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Schulbildung als Einflussfaktor für die Bevölkerungsentwicklung in Indien

Diplomarbeit 2000 174 Seiten

Soziologie - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenangabe

Abkürzungsverzeichnis und andere Erklärungen

1. Einleitung

2. Indien – Eine Übersicht
2.1. Geographie
2.2. Kulturelle Charakteristika Indiens
2.2.1. Religion
2.2.2. Sprache
2.2.3. Politik und politische Geschichte
2.2.4. Patriarchat
2.2.5. Das Kastensystem
2.3. Die wirtschaftliche Entwicklung
2.3.1. Die wirtschaftliche Tätigkeit seit der Unabhängigkeit Indiens
2.3.1.1. Die Grüne Revolution und Indiens Aufschwung
2.3.1.2. Die Verbesserung der Lebensbedingungen
2.3.1.3. Die Industrialisierung in Indien
2.3.1.4. Der Erfolg des Dritten Sektors
2.3.1.5. Die Einkommenszusammensetzung
2.3.1.6. Die Aufteilung auf die Wirtschaftssektoren
2.3.2. Die wirtschaftliche Trendwende 1991
2.3.3. Aktuelle Einkommensdaten
2.4. Aktuelle Probleme und zukünftige Herausforderungen

3. Die demographische Wissenschaft – Ein Überblick
3.1. Grundtendenzen in der Demographie
3.2. Demographische Begriffsklärung
3.2.1. Geburten- und Sterberaten
3.2.2. Lebenserwartung bei Geburt
3.2.3. Migration
3.2.3.1. „Brain Drain“ – (E)migration durch Überqualifikation
3.2.3.2. Slumbildung in Indien
3.3. Demographische Transition
3.3.1. Allgemeines zur demographischen Transition
3.3.2. Das Konzept der demographischen Transition
3.3.3. Die Stufen der demographischen Transition
3.3.4. Entwicklung in Industrie- vs. Entwicklungsländern
3.3.5. Schwierigkeiten des heutigen Transitionsfortschritts
3.4. Die Entwicklung der Weltbevölkerung
3.5. Eindämmen des Bevölkerungswachstums – Ansätze einer Bevölkerungspolitik
3.6. Methoden der Bevölkerungseindämmung

4. Demographie in Indien
4.1. Ein Rückblick und Prognosen für Indien
4.2. Zum Zensus in Indien
4.2.1. Der Zensus – Pro und Kontra
4.2.2. Die Ergebnisse des Zensus 1991
4.3. Die aktuelle demographische Situation in Indien
4.3.1. Die indische Familie – Gründe für die hohe Kinderzahl
4.3.2. Die Rolle der weiblichen Bevölkerung
4.3.3. Stufe 2 der demographischen Transition
4.3.4. Armut als komplexe Ursache – Wege zur Verhinderung
4.3.4.1. Komponenten der Armut
4.3.4.2. Die Situation in Indien
4.3.4.3. Armut und ihre Determinanten

5. Die Hilfeleistung durch den Staat

6. Die Eindämmung des Bevölkerungswachstums in Indien
6.1. Das Bevölkerungswachstum: Pro und Kontra
6.2. Senkung des Kinderwunsches
6.3. Entwicklung der Familienplanung
6.4. Bevölkerungspolitik in Indien – Vor- und Nachteile
6.4.1. Historische Entwicklung der Familienplanung
6.4.2. Mittel der Geburtenkontrolle in Indien

7. Rolle der Schulbildung
7.1. Generelle Implikationen zur Schulbildung
7.2. Schulbildung in Indien
7.2.1. Die geschichtliche Entwicklung
7.2.2. Die Entwicklung der Einschreibungs- und „Drop Out“ - Raten
7.2.3. Die Entwicklung der Analphabetenrate
7.2.4. Gründe für die geringen Einschreibraten und die vielen Austritte
7.2.5. Die Rolle der Lehrer
7.2.6. Mängel und Begründungen
7.2.6.1. Die strukturellen Mängel
7.2.6.2. Die Kinderarbeit
7.2.6.3. Regionale und soziale Divergenzen
7.2.7. Einige Verbesserungsvorschläge
7.2.8. Globalisierung und Schulbildung
7.3. Die Bildungsprogramme der indischen Regierung
7.3.1. „Operation Blackboard“
7.3.2. Die Dezentralisierung
7.3.3. Das Schulmahlzeitenprogramm
7.3.4. Das District Primary Education Programme (DPEP)
7.3.5. Die Mobilisierung und Teilnahme lokaler Gemeinschaften
7.3.6. Die physikalische Infrastruktur
7.3.7. Alternativer Unterricht
7.3.8. Lernen auf Distanz
7.3.9. Die Bewertung des Bildungsprogramms
7.4. Das Projekt “Schulbildung für Alle”
7.5. Die Ausbildung von Frauen und die Verringerung der Geburtenrate

8. Wichtige Fortschritte und Erfolge in der Ausbildung
8.1. Kerala – The Shining Example of India
8.2. China – der rote Riese
8.2.1. Allgemeine Daten
8.2.2. Entwicklung der Bevölkerung, des Bildungs- und Gesundheitswesens

9. Schlussfolgerung und Implikationen für eine zukünftige Entwicklung

Anhang

Literaturverzeichnis

EIDESSTATTLICHE ERKLÄRUNG

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: die Politische Einteilung Indiens

Abbildung 2: Die Stufen der demographische Transition

Abbildung 3: Bevölkerungswachstum in den Entwicklungsländern, 1950 – 2020

Abbildung 4: Das Wachstum der Weltbevölkerung

Abbildung 5: Bevölkerungsverteilung in Indien, 1999

Abbildung 6: Landkarte von Kerala

ABBILDUNG 7: BEVÖLKERUNGSENTWICKLUNG IN CHINA, 1999 151

Tabellenangabe

Tabelle 1: Einkommenszusammensetzung der Haushalte

Tabelle 2: Verteilung der Bevölkerung nach Wirtschafts- sektoren

Tabelle 3: Beispiel der Gleichung zur demographischen Balance

Tabelle 4: Bevölkerungsentwicklung in ausgewählten Industrie- und Entwicklungsländern, Schätzung 1998

Tabelle 5: Erreichen des Replacement Levels je Bundesstaat, Schätzung 1999

Tabelle 6: Durchschnittliche Kinderzahl in Abhängigkeit der Kaste und des weiblichen Status

Tabelle 7: Verhältnis der Aktivitätsraten und der Lebenserwartung, 1980

Tabelle 8: Ziele für Indiens reproduktive Gesundheit

Tabelle 9: Durchschnittliche Kinderzahl in Abhängigkeit des Ausbildungsstandes im Haushalt und des weiblichen Status

Tabelle 10: Durchschnittliche Anzahl von Kindern in Abhängigkeit der Ausbildung des Mannes und des weiblichen Status

Tabelle 11: Prozentsatz der Kinder an der Gesamtbevölkerung

Tabelle 12: Entwicklung der Anzahl an Ausbildungsstätten der versch. Schulstufen und anschließender Weiterbildung

Tabelle 13: Entwicklung der Anzahl der inskribierten Schüler nach Geschlecht und Schulform (in Millionen)

Tabelle 14: Entwicklung der Schulabgänger als Anteil aller eingeschriebenen Schüler

Tabelle 15: Entwicklung des Analphabetenanteils in Indien zwischen 1951 und 1991

Tabelle 16: Analphabetenraten nach Altersgruppen in Indien, 1970-1995

Tabelle 17: Alphabetisierungsentwicklung in Indien nach Geschlecht und Urbanisierung, 1951 – 1997, in %

Tabelle 18: Prozentuelle und absolute Entwicklung der Einkommen je Ausbildungsstand (pro Jahr)

Tabelle 19: Top Ten und Lowest Ten bei der Alphabetisierung

Abkürzungsverzeichnis und andere Erklärungen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Schulbildung als Einflussfaktor für die Bevölkerungsentwicklung in Indien

1. Einleitung

Am 12. Oktober 1999 hat nach Schätzungen der UNO die Weltbevölkerung die 6-Milliarden-Grenze überschritten (Schmidt, K., 1999, S. 22). Diese Zahl ist aufgrund länderspezifischer Ungenauigkeiten bei Volkszählungen zwar nur als Richtwert zu verstehen, bestätigt aber den Trend des immer rascheren Bevölkerungsanstiegs auf der Erde.

Dem immer schnelleren demographischen Wachstum gilt ein Hauptaugenmerk in der Forschung, welches auch den Grundtenor dieser Arbeit über die Bevölkerungsentwicklung Indiens bestimmen soll. Die überdurchschnittliche Anstiegsgeschwindigkeit der indischen Population ist „besorgniserregend“ für die gesamte Weltöffentlichkeit und wird auch dementsprechend intensiv diskutiert. In dieser Arbeit werden die verschiedenen Einflussfaktoren auf die Entwicklung der indischen Population aufgezeigt, daraus resultierende, aktuelle Probleme geschildert und Ableitungen für die zukünftige sozioökonomische Situation in Indien getroffen.

Insbesondere werden die Vorteile eines guten Bildungswesens unter Berücksichtigung des Einflusses auf die wirtschaftliche und soziale Situation, Familienplanung, sowie die demographische Gesamtentwicklung dokumentiert. Es ist ein Hauptaugenmerk dieser Arbeit folgenden Zusammenhang herzustellen. Der Einfluss von Bildung auf die Bevölkerungsentwicklung Indiens ist langfristig ein direkter und erfolgreicher, und hat daher genug Potential das Wachstum der Bevölkerung zu bremsen.

Anstoß für die Arbeit ist die dringende Notwendigkeit einer Lösungsfindung für die Problemstellung des viel zu raschen Anstiegs der indischen Population,[1] welche in der Wissenschaft differenziert zu beantworten versucht wird. „In the years ahead, the world faces substantial population growth, most of which will occur in developing countries; what is done in the near term, can make a great deal of difference to the eventual needs“ (Cassen, R. und Bates, L. M., 1994, S. 1).

Die Vielzahl von Ansätzen und die nur langsame, praktische Umsetzung der Lösungsversuche machen die Demographie zu einer pessimistischen und entmutigenden Wissenschaft. Theoretische Vorhersagen werden durch die Komplexität der Materie in empirischen Untersuchungen oft widerlegt. „Ein weltweiter Konsens ist hier sehr schwer zu finden“ (Bronger, D., 1996, S. 349). Gerade deshalb ist der Versuch, einen gesamtheitlichen Vorschlag zur Eindämmung des überdimensionalen Bevölkerungsanstieges für Indien zu formulieren, herausfordernd.

Des weiteren steckt die praktische Demographie in vielen Spezialbereichen noch in ihren Kinderschuhen, viele Einflussträger sind – eben aufgrund ihrer Komplexität – noch schlecht untersucht. Es fehlt an adäquater Empirie, weshalb Folgewirkungen oft nur schwer abgeschätzt werden können. Ein gutes Beispiel liefert hier etwa die Untersuchung des reproduktiven Verhaltens in Bombays Slums (Bronger, D., 1996, S. 365 f.) im Verhältnis zur Handhabung der Fortpflanzung am Land: Unterschiede sind bei der Kinderzahl genauso augenscheinlich wie bei Ausbildungs- und Versorgungsniveaus, aber eine ursächliche Analyse mit der Feststellung von Einflussfaktoren und dem Vorschlag von Alternativen ist nicht gegeben.

Diese Arbeit kann trotz der versuchten Integration der unterschiedlichsten wirtschaftlichen, politischen, soziokulturellen und historischen Elemente aber wiederum nur einen Teilaspekt der komplexen Bevölkerungswissenschaft ergeben.

Aus diesem Grund war die Spezialisierung auf einen der vielen Einflussfaktoren auf die Bevölkerung einer Region nötig. Nur anhand der Untersuchung einer Bedeutungsgröße können konkrete Aktionsvorschläge formuliert werden, die es dann gilt in die Praxis umzusetzen.

Die historische Entwicklung Indiens gilt als wichtigste Voraussetzung für die Analyse der aktuellen Situation. So sieht man, dass sich alle wirtschaftlichen und sozialen Daten für Indien in den letzten hundert Jahren sehr stark verbessert haben. Durch die zu schnelle Bevölkerungsentwicklung entstand aber ein hoher Bedarf an rasch wachsender Infrastruktur zur Aufrechterhaltung und Förderung von Aufgaben der öffentlichen Hand, speziell von Nahrungsmittel- und Wasserversorgung, Gesundheits- und Bildungswesen, sowie der Schaffung von Arbeitsplätzen. Zudem wurde das wirtschaftliche Wachstum durch die Bevölkerungsentwicklung ständig neutralisiert.

Hauptinteresse gilt in dieser Arbeit der Förderung der Schulbildung, hier besonders der Grundschulausbildung der indischen Kinder. Im folgenden wird argumentiert, dass ein höheres Ausbildungsniveau für die Masse der indischen Bevölkerung ein ansteigendes Bewusstsein von Familienplanung verspricht und so die durch Ausbildung verbesserte Lebenssituation den Wunsch nach einer hohen Anzahl von Kindern verringert.

Die grundsätzliche Reichweite dieser Fragestellung ist groß, da die Situation des schnellen Bevölkerungswachstums weltumspannend und langfristig ist. Auch Cassen und Bates (1994) finden, dass „Few development issues have aroused as much dissension – politically and academically – as the relations among population growth, economic growth and human well-being“ (Cassen R. und Bates, L. M., 1994, S. 7).

In den meisten Entwicklungsländern, wie auch in der Volksrepublik China und in Indien, die zusammen etwa ein Drittel der Weltbevölkerung stellen, ist die demographische Situation aufgrund der transitorischen Bedingungen in einer Stufe festgefahren, die von hohen Geburten- und relativ geringen Sterberaten, sowie steigender Lebenserwartung gekennzeichnet ist. Da die Implikationen dieser Situation auf alle Lebensbereiche großen Einfluss hat, ist die Wichtigkeit dieser Thematik offensichtlich.

Es bleibt noch einmal zu betonen, dass die Analyse der Schulbildung als Einflussfaktor auf die Bevölkerungsentwicklung nur einen Teilaspekt des Gesamtrahmens demographischer Zusammenhänge aufzeigt, dies aber aufgrund der Komplexität der Demographie und der Vielzahl zu untersuchender Einflüsse allein durch die Variable Schulbildung beschränkt sein muss.

Im Zusammenhang damit sei auch die schwierige Beschaffung aktueller demographischer Daten aus gesicherten Quellen betont. Die über das Medium Internet erhältlichen Daten sind oft nicht nachvollziehbar und meist sehr widersprüchlich. Daher wird in dieser Arbeit versucht überwiegend auf diese Quelle zu verzichten. Durch die rasanten Veränderungen am indischen Subkontinent konnte dies allerdings nicht immer eingehalten werden, denn die Aktualität dieser Arbeit ist ausschlaggebend für die schlussfolgernden Implikationen. Es wird gesondert auf widersprüchliche Angaben und die Problematik der Eindeutigkeit im Verlauf dieser Arbeit hingewiesen.

2. Indien – Eine Übersicht

Zum grundlegenden Verständnis des Untersuchungsgebietes müssen vorweg kulturelle, soziale und wirtschaftliche Situation und Eigenheiten kurz aufgezeigt werden. Dadurch wird auch die aktuelle Problematik der Schulbildung in Indien klar. Der indische Subkontinent hat sich seit der Unabhängigkeit von Großbritannien am 15. August 1947 zwar stark weiterentwickelt, es bleiben aber noch viele kritisierbare Charakteristika, die im folgenden aufgezeigt werden:

2.1. Geographie

Durch die direkte Administration durch Großbritannien, welche 1858 begann, kam es zur politischen und wirtschaftlichen Vereinigung des indischen Subkontinents. Als die britische Herrschaft 1947 durch die Unabhängigkeit des Landes beendet wurde, teilte sich der Subkontinent entlang religiöser Linien in zwei separate Staaten; Indien mit einer hinduistischen und Pakistan mit einer moslemischen Mehrheit. Diese politische Veränderung war durch eine massive Migration von jeweils über zehn Millionen Hindus nach Indien und Moslems nach Pakistan gekennzeichnet (Wolpert, S. A. und Schwartzberg, J. E., 1995, S. 1024).

Nach dem World Fact Book 1999 des CIA (CIA, 1999, S. 82) hat Indien heute eine Fläche von etwa 3,3 Millionen km2,, was einem Drittel der Größe der Vereinigten Staaten entspricht. Außerdem ist Indien eine Bundesrepublik, die aus 25 Bundesstaaten und sieben Unionsterritorien besteht[2], die momentan (April 2000) zwischen 999,600,000[3] und 1,000,848,550[4] beheimatet und somit die größte Demokratie der Welt ist.[5]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Politische Einteilung Indiens

Quelle: Encyclopaedia Britannica, Bd. 21, 1995.

Laut Weltbank (1990) leben in dreizehn Staaten jeweils mehr als zwanzig Millionen Menschen, in Uttar Pradesh sogar über 160 Millionen. Die wirtschaftliche Tätigkeit und die Ausstattung mit Ressourcen ist demnach auch durch eklatante Unterschiede gekennzeichnet.

Die durchschnittliche Urbanisierungsquote liegt in Indien bei 25,7%, was den ländlichen Lebensraum als typische Region ausweist. Das räumliche Bild ist nicht nur wegen der Größe des Bezugsraumes, sondern auch wegen der unterschiedlichsten Naturausstattung und der überwältigenden Dynamik der Großzentren und Metropolen so uneinheitlich (Bronger, D., 1996, S. 96 f.).

2.2. Kulturelle Charakteristika Indiens

2.2.1. Religion

Da Religion einen wichtigen Identitätsaspekt für die meisten Inder und Inderinnen bildet, kann ein Großteil der indischen Geschichte und Entwicklung durch das Zwischenspiel der diversen religiösen Gruppen verstanden werden (Wolpert, S. A. und Schwartzberg, J. E., 1995, S. 1020).

Die verschiedenen Weltreligionen leben dabei keineswegs friedlich nebeneinander. Tätliche Übergriffe auf christliche Institutionen und ihre Vertreter nehmen zu und zeigen die gefährliche religiöse Situation in Indien: Ermordungen von Priestern und Klosterfrauen stehen genauso auf der Tagesordnung wie Bibelverbrennungen, Bombenanschläge und Brandstiftungen gegen christliche Schulen, Spitäler und Kirchen.

Die extremen Hindu-Organisationen, die über die ideologische Mutterorganisation Rastriya Sawayamsevak Sangh (RSS) auch mit der regierenden BJP liiert sind, sehen in den Christen die Speerspitze des Westens, das kulturelle Pendant zur wirtschaftlichen Ideologie der Globalisierung. Dies mag auch ein Grund sein, warum die Christen trotz ihrer winzigen Zahl (2,4 % der Einwohner) als Feind Nummer eins der Hindus angesehen werden, und nicht der historische muslimische Gegner, dessen Bevölkerungsanteil bei 12% liegt (Hindus: 82%).

Im Vergleich dazu beziffert etwa das World Fact Book 1999 die religiösen Gruppen mit 80% Hindus, 14% Moslems, 2,4% Christen, 2% Sikhs, 0,7% Buddhisten und 0,4% andere (CIA, 1996, S. 87).

Ein Stein des Anstoßes gegenüber der kleinen Bevölkerungsgruppe der Christen ist in erster Linie deren Bekehrungstätigkeit, worin der Hinduismus eine Gefahr für das eigene Überleben sieht, um so mehr, als er das Christentum als Teil einer westlichen Ideologie versteht, in der sich wirtschaftliche und kulturelle Zielsetzungen gegenseitig stützen (Imhasly, B., 2000, S. 7).

Neben dem Aufrühren unterschwelliger Ängste hat die Kontroverse auch politische Motive. Die radikalen Hindu-Organisationen sind mit der gegenwärtigen Wirtschaftspolitik von Marktöffnung und Entstaatlichung unzufrieden. Sie sehen im Zufluss von Auslandskapital und in der Aufgabe von Staatskontrollen eine weitere Gefährdung nationaler Selbständigkeit.

2.2.2. Sprache

Zwei Sprachfamilien, die Indo-Europäischen (indoaryanisch) und die Dravidianer (bestehend aus den aryanischen und dravidianischen ethnischen Gruppen) machen fast die Gesamtheit der Bevölkerung Indiens aus (Wolpert, S. A. und Schwartzberg, J. E., 1995, S. 1017). Trotzdem lässt die große sprachliche Differenzierung die Verschiedenartigkeit der einzelnen Landesteile erkennen: Englisch ist zwar als politisch und wirtschaftlich wichtigste Sprache anerkannt, konkurriert allerdings mit 24 anderen offiziellen Sprachen, die von jeweils mindestens einer Million Einwohnern gesprochen werden, und einer Vielzahl von Dialekten. Hindi bildet gemessen an der Zahl der Inder, die diese Sprache als Muttersprache angeben, die größte Sprachgruppe (CIA, 1999, S. 101).

2.2.3. Politik und politische Geschichte

Die politische Landschaft ist stark differenziert und war schon seit der Unabhängigkeit schillernd. Viele große Staatsmänner wie Nehru oder Gandhi und mächtige Herrschaftsdynastien haben das politische Bild Indiens bis heute geprägt. Darin liegt auch das starke Machtbewusstsein der heutigen Regierung begründet, welche durch einen bürokratischen Verwaltungsapparat, undurchsichtige Machtaufteilung zwischen Regional- und Nationalregierung, Kommunikationsmangel und Streben nach politischem Einfluss auf allen Ebenen gekennzeichnet ist.

Erfolgversprechende Ansätze ideeller Führer, wie das „Nai Talim“ (oder Neue Ausbildung), von Mahatma Gandhi, welches die Gesamtbevölkerung zum Besitz von Wissen legitimierte und dieses auf ein gutes Niveau heben wollte (Sahni, U., 1999, S. 137), um so soziale Ungleichgewichte zu verringern, wurden durch starken politischen Machteinfluss elitärer Bevölkerungsgruppen untergraben.

Durch unbewaffnete Nicht-Kooperation und zivilen Ungehorsam schaffte Gandhi aber trotzdem den Zusammenbruch des politischen und wirtschaftlichen Einflusses der Briten. Er konnte sogar die Beziehung von Hindus zu Moslems verbessern, welche von der Zwischenkriegszeit bis zur Unabhängigkeit kontinuierliche Gewalt und Unruhe erleben musste (Wolpert, S. A. und Schwartzberg, J. E., 1995, S. 1022).

Indiens erste Jahre der Unabhängigkeit waren stark geprägt von der Ausarbeitung der Separation von Pakistan. Dabei wurden bis zu einer Million Menschen getötet. Die Neuansiedelung von Flüchtlingen, wirtschaftliche Depression und inadäquate Versorgung der Bevölkerung waren genauso prägend wie kommunale Konflikte, die schließlich zum Krieg mit Pakistan über den Kaschmir führten. Gandhi wurde während einer seiner Reden zum Gewaltverzicht in dieser Zeit von einem fanatischen Hindu in Delhi ermordet (Wolpert, S. A. und Schwartzberg, J. E., 1995, S. 1024).

1975 rief Indira Gandhi nach einer langen Dürreperiode, den Folgen der Opec-Krise und der Korruption den Ausnahmezustand aus und kombinierte autoritäre und sozialreformerische Tätigkeiten, die für eineinhalb Jahre Ineffizienz, Bevölkerungsexplosion, Verschandelung der Städte etc. bekämpfen sollten. Dazu wurden aber die Slums zerstört, Männer zwangssterilisiert und Gerichte bestochen. Gandhis Wiederwahl ließ die „autoritäre Versuchung“ des Staats und der gesellschaftlichen Elite weiterhin bestehen. Sie bestand darin gegenüber Armen und Entrechteten als Effizienz- und Entwicklungsfortschritte gedeckte Zwangsmittel durchzusetzen (Imhasly, B., 2000a, S. 3). Armut, Bevölkerungswachstum und Korruption werden immer wieder erwähnt, um Regierungsmodelle zu lancieren, die härter und griffiger sind als die mühsame demokratische Praxis des kleinsten gemeinsamen Nenners.

Nach dem Tod seiner Mutter gewann Rajiv Gandhi die von ihm ausgeschriebenen Neuwahlen mit einer derart großen Mehrheit, dass er nahezu jedes legislative Programm umsetzen konnte. Er arbeitete hauptsächlich in Richtung effizienterer Verwaltung und Öffnung des Landes gegenüber ausländischen Investoren. Dabei richtete er sich hauptsächlich an die indische Wirtschaft und Industrie, und weniger an die arme und unterernährte Hälfte der Nation. Auf diese Weise verfolgte er eine „trickle-down“-Theorie des wirtschaftlichen Wachstums. Durch die Erfolglosigkeit seines Programms wurde Gandhi aber immer unbeliebter, und als ihm in mehrfacher Weise die Duldung der Korruption in den wichtigsten Industriefamilien des Landes nachgewiesen wurde, wurden oppositionelle Bewegungen, unter anderem die Bharatiya Janata Partei (BJP, die Indische Volkspartei) immer einflussreicher (Wolpert, S. A. und Schwartzberg, J. E., 1995, S. 1025).

Bis heute scheint sich an derartiger politischer Praxis nicht viel geändert zu haben. Raman bezeichnet die gegenwärtigen politischen Führer Indiens als „[...] masters at manipulating the masses, but they are poor administrators. They are experts at securing power, but they lack the education or motivation to use their powers for the benefit of society. Consequently, India’s administration remains corrupt and sclerotic” (Raman, S. M., 1999, S. 34).

Die große Unzufriedenheit weiter Bevölkerungsgruppen brachte auch der BJP in den frühen 1990er-Jahren starken Zustrom. Diese Partei sieht Indien als Hindu-Nation und greift die muslimische Minderheit oft öffentlich an (Raman, S. M., 1999, S. 34 f.). Besonders die Hindus der Oberklassen schlossen sich der chauvinistischen Partei unter Präsident Vajpayee an, um den politisch immer einflussreicheren niederen Kasten – mit Erfolg - entgegenzutreten.

Auch eine große Zahl politischer Separatistengruppen für mehr regionale und kommunale Autonomie und religiöse Organisationen sorgen bis heute für ein zersplittertes Bild des - oberflächlich betrachtet – einheitlichen indischen Staates (CIA, 1999, S. 116).

Bei der Rolle des Militärs und der problematischen Landverteilung ist Indien unter den Entwicklungsländern auch keine Ausnahme. Aufgrund der ideellen Wichtigkeit des militärischen Apparates und der damit verbundenen nationalen Verteidigung wird auch bei der Budgetgestaltung kaum Rücksicht auf die Probleme der Gesamtbevölkerung genommen: „Indien gibt bei weitem zu wenig für Gesundheits- und Bildungswesen aus; unter 4% des BIP verglichen mit 5,6% als Durchschnittswert aller Entwicklungsländer“ (Unger, B., 1999, S. 44).

Das Fehlen einer Landreform hat die feudalen Strukturen in den armen Bundesstaaten[6] erhalten; die sozialen Gegensätze der Kasten werden durch die ökonomischen Unterschiede verschärft.[7] Die extreme Armut der Kastenlosen verbindet sich dabei mit der wachsenden Macht der aufstrebenden unteren Kasten, welche den Höherkastigen ihren ökonomischen und politischen Status streitig machen. Die Politik war bisher unfähig, die gefährliche Mischung von sozialer und wirtschaftlicher Polarisierung zu entschärfen – im Gegenteil, sie wird paradoxerweise vom demokratischen System noch verstärkt (Imhasly, B., 2000b, S. 5). In einem Klima von Misstrauen und dem Kampf um knappe Güter werden Politiker zu Interessenvertretern ihrer Kastengenossen. Parteien bilden sich entlang der Kastenlinien, und der Stimmenblock der eigenen Kaste wird zur wichtigsten Trumpfkarte bei Koalitionen.

2.2.4. Patriarchat

Eine kulturelle Eigenheit stellt die patriarchalische Gesellschaftsordnung dar. Es gab zwar 1999 einen ersten Versuch, die Rolle der Frau mit einer Quotenregelung zu verbessern. Durch die Garantie von einem Drittel der Sitze im indischen Bundesparlament sollte die Situation der Frauen positiv verändert werden; da Quotenlösungen aber auch schon bei der Kastendiskriminierung zu politisch fragwürdigen Ergebnissen führten, schlug diese Bemühung bislang fehl (Raman, S. M., 1999, S. 33).

Auch Indiens Arbeits- und Heiratsmarkt wird stark von diesem patriarchalischen Gesellschaftsmuster geprägt: „91 Prozent aller Eheschließungen, so eine Umfrage des Wochenmagazins India Today aus dem Jahr 1996, werden arrangiert“ (Anonym, 1998, S. 8).

2.2.5. Das Kastensystem

Noch mehr wird Indiens Gesellschaft von dem einzigartigen Kastensystem geprägt, welches deshalb einer grundsätzlichen Erklärung bedarf:

Indiens Kastensystem ist ein komplexes Phänomen, das seit über 3000 Jahren besteht. Das System basiert auf dem Grundsatz, dass Individuen in eine bestimmte Kaste geboren werden und die mit dieser Kaste verknüpften Berufe ausführen. Obwohl das System durch lokale Gewohnheiten und Sitten oft von einer eindeutigen Norm abweicht, gibt es vier Hauptkasten: Brahmanen (Priester), Kshatriyas (Krieger), Vaisyas (Geschäftsleute) und Sudras (Arbeiter und Handwerker). Außerhalb dieses Systems existieren noch die Dalits, die Unberührbaren, welche die sozial niedrigsten Aufgaben durchführen müssen (Raman, S. M., 1999, S. 34).

Nach Neelsen (1976) lassen sich Kasten wie folgt charakterisieren:

1. Mitgliedschaft in einer Kaste ist ein zugeschriebener und generell nicht erwerbbarer Status.
2. Eine Kaste ist endogam, das heisst es kommt nur innerhalb einer Kaste zu sexuellem Kontakt und Beziehungen.
3. Jeder Kaste ist traditionell eine ganz bestimmte Berufsrolle zugeschrieben.
4. Formen und Möglichkeiten des Sozialverkehrs zwischen Kasten sind durch Interaktionsregeln definiert, die
5. Eine Sozialhierarchie von Kasten aktualisieren (Neelsen, J. P., 1976, S. 56).

Besonders wichtig ist aber, dass Kasten kein isoliertes Einzelphänomen, sondern kennzeichnend für die Struktur eines ganzen Gesellschaftssystems sind.

„Eine gewisse Parallelität zwischen ökonomischer und ritueller Position in Form einer Dichotomie in reine und unreine, besitzlose und besitzfähige Kastengruppen scheint gegeben“ (Neelsen, J. P., 1976, S. 65). So drückt Neelsen die nahezu rassistische Form der wirtschaftlichen Abgrenzung einzelner Bevölkerungsgruppen vorsichtig aus.

Trotzdem hat zwar jede Kastengruppe einen Platz in der Gesellschaft, nur genau welchen, ist durchaus nicht in jedem Fall geklärt und darum Gegenstand intensiven Wettbewerbs (McKim, M., 1965, S. 18). Es gibt dabei die verschiedensten Modalitäten des sozialen Aufstiegs: Namensänderung, Sanskritiserung[8] oder der Austritt aus dem als religiöse Kategorie verstandenen Kastensystems und Übertritt zum Islam, Buddhismus oder Christentum (Neelsen, J. P., 1976, S. 68 f.).

Diskriminierung, Misshandlung und Gewalt seitens der oberen Kasten prägen – über die Armut hinaus – besonders das Leben der knapp 240 Millionen Dalits, der Unberührbaren, die unter- und außerhalb des indischen Kastensystems stehen. 50 Jahre nach der Unabhängigkeit Indiens und der Annahme einer demokratischen und pluralistischen Verfassung, fordern sie die Anerkennung grundlegender Menschenrechte für sich ebenfalls ein (Voykowitsch, B., 2000, S. 4).

Der indische Staat versuchte diese Ungleichheiten durch die Einführung von Affirmative Action–Programmen für die niedrigsten Kasten zu beseitigen, was mit der Umbenennung der niedrigsten Kasten in neutralere Termini begann.

Es wurden weiters merkliche Fortschritte in der Repräsentation niederer Kasten erzielt. In vielerlei Hinsicht ist Indien heute aber mehr vom Kastentum beeinflusst, als noch vor wenigen Jahrzehnten. Da Indien vom Gesetz her als kastenlose Gesellschaft gilt, darf auch beim Zensus in Indien keine kastenspezifische Volkszählung durchgeführt werden. Dadurch können keine genauen Rückschlüsse auf die Kastenaufteilung und so auch keine wirklich richtigen Ansätze für affirmative Aktionsprogramme gesetzt werden (Raman, S. M. und Pimentel, P., 1999, S. 75).

Um benachteiligten Bevölkerungsgruppen adäquate Arbeits- und Ausbildungschancen zu gewähren und die Diskriminierung niederer Kasten abzuschaffen, wurde schon 1948 ein System der affirmative action – das älteste der Welt – ins Leben gerufen. Damals wurden prozentuelle Anteile von Ausbildungs- und öffentlichen Arbeitsplätzen für die Kaste der Unberührbaren reserviert. 1990 wurde diese Quotenregel auch auf alle anderen backward castes[9] ausgeweitet, wodurch sich viele höhere Kasten bedroht fühlten und die BJP durch teilweise unlautere Bekämpfung niederer Kasten und nicht-hinduistischer Kräfte an Einfluss gewonnen hat (Raman, S. M., 1999, S. 30 f.).

Die Quotenregelung beim Schul- und Universitätsbesuch wurde von der BJP angegriffen: „These policies have encouraged mediocrity and laziness, not efficiency“ (Raman, S. M., 1999, S. 32). Die politische Kritik der BJP hat in zwei Bundesstaaten bereits Erfolge gezeigt, wo aufgrund der katastrophal geringen Qualifikationsgrenzen und Bildungsniveaus das System der Ausbildungsquoten durch den obersten Gerichtshof aufgehoben wurde. Die Situation verstoße gegen das Nationalinteresse (Raman, S. M., 1999, S. 34).

Es wird weiters aufgezeigt werden, dass die Kastenzugehörigkeit in direktem Zusammenhang mit der Anzahl der Kinder je Familie steht und deshalb in der weiteren Analyse relevant sein wird.

2.3. Die wirtschaftliche Entwicklung

2.3.1. Die wirtschaftliche Tätigkeit seit der Unabhängigkeit Indiens

2.3.1.1. Die Grüne Revolution und Indiens Aufschwung

Indien ist ein Entwicklungsland. Dank des ersten Präsidenten nach der Unabhängigkeit, Pandit Jawaharlal Nehru, kam es aber ziemlich schnell zur Stärkung und Förderung der indischen Landwirtschaft: „Alles andere kann warten, jetzt ist die Landwirtschaft am wichtigsten“ (Singh, D., 1999, S. 557).

Nehru erstellte als Vorstand der Planungskommission der Bundesregierung 1951 den ersten 5-Jahres-Plan, indem das meiste Budget für Wiederaufbau und Trinkwasserversorgung, sowie die Intensivierung des Getreideanbaus ausgegeben wurde. Wahre wirtschaftliche Erfolge konnten schon damals durch den Bevölkerungsanstieg von 360 Millionen (1951) auf 440 Millionen (1956) nicht erzielt werden. Durch die rasche Modernisierung für die reichen Bevölkerungsteile entstand schon damals eine große Kluft zwischen den industriellen und urbanen Zentren und der armen, von Landwirtschaft geprägten Peripherie (Wolpert, S. A. und Schwartzberg, J. E., 1995, S. 1025).

Durch die charismatische Motivierung der indischen Bevölkerung in Verbindung mit richtigen Aktionen, der Schaffung passender Infrastruktur und internationaler Kooperationen, wurde die „Grüne Revolution“, die schnelle Entwicklung von Indiens Landwirtschaft, ein großer Erfolg. Von diesem historischen Fortschritt zehrt Indien noch heute. Durch das rasche Bevölkerungswachstum kann der Erfolg der gesteigerten landwirtschaftlichen Produktion allerdings rasch zunichte gemacht werden (Singh, D., 1999, S. 558) bzw. hat es einen Großteil der ökonomischen Fortschritte bereits neutralisiert.

Die hohen Wachstumsraten der Bevölkerung führten zudem zu einer ständigen Abnahme an landwirtschaftlich nutzbarer Fläche. Besonders die Versorgung mit Feuerholz zum Kochen ist gefährdet. Nach wie vor arbeiten – wie am Beginn des 20. Jahrhunderts – zirka zwei Drittel der indischen Bevölkerung in der Landwirtschaft. Die Größe der kultivierten Flächen stieg aber ständig und beträgt heute etwa 50% der Gesamtfläche Indiens. In den fruchtbarsten Regionen, wie etwa dem Ganges-Tal, übersteigt das Verhältnis von kultiviertem Land zur Gesamtfläche oft 90%. Die durchschnittliche Besitzgröße beträgt zwei Hektar und ist stark abnehmend. Über die Hälfte der Besitztümer ist einen Hektar groß, wobei die andere Hälfte einer kleinen Zahl reicher Großgrundbesitzer gehört. Zusätzlich besitzt ein Drittel aller landwirtschaftlichen Haushalte keinen Grund und Boden, weshalb diese Menschen für die „landlords“ arbeiten müssen oder dazu gezwungen sind die mit ihrer Kaste in Verbindung gebrachten Tätigkeiten als Zusatzbeschäftigung auszuüben (Wolpert, S. A. und Schwartzberg, J. E., 1995, S. 1026). Das Fehlen einer Landreform ist daher, wie bereits erwähnt, ein Hauptfaktor in der Ursachenanalyse der weitverbreiteten Armut in Indien.

2.3.1.2. Die Verbesserung der Lebensbedingungen

In Indien sind seit der Unabhängigkeit am 15. August 1947 die Lebensbedingungen für die Einwohner im Durchschnitt gestiegen: Die Analphabetenrate sank, extreme Hungersnöte[10] wurden eliminiert und die hohe Fruchtbarkeitsrate sank ebenfalls (Weltbank, 1990, S.88).

Zwar hat die Volksrepublik China zum Beispiel eine viel raschere Transition in Gesundheit und Ernährung durchwandert und auch bei der Grundausbildung schneller gepunktet, trotzdem gab es in den letzten Jahrzehnten weit mehr Hungerstote in China als in Indien, was unter anderem auf die relativ freien Medien und – im Vergleich zu China – die aktivere Rolle der politischen Opposition zurückzuführen ist (Drèze, J. und Sen, A., 1989, S. 211 f.).[11]

Auch die Stabilität der Nahrungsmittelpreise ist beachtenswert. Bei einer der letzten großen Hungerskatastrophen, jener von 1987 – 1988, stiegen die Getreidepreise um weniger als 10%, was auf das öffentliche Verteilungssystem und dessen große Lagerhaltung zurückzuführen ist. Trotzdem ist die Subventionierung der Grundnahrungsmittel in den sogenannten „fair price shops“ pro Kopf sehr gering (Drèze, J. und Sen, A., 1989, S. 125).

Zusätzlich zur Preisniveaustabilität wurde in den 1970er-Jahren auch ein Arbeitsbeschaffungsprogramm zur Einkommensgenerierung entwickelt. Dabei stieg die Nachfrage in den betroffenen Regionen, welche durch Arbeit gegen Geld und Subventionierung arbeitsunfähiger Gesellschaftsmitglieder auch befriedigt werden konnte. Der Erfolg stellte sich nur durch die bevorzugte Behandlung benachteiligter Bevölkerungsgruppen ein, da bei den Preiserhöhungen - ohne Beachtung verletzlicherer Gruppen - diese nicht überlebensfähig gewesen wären (Drèze, J. und Sen, A., 1989, S. 132). Viel vom Erfolg dieses Krisenmanagements ist auch der direkt betroffenen Bevölkerung zuzuschreiben, da diese durch Märsche und Rallyes lautstark auf ihre Situation aufmerksam gemacht hatte.

Eine derartige Lösung im Ausbildungssektor scheint zwar ebenfalls plausibel, aber nicht so schnell umsetzbar, da die Feststellung der Dringlichkeit nach mehr Schulbildung und die Informierung der Bevölkerung genauso schlecht erkannt wird, wie die Notwendigkeit einer schnell sinkenden Geburtenrate in Indien. Auch hier wird nicht präventiv, sondern nur auf – für politische Popularitätszwecke wertvolle – Krisensituationen reagierend gehandelt.

Trotz vieler Erfolge der indischen Wirtschaft bleibt die demographische Entwicklung der indischen Gesellschaft ein Hemmfaktor im wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt. “The country’s staggering population growth, however, has perhaps posed the greatest threat to its economic and developmental advances. The growth of India’s population has diminished the country’s early increases in per capita income and has worsened the great inequity in its distribution of goods and services” (Wolpert, S. A. und Schwartzberg, J. E., 1995, S. 1030).

2.3.1.3. Die Industrialisierung in Indien

Die Pro-Kopf-Ausstattung an kritischen Ressourcen, wie kultivierbarem Land, Wasser, Petroleum oder Holz ist in Indien relativ gering. Trotzdem gibt die große Vielfalt an Ressourcen, besonders an Mineralien, dem Land einen Vorteil in seiner industriellen Entwicklung (Wolpert, S. A. und Schwartzberg, J. E., 1995, S. 1014).

Die zunehmende Industrialisierung galt in Indien immer als wichtiges Ziel. So kann die Selbstversorgung eines Landes durch die Verhinderung wirtschaftlicher Rückschläge gestärkt werden (Drèze, J. und Sen, A., 1989, S. 171). Auch die verstärkte Diversifikation kann die internationale Wettbewerbsfähigkeit der indischen Industrie stärken und so die interne Abnahme und das Überleben auch der landwirtschaftlichen Produktion sichern.

Die indische Regierung selbst spielt eine wichtige Rolle im Bergbau und dem geförderten Ausbau dieses für die breitgefächerte indische Industrie wichtigen Wirtschaftssektors. Indien produziert nur die Hälfte des Bedarfs an Petroleum, exportiert aber deutliche Mengen an Kohle. Eisen und Kupfer sind die wichtigsten Metalle, gefolgt von Gold, Zink und Bauxit. Indiens verarbeitende Industrie ist stark differenziert und bedient hauptsächlich lokale Märkte. Die meist als kleine Familienbetriebe geführten Unternehmen sind gut an die lokalen Bedürfnisse angepasst. Den größten Ertrag liefern allerdings verhältnismäßig wenige mechanisierte Großbetriebe, welche meist von Lokal- oder Staatsregierungen geleitet und kontrolliert werden. Nach der Zahl der Beschäftigten sind verarbeitende Textilbetriebe für Indiens Wirtschaft am wichtigsten, aber auch die Primärverarbeitung landwirtschaftlicher Erträge bzw. Abbauprodukte des Bergbaus nehmen einen wichtigen Stellenwert ein (Wolpert, S. A. und Schwartzberg, J. E., 1995, S. 1025).

2.3.1.4. Der Erfolg des Dritten Sektors

Der dritte Sektor Indiens ist widersprüchlich, da auf der einen Seite weltweit wettbewerbsfähige Ingenieure aus Indien stammen, andererseits aber das Investitionsportfolio in Dienstleistungsbetriebe in Indien selbst schlecht ist. Somit ist dieser Sektor vom „brain drain“ und der Knappheit an fortschrittlichen Produktionsfaktoren, nicht aber der Unfähigkeit der Bildung dieser Humanressourcen, gekennzeichnet. Außerdem weist der Dienstleistungssektor in Indien einen im Verhältnis zur Übermacht der Landwirtschaft sehr hohen Anteil an der Gesamtwertschöpfung auf, was die Investitionen in diesen Bereich weiter forcieren sollte.[12]

In der Neuen Zürcher Zeitung wurde die Widersprüchlichkeit und Doppeldeutigkeit des indischen Wirtschaftslebens wie folgt beschrieben:

Indien bildet jedes Jahr 75.000 Ingenieure im Bereich Informations-Technologie (IT) aus, die meisten für die USA. Studenten an den sechs Indian Institutes of Technology müssen sich gegen 125.000 Konkurrenten durchsetzen, welche die Aufnahmeprüfungen absolvieren bzw. gegen weitere 500.000 Mitbewerber kämpfen, die erst gar nicht zu den Examina zugelassen werden. Der «Brain drain» ins Ausland bedeutet allerdings auch, dass die eigene Infrastruktur in Form von qualifiziertem Lehrpersonal dem Land fehlt, wenn es der rasch steigenden Nachfrage begegnen will. Indiens Erfolg verbirgt die Tatsache, dass die IT-Parks in Bangalore und anderen Städten Technologie-Inseln in einem Meer von Armut sind. Die Infrastruktur ist veraltet und in kritischen Bereichen schwach.[13] Vor allem aber ist der Grundschulunterricht nicht darauf vorbereitet, ein IT-Wachstum von 50% durchzuhalten (Anonym, 2000, S. 21).

Alle anderen Dienstleistungsbereiche entwickeln sich durchwegs positiv. Besonders das indische Bankensystem ist aufgrund der erfolgreichen Geld- und Fiskalpolitik der Reserve Bank of India und des einflussreichen Systems nationalisierter Kommerzbanken, welches auch den Ausbau regionaler Bankstrukturen zur Unterstützung hauptsächlich der bäuerlichen Kreditbedürfnisse förderte, gut entwickelt. Die indische Börse spielt eine weniger wichtige Rolle als in den reicheren kapitalistischen Gesellschaften, sie steigert ihre Tätigkeit unter Aufsicht des Finanzministeriums jedoch zusehends.

Im bezug auf Indiens wirtschaftliche Basistätigkeit nimmt das Volumen des Außenhandels einen geringen Stellenwert ein, es herrscht ein chronisches und großes Außenhandelsdefizit (Wolpert, S. A. und Schwartzberg, J. E., 1995, S. 1027).

2.3.1.5. Die Einkommenszusammensetzung

In Indien zeigen sich deutliche Einkommensdisparitäten, besonders zwischen ländlichen und städtischen Haushalten,[14] was als wichtiger Indikator für die wirtschaftliche Tätigkeit des Landes zu sehen ist. Haupteinnahmequelle ist dabei die Landwirtschaft, gefolgt von Gehältern aus Dienstverhältnissen, die zumindest in den Städten schon als wichtigstes Mittel der finanziellen Versorgung zu sehen sind. Nach dieser Statistik erhalten 47% aller indischen Haushalte ihr Einkommen aus der Land- und Viehwirtschaft, sowie den landwirtschaftlichen Löhnen.

„70% sämtlicher Haushalte (75% der ländlichen gegenüber 50% der städtischen) liegen unter dem nationalen Durchschnitt des Einkommens“ (Bronger, D., 1996, S. 106), der ohnehin schon sehr niedrig ist. Bronger erklärt die „angeborene (!) Unterprivilegierung von großen Teilen vor allem der ländlichen Bevölkerung in der indischen Kastengesellschaft“ zur Hauptursache für diese Verteilung (Bronger, D., 1996, S. 107), was auch auf die charakteristische Einkommenszusammensetzung am Land zurückzuführen ist.

Tabelle 1: Einkommenszusammensetzung der Haushalte

Stadt vs. Land in Indien, (Angaben in %, 1975-1976)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Bronger, D., 1996, S. 107.

2.3.1.6. Die Aufteilung auf die Wirtschaftssektoren

Die Volkszählungsergebnisse[15] zeigen die Aufteilung der wirtschaftlichen Leistung nach Produktionssektoren. Die Dominanz des Primärsektors ist so stark, dass der leichte – prozentuelle (!) – Anstieg des Dienstleistungssektors nicht ins Gewicht fällt.

Eine aktuelle Weltbankstudie (1999) lässt aber erkennen, dass der Anteil am erwirtschafteten BIP im Dritten Sektor mit 46,4% (1998) weit vor der Landwirtschaft (27,5%) und der Industrie (26,1%) liegt. Dies liegt hauptsächlich am innovativen und kapitalintensiven Softwaresektor der allein zwischen 1998 und 1999 um 56% wuchs (Weltbank, 1998, S. 104).

Tabelle 2: Verteilung der Bevölkerung nach Wirtschaftssektoren

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: 1901 – 1971: JHA 1989, S. 23, 1981: Census-Daten in: Bronger, 1996, S. 102, *1991: ohne die Bundesstaaten Assam, Jammu und Kaschmir.

2.3.2. Die wirtschaftliche Trendwende 1991

Ab Juni 1991 war die Kursänderung der indischen Regierung hin zur Stabilität der Wirtschaft als oberstes Ziel deutlich zu erkennen (Weltbank, 1990, S. 87): Investitions-, Handels- und Steuerregime wurden reformiert, dem privaten Sektor wurde größere Bedeutung zugemessen. Nach anfänglichem Wachstumsrückgang durch strenge, restriktive Geld- und Finanzpolitik erholte sich die Wirtschaft rasch und erreichte überdurchschnittlich gute Zuwachsraten.

Durch erhöhten internen und externen Wettbewerb stiegen die privaten Investitionen (auch aus dem Ausland) an. Durch die schlechte landwirtschaftliche Produktion sanken die Wachstumsraten aber wieder. Außerdem sanken ausländische Portfolio-Investitionen durch das verlorene Vertrauen aufgrund von Nukleartests in den Jahren 1996 - 1997.

Das Erfolg versprechende Reformpaket wurde also über die Jahre durch Indiens politisch-militärisches Geltungsbewusstsein und auch durch die Wettbewerbsunfähigkeit der zu kapitalintensiven Landwirtschaft wieder zunichte gemacht. Vielfach wird auch argumentiert, dass eben durch die stark angestiegene Bevölkerung die wirtschaftlichen Erfolge wieder verschluckt würden (Weltbank, 1990, S. 88).

[...]


[1] Bei gleichbleibendem Bevölkerungswachstum wird Indien 2037 China als bevölkerungsreichstes Land überholen. Zu diesem Zeitpunkt werden mindestens 1,5 Milliarden Menschen in Indien leben (Satchell, M., 1999, S. 46).

[2] Siehe auch: Abbildung 1.

[3] Aus: http://www.censusindia.net am 22. April 2000.

[4] Aus: http://www.odci.gov/cia/publications/factbook/index.html am 22. April 2000.

[5] Die unterschiedlichen Angaben zur Größe der Gesamtbevölkerung – einer der wichtigsten demographischen Daten – zeigen das Problem der Glaubwürdigkeit und Eindeutigkeit von einzelnen Angaben gut. Th.B.

[6] Wie z.B. in Bihar oder Uttar Pradesh. Th.B.

[7] Vergleiche dazu Kapitel 2.2.5., Das Kastensystem.

[8] Dies bedeutet die Aufgabe des als rituell degradierenden und Ausdruck des von niederem Kastenstatus angesehenen Gebrauchs und der damit verbundenen Tätigkeiten.

[9] Dies ist eine von der Regierung definierte Gruppe bestehend aus über 3.700 Kastenuntergruppen.

[10] Wie noch 1943 die Dürre von Bengal.

[11] Vergleiche dazu Kapitel 8.2., China – der rote Riese.

[12] Siehe dazu Kapitel 2.3.1.5., Einkommenszusammensetzung.

[13] Z.B. Telefondichte: 2%, 800.000 Internet-Abos auf eine Milliarde Einwohner (0,08%).

[14] Siehe dazu Tabelle 1, S. 30.

[15] Siehe dazu Tabelle 2, S. 30.

Details

Seiten
174
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783832451677
Dateigröße
1.5 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v220694
Institution / Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck – Sozial- und Wirtschaftswissenschaften
Note
Schlagworte
wirtschaft indien wachstum ausbildung bevölkerung

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Titel: Schulbildung als Einflussfaktor für die Bevölkerungsentwicklung in Indien