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Anreizwirkungen der Arbeitslosenversicherung

Eine kritische Beurteilung empirischer Studien für die Bundesrepublik Deutschland, die Vereinigten Staaten und Großbritannien

Diplomarbeit 1995 130 Seiten

VWL - Statistik und Methoden

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungen

1 Einführung

2 Arbeitsmarktentwicklung

3 Theoretische Grundlagen
3.1 Das Arbeit-Freizeit-Modell
3.2 Die Suchtheorie
3.2.1 Das STIGLER-Modell
3.2.2 Sequentielle Suchprozesse
3.2.2.1 Variationen des Suchmodells
3.3 Kontrakttheorie
3.4 Effizienzlohntheorie
3.5 Insider-/ Outsider Theorie
3.6 Segmentationstheorie
3.7 Humankapitaltheorie

4 Ökonometrische Modelle
4.1 Modelle der diskreten Wahl
4.2 Ereignisanalyse
4.2.1 Statistische Grundkonzepte
4.2.2 Verfahren der Ereignisanalyse
4.2.2.1 Nicht-parametrische Verfahren
4.2.2.2 Semi-parametrische Verfahren- das Proportional Hazard-Modell
4.2.2.3 Parametrische Verfahren
4.2.3 Unbeobachtete Populationsheterogenität

5 Empirische Analysen
5.1 Datenbasis
5.2 Ökonometrische Modelle

6 Determinanten der Arbeitslosigkeitsdauer
6.1 Analysen für Deutschland
6.1.1 Abgang in Erwerbstätigkeit
6.1.1.1 Parametrische Studien
6.1.1.2 Semi-Parametrische Modelle
6.1.1.3 Modelle der diskreten Wahl
6.1.2 Abgang in Nicht-Erwerbstätigkeit
6.1.2.1 Parametrische Modelle
6.1.2.2 Semi-Parametrische Modelle
6.1.2.3 Modelle der diskreten Wahl
6.1.3 Abgang aus der Arbeitslosigkeit insgesamt
6.2 Empirische Studien für die USA
6.2.1 Individuelle Arbeitslosigkeitsdauer, Arbeitsangebot und Lohneinkommen
6.2.1.1 Lineare Regressionen
6.2.1.2 Modelle der diskreten Wahl
6.2.1.3 Hazardratenmodelle
6.2.2 Der Recall und seine Bedeutung auf dem amerikanischen Arbeitsmarkt
6.2.3 Staatliche Programme für eine intensivere Arbeitssuche
6.3 Empirische Studien für Großbritannien
6.3.1 Abgang aus der Arbeitslosigkeit
6.3.1.1 Modelle der diskreten Wahl
6.3.1.2 Parametrische Modelle
6.3.2 Abgang in Erwerbstätigkeit
6.3.2.1 Parametrische Modelle
6.4 Zusammenfassung der empirischen Ergebnisse

7 Arbeitslosenversicherungssysteme im internationalen Vergleich
7.1 Erste Klassifizierung
7.2 Regelungen der Arbeitslosenversicherung
7.2.1 Das Arbeitslosengeld
7.2.2 Die Arbeitslosenhilfe
7.2.3 Die Finanzierung der Arbeitslosenversicherung
7.3 Arbeitslosenunterst-tzung in Theorie und Praxis
7.4 "Generöse" vs. "strenge" Arbeitslosenversicherungssysteme
7.4.1 Korrelation zwischen Arbeitslosigkeit und der Generosität der Arbeitslosen- versicherung

8 Ausblick

Anhang

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Arbeitslosenquoten

Abbildung 2: Struktur der Langzeitarbeitslosigkeit

Abbildung 3: Langzeitarbeitslosigkeit nach Altersgruppen

Abbildung 4: Langzeitarbeitslosigkeit nach Geschlecht

Abbildung 5: Budgetgerade eines Arbeitslosen

Abbildung 6: Budgetgerade bei Veränderung der Lohnersatzquote bzw. der Anspruchsdauer

Abbildung 7: Verlauf der endogenen Variablen im binären LOGIT-Modell

Abbildung 8: Zeitlicher Verlauf des Arbeitslosigkeitsprozesses

Abbildung 9: Verteilungsannahmen in parametrischen Hazardratenmodellen

Abkürzungen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einführung

Der Anstieg der Arbeitslosigkeit ist seit Jahren ein Dauerbrenner in Politik und Presse. Beachtlich ist in diesem Zusammenhang der Zuwachs der Langzeitarbeitslosigkeit. Dabei gehen die Meinungen bezüglich der Ursachen erheblich auseinander. Als ein Grund für den verzögerten Austritt aus dem Erwerbslosenstatus wird häufig die Gewährung einer Arbeitslosenunterst-tzung angeführt. Demzufolge ist es für das betreffende Individuum lohnend, den Anspruch auf Unterstützungsleistungen auszuschöpfen und erst danach wieder eine Beschäftigung aufzunehmen bzw. den Arbeitsmarkt eventuell ganz zu verlassen.

Die vorliegende Arbeit zeigt zunächst die Arbeitsmarktentwicklung der Bundesrepublik Deutschland, Großbritanniens und den USA. In der Darstellung theoretischer Arbeitsmarktmodelle stehen mikroökonomische Ansätze zur Erklärung der Arbeitslosigkeit im Vordergrund. Dabei wird insbesondere der Einfluß der Arbeitslosenunterst-tzung auf das individuelle Arbeitsangebot untersucht. Die Überprüfung der theoretischen Hypothesen erfolgt durch ökonometrische Ansätze, welche in einem weiteren Kapitel erläutert werden. Den Schwerpunkt der vorliegenden Arbeit bildet ein Überblick über empirische Studien, die für die o.g. Länder erstellt wurden. Dabei werden besondere Ergebnisse vor dem Hintergrund der jeweils verwendeten Übergangsratenmodelle diskutiert. Die Darstellung zeigt, daß der Anreizeffekt der Arbeitslosenunterst-tzung in den drei Ländern recht unterschiedlich ausfällt. Aus diesem Grund werden in einem abschließenden Kapitel die länderspezifischen Regelungen der Arbeitslosenversicherung explizit dargelegt, welche eine Revision der empirischen Resultate ermöglichen.

2 Arbeitsmarktentwicklung

Die Entwicklung der Arbeitslosenquoten in den vergangenen Jahren ist in Abbildung 1 dargestellt, wobei sich die Daten auf die drei Länder Bundesrepublik Deutschland (BRD), Vereinigte Staaten von Amerika (USA) und Großbritannien (UK) beschränken, die in der späteren Betrachtung empirischer Studien von Bedeutung sind. Damit ein Vergleich auf internationaler Ebene möglich ist, wurden standardisierte Daten der OECD verwendet, die die unterschiedlichen Erhebungsweisen in den einzelnen Ländern berücksichtigt[1]. (OECD Employment Outlook 1994).

Abbildung 1: Arbeitslosenquoten

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: OECD Employment Outlook; eigene Darstellung[2]

Alle Länder verzeichnen einen deutlichen Anstieg der Arbeitslosigkeit zu Beginn der neunziger Jahre, der auf die weltweite Rezession zurückgeführt wird. Großbritannien, dessen Arbeitslosenquote 1993 die 10%-Marke überschritten hat, verzeichnet mit 30% auch die höchste Jugendarbeitslosigkeit[3]. Von zunehmender Bedeutung ist jedoch die Ausweitung der Langzeitarbeitslosigkeit, die als Erklärung für die sog. "Sockelarbeitslosigkeit" herangezogen wird. Demzufolge sind Personen, die schon mehr als ein Jahr keine Beschäftigung mehr hatten, aufgrund ihres fortgeschrittenen Alters, gesundheitlicher Einschränkungen oder fehlender Berufsausbildung nur schwer wieder in den Arbeitsmarkt einzugliedern, d.h. sie verharren auch bei verbesserter Konjunkturlage noch in der Arbeitslosigkeit. Abbildung 2 veranschaulicht diesen Sachverhalt: In Großbritannien sind 1992 über 90% der registrierten Arbeitslosen mindestens sechs Monate ohne Beschäftigung, in Deutschland beträgt dieser Anteil 71,5%. Trotz eines bedeutenden Anstiegs der Langzeitarbeitslosigkeit[4] gelten die USA noch als Vorbild für einen "flexiblen Arbeitsmarkt".[5]

Abbildung 2: Struktur der Langzeitarbeitslosigkeit

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: OECD Employment Outlook 1994; eigene Darstellung

Blickt man auf die Zusammensetzung der von Langzeitarbeitslosigkeit betroffenen Personengruppen (vgl. Abbildung 3 und 4), so ist erkennbar, daß der Anteil älterer Menschen an den Langzeitarbeitslosen im Beobachtungszeitraum steigt, wohingegen j-ngere Personen schneller wieder eine Erwerbstätigkeit finden. 25-45jährige bilden fast ausschließlich -mit 40-55%- den Hauptanteil der Langzeitarbeitslosen in den jeweiligen Ländern. Der Anteil junger Personen (14-25 Jahre) geht im Betrachtungszeitraum in allen drei Ländern um etwa die Hälfte zurück.

Abbildung 3: Langzeitarbeitslosigkeit nach Altersgruppen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: OECD Employment Outlook 1991; eigene Darstellung

Die geschlechtsspezifische Betrachtung in Abbildung 4 für das Jahr 1990 macht deutlich, daß Männer in den USA und Großbritannien besonders stark von der Langzeitarbeitslosigkeit betroffen sind. In der BRD liegt die Quote dagegen bei 50%. Der Unterschied läßt sich allerdings nicht durch den eventuell geringeren Frauenanteil in der Erwerbsbevölkerung dieser Nationen begründen. Zu diesem Zeitpunkt waren in England 30,2% und in den USA 34,5% der Beschäftigten weiblich, wohingegen der Frauenanteil in Deutschland nur 15,7% betrug (OECD, Quarterly Labor Force Statistics).

Abbildung 4: Langzeitarbeitslosigkeit nach Geschlecht

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: OECD Employment Outlook 1991; eigene Darstellung

Damit ist die Dauer der Arbeitslosigkeit immer mehr in den Vordergrund der Diskussion gerückt. Die vorangestellten Graphiken sollen jedoch nur als Einstieg in die Problematik dienen.

3 Theoretische Grundlagen

In diesem Abschnitt werden die mikroökonomischen Ansätze zur Erklärung der Arbeitslosigkeit vorgestellt. Anhand der Daten zur Arbeitsmarktentwicklung der vergangenen Jahre wird besonders das Problem steigender Langzeitarbeitslosigkeit angesprochen, für dessen Ursache oftmals die zum Teil großzügige Gewährung von Arbeitslosenunterst-tzung angeführt wird. Diese Vermutung soll durch die theoretische Analyse der Auswirkungen von Arbeitslosenunterst-tzungszahlungen auf das individuelle Arbeitsangebot in den verschiedenen Modellen diskutiert werden.

3.1 Das Arbeit-Freizeit-Modell

In diesem aus dem Neoklassischen Arbeitsmarktmodell abgeleiteten und von Moffitt/Nicholson (1982) erweiterten Ansatz trifft das Individuum langfristige Entscheidungen über die für Arbeit oder Arbeitslosigkeit verwendete Zeit. Hierbei wird die Annahme zugrunde gelegt, daß die Zeit in Arbeitslosigkeit die Eigenschaften eines normalen Guts besitzt. Maximiert wird eine individuelle Nutzenfunktion U(AL,X). Der durch Arbeit verdiente Lohn w ermöglicht dem Arbeitnehmer, ein Konsumgut X zu kaufen. Zwar erfährt das Individuum während der Arbeitslosigkeit eine Nutzeneinbuße durch entgangenen Arbeitslohn, doch bezieht es über einen bestimmten Zeitraum AL* eine Arbeitslosenunterst-tzung in Höhe von b. Die hinzugewonnene Freizeit kann der Arbeitslose für eine produktivere Jobsuche verwenden, was ihm einen höheren Lohn im zuk-nftigen Beschäftigungsverhältnis und damit einen Nutzenzuwachs durch größeren Konsum bringen kann. Wie sich die durch Berücksichtigung von Arbeitslosenunterst-tzung veränderte Entscheidungssituation nun darstellt, soll in Abbildung 5 veranschaulicht werden.

Abbildung 5: Budgetgerade eines Arbeitslosen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Moffit/Nicholson (1982); eigene Darstellung

Die Budgetgerade eines Arbeitslosen erhält aufgrund der Einführung von Arbeitslosenunterst-tzung einen geknickten Verlauf. Wie ersichtlich, verläuft die neue Budgetgerade Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthaltenAbbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten bis zum Ende des Arbeitslosenunterst-tzungsanspruchs flacher als die bisherige Budgetgerade Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten (ohne Arbeitslosenunterst-tzung ), d.h. die Grenzkosten der Arbeitslosigkeit wurden durch die Arbeitslosenunterst-tzung gesenkt. An der Knickstelle B befindet sich eine Person, die sofort nach Ablauf des Arbeitslosenunterst-tzungsanspruchs eine neue Stelle findet. Diejenigen, deren Anspruch bereits beendet ist, finden ihren Tangentialpunkt auf der Strecke Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten.

Die Reaktion der Individuen auf Veränderungen der beiden Politikparameter - Lohnersatzquote r und maximale Anspruchsdauer AL*- hängt von der Position des individuellen Tangentialpunkts auf der Budgetgeraden Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten ab. Wie in Abbildung 6 veranschaulicht, führt eine Erhöhung der Lohnersatzquote, durch Gewährung einer höheren Arbeitslosenunterst-tzung, zu einer Verschiebung der gesamten Budgetgerade nach Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten. Es kann gezeigt werden, daß sich die individuelle Arbeitslosigkeitsdauer für alle Individuen erhöht, unabhängig davon, ob ihr Anspruch auf Arbeitslosenunterst-tzung noch G-ltigkeit besitzt.

Eine Verlängerung der Anspruchsdauer, welche die Budgetgerade nach Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten verlagert, hat dagegen unterschiedliche Auswirkungen auf die Entscheidung der Wirtschaftssubjekte. Während ein Arbeitsloser mit Tangentialpunkt auf dem Streckenabschnitt Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten von der Veränderung unberührt bleibt, ergibt sich für die -brigen Individuen aufgrund verschiedener Kombinationen von Einkommens- und Substitutionseffekten eine längere individuelle Arbeitslosigkeitsdauer.

Abbildung 6: Budgetgerade bei Veränderung der Lohnersatzquote bzw. der Anspruchsdauer

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Moffitt/Nicholson (1982); eigene Darstellung

3.2 Die Suchtheorie

Im folgenden Abschnitt soll das Grundmodell sowie mögliche Varianten des optimalen Suchverhaltens für einen Arbeitslosen beschrieben werden (König 1979, Franz 1991, 1996) als Überblick)

3.2.1 Das STIGLER-Modell

Durch Aufgabe der Annahme vollkommener Information auf dem Arbeitsmarkt, wie sie im Neoklassischen Modell vorherrscht, entwickelte Stigler (1961) die Theorie des optimalen Suchverhaltens eines Arbeitslosen, der zwar nicht das spezifische Lohnangebot einer Firma, wohl aber die Eigenschaften der zeitinvarianten Dichtefunktion aller Lohnangebote kennt. Ein Arbeitsuchender, der den Arbeitsmarkt nach den besten Angeboten absuchen will, bestimmt demnach zunächst die gesamte Anzahl seiner Suchschritte derart, daß die Grenzkosten der Suche gleich ihrem Grenzerlös sind. Danach bestimmt das Individuum n Firmen, die er zufällig aus allen am Markt vertretenen Firmen auswählt und akzeptiert das Angebot, das ihm den höchsten Lohn einbringt. Der optimale Stichprobenumfang, die Anzahl der ausgewählten Firmen, hängt wiederum von der Verteilung der Lohnofferten ab, die der Suchende selbst unterstellt.

3.2.2 Sequentielle Suchprozesse

In dem von Lippman/McCAll (1979) entwickelten Suchmodell, das vor allen in den empirischen Studien Verwendung findet, entscheidet ein Wirtschaftssubjekt unter der Annahme, daß er den Barwert seines Lebenszeiteinkommens maximiert, wann er seine Suche nach einem neuen Arbeitsplatz abbricht. Die Suchdauer ist im Gegensatz zum Stigler-Modell eine Zufallsvariable, denn das Individuum entscheidet bei jedem Lohnangebot neu, ob die Suche fortgesetzt wird. Die Person kennt wiederum nur die Dichtefunktion der Lohnangebote (nicht aber die konkreten Angebote der einzelnen Firmen), verhält sich risikoneutral, hat keine Zeitpräferenz und entscheidet mit der Perspektive eines unendlichen Zeithorizonts. Es wird ferner unterstellt, daß das Individuum während der Suchzeit arbeitslos ist, was die aktive Suche während eines bestehenden Beschäftigungsverhältnisses (on the job search) ausschließt. Es sei angemerkt, daß Arbeitslosigkeit als freiwillig, zum Zweck der Arbeitsuche, angenommen wird. Schließlich bleibt die Möglichkeit einer Wiedereinstellung durch den früheren Arbeitgeber (recall) außer Betracht. Wird eines der Jobangebote, welche das Wirtschaftssubjekt mit einer konstanten Rate pro Zeiteinheit erhält, angenommen, so bleibt das eingegangene Beschäftigungsverhältnis zu einem konstant bleibenden Lohnniveau unbefristet bestehen.

Das zentrale Problem bildet die Bestimmung des als zeitkonstant angenommenen Lohnanspruchsniveaus Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten (Begriffe wie Reservationslohn, Mindestlohnforderung oder Akzeptanzlohn werden im gleichen Kontext verwendet). Die Suche wird solange fortgesetzt, bis das Lohnangebot wa mindestens so hoch ist wie der individuelle Reservationslohn (Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten). Bei konstant bleibenden Suchkosten (entgangener Lohn + Suchaufwand - Arbeitslosenunterst-tzung) ergibt sich für die Optimalitätsbedingung für den Akzeptanzlohn Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten* die Gleichheit der Grenzkosten eines weiteren Suchschritts und dem Grenzerlös eines weiteren Angebots. Dieser Reservationslohn teilt damit alle Lohnofferten in zwei getrennte Kategorien: annehmbare und abzulehnende Offerten. Die Höhe dieses Lohnanspruchsniveaus hängt wiederum von der Höhe der Suchkosten sowie dem Erwartungswert der Verteilungsfunktion der Lohnangebote ab. Je niedriger die Suchkosten, desto höher der Reservationslohn und desto länger damit die Such- bzw. Arbeitslosigkeitsdauer. Positiv abhängig ist der Reservationslohn dagegen vom Erwartungswert der Lohnangebotsfunktion. In diesem Zusammenhang läßt sich leicht der Einfluß der Arbeitslosenunterst-tzung auf das Suchverhalten der Individuen erklären. Die Gewährleistung von Arbeitslosenunterst-tzung impliziert eine Reduzierung der Suchkosten, was den Akzeptanzlohn anhebt, dadurch die individuelle Arbeitslosigkeitsdauer verlängert und schließlich die aggregierte Arbeitslosigkeit erhöht.[6]

3.2.2.1 Variationen des Suchmodells

Die bisherigen Ausführungen bezogen sich auf das Grundmodell der sequentiellen Arbeitsuche, das auf zum Teil sehr restriktiven, mit der Praxis oftmals unvereinbaren Annahmen basiert. Zu welchen teilweise konträren Folgerungen die Modifikation bestimmter Hypothesen führen kann, soll im folgenden Abschnitt verdeutlicht werden (König 1979, Wurzel 1993, Atkinson und Micklewright 1991).

Werden neben den rein pekuniären Attributen des neuen Arbeitsplatzes auch nicht-pekuniäre Eigenschaften wie Betriebsklima etc. berücksichtigt, so kann ein hohes Lohnangebot möglicherweise schlechte Arbeitsbedingungen kompensieren. Da im allgemeinen nur unvollkommene Information über die nicht-pekuniäre Komponente vorhanden ist, impliziert dies im Falle niedriger Suchkosten einen höheren Anspruchslohn (König 1979).[7] In diesem Zusammenhang liegt es nahe, das Standardmodell um die Möglichkeit der Jobsuche während eines bestehenden Beschäftigungsverhältnisses zu erweitern und freiwillige K-ndigungen bei Unzufriedenheit mit den Gegebenheiten am Arbeitsplatz zuzulassen (Burdett 1978).

Läßt man die Möglichkeit einer positiven Zeitpräferenz zu, so zeigt sich, daß sich die Suchdauer mit zunehmender Zeitpräferenzrate d verkürzt (entsprechend sinkt der Akzeptanzlohn).

Abstrahiert man von der unterstellten Risikoneutralität und maximiert ein Suchender nicht den erwarteten Barwert seines Einkommens (abzüglich der Suchkosten), wie im Standardmodell angenommen, sondern den erwarteten Nutzen des Einkommens, so sinkt der Reservationslohn mit steigender Risikoaversion (Lippmann und McCall 1979).

Kritik wurde besonders an der Unterstellung eines im Zeitablauf konstanten Reservationslohns ge-bt. Gibt man die Annahme eines unendlichen Zeithorizonts der Arbeitsuchenden auf, so resultiert daraus ein über die Zeit variables Anspruchslohnniveau. Eine Verlängerung der Suchdauer bedeutet in diesem Kontext eine Verkürzung der verbleibenden Lebensarbeitszeit, was den sein Vermögen maximierenden Arbeitslosen schließlich einen geringeren Lohn für eine längere Arbeitszeit gegenüber einem hohen Lohn bei sehr kurzer Arbeitszeit präferieren läßt. Eine Anhebung des angebotenen Lohns führt zu einer reduzierten Suchdauer, da sich unter dem Aspekt eines begrenzten Zeithorizonts die verbleibende Arbeitszeit verkürzt, in der das höhere Einkommen erzielt werden kann.

Eine Reihe von Kritikpunkten bezieht sich auf die Hypothesen, die bezüglich der Arbeitslosenunterst-tzung aufgestellt wurden. Im Standardmodell gilt die Arbeitslosenunterst-tzung für alle Arbeitslosen gleichermaßen, unabhängig von der individuellen Arbeitslosigkeitsdauer. Ferner hat das nach Arbeitslosigkeit eingegangene Beschäftigungsverhältnis unbefristete G-ltigkeit, d.h. Arbeitnehmer können nicht entlassen werden. Hebt man diese beiden eher praxisfernen Annahmen auf, so impliziert ein zeitlich begrenzter Anspruch auf Arbeitslosenunterst-tzung einen Rückgang des Reservationslohns in den ersten Wochen der Arbeitslosigkeit. Der adverse Anreizeffekt der Arbeitslosenversicherung, der sich in einer sinkenden Abgangsrate aus der Arbeitslosigkeit niederschlägt, wirkt nunmehr nur bei Personen, deren Arbeitslosigkeitsdauer kürzer als die Anspruchsdauer ist. Bei Langzeitarbeitslosen ist der Anreizeffekt dagegen positiv (Burdett 1979b). Neben der zeitlich limitierten Gewährung von Arbeitslosenunterst-tzung ist auch die Variation der Leistungshöhe in der Realität möglich. Eine Erhöhung der Unterstützungszahlung kann unter bestimmten Voraussetzungen gegenläufige Effekte zur Folge haben.[8] Zum einen verringern sich die Suchkosten, der Anspruchslohn steigt und die Arbeitslosigkeitsdauer nimmt zu. Dies entspricht den bisherigen Überlegungen im Standardmodell. Schließt man zudem die Möglichkeit einer k-nftigen Entlassung nicht mehr länger aus, so impliziert eine höhere Arbeitslosenunterst-tzung (längere Anspruchsdauer) ein rückläufiges Lohnanspruchsniveau. Die R-ckkehr in die Erwerbstätigkeit wird besonders für diejenigen Arbeitslosen attraktiv, deren Anspruch auf Arbeitslosenunterst-tzung in K-rze ausläuft oder die momentan kein Leistungsanrecht besitzen[9] (Mortensen 1977). In der Literatur spricht man auch von einen entitlement effect. [10]

Abschließend kann die eingangs angeführte Behauptung, ein großer Teil der Arbeitslosigkeit sei vom Arbeitslosengeld induziert ("sozialleistungsinduzierte Arbeitslosigkeit"), aus theoretischer Sicht nur mit Vorbehalten aufrechterhalten werden. So wird in der Argumentation davon ausgegangen, daß ein Arbeitnehmer pro Zeiteinheit eine feste Zahl an Lohnangeboten erhält. Zweifelsohne ist dieser Tatbestand besonders bei den Problemgruppen des Arbeitsmarktes (ältere Arbeitslose, schlecht Ausgebildete etc.) nicht zutreffend. Selbst eine Reduktion des Lohnanspruchs kann hier wegen tariflich bedingter Lohnrigiditäten erfolglos bleiben. Ferner findet die Annahme, daß Arbeiter freiwillig k-ndigen, um sich dann auf neue Arbeitsuche zu begeben, in der Realität keine Bestätigung. Tatsächlich sind die meisten Neueinstellungen Betriebswechsler, d.h. die Beschäftigten wechseln zwischen zwei Arbeitsplätzen, ohne dazwischen eine Arbeitslosigkeitsperiode zu schalten (Franz 1991).

Der Nettoeffekt der Arbeitslosenunterst-tzung auf das individuelle Arbeitsangebot bleibt also unklar. Aus makroökonomischer Sicht kann die Arbeitslosenversicherung die allokative Effizienz auf dem Arbeitsmarkt (z.B. durch Mobilität) erhöhen und damit zu einer Steigerung der Flexibilität in Bezug auf den Umgang mit neuen Technologien oder veränderten Nachfragekonstellationen beitragen. Zeitlich befristete oder mit hohem K-ndigungsrisiko behaftete Arbeitsverträge werden mit der Gewährleistung von Arbeitslosenunterst-tzung eher abgeschlossen (Schmid, Reissert, Bruche 1992). Schließlich kann eine längere Suchdauer, die durch den Erhalt von Unterstützungsleistungen gewissermaßen subventioniert wird, durchaus effizient sein, da sich bei intensiver Suche eher ein Arbeitsplatz findet, der den Fähigkeiten des Suchers gen-gend Platz zur Entfaltung bietet.

Die nun folgenden Modelle erheben aufgrund des begrenzten Rahmens dieser Arbeit gewiß nicht den Anspruch einer umfassenden Darstellung. Vielmehr soll die weitgefächerte Palette der mikroökonomischen Erklärungsversuche des Phänomens der Arbeitslosigkeit aufgezeigt werden, die neben den beiden vorangehenden, vorrangig in empirischen Studien verwendeten Ansätzen existieren.

3.3 Kontrakttheorie

Die Kontrakttheorie, die kein einheitliches Theoriegebäude darstellt, bildet einen Oberbegriff für eine Vielzahl von Ansätzen, die sich mit vertraglichen Aspekten auf dem Arbeitsmarkt beschäftigen. Alle haben die Anzweiflung des im Neoklassischen Modell unterstellten Markträumungsmechanismus gemeinsam. Untersucht wird die zugrundeliegende Rationalität der Wirtschaftssubjekte beim Abschluß von Arbeitsverträgen, die eine ausgeprägte Starrheit der Lohnstruktur implizieren. Wenn die Kontrakttheorie auch keine direkte Erklärung der Entstehung und der Dauer der Arbeitslosigkeit liefern kann, so läßt sich das Phänomen saisonaler Arbeitslosigkeit teilweise unter vertragstheoretischen Aspekten begründen (Franz 1991, Schneider 1990).

Ein großer Unsicherheitsfaktor besteht für die als risikoneutral eingestuften Unternehmer bezüglich der Absatzchancen ihrer Produkte, für die eher risikoaversen Arbeitnehmer dagegen im Hinblick auf die zeitliche Einkommensentwicklung. Ein Vertrag, an dessen Einhaltung beide Vertragspartner interessiert sind, setzt demnach eine Entlohnung fest, die punktuell von der Grenzproduktivität abgekoppelt wird. Für die Konstanz ihres Einkommens, die durch den Vertrag gewährleistet wird, sind die Arbeitnehmer bereit, ein gewisses K-ndigungsrisiko einzugehen, denn die Beschäftigungsgarantie kann in Zeiten unvorhersehbarer Konjunktureinbrüche nicht aufrechterhalten werden.[11] Wenn auch der Arbeitsplatz bei temporär ungünstiger Konjunkturlage erhalten bleibt (nicht benötigte Arbeitskräfte werden dann bei voller Bezahlung im Betrieb "gehortet"), so wird ein Arbeitnehmer eine Arbeitslosigkeitsperiode dennoch dann vorziehen, wenn die Arbeitslosenunterst-tzung und die Freizeitpräferenz gen-gend hoch sind. Der Arbeitsvertrag ähnelt damit einem beiderseitigen Versicherungsgeschäft, wobei Arbeitnehmer in Rezessionen, Arbeitgeber dagegen bei guter Absatzlage profitieren. Arbeitslosigkeit kann dadurch entstehen, daß es bei nachhaltigen Absatzrückgängen sehr wohl zu Entlassungen kommen kann. Außerdem können befristete Entlassungen implizit im Vertrag vorgesehen sein. In diesem Zusammenhang kommt der Gewährung von Arbeitslosenunterst-tzung die Funktion einer Lohnkostensubvention zu. Je höher solche Leistungen bemessen sind, desto häufiger wird von der Möglichkeit befristeter Entlassungen Gebrauch gemacht werden.[12]

3.4 Effizienzlohntheorie

Der aus der Kontrakttheorie entwickelte Ansatz versucht durch die Analyse der Lohnbildung eine weitere Erklärung der Arbeitslosigkeit zu liefern, wobei besonders die Lohnrigidität nach unten im Mittelpunkt der Diskussion steht. Arbeitslosigkeit entsteht durch die Zahlung von Löhnen, die über dem Gleichgewichtsniveau liegen. Für die gewinnmaximierenden Unternehmen kann es gemäß dieser Theorie trotz vorhandener Arbeitslosigkeit rational sein, höhere Löhne zu zahlen, weil diesen eine gewinnerhöhende Anreizfunktion für die Beschäftigten beigemessen wird. Es existieren mehrere profitable Effekte, die von einer überdurchschnittlichen Bezahlung ausgehen können. Zum Beispiel sollen höhere Löhne (statt strenger Kontrollen) Betrug und Drückebergerei (shirking) seitens der Beschäftigten verhindern helfen und dadurch eine Erhöhung der Leistungsintensität herbeiführen.[13] Weiter erhofft man sich mit der großzügigen Entlohnung eine längerfristige Bindung der Arbeitnehmer an die Firma, was geringere Fluktuationen impliziert, die stets mit hohen Kosten für das Unternehmen verbunden sind (labor turnover). Schließlich dienen Effizienzlöhne der Auslese hochqualifizierter Bewerber, da eine positive Korrelation der individuellen Fähigkeiten mit dem Anspruchslohn angenommen wird, d.h. Kandidaten mit niedriger Lohnvorstellung werden als minderbegabt eingestuft und daher abgelehnt (adverse selection).

An diesem Ansatz wurde in der theoretischen Literatur viel Kritik ge-bt, auf die hier nicht im einzelnen eingegangen werden kann. Den Modellen wird vor allem die unzureichende Ausschöpfung vertragstheoretischer Möglichkeiten vorgehalten, welche die Intentionen der Effizienzlohntheorie auch ohne die Verursachung von Arbeitslosigkeit erf-llen würden (Franz 1991).

Im Rahmen des Adverse-Selection-Ansatzes ist es denkbar, daß der Bezug von Arbeitslosenunterst-tzung durch den resultierenden Anstieg des Reservationslohns die Einstellungschancen sogar verbessern kann.

3.5 Insider-/ Outsider Theorie

Wie die im vorigen Abschnitt behandelte Effizienzlohntheorie versucht das Insider-Outsider-Modell mit der Herausarbeitung einiger Eigenschaften des Lohnbildungsprozesses einen weiteren Beitrag zur Erklärung der Entstehung, vor allem aber der Persistenz der Arbeitslosigkeit zu liefern. Kommt es z.B. aufgrund von Absatzeinbrüchen zu Entlassungen, so -ben die verbleibenden Beschäftigen -die Insider-, die oftmals durch starke Gewerkschaften vertreten werden, in der Art Druck auf die Firma aus, daß die Entlassenen -die Outsider- selbst bei Erholung der Lage keine Chance auf Wiedereinstellung erhalten. Insider setzen demnach Lohnerhöhungen für ihre Gruppe durch, was es für die Firma profitabler erscheinen läßt, keine Neueinstellungen vorzunehmen. Beschäftigung und Arbeitslosigkeit bleiben insofern voneinander abgetrennt, als zumindest ein Übergang von Arbeitslosigkeit in die Erwerbstätigkeit von den Insidern verhindert wird. Die Macht, mit der die Insider ihre hohen Lohnforderungen erzwingen, stützt sich auf existierende Fluktuationskosten, was den Outsidern schließlich die Möglichkeit nimmt, durch Lohnunterbietung eine Stelle zu erhalten.[14] Ferner können die Outsider nicht auf die Unterstützung der Gewerkschaften hoffen, da diese ausschließlich im Interesse der Insider agieren (Franz 1991).

Die Rolle der Arbeitslosenunterst-tzung wird in diesem Modell nicht explizit erörtert. Man kann jedoch annehmen, daß die Gewährung von Unterstützungsleistungen den Anreiz der Outsider, durch Lohnunterbietung in den Markt zu drängen, bedeutend schmälert.

3.6 Segmentationstheorie

Dieser Ansatz, auch als "Theorie des dualen Arbeitsmarktes" bekannt, beschäftigt sich mit der Unterteilung des Arbeitsmarktes in zwei Segmente, welche sich durch eine Reihe von gegensätzlichen Merkmalen auszeichnen: während im primären Sektor relativ hohe Löhne, stabile Beschäftigungsverhältnisse, gute Arbeitsbedingungen sowie Chancen zum beruflichen Aufstieg vorherrschen, sind im sekundären Sektor die konträren Charakteristika zu finden. Ferner kennzeichnen den primären Sektor eine hohe Qualifizierungsanforderung wie auch eine fixe Anzahl verfügbarer Stellen. Daraus ergibt sich eine unterschiedliche Mobilitätsstruktur in den jeweiligen Sektoren. Innerhalb des sekundären Segments, das prinzipiell einen freien Zugang ermöglicht, verlaufen alle Bewegungen horizontal, während das primäre, eher geschlossene Segment durch vertikale Mobilität bestimmt ist. Aufgrund der Anforderungen an die berufliche Qualifikation sind Übertritte vom sekundären in das primäre Teilsegment unwahrscheinlich. Als Gründe für den dualen Arbeitsmarkt werden beispielsweise die unterschiedlichen Produktionstechnologien angeführt (z.B. leicht erlernbare, arbeitsintensive Fließbandtechnik im sekundären Sektor).

Obwohl die Segmentationstheorie keine umfassende mikroökonomische Erklärung des Arbeitsmarktes bietet, so kann das Problem der Arbeitslosigkeit segmentspezifisch diskutiert werden. Ein Arbeitsplatzwechsel wird im sekundären Segment häufiger auftreten, da die Tätigkeiten keine spezifischen Anforderungen an das Humankapital stellen. Die entstehende friktionelle Arbeitslosigkeit ist allerdings nur von sehr kurzer Dauer. Im primären Segment tritt Arbeitslosigkeit zwar relativ selten auf, die durchschnittliche Dauer dürfte dafür um so länger sein. Ferner kann Arbeitslosigkeit auch durch Verschiebungen der Segmente entstehen. Eine Ausweitung kapitalintensiver Produktionszweige erhöht die Nachfrage nach Arbeitskräften im primären Sektor, welche jedoch wegen mangelnder Qualifikation nicht durch Arbeiter des sekundären Sektors befriedigt werden kann. Dort entsteht, bedingt durch den Überfluß an Arbeitnehmern, Arbeitslosigkeit (Schneider 1990).

Es ist zu vermuten, daß die Arbeitslosenunterst-tzung ebenfalls segmentspezifisch wirkt. Für Arbeitslose des primären Sektors wird die ohnehin längere Suchdauer lediglich subventioniert. Die bisher relativ kurzen Arbeitslosigkeitsepisoden der ehemals im sekundären Sektor Beschäftigten könnten sich allerdings durch den Erhalt von Arbeitslosenunterst-tzung erheblich ausdehnen.[15]

3.7 Humankapitaltheorie

Die zentrale Aussage dieser Theorie ist die positive Korrelation zwischen der Produktivität der Arbeitskräfte und den getätigten Investitionen in das Humankapital (Schneider 1990). Diese Investitionen können zum einen von den Arbeitnehmern selbst unternommen werden, die dadurch -im Kontext des Lebenszyklusmodells- in Zukunft bessere Berufs- und damit Einkommenschancen erzielen möchten. Zum anderen sind es die Arbeitgeber, die durch die kostenintensive Aus- und Weiterbildung ihrer Mitarbeiter eine möglichst lange Bindung des firmenspezifischen Humankapitals beabsichtigen.[16] Wenngleich dieser Ansatz nicht die Ableitung der Arbeitslosigkeitstheorie erlaubt, so können doch einige Aspekte der Arbeitslosigkeit, die in den vorangestellten Modellen angesprochen wurden, aus dem Blickwinkel der Humankapitaltheorie heraus erörtert werden. Hier ist zu beachten, daß die Argumente dieser Theorie oftmals im Gegensatz zu diesen Modellen stehen können. So resultiert z.B. eine Erhöhung der Investitionen in die berufliche Qualifikation in der Segmentationstheorie nur im sekundären Sektor in einer Chancenverbesserung, wohingegen sie im primären Sektor die Arbeitsuche noch zusätzlich erschweren kann.[17]

Investitionen in das Humankapital zahlen sich erwartungsgemäß nur in einem bestehenden Beschäftigungsverhältnis aus. In Phasen der Erwerbslosigkeit kommt es sehr rasch zur Abnahme des Wissensstandes, welche allein schon durch den Wegfall betriebsspezifischer Kenntnisse bedingt ist. Die Arbeitslosigkeit wirkt daher selbstverstärkend, da mit sinkendem Humankapitalbestand auch die Wiederbeschäftigungschancen schwinden (Franz 1991). Im Rahmen der Suchtheorie sinkt mit dem Verfall des Humankapitals der Mittelwert der Lohnverteilung (was einer Linksverschiebung der Verteilungsfunktion gleichkommt), so daß bei Konstanthaltung des Reservationslohns die Arbeitslosigkeitsdauer zwangsläufig zunimmt. Eine Stetigkeit der Wiederbeschäftigungschancen kann nur durch eine Anpassung des Anspruchslohns nach unten gewährleistet werden.[18] Arbeitslose werden sich nach gewisser Dauer der Arbeitslosigkeit zur Akzeptanz weniger lukrativer Stellen gezwungen sehen.[19]

Der Bezug von Arbeitslosenunterst-tzung kann in diesem Kontext zu einer verlangsamten Abnahme des Reservationslohns führen, was durch die einhergehende Verlängerung der Arbeitslosigkeit eine Verschlechterung der Chancen auf einen neuen Arbeitsplatz bedeutet.

4 Ökonometrische Modelle

Die Diskussion der verschiedenen Arbeitsmarktmodelle macht eine Überprüfung auf empirischer Ebene unverzichtbar. Die modelladäquate Wahl der zu verwendenden ökonometrischen Methode stellt hier das zentrale Problem dar, das im nachstehenden Abschnitt in sehr gekürzter Form geschildert wird.

4.1 Modelle der diskreten Wahl

Diese Ansätze stellen eine Erweiterung der linearen Regressionsanalyse insofern dar, als die abhängige Variable nun mehrere Ausprägungen annehmen kann.[20] Individuen m-ssen sich bei der "binomialen" ("multinomialen") Wahl zwischen zwei (drei oder mehr) Alternativen entscheiden, wobei die jeweilige Wahl von den individuellen Eigenschaften der Wirtschaftssubjekte beeinflußt wird. Da eine Aussage darüber, welche Alternative von jeder einzelnen Person vorgezogen wird, nicht möglich ist, zielt dieser Ansatz sinnvoller Weise auf die Vorhersage der bedingten Wahrscheinlichkeit P ab, mit der eine Person mit gegebenen Charakteristika eine bestimmte Wahl trifft. Die Verwendung von Wahrscheinlichkeiten resultiert aus nutzentheoretischen Überlegungen. Da der Nutzen selbst nicht direkt meßbar ist, wird er in eine deterministische und eine stochastische Komponente e zerlegt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Alternative 1 wird der Alternative 2 vorgezogen, wenn folgendes gilt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Dieser Zusammenhang ist nur mit Hilfe von Wahrscheinlichkeiten beschreibbar. Über die Verteilungsform der Störterme können verschiedene Annahmen getroffen werden (Ronning 1991). Bei einer unterstellten Normalverteilung verwendet man das PROBIT-Modell, das sich allerdings bei mehr als vier Alternativen als rechentechnisch sehr aufwendig erweist. Das häufiger verwendete Verfahren ist das LOGIT-Modell, welches durch die Annahme einer Extremwertverteilung der Störterme das Errechnen von Wahrscheinlichkeiten für eine Vielzahl von Wahlmöglichkeiten möglich macht.[21]

Das binomiale LOGIT stellt den Zusammenhang zwischen dem Vektor der exogenen Variablen X und der abhängigen, binären Variablen, statt wie in der linearen Regression durch eine Gerade, nun durch einen Kurvenverlauf dar, der dem Ertragsgesetz folgt (vgl. Abbildung 7). Dabei ist die Steigung bei P= ½ am steilsten, d.h. hier haben Veränderungen der exogenen Variablen den größten Einfluß auf die Wahlwahrscheinlichkeit. An den beiden Enden dagegen ist eine große Änderung der unabhängigen Variablen nötig, um den Entschluß des jeweiligen Individuums umzukehren.

Abbildung 7: Verlauf der endogenen Variablen im binären LOGIT-Modell

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Börsch-Supan 1987

Die Wahrscheinlichkeit für die Alternative 1 läßt sich formal wie folgt darstellen:

binomiales LOGIT:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Schätzung der Parameter bi kann mit Hilfe der Maximum-Likelihood-Methode erfolgen, welche näher darzulegen, den Rahmen dieser Arbeit überschreiten würde (Börsch-Supan 1987, Maddala 1983 und Ronning 1991 als weiterführende Literatur).

Die multinomialen LOGIT-Modelle besitzen eine Eigenschaft, die durch die Annahme der stochastischen Unabhängigkeit der Störterme bedingt ist. Demzufolge ist die Wahrscheinlichkeit, die Alternative i der Alternative j vorzuziehen, unabhängig von den Eigenschaften aller anderen Möglichkeiten sowie der Anzahl der Wahlmöglichkeiten (Independance of irrelevant alternatives).[22]

Im Hinblick auf die zu untersuchende Problematik auf dem Arbeitsmarkt kann man mit Hilfe der LOGIT-Modelle die Wahrscheinlichkeit ermitteln, mit der sich ein Wirtschaftssubjekt zum Zeitpunkt t in einem bestimmten Arbeitsmarktstadium (Erwerbstätigkeit, Arbeitslosigkeit, etc.) befindet.[23] Dieser Zustand braucht nicht "absorbierend" sein, d.h. es können weitere Übergänge in andere Zustände erfolgen.[24] Da es sich hier um einen diskreten Zeitraum handelt, werden als Datenbasis bevorzugt Querschnittsdaten bzw. Jahresdaten herangezogen. Die getroffenen Aussagen können demnach nicht als repräsentativ für einen längeren Zeitraum betrachtet werden und bergen bei bestimmten exogenen Variablen die Gefahr der Fehlinterpretation in sich.[25]

4.2 Ereignisanalyse

Unter Ereignisanalyse versteht man die statistische Analyse von Zeitverläufen (Bloßfeld u.a. 1986/1989, Diekmann/Mitter 1984, Lancaster 1990, Steiner 1987). Dabei wird die Veränderung von diskreten Zuständen in kontinuierlicher Zeit erhoben und man untersucht daraufhin die Länge der Zeitintervalle (Episoden) zwischen diesen Ereignissen (Zustandswechsel). Die Ereignisanalyse eignet sich für ein breites Anwendungsspektrum wie z.B. Arbeitslosigkeitsstudien, Studien über Krankheitsverläufe, Lebensdauer technischer Geräte, Geburtenentwicklung, etc. Das ereignisorientierte Erhebungsdesign, welches aufgrund des hohen Aufwands sowie der damit verbundenen Kosten nur selten praktisch angewendet wird, ermöglicht die (z.T. retrospektive) Ermittlung der genauen Zeitpunkte der jeweiligen Zustandsänderungen und trägt damit, wie auch das sog. Panel[26] dem Wandel und der Dynamik explizit Rechnung.[27] Während jedoch im Panel der Verlauf zwischen den einzelnen Interviews offen bleibt, ermöglichen Ereignisdaten die Rekonstruktion des gesamten, kontinuierlichen Prozesses sowie ferner die dynamische Analyse von Kopplungs- und R-ckkopplungsprozessen (Bloßfeld u.a. 1986).

In dieser Arbeit steht die Untersuchung der verschiedenen Übergänge auf dem Arbeitsmarkt im Mittelpunkt, wobei für die explizite Untersuchung der Arbeitslosigkeitsdauer die Zustände "arbeitslos", "erwerbstätig" und "nicht erwerbstätig" unterschieden werden. Abbildung 8 stellt einen möglichen zeitlichen Verlauf der Erwerbstätigkeit einer bestimmten Person dar. Der abgebildete Prozeß entspricht dem "Mehr-Episoden-Fall", der mehrere Zustandswechsel im Betrachtungszeitraum (T2-T1) zuläßt. Der "Ein-Episoden-Fall", der im Rahmen der empirischen Untersuchungen häufig verwendet wird, beschränkt sich dagegen nur auf einen einzigen Übergang (z.B. von Erwerbstätigkeit in Arbeitslosigkeit/ Nicht-Erwerbstätigkeit), d.h. die Betrachtung endet mit dem erfolgten Zustandswechsel. Ein Spezialfall bildet in diesem Kontext die Beschränkung auf den Wechsel von einem Anfangszustand in einen Endzustand, der als "absorbierend"[28] gilt (z.B. der Übergang von Arbeitslosigkeit in ein dauerhaftes Beschäftigungsverhältnis). Dieses Single-Risk-Modell entspricht dem Grundmodell der Ereignisanalyse. Das Competing Risk-Modell erweitert die Untersuchung hingegen auf den Wechsel von einem Ausgangszustand in einen absorbierenden Zielzustand, der gleichzeitig mit mehreren Zuständen "konkurriert" (vgl. Abbildung 8).

Abbildung 8: Zeitlicher Verlauf des Arbeitslosigkeitsprozesses

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Steiner (1987)

Da der Betrachtungszeitraum meist durch die Zeitpunkte der stattfindenden Befragungen fest abgegrenzt ist, tritt bei der empirischen Analyse das Problem zensierter Daten auf, was bedeutet, daß die genaue Dauer der entsprechenden (abgeschlossenen) Episoden unbekannt ist. Eine Linkszensierung liegt vor, wenn die Zeitspanne, die eine Person bereits in einem Zustand verbracht hat, nicht ersichtlich ist (vgl. t1 inAbbildung 8). Bei einer Zensierung von rechts ist die letzte Episode eines Individuums zum Zeitpunkt des Interviews noch nicht abgeschlossen (vgl. t5 in Abbildung 8). Während links zensierte Daten nur äußerst schwierig zu behandeln sind, können rechts zensierte Daten in den statistischen Methoden der Ereignisanalyse bei der Schätzung explizit berücksichtigt werden (Bloßfeld u.a. 1986).[29]

In vielen Fällen werden neben den Verweildauern eine Reihe weiterer Kovariablen erhoben, die die Episodendauer beeinflussen können (vgl. semi-parametrische und parametrische Modelle in Abschnitt 4.2.2). Diese Variablen sind quantitativer oder qualitativer Natur und und können einen zeitkonstanten oder -variablen Verlauf besitzen.

4.2.1 Statistische Grundkonzepte

In diesem Abschnitt werden anhand des einfachsten Falls der Ereignisanalyse, dem Ein-Episoden-Fall mit einem absorbierenden Zielzustand (als Beispiel diene der Wechsel von Arbeitslosigkeit in Erwerbstätigkeit), die Grundbegriffe kurz erläutert (Bloßfeld u.a. 1986).

Die Dauer einer Episode wird im statistischen Modell durch die nicht-negative Zufallsvariable T repräsentiert. Geht man zur Vereinfachung von einer homogenen Population[30] aus, lassen sich die Dichte- und die Verteilungsfunktion (f(t) und F(T)) der Episodendauer T im -blichen Zusammenhang darstellen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Survivorfunktion S(t) gibt die Wahrscheinlichkeit dafür an, daß ein Individuum mindestens den Zeitpunkt t "erlebt", was gleichbedeutend ist mit der Tatsache, daß bis dahin noch kein Ereignis eingetreten ist und die Episode noch fortdauert. Daraus läßt sich die für die Ereignisanalyse zentrale Hazardrate ableiten:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Hazardrate (auch Übergangsrate, Abgangsrate, Mortalitätsrate) ist der Grenzwert der bedingten Wahrscheinlichkeit, daß die Episode im Intervall [t,t+Dt] zu Ende geht unter der Voraussetzung, daß die Episode bis zum Beginn dieses Intervalls angedauert hat.[31] Intuitiv kann die Hazardrate als "momentane Neigung zum Zustandswechsel" aufgefaßt werden. Bezogen auf das Beispiel der Arbeitslosigkeit bedeutet ein kleiner Wert der Hazardrate, daß der betreffende Arbeitslose wohl auch noch in der nächsten Periode arbeitslos ist, also kein Übergang in einen anderen Arbeitsmarktstatus stattfindet. Je kleiner die Hazardrate, desto länger demzufolge die erwartete Arbeitslosigkeitsdauer. Die Hazardfunktion erlaubt damit zum einen die Analyse des Einflusses einzelner individueller Merkmale auf die Übergangswahrscheinlichkeit (bei Berücksichtigung der Populationsheterogenität durch einen Kovariablenvektor) und zum anderen die Untersuchung, inwieweit die bisherige Dauer der Episode den Verlauf der Hazardrate beeinträchtigt (Verweildauerabhängigkeit).[32]

4.2.2 Verfahren der Ereignisanalyse

Nachdem nun die Hazardrate eingeführt worden ist, interessiert im nächsten Schritt die Modellierung der Übergangsrate in Abhängigkeit von der Zeit und in Abhängigkeit von exogenen Variablen (Kovariaten). Grundsätzlich unterscheidet man nicht-parametrische, semi-parametrische und parametrische Verfahren der Modellierung.

4.2.2.1 Nicht-parametrische Verfahren

Bei diesen Verfahren werden keine Annahmen über die mögliche Verteilungsform getroffen. Man schätzt alleinig den zeitlichen Verlauf der Hazardrate für die Gesamtpopulation bzw. die definierte Subpopulation, ohne dabei explizit mögliche Kovariablen mit einzubeziehen.[33] Techniken wie die "Sterbetafel-Methode" oder der "Kaplan-Meier-Schätzer" bieten erste Anhaltspunkte für die spätere Modellspezifikation.

4.2.2.2 Semi-parametrische Verfahren- das Proportional Hazard-Modell

Diese Ansätze tragen dem Einfluß von weiteren exogenen Variablen insofern Rechnung, als die Abgangsrate als Funktion eines Kovariablenvektors modelliert wird, ohne dabei die Verteilungsfunktion der Ankunftszeiten vollständig zu spezifizieren. Die Familie der Proportional-Hazard-Modelle ist hier von besonderem Interesse, da die Übergangsrate in zwei Teile aufgespalten wird, welche wiederum multiplikativ miteinander verkn-pft sind: ein Teil hängt nur von der bisherigen Verweildauer ab (Basisübergangsrate l0(t)), wohingegen der andere Teil vom Kovariablenvektor g(x) bestimmt wird (vgl. Gleichung [6]).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Gleichung [7] stellt den von COX entwickelten Spezialfall der Proportional-Hazard-Modelle dar, wobei der Einfluß der Kovariablen auf die Abgangsrate log-linear modelliert ist.[34] Infolge der dem Modell zugrundeliegenden Proportionalitätsannahme, welche die Wirkung eines Merkmals auf die Abgangsrate von der Verweildauer unabhängig macht, fällt die Basisübergangsrate bei der Schätzung des Modells weg. Dies bedeutet wiederum, daß die Population hinsichtlich der Basisabgangsrate homogen ist.[35] Wenngleich das COX-Modell zu den am meisten angewendeten Modellen in der Praxis gehört, sind die Anwendungsmöglichkeiten durch die Proportionalitätsannahme eingeschränkt. Es können lediglich Größe und Richtung des Kovariableneinflusses bestimmt werden, so daß die Anwendung des Verfahrens nur bei einem monotonen Einfluß der einzelnen Merkmale sinnvoll ist (Diekmann/Mitter 1984).

4.2.2.3 Parametrische Verfahren

Bestand bei den semi-parametrischen Modellen aufgrund der unspezifizierten Basisübergangsrate ein gewisser Grad an Flexibilität hinsichtlich ihres zeitlichen Verlaufs, werden bei den parametrischen Verfahren dagegen ex ante Annahmen über den Verlauf getroffen und entsprechend parametrisiert:

Abbildung 9: Verteilungsannahmen in parametrischen Hazardratenmodellen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Formale und graphische Darstellung vgl. Anhang I)

Diese Ansätze zeichnen sich zwar durch eine größere statistische Effizienz aus, gründen jedoch ihre Ergebnisse auf die G-ltigkeit des unterstellten Modells

Die Parameter dieser statistischen Modelle können mit Hilfe der Maximum-Likelihood-Methode geschätzt werden, die den Erfordernissen der Ereignisanalyse unter Einbeziehung rechtszensierter Daten am besten gerecht wird (Bloßfeld u.a. 1986).

4.2.3 Unbeobachtete Populationsheterogenität

Bisher wurde unterstellt, daß durch die Einbeziehung von mehreren Kovariablen die Hazardrate vollständig determiniert wird, die Heterogenität der Gruppe also hinreichend erfaßt ist. Eventuell unbeobachtete Merkmale wurden nicht berücksichtigt. Wenn jedoch nur ein kleiner Anteil der Variation in der Verweildauer durch ein bestimmtes Modell erklärt werden kann, so deutet dies darauf hin, daß eventuell wichtige Variablen vernachlässigt wurden. Bleibt in Maximum-Likelihood-Verfahren die Populationsheterogenität unberücksichtigt, folgt daraus eine Verzerrung hin zu einer negativen Verweildauerabhängigkeit, d.h. die Hazardrate nimmt im Zeitablauf ab (Heckman/Borjas 1980).

Hierzu ein kleines Beispiel: eine Population sei in zwei Teilgesamtheiten mit unterschiedlichen, konstanten Hazardraten unterteilt. Inder Aggregation ergibt sich bei Nicht-Beachtung der Populationsheterogenität eine abnehmende Hazardrate. Dies folgt aus der Tatsache, daß zuerst diejenigen Personen mit einer hohen Abgangsrate ausscheiden und nur noch Personen mit niedriger Abgangsrate in der Risikomenge verbleiben. Insgesamt schließt man fälschlicherweise auf eine im Zeitablauf abnehmende Hazardrate.

Es ist jedoch möglich, unbeobachtete Heterogenität explizit, durch eine Zufallsvariable e (multiplikativ) mit in das Modell aufzunehmen (Bloßfeld u.a. 1986).

[...]


[1] Die standardisierten Arbeitslosenquoten der OECD basieren auf den Richtlinien des ILO (International Labour Office), wonach Personen als arbeitslos gelten, die momentan keine Beschäftigung haben (offizielle Meldung nicht erforderlich), eine Teilzeittätigkeit suchen, noch in Ausbildung sind und /oder älter als 65 Jahre alt sind. Die ausgewiesene Erwerbslosenzahl des ILO (auch des Mikrozensus) übersteigen daher stets die offiziellen Angaben der Bundesanstalt für Arbeit (BA). Die berechneten Quoten unterscheiden sich aufgrund einer unterschiedlichen Nennerdefinition: Die BA (und der Mikrozensus) verwendet allein die abhängigen Erwerbs-personen, während die OECD die Gesamtzahl der Erwerbstätigen (einschl. Selbständige und Soldaten) als Nenner definiert. Die Quoten der OECD unterschreiten somit stets die Arbeitslosenquoten der BA (Franz 1991).

[2] Die Daten für die BRD beziehen sich auf das Bundesgebiet West.

[3] Die Jugendarbeitslosigkeit entspricht dem Anteil der erwerbslosen Personen im Alter von 16-25 Jahren an der Gesamtheit der Arbeitslosen. In der BRD erreichte dieser Anteil 1993 14,7%, in den USA dagegen 30%. Die Quoten sind in allen drei Ländern seit 1990 leicht rückläufig (OECD Quarterly Labour force Statistics 1/1994).

[4] 1992 sind in den USA bereits 32% der Arbeitslosen mindestens 6 Monate ohne Anstellung, während diese Quote in den Jahren 1990 und 1991 noch bei 15,8% bzw. 19,3% lag.

[5] Von einem "flexiblen" Arbeitsmarkt wird in der Literatur dann gesprochen, wenn gen-gend schnell auf Schwankungen des Angebots bzw. der Nachfrage (evtl. durch erhöhte Mobilität, temporäre K-ndigungen etc.) reagiert werden kann.

[6] Feldstein/Poterba (1984) haben für eine Gruppe von Arbeitslosen (Department of Labor Survey 1976) festgestellt, daß eine Erhöhung der Arbeitslosenunterst-tzung um 10% den Reservationslohn um 4% erhöht. Der gestiegene Anspruchslohn -bt einen besonders starken Effekt auf die individuelle Arbeitslosigkeitsdauer derjenigen Personen aus, die ein zu hohes Lohnniveau erwarten (z.B. würden nur 24 % der Stichprobe ein Angebot akzeptieren, das 90% des Lohns vor Eintritt in die Arbeitslosigkeit entspricht, während 28% sogar eine 10%-ige Lohnsteigerung erwarten).

[7] Die Unsicherheit über die nicht-pekuniäre Komponente führt zu einem flacheren Verlauf der Funktion des Anspruchlohns, welche monoton fallend, konvex und nichtnegativ ist (König 1979).

[8] Mortensen (1977) entwickelte ein Suchmodell, in dem er bestimmte Annahmen der traditionellen Suchtheorie modifiziert: -Suche während eines Beschäftigungsverhältnisses möglich

-Suchkosten gelten als verlorener Freizeitwert

-Suchintensität als individuelle Entscheidung

-Arbeitslosenunterst-tzung gilt nur zeitlich begrenzt

-Personen, die freiwillig k-ndigen, verlieren ihren Anspruch auf Arbeitslosenunterst-tzung

-k-nftige K-ndigungen möglich

[9] Zu diesen Personen zählen Arbeitslose, deren Anspruch bereits ausgelaufen ist, die ihr Recht durch freiwillige K-ndigung verloren haben oder gerade erwerbslos geworden sind und noch keinen Anspruch besitzen.

[10] Hamermesh (1979) hat für eine Gruppe verheirateter Frauen diesen positiven Anreizeffekt der Arbeitslosenunterst-tzung bestätigt. Demnach ist es für alle (potentiellen) Arbeitnehmer lohnend, für den Anspruch auf Unterstützungsleistungen zu arbeiten. Während Mortensen (1977) die Wirkung der Arbeitslosenunterst-tzung auf die individuelle Arbeitslosigkeitsdauer betont, steht bei Hamermesh das individuelle Arbeitsangebot (in Stunden) im Vordergrund, d.h. es bezieht sich auch auf Personen, die ansonsten dem Arbeitsmarkt fernblieben.

[11] Im Neoklassischen Modell wäre eine K-ndigung in diesem Fall nur durch die Akzeptanz von Lohnschwankungen auszuschließen.

[12] Dieses Phänomen läßt sich nur für die USA empirisch belegen und findet in der Ausgestaltung der Beitragregelungen eine mögliche Erklärung. (Vgl. hierzu die Abschnitte 6.2.2 und 7.2.3).

Für die BRD wären in diesem Zusammenhang auch das Schlechtwetter- und das Kurzarbeitergeld zu diskutieren.

[13] Die Höhe der Arbeitslosigkeit spielt bei der Festlegung der optimalen Lohnhöhe eine entscheidende Rolle und fungiert gleichzeitig als Disziplinierungsmittel für mögliche "Bummler". Der Anspruch auf Arbeitslosenunterst-tzung kann dagegen adverse Anreizeffekte implizieren, d.h. die Entlohnung fällt evtl. nicht hoch genug aus, um als Anreiz für produktiveres Arbeiten zu dienen.

[14] Insider können dabei selbst die Höhe der Fluktuationskosten beeinflussen, indem sie z.B. die Kooperation mit den neu Eingestellten verweigern, womit erhebliche Produktionseinbußen für die Firma verbunden wären.

[15] Es ist aber auch durchaus denkbar, daß Arbeitslose des sekundären Sektors die Erwerbslosenphase für Weiterbildungsmaßnahmen nutzen, die ihnen später einen Zutritt in den primären Sektor ermöglichen. Dann ist der Anreizeffekt der Arbeitslosenunterst-tzung erneut ambivalent.

[16] Damit wird eine erhöhte Fluktuation der Beschäftigten zwar vermieden, doch kann dies zu Lohnrigiditäten führen.

[17] Im primären Sektor wirkt eine Überqualifizierung der Arbeitskräfte sogar chancenverschlechternd, da es immer schwieriger wird, eine geeignete Stelle zu finden. Absolut gesehen würden im Rahmen des Segmenationsansatzes Investitionen in das Humankapital sogar beschäftigungshemmend wirken, da dem erhöhten Bestand an qualifizierten Arbeitnehmern keine adäquaten Arbeitsplätze zur Verfügung st-nden und die durchschnittliche Arbeitslosigkeitsdauer dadurch verlängert würde.

[18] Zu beachten ist hierbei, daß in der traditionellen Suchtheorie ein sinkender Reservationslohn die Abgangswahrscheinlichkeiten in die Erwerbstätigkeit erhöht. Hier dient der abnehmende Anspruchslohn lediglich der Konstanthaltung der Beschäftigungschancen.

[19] Im Rahmen der Segmentationstheorie würde dies eine Mobilität vom primären in den sekundären Sektor implizieren.

[20] Die abhängige Variable wird meist durch Dummyvariablen dargestellt (z.B. erwerbstätig/arbeitslos).

[21] Im binären Fall weichen die Ergebnisse der LOGIT-bzw. PROBIT-Schätzung kaum voneinander ab.

[22] Die "Unabhängigkeit von irrelevanten Alternativen" bedeutet im konkreten Beispiel, daß die Wahrscheinlichkeit, das Auto statt des Fahrrads zu benutzen, von den Ausprägungen der Alternative Bus unberührt bleibt. Dies ist eine zwar stochastisch bedingte, in der Realität jedoch eher unplausible Eigenschaft (Ronning 1991).

[23] Im einfachsten Fall hängt diese Wahrscheinlichkeit nicht vom vorherigen Zustand ab. Die LOGIT-Modelle erlauben aber ebenso die Darstellung der Wahrscheinlichkeit, im Zeitpunkt t in einem bestimmten Arbeitsmarktstadium zu sein, welche sowohl von den Kovariablen als auch vom Ausgangsstadium beeinflußt wird (Markovprozeß).

[24] Ein "absorbierender" Endzustand bedeutet, daß das Individuum für die Zukunft in diesem Stadium verbleibt, d.h. der Zustand ist irreversibel. Diese Ausdrucksweise wird bei der im folgenden Abschnitt erläuterten Ereignisanalyse von Bedeutung sein.

[25] Hier sind die sog. "Kohorteneffekte" angesprochen, wonach die Variable "Alter" keine reinen Alterseffekte erklären kann, sondern sich jeweils nur auf Personen bestimmter Jahrgänge bezieht.

[26] Im Panel werden gleiche Haushalte zu verschiedenen Zeitpunkten befragt. Seit 1984 existiert in Deutschland das Sozioökonomische Panel (SOEP), in dem 6000 Haushalte in sog. Wellen zu unterschiedlichen Gebieten befragt werden. Das SOEP verbindet die Vorteile des traditionellen Panels mit der retrospektiven Erhebung von Ereignisdaten (Hanefeld 1987).

[27] Querschnittsdaten implizieren dagegen eine Gleichgewichtsannahme und ihre Aussagefähigkeit beschränkt sich bei größeren Schwankungen auf den Erhebungszeitpunkt.

[28] Siehe Fußnote 24

[29] Hier liegt ein wesentlicher Vorteil gegenüber dem Grundmodell der Regressionsanalyse. Eine Darstellung der des zeitlichen Verlaufs der Hazardrate in der Regressionsform ln T = X' b + u ist nur möglich, wenn keine Zensierung vorliegt. Eine Vernachlässigung zensierter Beobachtungen impliziert jedoch eine Verzerrung der Schätzer, da Fälle mit langer Verweildauer dadurch überrepräsentiert sind (length bias) (Steiner 1987).

[30] Interindividuelle Heterogenität in bezug auf verschiedene Merkmale bleibt vorerst unberücksichtigt. Die Einbeziehung von Kovariablen wird später behandelt.

[31] Gleichung [5] läßt sich leicht erweitern, um die angesprochenen Mehrzustandmodelle abzubilden. Die übergangsspezifische Hazardrate lautet dann: . Sie gibt die Wahrscheinlichkeit des Übergangs in Zustand j an unter der Voraussetzung, daß bis zum Zeitpunkt t kein Übergang in einen anderen Zustand ( ) stattgefunden hat. Die Gesamthazardrate entspricht der Summe der l j.

[32] Eine positive Verweildauerabhängigkeit (duration dependance) impliziert im Beispiel der Arbeitslosigkeit eine mit der Episodendauer steigende Hazardrate, d.h. ein Austritt aus der Arbeitslosigkeit wird mit fortschreitender Zeit wahrscheinlicher.

Man kann ferner die Anzahl früherer Arbeitslosigkeitsepisoden als möglichen Einflußfaktor auf die Arbeitslosigkeitsdauer heranziehen (occurence dependance). Auch die Länge der vorherigen, abgeschlossenen Episoden kann ein solcher Faktor sein (lagged duration dependance) (Heckman/Borjas 1980).

[33] Es besteht lediglich die Möglichkeit, den Einfluß von Kovariablen indirekt, durch Kreuzklassifikation bzw. Schichtung nach relevanten Merkmalen, zu berücksichtigen.

[34] Die log-lineare Modellierung garantiert für jede Linearkombination x'ß eine positive Abgangsrate, wobei ß den zu schätzenden Koeffizientenvektor bezeichnet. Ferner folgt daraus, daß sich l(t) bei Variation einer bestimmten Variablen unabhängig von der bisherigen Dauer und dem Niveau dieser Variablen um einen festen Prozentsatz ändert (Steiner 1987).

[35] Die Proportionalität der Hazardraten ergibt sich aus der Betrachtung des Quotienten der Hazardraten zweier Individuen: . Der Quotient hängt nicht von der Zeit ab (Bloßfeld u.a. 1986).

Details

Seiten
130
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
1995
ISBN (eBook)
9783832452360
ISBN (Buch)
9783838652368
Dateigröße
1.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v220761
Institution / Hochschule
Universität Mannheim – Volkswirtschaftslehre
Note
2
Schlagworte
langzeitarbeitslosigkeit ökonometrie empirische studien arbeitslosigkeit arbeitslosenversicherung

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Titel: Anreizwirkungen der Arbeitslosenversicherung