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Zwischen Amerikabegeisterung und Antiamerikanismus

Die Amerikahäuser in der Bundesrepublik Deutschland 1945-1968

Magisterarbeit 2002 89 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Internationale Beziehungen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1.) Pionierarbeit: Die Entstehung der Amerikahäuser in Westdeutschland
1.1) Reaktion auf Nazipropaganda
1.2) Bücher für die „Buchnation“
1.3) Ein vollständiges Amerikahaus in Deutschland
1.4) Zwischen Umerziehung und Antikommunismus
1.4.1) Erste Ansätze
1.4.2) Umerziehung der Deutschen?
1.4.3) Strategie der einfachen Eindämmung
1.4.4) Gescheiterte Ziele
1.5) Ein kompletter Entwicklungszyklus

2.) Zeitenwende: Die Amerikahäuser in einer Übergangsphase
2.1) Beginn der wechselseitigen Kulturpolitik
2.2) Neue Amerikahäuser
2.3) Neue Aufgaben für neue Amerikahäuser

3.) Krisenjahre: Sit-ins in den Amerikahäusern
3.1) Der linke Antiamerikanismus
3.2) Mit den Amerikahäusern gegen Amerika
3.3) Dialog in Krisenzeiten

4.) Nach dem Terror: „Ein großer Teich braucht eine große Brücke“ Zusammenfassung

Anhang: Standorte der Amerikahäuser in Deutschland

Abkürzungsverzeichnis

Literaturliste

Einleitung

„Hier gefällt es mir wie zu Hause, und vor allen Dingen finde ich die gesamte Literatur, die für mein Medizinstudium erforderlich ist, und noch dazu kostenlos“, zitierte die „Frankfurter Rundschau“ in ihrer Ausgabe vom 4. März 1949 eine junge Studentin, die das Frankfurter Amerikahaus besuchte.[1] Fast genau zwanzig Jahre später, am 9. Januar 1969, berichtete die Zeitung über einen verheerenden Brandanschlag auf den Lesesaal des Hauses, der einen Gesamtschaden von 20.000 Mark anrichtete.[2] „Zwischen Amerikabegeisterung und Antiamerikanismus“, unter diesem Titel untersucht die vorliegende Magisterarbeit die Entstehung und Entwicklung der Amerikahäuser in Deutschland zwischen 1945 und 1968. Neben den drei Hauptteilen der Arbeit, die mit den Überschriften „Pionierarbeit“, „Zeitenwende“ und „Krisenjahre“ bereits die Entwicklungsstufen der Amerikahäuser andeuten, soll in einem Abschlusskapitel noch auf die neuen Herausforderungen und Aufgaben dieser Einrichtungen nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 – auch im Sinne eines Forschungsausblickes – eingegangen werden.

Diese Arbeit hat zunächst einmal den Anspruch, die genannten Entwicklungsstufen, die fließend ineinander übergingen, zusammenhängend und umfassend zu beschreiben. Von der eher zufälligen Entstehung der Häuser, die sich Anfang der 1950er Jahre flächendeckend zu echten Gemeindezentren[3] entwickelten (Pionierarbeit), über den Funktionswechsel zur Public Diplomacy, der sich im Laufe der 1950er Jahre vollzog (Zeitenwende), bis schließlich hin zur Studentenbewegung der späten 1960er, die in den Häusern ein Symbol für die amerikanische Politik sah (Krisenjahre). Über die weitgehend chronologische Darstellung hinaus wird diese Arbeit die wichtigen Fragestellungen in den jeweiligen Entwicklungsstufen beantworten. Der inhaltliche Zusammenhalt der verschiedenen Themenbereiche erfordert daher an manchen Stellen der Arbeit, vor allem zu Beginn des dritten Kapitels, zeitliche Brüche. Da die drei Entwicklungsstufen fließend wechselten, lassen sie sich auch nicht an exakten Jahreszahlen festmachen. So stehen auch die Jahresangaben 1945 und 1968 im Titel der Arbeit eher stellvertretend für Beginn beziehungsweise Ende einer Entwicklung und sind keinesfalls als fixe Datumsangabe zu betrachten.

Im ersten Kapitel soll vor allem erklärt werden, wie die Amerikaner ihre Information Centers, so hießen die Einrichtungen zu Beginn, in ihre Informations- und Kulturpolitik integrierten und welche Ziele sie damit verfolgten. In diesem Zusammenhang wird die These vertreten, dass die Amerikahaus-Politik der USA insofern scheiterte, als dass diese offenen Einrichtungen zu keiner Zeit effektive Mittel der Entnazifizierung oder antikommunistischen Umorientierung waren. Das hing hauptsächlich damit zusammen, dass es in den ersten Jahren keine einheitlichen Konzepte über die Arbeit der Häuser gab. Als die erste Gründungswelle etwa um 1950 beendet war und erste klare Aufgabenstellungen existierten, hatten die Amerikaner sich bereits auf die neue Bedrohung aus dem Osten konzentriert. In den Amerikahäusern fand daher weder eine direkte Auseinandersetzung mit der Nazidiktatur noch eine gezielte Umorientierung der Bevölkerung in diesem Sinne statt. Die Einbindung der Center in die antikommunistische Propaganda verlief dann schon etwas erfolgreicher, zumal sich die Programmarbeit zu dieser Zeit deutlich verstärkte. Über das neue Negativvorbild Sowjetunion, das vielen Deutschen weitaus angenehmer war als die eigene Vergangenheit, machten die Amerikahäuser Werbung für westliche Werte wie Freiheit, Demokratie und die Gemeinschaft der friedliebenden Nationen. Der harte antikommunistische Kurs zu Zeiten des Senators McCarthy stürzte letztlich auch die Amerikahäuser in eine Glaubwürdigkeitskrise. Dennoch arbeiteten die Amerikahäuser und Lesesäle im ersten Nachkriegsjahrzehnt überaus erfolgreich, was sich vor allem an den Besucherzahlen ablesen ließ. Sie entwickelten sich zu echten Gemeindezentren, die in vielerlei Hinsicht nicht als (kultur-) politische, sondern eher als soziale Einrichtungen anzusehen waren, zumal in den Anfangsjahren nicht wenige Besucher kamen, um den dortigen Komfort zu nutzen. Mit Wiedererlangung der bundesdeutschen Souveränität Mitte der 1950er Jahre war ein erster Kreislauf in der Entwicklung der Amerikahäuser abgeschlossen. Im Zuge der nun einsetzenden wechselseitigen Kulturpolitik übergaben die Amerikaner viele Lesesäle an deutsche Trägerschaft und einige Amerikahäuser wurden in binationale Zentren umgewandelt (siehe Anhang). Die amerikanische Seite reduzierte ihr Engagement bewusst, was zur Folge hatte, dass viele Amerikahäuser ganz geschlossen wurden.

Die übriggebliebenen und einige wenige neugebaute Amerikahäuser werden im zweiten Kapitel der Arbeit als „neue Amerikahäuser“ bezeichnet. Damit soll ausgedrückt werden, dass sich Selbstverständnis, Aufgaben und Ziele dieser Einrichtungen in den nächsten Jahren grundlegend änderten. Die Häuser verstanden sich von nun an als „ Facilitator[4]: In Zusammenarbeit mit anderen Institutionen wurde zum Dialog über verschiedene (kultur-) politische Themen eingeladen. Dabei setzte man verstärkt auf die so genannten Multiplikatoren wie Lehrer, Politiker oder Professoren, welche die Ergebnisse des Dialoges an die Bevölkerung weitergeben konnten. Damit verabschiedeten sich die Amerikahäuser auch allmählich vom Grass Roots Approach, dem direkten Ansprechen weiter Teile der Bevölkerung, was auf amerikanischer Seite nicht unumstritten war. Das leichte Unterhaltungsprogramm wurde aber durchaus fortgeführt. Als neue Hauptaufgabe sollten die Häuser jedoch Public Diplomacy betreiben, eine offene und um Öffentlichkeit bemühte Diplomatie, mit der das Verständnis für amerikanische Kultur gefördert werden sollte.

Wie anfällig diese offenen Amerikahäuser für gewalttätige Proteste waren, wird im dritten Kapitel beschrieben, das die Überschrift „Krisenjahre“ trägt. Eher episodenhaft sollen einige Vorkommnisse beleuchtet werden, um aufzuzeigen, wie die Amerikahäuser in dieser ersten Krisenzeit ihre Arbeit fortsetzten. Mit dem amerikanischen Engagement setzte ein neuer Antiamerikanismus der politischen Linken ein. Die Demonstranten erkannten in den Amerikahäusern ein Symbol für die amerikanische Politik, ohne zwischen Kulturpolitik und Außenpolitik zu unterscheiden. Dabei kopierten sie nicht nur die Protestformen der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, sondern instrumentalisierten die Amerikahäuser, indem sie das Selbstverständnis als Möglichmacher von Dialog missbrauchten, in dem sie diesen Dialog sogar teilweise gewaltsam erzwangen. Trotz zahlreicher Übergriffe radikaler Demonstranten blieben die Amerikahäuser bei ihrem Arbeitsansatz und setzten die brisanten politischen Themen auch weiterhin auf die Tagesordnung. Selbst nach heftigen Anschlägen, die vielerorts einen hohen Sachschaden anrichteten, kehrten sowohl die geladenen Experten aus Politik und Unterhaltung als auch die immer noch zahlreichen amerikafreundlichen Besucher in die Häuser zurück, was als Erfolg der Arbeit gewertet werden kann.

Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 bietet sich vor den Amerikahäusern wieder ein ähnliches Bild wie Ende der 1960er Jahre: Streifenwagen sind ständig vor den Häusern postiert, und vor dem Eintreten müssen sich die Gäste umfangreichen Sicherheitskontrollen unterziehen. Im vierten Kapitel sollen auf Basis der bisherigen Ausführungen folgende Fragen geklärt werden: Inwiefern lässt sich die heutige Situation mit der ersten Krisenzeit Ende der 1960er Jahre vergleichen? Welche Auswirkungen hat diese neue Bedrohung auf die Arbeit vor Ort? Und welche Lehren kann man aus der Geschichte der Amerikahäuser im Hinblick auf die neuen Herausforderungen ziehen? Darüber hinaus wird in diesem Abschlusskapitel dargelegt, wie die weitere Erforschung der Geschichte der Amerikahäuser aussehen könnte.

Die bisherige Forschung über die Amerikahäuser konzentriert sich fast ausschließlich auf die Zeit zwischen 1945 und 1955. Nicht nur aufgrund der relativen Fülle des Materials, sondern auch wegen der Komplexität der Ereignisse liegt der Schwerpunkt dieser Arbeit auf der Pionierphase. Grundlegend sind dabei die Werke von Maritta Hein-Kremer[5] und Henry Pilgert[6]. Hein-Kremer hat sich besonders intensiv mit der organisatorischen Einbindung der Information Centers in die amerikanischen Militärinstitutionen beschäftigt. Pilgerts Aufsatz ist immer noch maßgeblich, was Definition und Frühgeschichte der Häuser betrifft. Ansonsten stützen sich die Ergebnisse des ersten Kapitels auf spätere Aufsätze, Zeitungsartikel und weitere Originaldokumente sowie Studien in den Amerikahäusern in Frankfurt und Köln.

Die Ausführungen in den Kapiteln zwei und drei basieren dann noch stärker auf den Ergebnissen eigener Recherchen als auf Sekundärliteratur. Neben verschiedenen Memoranda, Zeitungsartikeln und Programmheften, die in den Amerikahäusern in Köln und Frankfurt einzusehen sind, wurde ein 112-seitiger Ausstellungskatalog einbezogen, der zum 50-jährigen Bestehen des Frankfurter Hauses 1996 erstellt worden war.[7] Mit Hilfe vieler einkopierter Originaldokumente wird die Entwicklung dieser Einrichtung darin anschaulich gemacht.

Für das vierte Kapitel wurden schriftliche Anfragen an die Amerikahäuser in Köln, Frankfurt und Berlin sowie an das Bayerisch-Amerikanische Zentrum (BAZ) in München formuliert. Die Frage nach der veränderten Programmarbeit und den neuen Herausforderungen soll schließlich auf Basis der bisherigen Ergebnisse dieser Arbeit beantwortet werden, um zu klären, inwieweit sich Situationen vergleichen und Handlungsmaximen ableiten lassen.

Die vorliegende Arbeit möchte die Geschichte der Amerikahäuser möglichst nah an den Einrichtungen selbst erzählen und analysieren. Daher können die politischen Ereignisse, die in den behandelten Zeitraum fallen – vom Marshall-Plan bis zum Vietnamkrieg – nur im direkten Bezug auf die Amerikahäuser behandelt werden. Als Fußnote wird an diesen Stellen lediglich auf weitere grundlegende Literatur zu dem jeweiligen Themenkomplex verwiesen. Darüber hinaus greift die Arbeit mit den Amerikahäusern ein informations- und kulturpolitisches Thema auf, das bisher recht stiefmütterlich behandelt wurde: Es gibt keine umfassende wissenschaftliche Arbeit, die sich ausschließlich auf die Entwicklung dieser Einrichtungen seit 1945 konzentriert, mit Ausnahme von Hein-Kremers Werk, das sich jedoch nur mit dem Zeitraum bis 1955 beschäftigt. Bezeichnend hingegen ist, wie das Thema in dem hier nicht zu Unrecht häufig zitierten Handbuch von Detlef Junker behandelt wird. Auf insgesamt über 800 Seiten, die den Bereichen Kultur und Gesellschaft gewidmet sind, gibt es nur einen einzigen zusammenhängenden Abschnitt von knapp anderthalb Seiten über die Amerikahäuser selbst.[8] Nicht zuletzt aus diesem Grund war der Verfasser dieser Magisterarbeit auf die Kooperationsbereitschaft der heutigen Amerikahäuser angewiesen. Daher gilt der Dank Kerstin Heckmann vom DAI in Saarbrücken, Katrin Alt vom BAZ in München, Dr. Renate Vollmer vom Amerikahaus in Frankfurt sowie Bernd Herbert vom Kölner Amerikahaus, der sich neben der Korrespondenz per Telefon oder E-Mail auch noch für ein Interview zur Verfügung gestellt hat.

1.) Pionierarbeit: Die Entstehung der Amerikahäuser in Westdeutschland

Obwohl es in Lateinamerika und Europa schon seit Mitte der 1930er Jahre US-amerikanische Informationszentren gegeben hat, die sich durchaus mit den späteren Amerikahäusern in der Bundesrepublik vergleichen lassen, entwickelten sich die Häuser im westlichen Nachkriegsdeutschland recht unkoordiniert zu informationspolitischen Einrichtungen. Die Amerikaner hatten nicht den Vorsatz, ein „lateinamerikanisches“ Konzept auf Deutschland zu übertragen, wenngleich es im Nachhinein viele parallele Entwicklungen gab. Daher trägt dieses Anfangskapitel, das den Zeitraum von 1945 bis etwa 1955 umreißen soll, auch den Titel „Pionierarbeit“. Damit wird dokumentiert, dass die Entstehung der Amerikahäuser nicht „von oben“ geplant war, sondern vielmehr regional unterschiedlich vonstatten ging, was unter anderem auf das Engagement der jeweiligen Verantwortlichen vor Ort zurückzuführen war. Nach der Eröffnung der ersten kleinen Zentren im Jahr 1945 dauerte es etwa fünf Jahre, bis es ein flächendeckendes Netz von Amerikahäusern und angegliederten Lesesälen gab, die einigermaßen gleichwertig bestückt waren und vergleichbare Veranstaltungen anboten. Wiederum weitere fünf Jahre später, bis Mitte der 1950er Jahre, reduzierten die Amerikaner ihr einseitiges Amerikahaus-Programm zugunsten eines wechselseitigeren Kultur- und Informationsaustausches, womit der erste Kreislauf in der Entwicklung der Amerikahäuser beendet war.

In diesem ersten Kapitel wird nun zunächst diese Entwicklung vollständig und in weitgehend chronologischer Reihenfolge nachgezeichnet, wobei folgende zentrale Fragestellungen im Mittelpunkt der Betrachtung stehen: Wie verlief die inneramerikanische Diskussion über die Ausrichtung dieser Häuser? Wie definierte sich schließlich ein vollständiges Amerikahaus? Welche Aufgaben und Ziele sollten dort verfolgt und welches Bild der USA vermittelt werden? Konnte man ehemaligen Nazis – NSDAP-Mitgliedern und Anhängern – den Zugriff auf die Informationen gewähren? Neben Fragen der politischen und gesellschaftlichen Umorientierung muss nach Ausbruch des Kalten Krieges auch die antikommunistische Propaganda berücksichtigt werden. Wie richteten die Amerikaner die Information Centers inhaltlich auf das nach den Nazis neue Negativvorbild des Sowjetkommunismus aus? Wie kam es schließlich zu der Propagandakrise, die mit dem Besuch der McCarthy-Gesandten zusammenhing? Und wie vollzog sich letztlich der Übergang hin zur Reduzierung der Amerikahäuser und Lesesäle und damit die kulturpolitische Wende?

Um diese Fragen zu beantworten, wird zuerst kurz auf die Genese der US-amerikanischen Informationszentren in Lateinamerika und Europa eingegangen. Anschließend werden die Anfänge des Bibliotheksprogramms im besiegten Deutschland beschrieben, bevor dann die Definition eines vollständigen Amerikahauses folgt. Diese Charakterisierung dient als Grundlage für die Aufzählung der frühen Amerikahaus-Standorte. Der vierte Abschnitt beschreibt schließlich die Arbeitsziele dieser ersten Amerikahäuser, von der bloßen Bereitstellung von Büchern und anderen Informationsmaterialien über die Umorientierung der deutschen Bevölkerung bis hin zur antikommunistischen Programmausrichtung. Von besonderer Bedeutung sind dabei die Blütezeit der Amerikahäuser mit Erscheinungen wie Bookmobiles oder Austauschprogrammen sowie die Propagandakrise in der McCarthy-Ära. Abschließend folgt eine Bewertung dieser Pionierphase der bundesdeutschen Amerikahäuser, wobei kritisch hinterfragt werden soll, warum so viele Deutsche nach dem Krieg in diese Zentren strömten und wie effektiv die Amerikaner sie dort ansprechen konnten.

Wie schon in der Gesamteinleitung dieser Arbeit formuliert, ist die Erforschung der Kulturpolitik in diesem ersten Nachkriegsjahrzehnt vergleichsweise gut vorangeschritten, auch bezüglich der Amerikahäuser. Daher stützt sich die vorliegende Arbeit, was die Definition und Frühphase der Amerikahäuser angeht, auf das immer noch maßgebliche Werk „The History of the Development of Information Services through Information Centers and Documentary Films“ von Henry Pilgert aus dem Jahr 1951 sowie auf noch zu zitierende Aufsätze von Zink, Bungenstab, Strack und Schildt. Die Vorgeschichte der Amerikahäuser und deren organisatorische Einbindung in die amerikanische Informations- und Kulturpolitik hat Maritta Hein-Kremer in ihrer Dissertation über „die amerikanische Kulturoffensive“ (1996) umfassend zusammengestellt. Um offene oder kritische Aspekte zu klären und um die vorliegende Schilderung authentisch zu gestalten, wurden in den Amerikahäusern Köln und Frankfurt Programme und sonstige Dokumente analysiert und Interviews geführt.

1.1) Reaktion auf Nazipropaganda

Auf die Propaganda des nationalsozialistischen Deutschlands, die sich nicht nur auf den europäischen Kontinent beschränkte, reagierte das amerikanische Department of State bereits Mitte der 1930er Jahre. Im Rahmen der Good Neighbor Policy Franklin Roosevelts gründeten die Verantwortlichen in vielen Staaten Lateinamerikas erste Information Centers.[9] Dort sollten den einheimischen Bürgern vor allem Klassiker amerikanischen Literatur, Reiseberichte sowie wissenschaftliche Texte über Politik und Geschichte bereitgestellt werden. Außerdem förderte man den Austausch von Personen wie Professoren und Studenten, die später einmal als Multiplikatoren fungieren konnten. Die Menschen sollten von der demokratischen Idee und Werten wie Freiheit und Frieden überzeugt werden. Um glaubwürdig zu bleiben, versuchten die Amerikaner von Anfang an, nicht die Methoden der Nazis zu kopieren. Daher vermieden sie auch von Beginn an den Begriff Propaganda und ersetzten ihn durch Information.

Diese Art von Informationspolitik über Kultureinrichtungen wurde für die Amerikaner schon während des Zweiten Weltkrieges ein wichtiger Bestandteil ihres Engagements in Europa, wobei sie auch nach Kriegsende Lateinamerika zunächst nicht aus den Augen verloren.[10] Während Mitte der 1940er die Gründung der ersten Information Centers in Europa vorbereitet wurde, gingen die ersten Häuser Südamerikas in die Hände der einheimischen Bevölkerung über. Diese „praktische Umsetzung des [amerikanischen] Demokratieverständnisses“[11] ist auch in der Bundesrepublik Deutschland der 1950er Jahre zu beobachten. Neben diesem theoretischen Aspekt gab es auch eine Reihe praktischer Gründe, warum sich die Amerikaner aus den lateinamerikanischen Centers zurückzogen: abschwächende Propaganda der Nazis, fehlende Strukturen sowie Fachkräftemangel wegen des eigenen Eingreifens in Europa.

Um die Völker Europas psychologisch auf ihre Befreiung einzustellen, gründeten die Amerikaner 1944 innerhalb ihrer Streitkräfte die Psychological Warfare Division (PWD). Die Vorgängerorganisation, die Psychological Warfare Branch (PWB), hatte zuvor in Nordafrika erfolgreich gearbeitet und unter anderem die Nachrichtensender der Nazis für die eigene Informationspolitik benutzt. Nach der Landung der Alliierten in der Normandie errichtete die PWD in Paris ein Informationsbüro mit der Bezeichnung United States Information Services (USIS).[12] Jeweils nach der Befreiung entstanden weitere USIS -Abteilungen in Brüssel, Den Haag, Kopenhagen und Oslo. Schnell wurden diese USIS -Büros – im Grunde einfache Lesesäle – für Vorträge und Ausstellungen ausgebaut. Spätestens an dieser Stelle kann man von Vorläufern der Amerikahäuser sprechen.

Die Propaganda aus Nazideutschland war für das Department of State bereits Mitte der 1930er Jahre Anlass für erste informationspolitische Bemühungen in Lateinamerika sowie später in Nordafrika und Europa. Drei Ziele verfolgten die Amerikaner mit dieser Politik: Versorgung der unter dem Einfluss der Nazis stehenden Menschen mit amerikanischer Literatur, Austausch von Multiplikatoren, die ihr von den Amerikanern vermitteltes Wissen an andere weitergeben, sowie Aufbau von Informationszentren als Erweiterung der Bibliotheksidee, also der USIS -Büros, um den Menschen in den befreiten Ländern mit aus ihrer Sicht „richtigen“, demokratiegeleiteten Informationen zu versorgen.

1.2) Bücher für die „Buchnation“

Das im Frühjahr 1944 unter dem Dach der PWD gegründete German Planning Committee (GPC) war zunächst für die amerikanischen Information Center -Programme verantwortlich. Die für die Zeit nach der Befreiung Deutschlands konzipierten Reference Libraries sollten anfangs ausschließlich den Amerikanern zugänglich sein, damit diese gleich zu Beginn der Besatzungszeit genügend Informationsmaterial in englischer Sprache, hauptsächlich Lexika sowie wissenschaftliche Arbeiten über Geschichte und Politik, zur Hand hatten.[13] Die erste so genannte Information Center Unit öffnete Anfang Juli 1945 in Bad Homburg ihre Pforten. Diese ersten US-Informationszentren konnten zunächst auch nur für die eigenen Landsleute öffnen, weil die anfangs meist kleinen Räumlichkeiten nicht für die großen Massen ausgerichtet waren. Im Zuge der Ausdehnung des gesamten Bibliotheksprogramms begannen die Verantwortlichen auf amerikanischer Seite kontrovers darüber zu diskutieren, welchen Personen sie Zugriff auf die Informationen gewähren sollten.[14] Zu den Skeptikern, die ehemalige Nazis, also frühere Mitglieder der NSDAP und bekannte Anhänger des Systems, ganz ausschließen wollten, gehörte unter anderem William C. Headrick von der Information Control Division (ICD)[15]. Er befürchtete vor allem, dass die bereitgestellten Informationsmittel von ehemaligen Nazis missbraucht würden: „Sie [die Nazis] würden ihre neuen Privilegien nutzen, um Informationen zu erhalten, um andere zu beeindrucken und die sehr demokratischen Kräfte zu unterminieren, die wir eingesetzt haben.“[16] Weitere Argumente der Gegner einer Öffnung der Information Center für alle Deutschen waren die angebliche Unbelehrbarkeit von Fanatikern und die erhöhte Diebstahlgefahr bei überfüllten Räumen. Die Befürworter einer weitgehenden Öffnung, darunter Headricks Stellvertreter C. P. Powell und der ehemalige PWD -Leiter Robert McClure, entgegneten, dass die Personenkontrollen auf lange Sicht zu zeitaufwändig seien und die Nazis ohnehin nicht informationspolitisch tätig werden könnten, da sie vom Kontrollrat aus allen Ämtern und Stellungen entfernt worden seien. McClure setzte schließlich einen Kompromiss durch, wonach ehemalige Nazis in die Zentren hineingelassen werden sollten, sie aber nicht auf alle Publikationen Zugriff hatten. Nur wenig später wichen die Verantwortlichen von dieser Linie ab, weil sie nicht in die Praxis umzusetzen war. Sie öffneten die Bibliotheken zunächst für Deutsche, die keine NSDAP-Vergangenheit hatten und als Autoren, Verleger oder Lehrer arbeiteten. Die inneramerikanische Diskussion über dieses Thema hörte im Laufe des Jahres 1946 auf, und die ersten Amerikahäuser standen de facto bereits den meisten Deutschen offen. Das Interesse der Bürger aus dem gesamten Großraum Frankfurt war so überwältigend, dass Headrick schon im Herbst 1945 durchsetzte, dass der Bibliotheksgedanke ins Reeducation -Programm eingebunden wurde.[17] Und McClure nahm im Oktober des gleichen Jahres das Wort Propaganda in den Mund und forderte, die Deutschen „mit demokratischen Idealen zu indoktrinieren“[18]. Nichts erschien den Amerikanern plötzlich näherliegender, als die „Buchnation Deutschland“ in ihre Bibliotheken zu locken. Hier spielten sicherlich auch frühere Erfahrungen aus anderen europäischen Ländern eine Rolle, in denen die amerikanischen Büchereien eingesetzt wurden, um dem negativen Einfluss der Nazis entgegenzuwirken. Die nationalsozialistische Propagandamaschine war zu dieser Zeit schon gestoppt, und die ICD füllte die entstandenen Lücken mit eigenen Publikationen, auch in deutscher Sprache.[19] Die Amerikaner erkannten schon früh, dass glaubwürdige und erfolgreiche Umerziehung zur Demokratie vor allem von den eigenen Landsleuten in deutscher Sprache möglich war.[20] Unter der Federführung des Office of War Information (OWI) und der ICD bauten die Landesmilitärregierungen in den nächsten Monaten dezentral neue United States Information Center (USIC) auf, wie sie nach der Verlegung der Bad Homburger Bücherei nach Frankfurt (Juni 1946) offiziell hießen. Weniger Tage später, am 1. Juli 1946, übernahm die Civil Affairs Division (CAD) des War Department die Informationspolitik im besetzten Deutschland.[21] Nach einer Befragung der ersten deutschen Besucher setzte sich der Begriff „Amerikahaus“ rasch durch und wurde ab Herbst 1947 auch von der amerikanischen Seite offiziell benutzt.[22] Die Amerikaner dürften mit dieser familiären Bezeichnung letztlich zufrieden gewesen sein, weil sie dem informellen, offenen Charakter der späteren Gemeindezentren entsprach. Für die Deutschen war es ein griffiger Name, der dem normalen Wortgebrauch entsprach.[23]

Die Amerikahäuser sind somit tatsächlich „zufällig in das Arsenal der amerikanischen Reeducation -Werkzeuge geraten“[24]. Daher existierte anfangs auch kein einheitlicher Plan, wie der programmatische Aufbau in den einzelnen Häusern zu erfolgen hatte. Vieles hing von dem persönlichen Engagement und Geschmack der amerikanischen und deutschen Mitarbeiter vor Ort ab. Das Amerikahaus in Marburg ist sogar gänzlich auf die Initiative einiger Privatpersonen unter der Federführung von Edward Hartshorne, University Officer of Greater Hesse, an der Marburger Universität hin entstanden. Daher gilt die dortige Bibliothek mit dem Namen Window to the West, die von Anfang an für die deutsche Zivilbevölkerung, vor allem Schüler und Studenten, offen stand, neben dem Bad Homburger Lesesaal als zweiter Vorläufer der Amerikahäuser.[25]

Die Entstehung der Amerikahäuser geht auf zwei voneinander unabhängige, aber zeitlich nahezu parallele Entwicklungen in den Jahren 1945/1946 zurück: zum einen die Eröffnung eines einfachen Lesesaales in Bad Homburg, der eigentlich ausschließlich für die amerikanischen Besatzer gedacht war. Zweite Keimzelle ist die Bibliothek an der Marburger Universität. Obwohl die Bibliothek noch heute das Herz eines jeden Amerikahauses ist, muss exakt zwischen Lesesaal und Amerikahaus unterschieden werden. Die kleinen Lesesäle, wie es sie zu Beginn der 1950er zu Dutzenden auf dem gesamten Bundesgebiet gab, können nicht als Amerikahäuser bezeichnet werden.[26] Im nächsten Abschnitt folgen nun eine allgemeine Definition eines Amerikahauses sowie eine Antwort auf die Frage nach dem ersten vollständigen Amerikahaus in Deutschland.

1.3) Ein vollständiges Amerikahaus in Deutschland

Henry Pilgert hat in seiner Studie über die Information Centers fünf charakteristische Aspekte eines Amerikahauses aufgelistet,[27] die hier übernommen und später noch ergänzt werden, um Maßgaben für ein vollständiges Amerikahaus herauszuarbeiten. Pilgert nennt an erster Stelle die Bibliothek als „Startpunkt“[28]. Außerdem listet er auf (in dieser Reihenfolge): ein Filmprogramm, Besuche von Künstlern und Rednern, Ausstellungen und weitere Veranstaltungen wie Theatergruppen, Konversationsklassen in englischer Sprache und Bücherclubs. In den Büchereien sollten vor allem Lexika und Enzyklopädien sowie amerikanische Romane und Werke zur amerikanischen und westeuropäischen Kultur zu finden sein. Er betont ebenfalls den quantitativen Unterschied zwischen einer Bücherei eines Amerikahauses und einem Lesesaal: „Das durchschnittliche Amerikahaus bietet 16.000 Bände, während der durchschnittliche Lesesaal ungefähr 2.400 Bücher beinhaltet.“[29] Weiterhin ist das amerikanische System der offenen Bücherregale, das sich im Übrigen bis heute durchgesetzt hat, kennzeichnend für die Bibliotheken der Amerikahäuser.[30] Bei den Ausstellungen, die Teil eines weltweiten Programms waren, würden laut Pilgert hauptsächlich amerikanische Themen wie freie Wahlen, neue Maschinen in der Landwirtschaft oder der Marshall-Plan behandelt. Darüber hinaus waren alle Amerikahäuser von Beginn an in relativ gut erhaltenen Räumlichkeiten untergebracht, die immer beheizt waren. Dieser Punkt, den Pilgert leider nur am Rande beachtet, wird in nahezu allen späteren Arbeiten wieder aufgegriffen und spielt bei der abschließenden Bewertung der Amerikahäuser im ersten Nachkriegsjahrzehnt eine wichtige Rolle. So bemerkten wohl einige der ersten Redner in den Amerikahäusern, dass ein guter Teil der Gäste nicht an ihren Vorträgen, sondern am Komfort der Häuser interessiert war.[31]

Gemeinhin wird das Frankfurter Amerikahaus als erstes seiner Art auf dem deutschem Boden angesehen.[32] Die drei hier zitierten Werke fügen leider keine Belege für ihre Behauptungen an, wobei wieder andere Forscher – als Beispiele Pilgert, Zink und Bungenstab – sich erst gar nicht zu der Frage nach dem ersten vollständigen Amerikahaus äußern. Die Amerikaner haben den ehemaligen Bad Homburger Lesesaal mit Sicherheit im September 1945 nach Frankfurt verlegt und „am 25. März 1946 offiziell als Amerikahaus eröffnet“[33]. Damit ist es auf der Liste des genannten Memorandums, die insgesamt 27 Niederlassungen aufführt, mit Abstand das früheste Haus. Es lässt sich heute nicht mehr genau nachvollziehen, ob in dem Gebäude an der Frankfurter Taunusanlage gleich zu Beginn ein umfangreiches Programm angeboten wurde, so dass man von einem vollständigen Amerikahaus im Sinne der oben genannten Aspekte reden könnte.[34] Mögliche Schwierigkeiten, wie fehlendes Gesamtkonzept beziehungsweise Mangel an Personal, Material und prominenten Podiumsgästen, führten sicherlich zu Verzögerungen. Das war aber an anderen Orten ähnlich beziehungsweise noch extremer, weil in Frankfurt eine Zentrale der Militärregierung saß, wodurch die Stadt einige Standortvorteile hatte. Daher bleibt doch anzunehmen, dass in Frankfurt auch die programmatische Arbeit der Amerikahäuser begonnen hat. Dafür spricht überdies, dass der zuständige amerikanische Referent Cable in dem bereits zitierten Memorandum vom Februar 1950 zwischen Lesesaal und Amerikahaus unterscheidet. Dieser Unterscheidung lagen sicherlich ähnliche Kriterien zugrunde, wie sie Pilgert ein Jahr später formuliert hat und sie später immer wieder aufgegriffen wurden.[35]

Im Sommer des Jahres 1946 konnte man aber sicherlich noch nicht vom „Ende einer Aufbauphase“[36] sprechen. Die acht Information Centers in Frankfurt, München, Berlin, Stuttgart, Marburg, Heidelberg, Erlangen und Regensburg waren zwar eingerichtet und geöffnet, aber auf keinen Fall miteinander vergleichbar, zumal es zu dieser Zeit keine einheitlichen Vorstellungen darüber gab, wie ein vollständiges Amerikahaus auszusehen hat.[37] Darüber hinaus waren die materiellen und personellen Gegebenheiten sehr verschieden. So dauerte es in Frankfurt nur wenige Monate, bis das Center offiziell als Amerikahaus eröffnet werden konnte. In anderen Orten zog sich dieser Prozess bis ins Jahr 1950.[38] Vom Ende einer Aufbauphase konnte daher erst die Rede sein, als Patricia van Delden, Chief of the Information Center System in Germany, 1950 einen offiziellen Bericht vorgelegt hat, in dem sie auf Basis der bisherigen Erfahrungen drei Arbeitsziele – Informationsvermittlung, demokratische Integration Deutschlands sowie Sicherung von Frieden und Freiheit – der Amerikahäuser nannte.[39] Nicht zufällig erreichte das Netz der Amerikahäuser und Lesesäle etwa zu dieser Zeit seine größte Ausdehnung.

1.4) Zwischen Umerziehung und Antikommunismus

Die Arbeitsziele, welche die Amerikahäuser in den nächsten Jahren verfolgten, werden nun in drei Schritten dargelegt. Nachdem die Amerikaner erkannt hatten, dass die Informationspolitik weiter an Bedeutung gewinnen würde, überlegten sie, wie das Bibliotheksprogramm zur Imagepflege genutzt werden konnte. Weil einheitliche Konzepte und klare Verantwortlichkeiten anfangs fehlten, blieben die Zielsetzungen recht schwammig. Erst mit der offiziellen Einbindung in die Reeducation -Politik (1947) wurden die Amerikahäuser und Lesesäle unter dem Begriff der demokratischen Umorientierung erwähnt. Doch auch zu diesem Zeitpunkt gab es nur sehr wenig koordinierte konzeptionelle Programme in den verschiedenen Häusern, so dass auch eine grundlegende Auseinandersetzung mit der Naziherrschaft nicht stattfand, was im Sinne einer effektiven Umerziehung jedoch vonnöten gewesen wäre. Doch im Zuge des einsetzenden Kalten Krieges tauschten die Amerikaner sehr früh ein Negativvorbild gegen das nächste aus und beschäftigten sich von nun an verstärkt mit dem Kommunismus. Sie bauten ein flächendeckendes Netz an Amerikahäusern und Lesesälen aus und auch das Veranstaltungsangebot wurde ausgedehnt. Man versuchte, möglichst große Teile der Bevölkerung anzusprechen (Grass Roots Approach) und sie über das Vorbild Amerika indirekt vom Sowjetkommunismus abzuschrecken. Obwohl sich die Amerikahäuser in ihrer Blütezeit zu beliebten Zentren entwickelten, konnten sie nie so schnell und direkt beeinflussen wie andere Medien. Nicht nur wegen der schweren Propagandakrise zu Zeiten McCarthys scheiterten sie schließlich in ihrer Eigenschaft als antikommunistisches Propagandawerkzeug.

1.4.1) Erste Ansätze

Bis zum Kriegsende gab es auf amerikanischer Seite keine Behörde oder Einrichtung, die offiziell mit der Umerziehung der deutschen Bevölkerung betraut war. Präsident Harry Truman forderte lediglich eine Umstellung der Informationsarbeit, um „ein vollständiges und ausgeglichenes Bild des amerikanischen Lebens sowie der Ziele und des politischen Kurses der US-Regierung“[40] zu vermitteln. Gleichzeitig übernahm das State Department die kultur- und informationspolitischen Aufgaben vom OWI. Wie im Kapitel zuvor erläutert, gab es bis Ende 1945 noch keine Konzepte der Amerikahäuser, die später als Mittel der Umerziehung der Deutschen genutzt werden sollten.

Erst nach dem großen Interesse der deutschen Bevölkerung am Frankfurter Lesesaal erkannte William Headrick Ende 1945, dass die informationspolitischen Aktivitäten eine große Rolle bei der Umerziehung spielen würden. Eine erste Direktive, die wichtige Ziele der Arbeit in den späteren Amerikahäusern beinhaltete, kam Anfang Juni 1946 vom State-War-Navy Coordinating Committee (SWNCC).[41] Darin wurde festgehalten, dass eine Demokratisierung nur mit Hilfe der Deutschen vonstatten gehen konnte und dass die Deutschen auch am Wiederaufbau des kulturellen Lebens beteiligt werden müssten. Als Mitglied des Inter-Agency Policy Committee on Germany hatte Henry Morgenthau entscheidenden Einfluss auf die Formulierung der Direktive und setzte letztlich einen schärferen Text durch: Neben den positiven Programmen zur Umerziehung sollten auch negative Programme zur Eliminierung von Nazismus und Militarismus durchgeführt werden.[42] Für die Arbeit der Amerikahäuser war diese Unterscheidung zwischen positiven und negativen Programmen weniger wichtig, weil dort keine negativen Programme durchgeführt wurden, wie später noch deutlich wird. Entscheidender waren zwei weitere Aspekte, die in die Direktive 269/8 des SWNCC vom 24. Oktober 1946 aufgenommen wurden. Mit Hilfe von Personenaustauschprogrammen sollte die deutsche Bevölkerung demnach in die Gemeinschaft friedliebender Völker geführt werden. Gerade die Organisation von Austauschprogrammen wurde später zu einer wichtigen Aufgabe der Amerikahäuser, nicht zuletzt um das deutsche Bibliothekspersonal fortzubilden.[43]

In den Monaten nach der offiziellen Eröffnung des ersten Amerikahauses gab es sicherlich nur erste Ansätze programmatischer Arbeit in den verschiedenen Information Centers, die sich in dieser Pionierphase überdies schlecht miteinander vergleichen ließen. Man kann lediglich davon ausgehen, dass in den Bibliotheken ein ähnlicher Stamm an Lexika, Fachbüchern, Romanen, Zeitschriften und Magazinen, weitgehend in englischer Sprache, vorhanden war. Der Schwerpunkt lag auf amerikanischen historischen und politischen Themen wie Demokratie und Wahlen sowie dem Bündnis der Nationen.

1.4.2) Umerziehung der Deutschen?

Die Umerziehung der Deutschen zu demokratischen Werten als Teil der „Strategie der doppelten Eindämmung“[44] zählte zu den Hauptzielen der westalliierten Besatzungspolitik. Auf die wissenschaftliche Diskussion über Dauer, Erfolg und Charakter des gesamten Reeducation -Programms kann an dieser Stelle nicht weiter eingegangen werden.[45] Von Bedeutung ist lediglich, inwiefern die Deutschen in den Amerikahäusern umerzogen werden sollten und tatsächlich umerzogen wurden. An dieser Formulierung wird bereits deutlich, dass es einen erheblichen Unterschied zwischen Anspruch und Wirklichkeit gab.

[...]


[1] „Amerika-Haus Kulturzentrum in Frankfurt“, in: Frankfurter Rundschau v. 4. März 1949 (ohne Autorenzeile).

[2] „‚Molotow-Cocktails’ flogen ins Amerikahaus“, in: Frankfurter Rundschau v. 9. Januar 1969 (ohne Autorenzeile).

[3] Dieser Begriff ist aus einem Zitat von Hans N. Tuch, ehemaliger Leiter des Frankfurter Amerikahauses, entnommen und hat keine religiösen Bezüge. Vgl. Kapitel 2 dieser Arbeit.

[4] Interview mit Bernd Herbert, Leiter Programmkoordination am Amerikahaus Köln, 17. August 2001.

[5] Vgl. Maritta Hein-Kremer: „Die amerikanische Kulturoffensive. Gründung und Entwicklung der amerikanischen Information Centers in Westdeutschland und West-Berlin 1945-1955“, Köln u.a. 1996.

[6] Vgl. Henry P. Pilgert: „The History of the Development of Information Services through Information Centers and Documentary Films“, Mehlem 1951 (Office of the US High Commissioner for Germany, Office of the Executive Secretary, Historical Division).

[7] Vgl. Astrid Kießling / Alexander Leicht: „Das Amerika Haus Frankfurt im Wandel der Zeit, 1946-1996. Eine Ausstellung vom 23. Mai bis 12. Juli 1996“, Frankfurt/Main 1996 (Katalog hrsg. vom Amerikahaus Frankfurt).

[8] Jessica Gienow-Hecht: „Die amerikanische Kulturpolitik in der Bundesrepublik 1949-1968“, in: Detlef Junker (Hrsg.): „Die USA und Deutschland im Zeitalter des Kalten Krieges 1945-1990. Ein Handbuch“, Band 1: 1945-1968, Stuttgart, München 2001, S. 612- 622 (616ff.).

[9] Genauere Informationen zu diesen Gründungen bei Hein-Kremer, 1996, S. 35ff.

[10] Bis 1949 entstanden dort rund 30 Kultureinrichtungen, die sich mit den späteren Amerikahäusern in der Bundesrepublik vergleichen lassen, weil sie neben der Bibliothek auch ein Veranstaltungsprogramm anboten. Vgl. Hein- Kremer, 1996, S. 51.

[11] Hein-Kremer, 1996, S. 55.

[12] Details wiederum bei Hein-Kremer, 1996, S. 66ff.

[13] Hein-Kremer zieht aus dieser Tatsache den Schluss, dass diese Bibliotheken nicht als Propagandaeinrichtungen dienen sollten. Vgl. Hein-Kremer, 1996, S. 95.

[14] Vgl. Hein-Kremer, 1996, S. 164- 169.

[15] Die ICD war Nachfolgerin der PWD, die Mitte Juli 1945 aufgelöst wurde. Bis Juli 1946 unterstand die ICD der Militärregierung.

[16] „They [the National Socialists] would use their new privileges to get information with which to impress others, with which to undermine the very democratic leaders we have put in office.“ Zit. n. Hein-Kremer, 1996, S. 167.

[17] Die offizielle Einbindung in die Reeducation -Politik wurde jedoch erst mit Inkrafttreten der Direktive JCS 1779 im Juli 1947 vollzogen. Vgl. Abschnitt 1.4.2 dieser Arbeit.

[18] „... to indoctrinate the Germans with democratic ideals.“ Zit. n. Hein-Kremer, 1996, S. 153.

[19] Vgl. Karl-Ernst Bungenstab: „Entstehung, Bedeutungs- und Funktionswandel der Amerika-Häuser. Ein Beitrag zur Geschichte der amerikanischen Auslandsinformation nach dem 2. Weltkrieg“, in: Jahrbuch für Amerikastudien 16, 1971, S.192f.

[20] Vgl. ebd. Dieser Punkt gewinnt noch an Bedeutung, wenn der Erfolg der frühen Amerikahäuser diskutiert wird. Wurden diese Häuser lediglich so gut angenommen, weil sie den Besuchern eher deutsch als amerikanisch vorkamen? Vgl. Harold Zink: „The United States in Germany 1944- 1955“, Princeton, New Jersey u.a. 1951, S. 247 sowie Abschnitte 1.4.3 und 1.4.4 dieser Arbeit.

[21] Etwa zur selben Zeit begannen die Amerikaner, Information Centers in Japan, Korea und Österreich einzurichten.

[22] Die grundlegenden Aufsätze widersprechen sich diesbezüglich nicht. Vgl. Pilgert, 1951, S.9; Zink, 1957, S. 245f.; Bungenstab, 1971, S.191. Laut Hein-Kremer habe die amerikanische Seite aus Propagandaüberlegungen zwischen 1950 und 1953 noch einmal offiziell den Begriff Information Center eingeführt; vgl. Hein-Kremer, 1996, S. 267. In dieser Arbeit werden die Namen synonym gebraucht.

[23] Damals wie heute steht der Begriff Amerika, wenn er nicht weiter abgegrenzt wird, üblicherweise für die USA. Die häufige Kritik, die Amerikaner würden diesen Sprachgebrauch bewusst als überhebliche Abgrenzung gegenüber Kanada oder den Staaten Lateinamerikas verwendet, wird hier nicht geteilt. Vgl. Kapitel 3 dieser Arbeit.

[24] Bungenstab, 1971, S. 190.

[25] Vgl. Pilgert, 1951, S. 7.

[26] Interview mit Bernd Herbert, Leiter Programmkoordination am Amerikahaus Köln, 17. August 2001.

[27] Vgl. Pilgert, 1951, S. 22- 25.

[28] Ebd.

[29] „The average Information Center has available 16,000 volumes, while the average Reading Room contains approximately 2,400 books.“ Ebd.

[30] Das alte deutsche System des zu begründenden Bestellens von Büchern führte Haynes R. Mahoney vom Office of Public Affairs der Hohen Kommission dazu, die deutsche Bücherei als „Festung der Kultur“ („fortress of culture“) zu bezeichnen. Vgl. Haynes R. Mahoney: „Windows to the West“, Information Bulletin, August 1950 (Public Relations Division, Office of Public Affairs, HICOG), S. 4.

[31] Vgl. Mahoney, 1950, S. 3.

[32] Vgl. Manfred Strack: „Amerikanische Kulturbeziehungen zu (West-) Deutschland 1945-1955“, in: Zeitschrift für Kulturaustausch 2/1987, S. 290; Axel Schildt: „Die USA als ‚Kulturnation’. Zur Bedeutung der Amerikahäuser in den 1950er Jahren“, in: Alf Lüdtke, Inge Marßolek, Adelheid von Saldern: „Amerikanisierung: Traum und Albtraum im Deutschland des 20. Jahrhunderts“ (Transatlantische Historische Studien, Band 6), Stuttgart 1996, S. 257- 269 (259); Gienow-Hecht, 2001, S. 616.

[33] „Move and official opening as Amerika Haus, March, 25, 1946 ...“. Operations Memorandum: „Information and Educational Exchange: Date of Initial Establishment and Date of Formal Opening in Present Location of each USIC in Germany“, 28. Februar 1951 (USIA Historical Collection), S. 2.

[34] Das früheste heute in Frankfurt noch vorhandene Programm stammt aus dem November 1950.

[35] Ein Amerikahaus wird fast einhellig, in Anlehnung an Pilgert, als Bibliothek mit umfangreichem Rahmenprogramm definiert. Vgl. Zink, 1957, S. 246; Bungenstab, 1971, S. 196.

[36] Hein-Kremer, 1996, S. 159.

[37] In diesem Zusammenhang schreibt Hein-Kremer: „Kriterien dieser Entwicklungsstufe liegen in der Umsetzung der konzeptionellen Vorstellungen der mit dem Planungsprozess beschäftigten zivilen und militärischen Organisationen.“ Ebd. Sie nennt aber keine konkreten Kriterien, weil es sie noch nicht gab. Daher werden in dieser Arbeit die später formulierten Kriterien Pilgert zugrunde gelegt, um daraus Maßgaben für ein vollständiges Amerikahaus, auch für die Zeit davor, festzusetzen.

[38] Vgl. Operations Memorandum, 28. Februar 1951, S. 1- 3.

[39] Vgl. Absatz 1.4.3 dieser Arbeit.

[40] „... a full and fair picture of American life and of the aims and policies of the United States Government.“ Zit. n. Frank Schumacher: „Kalter Krieg und Propaganda. Die USA, der Kampf um die Weltmeinung und die ideelle Westbindung der Bundesrepublik Deutschland, 1945- 1955“, Trier 2000 (Mosaic, Studien zur amerikanischen Kultur und Geschichte, Band 10), S. 69.

[41] Vgl. Hein-Kremer, 1996, S. 185f.

[42] Mehr zu positiven und negativen Zielen in Abschnitt 1.4.3 dieser Arbeit.

[43] Dieser gezielte Personenaustausch setzte aber erst um das Jahr 1948 ein. Vgl. Henry J. Kellermann: „Cultural Relations as an Instrument of U.S. Foreign Policy: The Educational Exchange Program between the United States and Germany 1944-1954“, Washington 1978, S. 203. Siehe auch Abschnitt über das Fulbright-Abkommen, Absatz 2.1 dieser Arbeit.

[44] Schutz des Auslands vor Deutschland und Schutz Deutschlands vor kommunistischer Bedrohung aus dem Osten. Wilfried Loth: „Die doppelte Eindämmung. Überlegungen zur Genesis des Kalten Krieges 1945-1947“, in: Historische Zeitschrift 238 (1984), S. 611- 631.

[45] Frank Schumacher zeichnet einige Argumentationslinien nach und behauptet, dass die Reeducation bis zur Mitte der 1950er Jahre angedauert habe. Das trifft allerdings nicht auf die Arbeit der Amerikahäuser zu. Vgl. Schumacher, 2000, S. 152 ff.

Details

Seiten
89
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783832456337
Dateigröße
664 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v221113
Institution / Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn – Politikwissenschaften
Note
Schlagworte
amerikanisierung kluturbeziehungen umerziehung public diplomacy bookmobile

Autor

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Titel: Zwischen Amerikabegeisterung und Antiamerikanismus