe in der Regel nicht von Seiten des Publikums zielgerichtet beeinflusst werden können und demzufolge auch nicht vorhersehbar sind, anhand einer eigenen empirischen Studie untermauert werden soll, deren vorrangiges Ziel es sein wird, nachzuweisen, dass ausgewiesene Fans einer Mannschaft der 1. Fußballbundesliga sich hinsichtlich eines Tippspiels bezüglich der Spielpaarungen des 1. Spieltages der Bundesligasaison 2001/ 2002 (welches eine objektiv nicht zu kontrollierende Situation repräsentiert, da der Spielausgang einer Bundesligapartie zwar nicht ausschließlich vom Zufall abhängig ist, jedoch nicht mit einhundertprozentiger Sicherheit vorhergesagt werden kann), dahingehend in ihrer Tipptendenz von den übrigen Testpersonen unterscheiden, dass sie einer aus den Identifikationsprozessen resultierenden Kontrollillusion, speziell im Hinblick auf die subjektive Informationsaufnahme und –Verarbeitung, unterliegen, derzufolge sie eine Überschätzung des Leistungsvermögens „ihrer“ Mannschaft vornehmen, die als vermeintliche Kontrolle gedeutet werden kann und in einem erhöhten Geldeinsatz sowie einer erhöhten Wahrscheinlichkeitseinschätzung bezüglich eines Sieges dieser Mannschaft ihren Ausdruck findet.

Nach diesem kurzen Überblick über die inhaltlichen Aspekte der Arbeit, soll im Folgenden zunächst einmal versucht werden, eine theoretische Basis des gesamten Themenkomplexes zu schaffen.

2. Theoretischer Hintergrund

Die zentrale Beantwortung der Frage, ob und in wie weit es den Sportzuschauern möglich ist, einen direkten Einfluss auf die Leistung der Athleten auszuüben, und ob es sich bei den, von einem Besuch einer Sportarena bekannten und offensichtlich einer Beeinflussung der Akteure dienlichen Verhaltensweisen der sportbegeisterten Fans um Kontrollmechanismen oder lediglich um eine Kontrollillusion handelt, macht also zunächst einmal eine Betrachtung der implizierten theoretischen Grundkomponenten unumgänglich. Dazu sollen, nachdem zu Beginn des Kapitels die Sozialfigur des Sportzuschauers einer genaueren Betrachtung u.a. in bezug auf ihre demografischen Charakteristika und ihre Motivation unterzogen wird, in erster Linie die psychologischen Konstrukte „Identifikation“ sowie „Kontrolle“ theoretisch ausgearbeitet werden, die anschließend in Kapitel 3. der Arbeit, als Hintergrund, in bezug auf die Erklärung der Beeinflussung der sportlichen Leistung von Seiten des Publikums ihre direkte Anwendung finden.

2.1. Sportzuschauer

„Sportzuschauer können sich über den Sieg einer Mannschaft freuen, über eine Niederlage ärgern und an spannenden Momenten teilhaben. Ohne Maßregelungen befürchten zu müssen, können sie Emotionen verbal und sogar körperlich ausdrücken“ (Weiß, 1990, 11). Nach dieser vereinfachten, definitorischen Charakterisierung der Besucher einer Sportveranstaltung, sollen im Folgenden, nach einer grundlegenden Differenzierung und Kategorisierung selbiger, die demografischen Merkmale sowie die zugrundeliegenden motivationalen Aspekte einer derartigen Sportpartizipation herausgearbeitet werden.

2.1.1. Differenzierung des Sportpublikums

In dem nun folgenden Kapitel dieser Arbeit, soll zunächst einmal die Besucherstruktur einer Sportveranstaltung genauer unter die Lupe genommen, analysiert und begrifflich definiert werden, da das Publikum sich aus verschiedenen Gruppierungen zusammensetzt, die sich in der Regel nicht nur dadurch unterscheiden, dass sie innerhalb des Stadions räumlich getrennt sind, sondern auch aufgrund verschiedener Motivationsgrundlagen für den Besuch, z.B. eines Fußballspiels, bzw. durch ihre verschiedenen Verhaltensmuster in der Arena und im Umfeld eine differenzierte Betrachtung erforderlich machen.

In der Literatur (z.B. Pilz, Schlippert & Silberstein, 1990; Raap, 1988) wird grundlegend häufig eine weitgehend undifferenzierte Unterscheidung zwischen Zuschauern, Anhängern und Fans vorgenommen:

Der als Zuschauer beschriebene Besucher einer Sportveranstaltung ist in der Regel ein relativ distanzierter und passiver Rezipient oder Konsument (Raap, 1988) des sportlichen Geschehens, der sich für die Sportart allgemein interessiert und sich daher nur in geringem Maße mit einem bestimmten Athleten oder Team identifiziert. Er reagiert betont beherrscht und neutral auf die Aktionen, und seine Erwartungshaltung ist auf einen interessanten, sportlichen Wettkampf ausgerichtet. Dieser neutrale Zuschauer repräsentiert jedoch lediglich eine minderheitlich vorkommende Spezies, da im Durchschnitt 90% der Zuschauer von Sportveranstaltungen einem der beteiligten Teams oder Athleten ihre Sympathien bekunden (Stollenwerk, 1996). Friederici (1998) unterscheidet innerhalb dieser Kategorie darüber hinaus zwischen sportuninteressierten-, zufälligen-, ruhigen-, und objektiven Zuschauern, sowie allgemein zwischen Experten und Pseudo- Experten.

Der sogenannte Anhänger entwickelt im Gegensatz zum Zuschauer bei der Teilnahme an einer Sportveranstaltung deutlich engagiertere Verhaltensmuster. Das Spektrum der gezeigten Emotionen erstreckt sich dabei von relativ kontrolliert bis zu dezent- fanatischen Auswüchsen. Eine deutliche Vereins- oder Athletenpräferenz ist sein eigen und er identifiziert sich konkret mit diesen, womit auch seine Erwartungen an den Wettkampf durch eine gute Darbietung der Idole, mit möglichst einem Sieg zur Folge, erfüllt werden.

Als Fans wird in der Regel in diesem Zusammenhang derjenige Teil des Publikums im Stadion beispielsweise bei einem Fußballspiel bezeichnet, deren Betätigung über das „normale“ Zuschauen des Spiels hinausgeht (Raap, 1988). Diese sogenannten „aktiven Fans“ sind fast ausschließlich im jugendlichen Alter (vgl. z.B. Pilz et al., 1990) und zeichnen sich durch eine große Identifikation mit dem Verein aus, welche meist eindrucksvoll durch Accessoires wie Trikots, Schals, Jacken oder Aufnähern nach außen getragen wird. Trotz der hohen finanziellen Belastungen werden Heimspiele regelmäßig und Auswärtsspiele so oft wie möglich besucht. Es wird ein hohes Solidaritätsgefühl gegenüber der Mannschaft und ihren Zielen aufgebaut. Dieses „Wir- Gefühl“ erklärt unter anderem, warum Erfolg und Misserfolg des Teams sich derart auf das Seelenleben des Fans auswirken. Die gesamte Fan- Szene besteht im wesentlichen aus einem Konglomerat jugendlicher Interessengemeinschaften, die den Besuch des, meist samstäglichen, Fußballspiels fest in den Wochenritus eingebaut haben (Heitmeyer & Peter, 1988). Im Gegensatz zu den Anhängern erwarten die Fans den Sieg der Mannschaft oder des Sportlers, mit dem sie sich voll und ganz identifizieren, unter allen Umständen. Ihre Emotionen entwickeln fanatisch- parteiliche Züge, die nicht selten den Gegner explizit diskriminieren.

Friebel definiert die Gruppe der Fans zusammenfassend als „sportlich besonders interessierte Zuschauer, die sich durch ein hohes Maß prinzipiell nicht auswechselbarer Vereinstreue verbunden mit einer überdurchschnittlichen Begeisterungsfähigkeit von den distanzierten Besuchergruppen unterscheiden“ (Raap, 1988, 29).

Nach Kübert, Hüther, Neumann & Swoboda (1994) folgen aus diesen Definitionsansätzen die Anhaltspunkte für die Bildung einer spezifischen Gruppe der Gesellschaft und damit die Entwicklung der Fan- Szene zu einer Subkultur unserer Gesellschaft.

Stollenwerk (1996) kritisiert diesen Differenzierungsansatz (Zuschauer, Anhänger, Fan) dahingehend, dass durch eine solche Kategorisierung lediglich ein verzerrtes Bild der Realität wiedergegeben wird: „Da der Fanbegriff in weiten Teilen des Fußballpublikums höchst negativ besetzt und eindeutig stigmatisiert ist, werden viele,..., eine entsprechende Selbsteinschätzung vermeiden, obwohl sie de facto von ihrem emotionalen Engagement und der Ausprägung ihrer Anhängerschaft Fans wären.“ (Stollenwerk, 1996, 80)

Die am weitesten untersuchte Zuschauergruppierung bei Sportveranstaltungen bilden, aufgrund des außergewöhnlichen Stellenwertes dieser Sportart in vielen Ländern der Welt, sicherlich die Fußballzuschauer. Bezogen auf diese Gruppe, hat sich neben der zuvor beschriebenen Unterteilung eine feinere Ausdifferenzierung durchgesetzt. Einige Autoren (u.a. Heitmeier & Peter, 1988; Kübert et al., 1994; Aschenbeck, 1998) unterscheiden dabei konsumorientierte-, fußballzentrierte- und erlebnisorientierte Zuschauer bzw. Fans:

Der konsumorientierte Zuschauer, auch kritischer Kunde (Väth, 1994) genannt, gewinnt seine Hauptmotivation für einen Stadionbesuch in erster Linie durch den Wunsch nach Miterleben von sportlichen Spannungssituationen. Die Leistung steht für ihn im Mittelpunkt und er ist bestrebt einen guten Wettkampf zu sehen. Sein Verhalten entspricht dem eines Verbrauchers beim Einkaufen und gleicht seinen sonstigen Kauf- und Konsumgewohnheiten: Bei seinen Kaufentscheidungen muss vor allem das „Preis- Leistungs- Verhältnis“ stimmen (Väth, 1994). Der Unterhaltungswert des Spieles muss für ihn die Aufwendungen (Eintrittspreis, Fahrtkosten, Zeit, etc.) rechtfertigen. Deshalb orientiert er sich zuerst am zu erwartenden Unterhaltungswert des Spieles. Die wichtigsten Faktoren sind dabei das Leistungsniveau der Mannschaften, das Mitwirken von Stars, die traditionellen Vereinsbeziehungen und die Tabellenkonstellation (Väth, 1994). Aus diesem Grund ist ein unregelmäßiger Stadionbesuch für diesen Zuschauertypus charakteristisch. Er frequentiert sein Besuchsverhalten nach Erfolg bzw. Misserfolg der Mannschaft, ist also stark leistungsorientiert und wird daher in der neueren Literatur (u.a. Wann & Branscombe, 1990) häufig als „Fair- Weather- Fan“ bezeichnet, der ins Stadion kommt, um sich im Licht des Erfolgs zu sonnen (basking in reflected glory). Bei entsprechenden Misserfolgen kann dies jedoch in komplette Verweigerung des Konsums umschlagen (cutting off reflected failure). Von der Mannschaft, mit der ihn keine sonderlich hohe Identifikation verbindet, erwartet er also Höchstleistung und Perfektion, das Spiel als solches sieht er als spannendes, perfektes Unterhaltungsprogramm. Darüber hinaus erwartet der kritische Kunde bei seinem Stadionbesuch einen gewissen Komfort, weshalb er nicht in den zumeist unüberdachten Fan- Blocks steht, sondern das Spiel eher von den überdachten Sitzplätzen der Haupttribüne aus verfolgt (Heitmeyer & Peter, 1988). Allgemein gesehen stellt für diesen Typus die rezeptive Teilnahme an der besuchten Sportart nur eine Freizeitaktivität unter vielen dar, und ist daher austauschbar. Durch diese relativ niedrige soziale Relevanz sieht er keine Notwendigkeit, sich einer Gruppe von Gleichgesinnten anzuschließen und wird daher nur in seltenen Fällen Mitglied eines Fanclubs sein (Kübert et al., 1994).

Den fußballzentrierten Fan, der meist männlichen Geschlechts und zwischen 16-30 Jahren alt ist (Pilz et al., 1990), und der häufig auch als Traditionalist (Väth, 1994) oder auch als „Die- Hard- Fan“ (u.a. Wann & Branscombe, 1990), als Gegenstück des zuvor dargestellten „Fair- Weather- Fan“, beschrieben wird, verbindet mit dem konsumorientierten Zuschauer seine Suche nach Spannungssituationen in bezug auf das Fußballspiel. Seine Motivationsgrundlage ist jedoch eine andere: Er zieht die Spannungssituationen nicht allein aus der sportlichen Darbietung, sondern ist orientiert an „seinem“ Verein. Die absolute Vereinstreue, die zumeist durch das Tragen von Fanartikeln, wie Trikots, Schals oder Mützen des jeweiligen Clubs zum Ausdruck gebracht wird, auch in Zeiten des Misserfolgs, hat für ihn Priorität, was ein Zeichen für eine keineswegs bedingungslose Leistungsorientierung darstellt (Heitmeyer & Peter, 1988; Väth, 1994). In diesem Zusammenhang ist ein regelmäßiger Stadionbesuch, als Ausdruck der Vereinsbindung, für den Traditionalisten charakteristisch. Dies bedeutet allerdings nicht, dass er nicht durchaus kritisch gegenüber der Leistung seiner Mannschaft eingestellt ist, da mangelnde Einstellung und fehlende Leistungsbereitschaft der Spieler keinesfalls toleriert werden, was jedoch nur in äußerst drastischen Fällen zum kurzfristigen Aufkündigen der Unterstützung führen kann (um ein Zeichen zu setzen, dass es so nicht weitergehen kann).

Fußball ist für diesen Zuschauertypus ein zentraler Lebensinhalt geworden, er besitzt für ihn eine hohe soziale Relevanz. Dieser Fan sucht Anerkennung in einer Clique von Gleichgesinnten, wie zum Beispiel in Fanclubs. Er hat demzufolge also eine stark ausgeprägte Gruppenorientierung. Damit, und mit der Präsenz im Fanblock, schafft er sich ein Territorium, um dort seine Bedürfnisse in der Gemeinschaft zu befriedigen (Kübert et al., 1994).

Die Gruppe der erlebnisorientierten Fans, die den extremsten Pol dessen darstellt, was noch als Fan bezeichnet werden kann, sieht das Fußballspiel als „Spektakel“, als Rahmenhandlung um den eigenen Erlebnishunger zu stillen und die Suche nach Abenteuer zu befriedigen. Die Motivation wird also, ähnlich den zuvor beschriebenen Fangruppierungen, aus Spannungssituationen gewonnen, für die jedoch nicht unbedingt das Spiel verantwortlich sein muss. Vielmehr können diese auch durchaus selbst erzeugt werden, wenn das Geschehen auf dem Spielfeld nicht die gewünschten Erwartungen bezüglich der Spannungsmomente erfüllt. Der erlebnisorientierte Fan, häufig auch „Action- Fan“ genannt (u.a. Aschenbeck, 1998), zeichnet sich selten durch eine feste Gruppenorientierung aus. Sein Präsentationsfeld ist zunächst das Stadion, insgesamt gesehen ist er jedoch nicht auf diese Örtlichkeit fixiert, wenn anderswo etwas hinsichtlich seiner Bedürfnisbefriedigung geboten wird (Aschenbeck, 1998). Da hierbei auch „Fankämpfe“ im herkömmlichen Sinne (gegen die Anhänger des Gegners) durchaus nicht unüblich sind, und dieser Fantypus insgesamt gesehen, durch einen immer weiter fortschreitenden Differenzierungsprozess vom Fußball, gepaart mit einer latenten Gewaltneigung gekennzeichnet ist, kann er als eine Art Vorstufe des „Hooligans“ betrachtet werden.

Bei einer zusammenfassenden Betrachtung des Fußballpublikums unter Verwendung der zuvor dargestellten Differenzierung, bietet sich eine Anlehnung an Heitmeyer und Peter (1988) an, die die Fan- Szenerie dabei hauptsächlich hinsichtlich folgender Bedeutungsaspekte differenzieren:

- die sportliche Bedeutung
- die Austauschbarkeit des Fußballs im Lebenszusammenhang, also die soziale Relevanz bei der Planung des Alltags und der Freizeit
- die soziale Anerkennungsrelevanz durch andere
- die Gruppenorientierung
- die sozialräumliche Platzierung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Ausdifferenzierung der Fan- Szenerie nach Heitmeyer & Peter (1988)

2.1.2. Demografische Merkmale

Orientiert an der Literaturlage zu diesem Themenkomplex, lässt sich die Besucherstruktur einer Sportveranstaltung am treffendsten auf die Merkmale Alter, Geschlecht, soziale Schicht und Bildung reduzieren. Einen umfassenden Beitrag dazu leistet u.a. Stollenwerk (1996), der die demografische Struktur des Sportpublikums bei verschiedenen Sportveranstaltungen (Fußball, Eishockey, Handball, Basketball, Tennis, Volleyball, Galopprennen, Tanzen, Hunderennen, Leichtathletik, Rudern und Motorsport DTM) untersucht hat, sowie Messing und Lames (1996). Auffällig ist dabei, dass ein genereller Zusammenhang zwischen den demografischen Merkmalen der Zuschauer und der besuchten Sportart feststellbar ist (grundsätzlich besteht ein Zusammenhang zwischen besuchter Sportart und selbst ausgeübter Sportart), d.h. die Zusammensetzung des Publikums eines Tanzturniers unterscheidet sich beispielsweise aufgrund verschiedener Erwartungen und Motive, in bezug auf die Veranstaltung, hinsichtlich der untersuchten Merkmale, stark von der Besucherstruktur eines Basketballspiels. Wendet man sich also einzelnen Gruppen von Zuschauern zu, wie der im Rahmen dieser Arbeit relevanten Gruppe der Fußballfans, so ergeben sich dabei folgerichtig spezifische demografische Daten. Diese sollen daher im Folgenden zu Vergleichszwecken denen anderer Sportarten gegenübergestellt werden:

1. Alter

Die Altersstruktur der Besucher einer Sportveranstaltung ist in erster Linie abhängig von der Sportveranstaltung selbst.

Bei den von Stollenwerk (1996) untersuchten Sportveranstaltungen reichte die Altersstruktur von durchschnittlich 20,9 Jahren bei einem Basketballspiel in Hagen, bis hin zu einem Durchschnittsalter von 44,0 Jahren bei einem Galopprennen in Krefeld. Der Gesamtmittelwert beträgt 32 Jahre. Über dem Durchschnitt liegen Sportarten wie Tennis, Handball und Rudern. Die ermittelte Altersstruktur der Zuschauer von Messing & Lames (1996) bei Veranstaltungen dieser Sportarten kommt zu vergleichbaren Ergebnissen und ermittelt zusätzlich einen hohen Altersdurchschnitt von über 40 Jahren bei Golfzuschauern. Das „jüngste“ Publikum findet sich innerhalb der von Stollenwerk (1996) untersuchten Veranstaltungen ebenfalls bei Basketballspielen, mit einem Anteil der unter 20jährigen von 36- 59% (vgl. auch Messing & Lames, 1996, 109), während Sportarten wie Tanzen oder Galopprennen einen Anteil zwischen 35- 57% der über 40jährgen stellen.

Die Ergebnisse von Studien zur Altersstruktur von Besuchern von Fußballspielen deuten auf ein vergleichsweise junges Publikum hin, lassen jedoch aufgrund häufig unterschiedlicher Skalierung oder Zielsetzung der ermittelten Werte kaum gültige Vergleiche zu: Der Anteil der Zuschauer unter 21 Jahren einer Untersuchung von Stollenwerk (Albrecht, 1979) bei einem Spiel der Fußballbundesliga betrug 52,6%. Bei den von Stollenwerk (1996) untersuchten Veranstaltungen war die Altersgruppe der unter 20jährigen mit Anteilen von 36- 49% vertreten. Das Durchschnittsalter betrug dabei 26,5 Jahre und auch Pilz et al. (1990) stellt eine Konzentrierung der Besucher auf die Altersklasse der 16- 30jährigen fest. Messing und Lames (1996), mit einem ermittelten Durchschnittsalter von 37 bis zu 40 Jahren, sowie Schwank (1980) mit einem ermittelten Durchschnittsalter von 31,8 bis 35,1 Jahren, kommen bei ihren Untersuchungen im Amateurbereich des Fußballsports zu anderen Ergebnissen. Erhebungen zur Altersstruktur der als Fans bezeichneten Besuchergruppe eines Profi- Fußballspiels kommen zu dem Ergebnis, dass sich eine starke Konzentration im Altersbereich zwischen 13- 20 Jahren (93,2%) zeigt, wobei der größte prozentuale Anteil auf die Gruppe der 15-16jährigen (36.1%) entfällt (Herrmann, 1977, 15). Gabler, Schulz und Weber (Strauß, 1998) kommen mit einem Durchschnittsalter der erfassten Fans von 18,4 Jahren zu ähnlichen Ergebnissen.

2. Geschlecht

Die Zusammensetzung des Sportpublikums aus geschlechtsspezifischer Sicht ist laut Stollenwerk „in den meisten Fällen ein Spiegelbild der Geschlechterrelation auf Seiten der Aktiven, bzw. im organisierten Sport, der Vereinsbindung in den jeweiligen Sportarten“ (1996, 56). Frauen bevorzugen nach Gabler (Strauß, 1998) in höherem Maße auf Psyche und Körper bezogene, musisch- expressive Sportarten, während bei Männern leistungs- und wettkampfbezogene, körperkontaktorientierte und sozial- kommunikative Motive dominieren. Danach sind Frauen auf den Zuschauerrängen am ehesten beim Tennis, Rudern, Hunderennen und Tanzen zu finden (Anteil der weiblichen Besucher 32- 58%), während Sportarten wie Eishockey, Handball, Basketball oder Motorsport DTM mit einem Anteil von 64- 91% ausgesprochene Männerdomänen sind (Stollenwerk, 1996). Messing und Lames (1996) bestätigen darüber hinaus einen vergleichsweise hohen Frauenanteil für Sportarten wie Triathlon (44%) sowie Golf (40%) und Frauenhandball (55,8%), wobei sich letzteres Ergebnis dadurch begründet, das es sich um ein „Frauenspiel“ handelt.

Fußball ist demgegenüber jedoch ein „Männersport“ (wenngleich auch und gerade hierzulande der Frauenfußball stark auf dem Vormarsch ist und beachtliche Erfolge vorzuweisen hat, wie etwa den dieses Jahr bereits zum fünften Mal errungenen Titel des Europameisters) und wird dementsprechend auch hauptsächlich von Männern angeschaut: Die von Stollenberg (1996) untersuchten Bundesliga- Fußballspiele weisen einen Männeranteil von 82- 94% auf, der auch von Messing und Lames (1996) (ca. 90%) und Schwank (1980) (95,6%) in bezug auf Spiele im Amateurbereich bestätigt wird.

3. Soziale Schicht

Im Hinblick auf die schichtspezifischen Unterschiede zwischen den Sportzuschauern, verweist Gabler (Strauß, 1998) ebenfalls auf die Parallele zwischen aktivem und passiven Sportengagement. Danach werden Mannschaftssportarten eher niedrigen sozialen Schichten zugeordnet, während Individualsportarten eher der oberen Klasse zugeordnet werden müssen.

Messing und Lames (1996) bestätigen anhand ihrer Untersuchungen teilweise diese Vermutung: Die Besucher eines Golfturniers rekrutierten sich danach zu 59,5% aus Angehörigen der Oberschicht oder oberen Mittelschicht. Das Tennispublikum bestand dagegen lediglich zu 24,3% aus Angehörigen dieser höheren sozialen Schichten, was jedoch durch den in den letzten Jahren deutlich geringer gewordenen elitären Charakter dieser Sportart zu erklären ist. Mannschaftssportarten wie Handball (54,7%) oder Basketball (64,3%) wurden demgegenüber mehrheitlich von Angehörigen der Mittel- und unteren Mittelschicht besucht.

Die Besucherstruktur eines Fußballspiels ist als konform mit der eingangs aufgestellten These anzusehen: Nach Untersuchungen von Herrmann (1977) gehören 65,4% der Fans der unteren oder mittleren Schicht an. Die Studien von Messing und Lames (1996) sowie Schwank (1980) bestätigen dieses Ergebnis in bezug auf die Besucher eines Amateur- Liga Spiels generell, mit einer Tendenz zu einem größeren Anteil der unteren Schicht.

4. Bildung

Ähnlich der Schichtzugehörigkeit lassen sich ebenfalls in bezug auf die schulische Bildung eines Sportzuschauers spezifische Unterschied hinsichtlich der besuchten Sportart feststellen: Zuschauer mit niedrigen schulischen Abschlüssen (ohne Abschluss, Volks- und Hauptschulabschluss) stellen nach Stollenwerk (1996) bei Sportarten wie Basketball (6- 21%), Tennis (5- 23%), Rudern (14%) oder Volleyball (2- 15%) nur äußerst geringe Minderheiten innerhalb eines Publikums, in dem bis zu 75% eine höhere Ausbildung (Abitur, Fachhochschul- oder Hochschulabschluss) nachweisen können. Mannschaftssportarten wie Handball (22- 38%) oder Eishockey (37- 47%), aber auch Motorsport DTM (31- 34%), Galopprennen (35%) und Hunderennen (43%) verfügen über den größten Anteil an Zuschauern mit niedriger schulischer Bildung.

Auch innerhalb des Fußballpublikums machen nach Untersuchungen von Stollenwerk (Albrecht, 1979), mit 35,4%, die Zuschauer mit einer vergleichsweise niedrigen Bildung einen großen Anteil aus. Neuere Studien des selben Autors (1996) kommen mit einem Anteil der gering Gebildeten von 28- 46% zu dem selben Ergebnis. Herrmann (1977) stellt für die Gruppe der selbstdeklarierten Fans sogar einen Anteil von 54,3% derer mit niedriger Schulbildung fest.

Daraus ergibt sich zusammenfassend, dass sich die Besucherstruktur eines Fußballspiels im Vergleich zu Besuchern anderer Sportveranstaltungen dadurch unterscheidet, dass das Publikum im Durchschnitt häufig jünger ist, der Anteil der männlichen Besuchern den der weiblichen bei Weitem übertrifft, und die Besucher in der Mehrzahl Angehörige der unteren oder mittleren Schichten mit häufig geringerer schulischer Bildung sind.

Gerade jedoch der Vergleich zwischen Spielen der Profiliga (Albrecht, 1979; Herrmann, 1977; Pilz et al., 1990; Stollenwerk, 1996) und der Amateurliga (Messing & Lames; 1996; Schwank, 1980) macht oftmals eine Differenzierung hinsichtlich der demografischen Merkmale unerlässlich.

2.1.3. Zuschauermotivationen

Wie bereits in den vorherigen Kapiteln deutlich wurde, ist insgesamt gesehen, also nicht von einer homogenen Sportzuschauer- Szene auszugehen, was die Frage nach den unterschiedlichen Motiven eines Stadionbesuchs aufwirft.

In der Literatur existieren dazu unterschiedliche Modelle, welche insbesondere die Motive der Besucher einer Sportveranstaltung zu analysieren versuchen. Zentrale Begriffe sind dabei unter anderem Spaß, die Identifikation mit den Sportlern/ dem Erfolg, das Miterleben von Spannung und Aktionen, die eigene Präsentation und Prestigestreben sowie Kontakt mit Gleichgesinnten:

So gaben die Befragten einer Studie von Dombrowski (1975), als Gründe für den Besuch einer Sportveranstaltung an, Unvorhergesehenes (im Sinne von Abenteuern) erleben, Träume von der eigenen Fußballerkarriere ausspinnen, Kontakte pflegen und Verbündete suchen, Krach machen und sich freier bewegen als im sonstigen Leben, Gefühle von Gemeinsamkeit erfahren, eine Welt von überschaubaren Gesetzen schaffen, sich vom Alltag ablenken, sowie Langeweile vertreiben zu wollen. Untersuchungen von Stollenwerk (Albrecht, 1979; Lindner, 1980) lassen grundsätzlich ähnliche Schlüsse zu. Ebenfalls in die gleiche Richtung zielen die Ergebnisse von Opaschowski (1987): Danach lassen sich die Motive der Zuschauer in 4 Kategorien unterteilen: Spaß haben, Spannung erleben, Geselligkeit finden und begeistert werden. Neuere Studien, beispielsweise von Messing und Lames (1996) halten grundsätzlich an den 4 Kategorien Opaschowskis fest: Sie unterscheiden Sozialorientierte Motive (Freunde, Bekannte oder Spielerpersönlichkeiten treffen), Erlebnisorientierte Motive (Gefühle zeigen, Entspannung, Spannendes erleben, Stimmung machen), Sachorientierte Motive (einen guten Wettkampf erleben), sowie Ergebnisorientierte Motive (zum Erfolg beitragen). Für Strauß (1994) stellt dabei in diesem Zusammenhang die Anzahl der von einem Befragten angegebenen Gründe (Motive) einen Indikator für die Attraktivität eines Sportereignisses dar. Messing und Lames (1996) untersuchten darüber hinaus die jeweiligen Motive in Bezug zu verschiedenen Sportarten (Wasserball, Volleyball, Fußball, Triathlon, Tennis, Basketball, Handball, Tischtennis und Golf) und stellten dabei eine je nach Sportart unterschiedliche Ausprägung der jeweiligen Motive fest, da ein weiterer entscheidender Faktor, die Zuschauermotivation betreffend, die zu besuchende Sportart darstellt: Ein fußballbegeisterter Mensch hat daher andere Erwartungen in bezug auf einen Stadionbesuch, als ein Mensch der sich beispielsweise für Schwimmen interessiert und auf Grund dessen eine Schwimmarena besucht. Die empirische Evidenz der von Messing und Lames postulierten Orientierungen bzw. Motive, kann jedoch nicht belegt werden (Strauß, 1994; Christmann, Maxeiner & Peper, 1997).

Als eine geeignete Zusammenfassung des „Themenkomplexes Zuschauermotivationen bei Sportveranstaltungen“ kann schließlich der Beitrag von Gabler (Strauß, 1998) angesehen werden, der die Vielfalt der Zuschauermotivationen zunächst dahingehend ordnet, dass er sie zum einen auf das Sporttreiben selbst, auf das Ergebnis des Sporttreibens, sowie auf sportexterne Zwecke, bezieht. Zum anderen stellt er die Überlegung an, ob sie in erster Linie direkt auf die eigene Person bezogen („ichbezogen“), oder ob auch andere Personen dabei eingeschlossen sind („im sozialen Kontext“). Um das Ganze abschließend auf einer wissenschaftlicheren Ebene darzustellen, ordnet er in Anlehnung an Sloan (1979), die genannten Motive, explizit einem Motivationstheoretischen Ansatz der Psychologie zu und versucht so, mit deren Hilfe das Zuschauen im Sport zu erklären:

1. Stress and Stimulation Seeking- Motiv: Die Sportveranstaltung befriedigt als Gegenpol zum häufig grauen Alltag das Bedürfnis nach Spannung und Abwechslung.
2. Sensation Seeking- Motiv: Ebenfalls aufgrund der Langeweile im Alltag erwächst in den Fans das Bedürfnis nach vielfältigen Erlebnissen und Abenteuern.
3. Entertainment- Motiv: Nahezu jede Freizeitaktivität eines Individuums resultiert aus dem Bedürfnis, in irgendeiner Weise unterhalten zu werden.
4. Achievement Seeking- Motiv: Der Wunsch nach sozialer Anerkennung und Erhöhung des Selbstwertgefühles.
5. Hero Identification- Motiv: Siehe Achievement Seeking- Motiv. Das eigene Selbstwertgefühl soll durch die emotionale Bindung an einen erfolgreichen Sportler erhöht werden.
6. Recreation- Motiv: Der Besuch einer Sportveranstaltung soll zu einer Steigerung des Wohlbefindens führen.
7. Diversion- Motiv: Ebenfalls von einer Erholungs- und Entspannungsfunktion der Sportveranstaltung geht dieser Ansatz aus, bei dem das Sportereignis in erster Linie eine Ablenkung von den Sorgen des Alltags bewirken soll.
8. Aggressions- Motiv: Die Sportveranstaltung wird dazu genutzt, seine Aggressionen abzubauen. Die Spannbreite der aggressiven Handlungen reicht dabei von verbalem Niedermachen des Gegners, bis hin zur tatsächlichen Ausübung von Gewalt.
9. Affilation- Motiv: Das Bedürfnis nach Gruppenzugehörigkeit oder Gemeinschaft eines Individuums wird hierbei durch den Besuch einer Sportveranstaltung (etwa als Mitglied einer Fangruppe) befriedigt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Klassifikation von Zuschauermotivationen nach Gabler (Strauß, 1998)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Motivationstheoretische Ansätze des Zuschauens nach Gabler (Strauß, 1998)

Bei einer abschließenden Betrachtung wird deutlich, dass eine Reihe von Motiven von Seiten des Zuschauers dem aktiven Zusehen bei einer Sportveranstaltung zu Grunde gelegt werden können. Der Zuschauer will in erster Linie Spaß haben und unterhalten werden. Eine weitere besondere Bedeutung fällt dabei dem Achievement Seeking- Motiv zu (der Tatsache, dass jedes Individuum nach sozialer Anerkennung und Erhöhung des Selbstwertgefühles strebt (hierbei durch die emotionale Verbindung zu einer Sportmannschaft)). Dieses Motiv impliziert einen, für eine Reihe von Autoren (u.a. Cialdini, 1976; Lucerna, 1997; Murrell & Dietz, 1992; Sloan, 1979; Wann & Branscombe, 1990) zur Erklärung des aktiven regelmäßigen Zusehens geeigneten, zentralen Faktor: Die Identifikation mit einer Sportmannschaft.

Stollenwerk (1996) stellte, wie bereits in Kapitel 2.1.1. bei der Differenzierung des Sportpublikums angeklungen, einen beiden Mannschaften oder Athleten gegenüber neutral eingestellten Anteil der Besucher, von lediglich 10%, fest. Demzufolge ist also den restlichen durchschnittlich 90% die emotionale Verbindung zu einem der beteiligten Kontrahenten (bei Fußballspielen beispielsweise in den meisten Fällen zur gastgebenden Mannschaft) gemeinsam. Die Hauptmotivation für den Besuch einer Sportveranstaltung, wie beispielsweise einem Fußballspiel, resultiert also aus der Identifikation mit einer der Mannschaften. Ziel des nachfolgenden Kapitels meiner Arbeit soll es daher unter anderem sein, den psychologischen Hintergrund einer solch engen emotionalen Verbindung zu einem Team zu erklären und die damit einhergehenden Auswirkungen zu beschreiben.

2.2. Identifikation

In diesem zweiten Themenschwerpunkt der Arbeit geht es darum, auf der Grundlage der zuvor dargestellten Charakterisierung und Differenzierung des Fußballpublikums, herauszustellen, welche Prozesse der Herausbildung einer Fan- Identität dienlich sind. Dazu soll zunächst einmal, nach einer kurzen Begriffsdefinition, mittels verschiedener theoretischer Konzepte zur Identitätenbildung, eine Grundlage geschaffen werden. Nachfolgend wird der Identifikationsbegriff auf das soziale Gebilde der Gruppe erweitert, um schließlich seine konkrete Anwendung in bezug auf die Anhängerschaft von (in diesem Falle) Sport- , respektive Fußballmannschaften zu finden.

2.2.1. Begriffsdefinition

Seinen Ursprung findet das Konzept der Identifikation bzw. Identifizierung, als eine Form des sozialen Lernens, unter anderem in den Schriften des Psychoanalytikers Siegmund Freud zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Freud unterscheidet unbewusste Formen (Introjektion (das Hineinnehmen eines Objektes in das eigene Selbst) und Narzistische Identifizierung (Introjektion als Regressionserscheinung aufgrund aufgegebener Objektbeziehungen)) und bewusste Formen (Modellieren (Versuch, einer als Modell genommenen Person, ähnlich zu werden) (Müller & Thomas, 1974) der Identifikation. Auf der Grundlage dieser von Freud beschriebenen Identifizierungsformen bauen die moderneren Begriffsdefinitionen auf:

In der Sozialpsychologie versteht man unter sozialer Identifikation einen Prozess der Angleichung an ein Vorbild bzw. Modell, der auf einer emotionalen Beziehung zwischen Individuum und Vorbild beruht (Müller & Thomas, 1974). Die Identifikation wird in der Regel nicht von außen aufgezwungen, sondern resultiert aus einem inneren Selektions- und Organisationsprozess (Blum, 1987). Darüber hinaus ist sie nicht als autonom von der Umgebung zu betrachten, sondern orientiert sich teilweise an den Umweltangeboten. Häufig wird in diesem Zusammenhang auch vom Begriff der Imitation Gebrauch gemacht, ein der Identifikation eng verwandter Begriff, welcher eine weitreichende Übereinstimmung des Handelns und Denkens eines Individuums mit dem Vorbild beschreibt. Die Identifikation (oder Imitation) kann dabei durch die verschiedensten kognitiven, affektiven oder behavioralen Merkmale, wie etwa Kleidung, Accessoires, verbale Äußerungen, usw. zum Ausdruck gebracht werden.

Was jedoch verleitet ein Individuum bezogen auf die Identifikation mit Sportmannschaften dazu, sich mit dem Team verbunden und somit einer Gruppe (Fans eines speziellen Teams) zugehörig zu fühlen?

Um diese Frage zu beantworten, erscheint es angebracht, sein Augenmerk zunächst auf die Herausbildung der Persönlichkeit bzw. Identität eines Individuums zu richten.

2.2.2. Selbstkonzept und Soziale Identität

Der Entwicklungsprozess der eigenen Persönlichkeit eines Individuums beginnt bereits in frühester Kindheit, wenn eine Unterscheidung zwischen sich selbst und Aspekten der Umwelt vorgenommen wird (Frey & Greif, 1987). Das Individuum entwickelt eigene Eigenschaften, Einstellungen, Interessen usw. und unterscheidet sich dadurch zusehends von anderen Individuen. Der Begriff des Selbstkonzeptes (oder Selbstbildes) dient als darüber hinaus reichende Umschreibung des Persönlichkeitsbegriffes. Er umfasst zusätzlich die Summe selbstbezogener Kognitionen, d.h. die Gesamtheit der Einstellungen zur eigenen Person. Nach Frey und Greif (1987) fungiert das Selbstkonzept als Inbegriff selbstbezogener Kognitionen, Evaluationen bzw. Bewertungen und Intentionen. Herkner (1991) definiert das Selbstbild (als Synonym für Selbstkonzept) als das im Langzeitgedächtnis gespeicherte Wissen eines Menschen über sich selbst. Es enthält Informationen über Aussehen, Verhaltensweisen, Ergebnisse (Erfolg, Misserfolg) in verschiedenen Situationen, Eigenschaften, Einstellungen, Motive, soziale Beziehungen, Kategoriezugehörigkeit, aber auch über innere Prozesse wie Gefühle oder Stimmungen.

Einen, für die Gruppenzugehörigkeit eines Individuums, zentralen Aspekt dieses Selbstkonzeptes (oder Selbstbildes) einer Person bildet seine soziale Identität, die kategorisierte Informationen darüber enthält, wer oder was man sein will oder ist. Insbesondere durch die Social Identity Theory (SIT) des Psychologen Henri Tajfel und deren Weiterentwicklung durch die Theorie der Selbstkategorisierung (SCT) von John C. Turner, findet der Begriff der sozialen Identität seine Berücksichtigung in der Literatur.

Nach Tajfels` Social Identity Theory (SIT) (u.a. 1982), untergliedert sich die Identität eines Individuums in zwei Subsysteme: Auf der einen Seite seine personale Identität, welche sämtliche Aspekte des Selbstkonzeptes umfasst, welche die Person als einzigartig ausweisen, und auf der anderen Seite seine soziale Identität (andere Autoren, z.B. Mummendey & Simon (1997), sprechen in diesem Zusammenhang von individuellem und kollektiven Selbst). Dieser Teil des Selbstkonzeptes einer Person resultiert aus dem Wissen einer Gruppenzugehörigkeit, welche von Seiten des Individuums affektiv bewertet wird, und der emotionalen Bedeutung, welche dieser Bewertung beigemessen wird:

„social identity is defined as that part of individuals`self-concept which derives from their knowledge of their membership of a social group (or groups) together with the value and emotional significance of that membership.“ (Tajfel, 1982, 24)

Die soziale Identität ist demnach für das Handeln zwischen Gruppen verantwortlich, während die personale Identität ihre Anwendung in der Interaktion von Personen findet. Je nach Beschaffenheit der Situation kann einmal die personale, einmal die soziale Identität das Bewusstsein dominieren (salient sein) und infolgedessen handlungsleitend sein.

In seiner Theorie der Selbstkategorisierung (SCT) benutzt John C. Turner die Formulierung der sozialen Kategorie und betont, dass Identifikation nur dann stattfinden kann, wenn sich eine Person einer sozialen Kategorie (Gruppe) zugehörig fühlt (Turner, 1987). Dabei geht die Identifikation mit einer Depersonalisierung einher, d.h. die personale Identität rückt zugunsten einer Selbstkategorisierung anhand der Merkmale der Gruppe (In- group) in den Hintergrund. Dabei ist es unerheblich, ob die Person mit anderen Angehörigen der Kategorie (Gruppe) tatsächlich Kontakt hat. Entscheidend ist die kognitive Repräsentation der Kategorie seitens des Individuums. Im Zuge der Identifikation ordnet das Individuum alle Merkmale, die es der Kategorie zuordnet, seinem eigenen Selbstkonzept zu und akzeptiert die mit der Kategorie verbundenen Werte und Normen.

In bezug auf die Beantwortung der Frage, wie es nun zu einem Gefühl der Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe kommt, welche sich unter anderem durch die Anzahl der Mitglieder (mindestens zwei), durch eine klare Abgrenzung nach außen, durch positive Konsequenzen infolge einer Mitgliedschaft oder durch die Entstehung eines „Wir- Gefühls“ definiert, sind zwei wichtige Komponenten zu nennen:

Auf der einen Seite spielt die als Konsequenz mit der Gruppenzugehörigkeit verbundene Erhöhung des Selbstwertgefühls eine große Rolle. Sowohl Tajfel, als auch Turner (1975) sowie Oakes und Turner (1980), gehen deshalb von einem motivationalen Prozess aus, der dazu führt, dass sich Individuen über ihre Mitgliedschaft in Gruppen definieren. Sie erwarten sich dadurch die Herausbildung eines positiven Selbstwertgefühls bzw. einer positiven sozialen Identität. Diese wird aufgrund geeigneter Vergleiche zwischen der in-group und der out-group aufgebaut und geschieht über die in der common group identity (das „Wir- Gefühl“) implizierte Aufwertung der eigenen Gruppe und deren Mitglieder (In- group Favorisierung), sowie gleichzeitige Abwertung anderer Gruppen und ihrer Mitglieder (Out- group Diskriminierung).

Darüber hinaus spielen personale, wie auch situative Faktoren eine Rolle (vgl. Stange, 1991), die zusammenfassend dahingehend auf einen gemeinsamen Nenner gebracht werden können, dass sie allesamt dazu beitragen, die Bedürfnisse eines Individuums im Hinblick auf einen oder mehrere spezielle Aspekte der Umwelt, zu befriedigen:

…it is assumed that people have individual needs (motives, goals, drives, desires, etc.), that at least some of and probably most of these needs are satisfied directly or indirectly by other people, […], that where people perceive, belief or expect to achieve mutual satisfaction from their association, they will tend to associate in a solidary fashion, to develop positive interpersonal attitudes and to influence each other`s attitudes and behaviour on the basis of their power to satisfy needs for information and reward each other in other ways. To the degree that they do so, we have a group. (Turner, 1987, 20)

2.2.3. Identifikation mit Sportmannschaften

Wie wird jemand Fan einer bestimmten Sportmannschaft?

Wie bereits im vorherigen Kapitel deutlich wurde, ist die Gruppenzugehörigkeit eines Individuums in bezug auf die Anhängerschaft einer Sportmannschaft und die daraus resultierende Identifikation mit einer solchen, vor dem Hintergrund der „social identity theory“ als Teil seiner sozialen Identität anzusehen.

Die wichtigste Komponente dabei ist die enge emotionale Verbundenheit mit einer bestimmten Sportmannschaft, über die sich der, von den Amerikanern Daniel L. Wann und Nyla R. Branscombe, die sich vermehrt mit diesem Thema auseinandergesetzt haben, verwendete Begriff team oder spectator identification hauptsächlich definiert: „Spectator identification is defined as the extent to which individuals perceive themselves as fans of the team, are involved with the team, are concerned with the team`s performance, and view the team as a representation of themselves “ (Branscombe & Wann, 1992a, 1017).

Für Strauß (Schlicht, 1999) hat der Aufbau einer emotionalen Bindung zu einer Sportmannschaft seinen Ursprung in dem, was er weitestgehend undifferenziert mit dem Begriff der „psychologischen Nähe“ beschreibt. Gemeint sind damit Aspekte, wie Spielerpersönlichkeiten, attraktive Spielweise, Ambiente etc, die das Team in einer subjektiven Weise für den Fan sympathisch erscheinen lassen. Diese psychologische Nähe wird beispielsweise dadurch vergrößert, dass ein grundsätzliches Interesse am Sport und der betreffenden Sportart insbesondere vorhanden ist, oder dass eine räumliche Nähe zu der betreffenden Mannschaft besteht. Strauß erklärt diese größere Wahrscheinlichkeit, sich einem Club aus der näheren Umgebung, als einem geografisch weit entfernten, emotional verbunden zu fühlen, wiederum mit der Theorie der sozialen Identität von Tajfel: Fan und Verein sind danach Angehörige der selben sozialen Kategorie (Einwohner der selben Stadt), wodurch ein Anschluss an diese soziale Gruppe leichter fällt.

Die überregionale Beliebtheit einiger Mannschaften resultiert nach Strauß (Schlicht, 1999) aus den Faktoren Erfolg (Basking in reflected glory) und Besonderheit des Teams. Welche motivationalen Grundannahmen es für die Identifikation mit einer speziellen Sportmannschaft gibt, und welche Ausprägungen eine solche Identifikation mit sich bringt, gilt es im folgenden Kapitel zu beantworten.

2.2.3.1. Motive

Die motivationalen Aspekte einer team identification, als spezielle Form der group identification, lassen sich dahingehend zusammenfassen, dass von Seiten des Individuums eine Bedürfnisbefriedigung hinsichtlich des Zusammengehörigkeitsgefühls (welche die Gruppe (der Fans) bietet) kombiniert mit einer Angliederung an erfolgreiche Andere (populäre Sportmannschaften) zur Erhöhung des eigenen Selbstwertgefühls angestrebt wird.

Zur grundsätzlichen Unterstützung dieser dreifaktoriellen Argumentation dienen in erster Linie sowohl u.a. Untersuchungen von Branscombe und Wann (1991), die in drei Studien den Zusammenhang zwischen starker Identifikation mit einer speziellen Sportmannschaft und Schutz vor Depressionen und Gefühlen der Entfremdung, sowie gleichzeitige Verstärkung des Verbundenheits- und Selbstwertgefühls, bestätigen, als auch die von Cialdini, Borden, Thorne, Walker, Freeman und Sloan (1976) beobachtete und untersuchte, ebenfalls der Erhöhung des Selbstwertgefühls dienliche Tendenz, sich erfolgreichen Anderen „anzugliedern“ (Basking in reflected glory (BIRGing)).

Aber auch andere Autoren bestätigen anhand ihrer Untersuchungen diese motivationalen Aspekte der team identification: Für Guttmann (1986) repräsentiert die Mannschaft, mit der sich der Zuschauer identifiziert, die eigenen Wertevorstellungen, wodurch ein Sieg des Teams zu einem eigenen Sieg wird, und so das Selbstwertgefühl stäkt (andererseits wird dementsprechend die Niederlage der Mannschaft als eigene Niederlage wahrgenommen und löst einen gegenteiligen Effekt aus): So konnte anhand von Untersuchungen festgestellt werden, dass Zuschauer beim „Miterleben“ eines Triumphes bis in den physiologischen Bereich hinein die gleichen Aktivierungssymptome (bioelektrische Aktivitäten) wie die Athleten aufweisen, und dass Veränderungen in der Blutzucker- und Adrenalinkonzentration des Blutes infolge körperlicher Anstrengung, nicht nur bei Footballspielern, sondern in gleichem Maße auch bei den Zuschauern auftreten (Weiß, 1990). Anderson (1979) beschreibt das Bedürfnis nach Identifikation und Gemeinschaft als typische Begleiterscheinung der fortschreitenden Urbanisierung, und sieht die Identifikation mit Sportmannschaften in diesem Zusammenhang als geeignete Form der Selbstbestätigung an (vgl. dazu auch Branscombe & Wann, 1991; Weiß, 1990). Er unterscheidet dabei zwei Identifikationsarten: Auf der einen Seite schlüpft der Fan in die Rolle des Sportstars, während auf der anderen Seite die erbrachte Leistung des Athleten als Maßstab für eigene Leistungen angesehen wird und dieser dadurch (aufgrund der häufig recht großen Diskrepanz) zum Vorbild wird.

Murrell und Dietz (1992) betonen in ihren Ausführungen zum Begriff der group identification, in Anlehnung an die social identity- Theorie, die Bestrebung nach Erhöhung der sozialen Identität seitens des Individuums in Verbindung mit der Herausbildung eines kollektiven „Wir- Gefühls“, und belegen dies anhand ihrer Untersuchungen. Sie sehen diese Aspekte als zentralen Antriebsmechanismus, verantwortlich für die Identifikation mit Gruppen (group identification).

Wann (1994) argumentiert, unter Berufung auf Untersuchungen von Zillmann, Bryant und Sapolsky (1979) sowie Sloan (1979), dass die team identification das Gemeinschaftsgefühl erhöht, Fairness lehrt, Langeweile reduziert, sowie den Fans grundsätzlich die Möglichkeit gibt, dem Alltag zu entkommen und positiven Stress, in Form von Annspannung in Wettkampfsituationen des Teams, zu erfahren.

Branscombe und Wann (1991) stellen darüber hinaus einen Zusammenhang zwischen der Erhöhung des Selbstwertgefühls eines Individuums durch die Identifikation mit einer Sportmannschaft und der geografischen Nähe zum Team fest: Mit zunehmender Distanz des Wohnortes des Fans zum Standort des Clubs, nehmen häufig die Verbundenheit sowie die Gefühle der Zugehörigkeit ab. Somit stärken Fans mit einer großen Distanz zum Team ihr Selbstwertgefühl nicht durch die Gemeinschaft, sondern durch sogenannte „Basking (in reflected glory)- Tendenzen“.

Zu guter Letzt machen Sutton, Mc Donald und Milne (1997) aus betriebswirtschaftlicher Sicht auf vier Faktoren aufmerksam, welche die Fanidentifikation in direkter Weise beeinflussen und sich zudem im Einflussbereich der Manager befinden. Diese Faktoren scheinen nach Darstellung der Autoren dazu geeignet, die Verbundenheit der Fans mit dem Team zu steigern und implizieren so auf motivationaler Ebene einen weiteren Erklärungsansatz selbiger:

1. Teamcharakteristiken: Gute Spieler erhöhen die Erfolgschancen des Teams und machen es interessanter für die Zuschauer.
2. Organisatorische Faktoren: Darunter werden diejenigen Aspekte gefasst, die das Team abseits des Spielfeldes repräsentieren. Hierzu zählen beispielsweise auch geografische Gesichtspunkte (die Nähe zur Mannschaft), unter denen die Chancen eines Club aus einer Stadt mit einem großen Einzugsgebiet, auf eine potentiell große Fangemeinde, am besten stehen.
3. Gemeinschaftsaspekte: Dieser Punkt stützt sich auf das Gemeinschaftsbedürfnis der Fans mit dem Ziel, eine stärkere Verbindung zwischen den Anhängern und der Mannschaft, sowie den Fans untereinander, herzustellen.
4. Medienpräsenz: Diese erhöht den Bekanntheitsgrad der Mannschaft und macht das Team infolgedessen leichter zugänglich für potentielle neue Anhänger.

Diese betriebswirtschaftlich orientierten Aspekte gewinnen in der heutigen Zeit mehr und mehr an Bedeutung. Der fortschreitende Kommerzialisierungsprozess des Sports kann jedoch auch einen gegenteiligen Effekt bewirken. Sinkende Zuschauerzahlen beispielsweise in der jüngeren Vergangenheit der Fußballbundesligageschichte (www.dfb.de) mögen ein Indiz für den schleichenden Identifikationsverlust für die Fans sein. Im Fußball wechseln die Spieler in Folge des „Bosman- Urteils“ beinahe jährlich für horrende Millionensummen die Vereine, wodurch der Fan, der sich mit einer speziellen Mannschaft identifiziert, immer wieder gezwungen wird, sich neue Idole zu suchen. Durch die Modernisierung der Fußballstadien (Umwandlung der Steh- in Sitzplätze u.a. im Zuge der Katastrophen von Brüssel und Sheffield) und die damit verbundene Steigerung der Eintrittspreise wird ein zahlungskräftigeres Klientel angezogen und gleichzeitig der „wahre“ Fan, der sich das Stadionerlebnis finanziell häufig nicht mehr leisten kann, ferngehalten. In Zeiten, in denen es als „schick“ gilt, Sympathisant einer bestimmten Mannschaft zu sein, gewinnen, verbunden mit dem zunehmenden Identifikationsverlust, insbesondere Tendenzen, wie der von Cialdini et al. (1976) beschriebene BIRGing- (basking in reflected glory) Effekt, immer mehr an Bedeutung.

2.2.3.2. Ausprägungen

Eine nähere Betrachtung der Auswirkungen der Identifikation mit einem bestimmten Fanobjekt, in diesem Fall bestimmten Sportmannschaften, führt zunächst zu einer grundlegenden Dreiteilung der Fanszenerie in der Literatur (u.a. Sutton et al., 1997; Wann & Branscombe, u.a. 1993), wie sie sich auch in vergleichbarer Form in Kapitel 2.1.1. in bezug auf die grundsätzliche Differenzierung des Fußballpublikums wiederfinden lässt (Zuschauer, Anhänger, Fans; konsumorientierte, fußballzentrierte und erlebnisorientierte Zuschauer und Fans). Die Autoren differenzieren demzufolge zwischen Fans mit einem geringen, mittleren oder hohen Grad an Identifikation (low identification, medium identification, high identification), welche sich hinsichtlich der Ausprägungen infolge der Verbundenheit zu einer bestimmten Sportmannschaft in Ausmaß und Intensität unterscheiden lassen, d.h. eine unterschiedliche Ausprägung der Identifikation ist dabei verantwortlich für den Loyalitätsgrad der Zuschauer: „Numerous behavioral, cognitive, and emotional reaction differences were observed for persons who differ in the degree to wich they identify with a particular sports team.“ (Wann & Branscombe, 1993)

Die Auswirkungen der team identification können demnach wie folgt, in vier Kategorien untergliedert werden:

1. Verbundenheit mit dem Team

Branscombe und Wann (1992a) fanden heraus, dass sich Fans mit einem hohen Grad an Identifikation durch eine größere Verbundenheit mit dem Team auszeichnen und sich bei Niederlagen demzufolge nicht so schnell von ihrer Mannschaft distanzieren. Im Gegenteil erhalten sie auch nach längeren Phasen des Misserfolges die Verbundenheit aufrecht (Wann & Branscombe, 1990). Durch die größere Verbundenheit, besitzen Personen mit hoher teamspezifischer Identifikation mehr Wissen über „ihre“ Mannschaft als Personen mit geringerer Identifikation und berichten mehr subjektiv angenommene Informationen (Wann & Branscombe, 1995). Darüber hinaus konnte in Verbindung mit der stärker ausgeprägten Verbundenheit ebenfalls eine größere physiologische Erregung (höhere Blutdruckwerte) in Wettkampfsituationen (unabhängig vom Ausgang des Wettkampfes) bei Beteiligung des Fanobjektes unter der erstgenannten Gruppe festgestellt werden (Branscombe & Wann, 1992b; Wann & Branscombe, 1990).

2. Attributionen bezüglich des Teams

Wann und Branscombe (1993) fanden heraus, dass Fans mit ausgeprägter Identifikation eher dazu neigen, dem Erklärungsmuster des self- serving- bias folgend, den Erfolg des „eigenen“ Teams mit internalen Faktoren (wie z.B. eigene Stärke, positive Fähigkeiten) zu erklären, und Misserfolge zumeist externalen Faktoren (wie z.B. Pech, Schuld des Schiedsrichters) zuzuschreiben. Cialdini et al. (1976) bestätigten anhand der Ergebnisse ihrer Untersuchungen Unterschiede in der Attributierung nach Siegen oder Niederlagen, wonach Studenten nach siegreichen Spielen „ihrer“ College- Basketballmannschaft, häufiger in der „ Wir - Form“ (Wir haben gewonnen) davon sprachen, während nach Niederlagen des Teams die distanzierendere „ Sie - Form“ (Sie haben verloren) verwendet wurde. Wann und Dolan (1994a) stellten darüber hinaus fest, dass hochgradig mit einer Sportmannschaft verbundene Personen, im Vergleich zu jenen mit geringer ausgeprägter Identifikation, die erbrachten Leistungen des bevorzugten Teams in der laufenden-, wie auch in der vergangenen Saison besser einschätzten, als diese tatsächlich waren. Auch für zukünftige Wettkämpfe setzt sich diese positive Einschätzung fort.

3. Investitionen in das Team

Fans, die sich stark mit einer Sportmannschaft identifizieren, sind bereit, mehr Zeit und Geld zu investieren, um sich sowohl Heim-, wie auch (als besonderes Charakteristikum eines stark verbundenen Anhängers) Auswärtsspiele „ihrer“ Mannschaft anzusehen (Wann & Branscombe, 1993). Unter Berufung auf Studien von Mann (1979) und Melnick (1989) verweisen die selben Autoren an gleicher Stelle darauf, dass „high identified fans“ eher gewillt sind, sich in langen Warteschlangen für eine Eintrittskarte anzustellen.

4. Selbstbild der Fans des Teams

Fans, die sich durch einen hohen Identifizierungsgrad auszeichnen, nehmen, im Gegensatz zu den gering identifizierten Zuschauern, die eigene Gruppe als etwas besonderes wahr, fühlen sich sowohl ihr, als auch untereinander in einer speziellen Form verbunden (Wann & Branscombe, 1993) und beurteilen die Fans der „eigenen“ Mannschaft grundsätzlich positiver als die gegnerischen Anhänger (Wann & Dolan, 1994b; Wann & Branscombe, 1995). Die damit verbundene in- group Favorisierung und out- group Diskriminierung dieser Fans ist durch eine signifikante positive Darstellung der Eigengruppe, sowie negative Darstellung der Fremdgruppe gekennzeichnet (Branscombe & Wann, 1992a, 1993; vgl. auch Tajfel, 1982) . Bei Fans geringerer Identifikation treten diese Tendenzen weniger stark auf.

Eine zusammenfassende Darstellung der vielfältigen Auswirkungen der Identifikation von Sportzuschauern mit einer speziellen Mannschaft lassen sich u.a. bei Strauß (1995) finden. Zusammengenommen mit den zuvor geschilderten positiven Auswirkungen auf die menschliche Psyche (gesteigertes Selbstwertgefühl, Verbundenheit, Gemeinschaft) als zugrundeliegende Motive für eine solche emotionale Verbundenheit zu einer Sportmannschaft, verdeutlichen sie den Stellenwert des Identifikationsobjektes im Leben eines Fans, wo Niederlagen des favorisierten Teams zu persönlichen Niederlagen werden. Siege des Teams dagegen steigern das Selbstwertgefühl der Anhängerschaft, was dazu führt, dass die Fans bestrebt sind, das Geschehen auf dem Rasen zu ihren Gunsten zu beeinflussen und zu kontrollieren. Dieses Kontrollbedürfnis bildet die Überleitung zum nachfolgenden Kapitel der Arbeit, in dem zunächst die theoretischen Grundsätze des Themenkomplexes „Kontrolle“ dargelegt werden sollen, ehe diese in Kapitel 3. ihre konkrete Anwendung in bezug auf die Sportzuschauer und deren Kontrollausübung finden.

2.3. Kontrolle

Das Konzept der personalen- oder kognizierten Kontrolle ist eine der bedeutendsten kognitiven Theorien der Sozialpsychologie.

Die Idee, dass der Mensch danach strebt, die Geschehnisse und Ereignisse seiner Umwelt unter Kontrolle zu bringen, ist nicht neu. Erste Gehversuche unternahm diese Theorie zu Beginn des letzten Jahrhunderts. Erst in den frühen siebziger Jahren haben sich jedoch eine Reihe von Autoren (u.a. Averill, 1973; Seligmann, 1975, 1979; Langer 1975; Miller, 1979; Baum & Singer, 1980; Thompson, 1981; Frey, Osnabrügge & Stahlberg, 1985) verstärkt mit diesem Phänomen beschäftigt. Sie untersuchten hauptsächlich, wie sich Menschen in (häufig experimentellen) Situationen verhalten, in denen sie mit aversiven Stimuli (negativen, bedrohlichen Umweltreizen) konfrontiert werden, die sie gegebenenfalls unterdrücken bzw. beenden können, im Gegensatz zu anderen Personen, denen diese Möglichkeit während des Experimentes nicht gegeben war. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen zeigten einen positiven Einfluss auf die menschliche Psyche bei Vorhandensein von personaler Kontrolle, während es sich negativ auf die Psyche auswirkte, wenn eben diese Kontrolle fehlte.

Basierend auf diesem Zusammenhang der Auswirkungen von personaler Kontrolle, ist das folgende Kapitel meiner Arbeit, dahingehend strukturiert, dass nach einer Definition der Begrifflichkeiten, vor dem Hintergrund der positiven Effekte, die mit einer Kontrollausübung einher gehen können, zunächst die motivationalen Faktoren einer solchen Kontrollausübung erläutert werden sollen. Nach der Darstellung und Strukturierung des Kontrollprozesses bzw. der Kontrollreaktionen wird anschließend auf die negativen Folgen im Zuge fehlender Kontrollmöglichkeiten verwiesen, ehe abschließend u.a. auch anhand der fundamentalen Studien von Ellen J. Langer speziell auf das Konstrukt der Kontrollillusion eingegangen werden soll.

2.3.1. Begriffsdefinition

Der Begriff der kognizierten- (eine Person ist davon überzeugt, Kontrolle ausüben zu können) oder personalen Kontrolle (in der englischsprachigen Literatur, u.a. bei Corah & Boffa, 1970; Geer, Davison & Gatchel, 1970; Gatchel, 1980 ist häufig auch von wahrgenommener Kontrolle (perceived control) die Rede) wird in der Literatur nicht einheitlich verwendet, und so gibt es auch nicht die eine Definition des Begriffes. Man kann jedoch sagen, dass mit personaler Kontrolle die subjektive Erfahrung einer Person, selbst Kontrollinstanz und nicht Objekt der Kontrolle zu sein, gemeint ist (Preiser, 1988). Ein Objekt der Kontrolle wird von der Kontrollinstanz als kontrollierbar angesehen, wenn beispielsweise einer Person durch objektive Gegebenheiten, Möglichkeiten zur Verfügung stehen, das Ereignis oder die Situation zu beeinflussen, wenn also eine Kontingenz zwischen Verhalten und Ergebnissen vorhanden ist. Bierhoff (1984, 133) definiert Kontrollierbarkeit demnach folgendermaßen: „Eine Reaktion kontrolliert ein Ereignis nur dann, wenn die Wahrscheinlichkeit des Ereignisses bei Vorhandensein der Reaktion sich von der Wahrscheinlichkeit des Ereignisses bei Fehlen der Reaktion unterscheidet“. Der Begriff der wahrgenommene Kontrolle (perceived control) bezeichnet praktisch das selbe Phänomen. Er beschreibt auf der Wahrnehmungsebene die Empfindung eines Individuums, Kontrolle ausüben zu können. Gatchel (1980, 1) definiert diese folgendermaßen: „perceived control is defined simply as the subject`s perception of a contingency between the performance of some behavior and the ability to avoid or escape a stressful, unpleasant event.”

Oftmals ist es jedoch nicht ganz eindeutig nachzuweisen, ob die Reduzierung der Aversivität des Reizes auf die Kontrollierbarkeit von Seiten des Individuums oder aber auf die reine Vorhersagbarkeit des Ereignisses zurückzuführen ist. Bei dieser Fragestellung verdeutlicht sich der enge Zusammenhang der zwei Komponenten Kontrollierbarkeit und Vorhersagbarkeit, aus denen die Kontrolle zusammengesetzt ist. Die trennscharfe Betrachtungsweise der beiden Begriffe erscheint zwingend notwendig.

Die Vorhersagbarkeit eines Ereignisses ist entweder durch inhaltliche Faktoren gekennzeichnet, so dass man weiß, unter welchen Umständen das Ereignis auftritt (Kontingenz- Vorhersagbarkeit) (Bierhoff, 1984), in welcher Form das Ereignis auftritt und welche Folgen es mit sich bringt, oder den Faktor Zeit, der einer Person die Vorhersehbarkeit des zeitlichen Rahmens des Ereignisses ermöglicht. Die einfachste Erklärungsmöglichkeit für einen Zusammenhang zwischen Vorhersagbarkeit und Aversivitätsreduzierung einer Situation unter Berücksichtigung dieses Aspektes, bietet die sogenannte Sicherheitssignal- Hypothese. Kernthese selbiger ist, dass Individuen im Umgang mit traumatischen Situationen jederzeit Ängste erleben, außer in Anwesenheit eines Stimulus, der zuverlässig Sicherheit voraussagt (Seligman, 1979). In diesem Sinne hat ein Individuum bei der Auseinandersetzung mit einem aversiven Reiz, welcher beispielsweise durch ein Warnsignal angekündigt wird, in Zeiten in denen dieses Warnsignal nicht auftritt, keine bedrohliche Situation zu erwarten, da das Fehlen des Warntones als Sicherheitssignal gedeutet werden kann.

Die Kontrollierbarkeit eines Ereignisses ist demgegenüber mit konkreten Handlungsmöglichkeiten und Strategien verbunden, die in Abschnitt 2.3.4. unter Berücksichtigung der theoretischen Konzepte von James R. Averill und Suzanne C. Thompson, näher erläutert werden sollen.

Der Zusammenhang zwischen Vorhersagbarkeit und Kontrollierbarkeit besteht darin, dass man ein Ereignis, welches man kontrollieren kann, auch vorhersagen kann, wohingegen man ein vorhersagbares Ereignis unter Umständen nicht kontrollieren können muss. Die Kontrolle über ein Ereignis hat in punkto Stressabbau oder Angst deutlich größere Auswirkungen, als bloße Vorhersagbarkeit. Seligman (1979) verdeutlicht dies anhand von Untersuchungen zur Selbstverabreichung aversiver Reize: In dem von ihm zitierten Versuch von Pervin, aus dem Jahr 1963 wurden jeder Versuchsperson kontrollierbare, nichtkontrollierbare, vorhersagbare und nicht vorhersagbare elektrische Schläge verabreicht. Nach Beendigung des Experimentes danach befragt, welcher Bedingung sich die Versuchspersonen freiwillig ein weiteres Mal aussetzen würden, bevorzugten sie Vorhersagbarkeit gegenüber Unvorhersagbarkeit und Kontrolle gegenüber Unkontrollierbarkeit. Die Angst der Versuchsteilnehmer war jedoch in der Bedingung der Kontrollierbarkeit des aversiven Reizes am geringsten.

Neben dieser grundsätzlichen Definition von personaler Kontrolle, existieren mehrere Verwendungen des Kontrollbegriffes, die von der subjektiven Wahrnehmung und Einschätzung des Individuums abhängig sind (beispielsweise den Begriff der potentiellen Kontrolle, der die Überzeugung einer Person beschreibt, die Ereignisse im Notfall kontrollieren zu können).

Eine weitere Form, auf deren Ausprägung ich im Verlauf meiner Arbeit näher eingehen werde, ist die Kontrollillusion, bei der das Individuum der Überzeugung ist, ihm stünden Reaktionsmöglichkeiten zur Verfügung, um ein Ereignis zu beeinflussen, obwohl dies objektiv betrachtet, nicht möglich ist.

Nach dieser kurzen Begriffsdefinition stellt sich als nächste grundsätzliche Frage, woher stammt das Bedürfnis eines Individuums die Gegebenheiten seiner Umwelt beeinflussen zu wollen?

2.3.2. Kontrollmotivation

Der Zusammenhang von Motivation und Kontrolle in bezug auf menschliches Verhalten wird bereits seit geraumer Zeit in der Literatur diskutiert (u.a. White, 1959) und von der Mehrzahl der Autoren bestätigt (u.a. Frey et al., 1985; Preiser, 1988; Herkner, 1991). Während die meisten Autoren von einer generalisierten Kontrollmotivation ausgehen, nimmt beispielsweise Preiser (1988) eine Differenzierung des Begriffes vor und unterscheidet drei Ebenen in denen das Bedürfnis eines Individuums, die Geschehnisse seiner Umwelt zu kontrollieren, auftreten kann:

1. Erkenntnis: Der Mensch möchte wissen, was in ihm selbst und in seiner Umwelt vor sich geht.
2. Prognose: Der Mensch möchte Voraussagen über zukünftige Ereignisse machen können, um sich darauf einstellen zu können.
3. Einfluss: Der Mensch möchte seine Umwelt durch eigene Handlungen selbst beeinflussen können.

Der Quintessenz der zugrundeliegenden Literatur, welche den motivationalen Aspekt der Kontrollausübung betont, ist demnach, dass der Mensch zukünftige Situationen, welche er, wie auch immer geartet, beeinflussen kann, gegenüber anderen Situationen vorzieht, in denen keinerlei Beeinflussung möglich ist. Dies wirft die daran anschließende Frage danach auf, woher nun aber das Bedürfnis oder die Motivation einer Person kommt, Einfluss auf Ereignisse und Veränderungen in der Umwelt ausüben zu wollen bzw. welche positiven Aspekte eine kontrollierbare Situation besitzt und wie sich demgegenüber eine nicht zu kontrollierende Situation negativ auswirken kann?

Die Beantwortung dieser Frage fällt relativ leicht: Das Kontrollbedürfnis richtet sich auf Ziele die als wichtig angesehen werden und beeinflusst somit zentrale Aspekte im Leben des Individuums. Ist mittels Kontrollierbarkeit eine positive Beeinflussung eines für das Individuum entscheidenden Ereignisses möglich, so geht dies auf zweierlei Arten mit positiven Auswirkungen auf die menschliche Psyche einher:

1. Kontrolle reduziert Stress

Wie bereits erwähnt, wird der Kontrollbegriff von Seiten der Autoren hauptsächlich bezogen auf Stress und die Vermeidung aversiver Stimuli verwendet. Die Annahme einer Kontrollmotivation bezieht sich demnach also darauf, durch die Kontrollierbarkeit eines Ereignisses, Stress zu vermeiden. Hat eine Person die Kontrolle, kann sie die Aversivität des Ereignisses dahingehend beeinflussen, dass es beispielsweise weniger schmerzhaft und somit erträglicher wird. Kontrolle trägt dazu bei, Stress zu minimieren oder zu eliminieren, was sich positiv auf die Psyche des Individuums niederschlägt. Unkontrollierbare Situationen haben Passivität, Lernschwierigkeiten, depressive Stimmungen, niedrige Effizienzerwartungen, Attribution von Misserfolgen an mangelnde Fähigkeit, usw. zur Folge (Herkner, 1991) und bauen im Allgemeinen Stress auf, da die Ergebnisse für die handelnde Person nicht abzusehen sind. Kontrollierbare Situationen erlauben es dem Akteur demgegenüber, die Ergebnisse und Auswirkungen seiner Handlungen abzuschätzen, was einen positiven Effekt auf seine Psyche hat. Kann man also wichtige Aspekte eines Ereignisses kontrollieren, z.B. wann dieses auftritt, wann es endet, wie es sich anfühlt etc. , kann man sich darauf einstellen. Werden demnach die Versuchpersonen eines Experiments über den genauen Beginn und das Ende eines Elektroschocks informiert, können sie sich in der Phase, über die sie wissen, dass kein Stromschlag auftreten wird, entspannen (Sicherheitssignal- Hypothese). Diejenigen Versuchspersonen, die die zeitliche Terminierung des Stromstoßes nicht kennen, befinden sich in ständiger Erwartung des aversiven Reizes, was einen körperlichen Zustand der Entspannung nicht zulässt. Weitere Beispiele für die positive Auswirkung von personaler Kontrolle auf die Reduktion von Stress lassen sich in der Literatur (u.a. Thompson, 1981; Averill, 1973, 1980) finden.

2. Kontrolle erhöht das Selbstbewusstsein

Die Kontrolle über ein Ereignis zu besitzen, kann neben der Minimalisierung und Eliminierung von Stress, darüber hinaus zu einer Erhöhung des Selbstbewusstseins führen: Bei der Motivation nach Ausübung von Kontrolle handelt es sich um ein Kompetenzmotiv, welches auf die Erweiterung der menschlichen Handlungs- und Entwicklungsmöglichkeiten gerichtet ist (Preiser, 1988). Jedes Individuum ist demnach also darum bemüht, seine Kompetenzen in bezug auf die Umwelt ständig zu erweitern, weshalb eine Befriedigung des Kontrollbedürfnisses nicht zu einer Reduzierung der Motivintensität führt, sondern lediglich die Grundlage für eine Kompetenzerweiterung bildet. Die Geschehnisse und Situationen in seiner Umgebung zu kontrollieren, ist Ausdruck dieser Kompetenz und trägt so zur Steigerung des Selbstbewusstseins bei, da das Individuum wahrnimmt, dass es durch sein Verhalten Veränderungen in der Umwelt herbeiführen kann (allein die Zuschreibung der Veränderungen zu den internalen Faktoren (im Gegensatz zu externalen Faktoren) erhöht nach DeCharms „Personal causation- theory“ (1968) das Selbstbewusstsein). Je komplexer und somit schwieriger zu kontrollieren die Situationen sind, desto mehr werden Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl der Person gestärkt. Die größtmögliche Bestätigung kann ein Individuum demzufolge dadurch erlangen, dass es Ereignisse „kontrolliert“, die objektiv nicht kontrollierbar sind (Langer, 1975) (dieses Phänomen wird unter dem Kapitel „Kontrollillusion“ im weiteren Verlauf meiner Ausführungen näher betrachtet).

Allerdings finden Rodin, Rennert und Solomon (1980) bezugnehmend auf zwei Studien von Marsha Levy- Warren (1974) und Scott Prussing (1975), Anzeichen dafür, dass die Annahme einer Erhöhung des Selbstbewusstseins durch Ausübung von Kontrolle nicht generalisiert werden kann: Bei einer dieser Untersuchungen beispielsweise, war einem Teil der Versuchspersonen dadurch eine Kontrollmöglichkeit gegeben, dass sie aus einer Reihe von Fragebögen, diejenigen auswählen konnten, die sie bearbeiten wollten. Der Versuchspersonengruppe ohne Kontrolle war diese Möglichkeit nicht gegeben. Beide Gruppen waren danach angehalten, ihr Selbstbewusstsein auf einer „self- esteem scale“ einzuschätzen. Die Ergebnisse widerlegten überraschenderweise die Hypothese: Im Gegensatz zu den Erwartungen erzielten die Vpn, welche eine Kontrollmöglichkeit besaßen geringere Ergebnisse auf der „self- esteem scale“, als diejenigen, die keine Kontrolle hatten. Die zweite Studie unterstützte mit ähnlichen Ergebnissen die erste Untersuchung, so dass die Autoren zu dem Schluss kamen, dass nur unter bestimmten Konditionen eine Erhöhung des Selbstwertgefühles stattfindet.

Eine wichtige Kondition ist dabei nach Rodin et al. (1980) der Grad der Verantwortung: Die Möglichkeit, Kontrolle ausüben zu können impliziert eine erhöhte Verantwortungszuschreibung. Kontrolle über ein Ereignis verringert somit die Möglichkeit des Individuums - da es selbst für diese Ergebnisse verantwortlich ist - etwaige schlechte Ergebnisse externalen Faktoren zuzuschreiben, was mit einer Minderung des Selbstbewusstseins einhergeht. Es ist daher nötig, entweder den Grad der Verantwortungszuschreibung zu minimieren, oder aber, was leichter durchführbar ist, einen Faktor zu erhöhen, der das Individuum zuversichtlicher bezüglich eines positiven Ergebnisses werden lässt: „If the individual felt more certain that the results of his or her control attempts would be positive, self- esteem might be unaffected or even enhanced.“ (Rodin et al., 1980, 142). Am besten dazu geeignet, da am leichtesten umzusetzen, scheint eine Erhöhung der dem Individuum gegebenen Informationen über die Situation zu sein: „Feeling well informed makes a person believe that a good choice and favorable outcomes are possible and thus increases the person`s willingness to accept the responsibility that goes with increased choice and control.” (Rodin et al., 1980, 142).

Es bleibt festzuhalten, dass die Ausübung von Kontrolle einen positiven Einfluss auf die menschliche Psyche in bezug auf Stressreduzierung und Erhöhung des Selbstwertgefühles haben kann, und somit die Motivation eines Individuums nach eben dieser Kontrollausübung erklärt. Es ist jedoch auch deutlich geworden, dass besonders die Selbstbewusstseinssteigerung eine differenzierte Betrachtungsweise erforderlich macht.

Abgesehen davon, muss jedoch auch die allgemeine Annahme, Personen seien motiviert, Kontrolle zu suchen und auszuüben in zwei Richtungen differenziert werden: Erstens gibt es situative Einflussfaktoren, unter denen Personen auf Kontrollmöglichkeiten verzichten und zweitens liegen interindividuelle Unterschiede im Ausmaß der Kontrollmotivation und deren Auswirkung vor.

2.3.2.1. Situative Einflussfaktoren

Es gibt eine Reihe situativer Bedingungen, unter denen, entgegen der Annahme einer generellen Kontrollmotivation, auf Kontrolle verzichtet wird.

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Details

Seiten
157
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783832457891
ISBN (Buch)
9783838657899
Dateigröße
2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v221258
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Sportwissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
soziale kontrolle identifikation fußballfans sportpsychologie sozialpsychologie

Autor

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Titel: Sportzuschauer und ihre Kontrollillusion