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Gesellschaftliche Transformation und Theorie der Sozialen Arbeit

Diplomarbeit 1999 99 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Das systemtheoretische Konzept Sozialer Arbeit nach STAUB-BERNASCONI
1.1 Abgrenzung des systemtheoretischen Ansatzes Sozialer Arbeit
1.2 Systemtheorie
1.3 Der systemtheoretische Ansatz
1.3.1 System
1.3.2 Menschen in sozialen Systemen
1.3.2.1 Bedürfnisse
1.3.2.2 Macht
1.4 Bedürfnistheoretische Begründung systemischer Sozialer Arbeit
1.4.1 Soziale Probleme als Ausgangspunkt für die Bestimmung der Funktionen Sozialer Arbeit
1.4.2 Methoden der Sozialen Arbeit
1.5 Fazit

2 Die Globalisierung als weitreichende Transformation moderner Gesellschaften
2.1 Abgrenzung und Eingrenzung des Globalen
2.2 Dimensionen der Globalisierung
2.2.1 Globalisierung der Wirtschaft
2.2.2 Globalisierung der Kulturen
2.2.3 Globalisierung der Informations- und Kommunikationstech- nologien
2.2.4 Globalisierung der Biographien
2.3 Der epochale Wandel der gesellschaftlichen Ordnungsprinzipien im Zuge der Globalisierung
2.4 Folgen der Globalisierung
2.5 Fazit

3 Die Bedeutung der Globalisierung für die Soziale Arbeit
3.1 Die Bedeutung der veränderten gesellschaftlichen Rahmenbeding- ungen Sozialer Arbeit
3.2 Die Bedeutung des veränderten Zeithorizontes

4 Schlußbemerkung

5 Abkürzungsverzeichnis

6 Literaturangabe

Einleitung

Am Ende des Jahrtausends befindet sich die Gesellschaft in einem umfassenden Transformationsprozeß. Dieser Prozeß läßt sich als Globalisierung verstehen. Dabei ist zu bemerken, daß Globalisierung in den letzten 10 Jahren nicht nur zu einem beherrschenden Begriff in den Sozialwissenschaften, sondern auch zu einem häufig gebrauchten (wirtschafts- und sozialpolitischen) Schlag- und Streitwort geworden ist. Allerdings wird der Begriff in diesem Zusammenhang selten definiert oder mißverständlich und widersprüchlich – dabei aber politisch wirkungsvoll – gebraucht. Mit dem Hinweis auf die stattfindende Globalisierung wird versucht, unterschiedliche politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Vorgänge zu begründen oder zu legitimieren; der Abbau von Arbeitsplätzen oder Sozialleistungen sind die bekanntesten, oder aber: Der Betriebsrat des Kernkraftwerkes Biblis lehnt beispielsweise in einem offenen Brief die geplante Stillegung des Werkes mit Hinweis auf die Globalisierung ab (vgl. FRANKFURTER RUNSCHAU vom 07.12.98).

Darüber hinaus verbinden viele Menschen mit dem Begriff der Globalisierung Angst; Angst vor dem Verlust ihres Arbeitsplatzes, Angst vor den Folgen weltweiter Umweltschädigung, Angst vor dem Verlust ihrer kulturellen Identität etc.. Globalisierung wird also von vielen Menschen als gefahrvoll und als gesellschaftliches Problem erlebt. Da Soziale Arbeit die Aufgabe hat, soziale Probleme zu bestimmen, muß sie sich diesem Thema annehmen.

Globalisierung hat vielfältige Folgen für die Gesellschaft. Deswegen ist es Ziel dieser Arbeit, diese Auswirkungen der Globalisierung auf die Gesellschaft und das Soziale herauszuarbeiten und in ihrer Bedeutung für die Soziale Arbeit darzustellen. Dabei ist zu fragen, auf welche gesellschaftlichen Rahmenbedingungen eine theoretische Beschreibung und die praktische Umsetzung der Sozialen Arbeit reagieren muß. Ohne ein Verständnis der stattfindenden gesellschaftlichen Transformationen und der sich konstituierenden globalisierten Weltgesellschaft im Prozeß der Globalisierung wird die Neuorientierung der Sozialen Arbeit scheitern müssen. Aus diesem Grunde ist eine intensive Auseinandersetzung mit diesen Prozessen wesentlich, um zu begreifen, wie sich das Verständnis Sozialer Arbeit unter den sich verändernden Rahmenbedingungen neu bestimmen läßt.

Im ersten Kapitel der vorliegenden Arbeit werde ich auf das systemtheoretische Konzept Sozialer Arbeit von Sylvia STAUB-BERNASCONI eingehen. Wesentlich ist dabei die gegenseitige Abhängigkeit von individuellen Bedürfnissen und gesellschaftlichen Machtstrukturen als auch den daraus resultierenden sozialen Problemen. In ihrem Werk sind Anknüpfungspunkte für eine Theorie der Globalisierung vorhanden, da sie Sozialer Arbeit auf allen gesellschaftlichen Ebenen Funktionen zuschreibt. Außerdem geht auch sie davon aus, daß sich aufgrund von Globalisierung und der entstehenden Weltgesellschaft Gründe und Folgen sozialer Probleme aus dem globalen Rahmen ableiten.

An die Bestimmung Sozialer Arbeit anschließend, werde ich im zweiten Kapitel den Prozeß der Globalisierung und die sich darin verändernden gesellschaftlichen Strukturen aufzeigen. In diesem Kapitel befasse ich mit ausschließlich mit der Begrifflichkeit und den Prozessen der Globalisierung. Nach einer Bestimmung und Abgrenzung des Globalen, zeige ich anhand der verschiedenen Dimensionen des Globalisierungsbegriffes die Komplexität und Paradoxien, die in ihm enthalten sind. Dabei gehe ich insbesondere auf die wirtschaftliche Dimension der Globalisierung ein, da sich auf der einen Seite der Prozeß der Globalisierung in der Wirtschaft besonders deutlich darstellen läßt und zum anderen, da diese Dimension für die Errichtung neuer Machtstrukturen und -verhältnisse eine besondere Bedeutung erlangt hat. Daran anschließend werden die Folgen des Globalisierungsprozesses dargelegt. Grundlage für dieses Kapitel sind die Überlegungen von Ulrich BECK zur Globalisierung und Martin ALBROW‘s Konzept des „Globalen Zeitalters“.

Im dritten Kapitel greife ich die Soziale Arbeit wieder auf und bringe sie in einen Zusammenhang mit den dargestellten Prozessen der Globalisierung. Dabei geht es hauptsächlich um die Chancen und Risiken, die sich aufgrund der sich verändernden Machtstrukturen globalen Ausmaßes ergeben. Zudem gehe ich der Frage nach, was das Konzept der Globalisierung für die Theorie Sozialer Arbeit bedeuten kann. Wesentlich dabei sind erstens die Veränderungen des Raumes und zweitens die Veränderungen der Zeit. Da das Thema Globalisierung sehr aktuell ist, ist vor allem über den Zusammenhang von Sozialer Arbeit und Globalisierung erst wenig veröffentlicht worden. Dabei wird der Aspekt der Veränderung der gesellschaftlichen Machtstrukturen und Ordnungsprinzipien in ihrer Bedeutung für Soziale Arbeit kaum bzw. gar nicht berücksichtigt. Dieses Kapitel zieht Schlußfolgerungen aus dem vorherig Beschriebenen.

Im systemtheoretischen Ansatz von STAUB-BERNASCONI lassen sich inhaltliche Punkte aufspüren, die einen Zusammenhang zwischen Sozialer Arbeit und gesellschaftlichen Machtstrukturen aufzeigen. Aufgrund des Umfanges der Arbeit werde ich ihre Theorie Sozialer Arbeit jedoch nicht diskutieren. Auch werde ich mich mit der Frage, ob Globalisierung stattfindet oder nicht, nicht detailliert auseinandersetzen. Es gibt viele kritische Einwände zur Globalisierung, die ich hier nicht im Einzelnen aufzeigen kann. Ich möchte vielmehr ein Augenmerk darauf richten, wie sich das Konzept der Globalisierung konstruktiv für die Soziale Arbeit nutzen läßt. Auch gehe ich nicht näher auf die Begriffe der Individualisierung, der Wissens- bzw. Informationsgesellschaft, der 20:80-Gesellschaft, der Risikogesellschaft oder der Bürgergesellschaft ein. In dieser Arbeit geht es mir primär um die Veränderung der grundlegenden gesellschaftlichen Machtstrukturen und Ordnungsprinzipien; die Besprechung der ausgeklammerten Begrifflichkeiten ließe sich nachfolgend an dem von mir gewählten Diskussionsfaden anknüpfen.

1 Das systemtheoretische Konzept Sozialer Arbeit nach STAUB-BERNASCONI

Silvia STAUB-BERNASCONIS (1995b) Anliegen ist es, eine Theorie Sozialer Arbeit zu entwickeln, die nicht atomistisch (Menschen als isolierte Einheiten verstanden) oder holistisch (Gesellschaft als undifferenzierte Ganzheit verstanden) verkürzt ist, sondern beide Ansichten durch ein systemtheoretisches Konzept Sozialer Arbeit zu integrieren. In diesem Konzept wird der Mensch als in der Gesellschaft und Natur begriffen, also in gegenseitiger Abhängigkeit von Mensch und Gesellschaft (vgl. ebd., S. 120ff). Dabei greift sie auf Erkenntnisse der Soziologin und Friedensnobelpreisträgerin Jane Addams (1860-1935) zurück. Addams Ausgangspunkt war die in den sozialen Strukturen moderner Industriegesellschaften eingebaute Destruktivität (vgl. ebd., S. 27). Aufgrund ihrer praktischen Arbeit und Erfahrungen u.a. in der Universitätsniederlassung Hull House[1] in Chicago, die sie zusammen mit Ellen GATES gründete, gelangte sie zu einem systemischen Ansatz Sozialer Arbeit (vgl. STAUB-BERNASCONI 1997a, S. 90). Dieser geriet jedoch in der weiteren Theoriengeschichte in Vergessenheit. Trotz dieser theoretischen Vorarbeiten zu Beginn des Jahrhunderts wurde in der Theoriebildung Sozialer Arbeit häufig auf andere Disziplinen zurückgegriffen und ein «Theorienotstand» erklärt. Eine eigenständige Theorie der Sozialen Arbeit ist aber unabdingbar, da "Soziale Arbeit ohne eigene, trägerunabhängige Theoriebasis (...) nicht viel mehr (...) als ein Blatt im Wind [sein kann], das in diejenige Richtung fällt, in welcher der Zeitgeist gerade am stärksten weht" (STAUB-BERNASCONI 1995b, S. 13).

Soziale Arbeit hat die Chancen, durch die Analyse menschlicher Bedürfnisse und gesellschaftlicher Machtstrukturen in ihrem Problem- und Arbeitsfeld eine eigenständige Theorie ihrer Funktionen und Methoden zu entwickeln. Damit kann sie aus der ihr zugeschriebenen Bescheidenheit und Binnenorientierung herausgeführt werden (vgl. STAUB-BERNASCONI 1995b, S. 18).

Eine Theorie Sozialer Arbeit stellt dabei wie jede Theorie ein konzeptuelles Aussagensystem bezüglich Informationen und raumzeitlicher Bilder der Realität dar. Außerdem befaßt sich Theorie mit den Prozessen der Entstehung, der Stabilität und des Wandels dieser Informationen und Bilder. Wissenschaft wiederum überprüft diese Bilder empirisch und versucht sie zu erklären.

M.a.W. ist Wissenschaft der Versuch, die organismisch und sozial bedingten Schwächen des Alltagsdenkens in bezug auf die Entwicklung von Beschreibungs-, Erklärungs- wie auch Interventionswissen durch die Anwendung eines komplexen Verfahrens (die wissenschaftliche Methode) zu korrigieren und zu kompensieren (ebd., S. 87).

Dabei kann sich Wissenschaft nicht nur auf die subtile hermeneutische Analyse und dem differenzierten Vergleich von Ideensystemen beziehen, sondern sie muß auf intersubjektiv überprüfbare Weise den Grad an Korrespondenz zwischen Bildern, Theorien und den damit erfaßten Realitäten angeben können. Weiter soll sie Erklärungen über die Verbreitung, Veränderung und das Verschwinden von Ideen und Ideensystemen liefern (vgl. ebd., S. 87ff). Es ist für Staub-Bernasconi nicht nur wichtig, den systemtheoretischen Ansatz gegenüber dem Atomismus und Holismus auszuzeichnen, sondern auch das Verhältnis von Menschen und sozialen Systemen zu bestimmen. Für die Bestimmung dieses Verhältnisses sind vor allem Bedürfnisse auf seiten des Menschen und Machtstrukturen auf seiten der sozialen Systeme herauszuarbeiten, um aus ihnen die Funktionen und Methoden Sozialer Arbeit abzuleiten.

1.1 Abgrenzung des systemtheoretischen Ansatzes Sozialer Arbeit

Um das komplexe Problem- und Arbeitsfeld Sozialer Arbeit theoretisch zu erfassen, bedarf es einer soliden Wissensbasis zur kritischen Prüfung von Ideen und eines metatheoretischen, interdisziplinären Bezugsrahmens, der es ermöglicht, Einzelwissen und verschiedene Ansätze einordnen zu können (vgl. STAUB-BERNASCONI 1995b, S. 92). Einen solchen Bezugsrahmen sieht Staub-Bernasconi im systemtheoretischen Ansatz, der vom atomistischen und holistischen Ansatz abzugrenzen ist.

Die Vertreter des Atomismus gehen davon aus, daß die Wirklichkeit aus isolierten, unverbundenen und nicht mehr reduzierbaren Einheiten besteht, die aus sich heraus existieren und sich von Innen heraus entwickeln. Die Umwelt wird dabei für ihr Bestehen und ihre Entwicklung als irrelevant bzw. störend verstanden. Menschen gelten als solche Einheiten und sind somit frei, selbstgenügsam und selbstbestimmt. Die Gesellschaft wiederum stellt für menschliche Individuen ein Ressourcenreservoir dar, indes die individuellen Werte (Freiheit, Selbstentfaltung, Autonomie etc.) von den Vertretern des Atomismus höher als die sozialen Werte (Mitmenschlichkeit, Kooperation, Ausstattungsgerechtigkeit etc.) bewertet werden. Die Bilder und Theorien der Wirklichkeit werden diesem Verständnis nach vom Individuum selbst erzeugt. Letztlich wird der Mensch als "Erfinder” der Welt verstanden (vgl. ebd., S. 120f).

Eine sich auf atomistische Theorien berufende Soziale Arbeit problematisiert ausschließlich die gestörte innerliche, individuelle Entwicklung. Dementsprechend werden die Ursachen hierfür im Individuum selber bzw. in der entfremdeten Gesellschaft gesehen, die das Individuum zwingt, "unechte” Rollen zu übernehmen, die den individuellen Bedürfnissen des Menschen nicht entsprechen. Die Ziele einer sich so verstehenden Sozialen Arbeit beziehen sich allein auf individuelle Werte. Forderungen werden allein an die soziale Umwelt gestellt, die die Entfaltung idealer Selbstbilder ermöglichen soll. Die Organisationen des Sozialwesens werden als illegitime Kontrollinstanzen kritisiert, die die Entfaltung und individuelle Befreiung, um die es der Sozialen Arbeit geht, behindern (vgl. ebd., S. 122f).

Da soziale Kontrolle und direktive Einflußnahme abgelehnt werden, fällt Sozialer Arbeit in diesem Verständnis die Rolle einer "Geburtshelferin” zu, die ausschließlich den zeitlichen und räumlichen Rahmen des Beratungskomplexes zu gestalten hat, da eine rein atomistisch-individualistische Vorstellung (...) im Extrem [postuliert], dass [sic!] Menschen durch Intervention von aussen nicht veränderbar sind, sondern sich nur jeder selbst entdecken, selbst verstehen, selbst helfen kann und helfen muss (STAUB-BERNASCONI 1995b, S. 123).[2]

Die Vertreter des Holismus begreifen dagegen die Wirklichkeit als undifferenzierte und unteilbare Ganzheit. Dieser Totalität sind alle in ihr existierenden Gebilde untergeordnet. Unterschiede zwischen Menschen und sozialen Gruppen werden ignoriert. Bedürfnisse sind nur dann von Interesse, wenn sie funktionalisierbar sind oder das Ganze stören. Als oberster Wert gilt die Erhaltung des Ganzen. Diesbezüglich sind alle individuellen Werte zweitrangig, da davon ausgegangen wird, daß das Ganze den Teilen nicht nur evolutionär gesehen vorausgeht, sondern auch ethisch wertvoller ist. Da darüber hinaus totalitäre Ganzheiten – erkenntnistheoretisch betrachtet – nicht analysiert werden können, sondern intuitiv-assoziativ erfaßt werden müssen, entsteht ein Gesellschaftsbild ohne differenziertes Verständnis seiner Teile (vgl. ebd., S. 123f).

Soziale Arbeit, die sich auf holistische Theorien bezieht, betrachtet lediglich die Probleme der sozialen Abweichung von gesellschaftlichen Werten und Normen, wobei die Werte und Normen, ihre Genese und Legitimation unreflektiert bleiben. Als Ursache für abweichendes Verhalten werden hauptsächlich mangelnde Kontrolle und fehlende Sanktionen gesehen. Ziel Sozialer Arbeit in diesem Verständnis ist die Wiederherstellung des "funktionierenden Ganzen”. Dabei übernimmt Soziale Arbeit Aufgaben des gesellschaftlichen Normentransportes und der Disziplinierung (vgl. ebd., S. 125f).

1.2 Systemtheorie

STAUB-BERNASCONI begründet die Notwendigkeit einer systemtheoretischen Betrachtung damit, daß nur ein systemtheoretischer Ansatz es ermöglicht, den «Menschen als in der Gesellschaft und Natur» zu begreifen.

Was bei beiden theoretischen Zugängen [dem atomistischen und holistischen; Anm.d.Verf.] in aller Regel fehlt, ist ein psychologisch stimmiges Modell des sozialen Akteurs, der sozialen Akteurin, das Hypothesen über die Dynamik seiner/ihrer Bedürfnisse in gleicher Weise einschliesst wie Hypothesen über sein/ihr Vermögen zu lernen und zu wissen und von diesem Wissen in ihrem/seinem Handeln Gebrauch zu machen. Ein solches Modell hätte sich mit der Frage zu verbinden, inwiefern die Sozialstruktur und -kultur menschliche Bedürfniserfüllung und Problemlösungslernen ermöglicht oder behindert und was Menschen in dieser Hinsicht individuell und kollektiv tun können (STAUB-BERNASCONI 1995b, S. 125).

Im Gegensatz zu atomistischen Theorien, die die individuellen Werte (Freiheit, Autonomie, Individualismus) und Rechte und holistischen Theorien, die die sozialen Werte (Pflichterfüllung, Konformität, Unterwerfung) und Pflichten überbetonen, bietet die Systemtheorie die Möglichkeit, die gegenseitige Determination sozialer und individueller Werte und somit ihre prinzipielle Gleichrangigkeit zu erfassen (vgl. ebd., S. 120ff u. S. 256).

Der hier vorgestellte systemtheoretische Ansatz ist dabei dynamisch bzw. prozessual zu verstehen. In ihm wird von der "Bedingtheit allen Seins” ausgegangen, d.h., daß Objekte und Systeme "aufgrund bestimmter [interner wie externer; Anm.d.Verf.] Bedingungen entstehen, sich erhalten, verändern und wieder zerfallen” (ebd., S. 255).

1.3 Der systemtheoretische Ansatz

Im folgenden wird das Verhältnis von Mensch und sozialen Systemen dargestellt. Dies wird deutlich in der gegenseitigen Abhängigkeit und Determination von individuellen Bedürfnissen und sozialen Machtstrukturen (vgl. ebd., S. 246).

1.3.1 System

STAUB-BERNASCONI geht davon aus, daß eine Realität existiert, ohne daß jemand an sie denkt, sie beobachtet oder sie erforscht, d.h., ohne daß sie bewußt wahrgenommen wird. Alle existierenden «Dinge» sind dabei entweder ein System oder Komponenten eines Systems. Systeme entstehen in Abgrenzung zu ihrer Umwelt.[3] Die Entstehung, der Aufbau und das Verhalten von Systemen lassen sich dabei gesetzes- bzw. prozeßhaft erfassen. Sie entwickeln sich entweder aufgrund von objektiv zufälligen Wechselwirkungen oder aufgrund gesetzmäßiger Prozesse. Obwohl sich Systeme von ihren Umwelten differenzieren, beeinflussen sich Umwelt und System gegenseitig (vgl. STAUB-BERNASCONI 1995b, S. 127f u. S. 366f).

Ein System ist «etwas», das aus einer Anzahl von Komponenten besteht (Zusammensetzung), die untereinander eine Menge von Beziehungen unterhalten (interne Struktur), die sie untereinander mehr binden als gegenüber anderen «Dingen», sodass sie sich gegenüber dem Rest der Welt abgrenzen (Umwelt). Mit seiner Umwelt ist ein System über jene (schwächeren) Beziehungen verbunden, die seine Komponenten mit Systemen ausserhalb von ihm unterhalten (externe Struktur) (ebd., S. 127).

Es gibt physikalische, chemische, biologische, psychische, soziale und kulturelle Systeme, die sich durch ihre jeweils spezifischen emergenten Eigenschaften und Gesetzmäßigkeiten unterscheiden. Das menschliche Individuum stellt ein «selbstwissensfähiges Biosystem» mit biologischen, psychischen, sozialen und kulturellen Bedürfnissen dar (vgl. ebd., S. 128).

1.3.2 Menschen in sozialen Systemen

Menschliches Leben findet in sozialen Systemen statt. Dabei ist zu beachten, daß nach STAUB-BERNASCONI weder soziale Systeme ohne Individuen, noch Cluster von Individuen ohne soziale Systeme denkbar sind. Soziale Systeme sind "konkrete Systeme mit menschlichen Individuen, d.h. mit lern- und selbstwissensfähigen Biosystemen, und diese wiederum mit plastischen Nerv-

ensystemen als deren Komponenten” (STAUB-BERNASCONI 1995b, S. 131).[4] Soziale Systeme entstehen aufgrund der gegenseitigen Abhängigkeit von Menschen in der Befriedigung ihrer Bedürfnisse und Wünsche. Die emergenten Struktureigenschaften sozialer Systeme sind u.a. die institutionalisierten Interaktions- und Austauschregeln und die Muster der Ressourcenverteilung, die ihrerseits Machtstrukturen konstituieren. Eine andere wichtige Eigenschaft sozialer Systeme ist die Kultur, die auf dem begrifflichen Lernvermögen und der Verteilung der gewußten Wissensinhalte der Mitglieder basiert (vgl. ebd., S. 131f). Soziale Systeme sind

als sich selbstbezüglich legitimierende Ungleichheits- und Ungerechtigkeitsordnungen zu begreifen. Das heisst als Systeme, die sich aufgrund interner wie externer, also umweltbezogener struktureller Spannungen und Konflikte, welche die Individuen erfahren und zu systemstabilisierenden wie verändernden Handlungen bewegen, zu transformieren vermögen (ebd., S. 285).

Von Geburt an nehmen Menschen in sozialen Systemen jeweils eine Position (Rollenstatus) ein. Im Laufe ihrer Erziehung bzw. Sozialisation lernen sie dabei, Funktionen zu übernehmen und Mitglieder in einer variablen Zahl sozialer Systeme zu werden. Innerhalb der Struktur sozialer Systeme besitzen sie abhängig von ihrer darin eingenommenen Position einen bestimmten Handlungsspielraum. Diesen können sie durch Modifikation ihrer Rolle, Position oder auch der Präferenzordnung ihrer Bedürfnisbefriedigung nutzen und in Abhängigkeit mit den anderen im sozialen System handelnden Menschen ausbauen. Das Agieren innerhalb des jeweiligen Handlungsspielraumes schließt immer die Bewertung der Struktur als Frage nach der Legitimität bzw. der «Menschengerechtheit» mit ein.

Menschen sind nicht dazu da, um supponierte Bedürfnisse von sozialen Systemen (Gesellschaften, Gemeinschaften) zu erfüllen, sondern soziale (Teil-)Systeme und ihre Mitglieder sind dazu da, um die Erfüllung menschlicher Bedürfnisse, insbesondere diejenigen nach Zugehörigkeit, Obhut und Orientierung wie auch nach persönlicher Zielverwirklichung und Freiheit zu ermöglichen. Daraufhin sollen sie auch beurteilt werden (ebd., S. 136).

Ob ein soziales System dieser Forderung gerecht wird, hängt von den Regeln und der Art der Legitimation dieser Regeln durch grundlegende Wertvorstellungen über die Natur, den Menschen und die Gesellschaft ab (STAUB-BERNASCONI 1995b, S. 282).

Ermöglichen die Strukturen einen Handlungsspielraum der die Befriedigung eigener Ziele und Bedürfnisse zuläßt, wird sie von den Menschen im System als legitim bewertet. Bieten die Strukturen jedoch keinen Spielraum zur Befriedigung der Bedürfnisse und Ziele, so werden sie als behindernd erlebt und als illegitim angesehen. Solche als behindernd erlebte Strukturen können dazu führen, daß versucht wird, die Ziele doch noch zu erreichen. Dies kann über Prozesse wie z.B. der Überanpassung, der Wahl illegitimer Mittel, dem Rückzug aus dem System oder der aktiven Arbeit an der Veränderung der gegebenen Strukturen geschehen. Diese Prozesse können dabei strukturerhaltend oder strukturverändernd auf soziale Systeme wirken (vgl. ebd., S. 132f). Dabei ist zu beachten:

Ob verletzte Bedürfnisbefriedigung als Unrechtserfahrung interpretiert wird, hängt, wie sich empirisch nachweisen läßt, von psychischen, sozialstrukturellen und kulturellen Faktoren ab. (...) Umso dringlicher braucht es eine erfahrungswissenschaftliche Theorie menschlicher Bedürfnisse als Begründungsbasis für universalisierbare Werte und zu vergesellschaftende Normen und Gesetzgebungen (STAUB-BERNASCONI 1995a, S. 70; Herv.i.Orig).

1.3.2.1 Bedürfnisse

Wie jedes andere Biosystem neigt der Mensch dazu, "in bestimmten Zuständen zu sein” (Staub-Bernasconi 1995b, S. 129). Das sind die Werte des Systems. Sind Abweichungen von diesen Werten durch innere Regelmechanismen nicht mehr zu kompensieren, wird dies durch äußeres Verhalten versucht. Interne Prozesse wie Triebe, Emotionen und moralisches Empfinden weisen auf den Mangel hin und motivieren gleichzeitig zu bedürfnisbefriedigendem Verhalten. Alle so geregelten Werte gelten als menschliche Bedürfnisse. Zu den menschlichen Bedürfnissen zählen u.a. physische Bedürfnisse (Nahrung, Wasser, Luft), sensorische Bedürfnisse, das Bedürfnis nach physischer Integrität und Unversehrtheit, nach sexueller Aktivität, nach emotionaler Zuwendung, nach Orientierung in der Welt, nach Regeln und Normen, nach Identität, nach Sinn, nach Freiheit und relativer Autonomie, nach Zugehörigkeit und Anerkennung und nach Austauschgerechtigkeit. Weder die zugrundeliegenden Werte, noch die Bedürfnisse müssen dem Individuum dabei bewußt sein (vgl. STAUB-BERNASCONI 1995b, S. 128ff; 1995a, S. 69f).

Die Bedürfnisse unterscheiden sich im Hinblick auf die Elastizität der Dringlichkeit ihrer Befriedigung. Die Präferenzordnung und Befriedigungsweisen sind dabei auf der einen Seite soziokulturell vermittelt, erlernt oder politisch ausgehandelt. Auf der anderen Seite können sie aber auch unabänderlich – weil zum Überleben unabdingbar notwendig – sein (vgl. STAUB-BERNASCONI 1995b, S. 130).

Grundbedürfnisse sind die Bedürfnisse, "die unabhängig von einem kulturellen oder politischen Konsens erfüllt sein müssen, um menschliche Erhaltung und Entfaltung zu ermöglichen” (ebd., S. 134). Zu den Grundbedürfnissen zählen nicht nur die Bedürfnisse nach überlebenswichtigen Gütern und Ressourcen wie Nahrung, Wasser, Obdach und Schutz, sondern auch solche nach z.B. sexueller Aktivität, eigenbestimmtem Leben und gesellschaftlicher Teilnahme. Davon zu unterscheiden sind Wünsche, die prinzipiell grenzenlos sind. Wünsche sind nach ihrer Legitimität zu beurteilen, die dann gegeben ist, wenn zur Wunscherfüllung nicht die Bedürfnisbefriedigung anderer Menschen beeinträchtigt wird (vgl. ebd., S. 134 u. S. 246).

Die Möglichkeiten der Bedürfnisbefriedigung wie auch der Wunscherfüllung sind von den verfügbaren Ressourcen und von den Fähigkeiten der Individuen, diese zu nutzen, abhängig. Desweiteren sind Menschen bei der Befriedigung fast aller ihrer Bedürfnisse auf andere Menschen oder die Gesellschaft angewiesen (vgl. ebd., S. 129).

Durch die Aufeinanderbezogenheit und gegenseitige Abhängigkeit der (individuellen) Bedürfnisbefriedigung mit den sozialen Strukturen entstehen Normen über erstrebenswerte ökologische, psychische, soziale und kulturelle Handlungen. Ein sozialer Wert wie Freiheit ist z.B. Voraussetzung für Gerechtigkeit. Austauschgerechtigkeit ist wiederum Voraussetzung für gelungene Bedürfnisbefriedigung. Das eine ist auf das andere angewiesen und umgekehrt. Mit anderen Worten bedeutet dies, daß menschliche Bedürfnisse Vergesellschaftungsprozesse determinieren, wohingegen die entstandenen sozialen Strukturen die Formen der Bedürfnisbefriedigung bzw. -verweigerung bestimmen.

Mit Hilfe von Systemtheorie läßt sich (...) begreifen, daß es keine angemessene Gesellschaftsanalyse ohne die Analyse von Individuen und ihrer Bedürfnisse, miteingeschlossen ihrer Lernbedürfnisse als Determinanten von Vergesellschaftungsprozessen, und umgekehrt keine angemessene Individualanalyse ohne die Analyse von Sozialstruktur und Kultur als Determinanten von Bedürfnisbefriedigungs- und -verweigerungsformen geben kann, will man nicht in die Fallstricke eines ungeklärten Dualismus von Individuum und Gesellschaft oder eines undifferenzierten, funktionalistischen Ganzheitlichkeitsdenkens geraten (STAUB-BERNASCONI 1995a, S. 61).

Andererseits wird damit auch deutlich, daß Bedürfnisbefriedigung nicht problemlos und konfliktfrei vonstatten geht. Die Abhängigkeit der eigenen Bedürfnisbefriedigung von anderen Menschen bzw. der Gesellschaft, künstlich oder natürlich erzeugte Ressourcenknappheit und -verteilung und die Unterschiede in der Elastizität der Bedürfnisbefriedigung, sind neben ihrer Bedeutung für die Errichtung von sozialen Beziehungen auch konstitutiv für Konflikte und die Errichtung von Machtstrukturen (vgl. STAUB-BERNASCONI 1995b, S. 246).

In einer Gesellschaft können sich die sozialen Rechte und Pflichten, die die Bedürfniserfüllung ermöglichen bzw. behindern, prinzipiell in einem Gleichgewicht befinden. Dieses muß aber nicht automatisch menschen- und sozialgerecht sein. Auch kann nicht davon ausgegangen werden, daß die Menschen ein solches Gleichgewicht unbedingt anstreben müssen (vgl. ebd., S. 131).

Menschliches Leben bedeutet für STAUB-BERNASCONI, den "Problemen der Bedürfnisbefriedigung und Wunscherfüllung gegenüberzustehen und zu lernen, innerhalb der Struktur sozialer Systeme und in Kooperation und Konflikt mit anderen Menschen, Lösungen hierfür zu suchen” (vgl. ebd., S. 130).

1.3.2.2 Macht

Da menschliche Bedürfnisse Machtstrukturen konstituieren, und soziale Systeme ohne Menschen undenkbar sind, existiert somit kein soziales System ohne Machtstrukturen. Sozial Tätige müssen ständig mit eigener und fremder Macht umgehen, um bestimmte Ansprüche und Forderungen für sich und ihr Klientel durchsetzen zu können. Und selbst das (benachteiligte) Klientel Sozialer Arbeit verfügt über Machtressourcen, die von den Praktikern und Theoretikern Sozialer Arbeit bedacht werden müssen. Daher ist es für eine Theorie Sozialer Arbeit unausweichlich, sich mit Macht auseinanderzusetzen (vgl. STAUB-BERNASCONI 1995b, S. 235ff),

weshalb ich der Machtfrage in der Sozialen Arbeit eine relativ grosse Bedeutung zumesse. Je grösser nämlich die Macht, desto grösser die Chancen, Ziele wie Interessen trotz unvorhersehbarer Nebenwirkungen durchzusetzen, und zwar unabhängig von ihrer Legitimität oder Legalität. Je geringer die Macht bzw. je ausgeglichener die Machtverhältnisse, desto eher müssen Ziele und Interessen ausgehandelt werden und umso grösser sind die Chancen, dass sich Unbeabsichtigtes, Zufälliges, auch Unerwünschtes einstellt (ebd., S. 169).

Für STAUB-BERNASCONI stellt Macht den Oberbegriff für Dimensionen der Kontrolle dar. Eine Verkürzung des Begriffs auf Gewalt oder direkte Einflußnahme ist unzulässig (vgl. ebd., S. 257). Macht bezeichnet "eine über die Zeit hinweg relativ stabile, vertikale (...) durch Strukturregeln geregelte Abhängigkeitsbeziehung zwischen mindestens zwei Menschen oder grösseren sozialen Systemen” (ebd., S. 245; Herv.i.Orig.). Macht läßt sich dabei nach verschie-denen Dimensionen und Quellen unterscheiden: direkte Gewalt, sozioökonomische Ressourcenmacht, Artikulationsmacht, Modell- oder Definitionsmacht, Positionsmacht und Organisationsmacht (vgl. ebd., S. 258ff).

Macht bezieht sich immer auf eine Relation bzw. Differenz zweier sozialer Niveaus. Das Machtgefälle wird durch unterschiedliche Verfügung und Kontrolle über Machtchancen und -quellen charakterisiert. Sie ist die Kontrolle einer Differenz. Dabei existiert Macht unabhängig davon, ob sie wahrgenommen wird. Bestimmte Güter zur Befriedigung der Grundbedürfnisse sind knapp bzw. auf bestimmte Weise in der Gesellschaft verteilt. Die auf dieser Grundlage entstehenden notwendigen Austauschbeziehungen können entweder fair und menschengerecht in bezug auf das Gleichgewicht von sozialen Rechten und Pflichten sein, oder aber sie können unfair und menschenverachtend sein, weil sie Vorherrschaft und Ausbeutung bedingen. Die aufgrund der vorhandenen Machtquellen entstehenden Machtstrukturen sind also nicht von sich aus "schlecht”, sondern es muß vielmehr in menschengerechte Macht (Begrenzungsmacht) und menschenverachtende Macht (Behinderungsmacht) unterschieden werden. Zu Machtquellen können dabei alle Ressourcen werden, die Menschen zugänglich sind (vgl. STAUB-BERNASCONI 1995b, S. 245ff u. S. 277).

Behinderungsmacht zeigt sich in Staub-Bernasconis Verständnis dann, wenn Menschen, Mitglieder von gesellschaftlichen Gruppen, Regionen, Nationen, Organisationen usw. vorübergehend oder dauernd auf niedrigem bis tiefstem Ausstattungsniveau festgehalten, (allen) Existenzrisiken ausgesetzt, psychisch oder technisch manipuliert werden. Sie ist es dann, wenn darüber hinaus Empörung, Auf- und Ausbruchsversuche verhindert werden und dies alles als gott-, geschichtlich oder naturgewollt legitimiert wird (ebd., S. 247).

Somit wird versucht, behindernde Strukturen menschlicher Kritik und Veränderungen zu entziehen.

Behinderungsmacht folgt bestimmten Regeln bzw. Konstruktionsmerkmalen: Über die Ressourcen- und Güterverteilung wird die sozioökonomische Ausstattung der Menschen kontrolliert. Die Verteilung erfolgt nach zugeschriebenen Kriterien wie Hautfarbe, Geschlecht, (ethnischer, nationaler oder auch familiärer) Herkunft etc.

Dabei entstehen feudale, neo-feudale bzw. patriarchale Machtstrukturen. Über die Kontrolle der Menschen und der sozialen Systeme im Hinblick auf die Anordnung im Produktionsprozeß, entstehen Ausbeutungsstrukturen, da die Oberen die Gewinner und die Unteren die Verlierer sind. Oben wird entschieden und kontrolliert, unten wird lediglich zugearbeitet. Über die Kontrolle der gesellschaftskonstituierenden Ordnungs- und Leitideen werden die bestehenden Machtstrukturen legitimiert (z.B. durch die Propagierung "natürlicher” Unterschiede wie Hautfarbe, Geschlecht etc.). Von diesen Ordnungsideen und unveränderbaren Wesensbestimmungen werden Normen und Gesetze abgeleitet. Die Durchsetzung und Einhaltung dieser Normen und Gesetze wird notfalls durch physische Gewalt erzwungen (STAUB-BERNASCONI 1995b, S. 247f u. S. 279f).

Begrenzungsmacht unterscheidet sich von der Behinderungsmacht wie folgt: Die Verteilung von Ressourcen und Gütern erfolgt hier bezüglich allgemeinmenschlicher Bedürfnisse und individueller Leistungen. Die Ressourcenkonzentration bei einigen Wenigen, aber auch die künstliche Verknappung wird begrenzt. Individuelle Wünsche und Bedürfnisse können berücksichtigt werden, solange sie nicht die Befriedigung der Grundbedürfnisse anderer behindern. Ausstattungsunterschiede entstehen nur aufgrund unterschiedlicher Leistungen und Wünsche. Arbeitsteilung und soziale Hierarchien dienen der Herstellung und Sicherung der kollektiven Handlungs- und Funktionsfähigkeit und orientieren sich an den zu lösenden Aufgaben. Sie beinhalten partizipatorisch-demokratische Regeln (Gewaltenteilung, Mitspracherecht, Durchlässigkeit). Rechte und Pflichten werden immer wieder neu ausgehandelt. Die Legitimation der vorhandenen Machtstrukturen orientiert sich an den menschlichen Grundbedürfnissen, deren Befriedigung durch menschengerechte Strukturen sichergestellt sein müssen. Durch Gewaltenteilung u.ä. wird Machtkonzentration begrenzt. Es wird ein demokratischer Konsens gesucht. Die Durchsetzung und Einhaltung der gemeinsamen Vereinbarungen und Übereinkünfte (Normen, Gesetze, Verträge etc.) erfolgt durch positive und negative Sanktionen. Dabei wird auf Willkür und physische Gewalt (außer in eng umrissenen Notwehrsituationen) verzichtet (vgl. ebd., S. 248f u. S. 280ff).

In der Realität treten Behinderungs- und Begrenzungsmacht fast immer in einer Mischform auf. Außerdem erfährt das Individuum beide Formen der Macht als behindernd, weil sie den individuellen Handlungsspielraum einschränken. Da durch die Begrenzungsmacht jedoch bedürfnisgerechte und damit menschengerechte Strukturen aufgebaut und erhalten werden, somit die Möglichkeit zur Befriedigung der (Grund-)Bedürfnisse für eine möglichst große Zahl von Menschen sichergestellt werden soll, gilt sie als legitim (vgl. ebd., S. 249).

1.4 Bedürfnistheoretische Begründung systemischer Sozialer Arbeit

Soziale Arbeit geht davon aus, daß Menschen in ihrem Überleben und Wohlbefinden nicht nur auf eine intakte ökologische Umwelt, sondern ebenso auf eine menschen- und sozialgerechte Gesellschaft angewiesen sind. Hierbei läßt sich einerseits die Erfüllung menschlicher Bedürfnisse (und damit physischer, psychischer und sozialer Werte) und andererseits der Aufbau und die Erhaltung menschen- und sozialgerechter Strukturen, soweit sie der Sozialen Arbeit zugänglich sind, als das allgemeinste Ziel Sozialer Arbeit bestimmen. Es kommt insbesondere auf körperliche Unversehrtheit, psychisches Wohlbefinden, soziale Transferleistungen und kulturelle Angemessenheit an. Gesellschaft wird hierbei nicht als den Individuen übergeordnete oder gar von ihnen abgetrennte Totalität, sondern als komplexes Gebilde mit vielen sozial differenzierten Teilsystemen und damit sozialen Ebenen beschrieben, denen Menschen angehören oder aus denen sie ausgeschlossen sind (STAUB-BERNASCONI 1995b, S. 31).

Dementsprechend findet soziale Praxis und somit Soziale Arbeit auf allen gesellschaftlichen Ebenen (lokal, national, international und damit meines Erachtens auch global) statt. Diese Mehrebenenarbeit ist ein konstitutives Merkmal Sozialer Arbeit.

Soziale Arbeit ist sehr komplex. Nicht nur in bezug auf die Problemfelder, Zielsetzungen und Arbeitsweisen, sondern auch bezüglich der sozialen Systeme (z.B. Individuen, Familien, Gesellschaft), in denen Soziale Arbeit mit einbezogen ist. Das Arbeitsfeld und die Hilfeleistungen Sozialer Arbeit müssen somit ein breites Spektrum von Situationen abdecken, die Ausgangspunkt Sozialer Arbeit sein können. Die Hilfeleistungen unterscheiden sich bezüglich ihrer Merkmale wie z.B. unterschiedliche Hilfeformen, direkte wie vermittelte Zugänglichkeit der Hilfe, unterschiedliche Interaktionsorte, -dichte, -dauer und -tiefe, wie auch in diverse einfache bis hochkomplexe Handlungsvollzüge bzw. Methoden. Die Arbeitsweisen Sozialer Arbeit lassen sich als professionell bezeichnen, "wenn sie sich – zusätzlich zu Intuition, kritischer Reflexion und Engagement – auf wissenschaftlich überprüfte Theorien wie auf begründete Werte abstützen” (STAUB-BERNASCONI 1995b, S. 101). Entsprechend dem breiten Spektrum von Situationen und Arbeitsweisen werden in Sozialer Arbeit auch eine Vielzahl von Ressourcen und Mitteln (soziomaterielle Güter, finanzielle Hilfen, Bildung, Dienstleistungen etc.) verwendet. Daher läßt sie sich als Ressourcenarbeit verstehen, die einen spezifischen Umgang mit Menschen, Dingen und Ideen pflegt. Andererseits befindet sich Soziale Arbeit durch die widersprüchlichen Erwartungen an ihren gesellschaftlichen Funktionen in verschiedenen Dilemmata. Diese bewegen sich vornehmlich auf den Hauptdimensionen Kontrolle, gesellschaftliche Integration versus Hilfe zur Emanzipation aus behindernden Machtverhältnissen, zur Unabhängigkeit von professioneller wie wirtschaftlicher Unterstützung und damit hin zur autonomen Lebensführung. Dazu kommen widersprüchliche Haltungen in bezug auf den Stellenwert des Wissens sowie in bezug auf die soziale Reichweite des Arbeitsfeldes (ebd., S. 104).

Soziale Arbeit läßt sich als Beruf verstehen, der auf der einen Seite denen zur Solidarität verpflichtet ist, die ihre Bedürfnisse nicht selber befriedigen und ihre Probleme nicht eigenständig bewältigen können; kurz: "die in und an der Gesellschaft und Kultur leiden” (ebd., S. 192). Hierbei geht es um die Unterstützung bei der Erschließung eigener und fremder Ressourcen.

Sie hat weiterhin die Aufgabe, soziale Probleme der Gesellschaft gegenüber zu artikulieren und ihr zur Bearbeitung zurückzugeben. Außerdem hat sie, soweit es ihr möglich ist, an der Veränderung illegitimer Machtstrukturen mitzuarbeiten. Das macht die Präsenz Sozialer Arbeit nicht nur im gesellschaftlichen Mikrobereich, sondern auch auf nationaler, internationaler und globaler Ebene nötig, um auch strukturelle, wirtschafts-, bildungs-, kultur-, staats- und sozialpolitische sowie juristische Lösungen sozialer Probleme einzufordern. Soziale Arbeit ist zur Auseinandersetzung mit ihrem eigenen Verhältnis zu und ihrem Verständnis von Macht gezwungen. Ohne die Verfügung über Machtquellen bzw. einen Machtvorsprung erscheint wirksame Hilfe in einer funktional differenzierten Gesellschaft mit zum Großteil zerstörten Reziprozitätsverpflichtungen nicht möglich zu sein (vgl. ebd., S. 95ff).

1.4.1 Soziale Probleme als Ausgangspunkt für die Bestimmung der Funktionen Sozialer Arbeit

Soziale Arbeit soll nicht auf die Arbeit mit sozial Abweichenden oder auf einzelne Problemkategorien reduziert werden, sondern von der umfassenden Vorstellung sozialer Probleme und der mit ihr verknüpften Machtproblematik ausgehen und sie teilweise klären. Dabei befaßt sich Soziale Arbeit mit Menschen und deren unbefriedigten Bedürfnissen in ihren jeweiligen Umwelten. Umfassender formuliert stellt sie eine gesellschaftliche Antwort auf Problemkonstellationen, in denen die sozialökologischen, psychischen, sozialen und kulturellen Ressourcen der Bedürfnisbefriedigung fehlen bzw. nicht dank sozialer Beziehungen und Mitgliedschaften eigenständig erschlossen werden können, [dar] (STAUB-BERNASCONI 1995b, S. 134; Herv.i.Orig.).

Menschliches Leiden und problematische Strukturen existieren unabhängig von der Tatsache, ob sie von sozialen Instanzen oder Akteuren artikuliert werden. Soziale Arbeit als Wissenschaft hat die Aufgabe, nicht nur die Frage zu beantworten, "was individuelle und soziale Probleme für die Betroffenen und deren Kontrollinstanzen bedeuten, sondern ebenso, was sie sind” (ebd., S. 88; Herv.i.Orig.). Dies bedeutet, daß Soziale Arbeit soziale Probleme und die ihnen zugrundeliegenden Strukturen bestimmen muß.

Probleme sind in Sprache:[sic!] Bilder, Begriffe erfasstes und bewertetes stummes, subjektives Leiden von Menschen in und an der Gesellschaft und Kultur, die auf unerfüllte Bedürfnisse als auch unerfüllbare Wünsche zurückgehen. Von sozialen Problemen lässt sich in zweierlei Hinsicht sprechen: Das Problem selber hat eine soziale Dimension (...). Oder das Problem wird durch einen sozialen Mechanismus (...) erzeugt (ebd., S. 105; Herv.v.Verf.).

Dazu gehören besonders Probleme unbefriedigter Bedürfnisse und legitimer Wünsche, asymmetrischer Austauschbeziehungen, behindernder Machtstrukturen und fehlender oder willkürlicher Werte und Kriterien (vgl. ebd., S. 89 u. S. 105f).

Soziale Probleme ergeben sich daraus, daß Menschen zur Erfüllung von Bedürfnissen und Wünschen – und somit zum Überleben überhaupt – auf andere Menschen angewiesen sind. Weiter resultieren sie aus der Tatsache, daß Menschen in sozialen Systemen existieren, in denen die unterschiedliche Verfügbarkeit über Ressourcen die Basis für Machtstrukturen darstellt. Die Erfüllung der prinzipiell grenzenlosen Wünsche kann die Bedürfnisbefriedigung anderer Menschen beeinträchtigen. Desweiteren sind Menschen frei, das Wahre, Richtige oder auch Falsche zu tun, und sie können behindernde oder begrenzende Machtstrukturen aufbauen, um eigene Bedürfnisse und Wünsche zu befriedigen. Somit werden die Möglichkeiten anderer eingeschränkt (STAUB-BERNASCONI 1995b, S. 135).

Soziale Arbeit erfüllt im Hinblick auf die verschiedenen sozialen Ebenen (lokal, national, international und global) bestimmte Funktionen. Im Zusammenhang mit Individuen unterstützt sie bei der Erschließung von Ressourcen zur Bedürfnisbefriedigung und schafft die Voraussetzungen für bzw. fördert Lernprozesse, die eine eigenbestimmte Lebensführung in möglichst fairen Austauschbeziehungen ermöglicht. In bezug auf soziale Systeme geht es um die Balance von Rechten und Pflichten und die Umwandlung von behindernden in begrenzende Machtstrukturen, soweit diese Sozialer Arbeit zugänglich sind. Die gesellschaftlichen Träger wiederum erwarten von ihr, daß sie eine möglichst schnelle (ökonomische) Integration und Resozialisation sicherstellt bzw. reibungslos effiziente soziale Dienstleistungen verrichtet.

Aber vor allem soll Soziale Arbeit strukturelle, gesellschaftsbedingte Probleme, wie zum Beispiel Arbeitslosigkeit, auf der individuellen Ebene bearbeiten, lösen und wenn das nicht möglich ist: managen und verwalten (ebd., S. 192; Herv.i.Orig.).

Dabei darf nicht außer Acht gelassen werden, daß Soziale Arbeit, trotz aller gesellschaftlichen Forderungen und Erwartungen, die sie nicht negieren können wird, als wissensbasierte Profession eigene Handlungsspielräume und Problemdefinitionen bestimmen kann und muß, um nicht eine Profession "zweiter Klasse” (Semiprofession)[5] zu sein bzw. zu werden. "Wer nicht selber

definiert, wird von anderen definiert. So bewirken Rat- und Sprachlosigkeit der Sozialen Arbeit, dass die Problemdefinitionsmacht anderen Instanzen überlassen wird” (STAUB-BERNASCONI 1997b, S. 243).

[...]


[1] Das Hull House war ein Projekt in den Slums Chicagos. Neben praktischer Sozialer Arbeit war stets ein Ziel der Mitarbeiter des Hull Houses, die Erfassung und Erforschung der Lebens-, Gesundheits- und Arbeitsbedingungen der Slumbewohner. Die Ergebnisse wurden z.B. durch Wandzeitungen an die Bewohner weitergegeben und dienten als Grundlage für eine rationale Argumentation in der Tagespolitik, in die sich die Hull House Mitarbeiter einmischten (vgl. ebd., S. 32). Das Hull House bestand aus 13 Gebäuden. Durchschnittlich arbeiteten dort 70 Mitarbeiter. Besucht wurde es täglich von mehr als 2000 Menschen (vgl. STAUB-BERNASCONI 1997a, S. 91)

[2] Da Staub-Bernasconis Aufsätze und Bücher teilweise in der Schweiz veröffentlicht wurden (hier Staub-Bernasconi 1995b u. 1997b), sind die entsprechenden Texte in Schweizerdeutsch abgefaßt. Auffälligstes Merkmal ist dabei das Fehlen von "ß” und großgeschriebenen Umlauten. Im folgenden werde ich nicht mehr ausdrücklich darauf hinweisen.

[3] Hierbei ist zu beachten: Wenn sich ein System dadurch definiert, daß es sich von seiner Umwelt abgrenzt, aber alles was existiert ein System oder Komponenten eines Systems sein soll, dann läßt sich diese Umwelt wiederum als System mit einer Umwelt beschreiben, die sich wiederum als System beschreiben ließe etc. Trotzdem muß es eine letzte Bezugsgröße geben, die selber kein System darstellen kann, weil sie sich von keiner Umwelt mehr differenzieren ließe. (vgl. Brunkhorst 1993, S. 1500f). Als diese letzte Bezugsgröße wählt LUHMANN (1999) die Welt. Welt ist bei ihm der differenzlose Letztbegriff, die Einheit aller möglichen Differenzen (vgl. ebd., S. 283f).

[4] Auch Luhmann (1999) macht deutlich, daß Personen und soziale Systeme im Zuge einer Co-evolution nicht unabhängig voneinander ent- und bestehen können. Da sich nach LUHMANN soziale Systeme jedoch aufgrund von selbstreferentiellen Kommunikationszusammenhängen konstituieren, gilt der Mensch hier nicht als Teil der Gesellschaft, sondern wird der Umwelt sozialer Systeme zugeordnet (vgl. ebd., S. 67 u. S. 92).

[5] Damit ist die administrative Eingebundenheit der Semiprofession im Vergleich zur klassischen Profession gemeint, die sie strukturell als defizitär erscheinen läßt und sie daher als Profession zweiter Klasse bezeichnet werden könne (vgl. MERTON u. OLK 1996, S. 579).

Details

Seiten
99
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
1999
ISBN (eBook)
9783832447502
ISBN (Buch)
9783838647500
Dateigröße
719 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v220345
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Philosophie / Pädagogik, Pädagogik
Note
2,0
Schlagworte
sozialpädagogik sozialarbeit globalisierung transnationalstaaten

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Titel: Gesellschaftliche Transformation und Theorie der Sozialen Arbeit