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Psychische Erkrankungen und Studienverlauf in den ersten Lehrgängen der Akademie für Gemeinwirtschaft

Studienarbeit 2002 38 Seiten

Psychologie - Klinische u. Gesundheitspsychologie, Psychopathologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Die Akademie für Gemeinwirtschaft
2.1. Gründung der Akademie für Gemeinwirtschaft
2.2. Gründungskonzept der Akademie für Gemeinwirtschaft
2.3. Zielsetzung der Akademie für Gemeinwirtschaft

3. Gesellschaftliche Rahmenbedingungen in Deutschland
3.1. Deutsche Lebensrealität nach dem verlorenen Weltkrieg
3.2. Zielsetzungen im Wiederaufbau

4. Psychische Erkrankungen
4.1. Historische Vorbemerkungen
4.2. Psychische Erkrankungen im III Reich
4.3. Psychische Erkrankungen nach dem II Weltkrieg

5. Empirische Erhebungen
5.1. Versuch einer Bewerbertypologie
5.2. Der psychisch erkrankte Student
5.2.1. Die Sozialgestalt des Herrn Natkaes
5.2.2. Psychische Erkrankung und Studienverlauf
5.3. Der vorbildliche Student
5.3.1. Die Sozialgestalt des Herrn Schwott
5.3.2. Begabung und Studienverlauf

6. Schlußbemerkungen

7. Literatur

Psychische Erkrankung und Studienverlauf in den ersten

Lehrgängen der Akademie für Gemeinwirtschaft

1. Einleitung

Die Akademie für Gemeinwirtschaft öffnet ihre Pforten 1948 vor allem sozial benachteiligten Bewerbern. Vor dem Hintergrund des verlorenen Krieges und den damit verbundenen Wirren um eine neue wirtschaftspolitische Zielsetzung soll die Gemeinwirtschaft einen Weg einschlagen, der weder ganz zum Sozialismus noch ganz zum Kapitalismus führt. Die soziale Realität von 1948, die zu einem Wahlerfolg der Christdemokraten im Jahr 1949 führt, ist für solche Zielsetzungen jedoch schwer zu ignorieren.

Gleiches gilt für die Situation von psychisch Erkrankten nach dem II Weltkrieg. Werden psychisch Erkrankte im Nationalsozialismus noch als lebensunwertes Leben verfolgt und vernichtet, so ist diese Doktrin nach dem Krieg nicht mehr zu halten. Jeder psychisch Erkrankte hat auf Grund der Forschungslage jetzt die Chance zu einem akzeptierten Teil der Gesellschaft zu werden.

In dieser Arbeit für das empirische Praktikum, soll an Hand von empirischen Daten und Akten aus den Anfängen der Akademie für Gemeinwirtschaft versucht werden, die Frage zu beantworten, wie sich eine psychische Erkrankung auf den Studienverlauf in den ersten Lehrgängen an der Akademie auswirkt. Ich versuche die politischen Umbrüche die zu dieser Zeit stattfinden, und deren Auswirkungen auf das Verhalten der Akteure, zu beleuchten.

Neben einer Bewerbertypologie erscheinen mir zwei der Studierenden für empirischen Erhebungen besonders geeignet: die Herrn Natkaes und Schwott[1]. Natkaes auf Grund seiner psychischen Erkrankung, Schwott wegen seiner Zielstrebigkeit und Begabung.

2. Die Akademie für Gemeinwirtschaft

Die Akademie für Gemeinwirtschaft wird 1948 ins Leben gerufen. Sie soll vor allem sozial benachteiligten Bewerbern offenstehen. Das Abitur, als Voraussetzung für die Aufnahme eines Studiums, ist nicht von Nöten. Um die Studienberechtigung zu erlangen, ist eine Aufnahmeprüfung zu absolvieren.

In den ersten Lehrgängen ist ein 4-semestriges Studium möglich, das mit Graduierung in der an der Akademie für Gemeinwirtschaft angebotenen Fachrichtungen abgeschlossen werden kann. Ein kleiner Kreis besonders begabter Studenten erhält die fachlich begrenzte Hochschulreife.

Die Akademie für Gemeinwirtschaft soll Menschen nach Abbruch der Oberschulausbildung, oder solchen, die schon im Berufsleben stehen, die Chance geben, durch eine praxisbezogene, wissenschaftliche Ausbildung Berufe ergreifen zu können, die sie ohne diese Ausbildung nicht ergreifen könnten. Gerade im Zusammenhang mit Menschen, die schon im Berufsleben stehen, hat sich die Terminologie des zweiten Bildungswegs durchgesetzt, wobei die Akademie für Gemeinwirtschaft das besondere Interesse hat, die Chancen von Arbeiterkindern zu verbessern, die auf dem ersten Bildungsweg faktisch benachteiligt wurden und immer noch werden. Die Errichtung der Akademie für Gemeinwirtschaft beruht auf einer Initiative von Gewerkschaften, Genossenschaften und Sozialdemokraten.

Neben dem bildungspolitischen Auftrag steht auch der gesellschaftspolitische, der eine Ausbildung von Führungskräften verlangt, die nach gemeinwirtschaftlichen Grundsätzen auf der Basis einer demokratischen Wirtschaftsordnung Aufbauarbeit leisten soll. Dieser Auftrag der Neuordnung verliert im Zuge der Wiedereinführung der Marktwirtschaft an Bedeutung. Übrig bleibt der bildungspolitische Auftrag[2].

2.1. Gründung der Akademie für Gemeinwirtschaft

Im Dezember 1945 fordern Gewerkschaften und Konsumgenossenschaften die Errichtung eines Lehrstuhls für Gewerkschaft und Genossenschaftswesen, und das Recht den Lehrstuhlinhaber auszuwählen und dem Senat vorschlagen zu dürfen. Diese Forderung resultiert aus der Angst um das Wissen der Tradition, das deutsche Universitäten fast ausschließlich Angelegenheit des Bürgertums gewesen sind, das inhaltlich und faktisch nichts mit den Problemen der Werktätigen zu tun haben wollte.

Diese Institutionen fordern nicht nur die Ausbildung von Führungsnachwuchs für Gewerk- und Genossenschaften, sondern auch die unmittelbare Einflußnahme auf die Auswahl der Studierenden, die künftig in Führungspositionen von Verwaltung und Wirtschaft sitzen und von dort ständig Kontakt mit den Gewerkschaften haben sollen. Der Führungsanspruch der Gewerk- und Genossenschaften bei der gesellschaftlichen Neuordnung und dem Wiederaufbau wird damals noch für selbstverständlich gehalten[3].

2.2. Gründungskonzept der Akademie für Gemeinwirtschaft

Aus der Überzeugung heraus, dass der Sozialismus aus seiner Beschränkung auf die Schichten der Arbeiterschaft heraus eine das Volk erfassende Bewegung wird und Wirtschaft und Verwaltung nach dem Genossenschaftsprinzip gestaltet werden soll, wird es Aufgabe der Akademie für Gemeinwirtschaft sein, Funktionäre für die Gemeinwirtschaft auszubilden. Neben den von Gewerk- und Genossenschaften delegierten Studierenden werden aber auch „Freistudierende“ zugelassen, die ihre Studienberechtigung und ihre Beziehung zur Gemeinwirtschaft durch einen Eignungstest nachzuweisen haben. Die Studienberechtigung ist nicht von einem bestimmten Schulabschluß abhängig, sondern von dem erfolgreichen Absolvieren einer Aufnahmeprüfung[4].

Inhaltlich orientiert sich der Unterricht an praktischen Erfordernissen der Gemeinwirtschaft. Gleichzeitig wünschen Gewerk- und Genossenschaften eine Gleichstellung der Lehrkräfte mit denen der Universität.

Die Universität verlangt ein zweijähriges Studium an der Akademie für Gemeinwirtschaft, da eine einjährige Studienzeit für den Erwerb der Hochschulreife zu kurz erscheint. Jedoch erhalten nur solche Absolventen die Studienberechtigung, die die Abschlußprüfung mindestens mit „gut“ bestanden haben[5].

2.3. Zielsetzung der Akademie für Gemeinwirtschaft

Gemeinwirtschaft ist nach heutiger Definition eine Wirtschaftsform, die, in Abgrenzung von privatwirtschaftlichen-spekulativen, gewinnorientierten Motiven auf Gemeinwohl und Gemeinsinn ausgerichtet ist und dabei eine gerechte Verteilung des gemeinsam erwirtschafteten Ertrages im Sinn hat[6]. Unmittelbar nach dem Krieg versucht Gemeinwirtschaft einen „Dritten Weg“ zwischen Sozialismus und Kapitalismus zu beschreiten. Jedoch wird mit der Währungsreform von 1948 der Weg für eine Wiedereinführung der Markwirtschaft geschaffen. Der Begriff bleibt in der Gründungszeit unscharf und die Auslegung den Dozenten überlassen. Die Akademie für Gemeinwirtschaft versteht unter Gemeinwirtschaft „die verschiedensten staatlichen, kommunalen, kirchlichen, karitativen, sonstigen gemeinnützigen und genossenschaftlichen Wirtschaftsformen, die zum vielfarbigen Bild unseres Wirtschaftslebens beitragen. Gemeinwirtschaft ist dabei kein starrer Begriff. Mit den wechselnden Erscheinungen des Wirtschaftslebens wandeln sich sein Inhalt und seine Bedeutung[7].“

Dass Studierende den Weg zur Universität antreten, ist eher ein Ausnahmefall. Ziel der Akademie für Gemeinwirtschaft ist es, die Studierenden schnell zu hochqualifizierten Funktionären auszubilden, die dann in die Praxis zurückkehren. Im Studium soll erreicht werden, dass die Studierenden eine selbständige Sichtweise der wirtschaftlichen und sozialen Lage und eingehende Kenntnisse von Theorie und Praxis der Gemeinwirtschaft erlangen[8].

Um diese Zielvorstellungen verwirklichen zu können, werden die Studierenden enorm belastet. Sie müssen wenigstens 30 Semesterwochenstunden anwesend sein und mitarbeiten. Zusätzlich werden „Arbeitsmonate“ als Zwischensemester eingeführt, die der Einübung in wissenschaftliche Arbeitstechniken und dem Aufarbeiten des Lehrstoffs dienen[9].

Auch die Arbeitsbelastung für den Lehrkörper ist höher als an der Universität. Festgelegte Stundenpläne und das Fehlen von Lehrbüchern fordert ihnen eine hohe Stundenbelastung ab. Zusätzlich kommt die Vorsicht und Sorgfalt hinzu, mit der die Hochschulreife erteilt wird. Außerdem müssen sie die qualifizierten Absolventen bei der Suche nach einem geeigneten Arbeitsplatz im Wirtschaftsleben unterstützen. Dies macht eine intensive Beobachtung und Betreuung der Studierenden notwendig. Ferner müssen jährlich Aufnahme- und Abschlußprüfungen veranstaltet werden[10].

3. Gesellschaftliche Rahmenbedingungen in Deutschland

nach dem II. Weltkrieg

Die Gesamtkapitulation der deutschen Wehrmacht erfolgt am 07/08.05.1945. Dieses Datum markiert das Ende des II. Weltkrieges[11].

Die Stunde Null beschreibt den Moment des Luftanhaltens, den Augenblick zwischen dem, was war, und dem, was werden wird[12]. Aus den Trümmern heraus beschreibt der Schriftsteller Wolfgang Borchert die Überlebenden des Krieges als eine Generation ohne Glück, ohne Jugend, ohne Hoffnung, ohne Bindung, ohne Anerkennung, ohne Vergangenheit und ohne Gott, der dem Herzen einen Halt hätte geben können[13].

Auf der Suche nach einem neuen Anfang symbolisiert der 8. Mai 45 – ein schöner Frühlingstag – die Wiedergeburt Deutschlands. In den Ruinen entsteht Leben.. die Welt endet und fängt gleichzeitig neu an[14].

3.1. Deutsche Lebensrealität nach dem verlorenen Krieg

Die Überlebensfrage der Stunde Null lautet: Wohin soll das deutsche Volk gehen? Aus der Naziideologie, die eine Jugend „hart wie Kruppstahl“ und „zäh wie Leder“ fordert, ist laut Günther Grass eine Jugend geworden, die „dumm aus dem Krieg entlassen worden ist.“[15] Gleichzeitig konstatiert Grass, dass die gleichen Wirtschaftskräfte, die auch schon im Dritten Reich tätig gewesen sind, mit nahezu gleicher Vitalität an den entscheidenden Stellen in der deutschen Wirtschaft sitzen. Das geistige Gut eines nationalsozialistischen Deutschlands, gewachsen auf der Basis von sechs Millionen Parteimitgliedern, kann nicht von einen Tag auf den anderen Null gewesen sein[16].

Margarete Mitscherlich macht in der Stunde Null den Beginn eines fast gesamtdeutschen Verdrängungsprozesses aus, der eine Weiterführung von Strukturen möglich machte, die auch schon in der Nazizeit vorhanden waren[17]. Es sind keine Ziele erkennbar, es gibt keine klare gesellschaftliche Zukunftsvision. Aber, inmitten der Trümmer gibt es Hoffnung, die aus der reinen Freude am Leben geboren wird. Ohne Zukunftsvision muss der Wiederaufbau Deutschlands reiner Selbstzweck gewesen sein. Überleben als Lebensphilosophie, ohne Klassengegensätze, für den Moment. Doch diese Situation ändert sich, als versucht wird neue Ziele zu definieren.

3.2. Zielsetzungen im Wiederaufbau

Die Kultur keimt als freies geistiges Leben. „Beswingt“ lösen Theater, Zeitungen und Musik die Fesseln des Geistes und der Hoffnungslosigkeit[18]. Finanzpolitisch bestimmt ein Alliierter Kontrollrat die Entwicklung in Nachkriegsdeutschland. Aber es kommt nun auch zu erheblichen Bemühungen von deutschen Politikern, Wissenschaftlern und Industriellen, über vernichtete Kommunikationsstrukturen hinweg, zerrissene Kontaktnetze neu zu knüpfen oder zu reorganisieren.

Die Unternehmen betrachten es 1947 als selbstverständlich, den Gewerkschaften die Mitbestimmung anzubieten. Hintergrund ist die unverfängliche Vergangenheit der Gewerkschaften und die Regierungstätigkeit der Labour Party in England[19]. Daraus folgt, dass der Militärgouvernour in der britischen Besatzungszone Mitbestimmungsrechte für Arbeiter verordnet. Die Unternehmer rechnen sich also nur mit Hilfe der Gewerkschaften eine Einflussnahme auf britische Zukunftsvisionen aus. Einige Unternehmer geben in einem Brief an den Gewerkschaftsfunktionär Agartz zu, dass der privatwirtschaftliche Profitdrang für die Öffentlichkeit durchaus gefährlich werden kann und schlagen die Überführung einzelner Werke in gemischt-wirtschaftlichen Besitz vor, um öffentliche mit privatwirtschaftlichen Interessen in Einklang zu bringen. Schließlich erklären sie sogar aufrichtig die Bereitschaft, den Beleg- und Gewerkschaften volle Mitbestimmung einzuräumen und den Forderungen einer neuen Zeit entsprechend die Beteiligung der Arbeitnehmerschaft an Planung und Lenkung für große Wirtschaftssubjekte einzuräumen. Nach der Währungsreform beginnen solche Aussagen Makulatur zu werden[20].

Die Überführung von großen Wirtschaftsobjekten in Gemein-Eigentum ist ein bedeutendes Thema in der Politik. Die Privatwirtschaft ist durch die Kooperation mit den Nazis diskreditiert; ihnen wird auch nicht zugetraut, den Mangel, der in dieser Zeit dringend verwaltet werden muss, abzuschaffen oder damit umzugehen[21]. Dieses widerspricht privatwirtschaftlichen Interessen. Die Versorgung der Bevölkerung mit dringend notwendigen Gütern scheint am ehesten unter der Leitung von staatlichen oder genossenschaftlichen Institutionen möglich. In nahezu jeder Partei, auch in der CDU, gibt es Sozialisierungspläne[22].

Hans Böckler verkündet 1947, „einen arbeitenden Menschen entstehen zu lassen, der es einfach nicht mehr erträgt, dauernd und ausschließlich Objekt des Tuns und Treibens anderer zu sein.“ und drückt damit seine Entschlossenheit aus, die Mitbestimmung zu erkämpfen[23].

Den deutschen Nachkriegsplanern gelingt es also nicht nur mit den Anglo-Amerikanern in Kontakt zu treten, sondern auch als deren mit Kompetenzvorsprung behafteten Beratern, im Rahmen der Militärregierung in Entscheidungsprozesse einzugreifen, obwohl von Seiten dieser Militärregierung mit Nachdruck darauf verwiesen wird, Richtlinienentscheidungen autark zu treffen. Die Nachkriegsplaner sind in Hinblick auf die gegenwärtig schwierige finanzpolitische Situation, und den massiven Problemen, die damit einhergehen, an einer Aufarbeitung der NS-Zeit nicht interessiert[24].

Anno 1948 ist in Westdeutschland bereits eine wachsende Prosperität zu erwarten. Deutsche Experten unterstützen Militärgouverneur Clay, der die Meinung vertritt, oberstes Ziel einer gemeinschaftlichen, wenn auch nicht vierzonalen Finanzoperation sei „the restoration of free enterprice in Germany[25].“ Die Sonderstelle Geld und Kredit ( SGK ) vermerkt in einer Verlautbarung, dass „gehortete Güter in größerem Umfang vorhanden sind . und hoffentlich bleibt der Mann darauf sitzen bis wir die Währungsreform durchführen, denn dieses Polster wird uns sehr gelegen kommen.“[26]

Die Währungsreform vom 20.06.1948 führt, unterstützt von knurrenden Mägen, den Kapitalismus in Deutschland wieder ein. Durch die neue Währung werden Lebensträume materiell erfüllt, die Schaufenster sind über Nacht gefüllt. Die erste wirtschaftliche Zielvorstellung Nackriegdeutschlands ist mit Leben beseelt[27]. Im Rahmen der Währungsreform wird ein Kopfgeld von DM 40,- ausgezahlt, denen zwei Monate später weitere DM 20,- folgen. Ein Gesetz sieht die Umwandlung der Altguthaben und der Schuldverhältnisse im Verhältnis 1:10 vor. Lediglich Miete, Löhne und Gehälter etc., werden im Verhältnis 1:1 umgewandelt[28].

Wirtschaftsprofessor Ludwig Erhardt ( CDU ) führt am 18.06.48 in einer Sitzung des Wirtschaftsrates ( der Wirtschaftsrat besteht aus fünf Direktoren, alle CDU/CSU ) aus, dass gerade die Geldumstellung Chancen für einen radikalen Kurswechsel bietet, marktwirtschaftliche Lenkungsmechanismen aktiviere und „durch die höchsten Anstrengungen auf allen Ebenen unseres Volkes .. das was krank, faul und untätig ist auszumerzen[29].“

Nach der Währungsreform kommt es zu einer drastischen Aufwärtsentwicklung der Verbrauchssteuern. Nach einer Allensbach-Umfrage aber sehen 44% der Zeitgenossen die Geschehnisse positiv, nur 24% blicken nach dieser Geldneuordnung negativ in die Zukunft. Vor dem Hintergrund steigender Arbeitslosigkeit – die Zahl der Arbeitslosen steigt um mehr als 700.000 auf 1.5 Millionen[30] – steigen die Lebenshaltungskosten im zweiten Halbjahr 1948, gegenüber dem ersten, um 18%. Lebensmittel und Güter des starren Bedarfs verzeichnen Kostenzuwächse zwischen 25 und 150%. In dieser Zeit stehen Menschen mit leeren Taschen und Mägen vor gefüllten Schaufensterauslagen[31].

Dies belastet besonders Studenten, die sich ein Studium aus eigener Kraft kaum leisten können. Die Jugend mit ihren neuen Ideen muss auch erst einmal hinter den Ideen von Leuten zurückstehen, die „schon was geleistet haben[32].“ Dies sind u.a. bewährte Politiker aus der Weimarer Republik[33]. In den Universitäten wird die geistige Korruption des Dritten Reiches verdrängt und ein neuer Geist beschworen[34].

Der Generalstreik vom 03.09.1949 bringt eine Aufhebung des Lohnstopps, sowie Programme zur Versorgung der Bevölkerung mit preiswerten Gebrauchsgütern mit sich. In Folge dieser Entwicklung bleiben die Lohnentwicklungen hinter der Preisentwicklung zurück. Die damit einhergehende wenig kaufkräftige Binnennachfrage führt zur Wirtschaftskrise 1949/50. Der beginnende Exportboom stoppt diese Entwicklung.

Alles in allem verändert sich die Wirtschaftslage nach der Währungsreform abrupt, hinterlässt aber eine extreme soziale Schieflage in der Bevölkerung. Der Schriftsteller Axel Eggebrecht schreibt: „In der Stunde der Währungsreform sind zwei von Grund auf verschiedene Klassen geschaffen worden.“ Während der kleine Sparer beinahe alles verliert, ändert sich bei den Aktien- und Sachwertbesitzern fast nichts[35]. Waren, Produktionsmittel, Häuser, Grund und Boden behalten ihren Wert[36].

Gesamtgesellschaftlich herrscht nach der Währungsreform Zuversicht in naher Zukunft mit einem anständigen Einkommen leben und überleben zu können. Zu diesem Zeitpunkt brauchen die meisten Deutschen nicht mehr zu hungern. Wichtig ist, dass ehrliche Arbeit wieder ehrliches Geld einbringt. Die extrem gute Anpassungsfähigkeit der Menschen aus den Kriegs- und Krisenjahren erweist sich jetzt als Vorteil: Sie nehmen einen Karriereknick in Kauf um beruflich weiterzukommen. In den Anfängen der Bundesrepublik Deutschland dient Leistungsdenken als Ersatz für mangelndes Staatsbewusstsein[37].

4. Psychische Erkrankungen

Gerade in den Anfängen der Bundesrepublik Deutschland steht also das Leistungsdenken der Bevölkerung im Mittelpunkt. Dies ist wichtig für die Psyche, denn der Mensch entwickelt sich in eine soziale Realität, die durch Arbeit entstanden ist und durch sie aufrecht erhalten wird. Die Teilnahme an gesellschaftlicher Realitätskontrolle kann nur durch Arbeit entstehen[38]. Diese Teilnahme findet statt, solange der Mensch existiert. Dadurch, dass der Mensch an dem, was in der Gesellschaft entsteht, partizipiert und Einfluss darauf ausübt, entsteht ein Gefühl der Sicherheit[39].

„Ein psychisch Kranker ist ein Mensch, der bei der Lösung einer altersgemäßen Lebensaufgabe in eine Krise und Sackgasse geraten ist, weil seine Verletzbarkeit und damit sein Schutzbedürfnis und sein Bedürfnis, Nicht-Erklärbares zu erklären, für ihn zu groß geworden sind[40].“

4.1. Historische Vorbemerkungen

Im Mittelalter werden alle Menschen, auch die geringsten, also u.a. die psychisch Kranken, nicht ausgegrenzt, sondern als Kinder Gottes anerkannt. Sie leben in der eigenen Großfamilie oder in der Dorfgemeinschaft. Manchmal werden in der Nähe von Klöstern oder Wallfahrtsorten „Irrensiedlungen“ angelegt. Die Erkrankten werden dort unter Wahrung großer Selbstverständlichkeit gepflegt[41].

Das ändert sich Ausgangs des Mittelalters, als viele der psychisch Kranken religiösen Wahnvorstellungen zum Opfer fallen und als Besessene oder Hexen auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden[42].

Die Renaissance sieht aufblühende Städte, wachsenden Handel, den Zwang des Wettbewerbs und schöne, saubere und ordentliche urbane Gesellschaften. Bettler und unsoziale Geschöpfe, also auch nicht familiengebundene Irre, müssen weichen. Sie werden entweder aus der Stadt verbannt oder in den Zellen der Stadtmauer untergebracht[43].

Der Leitgedanke der Aufklärung sieht den Menschen aus seiner Unmündigkeit heraustreten und die Vernunft zum obersten Prinzip erhoben. Die Definition von Vernunft zieht die Definition von Unvernunft unmittelbar nach sich. Unvernünftige werden in Umerziehungslagern sozial unsichtbar gemacht[44], wo eine geregelte Lebensführung nachträglich „anerzogen“ werden soll[45].

Im beginnenden Industriezeitalter gilt die Fähigkeit zum eintönigen, problemlosen Funktionieren und die Vorausberechenbarkeit des menschlichen Verhaltens als vernünftig. Maschinen verlangen vom Menschen diszipliniertes, genormtes und selbstverbietendes Verhalten[46]. Damit ist die Grundlage für eine Neudefinition von brauchbaren und unbrauchbaren Menschen geschaffen. Als die neue industrielle Vernunft als höchstes bewertetes Gut anerkannt ist, stellen die psychisch Erkrankten das Gegenteil dar. Unter dem Blickpunkt dieser neuen Definitionen von Vernunft und Brauchbarkeit werden die Anstalten durchforstet, die psychisch Kranken „neu eingeteilt“[47]. In der Industrialisierung wird die Geburtsstunde der Psychiatrie als Institution eingeleitet.

Im 19 Jh. wird die Psychiatrie zur Wissenschaft. Versucht wird, in heutigen Begriffen, sozio-, arbeits- und verhaltenstherapeutisch tätig zu werden. Letzteres ist teilweise mit grausamen Torturen verbunden: es wird versucht die psychisch Kranken auf jeden Fall zur „Vernunft zu quälen“[48].

Am Ende des 19 Jh. gilt die Psychiatrie als Unterdisziplin der Medizin. „Geisteskrankheiten sind Gehirnkrankheiten“[49], dieser Spruch wird zum Leitgedanken in der Medizin wie auch in der Psychiatrie. Dies hat eine Einengung der Wahrnehmung für psychische Probleme auf bloße körperliche Aspekte zur Folge. Psychisch Kranke gelten jetzt als körperlich krank. Als Körperkranke werden sie in Betten behandelt, die Aufenthaltsdauer in den Kliniken steigt stark an[50].

Die Meinungsbildung erfolgt nun in den Universitäten, die das gesamte Ausmaß des sozialen Elends nur in Ausschnitten betrachten. Aus Einzelbeobachtungen werden schein-naturwissenschaftliche, sozialdarwinistische und biologische Verabsolutierungen definiert: Möbius konstruiert den „physiologischen Schwachsinn des Weibs“, Koch den Psychopathen als „moralisch Schwachsinnigen“, die Entdeckung der Vererbung verführt Psychiater dazu, Psychosen zu Erbkrankheiten zu erklären[51].

[...]


[1] Namen vom Verfasser geändert.

[2] Pusback, Bärbel, Von der Akademie für Gemeinwirtschaft zu Hochschule für Wirtschaft und Politik, Wissenschaftliches Studium im zweiten Bildungsweg, 25 Jahre Hochschule für Wirtschaft und Politik, Hamburg, 1973, S.3 – 5.

[3] Ebenda, S. 15/16.

[4] Akademie für Gemeinwirtschaft, Studienführer 1948/49, S. 13.

[5] Pusback, Bärbel, a.a.O., S. 18 – 22.

[6] Hillmann, Karl-Heinz, Wörterbuch der Soziologie, Stuttgart, 1994, S. 270.

[7] Akademie für Gemeinwirtschaft, Studienführer 1948/49, S. 3.

[8] Akademie für Gemeinwirtschaft, Studienführer 1950/51, S. 4/5.

[9] Pusback, Bärbel, a.a.O., S. 25.

[10] Ebenda, S.27.

[11] Meyers Lexikon auf CD Rom, Deutsche Geschichte, Microsoft Corporation, 1995

[12] Glaser, Hermann, ZDF Chronik auf Lehrvideofilm, München, 1995

[13] FWU, Kulturelle Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland auf Lehrvideofilm, Grünwald, 1989

[14] ebenda, Lehrvideofilm.

[15] ebenda, Lehrvideofilm.

[16] ebenda, Lehrvideofilm.

[17] ebenda, Lehrvideofilm.

[18] Glaser, Hermann, a.a.O., Lehrvideofilm

[19] Rudolph, Hagen, Die verpaßten Chancen, Hamburg, 1979, S. 106.

[20] ebenda, S. 106/107.

[21] ebenda, S. 110.

[22] ebenda, S. 111.

[23] ebenda, S. 117.

[24] Franck, Dieter, Jahre unseres Lebens 1945 – 1949, München 1980, S. 120ff.

[25] Brackmann, Michael, Vom totalen Krieg zum Wirtschaftswunder – Die Vorgeschichte der deutschen Währungsreform 1948, Essen, 1993, S. 249.

[26] ebenda, S. 252.

[27] FWU, a.a.O.

[28] Brackmann, Michael, a.a.O., S. 270.

[29] ebenda, S. 272.

[30] Rudolph, Hagen, a.a.O., S. 304.

[31] Brackmann, Michael, a.a.O., S. 277/278.

[32] Franck, Dieter, Jahre unseres Lebens, München, 1980, S. 245.

[33] ebenda, S.245.

[34] FWU, a.a.O.

[35] Brackmann, Michael, a.a.O., S. 282.

[36] Rudolph, Hagen, a.a.O., S. 309.

[37] Franck, Dieter, a.a.O., S. 260.

[38] Klaus Dörner, Ursula Plog, Irren ist menschlich, Bonn, 1996, S. 291.

[39] Ebenda, S. 291.

[40] Ebenda, S.16.

[41] Ebenda, S. 461.

[42] Ebenda, S. 461.

[43] Ebenda, S. 462.

[44] Ebenda, S. 463.

[45] Finzen, A., Schädle-Peininger, H.,, Werkstattbericht zur Sozialpsychiatrie, Heft 15. Die Psychiatrie Enquete – kurz gefaßt, 3. Auflage, Wunstorf 1976, S.1.

[46] Dörner, Klaus, Plog, Ursula, a.a.O., S. 464.

[47] Ebenda, S. 465.

[48] Ebenda, S. 468.

[49] Ebenda, S. 469.

[50] Ebenda, S. 470.

[51] Ebenda, S. 470.

Details

Seiten
38
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783832457433
ISBN (Buch)
9783838657431
Dateigröße
523 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v221206
Institution / Hochschule
Hamburger Universität für Wirtschaft und Politik (ehem. Hochschule für Wirtschaft und Politik) – Soziologie
Note
1,25
Schlagworte
psychatrie studium hochschule wirtschaft politik

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