Lade Inhalt...

Der Konjunktiv in Hörfunknachrichten

Der Journalistenkonjunktiv

Magisterarbeit 2002 72 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Der Konjunktiv in der deutschen Gegenwartssprache
2.1. Was ist der Konjunktiv?
2.2. Wann verwendet man den Konjunktiv?
2.3. Der Konjunktiv in der indirekten Rede
2.4. Alternativformen zur Wiedergabe von Äußerungen

3. Besonderheiten der Hörfunksprache
3.1. Kurze Geschichte des deutschen Hörfunks
3.2. Die Besonderheiten des Mediums Radio
3.3. Schreiben fürs Hören
3.4. Sprache in den Hörfunknachrichten
3.4.1. Besonderheiten der Hörfunknachrichten
3.4.2. Wie schreibt man Hörfunknachrichten?
3.4.3. Probleme beim Verstehen von Hörfunknachrichten

4. Der Konjunktiv in den Hörfunknachrichten: Meinungen von Journalisten und Medienwissenschaftlern
4.1. Der aktuelle Stand in der Diskussion
4.2. Der Konjunktiv ist weiterhin unvermeidbar
4.3. Der Konjunktiv sollte vermieden werden
4.4. Zusammenfassung der verschiedenen Meinungen

5. Untersuchung von Hörfunknachrichten
5.1. Korpus und Methodik
5.2. Hörfunknachrichten vom Bayerischen Rundfunk
5.2.1. Aufbau des Bayerischen Rundfunks und seiner Hörfunknachrichten
5.2.2. Anweisungen zur Verwendung des Konjunktivs in den Hörfunknachrichten des Bayerischen Rundfunks
5.2.3. Der Konjunktiv in den Hörfunknachrichten des Bayerischen Rundfunks
5.3. Nachrichten von Antenne Bayern
5.3.1. Antenne Bayern und seine Nachrichten
5.3.2. Anweisungen zur Verwendung des Konjunktivs in den Nachrichten von Antenne Bayern
5.3.3. Der Konjunktiv in den Nachrichten von Antenne Bayern
5.4. Nachrichten von der BLR
5.4.1. Was ist die BLR und was macht sie für Nachrichten?
5.4.2. Anweisungen zur Verwendung des Konjunktivs in den Nachrichten der BLR
5.4.3. Der Konjunktiv in den Nachrichten der BLR
5.5. Zusammenfassung der Untersuchungsergebnisse

6. Hat die Massenmediensprache Einfluss auf die Alltagsprache?
6.1. Die Diskussion um die Leitfunktion der Massenmediensprache
6.2. Massenmediensprache beeinflusst Alltagssprache
6.3. Alltagssprache wird nicht durch Massenmediensprache beeinflusst

7. Bibliographie
7.1. Literatur
7.2. Grammatiken und Nachschlagewerke
7.3. Quellen

1. Einleitung

Sprache entwickelt und verändert sich. Das betrifft sowohl die Rechtschreibung, als auch das Vokabular und die Grammatik. Die Massenmedien tragen zu dieser Veränderung der Sprache einen kleinen Teil bei, indem sie entweder Wörter neu schaffen und durch wiederholten Gebrauch in Umlauf bringen oder indem sie Trends aus der gesprochenen Alltagssprache der Menschen aufnehmen.

Gleichzeitig erwarten aber viele Menschen von den Massenmedien auch, dass sie neben ihrer Tätigkeit als „Sprach-Trend-Scouts“ sozusagen als „Aufrechterhalter der korrekten Sprache“ agieren. Denn Sprache ist schließlich das Werkzeug der Mas­senmedien und Rezipienten gehen davon aus, dass sie sich auf die Richtigkeit der gehörten oder gelesenen Sprache verlassen können. Das gilt vor allem für die sachli­chen und informationsbetonten Nachrichten. Hier erwarten die Menschen die Ver­wendung der Hochsprache.

Übersehen wird dabei von den Rezipienten, dass es im Interesse der Massenme­dien liegt, gut und richtig verstanden zu werden. Was macht ein Journalist also, wenn er das Gefühl hat, dass gewisse grammatische Regeln überholt scheinen, er sie aber trotzdem regelmäßig gebraucht? Denn so erscheinen Regeln etwa in der DUDEN -Grammatik, werden aber in der Alltagssprache gar nicht mehr angewendet.

Genau vor diesem Problem stehen Journalisten, wenn sie entscheiden müssen, ob sie den Konjunktiv verwenden sollen oder nicht. Schon seit Jahrzehnten wird kriti­siert, dass die Formen des Konjunktivs schwer verständlich sind. In der Alltagsspra­che schließlich wird er kaum noch verwendet und auch die Printmedien nutzen im­mer öfter die Chance ihn zu umgehen, etwa durch wörtliche Rede. Trotzdem taucht der Konjunktiv nach wie vor in allen Massenmedien auf.

Hörfunknachrichten sind in diesem Zusammenhang besonders interessant, da sie in der Medienlandschaft eine ungewöhnliche Stellung einnehmen: In den Hörfunk­nachrichten wird schriftliche Sprache mündlich vermittelt, ohne die Unterstützung von Bildern. Die Hörfunknachrichten stehen also zwischen Schriftlichkeit und Mündlichkeit. Das heißt, Hörfunknachrichten sind ausschließlich auf Sprache ange­wiesen und zwar auf eine verständliche Sprache. Ist in diesem Zusammenhang der Gebrauch des Konjunktivs noch zu rechtfertigen? Sind die Hörfunknachrichten da­bei in ihrer Stellung zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit in einer besonders schwierigen Position? Wie wird mit diesem Problem bei verschiedenen Sendern umgegangen? Diese und andere Fragen werden in dieser Arbeit diskutiert.

Zunächst wird dabei ein Überblick über den Konjunktiv gegeben: Was ist der Konjunktiv überhaupt, wann verwendet man ihn? In diesem Zusammenhang wird besonders die wichtige Stellung des Konjunktivs innerhalb der indirekten Rede erläutert. Außerdem wird gezeigt, welche Möglichkeiten die deutsche Sprache bietet, wenn man den Konjunktiv in der indirekten Rede vermeiden will.

Danach folgt ein Überblick über die Hörfunklandschaft. Er informiert über die Geschichte des Mediums Radio und seine Besonderheiten. Detaillierter werden dann die Hörfunknachrichten beschrieben. Es soll deutlich werden, inwiefern sie eine besondere Stellung innerhalb des Hörfunks einnehmen und wie man sie so gestaltet, dass sie gut verständlich sind.

Die Diskussion über den Konjunktiv im Hörfunk, und insbesondere in den Hör­funknachrichten, bildet das nächste Kapitel. Dabei werden Medienwissenschaftler und Journalisten zitiert. Einige von ihnen sehen den Konjunktiv als weiterhin un­vermeidbar an, andere finden, der Konjunktiv sollte so häufig wie möglich vermie­den werden.

Um Theorie und Wirklichkeit miteinander zu verknüpfen, wird im Folgenden an­hand von drei bayerischen Sendern gezeigt, wie mit dem Konjunktiv in den Hör­funknachrichten heutzutage umgegangen wird. Die offiziellen Vorgaben der zustän­digen Nachrichtenchefs für die Nachrichtenredakteure werden dargelegt, und ob diese Vorgaben dann auch in den Sendungen umgesetzt werden, zeigen Untersu­chungen von jeweils zehn Nachrichtensendungen.

Abschließend folgt ein Exkurs zum Thema „Hat die Mediensprache Einfluss auf die Alltagssprache?“. Der Exkurs soll zum Diskutieren und auch zum weiteren For­schen anregen, denn wissenschaftliche Untersuchungen zu dem Thema gibt es nicht. Trotzdem sehen viele Journalisten einen Zusammenhang zwischen Mediensprache und vor allem der Sprachrezeption der Menschen.

Die Diskussion um den Einfluss der beiden Sprachgruppen aufeinander ist be­sonders interessant, da diese Anstoß und Grundlage für die Diskussion um den Gebrauch des Konjunktivs in den Hörfunknachrichten ist.

2. Der Konjunktiv in der deutschen Gegenwartssprache

2.1. Was ist der Konjunktiv?

Der Konjunktiv ist ein sogenannter Modus. Durch den Modus gibt es in der deutschen Sprache die Möglichkeit Aussagen in bestimmter Weise zu kennzeichnen. Dazu werden verschiedene Verbformen verwendet. Ein Sprecher benutzt also die drei vorhandenen Modi – Indikativ, Konjunktiv und auch den Imperativ – dazu, sei­ner Aussage einen bestimmten Wert oder eine Färbung zu verleihen. Die Modi die­nen der „Signalisierung von Modalität“[1].

Der am häufigsten verwendete Modus ist der Indikativ. Die DUDEN -Gramma­tik und Walter Flämigs Grammatik des Deutschen bezeichnen den Indikativ sogar als den „Normalmodus“[2]. Mit ihm wird „etwas in sachlicher Feststellung als tatsächlich und wirklich, als gegeben dargestellt und ohne Bedenken anerkannt.“[3] Hier ein Bei­spielsatz:

Ministerpräsident Edmund Stoiber hat heute Geburtstag und gibt

deswegen am Abend einen Empfang für hochrangige Vertreter

aus Wirtschaft und Gesellschaft.

Mit dem Indikativ drückt ein Sprecher aus, dass das was er sagt allgemein gültig ist und er sich mit dieser Äußerung einverstanden erklärt und ihr zustimmt. „Der Indikativ ist die neutrale Modusform, durch deren Bedeutung die allgemeine Geltung einer Äußerung nicht eingeschränkt wird.“[4]

„Während mit dem Indikativ ein Geschehen meist als wirklich gedacht darge­stellt wird, dient der Konjunktiv dazu, ein Geschehen als vermittelt, nicht oder noch nicht wirklich im weitesten Sinne zu kennzeichnen.“[5]

Der Konjunktiv gibt einem Sprecher die Möglichkeit sich von dem Gesagten zu distanzieren. Seine Äußerung besitzt keine „Allgemeingültigkeit“[6] mehr, und er identi­fiziert sich nicht mit ihr. Ein Beispiel für einen Satz im Konjunktiv:

Theo Waigel hat gesagt, er könne heute Abend nicht kommen, da

sein Parteifreund Edmund Stoiber Geburtstag habe und er deswegen

zu einem Empfang eingeladen sei.

Hier weiß der Sprecher nicht, ob Edmund Stoiber wirklich Geburtstag hat und zitiert deshalb Theo Waigel. Der Konjunktiv wird also zur Redevermittlung benutzt. Der Sprecher hat den „Inhalt der Rede nicht zu verantworten“[7].

Der dritte der Modi, der Imperativ, soll hier nur kurz erklärt werden. Er spielt gerade im Hinblick auf die Untersuchung von Sprache in Hörfunknachrichten keine große Rolle. „Der Imperativ dient dazu, eine Aufforderung direkt an eine oder meh­rere Personen zu richten. Bei der Aufforderung kann es sich um eine Bitte, einen Wunsch, eine Anweisung, einen Befehl oder Ähnliches handeln.“[8] Mehrere Bei­spiele:

Komm doch zu dem Empfang von Edmund Stoiber!

Verlassen Sie sofort diesen Empfang!

Bedient Euch am Buffet!

2.2. Wann verwendet man den Konjunktiv?

Der Konjunktiv wird am häufigsten verwendet um die Aussagen anderer zu zi­tieren, also in der indirekten Rede. Genau hier findet er hauptsächlich auch seine Verwendung in den Hörfunknachrichten, denn dort werden überdurchschnittlich häu­fig Aussagen anderer Menschen wiedergegeben.

In der indirekten Rede kann entweder der Konjunktiv I, der Konjunktiv II oder die sogenannte „würde-Form“ verwendet werden. Normalerweise benutzt man den Konjunktiv I, aber auch die beiden anderen Formen sind möglich. Laut der DUDEN- Grammatik und Walter Heuers Grammatik Richtiges Deutsch gibt es dafür keine festen Regeln[9]. Alle Formen sind grammatisch richtig, deshalb ist es „eine Sache des Stils, welcher Konjunktivform der Vorzug gegeben wird“[10]. Walter Flämig emp­fiehlt für die geschriebene Standartsprache daher Folgendes: „Sind in der indirekten Rede die Formen des Konjunktivs I nicht eindeutig als solche erkennbar, z.B. bei zahlreichen Pluralformen ohne Vokalwandel, die sich nicht vom Indikativ unter­scheiden, treten die Formen des Konjunktivs II als Ersatz dafür ein.“[11]

Die „würde-Form“ wird besonders häufig in der gesprochenen Sprache, also in der Umgangssprache verwendet. Sie dient „als Ersatz für ungebräuchliche und nicht eindeutige Formen“[12] des Konjunktivs, etwa wenn dem Sprecher die Konjunktiv-Form zu altmodisch oder zu gehoben klingt. Sie wird auch dann verwendet, wenn sich die Konjunktiv-II-Formen nicht eindeutig von den Indikativformen unterschei­den.[13] Zusammenfassend gesagt werden „die mit würde umschriebenen Formen des Konjunktivs II [dort] stehen, wo die einfachen Formen ungebräuchlich sind oder missverstanden werden können“[14].

Über die indirekte Rede hinaus wird der Konjunktiv beim „Ausdruck eines Wunsches, einer Bitte oder einer Aufforderung“[15] verwendet. Er erscheint demnach in Wunschsätzen und Finalsätzen.[16] Hier zwei Beispiele:

Seinem Wunsch, sie möge doch auch zu dem Empfang bei Edmund

Stoiber kommen, kam sie nicht nach.

Die Gäste dürfen noch ein wenig dableiben, auf dass ihnen

der erhöhte Alkoholkonsum zu Kopf steige.

Der Konjunktiv wird außerdem verwendet, wenn etwas Irreales oder Mögliches ausgedrückt werden soll. Hier wird dann der Konjunktiv II benutzt. Der Sprecher will dabei „seine Aussage nicht als Aussage über Wirkliches, über tatsächlich Exis­tierendes verstanden wissen [...], sondern als gedankliche Konstruktion, als eine Aus­sage über etwas nur Vorgestelltes, nur möglicherweise Existierendes“[17]. Der Konjunk­tiv tritt dann unter anderem in irrealen Konditionalsätzen, Konzessivsätzen und Konsekutivsätzen in Erscheinung.[18] Beispiele:

Wenn er Zeit hätte/gehabt hätte, ginge er zum Empfang/wäre

er zum Empfang gegangen.

Selbst wenn er Zeit hätte/gehabt hätte, ginge er nicht zu dem

Empfang/wäre er nicht zu dem Empfang gegangen.

Das Essen ist/war zu schlecht, als dass man davon noch mehr

essen könnte/als dass man davon hätte noch mehr essen können.

2.3. Der Konjunktiv in der indirekten Rede

Wie bereits erwähnt, findet der Konjunktiv seine häufigste Anwendung in der in­direkten Rede. Während bei der direkten Rede „die Beziehung zwischen dem Spre­cher [...] und dem Hörer [...] unmittelbar und direkt“[19] ist, wird in der indirekten Rede von einer Äußerung berichtet und der Hörer wird damit zum Sprecher.[20] Um dabei deutlich zu machen, dass er nicht selbst der Urheber des Gesagten ist und dass er das Gesagte auch nicht verantworten will, benutzt der Sprecher dann den Kon­junktiv. Der Konjunktiv erscheint als „Mittel zur formalen Kennzeichnung der indi­rekten Rede“[21].

Verpflichtende Regeln für die Verwendung des Konjunktivs in der indirekten Rede gibt es nicht. Gerade in der mündlichen Umgangssprache wird er heute nur noch selten verwendet. „Je mehr sich die geschriebene Sprache in ihrem Stil- und Normniveau der gesprochenen Sprache annähert, desto größer ist die Neigung, den Indikativ einzusetzen.“[22] Vielen erscheinen die Verbformen des Konjunktivs veraltet oder sie wissen nicht, wie sie überhaupt gebildet werden. Bei spontanen Äußerun­gen, also etwa in tagtäglichen Unterhaltungen, wirkt der Konjunktiv deshalb eher störend. Darüber hinaus geht man in direkten Gesprächen zwischen mehreren Per­sonen davon aus, dass ein einziges Signal zur Kennzeichnung der indirekten Rede ausreichend ist. Ein Beispiel aus einem Gespräch:

Gerhard hat mir aber gesagt, er kommt nicht zu dem Empfang.

Hier scheint es dem Sprecher eindeutig zu sein, dass er Gerhards Äußerung wie­dergibt. Das einzige Signal zur Kennzeichnung, dass es sich um indirekte Rede han­delt, ist die Einleitung des Satzes „Gerhard hat mir aber gesagt“. Der Indikativ wird also anstelle des Konjunktivs häufig in der mündlichen Umgangssprache verwendet und wenn sich ein Autor „mit dem Inhalt des Gesagten identifiziert“[23].

Auch viele Zeitungen verwenden den Konjunktiv nicht mehr. Entweder schreibt der Redakteur eine Äußerung in Anführungszeichen und kennzeichnet so die direkte Rede, was aber im Hörfunk nur schwer durch Intonation des Sprechers nachzuahmen ist, oder es wird davon ausgegangen, dass eine einfache Pronominalverschiebung zur Kennzeichnung der indirekten Rede ausreicht. Die Zeitungsartikel scheinen sich als Gebrauchstexte der mündlichen Umgangssprache immer mehr anzunähern.

Normalerweise sieht es aber in der Schriftsprache und in formelleren Situationen ganz anders aus, auch in den Hörfunknachrichten. Denn hier stehen sich Sprecher und Hörer nicht unmittelbar einander gegenüber, sondern „zwischen ihnen“ liegt das Medium Radio. Der Hörer muss deshalb vermittelt bekommen, dass es sich bei be­stimmten Äußerungen nicht um die Meinung des Nachrichtensprechers oder des Re­dakteurs handelt, sondern um ein Zitat dessen, was ein anderer geäußert hat. Der Konjunktiv findet weiterhin seine Anwendung.

Einig sind sich allerdings auch die Autoren aller untersuchten Grammatiken, dass die Verwendung des Konjunktivs meistens nicht obligatorisch ist sondern fakultativ. „Der Konjunktiv [...] steht in der Regel fakultativ, wenn die unmittelbare Wieder­gabe [einer Äußerung] angekündigt ist, aber obligatorisch, wenn dies nicht ge­schieht.“[24] Der Konjunktiv ist also nur ein Mittel zur Kennzeichnung der indirekten Rede,[25] er kann gewählt werden, muss es aber nicht.[26]

Walter Flämig sieht die indirekte Rede schon dann als genügend gekennzeichnet, wenn ihr Verben des Sagens vorausgehen. Der Konjunktiv sei dann nur eine zusätz­liche Kennzeichnung, heißt es bei ihm.[27] Der DUDEN hingegen verlangt in der ge­schriebenen Sprache mehr als nur eine Redeeinleitung durch ein Verb des Sagens. „Begnügt sich also die gesprochene Sprache vielfach mit einem einzigen Signal zur Kennzeichnung einer Äußerung als indirekte Rede [...], verlangt die geschriebene Sprache im Allgemeinen eine Transformation mehr, [...].“[28] Diese Transformation kann laut DUDEN entweder der Konjunktiv sein oder aber die sogenannte „dass-Transformation“. Beispiele:

Bundeskanzler Schröder erklärte, er sei zu Gesprächen mit Stoiber bereit.

Bundeskanzler Schröder erklärte, dass er zu Gesprächen mit Stoiber

bereit ist.

In dem zweiten Beispielsatz wird der Indikativ verwendet, da als Kennzeichnung der indirekten Rede zusätzlich zu dem „erklärte“ ein „dass“ steht. Laut DUDEN ist dann „in Texten mit größerem Öffentlichkeitscharakter und entsprechendem Stil- und Normniveau (z.B. in Nachrichtentexten) in indirekter Rede der Indikativ mög­lich“[29]. Voraussetzung dafür ist eine Einleitung durch „dass“ oder ein Fragewort, wie zum Beispiel „wie lange“. „Zählungen haben ergeben, dass in Nachrichtentex­ten die durch ‚dass‘ bzw. ein Fragewort eingeleitete indirekte Rede durchschnittlich einen Indikativanteil von 35 – 40% aufweist.“[30]

Walter Heuer schränkt in seiner Grammatik den Gebrauch des Indikativs in „dass-Sätzen“ ein. Demnach steht der Indikativ nur dann, wenn das vorausgehende Verb des Sagens im Präsens oder Futur I steht.[31]

Wichtig ist, dass bei jedem Satz innerhalb der indirekten Rede deutlich sein muss, dass zitiert wird. Es reicht also nicht, nur im ersten Satz den Konjunktiv zu verwenden, sondern auch alle Folgesätze müssen durch ein Merkmal als indirekte Rede deutlich gemacht werden. Beispiel:

Bundeskanzler Schröder erklärte, dass er zu Gesprächen mit Stoiber

bereit ist. Es sei jetzt wirklich an der Zeit Klarheit zu schaffen, erklärte

Schröder. Die Auseinandersetzungen hätten sich schon zu lange

hingezogen.

Zusammenfassend ist festzustellen, dass Grammatiken nach wie vor zum Gebrauch des Konjunktivs in der indirekten Rede raten. Wird der Indikativ verwen­det, muss es andere eindeutige Kennzeichen geben, dass es sich um die indirekte Rede handelt. Alle Abweichungen von den genannten Regeln sind laut Walter Heuer zu rechtfertigen, solange es nicht zu Missverständnissen kommt.[32] Auch der DU­DEN stimmt da zu: Wenn die Kennzeichnung einer Äußerung als indirekte Rede nicht beeinträchtigt wird, kann man auf Transformationen verzichten und den Indi­kativ verwenden.[33] Allerdings ist „der Normalmodus der indirekten Rede [...] der Konjunktiv. Er kann immer gewählt werden und ist daher niemals falsch.“[34] Gramma­tisch gesehen sind beide Modi laut Walter Flämig korrekt, der Unterschied liegt eher im Stil. „Während [...] in literarischer Prosa die Moduswahl in indirekter Rede mehr oder weniger geregelt ist, dürfte in der Umgangssprache ein regelmäßiger bewusster Modusgebrauch kaum vorliegen.“[35]

2.4. Alternativformen zur Wiedergabe von Äußerungen

Wer sich mit der Diskussion um die Verwendung von Indikativ oder Konjunktiv in der indirekten Rede nicht beschäftigen will, dem bleiben noch Alternativen. Man muss nicht zwangsläufig eine Äußerung transformieren oder mit „dass“ oder Ähnli­chem einleiten.

Eine andere Möglichkeit jemanden zu zitieren bietet auch die Infinitivkon­struktion. Beispiel:

Edmund Stoiber behauptet, darüber nicht aufgeklärt worden zu sein.

Eine weitere Möglichkeit, den Konjunktiv zu umgehen, ist die sogenannte „Quellenangabe“[36]. Sie tritt unter anderem in Form eines „wie-Satzes“, eines Präposi­tionalgefüges, oder Ähnlichem auf. Beispiele:

Wie Schröder meint, ist er darüber nicht aufgeklärt worden.

Nach Schröders Meinung ist er darüber nicht aufgeklärt worden.

Laut Schröder ist er darüber nicht aufgeklärt worden.

Noch eine weitere Form eine Äußerung wiederzugeben ist ein Modalverbgefüge. Beispiel:

Schröder will darüber nicht aufgeklärt worden sein.

3. Besonderheiten der Hörfunksprache

3.1. Kurze Geschichte des deutschen Hörfunks

„Von Anfang an wurde dem deutschen Rundfunk die Aufgabe gestellt, zu unter­halten, zu bilden und zu informieren. Diese Zielsetzung drückt sich schon im ersten festen Programm vom 6. Januar 1924 aus, das Unterhaltungsmusik, Vorträge, Kon­zerte, Nachrichten und Tanzmusik vorsah.“[37] Überwacht wurde der Rundfunk da­mals vom Staat, nämlich von „politischen Ausschüssen und Kulturbeiräten“[38].

Innerhalb kürzester Zeit entwickelte sich das Radio zu einer wichtigen journalis­tischen Stimme. Es wurde neben der Zeitung zum Massenmedium. Dies nutzten dann die Nationalsozialisten für ihre Zwecke aus. Ab 1933 wurde das Radio syste­matisch zur Propaganda missbraucht, und die Hörer wurden mit der nationalsozialis­tischen Ideologie indoktriniert.

Nach 1945 sollte der Hörfunk deshalb „staatsfern, dezentralisiert und unpar­teiisch“[39] sein. Unter diesen Vorgaben wurde von den Besatzungsmächten der öffent­lich-rechtliche Rundfunk gegründet. Anfangs gab es in den verschiedenen westlichen Bundesländern sechs Rundfunkanstalten. Diese Rundfunkanstalten wur­den dem sogenannten Rundfunkrat, dem Verwaltungsrat und einem Intendanten unterstellt, die als Kontrollinstanzen dienen sollten. Diese Strukturen bestehen auch heute noch. Der Rundfunkrat setzt sich aus Vertretern „gesellschaftlich relevante[r] Gruppen“[40] zusammen. Der Verwaltungsrat ist das „wirtschaftliche Kon­troll- gremium“[41] und der Intendant ist für das gesamte Programm inhaltlich verant­wortlich. Die öffentlich-rechtlichen Sender finanzieren sich durch Rundfunk­gebühren, die jeder zahlen muss, der Radio und Fernsehen in Anspruch nimmt, und durch Werbeeinnahmen.

Die Aufgaben für den Hörfunk und das Fernsehen haben sich von 1926 bis heute nicht wesentlich geändert. Information, Unterhaltung und Bildung spielen bei allen Sendern eine Rolle, wenn auch „[...] die Grenzen [...] zwischen diesen drei Pro­grammsparten [...] fließender und die einzelnen Programmangebote differenzierter geworden“[42] sind. So verteilen öffentlich-rechtliche Anstalten mit ihren vielen Hör­funk-Programmen die Schwerpunkte unterschiedlich. Zum Beispiel dient das Pro­gramm von B 5 Aktuell des Bayerischen Rundfunks fast ausschließlich der Informa­tion und Bildung, das Programm von Bayern 3 hingegen betont mehr die Unterhal­tung in Form von Musik und Klatsch und Tratsch aus der Welt der Prominenten.

Ab 1985 kam dann in Deutschland zu dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk der Privatrundfunk dazu. Die Privatsender sind Wirtschaftsunternehmen, deren Exis­tenzgrundlage ausschließlich Werbeeinnahmen sind. Sie sind trotzdem einer öffent­lich-rechtlichen Kontrollanstalt unterstellt, nämlich der sogenannten Landesmedien­anstalt des jeweiligen Bundeslandes. In Bayern ist dies die BLM, die Bayerische Landesmedienanstalt. Die „Landesmedienanstalten vergeben die Lizenzen und überwachen die Einhaltung der gesetzlichen Vorschriften“[43].

Durch das Hinzukommen der Privatsender hat sich in Deutschland mittlerweile ein „duales System“ entwickelt. Die öffentlich-rechtlichen Sender haben Konkur­renz bekommen und müssen ihren Erfolg auch an den Hörerzahlen messen lassen. Das Programmangebot ist insgesamt kommerzieller geworden.

3.2. Die Besonderheiten des Mediums Radio

Das Radio spielt in der heutigen Zeit weiterhin eine wichtige Rolle in der deut­schen Massenmedienlandschaft. Allerdings haben sich die Ansprüche an den Hör­funk seit seiner Einführung stark verändert. Weniger die grundsätzlichen Ansprüche waren von Veränderungen betroffen, vielmehr haben sich die Umstände geändert, unter denen heute Radio gehört wird.

Das einschneidendste Erlebnis in der Geschichte des Radios war die Einführung des Fernsehens in Deutschland 1956.[44] Bis dahin war das Radio das einzige Medium für schnelle und aktuelle Informationen. So wie die Menschen heute allenfalls fernsehen, wurde früher Radio gehört: Man setzte sich konzentriert vor sein Gerät und hörte zu. Als dann mit dem Fernsehen Bilder zu der Sprache dazukamen, verlor das Radio an Einfluss.

Heute ist das Radio ein „Begleit- oder Nebenbei-Medium, das während der unter­schiedlichsten Tätigkeiten und nahezu überall individuell genutzt wird“[45]. Grund dafür ist, neben der durch das Fernsehen entstandenen Konkurrenz, die technische Entwicklung. Haushalte haben normalerweise nicht mehr nur ein Radio-Gerät, son­dern mehrere. Radios werden unter anderem wegen ihres Verkehrsservice häufig im Auto gehört, sie laufen während der Arbeitszeit oder dienen als Wecker. Hinzu kommt die große Auswahl durch die noch immer steigende Zahl verschiedener Pro­gramme. Allein die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten strahlen zwischen mindestens drei bis hin zu sechs oder sieben verschiedene Hörfunk-Programme aus, zusätzlich gibt es viele Privatsender.

Die meisten Radio-Programme bieten einen Mix aus Musik und Informationen. Die Musik ist dabei für die Hörer häufig das Einschaltmotiv. Programme, die fast nur Wortanteil haben, wie etwa der Deutschlandfunk oder B 5 aktuell, werden von weniger Hörern genutzt oder nur für kurze Zeit eingeschaltet.

Ein Vorteil des „Nebenbei-Mediums“ Radio ist nach wie vor seine Schnelligkeit. „Radio kann heute technisch so einfach gemacht werden, dass auch bei unvorherge­sehenen Ereignissen [...] Informationen sofort recherchiert, verarbeitet und gesendet werden können.“[46] Während zum Beispiel die Journalistenkollegen vom Fernsehen noch filmen müssen, hat das Radio normalerweise die Möglichkeit, etwa durch einen Telefonbericht, sofort zu senden. Das Radio dient also zunächst dazu Primärinfor­mationen zu liefern.[47]

Darüber hinaus bietet der Hörfunk aber auch besonders gründliche und ausführli­che Informationen, denn hier kann das Fernsehen laut Heinz Pürer teilweise an seine Grenzen stoßen.

Bei allen Informationen, bei denen der Schwerpunkt beim Wort und nicht

beim Bild liegt, hat das Fernsehen Umsetzungsschwierigkeiten. Und das

gilt für viele Informationen aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und so

weiter; vor allem, wenn der Information kein Ereignis vorausgeht oder kein

Interview möglich ist.

[...] Ganz allgemein lässt sich die Komplexität der Wirklichkeit

im Radio leichter darstellen, als im Fernsehen:

Bildinformationen neigen trotz Farbe zur Schwarzweißmalerei.[48]

Generell gilt für das Publikum aber: Das Radio liefert Erstinformationen, das Fernsehen gibt dazu mit Bildern Zweitinformationen und die Presse liefert dann, meistens am nächsten Tag, ausführliche Hintergrundinformationen, die man auch mehr als einmal nachlesen kann.[49]

Wichtig beim Radio ist auch die besondere Hörsituation. „Radio wird vorwie­gend während des Tages gehört.“[50] Die meisten Hörer schalten dabei morgens ein, einfach um zu wissen, „ob sich die Welt noch dreht“. Morgens ist aber die Verweil­dauer der Hörer am kürzesten.[51] Einen weiteren Höhepunkt erreicht die Hörerzahl dann am Nachmittag bis zum frühen Abend. Hier handelt es sich um die sogenannte „Drive-Time“, wenn viele Hörer von der Arbeit wieder nach Hause fahren. Abends und nachts hören nur noch sehr wenige Menschen Radio. Nach zwanzig Uhr ist das Fernsehen das am meisten genutzte Medium.

3.3. Schreiben fürs Hören

Wer beim Hörfunk arbeitet, sollte sich immer bewusst sein, dass die Texte, die er schreibt, nicht direkt von den Rezipienten gelesen, sondern vorgelesen und gehört werden. Das erfordert von den Journalisten, die Sprache der speziellen Hörsituation anzupassen. „Die Kommunikation verläuft nur in einer Richtung, sie ist ‚eine Einbahn­straße vom Redakteur über den Sprecher zum Hörer‘.“[52]

Walther von La Roche hat, als einer von vielen, einige Punkte zusammengefasst, die diese spezielle Hörsituation im Vergleich zum Lesen eines Textes gut beschrei­ben.[53] Demnach konzentrieren sich Radiohörer nicht sehr stark auf das Programm, denn Radiohören ist ja normalerweise eine Nebenbeschäftigung. Der Hörer wird im Radio mit einer Stimme konfrontiert, die natürlich auch beeinflusst, was verstanden wird. Eine Stimme kann angenehm oder unangenehm sein, es kann schnell oder langsam gesprochen werden. Darüber hinaus werden Aussagen durch bestimmte Betonungen und „andere akustische Mittel akzentuiert“[54] oder sogar verändert. Wäh­rend sich ein Leser aussuchen kann, zu welcher Zeit er einen Text lesen möchte, ist ein Radiohörer abhängig von der Sendezeit. Das bedeutet auch, dass er etwas nicht „re-hören“ kann, was er nicht verstanden hat. „Was überhört oder nicht gleich verstanden wird, ist unwiederbringlich.“[55] Außerdem muss der Hörer warten, bis ihn ein Thema interessiert. Ein „Leser kann im Text springen“[56].

[...]


[1] Eisenberg, Peter. Grundriss der deutschen Grammatik. (Stuttgart, Weimar 31994) 127.

[2] DUDEN Grammatik der deutschen Gegenwartssprache. Band 4. Bearbeitet von Peter Eisenberg, Hermann Gelhaus, Helmut Henne, Horst Sitta und Hans Wellmann. (Mannheim, Leipzig, Wien, Zürich 61998) 156 und Flämig, Walter. Grammatik des Deutschen. (Berlin 1991) 404.

[3] DUDEN 156.

[4] Flämig 404.

[5] Sommerfeldt, Karl-Ernst. Grammatik der deutschen Gegenwartssprache. (Tübingen 31998) 74.

[6] Flämig 404.

[7] Flämig 405.

[8] DUDEN 171.

[9] DUDEN 165 und Heuer, Walter. Richtiges Deutsch. (Zürich 1988) 33.

[10] DUDEN 784.

[11] Flämig 406.

[12] DUDEN 167.

[13] S. Flämig 409.

[14] Heuer 33.

[15] DUDEN 158.

[16] S. DUDEN 159.

[17] DUDEN 159.

[18] S. Helbig, Gerhard. Deutsche Grammatik. Grundfragen und Abriss. (München 41999) 43.

[19] DUDEN 164.

[20] S. DUDEN 164.

[21] Helbig 41.

[22] DUDEN 781.

[23] Sommerfeldt 76.

[24] Sommerfeldt 76.

[25] S. Helbig 41.

[26] S. DUDEN 781.

[27] Flämig 406.

[28] DUDEN 782.

[29] DUDEN 782.

[30] DUDEN 782.

[31] Heuer 34.

[32] Heuer 34.

[33] DUDEN 781.

[34] DUDEN 165.

[35] Flämig 406.

[36] DUDEN 164.

[37] Fluck, Hans-Rüdiger. „Zur Entwicklung von Rundfunk und Rundfunksprache in der Bundesrepublik Deutschland nach 1945“. In: Sprache in den Medien nach 1945. Hg. B.U. Biere und H. Henne (Tübingen 1993) 88.

[38] Fluck 88.

[39] Fluck 89.

[40] La Roche, Walther von und Buchholz, Axel (Hg.). Radio-Journalismus. (München, Leipzig 61993) 19.

[41] Fluck 89.

[42] Fluck 91.

[43] La Roche/Buchholz 21.

[44] S. Fluck 91.

[45] Fluck 91.

[46] Pürer, Heinz (Hg.). Praktischer Journalismus in Zeitung, Radio und Fernsehen. (Konstanz 21996) 7.

[47] S. Pürer 3.

[48] Pürer 7.

[49] S. Pürer 3.

[50] Pürer 7.

[51] S. Zehrt, Wolfgang. Hörfunk-Nachrichten. (Konstanz 1996) 112.

[52] Horsch, Jürgen und Ohler, Josef und Schwiesau, Dietz (Hg.). Radio-Nachrichten. (München, Leipzig 21996) 45.

[53] S. La Roche/Buchholz 55 und von La Roche, Walther. „Radio hören“. In: Der öffentliche Sprachgebrauch I. Die Sprachnorm-Diskussion in Presse, Hörfunk und Fernsehen. Bearbeitet von Birgitta Mogge (Stuttgart 1980 ) 230.

[54] La Roche/Buchholz 55.

[55] Pürer 224.

[56] La Roche/Buchholz 55.

Details

Seiten
72
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783832460006
Dateigröße
659 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v221239
Institution / Hochschule
Universität Regensburg – Philosophie
Note
2,3
Schlagworte
journalismus medien radio sprache grammatik

Autor

Zurück

Titel: Der Konjunktiv in Hörfunknachrichten