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Semantische Spezifik der wirtschaftlichen Termini gegenüber den gemeinsprachlichen Lexemen

Magisterarbeit 2001 121 Seiten

Germanistik - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Einführung

I. THEORETISCHE GRUNDLAGEN
1. Forschungsstand: Bedeutung
1. 1. Zum Begriff „Bedeutung“
1. 2. Ansätze zur Bedeutungsbeschreibung
1. 2. 1. Denotative vs. konnotative Bedeutung
1. 2. 2. Potentielle (kontextunabhängige) vs. aktuelle (kontextabhängige) Bedeutung
1. 2. 3. Extensionale vs. intentionale Bedeutungskomponente
1. 2. 4. Bedeutungsbeschreibung durch Prototypen und Stereotypen
1. 2. 5. Vorschlag zur Bedeutungsklassifizierung von Rolf Müller
1. 3. Schlussfolgerungen aus Kapitel 1
2. Forschungsstand: Fachsprache
2. 1. Abgrenzung der Fachsprache von der Gemeinsprache
2. 2. Differenzierungsmöglichkeiten von Fachsprachen
2. 3. Verhältnis Fachsprache – Fachjargon – Sondersprache
2. 4. Zur Beschreibung der Wirtschaftssprache als eines Komplexes von Fachsprachen
2. 4. 1. Zum Begriff „Wirtschaft“ und seiner Differenzierung
2. 4. 2. Zur Typologisierung der Wirtschaftssprache
2. 5. Schlussfolgerungen aus Kapitel 2

II. EMPIRISCHE UNTERSUCHUNG
3. Semantische Besonderheiten wirtschaftlicher Termini gegenüber gemeinsprachlichen Lexemen
3. 1. Zum Begriff „wirtschaftlicher Terminus“ und seiner Abgrenzung vom gemeinsprachlichen Lexem
3. 1. 1. Terminologienormung
3. 1. 2. Zur Definition von Termini und gemeinsprachlichen Lexemen
3. 1. 2. 1. Zum Begriff „Definition“
3. 1. 2. 2. Definitionsarten
3. 1. 2. 3. Semantische Unterschiede zwischen Alltagsdefinition und wissenschaftlicher Definition 65
3. 1. 3. Schlussfolgerungen aus Kapitel 3. 1.
3. 2. Zur Beschreibung lexikalischer Bedeutungskomponenten von wirt- schaftlichen Termini und gemeinsprachlichen Lexemen
3. 2. 1. Die denotative Bedeutung
3. 2. 2. Die konnotative Bedeutung
3. 2. 3. Die aktuelle (kontextabhängige) Bedeutung
3. 2. 4. Die prototypische Beschreibung
3. 2. 5. Die stereotypische Beschreibung 86
3. 2. 6. Schlussfolgerungen aus Kapitel 3. 2.
3. 3. Zu paradigmatischen Beziehungen in der Wirtschaftsterminologie
3. 3. 1. Hyperonym-, Hyponymrelationen bei wirtschaftlichen Termini
3. 3. 2. Synonymie bei wirtschaftlichen Termini
3. 3. 3. Polysemie und Homonymie bei wirtschaftlichen Termini
3. 3. 4. Schlussfolgerungen aus Kapitel 3. 3.

Resümee mit tabellarischer Zusammenfassung der empirischen

Untersuchungsergebnisse

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Einführung

Leibniz schrieb 1717:

Musterung und Untersuchung aller deutschen Worte, welche, dafern sie vollkommen, nicht nur auf diejenigen gehen soll, die jedermann braucht, sondern auch auf die, so gewissen Lebensarten und Künsten eigen. [...] so in der Natur der Dinge, sonderlich der Kräuter und Tiere, Feuerkunst und Chemie, Wißkunst und Mathematik und daran hängenden Baukünsten und anderen Kunstwerken, Weberei und sogenannten Manufakturen, Handel, Schiffahrt, Berg- und Salzwerksachen und was dergleichen mehr [...] . [1]

Leibniz meinte mit den „gewissen Lebensarten und Künsten“ vor 284 Jahren das, was heute die Wissenschaft als „Fächer“ und somit „Fachsprachen“, „Fachwortschätze“, „Terminologien“ u. ä. bezeichnet.

In der Zeit der Industrialisierung wurden zunächst die Herausbildung und dann die wissenschaftliche Erforschung und Planung von Fachsprachen zu einer wirtschaftlichen Notwendigkeit. Trotz diesem Erfordernis sowie der zahlreich erschienenen Studien zu Fachsprachen ist dieser Objektbereich immer noch lückenhaft.[2]

Als einer von vielen Problemkreisen darf die komparative Untersuchung der einzelnen Fachsprachen und der Gemeinsprache auf allen sprachlichen Ebenen (vor allem pragmatischen, syntaktischen, semantischen) genannt werden. Es gilt zwar im Allgemeinen, dass die Ausformung der Fachsprachen in ihrem Verhältnis zur Gemeinsprache ein kontinuierlicher Prozess von Differenzierung und Integration ist und beide miteinander verankert sind. Dennoch bedarf dies weiteren eher praxisbezogenen Analysen.

Hauptträger einer Fachsprache sind Fachwörter/Fachtermini. In der vorliegenden Ar- beit sollen diese den gemeinsprachlichen Lexemen[3] - den Hauptträgern der Gemeinsprache - unter semantischem Aspekt gegenübergestellt werden. Daraus folgend soll untersucht werden, inwieweit und unter welchen Gesichtspunkten die Bedeutung der Termini und der gemeinsprachlichen Lexeme voneinander unterscheiden.

Im Hinblick darauf existieren in der Sprachforschung zwei deutlich auseinandergehende Auffassungen zum Verhältnis Terminusbedeutung - gemeinsprachliche Bedeutung: die eine - traditionelle - betrachtet die Terminologie als eine statische, völlig von dem Allgemeinwortschatz isolierte Erscheinung, während die andere - moderne - Dynamik und semantische Ähnlichkeit der Terminologie und der Allgemeinlexik betont. Zum Anliegen der vorliegenden Arbeit gehört die Richtigkeit der beiden Postulate empirisch zu überprüfen.

Da es nicht möglich ist, die große Reihe von verschiedenen Fachsprachen mit ihren spezifischen Terminologien im Rahmen einer Einzelarbeit zu berücksichtigen, sollen an dieser Stelle bestimmte Einschränkungen und Schwerpunkte der Arbeit gesetzt werden.

Es wurde bereits oben erwähnt, dass die Herausbildung und die Erforschung von Fachsprachen vor allem auf wirtschaftlicher Notwendigkeit beruht. Jeder Mensch hat täglich mit Wirtschaft, somit auch mit Wirtschaftssprache zu tun. Wie man aber Wirtschaft und Wirtschaftssprache genau definieren soll, ist bis heute unklar. Unter Wirtschaftssprache kann sowohl Börsensprache als auch Werbesprache, Sprachen der Wirtschaftspolitik, der Wirtschaftsinformatik usw. verstanden werden.

Wirtschaftssprache gilt in der Linguistik als wenig erforschtes Gebiet. Dieses Defizit ist vor allem auf die Komplexität des Wirtschaftsbereiches und somit auch der Wirtschaftssprache zurückzuführen. Wirtschaftssprache fungiert sowohl in der gemeinsprachlichen als auch der fachsprachlichen Kommunikation, so dass es nicht leicht ist, die Grenze zwischen ihnen zu ziehen, wie z. B. dies zwischen der Fachsprache

der Pharmazie und der Gemeinsprache relativ unkompliziert erscheint. Fachwörter, wie z. B. Geld, Bank, Kaufen/Verkaufen, gehören längst zum Gemeinwortschatz, während sich ein Durchnittssprecher unter Gingivitis bzw. Corsodyl so gut wie nichts vorstellen kann.

Die vorliegende Arbeit soll ebenfalls zum Forschungsfeld von Wirtschaftsfachsprachen beitragen, indem ihre Hauptträger - wirtschaftliche Termini - semantisch untersucht werden.

Die Arbeit besteht aus zwei Teilen – einem theoretischen und einem empirischen.

Im ersten Teil soll ein Überblick über den aktuellen Forschungsstand von Bedeutungstheorien einerseits sowie den von Fachsprachen andererseits gegeben werden, während der zweite Teil sich auf die empirische Untersuchung der Semantik von wirtschaftlichen Termini konzentriert.

Im ersten Kapitel soll zunächst der Begriff „Bedeutung“ definiert werden. Weiterhin werden die folgenden Aspekte der Bedeutungsbeschreibung diskutiert:

- denotative vs. konnotative Bedeutung;
- potentielle (kontextunabhängige) vs. aktuelle (kontextabhängige) Bedeutung;
- extensionale vs. intensionale Bedeutungskomponente;
- Bedeutungsbeschreibung durch Prototypen und Stereotypen.

Abschließend soll der Vorschlag zur Bedeutungsklassifizierung von Rolf Müller vorgestellt werden, der ganz neue, von den oben genannten abweichende Aspekte einfließen lässt.

Im zweiten Kapitel soll zunächst der Begriff „Fachsprache“ definiert werden. Es erfolgt die Beschreibung der Fachsprache in ihrer Gegenüberstellung zur Gemeinsprache sowie die Differenzierung der Fachsprachen nach dem vertikalen und horizontalen Schichtungsmodell. Weiterhin soll das Verhältnis zwischen den miteinander im engen Zusammenhang stehenden Subsystemen der Gesamtsprache, wie Fachsprache, Fachjargon und Sondersprache, zur Diskussion gestellt werden. Darüber hinaus wird auf die Wirtschaftssprache eingegangen. Dies soll in zwei Schritten erfolgen: zunächst werden der Komplex Wirtschaft und seine Bereiche vorgestellt und daraus folgend die Wirtschaftssprache typologisiert.

Im dritten Kapitel erfolgt die komparative Analyse wirtschaftlicher Termini und gemeinsprachlicher Lexeme unter semantischem Aspekt.

Im Kapitel 3. 1. wird zunächst der Begriff „wirtschaftlicher Terminus“ erläutert, indem er vom gemeinsprachlichen Lexem abgegrenzt wird. Daraufhin werden Grundzüge der Terminologienormung - einer der Eigenschaften der Termini - vorgestellt. Da ein Terminus erst entsteht, indem er definiert wird, sollen der Begriff „Definition“, seine Arten sowie die Unterscheidung zwischen wissenschaftlicher Definition und Alltagsdefinition zur Diskussion stehen.

In 3. 2. erfolgt die Beschreibung lexikalischer Bedeutungskomponenten von wirtschaftlichen Termini in der Gegenüberstellung zu gemeinsprachlichen Lexemen nach den im ersten Teil dargelegten Kategorien:

- denotative Bedeutung;
- konnotative Bedeutung;
- aktuelle (kontextabhängige) Bedeutung;
- prototypische Beschreibung;
- stereotypische Beschreibung.

Das Kapitel 3. 3. beschäftigt sich mit paradigmatischen Beziehungen in der Wirtschaftsterminologie, die sich hauptsächlich in Form der Hyponym-, Hyperonymrelation, Synonymie, Polysemie und Homonymie manifestieren.

Am Ende eines Kapitels werden Schlussfolgerungen der Überlegungen dargeboten, wobei im zweiten Teil auch die semantischen Unterschiede zwischen Termini und gemeinsprachlichen Lexemen einfließen.

Zur empirischen Bedeutungsuntersuchung werden (fach)lexikographische Definitionen aus den Wirtschaftslexikons[4] sowie den universellen Bedeutungswörterbüchern[5] benutzt.

Im Rahmen des Resümees werden Untersuchungsergebnisse im Hinblick auf semantische Unterschiede zwischen wirtschaftlichen Termini und gemeinsprachlichen Lexemen tabellarisch zusammengetragen.

I. THEORETISCHE GRUNDLAGEN

1. Forschungsstand: Bedeutung

Da sich die vorliegende Arbeit mit der Semantik der Wörter beschäftigt, erscheint es sinnvoll, sich zunächst im Allgemeinen mit dem Begriff „Bedeutung“ und den in der Sprachwissenschaft diskutierten Bedeutungstheorien auseinanderzusetzen. Das Ziel dieses Kapitels ist es, einen Überblick über den aktuellen Forschungsstand von linguistischen Bedeutungstheorien zu geben sowie Grundlinien für den empirischen Teil der Arbeit über semantische Besonderheiten der wirtschaftlichen Termini zu entwickeln.

1. 1. Zum Begriff „Bedeutung“

Der Begriff „Bedeutung“ gilt in der wissenschaftlichen Literatur als problematisch. Die Problematik ist vor allem auf die unterschiedlichen erkenntnistheoretischen, gesellschaftstheoretischen und sprachtheoretischen Betrachtungsweisen des Begriffs im Laufe der Geschichte zurückzuführen, die eine unübersehbare Menge von Bedeutungsauffassungen geliefert haben. Dem nach ist „Bedeutung“ ein polysemer Begriff.

Im Bedeutungswörterbuch werden zwei Erklärungen des Begriffs „Bedeutung“ dargeboten:[6]

1. das durch ein Zeichen, ein Wort o. ä. hervorgerufene Wissen eines Zusammenhangs.
2. Wichtigkeit, Wert in einem bestimmten Zusammenhang, für eine bestimmte Angelegenheit.

Bedeutung ist vor allem als zentraler Begriff der Semiotik (=Semasiologie, Zeichenwissenschaft) anzusehen, denn Zeichen sind durch ihre Bedeutung definiert: Alles sinnlich Wahrnehmbare kann ein Zeichenausdruck sein, sofern es für Interaktanten etwas anderes und in der Regel nicht unmittelbar Gegebenes repräsentiert. Aus den unterschiedlichen Modi und der Komplexität dieser Repräsentation ergibt sich der große Facettenreichtum des Bedeutungsbegriffs.[7]

Die obige Aussage beruht auf der Zeichentheorie von Pierce – dem Hauptbegründer der Semiotik. Er definiert Semiotik als Lehre von der wesentlichen Natur und den grundlegenden Arten der möglichen Semiose, d. h. des Prozesses der Zeichenkonstitution, den er als dreistelligen Einfluss von Form, Bezugsobjekt und Bedeutung beschreibt. Ein Zeichen erhält Bedeutung, indem ein Sprecher es gebraucht, um einen Referenten zu bezeichnen; diese Beziehung verläuft aber in der Realität über die gedankliche Bezugnahme, die einerseits durch das Bezugsobjekt bewirkt wird, andererseits sprecherseitig das Zeichen hervorruft und hörerseitig durch dasselbe erzeugt wird.[8] Diese Auffassung wird in der Linguistik als „semiotisches Dreieck“ bezeichnet, das schematisch folgendermaßen dargestellt wird:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten[9]

In der linguistischen Literatur wird unter ‘Sache‘ Denotat bzw. Referent verstanden.[10]

In Anlehnung an die de Saussuresche Spracheinteilung in „langue“ und „parole“ spricht man von der langue-Bedeutung und parole-Bedeutung, d. h. die erste beinhaltet die im Sprachsystem gespeicherten Bedeutungen, während die zweite sich erst in der Sprachverwendung ergibt.[11]

Nach Bussmann`s Lexikon der Sprachwissenschaft wird der Begriff „Bedeutung“ für den dem Zeichenkörper (Laut- oder Buchstabenkomplex) zugeordneten Bewusstseinsinhalt, für das Abbild oder die Beziehung zwischen Zeichenkörper und Abbild verwendet.[12]

Lexikalische Bedeutung drückt einen Begriff aus, der zur Wortbedeutung wird, nachdem er als gedankliche Einheit auf ein Formativ bezogen wird. Da Begriffe sich als Merkmalkomplexe erweisen, die mit den vielfältigen Tätigkeitsformen des Menschen verbunden sind, erscheinen auch die Bedeutungen als abstrakte Verdichtungen von Merkmalen.

Daraus resultiert, dass Bedeutung selbst eine komplizierte Erscheinung ist. Laut Coseriu ist Sprache [...] nicht Verwendung, sondern Erzeugung von Bedeutungen, und somit auch nicht einfach Erzeugung von materiellen signa für schon gegebene Bedeutungen. [13]

Das Nomen „Bedeutung“ wird als Bezeichnung des Ergebnisses einer Tätigkeit und nicht so sehr als Bezeichnung für die Tätigkeit selbst verstanden. Der prozedurale Aspekt lässt sich unmissverständlich ausdrücken, wenn man statt dessen den substantivierten Infinitiv verwendet: das Bedeuten. Dieser Ausdruck gibt deutlicher wieder, was das Verb „bedeuten“ auch bedeutet: zu verstehen geben. Bedeutung in diesem Sinne ist die Bedingung der Möglichkeit des Bezeichnens.[14]

Zusammenfassend kann man festhalten, dass Bedeutung eine nicht strikt definierbare Bezeichnung ist, sondern eher situativ erzeugt wird, wobei im Sprachsystem die sogenannten Bedeutungspotentiale nach bestimmten Regeln bereitgestellt sind, die jedoch in der kommunikativen Aktualisierung beschränkt werden.

Das nächste Kapitel soll die Beschäftigung mit dem Wesen der Bedeutung fortset zen, indem die Ansätze zur Bedeutungsklassifizierung diskutiert werden.

1. 2. Ansätze zur Bedeutungsbeschreibung

Es gibt keine allgemeingültige Beschreibung von Bedeutung. Sie kann nach unterschiedlichen Kriterien und unter verschiedenen Aspekten erfolgen.

Bedeutungsbeschreibungen beruhen auf Annahmen über die Struktur unseres semantischen Wissens. Ihr Wert ergibt sich aus dem Grad der Adäquatheit, aus ihrer Eleganz und ihrer Praktikabilität, d. h. aus ihrer Eignung für übergeordnete Aufgaben. [15]

Als weit verbreitete Bedeutungsbeschreibungsverfahren gelten analytische und holistische Konzepte.

Im Zentrum der analytischen Bedeutungsanalysen steht die Zerlegung der Wortbedeutung in kleinere Elemente und deren Beschreibung, während nach holistischen Konzepten die Wortbedeutung als Ganzheit erfasst und beschrieben wird.[16]

Beide Auffassungen werden durch psychologische Analysen gestützt:[17]

- Begriffe und Wortbedeutungen bilden sich beim Menschen in der kommunikativen und kognitiven Tätigkeit durch Analyse-, Synthese- und Verallgemeinerungsprozesse heraus. Dadurch ist die Bedeutungsrepräsentation durch die Angabe einer begrenzten Menge von Merkmalen oder Merkmalskombinationen, die kognitiv und kommunikativ wichtig sind, möglich.
- Gleichzeitig werden Begriffe und Bedeutungen von uns nicht als Summe oder Bündel von Merkmalen, sondern in Form typischer Vertreter gespeichert.

In Bezug auf die beiden Bedeutungskonzepte existiert in der Sprachwissenschaft eine Reihe von Gegensatzpaaren zur Bedeutungsbeschreibung. Man spricht von denotativer vs. konnotativer; intensionaler vs. extensionaler; potentieller vs. aktueller; lexi kalischer vs. kontextbedingter; begrifflicher vs. emotionaler; individueller vs. in terindividueller; usueller vs. unusuller; stereotypischer vs. prototypischer etc. Bedeutung, wobei bei deren näheren Betrachtung deutliche Überschneidungen festzustellen sind.

Viele Sprachwissenschaftler unterscheiden nur zwei Bedeutungsbereiche: den denotativen und nicht-denotativen (konnotativen) Bedeutungsbereich:[18]

Während die Seme [minimal-distinktive Bedeutungselemente von Lexemen] denotativer Bedeutungen Eigenschaften des Denotats selbst repräsentieren, reflektieren die Informationen nicht-denotativen Charakters nicht Merkmale eines Gegenstands oder einer Erscheinung der Wirklichkeit, sondern Einstellungen oder Emotionen des Zeichenbenutzers zum widerspiegelten Objekt oder die Einordnung des Lexems in ein Normensystem der sozialen Verwendungsweise. [19]

Der nicht denotative Bereich soll also für all die zusätzlichen Informationen stehen, die zwar mit dem Lexem verbunden sind, jedoch nicht als Teil der Bedeutungserläuterung eines Lemmas anzusehen sind.

Dabei unterscheidet Ludwig zwei große Gruppen des nicht-denotativen Bereichs, die er im folgenden Schema zusammenfasst:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten[20]

Strauß/Zifonum bezeichnen die zweiteilige Bedeutungskategorisierung (denotative – konnotative)

[...] als „primär“, während sekundär auch mit den Paaren begriffliche – emotionale, deskriptive – emotive Bedeutung oder auch kognitive bzw. propositionale bzw. designative bzw. referentielle Bedeutung einerseits und affektive bzw. expressive bzw. einstellungsmäßige bzw. interpersonale (bzw. auch soziale) Bedeutung andererseits umschrieben werden. [21]

Es werden in nächsten Abschnitten die folgenden ausgewählten Gegensatzpaare von Bedeutungsbeschreibung näher in Betracht gezogen:

- denotative vs. konnotative Bedeutung;
- intensionale vs. extensionale (referentielle) Bedeutungskomponenten;
- stereotypische vs. prototypische Beschreibung;
- potentielle (kontextunabhängig) vs. aktuelle (kontextabhängig) Bedeutung.

Dabei wird angestrebt, zum einen mögliche Überschneidungen unter den genannten Beschreibungskonzepten herauszufinden, und zum anderen daraus folgend grundlegende Standpunkte zur Bedeutungsbeschreibung der wirtschaftlichen Termini herauszukristallisieren.

1. 2. 1. Denotative vs. konnotative Bedeutung

Im vorangegangenen Kapitel wurde bereits ein erster Einblick in die denotative vs. konnotative Bedeutungsauffassung gegeben. Obwohl dieses Bedeutungsgegensatzpaar in der Linguistik als am meisten verbreitet gilt, bedarf es einer ausführlicheren Erläuterung.

Die denotative Bedeutung stellt die Beziehung zwischen Lexem und Denotat her. Das ist die Bedeutung, die sich als Kenntnis des Denotats (Denotation) beschreiben lässt. Unter Denotat werden die begrifflichen Kernbedeutungen eines Lexems verstanden.[22]

Nach Schippan ist das Denotat als Gegenstand oder Erscheinung der Wirklichkeit zu verstehen, auf das sich ein Formativ bezieht.[23]

Denotate können nach der Duden Grammatik in Konkreta und Abstrakta eingeteilt werden. Unter Konkreta sind Denotate zu verstehen, die als etwas Gegenständliches

erscheinen, während Denotate, die sich als etwas Nichtgegenständliches, etwas Gedachtes erweisen als Abstrakta bezeichnet werden. Untergruppen der Abstrakta sind menschliche Vorstellungen, Handlungen, Vorgänge, Zustände, Eigenschaften, Verhältnisse oder Beziehungen, Wissenschaften, Künste, Maß-, Mess- und Zeitbegriffe u. ä.[24]

Diese Einteilung in Konkreta und Abstrakta kritisiert Rolf Müller. Er bezeichnet diese Gliederung als naiv, denn in der Semantik ist die Bedeutung immer als vom Wesen her ‘abstrakt‘ anzusehen.[25] Nach Müller können mit ‘abstrakt‘ und ‘konkret‘ nur Eigenschaften des Referenten gemeint sein. Daraus folgend sei diese Einteilung nicht als Bedeutungskategorien, sondern als Erscheinungskategorien des Referenten aufzufassen.[26]

Die denotative Bedeutung kann auch als Struktur aus Semen aufgefasst werden. Semstrukturen stellen den Bezug des Formativs auf Erscheinungen der objektiven Realität her.

In der semantischen Komponente des Sprachsystems ist somit geregelt, wie denotative Bedeutungen als Semstrukturen aufgebaut werden. Die semantische Komponente eines Sprachsystems drückt auch aus, welche Semstrukturen als denotative Bedeutungen in Wortschatzelementen historisch fixiert sind. Die Beschreibung der denotativen Bedeutung setzt die Kenntnis der Zuordnungsbeziehungen zwischen Lautstrukturen, Abbildern der objektiven Wirklichkeit und den Erscheinungen der Realität in der praktischen Auseinandersetzung des Menschen mit seiner Umwelt voraus.[27]

Wortbedeutungen werden von Individuen in der sprachlichen Kommunikation er worben und als Bewusstseinseinheiten individuell gespeichert. Die Bedeutungen der Lexeme können als reduzierte, verdichtete Sachverhaltsaussagen betrachtet werden, die sehr komplex sind. Neben der aus der begrifflichen Verallgemeinerung stammenden Vorstellungskomponente werden auch die emotionalen Beziehungen und Einstellungen der Mitglieder einer Sprachgemeinschaft zum betreffenden Sachverhalt in den Bedeutungen zum Ausdruck gebracht. Sie können verschiedene „Mitinformationen“ (Begleitvorstellungen, Gefühlswerte, Gebrauchspräferenzen) tragen, die unter dem Begriff „Konnotation“ geführt werden.

Das bedeutet, dass mit dem Lexem nicht nur eine Erscheinung der Wirklichkeit oder ein gewisser Gegenstand bezeichnet wird, sondern auch eine bestimmte Einschätzung des Sprechenden zu dem Objekt, seine Einstellung u. a. ausgedrückt wird. Bei Schippan heißt es:

Konnotationen sind zusätzliche, über Denotatsabbilder und -bewertungen hinausgehende informative Elemente, die sich mit dem Lexem verbinden .[28]

Die Konnotationen können sowohl vom Formativ als auch vom Denotatsbereich, vom Signifikat ausgehen. Das heißt, sie können die kommunikativen Bedingungen, aber auch die Eigenschaften des Denotats widerspiegeln, weil das Denotat bei der Mehrzahl der Menschen positive oder negative Gefühle erzeugen kann.

In der Sprachwissenschaft gibt es bisher keine einheitliche Auffassung darüber, ob sich die wertenden Merkmale den begrifflichen Merkmalen, die den Kern der Bedeutung bilden, nur zugesellen, oder sie in den Bedeutungen kodifiziert werden, d. h. von der eigentlichen Bedeutung nicht abtrennbar sind.[29]

In der Duden Grammatik werden zwei Gruppen der konnotativen Bedeutung von

Lexemen unterschieden:[30]

1. Konnotationen, die Emotionen und Einstellungen der Sprecher zum außersprachlichen Gegenstand aufnehmen;
2. Konnotationen, die spezielle Vorzüge und Einschränkungen beim Gebrauch der Wörter (Gebrauchspräferenzen und –restriktionen) widerspiegeln.

Die Einteilung der Konnotationen zeigt, dass Konnotationen von den speziellen sozialen und psychischen Bedingungen ihrer Entstehung, also von der äußeren Situati

on, den sozialen Rollen und der Gruppenzugehörigkeit der Gesprächspartner, von ihren Stimmungen, emotionalen Beziehungen usw. abhängen. Der sprachliche Kontext kann auch die Entstehung der Konnotationen bedingen.

Abschließend ist darauf hinzuweisen, dass Konnotationsbestimmungen in der wissenschaftlichen Literatur beträchtliche Unterschiede aufweisen. Hier wurde die Problematik nur angetastet.[31]

Bei der Untersuchung der konnotativen Elemente in der Wirtschaftsterminologie (Kapitel 3. 2. 2.) wird Schippans Ansatz vertreten, der Konnotationen im Hinblick auf ihre Markierungen in Wörterbüchern analysiert.

1. 2. 2. Potentielle (kontextunabhängige) vs. aktuelle (kontextabhängige) Bedeutung

Sprache unterliegt einer Zweiteilung, die von de Saussure in die Sprachwissenschaft eingeführt wurde: „langue“ und „parole“. Unter „Langue“ ist Sprache als Gesamtheit eines Zeichensystems zu verstehen, während „parole“ die Verwendung eines solchen Systems beinhaltet. Auf der Ebene der „langue“ existiert potentielle (kontextunabhängige) Bedeutung, während „parole“ aktuelle (kontextabhängige) Bedeutung impliziert. Die potentielle Bedeutung ist die im Sprachsystem gespeicherte Bedeutung, deren Basis Systembedeutung bildet. Diese ist Bestandteil unserer semantischen Kompetenz, d. h. sie ist kontextunabhängig.[32]

Den kommunikativen Wert, den ein Wort in einem bestimmten Kontext aufweist, bezeichnet man als aktuelle Wortbedeutung, d. h. sie ist kontextabhängig. Die aktuelle Bedeutung wird als Ganzes beeinflusst durch: 1) Kontextpartner; 2) den sogenannten Großkontext, der über die Grenzen des Satzes hinausreicht; 3) die jeweilige Sprechsituation, die durch außersprachliche Faktoren gebildet wird.[33]

In diesem Zusammenhang spricht man auch von „usuellen und nichtusuellen Benennungskontexten“.

Unter ‘usueller Verwendung’ einer lexikalischen Benennung versteht Wiegand alle mündlichen und schriftlichen Verwendungen, die sich einem bestimmten Sprachstadium dieser Einzelsprache zuordnen lassen und in denen Benennung in einer seiner morphologischen Formen so nichterwähnt vorkommt, daß eine semantische Übereinstimmung mit korrekten Antwortäußerungen in usuellen Benennungskontexten für Benennung gegeben ist.[34]

Z. B. wird im Satz „Das Pferd von Peter ist noch jung und stark“ ‘das Pferd’ im usuellen Gebrauch, nämlich als ‘Haustier’ gebraucht.

Unter ‘nichtusueller Verwendung’ einer lexikalischen Benennung werden alle Verwendungen verstanden, in denen B in einer seiner morphologischen Formen so nicht erwähnt vorkommt, dass eine semantische Übereinstimmung mit korrekten Antwortäußerungen in usuellen Benennungskontexten für B nicht gegeben ist.[35]

So sagt z. B. ein Junge: „Papa, ich spiele Pferd.“

Papa sagt: „Du, Pferd, komm jetzt her.“

‘Pferd’ wird in diesem Kontext nichtusuell gebraucht.

Von den obigen Ausführungen ausgehend wird die in Kapitel 1. 2. erwähnte Aussage bestätigt, dass es Kategorien zur Bedeutungsbeschreibung gibt, die das Gleiche beinhalten, aber mit unterschiedlichen Nominationen in der Sprachwissenschaft fungieren. In diesem Falle beinhalten denotative, potentielle (kontextunabhängige), usuelle Bedeutungskomponenten das Gleiche - den Kern der Bedeutung eines Wortes, so wie diese in der Sprachgemeinschaft primär verstanden wird. Harras bemerkt dazu, dass auch bei allen Unterschieden, die den einzelnen Konzeptionen eigen sein mögen, sich die Idee der in und mit der Sprache unvorgreiflich vorgegebene Usualität oder Stabilität von Wortbedeutungen verbirgt, die selbst Bestandteil des sprachlichen Wissens aller Sprachteilnehmer ist.[36]

Zwischen den aktuellen (bzw. kontextabhängigen) und konnotativen Bedeutungskomponenten sind ebenfalls Parallelen festzustellen, auf die bereits in Kapitel 1. 2. 1. hingewiesen wurde - aktuelle Bedeutung kann auch als konnotative Bedeutung im weiteren Sinne interpretiert werden.

1. 2. 3. Extensionale vs. intensionale Bedeutungskomponente

Im Zusammenhang mit der Bedeutungsbeschreibung spricht man oft von der Extension und Intension der Lexeme bzw. Ausdrücke.

In der formalen Logik und philosophischen Semantik ist Extension die Bezeichnung für die Bestimmung eines Ausdrucks mit Bezug auf den Begriffsumfang, d. h. auf die Menge der Gegenstände, auf die der Ausdruck zutrifft. Ein Ausdruck gilt dann als extensional, wenn er durch einen anderen mit gleicher Extension ersetzt werden kann, ohne dass sich dabei der Wahrheitswert des Satzes ändert.[37]

Intension ist der Gegenbegriff der Extension, der für die Bestimmung eines Begriffs durch seinen Begriffsinhalt bzw. Begriffsgehalt verwendet wird.[38]

Das Verhältnis von Intension - Extension wird nach Strauß/Zifonum folgendermaßen erklärt:

Zwei Ausdrücke X und Y (bzw. zwei Gebräuche eines Ausdrucks) haben gleiche Extension und verschiedene Intension, wenn mit ihnen die gleichen Gegenstände klassifiziert werden, d. h. sie mit Wahrheit den gleichen Gegenständen (in dieser unserer Welt, d. h. unter jeweils identischen Umständen) zugeschrieben werden, das Muster oder die Regel, nach dem/der klassifiziert wird, jedoch verschieden ist. [39]

Z. B. haben Lexeme Putzfrau und Raumpflegerin ein und dieselbe Extension, aber unterschiedliche Intensionen.

Diese Lexeme mit dem gleichen Denotat sind auch konnotativ differenziert, dies erlaubt, von Übergängen zwischen den intensionalen und konnotativen Komponenten zu sprechen.

Putnam wandte sich gegen die traditionelle Annahme eines logischen Zusammenhangs zwischen Extension und Intension. Nach seiner Ansicht ist die Extension der meisten Ausdrücke primär und unabhängig davon gegeben, was Menschen über die betreffenden Gegenstände denken oder von ihm wissen. Intensionen bestehen nicht aus notwendigen, allenfalls aus mehr oder weniger zentralen, oft sogar unzutreffenden Merkmalen, die auf Stereotypen beruhen, d. h. auf kollektiven Meinungen, die sich auf die Beschaffenheit der Prototype beziehen und deren Kenntnis in der Kommunikation wechselseitig vorausgesetzt wird.[40]

Daraus resultiert, dass Extension und Intension auf stereotypischer Beschreibung beruhen.

In diesem Zusammenhang spricht man auch von „extensionaler und intensionaler Vagheit“ der Begriffe.

Diese Erscheinung zeichnet sich dadurch aus, dass man bei vagen Prädikaten für bestimmte Gegenstände nicht eindeutig sagen kann, ob sie unter das Prädikat fallen oder nicht, während man sich für andere Gegenstände eindeutig festlegen kann, [d. h.] solche vagen Wörter „teilen“ einen Realitätsausschnitt mit fließenden Übergängen oder vielgestaltigen Übergangsformen.[41]

Jahr verdeutlicht diese Erscheinung am Beispiel des chemischen Terminus Aroma- tizität. Die extensionale Vagheit drückt sich darin aus, dass die Erscheinung der Aromatizität bei den anderen Objekten der Verbindungsklasse, außer Benzol, nicht mehr so typisch ausgeprägt ist. Es gibt auch Objekte, die an den Randzonen liegen, bei denen es kompliziert wird, sie noch eindeutig den aromatischen Verbindungen zuzuordnen. Die intensionale Vagheit beruht sich auf die Merkmale von Aromatizität. Die aromatischen Eigenschaften, die den Begriff charakterisieren, können von Objekt zu Objekt variieren, d. h. sie können unterschiedlich stark vorhanden sein.[42] Bei dieser Betrachtungsart gelangt man zu Zuordnungsrelationen zwischen Extension und Intension von Begriffen.[43]

Zur Bestimmung von Extension und Intension der Begriffe (insbesondere der vagen Begriffe) sind prototypische und stereotypische Bedeutungsbeschreibungen relevant. Damit beschäftigt sich das nächste Kapitel.

1. 2. 4. Bedeutungsbeschreibung durch Prototypen und Stereotypen

In der linguistischen Literatur ist die Bedeutungsbeschreibung durch die sogenannte prototypische und stereotypische Merkmalbestimmung sehr verbreitet.

In diesem Zusammenhang spricht man von der Prototypen- und Stereotypentheorie bzw. Prototypen- und Stereotypensemantik.[44]

Nach Metzler´s Lexikon der Sprache ist Prototyp das beste Exemplar einer Kategorie, das als Muster für die Einschätzung der übrigen Vertreter der Kategorie dient.[45] Jahr definiert den Prototyp folgendermaßen:

Der Prototyp ist das Exemplar, das die geringste Entfernung zu den Objekten der gleichen Kategorie, aber eine maximale Entfernung zu den Objekten der anderen Kategorien hat, so daß die Grenzen der Kategorien schlecht definierbar werden. [46]

Jahr bringt die Prototypensemantik mit der Merkmalsemantik in Verbindung.

In der Merkmalsemantik wird davon ausgegangen, dass sich die Bedeutungen sprachlicher Ausdrücke durch semantische Merkmale beschreiben lassen. Entsprechend den Vorstellungen der klassischen Merkmalsemantik müssen alle Referenten, die mit einem bestimmten Wort bezeichnet werden, genau die Merkmale besitzen, nach denen die mit dem Wort gekoppelte Klassenbildung vorgenommen worden ist. Für die Klassenbildung sind danach eine notwendige und hinreichende Zahl von semantischen Merkmalen nötig. Jedoch ist diese Theorie umstritten, weil die Merkmale von den abstrakt veranlagten Lexemen, wie z. B. Gerechtigkeit, Liebe, Vernunft usw., nicht eindeutig festlegen lassen, während z. B. bei den Lexemen, wie Vogel, Möbel usw., die typischen Merkmale nicht schwer festzulegen sind: z. B. kann Rotkehlchen als Prototyp eines Vogels gelten, Tisch kann als Prototyp der Möbel gelten. Es ist wichtig zu berücksichtigen, dass prototypische Merkmalstrukturen auch Eigenschaften beinhalten, die nicht allen Mitgliedern der Objektgruppe zuzurechnen sind, d. h. Merkmalstrukturen müssen nicht mehr invariant sein. Diese Theorie versucht, mit einem kleinen Inventar an semantischen Merkmalen das Phänomen der lexikalischen Bedeutungen auf eine einfache Art zu beschreiben. Aus dem Grunde ist sie auch für lexikographische Zwecke von Bedeutung.[47]

Heute wird eher von einer schwächeren Form der Merkmalanalyse gesprochen, die die Tatsache berücksichtigt, dass die Menge der Merkmale nicht für alle Sprecher und nicht in allen Situationen gleich ist. Wortbedeutungen werden durch Prototype oder Merkmale oder beides beschrieben. Die Teile der Bedeutung, die analytisch nicht zugänglich sind, werden durch prototypische Bedeutungen erläutert . Da auch die Prototypensemantik mit Merkmalen arbeitet, ist die Unterscheidung zwischen Merkmal- und Prototypensemantik irrelevant.[48] Es wäre sinnvoller, die Prototypensemantik als eine Form der Merkmalsemantik anzusehen.

Die Prototypentheorie steht im engen Zusammenhang mit der Stereotypentheorie.

Was versteht man unter Stereotyp?

In Metzler´s Lexikon der Sprache wird Stereotyp aus psychologischer Sicht definiert:

Stereotyp , ein relativ erfahrungsresistentes, gleichförmig über eine Gruppe verteiltes System von Ansichten, Anschauungen, Urteilen oder Werten, das die Trägergruppe entlastet und die Komplexität und Uneinheitlichkeit des stereotypisierten Sachverhaltes über Gebühr reduziert. [49]

Nach Metin sind Stereotypen

vereinfachende, generalisierende, schematisierende, klischeehafte und verzerrte Anschauungen (Kognitionen) von Aspekten der sozialen Welt (d. h. Gruppe, ethnische Minoritäten, Beruf, soziale Einrichtungen), die bestimmte Orientierungs- und Schutzfunktionen in unserer komplexen sozialen Umwelt haben, somit integrales Element der menschlichen Persönlichkeit sind. [50]

Bedeutungsbeschreibungen enthalten Informationen zur Art des jeweiligen Bezugsgegenstandes durch die Angabe eines Merkmals, das dessen Kategorienzugehörigkeit anzeigt und zu den Kenntnissen und Meinungen gehört, die die einzelnen Sprecher der betreffenden Sprachgemeinschaft über den Bezugsgegenstand haben. Beides zusammengenommen kann als Stereotyp aufgefasst werden, durch das Wortbedeutungen repräsentiert werden. Einem Wort können mehrere Stereotypen als Bedeutungsbeschreibungen mit Blick auf die jeweilige Sprachgemeinschaft als ganze zugeordnet sein: entweder als wissenserweiternde Expertenstereotypen oder als konkurrierende meinungsbildende oder auch wertsetzende Stereotypen.[51]

Für stereotypische Eigenschaften ist die anschauliche Vorstellung von einer Bedeutung wesentlich, die sich mit der menschlichen Erfahrung herausbildet. Es ist jedoch anzumerken, dass sie eine Bedeutung charakterisieren, aber nicht definieren.

Die Stereotypen unterscheiden sich von den Prototypen: Während ein Prototyp ein typischer Vertreter einer Klasse ist, ist ein Stereotyp die Menge der Merkmale, die einen Prototyp definieren, d. h. stereotypische Eigenschaften sind solche, aus denen ein Prototyp besteht.[52]

Z. B. Tisch als Möbelstück:

Prototyp: ein wirklicher Tisch, der den Prototyp hinsichtlich des allgemeinen Begriffs ‘Möbelstück‘ darstellt;

Stereotyp: hat vier Beine, man kann etwas (Essen, Bücher etc.) darauf stellen bzw. legen;

Eine stereotypische Eigenschaft von Tisch ist u. a., dass er vier Beine hat.

Bei der Bestimmung der stereotypischen Bedeutung ist es nicht wichtig, dass alle Objekte dieser Klasse eine stereotypische Eigenschaft besitzt. Z. B. kann ein Tisch auch drei Beine haben.

Bei den beiden Konzepten ist wichtig, dass die lexikalische Bedeutung auf Ähnlichkeitsbeziehungen beruht und nicht auf dem Begriff des distinktiven Merkmals. [53]

Stereotypische Bedeutungsbeschreibung wird für lexikographische Zwecke sehr gerne benutzt.

Dazu hebt Harras die folgenden Aspekte zur stereotypischen Bedeutungsbeschreibung in Wörterbüchern hervor:

1. Bedeutungsbeschreibungen inform von Stereotypen enthalten einen festen Kern, der mehr oder weniger spezifiziert sein kann.
2. Darauf bezogen sind eine Reihe von weiteren stereotypischen Angaben, deren Auswahl an praktischen Zielsetzungen, d. h. an den Aufgabenstellungen der jeweils spezifischen Wörterbuchsorte orientiert ist.
3. Die stereotypischen Angaben, die nicht zum Kern gehören, sind auf Kontexte zu beziehen, die der jeweiligen Wörterbuchbasis – Textkorpora u. ä. – entnommen sind.
4. Die einzelnen stereotypischen Angaben stehen nicht unverbunden nebeneinander, sondern sind zueinander in Bezug zu setzen, sei es als miteinander konkurrierende, u. U. wertsetzende, als auseinander herleitbare oder als zunehmend spezifizierte Stereotype.[54]

Wie bereits im vorangegangenen Kapitel erwähnt wurde, ist prototypische und stereotypische Bedeutungsbeschreibung für die Erfassung der Bedeutung von vagen Lexemen, insbesondere im lexikographischen Bereich, von Nutzen.

Prototypische Angaben helfen die denotative Bedeutung auf eine einfache Art zu beschreiben, während zwischen stereotypischen und konnotativen Bedeutungskomponenten ebenfalls Parallelen zu beobachten sind: die beiden Aspekte stehen mit den Meinungen, Wertungen, Einstellungen des Sprechers bzw. Sprechergemeinschaft in Verbindung.

Z. B. hat das Lexem Familie die folgenden Stereotypen: ‘besteht aus einer Frau und einem Mann‘; ‘sie sind verheiratet‘; ‘sie leben zusammen‘.

Diese Merkmale können auch als konnotative Elemente aufgefasst werden, die die Einstellung und/oder Wertung einer Person über die Familie ausdrücken. Für eine andere Person kann Familie das Kriterium ‘Kinder‘ enthalten oder das Element ‘verheiratet‘ nicht als obligatorisches Kriterium für die Familie gelten.

1. 2. 5. Vorschlag zur Bedeutungsklassifizierung von Rolf Müller

In diesem Kapitel soll der Vorschlag zur Bedeutungskategorisierung von Rolf Müller vorgestellt werden, der von den oben aufgeführten Theorien stark abweicht und ganz

[...]


[1] Leibniz, zitiert nach F. Coulmas (1992), S. 343f.

[2] Vgl. u. a. H.- R. Fluck (1991), S. 222f; H. Kalverkämper, in: J. Albrecht/R. Baum (1992), S. 30ff.

[3] Unter Lexem versteht man Systemelemente, die als Einheiten des Lexikons gesellschaftlich verfestigt lexikalisiert sind. Dazu gehören benennende und verallgemeinende Wortschatzelemente, Einzelwörter oder feste Wortgruppen (vgl. u. a. Th. Schippan (1992), S. 95), wobei im Rahmen dieser Arbeit nur Einzelwörter des Gemeinwortschatzes in Betracht gezogen werden. Aus dem Grunde werden die Begriffe „Lexem“ und „Wort“ synonym gebraucht.

[4] So z. B. U. Schreiber: Das Wirtschaftslexikon (2000).

[5] So z. B. Duden: Das Bedeutungswörterbuch (1985).

[6] Duden: Das Bedeutungswörterbuch (1985), S. 117.

[7] Vgl. Metzler: Lexikon Sprache (2000), S. 93f.

[8] Ebd., S. 624ff.

[9] Vgl. Metzler: Lexikon Sprache (2000), S. 626.

[10] Vgl. W. Pöckl/F. Rainer (1990), S. 65.

[11] Vgl. u.a. H. Pelz (1987), S. 57ff.

[12] H. Bussmann: Lexikon der Sprachwissenschaft (1990), S. 123f; vgl. auch D. Viehweger (1977), S. 99.

[13] E. Coseriu (1979), S. 91-103.

[14] Vgl. C. Knobloch/B. Schaeder (1996), S. 10.

[15] Th. Schippan (1992), S. 170.

[16] Vgl. ebd., S. 170ff.

[17] Vgl. ebd., S. 171.

[18] Vgl. K.-D. Ludwig, in: LS 109 (1983), S. 37-45.

[19] Ebd., S. 39.

[20] Vgl. ebd., S. 40.

[21] G. Strauß/G. Zifonum (1985), S. 185f.

[22] Vgl. Metzler: Lexikon Sprache (2000), S. 142.

[23] Vgl. T. Schippan (1992), S. 144.

[24] Vgl. Duden: Die Grammatik (1995), S. 546.

[25] R. Müller, in: I. Pohl (1995), S. 18.

[26] Vgl. ebd.

[27] Vgl. D. Viehweger (1977), S. 110.

[28] T. Schippan (1992), S. 156.

[29] Vgl. D. Viehweger (1977), S. 101f.

[30] Vgl. Duden: Die Grammatik (1995), S. 546.

[31] Mehr zur Konnotationsproblematik u. a. in: G. Rössler: Konnotationen (1979); H. B. Schumann: Kann die lexikographische Beschreibung vermeintlich stilistischer Konnotationen unter Beibehaltung des Schichtenmodells verbessert werden?, in: ZPSK 3/1987, S. 404-416; B. Garza-Cuaròn: Connotation und Meaning (1991).

[32] Vgl. M. Schwarz/J. Chur (1996), S. 25.

[33] Vgl. W. Schmidt, in: Sprachpflege 18 (1969), S. 22.

[34] Vgl. H. E. Wiegand, in: C. Knobloch/B. Schaeder (1996), S. 83f.

[35] Vgl. ebd.

[36] Vgl. G. Harras, in: G. Harras/U. Hass/G. Strauss (1991), S. 12.

[37] Vgl. Metzler: Lexikon Sprache (2000), S. 201.

[38] Vgl. ebd., S. 306.

[39] G. Strauß/G. Zifonum (1985), S. 199.

[40] Vgl. Metzler: Lexikon Sprache (2000), S. 691. Zu Stereotypen siehe Kapitel 1. 2. 4.

[41] G. Strauß/G. Zifonum (1985), S. 247ff.

[42] Vgl. S. Jahr (1993), S. 54.

[43] Ebd.

[44] H Putnam gilt als Begründer der Stereotypensemantik. Sein Aufsatz „The Meaning of Meaning“ (dt. 1979) hat dabei die ausschlaggebende Rolle gespielt.

[45] Vgl. Metzler: Lexikon Sprache (2000), S. 526.

[46] S. Jahr (1993), S. 56f.

[47] Vgl. ebd., S. 52f.

[48] Vgl. ebd., S. 51ff.

[49] Metzler: Lexikon Sprache (2000), S. 690.

[50] M. Metin, zitiert nach: S. Wichert (1994), S. 90.

[51] Vgl. G. Harras, in: G. Harras/U. Haß/G. Strauß (1991), S. 31f.

[52] Vgl. S. Jahr (1993), S. 58.

[53] Ebd.

[54] G. Harras, in: G. Harras/U. Haß/G. Strauß (1991), S. 37.

Details

Seiten
121
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783832449759
Dateigröße
749 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v220540
Institution / Hochschule
Universität Kassel – Germanistik
Note
1,0
Schlagworte
wirtschaftssprache bedeutung semantik terminologie fachsprache

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Titel: Semantische Spezifik der wirtschaftlichen Termini gegenüber den gemeinsprachlichen Lexemen