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Lokale Produktionssysteme in Süditalien

Eine Untersuchung am Beispiel Apuliens

Diplomarbeit 2002 102 Seiten

Geowissenschaften / Geographie - Wirtschaftsgeographie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Problemstellung
1.2 Forschungsfragen und Ziele
1.3 Aufbau der Arbeit

2 Lokalisierungstendenzen und Netzwerkbildung kleiner und mittlerer Unternehmen im globalen Wettbewerb
2.1 Das filière – Konzept
2.2 Der Industrial – District-Ansatz
2.2.1 Der Begriff „industrial district“
2.2.2 Wirtschaftliche Entwicklung im Dritten Italien
2.2.3 Merkmale des Marshallian und Italiante Industrial Districts
2.2.4 Sozialstruktur im Dritten Italien
2.2.5 Das Problem der Übertragbarkeit
2.3 Der Begriff „lokale Produktionssysteme“

3 Entwicklung im Mezzogiorno
3.1 Der Wirtschaftsraum Mezzogiorno
3.1.1 Die historische Entwicklung der Wirtschaftsstruktur
3.1.2 Sozialstruktur des Mezzogiorno
3.1.3 Wirtschaftsräumliche Disparitäten innerhalb des Mezzogiorno
3.1.4 Die Entstehung von lokalen Produktionssystemen im Süden Italiens
3.1.5 Die heutige wirtschaftliche Situation Süditaliens
3.2 Entwicklungspolitik im Mezzogiorno
3.2.1 Die „Cassa per il Mezzogiorno“-Erfolge und Misserfolge
3.2.2 Neues Förderinstrument der EU: die „patti territoriali“
3.2.3 Förderung der lokalen Produktionssysteme

4 Der Wirtschaftsstandort Apulien
4.1 Wirtschafts-, Branchen-, und Unternehmensstruktur
4.2 Aktuelle Beschäftigungssituation
4.3 Infrastruktur
4.4 Die lokalen Produktionssysteme in Apulien
4.4.1 Geographie der Produktionssysteme
4.4.2 Charakterisierung der Produktionssysteme
4.4.3 Die Rolle der lokalen Produktionssysteme für die wirtschaftliche Entwicklung

5 Die Untersuchungsgebiete und das methodische Vorgehen
5.1 Vorstellung der Untersuchungsgebiete
5.1.1 Barletta
5.1.2 Putignano
5.1.3 Tricase und Casarano
5.2 Methodik
5.2.1 Auswahl des Untersuchungsgebietes
5.2.2 Die schriftliche Unternehmensbefragung
5.2.3 Durchführung von Expertengesprächen

6 Analyse ausgewählter Produktionssysteme in Apulien
6.1 Ergebnisse der Unternehmensbefragung
6.1.1 Die Unternehmen
6.1.2 Die Produkte und die Produktions- und Vertriebsstruktur
6.1.3 Beschäftigtenstruktur
6.1.4 Die Zusammenarbeit mit anderen Wirtschaftsakteuren
6.1.5 Die Beurteilung des Wirtschaftsstandortes durch die Unternehmen
6.2 Ergebnisse der Expertengespräche
6.2.1 Aufgaben der befragten Institutionen
6.2.2 Charakterisierung der Region durch die Experten
6.2.3 Eigeninitiative der Unternehmen und Zusammenarbeit

7 Apulien aus dem Blickwinkel des Industrial – District – Ansatzes
7.1 Übereinstimmende Merkmale Apuliens und des „Dritten Italiens“
7.2 Defizite in den Produktionssystemen Apuliens
7.3 Aktualität des Phänomens „Drittes Italien“

8 Schlussfolgerung: Gibt es ein „Viertes Italien“?

Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Die Zahl der Produktionssysteme in Süditalien nach Regionen

Tabelle 2: Die lokalen Produktionssysteme der „Made in Italy“ 1996

Tabelle 3: Ort und Häufigkeit der Treffen mit Geschäftspartnern

Tabelle 4: Zielregion und Häufigkeit der geführten Telefonate mit Geschäftspartnern

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Aufbau der Arbeit. Eigener Entwurf

Abbildung 2: Die Produktionskette oder das filière. Eigener Entwurf

Abbildung 3: Firmengröße, Verbindungen und lokale bzw. außerlokale Einbettung. Quelle: Markusen 1996, S.297

Abbildung 4: Die Regionen des Dritten Italien. Quelle: Loda 1989, S.181

Abbildung 5: Historische Differenzen zwischen dem Norden und dem Süden Italiens. Quelle: Pohl 1997, S.152

Abbildung 6: Beschäftigtenzahlen und Unternehmen in lokalen Produktionssystemen in Süditalien. Quelle: Viesti u. Prota 2000, S. 380 f. Eigener Entwurf

Abbildung 7: Arbeitslosenquote Italiens nach Regionen und Teilräumen in Prozent. Quelle: Istituto Nazionale di Statistica 2001/1. Eigener Entwurf

Abbildung 8: Unternehmen im Mezzogiorno. Quelle: Ministero del Tesoro, del Bilancio e della Programmazione Economica 2000/2, S. 6. Eigener Entwurf

Abbildung 9 Entwicklung des BIP im Vergleich zu Süditalien und Italien in %. Quelle: Banco di Napoli 2001. Eigener Entwurf

Abbildung 10 Arbeitslosenquote Apuliens nach Provinzen 1999. Quelle: Istituto Nazionale di Statistica 2001/1. Eigener Entwurf

Abbildung 11: Infrastrukturindex für Apulien und den Mezzogiorno im Vergleich. Quelle: Banco di Napoli 2001. Eigener Entwurf

Abbildung 12: Untersuchungsgebiete in Apulien entlang der via adriatica. Quelle: Istituto Nazionale di Statistica (2001). Eigene Bearbeitung

Abbildung 13: Branchenverteilung der befragten Unternehmen. Datengrundlage: Eigene Erhebung 2001/2002

Abbildung 14: Rechtsform der befragten Unternehmen. Datengrundlage: Eigene Erhebung 2001/2002

Abbildung 15: Gründungsjahr der befragten Unternehmen. Datengrundlage: Eigene Erhebung 2001/2001

Abbildung 16: Produktvielfalt der befragten Unternehmen. Datengrundlage: Eigene Erhebung 2001/2002

Abbildung 17: Preiskategorie der von den befragten Unternehmen hergestellten Produkte. Datengrundlage: Eigene Erhebung 2001/2002

Abbildung 18: Anzahl der wichtigsten Kunden und Zulieferer der Unternehmen. Datengrundlage: Eigene Erhebung 2001/2002

Abbildung 19: Orte der wichtigsten Zulieferer und Kunden der befragten Unternehmen. Datengrundlage: Eigene Erhebung 2001/2002

Abbildung 20: Alter der Produktionsmaschinen in den befragten Unternehmen. Datengrundlage: Eigene Erhebung 2001/2002

Abbildung 21: Durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit in den befragten Unternehmen. Datengrundlage: Eigene Erhebung 2001/2002

Abbildung 22: Mögliche Erhöhung der wöchentlichen Arbeitszeit bei Bedarf. Datengrundlage: Eigene Erhebung. 2001/2002

Abbildung 23: Zeitraum der möglichen Produktionsumstellung bei Bedarf. Datengrundlage: Eigene Erhebung 2001/2002

Abbildung 24: Zahl der Beschäftigten insgesamt. Datengrundlage: Eigene Erhebung 2001/2002

Abbildung 25: Die Beschäftigtenstruktur nach Art und Qualifizierung der Arbeitnehmer. Datengrundlage: Eigene Erhebung 2001/2002

Abbildung 26: Die Beurteilung der allgemeinen Bedeutung von Zusammenarbeit durch die befragten Unternehmen. Datengrundlage: Eigene Erhebung 2001/2002

Abbildung 27: Konkrete Formen der Zusammenarbeit mit anderen Unternehmen. Datengrundlage: Eigene Erhebung 2001/2002

Abbildung 28: Häufigkeit des Kontaktes mit öffentlichen Institutionen. Datengrundlage: Eigene Erhebung 2001/2002

Abbildung 29: Institutionen der Zusammenarbeit. Datengrundlage: Eigene Erhebung 2001/2002

Abbildung 30: Häufigkeit des Kontaktes mit privaten Dienstleistungen. Datengrundlage: Eigene Erhebung 2001/2002

Abbildung 31: Beurteilung der Zukunft des Unternehmens und des Standortes Apulien und der Zufriedenheit mit dem Unternehmensstandort. Datengrundlage: Eigene Erhebung 2001/2002.

1 Einleitung

Die wirtschaftliche Entwicklung Italiens ist seit der Einigung 1861 von regionalen Disparitäten gekennzeichnet. Seit Beginn des letzten Jahrhunderts werden die Probleme des Dualismus zwischen dem reichen und bereits früh industrialisierten Norden und dem strukturschwachen, unterentwickelten Süden des Landes diskutiert. Diese sind durch das Wirtschaftswunder (miracolo economico) Norditaliens in der Nachkriegszeit noch verstärkt worden. Süditalien befindet sich in einer peripheren Lage Italiens und Europas. Der Dualismus konnte zumindest in Teilen Mittel- und Nordostitaliens durch die wirtschaftliche Dynamik der kleinen und mittleren Unternehmen in Industriedistrikten überwunden werden. Seit Beginn der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts, spätestens jedoch seit der Arbeit von Bagnasco (1977) spricht man von einem Dritten Italien, welches sich in seiner Produktions- und Unternehmensstruktur sowohl vom reichen, durch Großindustrie geprägten Norden, als auch vom Süden des Landes abhebt.

Süditalien hingegen wird weiterhin als periphere Randlage Europas angesehen. Es besteht ein geringes Interesse internationaler, wissenschaftlicher Fachliteratur für diese Region als Wirtschaftsstandort. Ganz im Gegenteil zu der enormen Flut an Publikationen über das „Dritte Italien“ seit den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts (vgl. Kapitel 2.2.2). In der italienischen Fachliteratur dagegen ist in den letzten Jahren eine heftige Diskussion um die Entwicklung Süditaliens entbrannt, nicht zuletzt durch den grundlegenden Perspektivenwechsel in der Entwicklungspolitik (vgl. Kapitel 3.2). Grundlegende Arbeiten zu diesem Thema sind u.a. von Gianfranco Viesti (2001) und Mirella Loda (2001 a, 2001 b) veröffentlicht worden. Die zunehmende Bedeutung der Industriedistrikte und lokalen Produktionssysteme in diesem Raum wird als Chance für eine eigendynamische Entwicklung gesehen.

1.1 Problemstellung

In den meisten Veröffentlichungen zum Thema Süditalien steht die rückständige wirtschaftliche Entwicklung dieser Randregion Europas im Vordergrund. Wissenschaftler und Politiker stellen sich die Frage, wie die Strukturschwäche des Mezzogiorno[1] gegenüber Mittel- und Norditalien ausgeglichen werden kann. Als Vorbild wird immer wieder die Entwicklung im Dritten Italien genannt. Die zunehmende Bedeutung kleiner und mittlerer Unternehmen, die Organisation dieser Unternehmen in lokalen Produktionssystemen und die Spezialisierung der Industriedistrikte auf eine oder wenige Branchen scheinen eine ähnliche Entwicklung in Süditalien zu ermöglichen. Auf der anderen Seite bleibt die Skepsis angesichts jahrzehntelanger und erfolgloser Südförderung. Süditalien konnte durch den massiven Transfer von Fördermitteln von Nord nach Süd mit der Entwicklung des restlichen Italien Schritt halten. Der Abstand zum Entwicklungsstand Nord- und Mittelitaliens ist dadurch jedoch nicht verringert worden. Eine eigendynamische Entwicklung und Unabhängigkeit von den Fördergeldern wurde bis heute nicht erreicht. Eine Industrialisierung wie in anderen europäischen Ländern in der Nachkriegszeit hat in Süditalien nie stattgefunden. Der heutige Industrialisierungsgrad wurde hauptsächlich durch staatliche Transferleistungen erreicht. Der Strukturwandel von der Agrargesellschaft hin zu einer Dienstleistungsgesellschaft ist ohne die Zwischenstufe der Industriegesellschaft erfolgt. Wichtige Entwicklungs- und Lernphasen während einer eigenständigen Industrialisierung wurden so verpasst. Die heutigen Strukturdefizite sind nicht zuletzt auf diesen Tatbestand zurückzuführen.

Trotz Defizite bei der Industrialisierung ist Süditalien heute nicht von sogenannten Altlasten ehemaliger Großindustrien verschont. Durch die Südförderung wurden jahrzehntelang Großbetriebe der Grundstoffindustrien, wie Stahl oder Chemie angesiedelt, die als Entwicklungspole dienen sollten. Gerade diese Gebiete sind heute durch Deindustrialisierungsprozesse Krisenregionen mit besonders hoher Arbeitslosigkeit. Bisher von der Förderung relativ unbeachtet gebliebene traditionelle und kleinbetriebliche Strukturen sind die Hoffnungsträger einer eigendynamischen Entwicklung und Objekt staatlicher Förderungen durch den italienischen Staat und die Europäische Union.

Problemstellung dieser Arbeit ist die Unterentwicklung Süditaliens und die Frage nach neuen Entwicklungsperspektiven für diese Region. Die lokalen Produktionssysteme sollen bei der Überwindung der Strukturdefizite eine wichtige Funktion übernehmen und dem Mezzogiorno den Anschluss an die industrialisierten Gebiete Europas und Italiens ermöglichen.

1.2 Forschungsfragen und Ziele

Um die Rolle der lokalen Produktionssysteme für die Entwicklung Süditaliens zu bestimmen, ist es notwendig, die Rolle von lokalen Produktionssystemen und Industriedistrikten für wirtschaftliche Entwicklung anhand von Beispielen aus der Praxis nachzuweisen. Ein Teil dieser Arbeit wird sich deshalb mit dem positiven Entwicklungsbeispiel der Marshallian Industrial Districts (vgl. Kapitel 2.2) im Dritten Italien beschäftigen.

An zweiter Stelle steht die Frage, ob in Süditalien überhaupt lokale Produktionssysteme oder Industriedistrikte vorhanden sind, welche Eigenschaften diese Distrikte aufweisen und ob sie mit den Marshallian und Italianate Industrial Districts nach Ann Markusen[2] vergleichbar sind. Weiter wird untersucht, ob die Präsenz und Eigenschaften der Industriedistrikte ausreichen, um eine flächendeckende und eigendynamische wirtschaftliche Entwicklung jenseits politischer Interventionen in Süditalien zu bewirken. Da diese umfangreiche Fragestellung im Rahmen der Arbeit nicht für Süditalien allgemein untersucht werden kann, wird die Untersuchung auf das Beispiel Apuliens beschränkt.

Am Ende dieser Arbeit soll festgestellt werden, inwieweit sich die wirtschaftliche Dynamik Apuliens von den anderen Regionen Italiens und auch Süditaliens unterscheidet und man aufgrund dieser Entwicklung nach der Bezeichnung des Nordens als „Erstem Italien“, des Mezzogiorno als „Zweitem Italien“ und dem dynamischen Mittel- und Nordosten als „Drittem Italien“ nun von einem „Vierten Italien“ sprechen kann (vgl. Gravini u. Cilona 1988).

Es kann nicht der endgültige Schluss getroffen werden, dass dieses „Vierte Italien“ nur aus Apulien besteht. Die Frage, ob auch andere Regionen von dieser Entwicklung betroffen sind, bleibt in dieser Arbeit weitgehend unbeantwortet. Die Bezeichnung Apuliens als „Viertes Italien“ wird somit unter der Prämisse getroffen, dass Apulien lediglich einen Teilbereich dieser neuen räumlichen Ordnung darstellt.

Aufgrund der Forschungsfragen soll sich die Untersuchung an folgenden Hypothesen orientieren:

I. „Die lokalen Produktionssysteme in Süditalien weisen Netzwerkeigenschaften im Sinne eines Marshallian und Italianate Industrial Districts nach Ann Markusen auf.“

II. „Von diesen Netzwerkeigenschaften gehen Impulse für eine eigendynamische wirtschaftliche Entwicklung aus, die mit der Entwicklung im Dritten Italien der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts vergleichbar ist.“

Hypothese I soll im wesentlichen durch die eigene schriftliche Unternehmensbefragung (vgl. Kapitel 6.1) untersucht werden. Im Fragebogen werden systematisch die Netzwerkeigenschaften und Strukturmerkmale des Marshallian Industrial Districts nach Ann Markusen abgefragt (vgl. Anhang). Die Expertengespräche gehen ebenfalls auf einige dieser Aspekte ein. Durch die Ergebnisse der Unternehmensbefragung und der Expertengespräche kann auf Hypothese II übergeleitet werden. Haben die Industriedistrikte des Untersuchungsgebietes dieselben Eigenschaften, wie die des Dritten Italien, so besteht die Möglichkeit einer vergleichbaren künftigen Entwicklung. An diesem Punkt ist zu bewerten, inwieweit regionale Einzigartigkeit der Entwicklung im Wege steht oder sie fördert. Auch stellt sich die Frage, ob die Entwicklung des Dritten Italien, selbst unter gleichen oder ähnlichen Bedingungen, in der heutigen Zeit zu wiederholen ist.

Die Frage nach der Eigendynamik der Entwicklung in Hypothese II kann nicht durch quantitative Auswertungen beantwortet werden. Dies soll stattdessen durch die Expertengespräche in Kapitel 6.2 untersucht werden. Die Ansprechpartner der lokalen öffentlichen Institutionen können durch ihre Erfahrungen aus der Zusammenarbeit mit Unternehmen über ihre Eindrücke Auskunft geben. Den Interviewpartnern wurde die Frage gestellt, wie eigenständig Unternehmen agieren, ob die Institutionen lediglich unterstützend an der Entwicklung beteiligt sind oder ob die Institutionen der aktive Teil sind und Entwicklungen selbst initiieren, an denen sich die Unternehmen nur noch beteiligen müssen. Dies kann v.a. anhand der Erfolge und Misserfolge der patti territoriali (vgl. Kapitel 3.2.2) untersucht werden, die von ihren Teilnehmern ein hohes Maß an Selbstinitiative fordern.

Ziel dieser Arbeit ist es somit, in der Literatur als Industriedistrikte bezeichnete Gebiete auf Eigenschaften des Marshallian Industrial Districts zu untersuchen und die Besonderheiten und Unterschiede im Vergleich zu den Industriedistrikten im Dritten Italien herauszuarbeiten. Der Zweck ist demnach nicht, neue Industriedistrikte zu entdecken, sondern die durch vorherige Untersuchungen (vgl. Viesti u. Prota 2000) als lokale Produktionssysteme identifizierten Gebiete auf diesen Ansatz hin zu überprüfen. Am Ende der Arbeit soll aufgrund der Erkenntnisse die Diskussion stehen, inwieweit man von Apulien als Teil eines „Vierten Italiens“ sprechen kann.

1.3 Aufbau der Arbeit

Die Arbeit ist im wesentlichen in drei Teile untergliedert. Im ersten Teil, der das Kapitel 2 umfasst, wird die Theorie der Industriedistrikte vorgestellt. Im Mittelpunkt steht dabei, neben Ansätzen von Schamp (2000) und Amin/ Thrift (1994), der Ansatz der Marshallian Industrial Districts nach Ann Markusen (1996) (vgl. Kapitel 2.2). Zum Verständnis wird diesem Ausführungen ein Kapitel über das filière – Konzept vorangestellt (vgl. Kapitel 2.1). Im Anschluss wird der Begriff „lokale Produktionssysteme“ erläutert und Unterschiede zum Begriff des „Industriedistriktes“ herausgearbeitet (vgl. Kapitel 2.3).

Der zweite Teil, bestehend aus Kapitel 3 und 4, ist deskriptiver Art. Die wirtschaftliche Entwicklung und aktuelle Situation Süditaliens wird in Kapitel 3 beschrieben. Besonderes Augenmerk liegt auf der historischen Entwicklung (vgl. Kapitel 3.1.1), der daraus entstandenen Sozialstruktur (vgl. Kapitel 3.1.2), der heutigen wirtschaftlichen Situation (vgl. Kapitel 3.1.5) und den wirtschaftsräumlichen Disparitäten innerhalb des Mezzogiorno (vgl. Kapitel 3.1.3). Dabei wird auch auf die Entwicklungspolitik und den Wandel in der Südförderung Anfang der 90er Jahre eingegangen (vgl. Kapitel 3.2). Von der Betrachtung Süditaliens soll der Blickwinkel in Kapitel 4 auf eine kleinere Maßstabsebene geführt werden. Anhand aktueller Wirtschaftsdaten wird zunächst der Standort Apulien beschrieben (vgl. Kapitel 4.1 bis 4.3). Anschließend wird in das hauptsächliche Thema der Arbeit, die lokalen Produktionssysteme in Apulien, anhand italienischer Fachliteratur eingeführt und zu der empirischen Untersuchung übergeleitet (vgl. Kaptitel 4.4).

Der dritte Teil der Arbeit besteht aus der empirischen Untersuchung der lokalen Produktionssysteme in Apulien. In Kapitel 5 werden zunächst die ausgewählten Untersuchungsgebiete vorgestellt und anschließend die Methodik und Vorgehensweise der empirischen Untersuchung erläutert. In Kapitel 6 werden die Ergebnisse der schriftlichen Untersuchung und der Expertengespräche vorgestellt und anschließend in Kapitel 7 diskutiert.

In einem letzten, zusammenfassenden Kapitel der Arbeit soll die Schlussfolgerung gezogen werden, inwieweit die wirtschaftliche Entwicklung Apuliens die Bezeichnung der Region als Teil eines „Vierten Italiens“ rechtfertigt. Zunächst ist jedoch eine eingehende Betrachtung theoretischer Grundlagen der Wirtschaftsgeographie notwendig. Als Hilfe für einen späteren Bezug der diskutierten Ansätze auf das Praxisbeispiel Apulien sollen bisherige Anwendungsgebiete im Dritten Italien vorgestellt werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Aufbau der Arbeit. Eigener Entwurf

2 Lokalisierungstendenzen und Netzwerkbildung kleiner und mittlerer Unternehmen im globalen Wettbewerb

Im Rahmen der fortschreitenden Globalisierung der Wirtschaft scheinen räumliche Aspekte des wirtschaftlichen Handelns an Bedeutung zu verlieren. Vor allem bei Großunternehmen ist der Trend zur Internationalisierung zu beobachten. Netzwerkbildungen in Form von Strategischen Allianzen[3], Joint Ventures[4], Franchising-Verträgen[5] oder der Gründung von Tochterunternehmen im Ausland charakterisieren die Zusammenarbeit internationaler Großkonzerne mit anderen Unternehmen. Schlagworte wie New International Division of Labour [6] bezeichnen die heutige Produktionsweise v.a. transnationaler Konzerne (vgl. Heß 1998, S. 25).

Trotzdem bleibt die räumliche Bezugsebene für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) von Bedeutung. Bei diesen ist die zwischenbetriebliche Arbeitsteilung und die dadurch entstehenden Netzwerke aufgrund geringerer Kapital- und Humanressourcen lokal organisiert. Nach Schamp (1997) wird ein Netzwerk definiert als.

„die Art und Weise, wie Unternehmen einzelne Produktionsschritte in einer Produktionskette ausführen und ihre Produktion nach Art und Menge untereinander abstimmen.“

Weiteres Merkmal sind informelle und häufig inoffizielle Verbindungen der Akteure untereinander. Durch diese Verbindungen entsteht ein reger Informationsaustausch, der den KMU bei der Entscheidungsfindung und Strategieplanung behilflich ist. Dieser Austausch ist durch die räumlicher Nähe der Akteure untereinander gewährleistet (vgl. Butzin 2000, S. 146).

Die räumlich konzentrierten Strukturen sind, besonders im Fall der später beschriebenen Industriedistrikte, häufig historisch gewachsen. Unternehmen gleicher oder sich unterstützender Branchen siedeln sich in derselben Region an, um gemeinsam Standortvorteile zu nutzen und um bei Beschaffung, Produktion, Vertrieb, Strategie, etc. zusammenzuarbeiten. Die Anwesenheit von öffentlichen oder privaten Institutionen wie Banken, Forschungsanstalten, Ausbildungsstätten, etc. wirkte dabei unterstützend (s. Fritsch et al 1998, S. 243, Fürst u. Schubert 1998, S. 353 ff.).

Durch diese Netzwerkbildung auf lokaler Ebene ist es den KMU gelungen, auch global v.a. gegenüber transnationalen Großkonzernen konkurrenzfähig zu bleiben und gleichzeitig einen wichtigen Beitrag zur Regionalentwicklung zu leisten (vgl. Türke 1986, S. 61 ff.)

In den folgenden Kapiteln soll nun die gemeinsame Produktionskette von Unternehmen charakterisiert und am Beispiel der Industriedistrikte näher beleuchtet werden

2.1 Das filière – Konzept

Im Rahmen des globalen Wettbewerbs kam es zu einer immer stärkeren Verflechtung von Standorten. Wissenschaftlich konnte man einen Standort nur noch schwer als separierte und in sich geschlossene Einheit betrachten. In Frankreich entstand so das filière – Konzept, welches sich mit den Zusammenhängen von Standorten beschäftigte (vgl. Heß 1998, S. 86)

In der Literatur wird das filière mit der Produktionskette gleichgesetzt. Das filière – Konzept beschreibt sämtliche Elemente eines Produktionsprozesses. Angefangen bei der Beschaffung von Rohstoffen über die eigentliche Produktion bis hin zum Vertrieb des Produktes. Dabei muss es sich nicht nur um industriell gefertigte Produkte handeln, auch Dienstleistungen werden durch das filière-Konzept beschrieben. Somit sind zahlreiche Wirtschaftsakteure an der Wertschöpfung beteiligt. Die Einbindung in die filière kann vertikal und horizontal sein (vgl. Abbildung 2). Die einzelnen Elemente der Produktionskette können an den Schnittstellen beispielsweise durch Zulieferung zur Wertschöpfung beitragen oder bereits an dieser Stelle des Produktionsvorganges Märkte bedienen (vgl. Heß 1998, S. 86)

Heß (1998, S. 87) fasst folgende Dimensionen einer Produktionskette zusammen:

Die filière ist ein integriertes System, welches sämtliche Schritte der Wertschöpfung beinhaltet: Die Rohstoffbeschaffung, die Produktion und die Distribution. Dabei können an den Schnittstellen vertikale Produktionsstufen zwischengeschaltet werden

Jede Wertschöpfungskette unterliegt bestimmten Kontroll- und Koordinationsstrukturen. Die Machtverteilung innerhalb der Produktionskette entscheidet über den Einsatz von Ressourcen

Die Elemente einer Produktionskette sind meist räumlich konzentriert, wobei der Aktionsradius selten regional beschränkt ist und globale Zusammenhänge aufweist.

Durch die globale Präsenz unterliegt die Produktionskette unterschiedlichen institutionellen Gegebenheiten, die den Produktionsprozess entscheidend beeinflussen. Die nationalen und internationalen Institutionen tragen so zum räumlichen Erscheinungsbild der Produktionskette bei.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Die Produktionskette oder das filière. Eigener Entwurf

Das filière – Konzept leistet somit einen wichtigen Beitrag zum Verständnis von Netzwerkbildungen. Auch auf der Ebene kleiner und mittlerer Unternehmen bestehen intensive Verknüpfungen und Beteiligungen an gemeinsamen Produktionsketten. Diese treten in diesem Zusammenhang meist als Zulieferer auf.

In den Industriedistrikten sind die KMU häufig durch eine in sich geschlossene Produktionskette organisiert. Es finden sämtliche Schritte der Produktion und Wertschöpfung innerhalb des Industriedistriktes statt. Dieses Merkmal eines Industriedistriktes ist jedoch durch die zunehmenden globalen Verflechtungen auch kleiner und mittlerer Unternehmen in den Hintergrund getreten.

2.2 Der Industrial – District-Ansatz

Der Industrial-District-Ansatz ist aus der Krise der fordistischen Massenproduktion in den 1970er Jahren hervorgegangen. Durch ihre flexible Produktionsweise und einzigartige Organisation in Industriedistrikten und Produktionssystemen konnte sich zunehmend kleine und mittlere Unternehmen der Industrieländer behaupten. Die von der Großindustrie am Fließband hergestellten standardisierten Massengüter konnten nicht mehr im selben Maße abgesetzt werden. Die Nachfrage der Verbraucher bezog sich zunehmend auf qualitativ hochwertige und individuelle Produkte. Auch änderte sich die Nachfrage ständig, worauf die Großindustrie mit ihrer unflexiblen Produktionsweise nicht schnell genug reagieren konnte. (vgl. Amin und Thrift 1994, S. 571)

Die Folge war ein Absatzrückgang und eine Krise der bisher in den Großbetrieben üblichen Produktionsweise des Fordismus [7]. Einige kleine und mittlere Unternehmen nutzten diese Probleme und füllten entstehende Produktionsnischen aus. Durch die flexible Spezialisierung[8], die eine schnelle Reaktion auf veränderte Nachfragebedingungen zuließ, konnten sich viele dieser Unternehmen wirtschaftlich behaupten. (vgl. Piore und Sabel 1984, S. 251ff., Amin und Thrift 1994, S. 572ff.)

Die räumliche Konzentration von KMU auf eine bestimmte Region ist kein neues Phänomen. Vor allem in peripheren Gebieten organisierten sich schon früh Unternehmen der gleichen Branchen in einem begrenzten Raum. Ein klareren Hinweis darauf gibt bereits Anfang des 20. Jahrhundert der Ökonom Alfred Marshall (1920, 1927)[9], der Industriedistrikte in Mittelengland beschreibt. Die Bildung von Industriedistrikten war traditionell in den Bereichen Textilindustrie, Uhren, Metallwaren oder Spielzeug konzentriert (vgl. Schamp 2000, S. 70)

Die Industriedistrikte erlebten in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts in Mittel- und Nordostitalien eine Renaissance und wurden wissenschaftlich durch Bagnasco (1977), Scherer (1986), Trigilia (1985), Loda (1989), Cooke und Morgan (1994) oder Bathelt (1998) beschrieben. KMU schlossen sich in organisatorischen Einheiten zusammen und erlangten wirtschaftlichen Erfolg durch flexible Produktion, traditionelle Produkte, Heimarbeit, informellen und inoffiziellen Informationsaustausch und intensive Zusammenarbeit (vgl. Kapitel 2.2.2). Das Besondere an dem Ansatz ist an diesen Determinanten zu erkennen. Neben der rein wirtschaftlichen Sichtweise, die vor allem harte Entwicklungs- und Standortfaktoren beinhaltet, werden Aspekte der Sozialstruktur der Region oder der Verhaltensweise der Akteure miteinbezogen. Elemente aus der Soziologie werden aufgenommen und verarbeitet.

Die Entstehung von Industriedistrikten im Bereich von Schlüsselindustrien wie High-Tech, Biotechnologie, etc. sind in den letzten 20 Jahren beispielsweise im Silicon Valley (Kalifornien) beobachtet worden (vgl. Bathelt 1992). Diese sollen in der vorliegenden Arbeit wegen ihrer geringen Relevanz für die Region Süditalien jedoch nicht weiter behandelt werden.

2.2.1 Der Begriff „industrial district“

Der Begriff „industrial district“ wird in der Literatur vielfach behandelt. Die Industriedistrikte wurden v.a. durch Ann Markusen (1996) typisiert und untersucht. Auch Amin und Thrift lieferten 1994 mit ihrem Artikel einen wichtigen Beitrag zur Charakterisierung der Industriedistrikte und der flexiblen Spezialisierung.

Schamp (1997, S. 7; 2000, S. 73) beschreibt einen Industriedistrikt als eine räumliche Konzentration von KMU die in einer vertikalen Produktionskette, ergänzt durch Heimarbeit miteinander verbunden sind. Funktionsweise und Bestand des so entstandenen Netzwerkes werden durch soziale Regeln und Normen gesichert. Ein wichtiges Merkmal ist die flexible Koordination der Produktionsprozesse, die nicht zuletzt darauf beruht, dass die im Industriedistrikt organisierten Unternehmen meist selbstständige Einbetriebsunternehmen sind. Ein weiterer wichtiger Faktor für die regionale Entwicklung der KMU ist laut Schamp (2000, S. 74) die Anwesenheit von intermediären Institutionen wie Handelskammern und die Präsenz von lokalen Gewerkschaftsvertretern und Politikern. Durch eine „Konsensstrategie“ aller beteiligten Personen sei vor allem der langfristige Erfolg eines Industriedistriktes gesichert.

Laut Ann Markusen (1996) wird ein Industriedistrikt folgendermaßen definiert:

an industrial district is a sizeable and spatially delimited area of trade-oriented economic activity which has a distinctive economic specialisation, be it resource-related, manufacturing, or services.“

Wichtig für die Beschreibung Markusens sind somit die Handelsorientierung, die spezialisierte Produktion und die limitierte Anzahl von kleinen und mittleren Unternehmen, die in einem begrenzten und in sich geschlossenem Raum tätig sind.

Markusen unterscheidet vier verschieden Typen von Industriedistrikten (vgl. Abbildung 3). Neben dem Marshallian oder auch Italianate Industrial District[10], welcher dieser Arbeit zugrunde liegt und deshalb in Kapitel 2.2.3 näher beschrieben wird, definiert sie den Hub-and-Spoke District, den Satellite Platform District und den State-anchored District (vgl. Markusen 1996, S. 298)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Firmengröße, Verbindungen und lokale bzw. außerlokale Einbettung. Quelle: Markusen 1996, S. 297

Der Hub-and-Spoke District ist geprägt von einem oder mehreren Großunternehmen, die von kleineren Zulieferunternehmen umringt sind. Diese dominanten Großunternehmen sind der Hauptsitz eines Mehrbetriebsunternehmens. Die KMU untereinander sind kaum vernetzt. Meist wird nur ein Kunde, sei es ein Großunternehmen oder ein Zwischenabnehmer beliefert, wodurch sich das Risiko der KMU nicht wie beispielsweise im Marshallian Industrial District verteilt. Endabnehmer ist fast immer das dominante Großunternehmen. Diese sind jedoch meistens stabile Abnehmer, die selbst mit anderen Großunternehmen außerhalb des Industriedistriktes vertikal vernetzt sind (vgl. Markusen 1996, S. 302)

Der Satellite Platform District dagegen wird fast ausschließlich von Zweigbetrieben und Filialen internationaler Großkonzerne dominiert. Gründe für die Ansiedlung eines Zweigbetriebes im Gebiet des Industriedistriktes sind besondere Standortvorteile wie beispielsweise die Nähe zu einem sonst schwer zugänglichen Markt, Steuervergünstigungen oder Rohstoffnähe. Die Betriebe innerhalb des Distriktes sind nicht miteinander vernetzt. Verbindungen bestehen ausschließlich zum Stammhaus und dessen Zweibetrieben außerhalb des Industriedistriktes (vgl. Markusen 1996. S. 304). Ob in diesem Fall von einem Industrial District gesprochen werden kann ist fraglich, da wichtige Merkmale wie z.B. die Einbettung in ein lokales Netzwerk, vollkommen fehlen.

Die Form des State-anchored Industrial Districts wird dominiert von einer oder mehreren staatlichen Einrichtungen wie beispielsweise einer Militärbasis, zentralen Einrichtungen einer Hauptstadt, einer großen öffentlichen Universität oder staatlichen Forschungseinrichtung. Diese Einrichtungen sind umringt von verschiedenen KMU, die sich aufgrund der durch die Institution entstandenen Standortvorteile in der Region angesiedelt haben und untereinander Verflechtungen aufweisen (vgl. Markusen 1996, S. 306)

Der hier durchzuführenden Untersuchung über lokale Produktionssystem in Süditalien liegt der Ansatz des Marshallian Industrial District zugrunde, welcher in Kapitel 2.2.3 näher beschrieben wird.

Markusen räumt ein, dass die reine Form eines der oben beschriebenen Industriedistrikte nicht immer der Realität entspricht. Zur empirischen Überprüfung des industrial – district – Ansatzes schlägt sie deshalb einen Mix aus den genannten Distrikttypen als theoretische Grundlage vor. Unter der Einbeziehung dieser Möglichkeit sei es sehr viel einfacher, Industriedistrikte empirisch nachzuweisen (vgl. Markusen 1996, S.307)

Weiter ist zu beachten, dass ein Industriedistrikt nicht als statisches Element zu betrachten ist. Die Industriedistrikte sind durch die Globalisierung Einflüssen von außerhalb ausgesetzt, welche die Form und die Merkmale des Distriktes ständig verändern. Die einmal als Industriedistrikt im Sinne des Marshallian Industrial Districts identifizierten Regionen entwickeln sich ständig weiter. Sie können sich durch den zunehmenden Einfluss eines einzigen Unternehmens zu einem Hub-and-Spoke District wandeln (vgl. Markusen 1996, S. 307). Ein Beispiel hierfür ist das Wachstum des Bekleidungsherstellers Benetton in Trento/ Norditalien. Die ausgeglichene kleinbetriebliche Produktionsstruktur des Industriedistriktes wurde von der Dominanz des fokalen Unternehmens Benetton abgelöst. Auch können sich Industriedistrikte durch äußere Einflüsse vollkommen auflösen.

Die Existenz des Marshallian Industrial Districts konnte am Beispiel des Dritten Italien zweifelsfrei empirisch nachgewiesen werden.

2.2.2 Wirtschaftliche Entwicklung im Dritten Italien

Der wirtschaftliche Erfolg der Industriedistrikte im Zentrum und Nordosten Italiens wurde in den 1970er und 1980er Jahren mit Hilfe des industrial – district – Ansatzes mehrfach empirisch untersucht. Der Marshallian Industrial District ist in dieser Region nachgewiesen worden (vgl. Bathelt 1998, S.249 f.)

Das Zeitalter des Massenkonsums und die Produktionsweise des Fordismus, der seine Blütezeit in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts erlebte, gerieten auch in Italien in den 70er Jahren in die Krise. Die Großindustrien des Nordens, v.a. im Industriedreieck Mailand – Turin – Genua (triangolo industriale) (vgl. Loda 1989, S. 180), gerieten durch die rückläufige Nachfrage nach standardisierten Massengütern, den Kostendruck durch Konkurrenz aus Niedriglohnländern und nicht zuletzt durch die Massenstreiks, die von den italienischen Gewerkschaften in den 70er Jahren organisiert wurden, zunehmend unter Druck. Die Produktionsstruktur war zu unflexibel, um sich der sich ständig ändernden Nachfrage anzupassen. Die Möglichkeit zur Kostensenkung durch Lohnreduktion und Entlassungen wurden durch die Gewerkschaften verhindert (vgl. Bathelt 1998, S. 250 f., Loda 1989, S. 182). Auch gerieten die traditionellen Exportbranchen Norditaliens wie die Metall- und Chemieindustrie und der Maschinenbau durch zunehmende Weltmarktkonkurrenz in eine Krise.

Dies begünstigte die Entwicklung der Industriedistrikte im Zentrum und Nordosten Italiens, dem sogenannten Dritten Italien (terza Italia). Bagnasco (1977) spricht erstmals von drei Italien (tre Italie) und somit von einer Überwindung des Dualismus, der Italien seit seiner Einigung 1861 (vgl. Hinz 2001, S. 10) in Nord und Süd spaltete. Die kleinen und mittleren Unternehmen Mittel- und Nordostitaliens waren durch ihre Flexibilität und Innovationsfähigkeit in der Lage, die Großunternehmen bei der Überwindung der Krise zu unterstützen. Produktionen wurden in periphere Regionen außerhalb der bisherigen Wachstumszentren ausgelagert, wodurch neue regionale Strukturen entstanden (vgl. Garofoli 1992, S. 42 ff.). Bagnasco (1977) spricht in diesem Sinne von der Entwicklung einer peripheren Ökonomie [11] im Dritten Italien.

In den Regionen Südtirol (Trentino-Alto Adige), Friaul-Julisch-Venetien (Friuli Venezia Giulia) , Venetien (Veneto) , Emilia Romagna (Emilia Romagna) , Toskana (Toscana) , Marken (Marche) und Umbrien (Umbria) (vgl. Abbildung 4) konnte eine äußerst positive Wirtschaftsentwicklung beobachtet werden, die diese Regionen entscheidend von den unterentwickelten Gebieten Süditaliens und den prosperierenden Regionen Norditaliens unterschied (vgl. u.a. Bagnasco 1977, S. 213 ff., Cooke u. Morgan 1994, S. 103 ff., Rodriguez-Posé 1998, S. 74)

In den oben genannten Regionen konnten Industriedistrikte im Sinne des Marshallian Industrial District nach Ann Markusen identifiziert werden. Sforzi (1989) beschrieb in seiner Arbeit 60 Industrieagglomerationen im Dritten Italien. Er grenzte diese räumlich ab durch das Pendlereinzugsgebiet, die hohe Konzentration in einer oder wenigen Branchen und die spezifische soziale Struktur, die v.a. erwerbstätige Frauen und mithelfende Familienangehörige aufwies. Auf diese Weise konnte er 20 Teilräume im Bereich Maschinenbau, Textilindustrie, Möbel, Keramik, Spielwaren und Musikinstrumente v.a. in den Regionen Emilia-Romagna, Toskana, Marken und Venetien identifizieren. Diese Industriedistrikte werden im Aufsatz von Ann Markusen als Italiante Industrial Districts beschrieben (vgl. Markusen 1996, S. 298). Beispiele für diese Industriedistrikte sind die Textilindustrie in Prato/ Provinz Florenz (vgl. Pohl 1995, S. 152), die Strick- und Wollwarenherstellung in Carpi/ Provinz Modena (vgl. Bathelt 1998, S. 251, Scherer 1986) oder die Ledergerbereien in Santa Croce/ Provinz Pisa (vgl. Bathelt 1998, S. 253)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Die Regionen des Dritten Italien. Quelle: Loda 1989, S. 181

Die Krise der Großindustrie des Norden ist jedoch nur ein Grund der positiven Entwicklung des Dritten Italien. Auch die gesteigerte Nachfrage nach nicht-standardisierten Produkten auf dem Weltmarkt war für die flexibel produzierten und in der Regel hochwertigen Produkte wie Schuhe, Kleidung , etc. der Unternehmen des Dritten Italien von Bedeutung. Neben diesen exogenen Entwicklungsdeterminanten sind auch endogene Faktoren wichtig. Die Regionen des Dritten Italien weisen traditionell eine kleinbetriebliche Produktionsstruktur auf. Die Betriebe sind durch vertikale Integration untereinander vernetzt. Die Unternehmen sind extrem kleine Familienbetrieben, die beispielsweise im Bereich der Textilindustrie in Carpi/ Provinz Modena zu 95% maximal drei Beschäftigte aufweisen. 40% aller Angestellten sind Familienmitglieder und 90% der Unternehmen fungieren als Zulieferer für andere Unternehmen (vgl. Bathelt 1998, S. 251). Diese Unternehmensstruktur ist typisch für die Betriebe des Dritten Italien. Durch die familiären Verflechtungen sind die Löhne und Arbeitszeiten sehr flexibel. Gewerkschaften gibt es fast nicht. Auch neue Technologien können flexibel und mit geringem Kapitalaufwand eingeführt werden, da immer nur wenige Produktionsschritte in einem Unternehmen stattfinden und in der Regel nur ein Produkt hergestellt wird. Durch diese flexible Spezialisierung ist eine schnelle Reaktion auf Modeänderungen im Bereich Textil, Möbel oder Keramik möglich. (vgl. Bathelt 1998, S. 250 ff.). Auch sind die hergestellten Produkte keine standardisierten Massengüter, sondern qualitativ hochwertig und einzigartig im Design. So gelingt es diesen Industrien durch ihre Einzigartigkeit Wettbewerbsvorteile zu erlangen. Des weiteren erlangen die Unternehmen des Dritten Italien die Fähigkeit, benötigte Produktionsmaschinen selber herzustellen. (vgl. Porter 1993, S. 444 ff.)

Die enge Zusammenarbeit und Förderung durch die lokale Politik und regionale Institutionen und nicht zuletzt die soziale Interaktionsdichte mit regionaler Begrenzung sämtlicher Wirtschaftsakteure schafft eine kontinuierliche soziale Kontrolle und langfristige Verbindungen mit hoher Qualität und Zuverlässigkeit der Zulieferer. Es besteht für die Unternehmen eine geringe Abhängigkeit, da meist mehrere Abnehmer, bzw. Lieferanten vorhanden sind. Auch ist die Produktion flexibel genug, um bei Stagnationen des Endabnehmers auf Marktnischen auszuweichen. Entlassungen sind daher auch in Krisenzeiten eher selten (vgl. Bathelt 1998, S. 253 ff.)

2.2.3 Merkmale des Marshallian und Italiante Industrial Districts

Die Beschreibung des Marshallian Industrial District (Markusen 1996) geht auf den englischen Ökonomen Alfred Marshall zurück. Dieser beschrieb Anfang des 20. Jahrhunderts am Beispiel kleinbetrieblicher Fertigung von Stahlwaren in Sheffield eine von kleinen, selbstständigen Betrieben geprägte Wirtschaftsstruktur, deren gesamte Investitions- und Produktionsentscheidungen auf lokaler Ebene getroffen werden. (vgl. Markusen 1996, S. 299, Schamp 2000, S. 73)

Der Marshallian Industrial District ist geprägt von vielen eigenständigen kleinen und mittleren Betrieben, die untereinander durch Zulieferer- und Kundenbeziehungen stark vernetzt sind. Die Aktivitäten des Netzwerkes sind lokal begrenzt. Zusammenarbeit mit Firmen außerhalb des Industriedistriktes sind selten. Die Industrie ist häufig exportorientiert. Durch die Produktionsweise der KMU sind die economies of scale[12] relativ gering, wohingegen die economies of scope[13] von hoher Bedeutung sind (vgl. Markusen 1996, S. 298). Investitionen, besonders im Bereich von Schlüsseltechnologien werden hauptsächlich auf lokaler Ebene getätigt. Die Zulieferbeziehungen der Unternehmen untereinander sind stabil und werden langfristig geplant.

Eine weitere Besonderheit des Marshallian Industrial Districts ist der lokale Arbeitsmarkt. Die Arbeitskräfte verfügen über einen großen Schatz an Erfahrungen und Know-how, der lokal an die Personen gebunden ist. Diese Fähigkeiten sind meist traditionell überliefert und typisch für eine bestimmte Region. Auch die traditionell hohe Flexibilität der Arbeiter, häufig bedingt durch soziale und familiäre Absicherung ist ein wichtiges Merkmal dieser Form des Industriedistriktes. Die Arbeitskräfte fühlen sich eher dem Industriedistrikt als räumlicher Einheit verbunden, als dem jeweiligen Unternehmen, in dem sie arbeiten. Aufgrund der guten Arbeitsmarktlage innerhalb des Distriktes ist die Zahl der einpendelnden Arbeitnehmer höher als die der auspendelnden (vgl. Markusen 1996, S. 299)

Soziale private wie berufliche Beziehungen der wirtschaftlichen Akteure und eine sich daraus ergebende Vertrauensbasis beschleunigen die Weitergabe von Know-how und stabilisieren die Zusammenarbeit. Arbeitskräfte werden häufig ausgetauscht, Unternehmensinhaber treffen sich auch privat und Strategien werden untereinander abgestimmt (vgl. Bathelt 1998, S. 253)

Durch die räumliche Abgeschlossenheit, die lokale Kultur, die traditionelle Herstellung regionaler Produkte und die historisch gewachsenen sozialen sowie ökonomischen Strukturen hat sich oft eine einzigartige lokale Identität entwickelt, die maßgeblich zum Erfolg der jeweiligen Region beträgt.

Ein weiterer Grund für die stabile Entwicklung in den Industriedistrikten ist die Agglomeration von spezialisierten Dienstleistungsunternehmen, wie beispielsweise Finanzdienstleistern, Steuerberatern, Rechtsanwälten, technischen Beratern, Unternehmensberatungen und Banken. Diese Leistungen können insbesondere von kleinen und mittleren Unternehmen innerhalb des Unternehmens nicht erbracht werden.

Neben den privaten Dienstleistungen spielen vor allem staatliche und öffentliche Behörden und Fördereinrichtungen eine große Rolle. Durch ihre unterstützende und beratende Tätigkeit haben sie Einfluss auf die Entwicklung der jeweiligen Region (vgl. Trigilia 1985, S. 25 ff.). Es werden günstige Kredite gewährt, Technologieförderprogramme durchgeführt oder gemeinsame Service-, Vermarktungs- und Weiterbildungsmaßnahmen angeboten (vgl. Bathelt 1998, S. 253)

Im Italiante Industrial District sind die Merkmale der gemeinsamen Ressourcennutzung, wie Arbeitnehmeraustausch oder Rohstoffbeschaffung besonders ausgeprägt. Auch hochqualifizierte Arbeitnehmer zur Entwicklung von neuen Designs oder Innovationstechnologien werden gemeinsam eingesetzt. Daraus entstehen kollektive Lernprozesse. Die Zusammenarbeit spielt in Bezug auf Risikominimierung, gemeinsame Marktstrategie und Innovationsentwicklung eine sehr wichtige Rolle. Infrastrukturen zur beruflichen Weiterbildung sowie technischen oder finanziellen Unterstützung werden gemeinsam genutzt (vgl. Markusen 1996, S. 298)

Der italienische Industriedistrikt des Dritten Italien ist somit ein Beispiel für erfolgreiche Regionalentwicklung. Die Entwicklung fand nicht ausschließlich aufgrund exogener Einflussfaktoren wie veränderter Weltmarktsituation oder der Fordismuskrise statt. Vielmehr haben zahlreiche endogene Entwicklungsfaktoren, welche einzigartig in der Welt sind und bisher nur in dieser Region auch empirisch nachgewiesen werden konnten, das positive Wachstums bewirkt.

2.2.4 Sozialstruktur im Dritten Italien

Die Regionen des Dritten Italien sind geprägt von einer kleinbetrieblichen Produktionsstruktur. Die Unternehmen sind meist Familienbetriebe. In den Betrieben ist die soziale Distanz gering, was nicht zuletzt daher kommt, dass gesellschaftliche Interaktionen sowohl zwischen Unternehmen, Arbeitern, Handwerkern und Angestellten bestehen (vgl. Petzoldt 1998, S. 14f.)

Wichtiges Element vieler Betriebe war seit jeher die Familie. Großfamilien bis zu 12 Mitgliedern waren keine Seltenheit (vgl. Bagnasco 1988, S. 55). Durch den hohen Anteil an Familienmitgliedern waren die Unternehmen in der Lage, ihre Produktionsprozesse selbstständig zu organisieren, koordinieren und kontrollieren. Das technische und unternehmerische Know-how wurde innerhalb der Familie über Generationen weitergegeben (vgl. Petzoldt 1998, S. 15)

Weitere Besonderheit der frühen Wirtschafts- und Sozialstruktur der Regionen des Dritten Italien ist das landwirtschaftliche System der Mezzadria[14] (vgl. Sabelberg 1997, S. 26). Im Gegensatz zur extensiven und rentenkapitalistischen Latifundienwirtschaft [15] und Kleinbauerntums des Südens, die wenig wandlungsfähige Strukturen und traditionelle Produktion aufwiesen (vgl. Wagner 1989, S. 156), war in den Gebieten des Dritten Italien ein Verpachtungssystem, bei welchem dem Pächter Land in Eigenverantwortung übermittelt wurde, üblich. Durch dieses Lehensystem war es dem Pächter möglich, seine eigene Situation durch fortschrittliches und effizientes Wirtschaften zu verbessern (vgl. Pohl 1995, S. 52). Dadurch wurden die organisatorischen, innovatorischen und unternehmerischen Fähigkeiten der Pächter geschult und es entwickelte sich eine traditionell marktwirtschaftliche Orientierung der Bevölkerung. Durch die Bewirtschaftung in der Großfamilie war eine Selbstversorgung gewährleistet und die Bevölkerung war in der Lage, Krisenzeiten zu überwinden (vgl. Bagnasco u. Trigilia 1985, S. 20)

Diese Fähigkeiten waren eine wichtige Voraussetzung für die erfolgreiche Entwicklung der Klein- und Mittelbetriebe in den 1960er und 1970er Jahren. Auch heute sind diese Betriebe traditionelle Familienbetriebe, in denen Angehörige mitarbeiten oder in Heimarbeit zur Produktion beitragen. Gewinne werden angesammelt und reinvestiert und Gewinnschwankungen können durch den familiären Zusammenhalt ausgeglichen werden (vgl. Petzoldt 1998, S. 15)

Kollektives und koordiniertes gesellschaftliches Handeln haben in Nord- und Mittelitalien eine lange Tradition. Bereits seit dem Mittelalter bestehen politische, religiöse und gemeinnützige Organisationen. Die Handwerker in den Städten waren bereits zu dieser Zeit in Zünften organisiert. Diese historischen Strukturen sind weitgehend erhalten geblieben und erwiesen sich während der Industrialisierung des Dritten Italiens in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts als vorteilhaft (vgl. Petzoldt 1998, S. 16)

Das historisch verwurzelte gemeinsame Handeln und Verfolgen von Zielen sowie die langfristige unternehmerische Denkweise führten nach Bagnasco und Trigilia Ende der 50er Jahre des letzen Jahrhunderts zu einer Art kollektiven Mobilisierung (mobilitazione collettiva)[16] der vorhandenen Ressourcen (vgl. Bagnasco u. Trigilia 1985, S. 45)

2.2.5 Das Problem der Übertragbarkeit

Die Industriedistrikte im Dritten Italien fanden in der Fachliteratur große Beachtung (vgl. z.B. Bathelt 1998, Loda 1989). Gelobt wurde das enorme Potential des industrial-district Anatzes in Bezug auf Regionalentwicklung. Durch die Erfolge in Mittel- und Nordostitalien schien der Ansatz als ein geeignetes Hilfsmittel für eine regionale Entwicklungspolitik zu sein.

In der Literatur werden jedoch immer wieder Zweifel geäußert, ob die idealtypischen Elemente eines Industriedistriktes, die im Dritten Italien identifiziert worden sind, ohne weiteres auf andere Regionen übertragbar sind (vgl. Schamp 2000, S. 73). Die Entstehung von Industriedistrikten und deren wirtschaftlicher Erfolg ist auf eine Vielzahl von sozioökonomischen Merkmalen zurückzuführen. So spielten die hohe Spezialisierung und Arbeitsteilung, die Qualität der Handwerkstradition, der hochwertige lokale Arbeitsmarkt, die institutionelle Dichte und die ausgeprägte Kooperationskultur eine wichtige Rolle für die Entwicklung (vgl. Bathelt 1998, S. 260 ff.). Aber auch exogene Faktoren wie die Krise der fordistischen Produktionsweise in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts bewirkten den Aufstieg der Regionen des Dritten Italien. Zwar lassen sich auch heute einzelne Elemente dieser Distrikte in anderen Gebieten wiederfinden, ob dies jedoch zu einer Wiederholung der Entwicklung im Dritten Italien führt, bleibt zu untersuchen. Modellhafte Marshallian Industrial Districts konnten nur in wenigen Regionen, und dort mit Einschränkungen, empirisch nachgewiesen werden (vgl. u.a. Heß 1998, S. 38)

Eine weitere Gefahr besteht darin, die Rolle kleiner und mittlerer Unternehmen bei der regionalen Entwicklung und ihre Innovationsfähigkeit über zu bewerten (vgl. Heß 1998, S. 39). Auch für Großunternehmen besteht die Möglichkeit ihre Flexibilität durch neue Produktions- und Organisationsstrukturen zu erhöhen. Diese Flexibilisierung können Großunternehmen räumlich dezentralisiert durchführen und so die Entwicklung einer Region maßgeblich beeinflussen, indem sie Produktionen auslagern. Gerade diese international tätigen Großunternehmen bedrohen heute die Existenz von selbstständigen Industriedistrikten (vgl. Rentmeister 2001, S. 35)

Auch dürfen Nachteile der Entwicklung im Dritten Italien nicht vollständig vernachlässigt werden. So kam es z.B. zu sozialen und wirtschaftlichen Missständen durch Schwarzarbeit, Unterbezahlung, Steuerhinterziehung (vgl. Kammerer 1999, S.39), unzureichende soziale Absicherung und die Missachtung von Arbeitsschutzgesetzen. (vgl. Bathelt 1998, S. 261)

2.3 Der Begriff „lokale Produktionssysteme“

Der Begriff des lokalen Produktionssystems geht über das Konzept der filière hinaus. Laut Schamp (2000, S. 33) wird ein Produktions- oder Industriesystem definiert als.

„ein System aus einem Ensemble von Akteuren, das a) in funktionalen Beziehungen zusammenwirkt, b) in verschiedenen Formen, Umfängen und Richtungen von Verflechtungen sowohl output von anderen Akteuren nachfragt als auch input an andere Akteure liefert und c) sich als Folge von Interaktionen einerseits innerhalb des ganzen Ensembles oder zumindest einiger seiner Teile und andererseits zwischen dem Ensemble und seinem Umfeld in einer ganz besonderen Weise verhält.“

Die Produktionskette ist somit ein Merkmal des Produktionssystems. Voraussetzung ist allerdings, dass die gesamte Wertschöpfung innerhalb des Produktionssystems stattfindet. Damit wird es schwierig, räumliche Einheiten als geschlossenes Produktionssystem zu bezeichnen, da diese meist Verflechtungen mit Räumen außerhalb der Region aufweisen. Schamp (2000, S. 34) unterstreicht, dass sowohl ein einzelnes Industrieunternehmen, als auch die ganze Welt als ein Produktionssystem verstanden werden kann. Systeme dieser Art sind auf der Marko-, der Meso- und der Mikroebene zu finden. Ähnlich wie die Produktionskette des filière – Konzepts ist das Produktionssystem zwar räumlich konzentriert, kann jedoch funktional die räumlichen Grenzen des Systems überschreiten. So bestehen beispielsweise Vertriebswege oder Produktionsschritte außerhalb der Region. Wichtigstes Merkmal ist jedoch die räumliche Konzentration der Produktionsschritte einer Produktionskette und die funktionalen Verflechtungen der Wirtschaftakteure innerhalb dieses Raumes (vgl. Schamp 1997, S. 7)

Das Bestehen von geschlossenen Produktionsketten und die Dominanz einer oder weniger Branchen innerhalb eines Gebietes sind Merkmale des Industriedistriktes (vgl. Markusen 1996, S. 298). Nach dieser Definition kann ein Industriedistrikt als Produktionssystem bezeichnet werden. In der italienischen Literatur über Süditalien ist fast immer von Produktikonssystemen und nicht von Industriedistrikten die Rede. Dies liegt daran, dass ein Produktionssystem nicht automatisch die Merkmale eines oben beschriebenen Industriedistriktes aufweisen muss. Qualitative Kennzeichen wie Art und Weise der Produktion werden nicht beschrieben. Das Bezeichnen der untersuchten Regionen als Produktionssystem (vgl. Viesti u. Prota 2000, S. 367), scheint deshalb eine Vorsichtsmaßnahme der Autoren zu sein und eine Art Eingeständnis, dass die Existenz von Italianate Industrial Districts im Sinne von Ann Markusen noch nicht ausreichend geprüft ist. Die folgende Untersuchung soll somit einen Beitrag zur Klärung dieser Fragestellung leisten.

3 Entwicklung im Mezzogiorno

Der Mezzogiorno bildet den wirtschaftsräumlich peripheren südlichen Teil Italiens. Auch innerhalb Europas nimmt Süditalien eine wirtschaftliche und soziale Randlage ein. Während die Regionen Aostatal, Lombardei und Venetien das „Erste Italien“ und die oben beschriebenen Regionen das „Dritte Italien“ bilden wird von den Regionen des Mezzogiorno als „zweitem Italien“ gesprochen. Die Region unterscheidet sich vom reichen, industrialisierten Norden mit seinen Industriestandorten und dem Dritten Italien mit seiner erfolgreichen Produktionsstruktur durch Kleinbetriebe. Doch auch in Süditalien sind räumliche Differenzierungen feststellbar. Einige Regionen sind in den letzten Jahren wirtschaftlich erfolgreicher als andere und unterscheiden sich somit von den peripheren, durch Landwirtschaft geprägten Regionen. Aus diesem Grund ist es sinnvoll, den Wirtschaftsraum Mezzogiorno genauer zu betrachten, räumliche Disparitäten herauszuarbeiten und den Industrialisierungsprozess in einigen Teilräumen Süditaliens zu beschreiben.

3.1 Der Wirtschaftsraum Mezzogiorno

Es stellt sich die Frage, inwieweit man von dem Mezzogiorno als einem geschlossenen Wirtschaftsraum sprechen kann. Die historische Entwicklung, die Sozialstrukturen und die wirtschaftliche Situation, geprägt durch hohe Arbeitslosigkeit, sind fast allen Regionen Süditaliens gemeinsam. Die Regionen des Mezzogiorno (vgl.Abbildung 4) sind Molise (Molise) , Abruzzen (Abruzzo), Kampanien (Campania), Apulien (Puglia), Basilikata (Basilicata) , Kalabrien (Calabria) , Sizilien (Sicilia) und Sardinien (Sardegna) (vgl. Pohl 1995, S. 151) und werden auch als „Zweites Italien“ bezeichnet. In den folgenden Abschnitten soll nun geklärt werden, warum sich in Italien eine dualistische Struktur entwickelt hat, welche Disparitäten innerhalb des Wirtschaftsraumes bestehen und welche neuen Entwicklungen im Wirtschaftsraum Süditalien, nicht zuletzt durch den Einfluss der Entwicklungspolitik, zu beobachten sind.

3.1.1 Die historische Entwicklung der Wirtschaftsstruktur

Die heutige rückständige wirtschaftliche Situation des Mezzogiorno ist zum Teil auf historisch gewachsene Strukturen zurückzuführen. Diese im Dritten Italien als vorteilhaft beschriebenen Strukturen, haben sich in Süditalien oft als hinderlich für eine fortschrittliche Entwicklung erwiesen.

Die feudalistische Landeigentümerstruktur wird immer wieder als Grund für eine Unterentwicklung genannt und hat seinen Ursprung bereits in der römischen Gutsherrschaft des 6. Jahrhunderts n. Chr. (vgl. Pohl 1995, S. 152). Diese feudalistischen Strukturen zeigen sich v.a. in der Latifundienwirtschaft (vgl. u.a. Rother u. Tichy 2000, S. 205 f.). Der Großgrundbesitzer lebt in der Stadt und lässt sein Land von Tagelöhnern, den sogenannten braccianti, bestellen. Diese sind jedoch nicht am Gewinn beteiligt. Der Besitzer ist zufrieden, wenn er mit möglichst wenig eigenen Investitionen von seinem Land leben kann. Aus dieser Wirtschaftsweise ergibt sich eine extensive Nutzung der Ackerfläche und eine materielle Not und Abhängigkeit der ländlichen Bevölkerung. Für diese bestand kaum die Möglichkeit, etwas an ihrer Situation zu verbessern. Die Folge war eine Landflucht der Bevölkerung in die reichen Regionen des Nordens oder ins Ausland (vgl. Sabelberg 1997, S. 27). Nach Bagnasco (1977, S. 40) wird der Rentenkapitalismus der Latifundienwirtschaft folgendermaßen beschrieben:

„Die Logik des Rentenkapitalismus besteht einfach darin, Geld aus den Bauern herauszupressen, bis an die Grenze ihres physischen Überlebens; es gibt keine Anreize, unternehmerische Abenteuer mit dem Einsatz von Kapital zu wagen „

Diese Form der Landnutzung wird in der Literatur immer wieder als ein Grund für die heutige Unterentwicklung und Wirtschaftsweise des Mezzogiorno beschrieben (vgl. u.a. Loda 1995, S. 17ff.). Auch die Entwicklungspolitik hat dies erkannt und versuchte bereits in den 1950er Jahren durch Enteignungen und Förderungen ein selbstständiges Kleinbauerntum zu entwickeln (vgl. Sabelberg 1997, S. 27)

Als ein weiterer Grund für die Unterentwicklung des Südens wird die permanente Fremdherrschaft der Regionen durch Sarazenen, Normannen, Staufer, Anjou, Aragon oder Bourbonen zwischen 1000 und 1800 n. Chr. genannt (vgl. Abbildung 5). Der Gesellschaft wurde ständig eine neue Kultur, Sprache und Wirtschaftsweise auferlegt. Die Entwicklung einer eigenständigen Wirtschaftskultur wurde dadurch verhindert. Das soziale Leben und die Kultur kehrten sich nach innen. Pohl (1997) spricht in diesem Zusammenhang von einer „sozialen Desintegration“. Die Herrscher bauten ein zentralistisches Feudalsystem auf, bestehend aus einem Landadel, der Ressourcen vom Land durch Rentenkapitalismus abzog und selber in der Stadt lebte und einer merkantilischen Staatsindustrie. Durch dieses System entstand in der süditalienischen Bevölkerung eine ablehnende Haltung gegenüber staatlichen Systemen. Während sich im Norden Italiens schon früh ein Bildungsbürgertum, welches den Staat als Organisationsform der bürgerlichen Gesellschaft ansah herauskristallisierte, entstand im Süden eine gegen den Staat gerichtete Mentalität: „Der Staat als Feind, die Politiker als Gesindel“ (vgl. Pohl 1997, S. 152)

Auch mit der italienischen Einigung 1861, die Süditalien zwar von der Fremdherrschaft der Bourbonen befreite, konnten die Disparitäten zum Norden nicht überwunden werden. Versprochene Landreformen blieben aus, der Landadel stimmte der Einigung nur unter der Bedingung zu, dass alle bisherigen Strukturen erhalten blieben. Pohl (1997, S. 153) beschreibt die Rolle des Südens nach der Einigung als Markt für die Industrien des Nordens und „... die Oberschicht des Südens als Brückenkopf des Nordens in der Peripherie“.

Die Folge dieser Strukturen waren schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts Migrationen von Süden nach Norden. Während des Wirtschaftswunders im Norden Italiens 1950 bis 1965 wanderten bereits mehr als 100 000 Süditaliener in das Industriedreieck Genua – Mailand- Turin (triangolo industriale) aus (vgl. Pohl 1997, S. 153, Wagner 1989, S. 157 ff.). Aufgrund dieser Flucht von Humankapital und der starren, rentenkapitalistischen Wirtschaftsweise konnte sich, im Gegensatz zum Norden des Landes, eine moderne Industriegesellschaft entwickeln. Die historischen Gegebenheiten haben wesentlich zur heutigen Unterentwicklung Süditaliens beigetragen. Ein homogener, kontinuierlicher Industrialisierungsprozess, wie er zuerst im Nordwesten und später in Nordost- und Mittelitalien zu beobachten war, hat in Süditalien bis heute nicht stattgefunden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: Historische Differenzen zwischen dem Norden und dem Süden Italiens. Quelle: Pohl 1997, S. 152

3.1.2 Sozialstruktur des Mezzogiorno

Durch die bereits in Kapitel 3.1.1. beschriebene historische Entwicklungen hat sich in Süditalien eine ganz spezifische Wirtschaftsweise und Sozialstruktur herauskristallisiert. Im Gegensatz zu den demokratisch organisierten Strukturen in Nord- und Mittelitalien waren die gesellschaftlichen Strukturen des Südens stark hierarchisiert und statisch. Die soziale Mobilität zwischen Großgrundbesitzern, Großbürgertum und Bauern, bzw. Tagelöhnern war gering. Die Bauern und Tagelöhner, welche den Grund bewirtschafteten und zahlenmäßig den größten Teil der Gesellschaft darstellten, waren untereinander in keiner Weise organisiert. Ginsborg (1990, S. 33 f.) beschreibt diesen Missstand folgendermaßen:

„Die Bauern waren untereinander in ständiger Konkurrenz in dem Versuch, sich gegenseitig das beste Stück Grund auf dem Latifundium und die mageren Erträge, die es bot, zu entreißen. Die vertikalen Beziehungen zwischen padrone[17] und cliente[18] und die Huldigung des padrone waren wichtiger als die horizontale soziale Solidarität“.

Die Entwicklung eines solidarischen Beziehungsgefüges existierte nicht. Gemeinsames, zielgerichtetes Handeln, wie beispielsweise im Dritten Italien, ist bis heute in der Gesellschaft des Mezzogiorno selten.

Der Anthropologe Edward Banfield kommt 1967 in seiner Studie über ein Dorf der Basilikata in den 50er Jahren zu einem besonders harten Urteil über die süditalienische Gesellschaft (vgl. Petzoldt 1998, S. 30). Die Rede ist von einem amoralischen Familismus, bei dem die Bevölkerung nicht in der Lage war, über die unmittelbaren materiellen Bedürfnisse der Kleinfamilie zu planen und zu handeln. Eine gemeinsame Strategie der Dorfbevölkerung zur Erreichung langfristiger Ziele war nicht zu beobachten.

Der amerikanische Soziologe Robert Putnam stellte in seiner Studie Anfang der 70er Jahre einen „grundsätzlichen Mangel an Bürgersinn der süditalienischen Gesellschaft“ fest (vgl. Petzoldt 1998, S. 31). Die Beziehungen der Bürger zu Verwaltung und Politik sind nach Putnam (1994) durch den historisch gewachsenen Klientelismus bestimmt. Der Administration wird der Vorwurf gemacht, eigene Interessen stets dem Allgemeinwohl überzuordnen. Rother (2001, S. 6) beschreibt die süditalienische Mentalität ebenfalls als wenig weitsichtig und unkooperativ. Seiner Meinung nach ist die Wirtschaftsweise jedoch geprägt durch eine Überlebenskunst (l`arte dell´arrangiarsi), die es den Süditaliener trotz mangelndem Ehrgeiz ermöglicht, das Funktionieren ihres Systems aufrechtzuerhalten.

Eine kollektive Mobilisierung der wirtschaftlichen und sozialen Ressourcen wie in Nord- und Mittelitalien blieb nach Trigilia (1988, S.175 u. 1995, S. 163 ff.,Petzoldt 1998, S. 32) aus:

„Im Fall des Südens fehlte die kollektive Mobilisierung, oder war sehr gering in dem Moment, als sich die Auswirkungen des Marktes spürbar machten. Gleichzeitig dehnte sich die Rolle des Staates aus. Dies scheint den Institutionalisierungsprozess des Marktes als ökonomischen Regulierungsmechanismus behindert zu haben. In der Tat hat es als typische Reaktion zu einer Ausdehnung der regulierenden Rolle politischer Strukturen geführt, sowohl staatlicher als auch nicht – staatlicher (z.B. mafioser Gruppen)“

Trotz dieser eher negativen Beobachtungen in Bezug auf die Sozialstruktur des Südens konnten auch in Regionen des Mezzogiorno Netzwerkbildungen beobachtet werden. In Produktionssystemen haben sich wirtschaftliche Akteure zusammengefunden, die in freundschaftlicher und kollegialer Weise verkehren und gemeinsame Strategien und Ziele verfolgen (vgl. u.a. Petzoldt 1998, S. 31)

3.1.3 Wirtschaftsräumliche Disparitäten innerhalb des Mezzogiorno

Neben der allgemeine Unterentwicklung des Mezzogiorno im Vergleich zu den übrigen Regionen Italiens ist in verschiedenen Gebieten Süditaliens eine wirtschaftliche Dynamik feststellbar (vgl. Loda 2001, S. 28). Auf der Ebene der Provinzen und Kommunen sind territoriale Unterschiede zu beobachten (vgl. Petzoldt 1998, S. 21)

Im Zeitraum von 1980 bis 1994 zeigten die Regionen Abruzzen, Molise und Apulien mit 2,1% das stärkste wirtschaftliche Wachstum. Der italienische Durchschnitt lag in diesem Zeitraum bei 1,7%. Nach 1994 stieg das Bruttoinlandsprodukt von Abruzzen, Molise und Basilikata zwischen 2,1% und 3,9%, in Apulien und Kampanien zwischen 1,1% und 1,6%. Dagegen verzeichneten Sizilien, Kalabrien und Sardinien ein negatives Wachstum von -0,3% bis -1% (vgl. Istituto Nazionale di Statistica 2001)

Trigilia (1992, S. 53) gliedert die wirtschaftsräumlichen Disparitäten in drei Regionstypen:

- Die aree di dinamismo industriale bezeichnen Gebiete mit industrieller Dynamik;
- Die poli industriali tradizionali bezeichnen Industriepole, die v.a. durch die Großbetriebe mit Staatsbeteiligung der Chemie- und Stahlindustrie entstanden sind (vgl. Kapitel 3.2);
- Die aree a bassa industrializzazione sind wenig industrialisierte Gebiete. Dies sind von der Landwirtschaft geprägte Regionen und ehemalige Ansiedlungen der Schwerindustrie, die aufgrund eines Deindustrialisierungsprozesses heute zu den Problemregionen gehören

Bereits Trigilia (1992, S. 53) stellte fest, dass in den aree di dinamismo industriale die lokalen Klein- und Mittelbetriebe des verarbeitenden Gewerbes und des Baugewerbes Hauptträger der Entwicklung sind. Viesti (Bodo u. Viesti 1997, S. 113 ff.) konkretisierte die Unterteilung Trigilias, indem er die Exportfähigkeit der süditalienischen Provinzen untersuchte:

- Provinzen mit vorwiegend lokalen Unternehmen im Agrar- und Nahrungsmittelsektor (imprese locali, agroalimentari),
- Provinzen mit vorwiegend lokalen Unternehmen und der Produktion von Konsumgütern (imprese locali, beni di consumo),
- Provinzen mit vorwiegend externe Unternehmen (aus dem Ausland oder anderen Regionen Italiens) der Grundstoffindustrie (imprese esterne, settori di base),
- Provinzen mit vorwiegend externen Unternehmen aus anderen Sektoren (imprese esterne, altri settori),
- Provinzen mit gemischtem Modell (modello misto),
- Provinzen ohne nennenswerten Export (assenza di esportatzioni).

Provinzen ohne nennenswerten Export sind auf Sardinien, Sizilien und in Kalabrien vorhanden. Dagegen zeigten sich v.a. in Apulien, Basilikata, Kampanien, Molise und Abruzzen Provinzen mit einer deutlichen Exportorientierung lokaler Klein- und Mittelbetriebe. Als Beispiele seien hier Bari, Lecce, Neapel, Salerno und Avellino genannt.

3.1.4 Die Entstehung von lokalen Produktionssystemen im Süden Italiens

In einigen Regionen Süditaliens ist eine wirtschaftliche Dynamik zu beobachten, die Charakteristika des Dritten Italien aufweist. Die von der italienischen Regierung verfolgte Industrialisierungspolitik (vgl. Kap. 3.3) führte zu einer planmäßigen Ansiedlung von Großindustrien in ausgewählten Produktionsstandorten. Diese entwickelten sich jedoch im Zuge der allgemeinen Deindustrialisierung und der Krise traditioneller Branchen des Südens, wie der Stahlherstellung zu Problemregionen. Ähnlich wie im Dritten Italien nutzten periphere Regionen diese Situation und entwickelten eine eigene wirtschaftliche Dynamik, welche der starren Produktionsweisen und den unflexiblen Arbeitnehmerbedingungen der staatlichen Großbetriebe eine flexible Spezialisierung im Sinne Piore und Sabels (1984, S. 258 ff.) entgegenstellte. Ein immer wieder genanntes Beispiel hierfür ist die Entwicklung der Textil- und Bekleidungsindustrie im Produktionssystem Martina Franca durch die räumlichen Nähe zur chemischen Industrie in der Provinz Tarent. Die hauptsächliche Entstehungsachse lokaler Produktionssystem befindet sich heute im Bereich der sogenannten via adriatica, einer Entwicklungsachse entlang der Adriaküste von Abruzzen über Molise und Apulien bis in die Basilicata (vgl. Loda 2001, S. 29)

Neben historisch gewachsenen Industriedistrikten ist die Entstehung neuer Entwicklungspole zu beobachten. Merkmale sind die Vorherrschaft von KMU, eine flexible Produktionsweise und die Spezialisierung der Betriebe auf eine Branche oder eine Produktgattung (vgl. Loda 2001, S. 30). Traditionelle Industriedistrikte der Branchen der Gerbereien und Lederverarbeitung findet man in Solofra (Provinz Avellino) in der Basilicata oder der Schuhherstellung in Barletta (Provinz Bari). Neuere dynamische Produktionssysteme finden sich v.a. im Bereich der Polstermöbelherstellung in Santeramo (Provinz Matera) in der Hochebene von Murgia oder der Textilindustrie in Isernia. Traditionell stark vertreten ist in Süditalien die Lebensmittelindustrie. Als Beispiele sind die Nudelproduktion (Firma Barilla) in Kampanien oder der Wein- und Olivenanbau in Apulien. Im Bereich der Bekleidungs- und Textilindustrie liegen die beiden größten Industriedistrikte Tricase, (Provinz Lecce) und Putignano (Provinz Bari) in Apulien. Nennenswerte Produktionssysteme im Bereich Schuhproduktion befinden sich in Barletta (Provinz Bari) und Casarano (Provinz Lecce) (vgl. Loda 2001, S. 30 f.; Viesti 2000, S. 365 ff.)

Auffallend ist, dass fast alle nennenswerten Produktionssysteme im Bereich traditioneller Konsumgüterindustrie angesiedelt sind. Wichtige Branchen sind die Textil- und Bekleidungsindustrie, die Lederverarbeitung, die Holz- und Möbelindustrie und die Nahrungsmittelindustrie. Viesti (vgl. Viesti u. Prota 2000, S. 380 f.) definiert in seiner Untersuchung insgesamt 55 Produktionssysteme in diesen Branchen in Süditalien mit insgesamt 131.739 Beschäftigten (vgl. Tabelle 1 und Abbildung 6)

Spezialisierungen im Bereich Maschinen- und Werkzeugbau fehlen. Eine Entwicklung wie im Dritten Italien, bei der sich die Region neben der reinen Produktion der Ware auch auf innovative Herstellungsverfahren spezialisieren konnte und dadurch enorme Wettbewerbsvorteile erreichen konnte, blieb bisher aus (vgl. Loda 2001, S. 31, Porter 1993, 442 ff.). Auch findet dieser Umstrukturierungsprozess der großindustriellen Entwicklungspole hin zu einer eigendynamischen Industrialisierung durch Mittel- und Kleinbetriebe zeitlich verzögert zu der Entwicklung im Dritten Italien statt. In den folgenden Kapiteln soll sich daher auch die Frage gestellt werden, inwieweit sich diese Entwicklung in der heutigen marktwirtschaftlichen Situation noch wiederholen kann

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[1] Mezzogiorno ist die in Politik und Wissenschaft übliche Bezeichnung für die südlichen Regionen Italiens

[2] Markusen veröffentlichte 1996 einen Aufsatz, in welchem sie die Industriedistrikte in Zentral- und Nordostitalien charakterisiert (vgl. Kapitel 2.2)

[3] Als strategische Allianz bezeichnet man eine Kooperationsform von Unternehmen, häufig Konkurrenzunternehmen, bei der eine Zusammenarbeit im Bereich Forschung & Entwicklung, Produktion, Strategie, Vertrieb, etc. denkbar ist. Wichtiges Merkmal ist die rechtliche und wirtschaftliche Selbstständigkeit der Partner (vgl. Gaebe 1995)

[4] Das Joint-Venture hat die Errichtung einer neuen wirtschaftlichen Einheit durch zwei oder mehreren Unternehmen zur Verfolgung eines gemeinsamen Zwecks zum Ziel. Erst wird ein Joint-Venture Vertrag mit den Rahmenbedingungen geschlossen, dann wird eine neue wirtschaftliche Einheit (z.B. GmbH) errichtet, an der die beteiligten Unternehmen zu gleichen Teilen beteiligt sind

[5] Franchising ist eine Vertriebsform, die sich dadurch auszeichnet, dass ein Franchise-Geber selbständige Unternehmer (Franchisenehmer) vertraglich an sich bindet, die mit eigenem Kapitaleinsatz Waren oder Dienstleistungen anbieten, die der Franchisegeber bereitstellt

[6] Die neue internationale Arbeitsteilung oder New International Division of Labour (NIDL) bezeichnet in Anlehnung an die Produktlebenszyklustheorie von Vernon (1966) und Hirsch (1967) die Verlagerung standardisierter Massenproduktion in Niedriglohnländer bei gleichzeitigem Verbleib der organisatorischen und innovativen Leistung in den hochentwickelten Mutterregionen der transnationalen Unternehmen (vgl. u.a. Heß 1998, S. 25)

[7] Fordismus: Art der Massenproduktion an Fließbändern. Durch Arbeitsteilung werden nur noch kleinste Produktionsschritte von einem Arbeiter ausgeführt. Diese Produktionsweise geht auf die Massenherstellung im Automobilwerk Henry Fords in den 1920er Jahren zurück

[8] Flexible Spezialisierung der Produktionsweise kleiner und mittlerer Unternehmen aufgrund einer Verkürzung der Produktlebenszyklen und Nachfragänderung hin zu differenzierten Gütern. Merkmale sind dezentralisierte Koordination und Kontrolle, Aufteilung der Produktion auf mehrere unabhängige Produktionseinheiten, Flexibilisierung der Arbeitskraft und Technisierung (vgl. Amin u. Thrift 1992, Piore u. Sabel 1984, S.251ff)

[9] Alfred Marshall: (1920, 1927). Beschreibt Anfang des 20. Jahrhunderts erstmals die Existenz von Industriedistrikten am Beispiel der Stahlwarenindustrie in Sheffield/ England

[10] Die Bezeichnung Italianate Industrial District bezieht sich auf die empirische Überprüfung des Marshallian Industrial District im sogenannten 3. Italien

[11] Bagnasco beschreibt die Region des Dritten Italien als ein peripheres Wirtschaftssystem mit einer eigenen spezifischen Entwicklungsform. Periphere Ökonomie bedeutet in diesem Sinne eine auf Kleinbetrieben basierende Produktionsstruktur (vgl. Loda 1989, S. 185)

[12] economies of scale sind Wettbewerbsvorteile durch Massenfertigung

[13] economies of scope sind Wettbewerbsvorteile durch flexible Spezialisierung

[14] Mezzadria: Landeigentümer wohnt nicht auf seinem Land, sondern in der Stadt und vergibt seine Landbesitz in Halbpacht. Dadurch sind der Eigentümer und der Pächter am Gewinn beteiligt und somit an Investitionen interessiert. Gewinne werden reinvestiert und nicht abgezogen (vgl. Sabelberg 1997, S. 28)

[15] Latifundienwirtschaft (latifondo capitalistico): Wirtschaftsweise des Rentenkapitalismus. Der Großgrundbesitzer lebt in der Stadt und lässt seinen Besitz von saisonalen Lohnarbeitern bearbeiten

[16] Die Kollektive Mobilisierung wird von Trigilia und Bagnasco (1985, S. 45) als eine „Inwertsetzung der verfügbaren materiellen und kulturellen Ressourcen in einem vorhandenen sozialen Gefüge, und ihr Einsatz im Hinblick auf ein besonderes Wachstumsmodell“ beschrieben

[17] Als padrone wird in der Latifundienwirtschaft der Eigentümer der Ländereien bezeichnet. Heute bedeutet padrone auch Unternehmenschef oder Hausbesitzer. Die Begriffe padrone und cliente gehen auf römischen Ursprung. In Städten wurde jedes Viertel von einem padrone verwaltet und alle Einwohner dieses Viertels waren dem padrone einerseits untergeben, konnten andererseits vom padrone gewisse Leistungen, wie Beratung oder Unterstützung bei Geschäftsgründungen und Familienangelegenheiten erwarten

[18] Der cliente ist im Italienischen der „Kunde“. Im Fall der Latifundienwirtschaft ist damit der Pächter oder Angestellte des padrone gemeint

Details

Seiten
102
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783832456559
ISBN (Buch)
9783838656557
Dateigröße
1.8 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v221135
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Geowissenschaften, Wirtschaftsgeographie
Note
2,0
Schlagworte
italien südeuropa industrial districts südförderungspolitik

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Titel: Lokale Produktionssysteme in Süditalien