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Die Persistenz von Börsenstandorten unter Berücksichtigung der regionalen, nationalen und internationalen Konkurrenzbeziehungen in Europa

Diplomarbeit 2001 92 Seiten

BWL - Investition und Finanzierung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Abgrenzung des Themas

2. Börsengeschichte
2.1 Entstehung der ersten Börsen
2.2 Historie deutscher Börsenstandorte
2.3 Historie ausgewählter europäischer Börsenstandorte

3. Börsen, Begriff und Funktion Heute
3.1 Börsenbegriff
3.2 Marktteilnehmer
3.3 Organisation
3.4 Standorte europäischer Wertpapierbörsen

4. Konkurrenzbeziehung der Börsenstandorte
4.1 Kriterien zur Systematisierung
4.2 Das Problem der regionalen Börsenstandorte
4.3 Konkurrenzsituation der nationalen Leitbörsen
4.3.1 Identifizierte Kriterien
4.3.2 Wettbewerbssituation
4.4 Der internationale Konkurrenzvergleich

5. Veränderte Umweltparameter
5.1.1 Globalisierung der Finanzmärkte
5.1.2 Europäische Wirtschafts- und Währungsunion
5.1.3 Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnologie
5.1.4 Institutionalisierung
5.1.5 Außerbörslicher Handel

6. Persistenz versus Wandel von Börsenstandorten
6.1 Verwendbarkeit von wirtschaftsgeographischen Standorttheorien
6.2 Veränderte Standortanforderungen in 5 Phasen
6.2.1 Erste Finanz- und Handelszentern
6.2.2 Merkantilismus
6.2.3 Industriezeitalter
6.2.4 Anlehnung an Zentralbanken und nationale Steuerungszentralen
6.2.5 Räumlich unabhängige Computerbörsen
6.2.6 Gesetzmäßigkeit

7. Perspektiven der Börsenstandorte
7.1 Das Überleben der regionale Börsenstandorte
7.2 Der Kampf um die europ. Vormachtstellung
7.3 Internationale Konsolidierung von Börsenstandorten

8. Die Persistenz der europ. Börsenstandorte

Literaturverzeichnis

Anhang (siehe Abbildungs- und Tabellenverzeichnis)

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Analyseergebnis der Börsenkriterien von Schierek

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Schematischer Ablauf der Arbeit

Abbildung 2: Börsenverbindung der Städte Amsterdam und London um 1700

Abbildung 3: Standorte der westeuropäischen Wertpapierbörsen

Abbildung 4: Anzahl der im Jahre 2000 an westeuropäischen Leitbörsen gelisteten Aktien

Abbildung 5: Marktkapitalisierung inländischer Aktien 2000 an den westeuropäischen Börsen

Abbildung 6: Börsenumsätze westeuropäischer Länder

Abbildung 7: Börsenumsätze mit in- und ausländischen Aktien 1999

Abbildung 8: Anstieg des Kapitalvolumens institutioneller Anleger von 1990 bis 1998

Abbildung 9: Die wichtigsten Handelswege in Europa im Mittelalter

Abbildung 10: Parameter im Zeitablauf

Abbildung 11: Anzahl der im Jahre 2000 an westeuropäischen Leitbörsen gelisteten Schuldverschreibungen

Abbildung 12: Anzahl der im Jahre 2000 an westeuropäischen Leitbörsen gelisteten Wertpapiere

Abbildung 13: Zahl der in den jeweiligen Finanzplätzen repräsentierten Top 500 Banken 1998

Abbildung 14: Vergleichende Aktionärsstruktur

Abbildung 15: Börsenkapitalisierung in Prozent des Sozialproduktes 1999

Abbildung 16: Computer verbinden die Welt

Abbildung 17: Zahl der Xetra-Teilnehmer am 31. Dezember 1999

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Abgrenzung des Themas

Seit dem Entstehen der ersten Messen im Mittelalter, den Vorläufern der heutigen Börsen, haben sich Börsenstandorte an wirtschaftsgeographischen und verkehrstechnischen Knotenpunkten herausgebildet. Durch den Wandel der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen ändert sich immer wieder die relative Lage der Börsenstandorte im Raum. Standortbedingungen, die zur Gr-ndung von Börsen beitrugen oder deren Bestehen fördern, können durch wirtschaftliche, politische, technische und umweltbedingte Transformationsprozeße einem Wandel unterworfen sein. Im Interesse der Arbeit liegt es, die Standortfaktoren zu identifizieren, die zur Gr-ndung von Börsen beigetragen haben bzw. beitragen und zu untersuchen, ob Börsen - die ein offenes dynamisches System darstellen – auf die Veränderung von Umweltparameter mit Persistenz oder Wandel reagieren. Dabei wird der aus der Anthropogeographie stammende Begriff der Persistenz auf Börsenstrukturen übertragen, indem die einzelnen Standorte als agierende Subjekte in einem Börsensystem verstanden werden. Börsenstandorte die sich mit ihrer individuellen Geschichte über Jahrhunderte herausgebildet haben, was sich in ihrem Selbstverständnis, in ihrer Aufgabenstellung und im Besonderen in der wechselseitigen Beeinflussung von Börse und Raum äußert, beschränken die Aktionsmöglichkeiten des Kapitalmarktes heute und beeinflussen im weiteren die Gestaltung des Börsensystems. (vgl. LESER 1992, S. 68). Aus diesem Verständnis hat der aus der Bankbetriebswirtschaftlehre stammende Begriff der Börsenplätze, der als „Orte, an denen Börsen bestehen“ (BÜSCHGEN 1991, S. 154) definiert wird, keinen ausreichenden Erklärungswert. In der Arbeit soll unter einem Börsenstandort ein im Raum definierbarer Ort verstanden werden, an dem eine Börse ihren Sitz, temporär oder stationär, hat und der mit dem ihn umgebenden Raum in Wechselbeziehung steht. Die Analyse der Persistenz von Börsenstandorten erfolgt aus wirtschaftsgeographischer Betrachtungsweise, deren kritische Variable der „Raum“ ist. Aus diesem Grund bietet sich die hierarchische Aufteilung der bestehenden Börsenstandorte nach ihrer geographischen Reichweite in – regionale, nationale und internationale Standorte - an.

Unter dem Begriff Börse subsumiert sich eine Reihe von Marktveranstaltungen, die sich nach mehreren Kriterien systematisieren lassen. Grundsätzlich ist zu unterscheiden ob Basiswerte, die eigenständige Transaktionsprodukte sind oder von diesen abgeleitete Werte, Derivate, gehandelt werden. Die erste Aufteilung findet also in Basiswert- und Derivatbörsen statt. Die Basiswertbörsen lassen sich nach den an ihnen gehandelten Werten in Waren-, Devisen- und Wertpapierbörsen einteilen. Derivatbörsen unterteilen sich ebenfalls nach dem Basiswert, von dem das Derivat abgeleitet wurde, in Warentermin- und Finanzterminbörsen (vgl. RÖHRL 1996, S. 11). Von dem am Anfang angedachten Erklärungsversuch der Persistenz von Börsenstandorten generell wurde im Zuge der Bearbeitung des Themas Abstand genommen. Eine fundierte Aussage über die Persistenz von Börsenstandorten läßt sich nur aufgrund der wirtschaftlichen Aufgaben und der damit verbundenen Standortanforderungen der Börsen treffen. Aber gerade die Aufgaben zwischen Wertpapier- und Warenbörsen differieren so stark, daß eine Analyse beider Gruppen den Rahmen der Arbeit sprängen würde. Mit der detaillierten Betrachtung der Persistenz von Wertpapierbörsen ergibt sich gleichwohl mit deren überragender volkswirtschaftlicher Bedeutung ein hoch interessantes Untersuchungsgebiet.

„Sie wandeln auf effiziente Art und Weise Ersparnisse in Investitionskapital um, das die Wirtschaft zum Wachstum benötigt. Kapitalmärkte verteilen die Chancen und Risiken auf Investoren, Unternehmen und Intermediäre. Effiziente Kapitalmärkte sind einer der Schl-sselfaktoren für zuk-nftiges Wachstum und Wohlstand.“ (BREUER 1997, S. 3)

Überdies befinden sich die internationalen Kapitalmärkte in der letzten Zeit in einer starken Entwicklungsdynamik. Durch Globalisierung, Liberalisierung, Computerisierung, Institutionalisierung und Zentralisierung hat sich der internationale Wettbewerb von Wertpapiermärkten erheblich verschärft. Mit dem europäischen Einigungsprozeß, mit dem im Vertrag von Maastricht beschlossenen EU Binnenmarkt und der Wirtschafts- und Währungsunion, wirken weitere Faktoren auf das historisch gewachsene fragmentierte europäische Börsensystem ein. Wurden die Wertpapierbörsen bis vor wenigen Jahren noch als selbständige alteingesessene Einrichtungen mit angestammter Struktur hingenommen, so stellt sich heute immer häufiger die Frage, ob das Nebeneinander von Zentral- und Regionalbörsen im nationalen und internationalen Rahmen noch vertretbar ist und wie sich die Zukunft des europäischen Börsensystems gestalten wird.[1]

Aus der Beobachtung, daß die räumliche Interaktion in der Vergangenheit zwischen Börsen und Börsen und Marktteilnehmer die Entwicklung der bestehenden Börsenstruktur maßgeblich bestimmten, und daß die bestehende Börsenstruktur den k-nftigen Entwicklungsprozeß beeinflußt, wird die Arbeit wie in Abbildung 1 dargestellt, chronologisch gegliedert (vgl. SCHÄTZLE 1998, S. 27). Sie beginnt im folgenden Kapitel mit der historischen Beschreibung der Entstehung der ersten Messen bzw. Börsen, sowie deutscher und internationaler Börsenstandorte. Im dritten Kapitel werden die wichtigsten Funktionen und Organisation des Effektenhandels herausgestellt. Das vierte Kapitel beschreibt die regionalen, natio-

nalen und internationalen Konkurrenzbeziehungen der europäischen Börsenstandorte, wie sie heute zu erkennen sind. Im fünften Kapitel werden die Veränderungen der Umweltparameter aufgezeigt, die auf die in Kapitel vier vorgefundene Börsenstruktur einwirken. Das sechste Kapitel, der Hauptteil der Arbeit, unterteilt die Börsenentwicklung in 5 Stufen und versucht, für jede einzelne Stufe eine Erklärung für die Gr-ndung, das Bestehen und den Niedergang von Börsenstandorten zu finden. In der Zusammenfassung der 5 Stufen soll eine Gesetzmäßigkeit gefunden werden, die die Persistenz versus Wandel von Börsenstandorten erklärt und damit eine Prognose über die nächste Stufe zuläßt. Die Erkenntnisse der Gesetzmäßigkeit und die veränderten Umweltparameter werden im siebten Teil zusammengef-hrt, um eine Perspektive für die zuk-nftige Börsenstruktur zu formulieren. Am Ende der Abhandlung findet in Kapitel acht eine Zusammenfassung der Analyse und ihrer Ergebnisse statt.

Abbildung 1: Schematischer Ablauf der Arbeit

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung

2. Börsengeschichte

2.1 Entstehung der ersten Börsen

Bereits in der Antike trafen sich Händler und Abnehmer periodisch an verkehrsmäßig günstig gelegenen Orten. Dies waren zuerst Heiligt-mer und Wallfahrtsorte, dann größere Siedlungen und Städte. Hieraus entwickelten sich im Laufe der Zeit Messen und Warenbörsen. Erste große Finanz- und Wechselmärkte entstanden in Venedig, Genua und Florenz. Während in Venedig die ersten Banken auf den Tischen von Geldwechslern am Rialto entstanden, verdanken wir dem Erfindungsgeist der Genuesen die Entwicklung der Seeversicherung und die große Anteilsgesellschaft (maone), die Vorläuferin der Aktiengesellschaft. Im Mittelalter bildeten die Champagnemessen[2] eine der bedeutendsten Zusammenk-nfte von Kaufleuten. Ihre geographische Lage zeigt, daß sie an den großen Handelsstraßen abgehalten wurden, die von Italien über die Provence an die flandrische K-ste führten (vgl. PIRENNE 1976, S. 100). Auf den Champagnemessen wurde es erstmals am Ende des 12. Jahrhunderts -blich, Waren auf Kredit einzukaufen und alle eingegangenen Verpflichtungen in die B-cher von Bankiers eintragen zu lassen. Die Verrechnung der Salden erfolgte durch Wechsel, was den Kaufleuten den Besuch von Messen ohne das zu dieser Zeit -bliche und in zahlreichen Währungen vorliegende M-nzgeld ermöglichte. Mit dem zunehmenden Fortschritt in den Handels- und Finanzierungsmethoden sowie mit der Eröffnung einer direkten Seeverbindung zwischen Italien und Br-gge verloren die Champagnemessen ihre wichtige Stellung (vgl. BERNARD 1978 S. 178). In Br-gge trafen sich um 1360[3] Kaufleute aus ganz Europa vor dem Haus der belgischen Kaufmannsfamilie „Van der Buerse“, um Geschäfte in Waren abzuschließen und Nachrichten auszutauschen. Wirtschaftshistoriker vermuten, daß sich das heutige Wort Börse aus deren Familiennamen abgeleitet (vgl. PFAFFINGER 1990 S. 20, BEER 1992 S. 73). Antwerpen löste in der Folge, mit seiner 1531 neu erbauten Börse Br-gge, daß durch die zunehmende Versandung der Schelde gekennzeichnet war, als wichtigsten Handels- und Börsenplatz ab. Antwerpen wurde seinerseits von Amsterdam in Folge der Entdeckung des Seeweges nach Ostindien abgelöst. Die Amsterdamer Börse gilt heute, aufgrund des im 17. Jahrhundert einsetzenden Aktienhandels, als die älteste

Aktienbörse der Welt. Im 18. Jahrhundert wurde Amsterdam nach und nach von der Royal Exchange of London aus seiner Stellung als führendes Finanzzentrum verdrängt. Eine Position, die Amsterdam endgültig im Jahre 1795 mit der militärischen Besetzung der Niederlande durch Frankreich verlor. Weitere wichtige Börsen wurden in Hamburg und Paris gegründet. Im Jahre 1771 wurde nach mehreren Fehlschlägen auf Initiative Maria Theresias die Wiener Börse reaktiviert. Sie war die erste Effektenbörse im deutschsprachigem Raum, die ein Monopol für den Handel mit Staatsschuldverschreibungen erhielt (vgl. KOLTEN 1993, S. 1131). Im 19. Jahrhundert erlebten die Börsen durch die verstärkte Industrialisierung und die damit verbundene Gr-ndung von Aktiengesellschaften einen enormen Bedeutungsgewinn, der sich bis heute erhalten konnte.

Im folgenden Abschnitt soll die Geschichte der wichtigsten deutschen und europäischen Börsenplätze kurz dargestellt werden. Mit einem R-ckblick in die Vergangenheit lassen sich die heute vorgefundenen Strukturen, wie Organisationsform, Stärken, Schwächen, Größe und Bedeutung der Standorte, besser verstehen, die zu einem Großteil aus der individuellen Entwicklung resultieren. Eine historische Betrachtung ist Voraussetzung, um fundierte Aussagen über die Persistenz von Börsenstandorten treffen zu können.

2.2 Historie deutscher Börsenstandorte

Seit Kaiser Ludwig der Bayer im Jahre 1330 das Messeprivileg aus dem 9. Jahrhundert um die Fr-hjahrsmesse erweiterte, wurde Frankfurt zu einem Ort mit bedeutendem Waren- und Geldverkehr (vgl. DEUTSCHE BÖRSE 2001). Mitte des 16. Jahrhunderts wurde die Frankfurter Messe als die Wichtigste in Deutschland erachtet, auf der Kaufleute aus Flandern, England, Frankreich, Polen, Italien, Ungarn und Rußland ihre Geschäfte tätigten. Augsburger und N-rnberger Kaufmannsbankiers benutzten Frankfurt als Kapitalbeschaffungsmarkt oder Zahlungsdomizil, was die Bedeutung Frankfurts unterstrich (vgl. WALTER 1992 S. 47). Augsburg zählte zu dieser Zeit zu den größten Finanzplätzen in Mitteleuropa. Obwohl es keine eigene Messe besaß, verf-gte die Fugger-Stadt über ein dichtes Netz von Wechselverbindungen. Infolge des Dreißigjährigen Krieges[4], durch die stärker werdende Stellung Amsterdams und infolge der Staatsbankrotte der spanischen Habsburger, haben die Augsburger Handelshäuser schwere Verluste erlitten und Frankfurt verlor Mitte des 17. Jahrhunderts relativ an Bedeutung (vgl. RUPPEL o.a. S. 14). Zu den bestehenden Börsen in Deutschland, den genannten, Naumburg, Kiel und Hamburg wurden im 17. Jahrhundert u.a. Börsen in L-beck, Königsberg, und Leipzig gegründet. Ihre gemeinsame Basis bildete das Waren- und Wechselgeschäft (vgl. BREMER WERTPAPIERBÖRSE 2001, S.o.a).

Ab dem letzten Drittel des 18. Jahrhunderts führte Frankfurt zu dem bestehenden überregional wichtigen Wechselverkehr den Handel mit Staatspapieren in Deutschland ein. Mit dem Handel von Effekten gewann Frankfurt wieder Bedeutung als Finanzplatz, was durch den Ausfall der Niederlande nach der französischen Besetzung 1794 begünstigt wurde. Die Rolle Augsburgs schwand hingegen nach dem Frieden von 1815[5], der die kriegsbedingte Periode des lebhaften Wechselhandels in Augsburg beendete. Zudem wirkte sich der Zentralismus des 1806 groß gewordenen bayerischen Staates, zu dem Augsburg nun gehörte, auch im Bereich des Geld- und Kreditwesens aus: M-nchen trat allmählich das Erbe Augsburgs an (vgl. KAUFHOLD 1992, S. 97). Weitere bedeutende deutsche Börsen im 17. und 18. Jahrhundert waren Berlin, Bremen, Breslau, Danzig, Hannover, Köln, Kolberg, und L-beck.

Frankfurt war bis 1870 der führende Börsenplatz in Deutschland, während sich danach die Berliner Börse zur wichtigsten in Deutschland entwickelte (vgl. GÖMMEL 1992, S. 142). Die Ursachen hierfür lagen zum Teil in dem verstärkt auftretenden Aktienhandel, für den in Frankfurt neben dem traditionellen Handel mit Staatspapieren das zusätzlich notwendige Kapital fehlte. Der Aktienhandel und im besonderen die Spekulation waren aufgrund der damaligen Kommunikationsmittel auf das lokale Publikum - insbesondere auf dessen Kapitalkraft - angewiesen. Frankfurt zählte um die Jahrhundertwende nur etwa 26 000 Einwohner (vgl. BAEHRING 1985, S. 102), hier war Berlin mit 419 000 Einwohnern im Jahr 1850 deutlich im Vorteil. Zum anderen wurde der Aufstieg Berlins durch die Besetzung Frankfurts und die Annexion der Stadt durch Preußen im Oktober 1866 beschleunigt. Im selben Jahr verlor das Haus Rothschild das Auflage- und Verteilermonopol für preußische Staatsanleihen an ein preußisches Bankenkonsortium unter der F-hrung der Seehandlung, der nachmaligen preußischen Staatsbank, was den Wechsel an der Spitze der Börsenplätze von Frankfurt nach Berlin entscheidend beeinflußte (vgl. RUPPEL o.a., S. 32). Spätestens nach der Reichsgr-ndung 1871 und der Errichtung der Reichsbank 1875 wurde Berlin zum bedeutendsten Börsenplatz des jungen Deutschen Reiches (vgl. DEUTSCHE BÖRSE 2001). In den Jahren 1912 bis 1914 avancierte Berlin zum wichtigsten Kapitalmarkt Kontinentaleuropas (vgl. DIB 2001b, S. 3). Mit Berlin an der Spitze war Anfang des letzten Jahrhunderts in Deutschland noch eine 4-stufige Börsenhierarchie zu erkennen. „Unter einer dominierenden Zentralbörse behaupteten zwei bedeutende Provinzbörsen (Frankfurt, Hamburg) ihre Position. Darunter wiederum etablierten sich die wichtigsten Provinzbörsen M-nchen, Breslau, Leipzig und Dresden. Die -brigen Börsen wie Köln, Stuttgart, Hannover oder Königsberg hatten eindeutig Lokalcharakter.“ (GÖMMEL 1992, S. 192) Als das Börsengesetz 1896 eine einheitliche Ordnung der deutschen Börsen schuf, existierten noch 29 Börsen. Vor dem ersten Weltkrieg war deren Zahl bereits auf 24 gesunken. Nach dem Krieg setzte eine beispiellose Inflation ein, was dazu führte, daß Aktien – als Sachanlage - zum Spekulationsobjekt wurden. Die verfehlte Wirtschafts- und Kreditpolitik und massive Zahlungsbilanzschwierigkeiten infolge hoher Reparationszahlungen, führten am „Schwarzen Freitag“ (13. Mai 1927) zu erheblichen Kursst-rzen (vgl. DIB 2001a, S. o.a.). Von diesem Schock erholte sich der Börsenhandel nur langsam.

Im Rahmen der von den Nationalsozialisten angeregten Börsenreform von 1933/34 wurde die Zahl der Börsen von noch bestehenden 21 auf 9 drastisch reduziert. Danach waren nur noch Berlin, Frankfurt, Hamburg, Breslau, Leipzig, D-sseldorf, M-nchen, Stuttgart und Hannover Börsenstandorte (vgl. HENNING, 1992, S. 276). Nach dem Zweiten Weltkrieg eröffnete die Hamburger Wertpapierbörse als erste am 9. Juli 1945 wieder. Darauf folgten Hannover am 1. April 1946 und D-sseldorf am 15. April 1946. Die besonders auf Montanwerte spezialisierte Rheinisch-Westfälische Börse in D-sseldorf, die 1935 durch den Zusammenschluß mit der Kölner Börse und der Essener Börse erstarkt war, avancierte bis 1973 zur umsatzstärksten Börse der Bundesrepublik Deutschland (vgl. BÖRSE DÜSSELDORF 2001). Die Bremer Wertpapier- Börse, die im Zuge der Regionalisierung der Wertpapierbörsen 1934 geschlossen, bzw. mit der L-becker Börse von der Hanseatischen Börse übernommen wurde, konnte ebenfalls rasch an den alten Börsenhandel anknüpfen. So hatte Bremen am 16. Februar 1949 wieder eine Wertpapierbörse. Auch die Münchner und Stuttgarter Börsen arbeiteten wieder. „Dagegen blieben die Börsen in Leipzig (1935 um die Börsen in Chemnitz und Dresden ergänzt) und Breslau endgültig geschlossen.“ (RUDOLPH 1992, S. 294f.)

Berlin, das den Handel am 19. Juli 1950 wieder aufnahm, verlor seine Rolle als Zentralbörse, durch den erst 5 Jahre nach den westdeutschen Börsen aufgenommenen Effektenhandel und dem Verbot der Alliierten, Effekten nach Berlin zu versenden. Die Nachfolge Berlins teilten sich zuerst Frankfurt und D-sseldorf, bevor sich Frankfurt in den späten 80er Jahren als Leitbörse durchsetzen und an eine alte Tradition anknüpfen konnte. Der Wiederaufstieg Frankfurts läßt sich nur schwer mit börsenbezogenen, technischen oder ökonomischen Faktoren begründen. Weitaus bedeutender erscheint die Errichtung der Bank Deutscher Länder, der heutigen Bundesbank. Ausschlaggebend für die Ansiedlung in Frankfurt war, daß dort die US- amerikanische Besatzungsmacht, aufgrund der zentralen Lage des Flughafens, seit Oktober 1947 eine Verrechnungsstelle der Landeszentralbank des amerikanischen Besatzungsgebietes unterhielt (vgl. LANGE 1990, S. 47).

2.3 Historie ausgewählter europäischer Börsenstandorte

Die belgische Börsengeschichte läßt sich wie bereits in Punkt 2.1 erläutert, bis ins Jahr 1360 zurückverfolgen. Br-gge erlitt aber aufgrund der Versandung der Schelde und der habsburgerischen Machtexpansion einen Bedeutungsverlust, worauf der Handelsplatz an die Flußmündung nach Antwerpen verlegt wurde (vgl. WALTER 1992, S. 19, Bremer Wertpapierbörse 2001, S.o.a.). Antwerpen wurde während der Renaissance der Hauptfinanz- und Handelsplatz im gesamten europäischen Raum und seine Börse (1485-1531) stand <<den Kaufleuten jeder Nation und Sprache zur Verfügung>> (vgl. BERNARD 1978, S. 194). Hier entstand die erste Börse, die dem heutigen Verständnis eines Handelsplatzes entspricht, wobei in erster Linie Gewürze gehandelt wurden. Ein Gesetz aus dem Jahr 1801 unter napoleonischer Herrschaft ermächtigte die belgische Regierung, Börsen zu gründen worauf im selben Jahr die Brüsseler Börse auf Weisung von Paris errichtet wurde (vgl. PFAFFINGER 1990, S. 20). Mit der Unabhängigkeit Belgiens von den Niederlanden wurde Brüssel zur Hauptstadt, was zweifelsohne eine Aufwertung der dortigen Börse darstellte.

Die Amsterdamer Börse wurde 1602 infolge der wachsenden Bedeutung der Handelstätigkeit und dem gestiegenen Bedarf an neuen Finanzierungsmöglichkeiten eingeweiht (vgl. BEER 1992, S. 13). Hier fand auch im selben Jahr der erste Handel mit Aktien in der Welt statt, als die Ost-Indien-Companie beschloß, ihre Handelsgeschäfte und Unternehmungen durch Ausgabe von Aktien zu finanzieren (vgl. KOLTEN 1993 S. 1131). In der Zeit von 1660 bis 1710 avancierte Amsterdam zum unumstrittenen Haupthandelsplatz in Europa, der den Mittelpunkt des ersten multilateralen Zahlungssystems der Welt bildete (vgl. Abb. 2). „Holländische Kaufleute, holländische Schiffe und holländisches Kapital hatten um 1660 bereits an jedem wichtigem Handelsplatz Europas und außerdem in den meisten Hafenstädten Asiens, Amerikas und Afrikas Fuß gefaßt.“ (PARKER 1978, S. 350) Nach der französischen Besetzung Amsterdams 1794 verlagerte sich das Wechselgeschäft kurzfristig auf Hamburg bevor London, das seine Handelsbeziehungen nach 1713 mit der Neuen Welt stark ausbaute, endgültig das Erbe von Amsterdam antrat (vgl. KAUFHOLD 1992, S. 112).

Abbildung 2: Börsenverbindung der Städte Amsterdam und London um 1700

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Parker 1978, S. 351

In London trafen sich bereits seit dem Mittelalter Kaufleute an dem aus handelsgeographischer Perspektive günstig gelegenen untersten Themseübergang. Bereits im Hochmittelalter gründeten Kaufleute aus Genua und Venedig die ersten Banken, was dazu beitrug das London zu einem internationalen Finanzzentrum aufstieg. Einen wesentlichen Beitrag zum Aufstieg Londons als Wechselzentrum Europas leistete die Bank von England, die 1694 von König William III. als private Gesellschaft mit dem allgemeinen Recht zur Ausgabe von Banknoten gegründet wurde (vgl. PFAFFINGER 1990, S. 53). Seit dem 17. Jahrhundert trafen sich Londoner Investoren und Kaufleute in den Kaffeehäusern um Geschäfte zu tätigen. Es wurden Aktiengesellschaften gegründet, um den gestiegenen Finanzbedarf für große Handelsgeschäfte zu decken. Hinzu kam der hohe Finanzbedarf im Zuge der Industrialisierung. Die Börse wurde als ein Ort bekannt, an dem man sich schnell und billig mit Kapital versorgen konnte, so daß auch der Staat auf diese Institution zurückgriff (vgl. BEER 1992, S. 226). London avancierte in der folgenden Periode zur unangefochten Weltbörse Nr. 1. „Großbritannien war im 19. Jahrhundert das größte Industrie- und Handelsland der Erde, die größte Kolonialmacht und der größte Kapitalexporteur, London das Hauptzentrum zur Finanzierung des Welthandels und der internationalen Kredite.“ (GAEBE 1989, S. 60) Mit dem Zerfall des Britischen Empires und dem wirtschaftlichen Aufstieg der Vereinigten Staaten mußte London nach Ende des Ersten Weltkrieges seine Vormachtstellung an New York abgeben, blieb aber ein wichtiger internationaler Geld- und Finanzplatz.

Die Anfänge der Pariser Börse lassen sich bis ins 12. Jahrhundert zurückverfolgen, als Ludwig der VII. die „Grand Pont“ eine Br-cke in Paris als Ort festlegte, an dem die Wechselgeschäfte getätigt werden mußten. Ein genaues Gr-ndungsdatum kann nicht bestimmt werden. In der Literatur wird aber oft auf das Dekret Napoleons 1808 zur Gr-ndung einer Börse hingewiesen (vgl. BEER 1992, S. 380). Die erste französische Börse wurde bereits 1549 in Lyon eröffnet, Paris folgte mit etwas Abstand. Die Pariser Börse zog 1826 in das Palais Brongiart, welches Napoleon in Auftrag gegeben hatte. Die in der napoleonischen Zeit durchgeführten massiven Veränderungen in der Finanzstruktur des Landes haben sich zum Teil bis heute erhalten (vgl. PFAFFINGER 1990, S. 46).

Die Börse in Wien wurde am 1. September 1771 von Kaiserin Maria Theresia gegründet, um in einem gesetzlich gesicherten Rahmen den Handel mit Staatsanleihen, zur Geldbeschaffung für Kriegszwecke, zu fördern. Die staatliche Börsengr-ndung war eine der ersten in Europa, woraus sich die wirtschaftliche Stellung des Vielvölkerstaates zum Ende des 18. Jahrhundert ablesen läßt (vgl. PFAFFINGER 1990, S. 80). Der Aktienhandel wurde 1818 mit der Notierung der „Privilegierte österreichische Nationalbank“ aufgenommen. In Wien konnte sich der Aktienhandel nicht wie in anderen europäischen Städten etablieren. Obwohl es um 1850, ähnlich wie Berlin, eine Einwohnerzahl von 444 000 und damit verbunden gen-gend Spekulationskapital aufwies, blieb es aufgrund der sehr großen Kapitalnachfrage durch den Staat traditionell auf den Anleihemarkt ausgerichtet (vgl. GÖMMEL 1992, S. 144). Die historische Phase der beiden Weltkriege und den Zerfall der Monarchie wurde mit dem Mord in Sarajewo am 28. Juni 1914 eingeläutet. Die Bedeutung Wiens als international wichtiger Finanzplatz war damit verloren.

Obwohl italienische Städte, allen voran Venedig bereits im Mittelalter führend im Handels- und Wechselgeschäft waren, wurde erst 1808 die erste formelle Börse in Mailand per Gesetz von Eugen Napoleon[6] gegründet. Es folgte die Gr-ndung von Börsen in Rom, Turin, Genua, Bologna, Florenz, Neapel, Palermo, Triest und Venedig (vgl. PFAFFINGER 1990, S. 61). Bereits 1825 wurde die Mailänder Börse, aufgrund der mangelnden Nachfrage geschlossen, bevor sie 1858 wiedereröffnet wurde. Erst mit der Industriellen Revolution Ende des 19. Jahrhunderts in Italien, kam es zu einer Belebung des Geschäfts (vgl. BEER 1992, S.331).

In Z-rich wurde 1877 als 3. Börse in der Schweiz nach Genf 1850 und Basel 1876, der „Effektenbörsen-Verein Z-rich“ gegründet. Erste börsenmäßige Strukturen lassen sich in der Schweiz bereits seit Ende des 30-jährigen Krieges feststellen (vgl. PFAFFINGER 1990, S. 97). Ab 1888 wurde der Handel mit Bank- und Eisenbahnaktien aufgenommen. Um die Jahrhundertwende kam der Handel mit ausländischen Aktien, besonders mit amerikanischen hinzu (vgl. BEER 1992, S. 481). Vom Beginn des ersten Weltkrieges wurden auch die Börsen neutraler Länder wie der Schweiz getroffen. Während des ersten Weltkrieges und in der Nachkriegszeit waren die Schweizer Börsen, vor allem die Börsen in Z-rich, Basel und Genf ein wichtiges Bindeglied zwischen den verfeindeten Staaten (vgl. Henning 1992, S. 226 und S. 238f.).

Von den nordischen Börsen wurde 1808 als erste die Kopenhagener Börse gegründet. Die Anfänge des dänischen Handels lassen sich aber bis ins 17. Jahrhundert zurückverfolgen. In Norwegen wurde die Osloer Börse 1819 eröffnet. Die Gr-ndung der ersten schwedischen Börse in Stockholm erfolge erst 1862. Weitere entstanden in Göteborg (1863) und in Gävle (1873). Relativ spät zu den anderen europäischen Börsen wurde die finnische Börse in Helsinki 1912 gegründet. Von den nordischen Börsenplätzen erlangte keiner wirklich internationale Bedeutung im Finanzgeschäft (vgl. NOTTMEIER 1999, S. 182; PFAFFINGER 1990, S. 40 und 75, BEER 1992, S. 179).

3. Börsen, Begriff und Funktion Heute

3.1 Börsenbegriff

„Unter einer Börse ist (...) heute eine staatlich genehmigte Marktveranstaltung zu verstehen, die den Zweck verfolgt, regelmäßig Kaufleute durch Bereitstellung geeigneter Organisationsformen in die Lage zu versetzen, persönlich oder telekommunikativ nicht am Verhandlungsort befindliche, durch Standardisierung fungibilisierte Handelsobjekte oder Kontrakte bzw. Optionen auf diese Objekte öffentlich zu standardisierten Vertragsbedingungen zu handeln.“ (KOLTEN 1993, S. 1128) B-schgen weist der Börse dabei als Marktveranstaltung zur Bed-rfnisbefriedigung von Emittenten, Anlegern und Finanzintermediären die Aufgaben zu, sichere und kostengünstige Handelsabschl-sse in Finanztiteln unter einwandfreien Partnern zu ermöglichen und das Zusammenkommen von Finanzkontrakten zu fördern (vgl. BÜSCHGEN 1995, S. 14). Damit sind die wesentlichen Funktionen der Börse zu definieren, in:

- dem finden des Kurses, der einen Ausgleich zwischen Angebot und Nachfrage herstellt. (Preisbildungsfunktion)
- der börsentäglichen Neubewertung von Unternehmen. (Kapitalbewertungsfunktion)
- der Koordination volkswirtschaftlicher Spar- und Investitionsprozesse der Wirtschaftssubjekte in sachlicher, räumlicher und zeitlicher Hinsicht. (Ausgleichsfunktion)
- der Unterstützung des Austausches von Wertpapieren, indem Angebot und Nachfrage an bestimmten Plätzen oder Systemen konzentriert werden, um die Reduktion von Transaktionskosten und Informationsasymmetrien zu erreichen (Konsolidierungsfunktion)

(vgl. ABEL 1998, S. 101f.)

Mit diesen zentralen Aufgaben der Börse ist die Gestaltung von effizienten Kapitalmärkten eines der wichtigsten Kriterien geworden, die über den Wohlstand von Volkswirtschaften entscheidet. Deshalb muß es im Interesse aller Beteiligten bzw. Markteilnehmer liegen, trotz der Persistenz einzelner Standorte, ein Börsensystem zu schaffen, das die identifizierten Aufgaben am effizientesten erf-llt. Wenn der Produktionsfaktor Kapital über einen schlecht funktionierenden Markt nicht seiner optimalen Nutzung zugef-hrt wird, d.h. in unproduktive Anlagen investiert wird, entstehen infolge der Fehlallokationen volkswirtschaftliche Schäden.

3.2 Marktteilnehmer

Die bereits angesprochenen Marktteilnehmer bestehen aus heterogenen Gruppen, die im Börsensystem unterschiedliche Aufgaben erf-llen. Aufgrund der verschiedenen Funktionen ergeben sich unterschiedliche Interessen, die sich in der jeweiligen Ausgestaltung des Börsenwesens widerspiegeln und zuk-nftige Entwicklungen beeinflussen. Picot, Bortenlänger und Röhrl nehmen in ihrem Buch „Die Börsen im Wandel“ eine Dreiteilung der Interssensgruppen vor:

(1) den Handelsprozeß in Gang setzende Personen (Investoren)
(2) direkt in die Preisstellung involvierte Personen (Preisfeststellende Personen)
(3) Betreiber der Handelsplattformen (Organisationsmitglieder)

(PICOT 1996, S. 14)

Die Investoren m-ssen generell in solche mit und ohne Berechtigung zur persönlichen Teilnahme am Börsenhandel unterschieden werden. Diese unterscheiden sich weiter in private und institutionelle Investoren, deren unterschiedliche Bedürfnisse in Punkt 5.1.4 noch explizit dargestellt werden. Investoren ohne Zugangsberechtigung, meist private Anleger, m-ssen Intermediäre wie Banken einschalten, um ihre Wertpapiergeschäfte abwickeln zu können. In Deutschland d-rfen nur Kreditinstitute Aufträge der Kunden zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren von außen zur Börse bringen, da nach dem Kreditwesengesetz >>die Anschaffung und Veräußerung von Wertpapieren für andere << Bankgeschäft ist (vgl. KOLTEN 1993, S. 1242).

Zu der Gruppe der direkt in den Preisfestellungsprozeß involvierten Personen können je nach Art der Ausgestaltung des Börsensystems Händler, Broker, Market Maker und Kursmakler gerechnet werden. Diese Gruppe der Marktteilnehmer hat sich in der Diskussion um die zuk-nftige europäische Börsenstruktur immer für die Persistenz des bestehenden Börsensystems ausgesprochen. Beim Einsatz von Computerbörsen würde ihre Stellung stark gemindert (vgl. Punkt 6.2.5).

Als dritte Gruppe wurden die Betreiber der Handelsplattformen identifiziert. „Dies sind jene Personen, die als Organisationsmitglieder ein Mitbestimmungsrecht für die Gestaltung der Handelsplattform erwerben und so die Struktur der Handelsplattform beeinflussen können.“ (PICOT 1996, S. 15) In Deutschland z.B. besitzen die Kreditinstitute 80%[7] der Deutschen Börse AG und sind damit Haupteigent-mer. Die verschiedenen Möglichkeiten der Ausgestaltung der Organisationsformen, die von dieser Gruppe gewählt werden, werden im folgenden Gliederungspunkt erläutert.

Die Dreiteilung entspricht nur einer funktionalen Gliederung der Marktteilnehmer. Es lassen sich ebenfalls Marktteilnehmer identifizieren, die gleichzeitig zwei oder sogar drei Funktionen erf-llen. So sind die Kreditinstitute Eigent-mer, Händler und Investoren gleichzeitig, was ihnen im Vergleich zu anderen Interessengruppen eine dominante Stellung verschafft. Die verschiedenen Interessengruppen versuchen in erster Linie ihre Macht einzusetzen, um eine Börsenstruktur zu etablieren, die ihren persönlichen Präferenzen am besten entspricht.

3.3 Organisation

Die Träger der Börsen stellen die personellen und sachlichen Mittel, d.h. Räume, Verwaltung und Technik zur Verfügung (vgl. KOLTEN 1993, S. 1240). Die Trägerschaft ist sehr unterschiedlich gestaltet und hängt von der historischen Entwicklung des Standortes ab. Etabliert haben sich staatliche Trägerorgane (Madrid, Mailand), öffentlich rechtliche Genossenschaft (Brüssel), eingetragene Körperschaft (Kopenhagen) und die Organisation als Verein (Z-rich). In letzter Zeit haben eine Reihe von Börsen, um eine bessere Ausrichtung der Transaktionsprozeße an den Bedürfnissen der Investoren und nicht zuletzt um mehr Flexibilität zu erlangen, ihre Rechtsform in eine Aktiengesellschaft überf-hrt. Das beste Beispiel ist die Frankfurter Wertpapierbörse, deren Träger bis zur Umwandlung Ende 1990 in die Deutsche Börse AG, die Industrie und Handelskammer war (vgl. KOLTEN 1993, S. 1240).[8] Der Wettbewerb unter den Börsenplätzen wird zu einem großen Teil über die Organisationsform ausgetragen. „Langfristig wird diejenige governance structure von Börsen – im Sinne des Organisationsdarwinismus – überleben, die den Investoren die effizientesten Börsenleistungen bereitstellt.“ (RÖHRL 1996, S. 176)

3.4 Standorte europäischer Wertpapierbörsen

Die Abbildung 3 zeigt die insgesamt 53 westeuropäischen Börsenstandorte, die sich im Lauf der Geschichte herausgebildet haben und bis heute bestehen blieben. Die Länder mit den meisten Börsenplätzen sind Italien mit 10, Deutschland mit 8, Frankreich mit 7 und Großbritannien mit 6. In allen Ländern hat sich im Laufe der Zeit eine Leitbörse herausgebildet, an der meist 85% und mehr der Börsenumsätze eines Landes abgewickelt werden. Die Leitbörsen befinden sich mit Ausnahme Deutschlands, Italiens und der Schweiz immer in den Hauptstädten. Dieser Zusammenhang wird in Punkt 6.2.4 noch genauer betrachtet. Alle europäischen Staaten verfügen somit über mindestens eine Börse. Nur Irland besaß zwischenzeitlich als einziges westeuropäisches Land, nach dem Zusammenschluß der Dubliner mit der Londoner Börse zur „Stock Exchange Ltd.“ im Jahre 1973, keine unabhängige Börse mehr (vgl. SANKEY 2000, S. 32). Die Dubliner Börse wurde aber 1995 wieder ausgegliedert, da Irland als selbständiges EU Mitglied über eine eigenständige Börse verfügen mußte.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Standorte der westeuropäischen Wertpapierbörsen

Quelle: Rebitzer 1995, S. 157

Im Vergleich zu den USA mit nur 8 Wertpapier- und 7 Termin- und Optionsbörsen, die ein weitaus höheres Marktpotential und eine 3 mal so große Fläche mit Börsenleistungen versorgen m-ssen, scheint die Zahl von 53 Börsenplätzen sehr hoch. Dies läßt sich wie im 1.Kapitel angedeutet, durch das Bestehen des Messe- und Börsenwesens seit ca. 1000 Jahren und der föderalistischen Struktur Europas erklären. Jedoch läßt der Vergleich mit den USA erahnen, welche Richtung die Entwicklung der europäischen Börsenstruktur nehmen könnte.

4. Konkurrenzbeziehung der Börsenstandorte

Im folgenden Kapitel wird die gegenwärtige europäische Börsenlandschaft dargestellt unter der besonderen Berücksichtigung der regionalen, nationalen und internationalen Konkurrenzbeziehungen der Standorte. Im ersten Schritt soll untersucht werden, welche Kriterien den Wertpapierhandel attraktiv machen, d.h., welche Faktoren für die Attraktivität von Börsenstandorten verantwortlich sind. Anhand der gefundenen Faktoren soll auch eine grobe Klassifikation der Standorte vorgenommen werden.

4.1 Kriterien zur Systematisierung

Die Befragung von 255 Banken in der Dirk Schiereck 1995 eine Zielgewichtung ausgewählter Faktoren, der Attraktivität der wichtigsten Börsen in Europa für Anleger ermittelt, dient der Arbeit als Ausgangspunkt. Mit dem dekompositorischen Verfahren „Direct- Ratio“, wurden die Kriterien niedrige Transaktionskosten, hohe Liquidität, schnelle und sichere Abwicklung, faire Preissetzung, hohe Markteffizienz, optimale Markttranparenz und Handelspublizität, hoher Insiderschutz, hoher Handelskomfort, angemessene institutionelle Ausgestaltung, ausreichende Produktpalette und gutes Image bewertet. Das Ergebnis zeigt Tabelle 1 im Anhang in vereinfachter Form.

Die Auswertung verdeutlicht, daß Investoren bei ihrer Börsenplatzentscheidung mit deutlichem Abstand eine hohe Liquidität als wichtigstes Kriterium einschätzen, noch vor der angebotenen Produktpalette (vgl. SCHIERECK 1995, S. 136, vgl. Tabelle 1). Um den Rahmen der Arbeit nicht zu sprengen, sollen nur die ersten beiden, mit Abstand wichtigsten Größen zur Beurteilung der Attraktivität und damit der internationalen Stellung der Börsen herangezogen werden. Das Problem der Marktliquidität als wichtigstes Effizienzkriterium von Börsenstandorten ist, daß sie nicht von den Börsen selbst zur Verfügung gestellt werden kann, sondern von den an einem Börsenstandort agierenden Marktteilnehmern generiert wird. Aus diesem Grund wird die Anzahl der Banken, von denen der Hauptteil der Liquidität generiert wird, pro Standort in die Betrachtung mit einfließen. Die Marktliquidität selbst wird anhand der Wertpapierumsätze an den Börsen beschrieben. Die Größe der Produktpalette spiegelt sich in der Zahl der notierten Wertpapiere wieder. Als weiterer Maßstab für die Größe des Aktienmarktes wird die Marktkapitalisierung betrachtet. Darüber hinaus werden historische Gegebenheiten, Zufälle, Expertise usw. kurz erläutert werden, wenn sie Bedeutung für die aktuelle internationale Wettbewerbsfähigkeit des einzelnen Standortes besitzen.

4.2 Das Problem der regionalen Börsenstandorte

Bei der Erörterung der Konkurrenzbeziehungen der regionalen Börsen kann eine explizite Darstellung der einzelnen Plätze nicht erfolgen. Von den deutschen Regionalbörsen abgesehen, war es nicht möglich – trotz schriftlicher Anfrage an zahlreiche europäische Regionalbörsen - die Rahmendaten (der gefundenen Kriterien; Zahl der notierten Wertpapiere, Marktkapitalisierung, Wertpapierumsatz) zu erhalten. Ihre Daten - insofern sie erhoben werden - werden oft in nationalen Statistiken, oder als Zusammenfassung aller regionalen Plätze veröffentlicht. Aus diesen Gründen kann die Wettbewerbssituation nur generell diskutiert werden, was aber die Aussagekraft der Arbeit über die Persistenz der Börsenstandorte nicht beeinträchtigt.

Das Bestehen von regionalen Handelsplätzen f-hrt Gerke auf die historische Tatsache zurück, daß zum Zeitpunkt der Gr-ndung dieser Börsen ein einziger, zentraler Handelsplatz nicht für alle Marktteilnehmer zugänglich gewesen wäre (vgl. GERKE 1994, S. 15). Dergestalt bestehen in den meisten europäischen Ländern Börsensysteme mit unabhängigen Regionalbörsen von denen jeweils eine die Position als Leitbörse wahrnimmt. Das beste Beispiel hierfür ist Deutschland mit seinen 8 Regionalbörsen, von denen Frankfurt 85 % des Umsatzes auf sich vereinen kann. Vergleichbare Strukturen bestehen in Großbritannien, Frankreich, Italien, Spanien und in der Schweiz wo jeweils London, Paris, Mailand, Madrid und Z-rich die nationalen Leitbörsen bilden. Die kleineren Plätze verstehen sich aus ihrer traditionell gewachsenen Aufgabenstellung vor allem als zuständige Regional- und Heimatbörse, wie die Bremer Wertpapierbörse für das Land Bremen sowie für die nordwestdeutsche Region (vgl. BREMER WERTPAPIERBÖRSE 2001, S. o.a.). Sie bieten Vorteile für kleine Banken, denen der Handel über die Leitbörsen zu m-hselig ist und stellen den Handel mit regional verbreiteten Werten sicher (vgl. HEEG 2000a, S. 26).

Nach Breuer, Vorstandsmitglied der Deutschen Bank AG, leidet der gesamteuropäische Markt unter seiner Fragmentierung, die die Effizienz und Wettbewerbsstärke der europäischen Börsen beeinträchtigt (vgl. BREUER 1997, S. 4). Um den negativen Folgen der historisch fragmentierten Märkte zu entgehen, ist ein Trend von Zusammenschl-ssen, Fusionen und Kooperationen überall dort erkennbar, wo die kritische Masse einzelner nicht ausreicht, um einen wettbewerbsfähigen, kostendeckenden und liquiden Handelsbetrieb zu gewährleisten.(vgl. GERKE 1994, S. 17). „So wurde in Frankreich im Zuge eines konzentrierten Reformplans im Januar 1991 die Bedeutung der Börse Paris als zentraler Handelsplatz signifikant verstärkt, während gleichzeitig die Eigenständigkeit der Regionalbörsen in Lyon, Nantes, Marseille, Bordeaux, Nancy und Lille und deren Aufgaben neu definiert wurde.“ (GERKE 1994, S. 15f.) Auch Z-rich wurde im selben Jahr in seiner Rolle als bedeutendster Schweizer Finanzplatz gestärkt, als von den sieben Schweizer Börsen, vier - in Bern, Lausanne, Neuenburg und St. Gallen - geschlossen wurden (vgl. BEER 1992, S. 483). Die verbleibenden Börsen in Genf, Basel und Z-rich schlossen sich zur Schweizer Börse (SWX) zusammen und sind durch ein elektronisches Handelssystem verbunden (vgl. GERKE 1994, S. 16). In Spanien und Italien kam es zu vergleichbaren Reformen. Ein Vorzeichen dieser Entwicklung war der Zusammenschluß der britischen und irischen Börsen 1973 zur „Stock Exchange Ltd.“, was die Börsen in Birmingham, Dublin, Glasgow und Liverpool zu unselbständigen Zweigstellen der Londoner Börse werden ließ. Auch für Deutschland forderte der ehemalige Bundesbankpräsident Pöhl in seiner wegweisenden Rede an der Universität Frankfurt im Sommer 1989 eine Konzentration auf den Standort Frankfurt, der als einziger ernsthafte Chancen habe, ein internationaler Finanzplatz zu werden (vgl. METZLER 1992, S. 156f.). In Anbetracht dieser Entwicklung wurden die Pläne zur (Wieder-) Eröffnung einer Regionalbörse in Leipzig, womit die Stadt an ihre alte Börsentradition anknüpfen hätte können, verworfen (vgl. O.V. 1995, S. 34). Der Konsolidierungstrend im Börsenwesen ist aber kein rein europäisches Phänomen. So gab es zur Jahrhundertwen­de in den USA noch 100, 1935 nur mehr 35, 1965 lediglich 15 und inzwischen nur mehr 5 Regionalbörsen (vgl. RÖHRL 1996, S. 109).

Die Länder haben mit der Schließung der Regionalbörsen auf das zentrale Problem, mit dem eine heterogene Börsenlandschaft verbunden ist, daß Angebot und Nachfragen der Marktteilnehmer nicht an einem zentralen Ort zusammengef-hrt werden, reagiert. Es können nur allokationsoptimale Kurse gefunden werden, wenn der Informationsverarbeitungsprozeß auf Basis aller am Markt befindlichen Aufträge zustande kommt (vgl. NABBEN 1994, S. 173). So konnten z.B. am fragmentierten deutschen Markt zwischen der Zentralbörse in Frankfurt und den Regionalbörsen Preisunterschiede von bis zu 7% in DAX- Titeln beobachtet werden (vgl. RÖHRL 1996, S. 53). Diesem Problem kann nur begegnet werden, wenn zwischen den regionalen Handelsplätzen Informationssysteme installiert werden, die die Ermittlung eines allokationseffizienten Preises zulassen. Dadurch wird aber das gesamte System mit zusätzlichen Transaktionskosten belastet. Zudem f-hrt die Aufteilung des Handelsvolumens auf regionale Handelsplätze zu einer „Zersplitterung des Handels“, was eine Reduktion der Liquidität, eine höhere Volatilität[9] und schließlich in einem selbst verstärkenden Prozeß ein Austrocknen einzelner Teilmärkte impliziert (vgl. GERKE 1994, S. 16). Hinzu kommt, daß bei der Existenz von regionalen Handelsplätzen die Mehrfachvorhaltung und Bereitstellung für identische Dienstleistungen den Fixkostenblock eines national framentierten Börsensystems unnötig aufbläht. Banken haben spiegelbildlich dasselbe Problem. Sie m-ssen an vielen der über 50 Börsenplätze in Europa präsent sein, denn selbst die Aktien der größeren Unternehmen werden oft nur am jeweiligen Heimatmarkt in ausreichend großer Stückzahl gehandelt. Dadurch m-ssen sie für jede Börse die Zulassungskosten und Grundgeb-hren tragen, eigene Handelssysteme kaufen und warten, was zu einen gewaltigen Kostenblock bedingt (vgl. PAULY 2000, S. 94).

Trotz der Problematik eines fragmentierten Börsensystems wollen viele regionale Handelsplätze, besonders in Deutschland, an ihrer Selbständigkeit festhalten. In der Diskussion um die Rolle der regionalen Börsen ist von deren Seite neben sachlogischen Argumenten oftmals ein zwanghaftes Festhalten an alten Strukturen zu erkennen, was die Anpassung der Regionalbörsen an die veränderten Anforderungen und im Besonderen das Herausbilden eines effizienten nationalen Börsensystems erschwert. In diesem Kontext verweigerten die deutschen Regionalbörsen die Zustimmung zum dritten Finanzmarktförderungsgesetz, bis in das Gesetz eine angemessene Beteiligung ihrer Handelsplätze am Xetra Handel aufgenommen wurde (vgl. O.V. 1998, S. 37). Sie verweisen dabei auf die bestehende Gefahr, daß bei der monopolartigen Stellung von Leitbörsen sich der Service nicht mehr an den Kundenw-nschen, sondern an der Gewinnoptimierung orientiert und überhöhte Preise für Dienstleistungen von den Investoren gefordert werden. Der Fortbestand der regionalen Börsenstandorte könnte zudem die Konkurrenz zwischen den regionalen Standorte untereinander und zwischen Leitbörse und regionalen Plätzen erhöhen und den Innovationsdruck auf die einzelnen Standorte fördern, was dem Börsensystem insgesamt einen Effizienzgewinn brächte. Auch Porter nennt explizit in seinem Diamant Konzept zur Erklärung von Wettbewerbsvorteilen von nationalen Branchen im Internationalen Wettbewerb – zu denen auch die Börsen gezählt werden m-ssen, die „nationale Konkurrenz und die Intensität des Wettbewerbs“ (vgl. PERLITZER 1997, S. 158ff.).

Neben dieser zutreffenden Argumentation der Regionalbörsen, die für ihre Persistenz plädieren, werden oft ökonomisch nicht genau falsifiziertbare Rechtfertigungen gebracht. So wird, wenn auch nicht in der Diskussion explizit genannt, immer wieder auf die historische Bedeutung der Regionalbörsen hingewiesen. „Sie sind ebenso wie etwa die kulturelle Vielfalt Ausdruck bewährter dezentraler und föderalistischer Entwicklungen.“ (FREUDENBERG 1992, S. 126) Ferner wird auf die gewachsenen Wertvorstellungen und das Image von Wirtschaftsregionen, welche durch die Anwesenheit einer Börse als höchstrangiges Wirtschaftsorgan geprägt werden, verwiesen. „Wir haben die Interdependenzen zu sehen zwischen dem tertiären Sektor, zwischen Finanzplatz und Industriestandort. Die Börse ist nun einmal der sichtbare Ausdruck des Finanzplatzes. In ihr fokussiert sich die finanzwirtschaftliche und industrielle Bedeutung einer Region.“ (FREUDENBERG 1992, S. 126) Aus diesem Grund unterst-tzen Landesregierungen die Bestrebungen der Regionalbörsen ihre Selbständigkeit zu bewahren. Der bayerischen Landtag äußerte in diesem Zusammenhang 1996 seine Skepsis gegenüber der Kooperation zwischen M-nchen und Frankfurt, da man befürchtete, M-nchen könne seine Selbständigkeit verlieren. Es wurde ein Antrag eingereicht, der die Staatsregierung aufforderte, „...alle geeigneten Schritte zu unternehmen, den Bestand der Bayerischen Wertpapierbörse und damit die Zukunftsperspektiven des Finanzplatzes M-nchen zu sichern“. (SCHMEKEN 1995, S.31) Mit einem Bedeutungsverlust der Regionalbörsen wird die Abwanderung von Finanzdienstleistern und großen Industriebetrieben an die jeweiligen Leitbörsen befürchtet, was auf Kosten von Arbeitsplätzen und der wirtschaftlichen Prosperität der Region gehen könnte.

Die Börsenmitglieder plädieren ebenfalls für einen Erhalt der Selbständigkeit, zum Teil aus Selbstzweck. Alte Trägerorgane wie Handelsvereine werden aufgelöst oder verlieren an Gewicht mit der Kooperation. Zudem geht mit der Zusammenarbeit der Regionalbörsen mit den Leitbörsen meist eine Vernetzung der Handelssysteme und damit eine Umstellung von Parkett auf Computerhandel einher. Der Wegfall des physischen Parketthandels beschränkt aber das Betätigungsfeld der an der Preisfestellung beteiligten Personen (vgl. CLAUS 1999, S.33). Im Interesse dieser Gruppen liegt es somit im speziellen den Status quo der Regionalbörsen zu erhalten. Sie widersetzen sich den Bestrebungen, einheitliche nationale Börsensysteme zu schaffen. Von Seiten der Emittenten regt sich ebenfalls Widerstand gegen die Veränderung der Börsenstruktur. Als 1996 eine Kooperation der Börsen Frankfurt, M-nchen, D-sseldorf und Berlin diskutiert wurde, weigerte sich Porsche, seine Aktie von M-nchen aus Betreuen zu lassen, obwohl die Umsätze zum Hauptteil in Frankfurt und nicht in Stuttgart stattfinden (vgl. O.V. 1996, S. 37).

4.3 Konkurrenzsituation der nationalen Leitbörsen

4.3.1 Identifizierte Kriterien

Es soll anhand der unter Punkt 4.1 gefundenen Kriterien eine Bewertung der wichtigsten nationalen Leitbörsen durchgef-hrt werden. Ziel der Untersuchung ist es, ein Bild der gegenwärtigen Stellung und Leistungsfähigkeit der einzelnen Börsen im europäischen Vergleich zu erstellen.

Zahl der gelisteten Wertpapiere

Bei der Zahl der gelisteten Wertpapiere nimmt in Europa London deutlich die Spitzenposition ein. Hier werden mit 448 auch absolut die meisten ausländischen Titel gehandelt, was die internationale bzw. globale Bedeutung Londons unterstreicht. In Kontinentaleuropa werden in Frankfurt, Paris und Madrid annähernd gleich viele Aktien gehandelt. Während in Paris und Madrid hauptsächlich inländische Werte gehandelt werden, bietet die Frankfurter Börse mit 25 % Auslandsaktien einen relativ großen Anteil. Darin kommen die Ambitionen als internationaler Handelsplatz anerkannt zu werden und die Bestrebungen, London als Börsenplatz mindestens ebenb-rtig zu werden, zum Ausdruck. Von relativer Bedeutung in puncto gelisteter Aktien sind noch die Z-richer und die Amsterdamer Börse.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Anzahl der im Jahre 2000 an westeuropäischen Leitbörsen gelisteten Aktien

Quelle: Eigene Darstellung [10] ; Daten FIBV 2001

Bei den festverzinslichen Schuldverschreibungen f-hrt Luxemburg deutlich vor London und Frankfurt. (vgl. Abb. 11 im Anhang). In Luxemburg sind von den 13.679 gelisteten Schuldverschreibungen 95 % ausländische, was auf die dort vorherrschenden steuerlichen Vergünstigungen von Finanzgesellschaften zurückzuführen ist. Beachtliche Märkte für festverzinsliche Papiere finden sich noch an der Kopenhagener, Pariser und Z-richer Börse.

Luxemburg liegt ebenfalls bei einer Zusammenfassung der Aktien- und Rentenumsätze aufgrund seiner steuerrechtlichen Sonderstellung an der Spitze vor London und Frankfurt. Die Aussagekraft der gelisteten Wertpapiere über die Wettbewerbsfähigkeit einer Börse ist aber sehr eingeschränkt. Investoren bevorzugen einen breiten Markt, damit sie ihre Portfolios ausreichend differenzieren können, aber die Breite des Marktes sagt nichts über die wirkliche Zahl der gehandelten Wertpapiere und damit über die Liquidität an diesem Börsenstandort aus. Ferner beschränkt sich der Großteil der Umsätze auf wenige Standardwerte.

Marktkapitalisierung

Die Marktkapitalisierung ber-cksichtigt zusätzlich den Wert der gelisteten Wertpapiere. Sie errechnet sich aus der Summe aller Aktien multipliziert mit deren Börsenkursen. Die Größe ist damit stark von der aktuellen Kursentwicklung am Markt abhängig. Obwohl Abbildung 5 die Marktkapitalisierung nur von inländischen Aktien veranschaulicht, wird die Überlegenheit Londons erneut deutlich. Dessen Marktkapitalisierung ist doppelt so hoch wie die der zweitplazierten Pariser Börse. An 3. Stelle folgt die Frankfurter Börse. Der Grund für deren schlechtes Abschneiden liegt in der deutschen Industriestruktur. Im Vergleich zu anderen Industrieländern wie Großbritannien, Japan und den USA wird die deutsche Wirtschaft von mittelständischen Unternehmen geprägt, welche andere Rechtsformen als die AG mit ihren hohen Kosten präferieren. Daneben befindet eine größere Zahl von Aktiengesellschaften in Familienbesitz, deren Mitglieder meist kein Interesse an einer Börsennotierung haben (KOLTEN 1993, S. 1218). Mit fast identischen Werten folgen auf Rang 4 die Schweiz und auf Rang 5 Italien. Das Schlußlicht bildet Österreich.

Abbildung 5: Marktkapitalisierung inländischer Aktien 2000 an den westeuropäischen Börsen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung; Daten FIBV 2001

[...]


[1] Aus Gründen der historischen Verflechtungen und um ein einheitliches Bild von Westeuropa zu zeigen, werden neben den EU- Staaten die Schweiz und Norwegen in die Untersuchung mit einbezogen.

[2] Champagnemessen: eine Reihe von Messen die ihre Bl-te im 13. Jahrhundert erlebten. Die wichtigsten Termine waren im Januar Lagny-sur-Marne, am Dienstag vor Mittfasten Bar, im Mai die erste Messe von Provins, genannt nach dem Heiligen Quiriacus, im Juni die «Heisse Messe» von Troyes, im September die zweite Messe von Provins, die von St. Agi­lolf, und schließlich im Oktober, als Abschluß, die «Kalte Messe» von Troyes (vgl. PIRENNE 1976, S. 100).

[3] Röhrl datiert die Treffen vor dem Haus der Familie „Van der Buerse“ auf das 15. Jahrhundert (vgl. RÖHRL 1996, S. 11).

[4] „Dreißigjähriger Krieg, eine Reihe von Kriegen zwischen 1618 und 1648, an denen die meisten Staaten Westeuropas beteiligt waren und die hauptsächlich auf deutschem Boden ausgetragen wurden. Zunächst ging es vor allem um grundlegende konfessionelle Gegensätze, hervorgerufen durch die Reformation.“ (ENCARTA 2001, Dreißigjähriger Krieg)

[5] Ende der Befreiungskriege der europäischen Staaten- Koalition gegen das Kaiserreich Napoleons I. und die französische Vorherrschaft in Europa, die von 1813 bis 1815 dauerten (vgl. ENCARTA 2001, Befreiungskriege).

[6] Sohn Napoleon des Ersten, der seit 1805 Vizekönig von Italien war. (vgl. BEER, 1992, S.331)

[7] Inländische Kreditinstitute halten davon 88% und ausländische Kreditinstitute 12%

[8] Aus diesem Grund sind die Begriffe Frankfurter Börse und Deutsche Börse in der Arbeit als gleichwertig zu erachten.

[9] „Schwankungsmaß der Variabilität von Wertpapierkursen, Zinssätzen und Devisen.“ (BESTMANN 1997, S. 663)

[10] Mit der Landkarten- Zusatzfunktion von Exel ist es nicht möglich die Kreise zu dem geographisch richtigen Standort der Börse zuzuordnen. Die Kreise ordnen sich automatisch im Zentrum des jeweiligen Landes an. Bei einem * lagen nur Länderdaten vor, die aufgrund der dominierend Stellung den Leitbörsen zugeschrieben wurden. Dies gilt auch für alle weiteren grafischen Darstellungen

Details

Seiten
92
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783832450816
ISBN (Buch)
9783838650814
Dateigröße
1.5 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v220612
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Betriebswirtschaftslehre
Note
1,7
Schlagworte
börse börsenstandorte globalisierung finanzmärkte börsengeschichte börsenstruktur zukunft

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Titel: Die Persistenz von Börsenstandorten unter Berücksichtigung der regionalen, nationalen und internationalen Konkurrenzbeziehungen in Europa