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Peter Handke im Kreuzfeuer

Der Kosovo-Konflikt, die Haltung der Medien und die Intellektuellendebatte

Diplomarbeit 2000 106 Seiten

Germanistik - Sonstiges

Leseprobe

InHaltsverzeichnis

Vorbemerkung

Einleitung

1 Kosovo - Historie, Fakten und Mythen
1.1 Der Balkan
1.1.1 Die Herkunft der Serben und Albaner
1.1.2 Geographie
1.1.3 Geschichte
1.1.4 Die Schlacht auf dem Amselfeld und ihr Mythos
1.1.5 Das Osmanische Reich
1.1.6 Der serbische Exodus
1.1.7 Aufstände
1.2 Schicksalsjahre
1.2.1 Der erste Weltkrieg
1.2.2 Das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen
1.2.3 Das Problem der Albaner
1.2.4 Kolonisierung des Kosovo
1.2.5 Serbische Intellektuelle
1.2.6 Der Zweite Weltkrieg
1.2.7 Loyalität der Albaner
1.3 Bundesrepublik Jugoslawien
1.3.1 Verfassung von 1974
1.3.2 Das Ende der Ära Tito
1.3.3 Slobodan Milošević
1.3.4 Kosovo den Serben
1.3.5 Der Vertrag von Dayton
1.3.6 Der bewaffnete Aufstand
1.3.7 Warnflüge der NATO
1.3.8 Das Massaker von Raçak und Rambouillet
1.3.9 78 Tage
1.3.10 Zusammenfassung

2 Peter Handke
2.1 Biographie
2.1.1 Abschied von Slowenien
2.1.2 Kurzer Exkurs zu Wirtschaft und Politik
2.1.3 Zurück zu Handke
2.1.4 Gerechtigkeit für Serbien
2.1.5 Die Grenze
2.1.6 Srebrenica
2.1.7 Forderung nach Gerechtigkeit
2.1.8 Der Angriff auf die Journalisten
2.1.9 Die vermuteten Gründe
2.1.10 Das System
2.2 Die Reaktion auf Peter Handke
2.2.1 Interview mit Alain Finkielkraut
2.2.2 Die Reaktion der jugoslawischen Seite
2.2.3 Peter Handke im Gespräch
2.2.4 Die Quintessenz
2.2.5 Die zwei Sichtweisen
2.2.6 Der literarische Versuch

3 Peter Handke und der Kosovo-Konflikt
3.1 Interview nach der Reise
3.1.1 Der Domino-Effekt
3.1.2 Unter Tränen fragen
3.1.3 Der Holocaust als Legitimation
3.1.4 Das Stück am Ende des Krieges
3.1.5 Die Fahrt im Einbaum
3.1.6 Die Premiere
3.1.7 Ein Dichter und seine Wahrheit
3.1.8 Zusammenfassung

4 Politik und Medien im Kosovo-Konflikt
4.1 Feindbilder
4.1.1 Die Parallele
4.1.2 Operation Hufeisen
4.1.3 Das Massaker von Raçak
4.2 Die Medien
4.2.1 Kritische Sichten
4.2.2 Informationsquellen
4.2.3 Der NATO-Pressesprecher
4.3 Die Intellektuellen
4.3.1 Die Funktion der Intellektuellen
4.3.2 Intellektuelle im Krieg
4.3.3 Die menschlichen Werte

5 Ausblick

6 Resumée

Literaturverzeichnis

Anhang

Vorbemerkung

Albanisch und serbisch sind zwei unterschiedliche Sprachen. Bei künftigen Bezeichnungen von Namen und Städten wird die Schreibweise der jeweiligen Quelle adaptiert.

Da die Verfasserin der serbischen Sprache nicht mächtig ist, basiert diese Arbeit größtenteils auf der Recherche von westlicher Lektüre. Als Informationsquellen dienen hauptsächlich die im Print veröffentlichten Artikel und Bücher, zu denen auch die über Internet recherchierten Beiträge zählen.

Im Anhang sind die erwähnten Briefe des Schriftstellers an die Öffentlichkeit während des Kosovo-Konfliktes einzusehen.

Einleitung

Vor über einem Jahr griff die NATO erstmals in ihrer Geschichte einen souveränen Staat an. Mit dem Ziel, einehumanitäre Katastropheim Kosovo verhindern zu wollen, starteten die alliierten Mächte am 24. März 1999 einen massiven Luftangriff auf Jugoslawien. 78 Tage lang fielen die Bomben auf serbisches Hoheitsgebiet, die albanische Bevölkerung flüchtete und die Medien eröffneten einen Aufklärungs-, Informations- und Propagandafeldzug. Ob Print, Funk, Fernsehen oder Internet - es wurde ein breites Panorama geschaffen, in dem neben Politikern, Journalisten und Sachkundigen auch die Intellektuellen zu Wort und Zitat gebeten wurden. Der österreichische Schriftsteller Peter Handke widersetzte sich als einer der wenigen gegen die Art und Weise der westlichen Berichterstattung. Mit öffentlichen Briefen, der Rückgabe des Büchnerpreises und Reisen nach Serbien, protestierte er gegen die seiner Meinung nach anti-serbische Haltung in den westlichen Medien und löste damit kontroverse Diskussionen aus.

Der Krieg im Kosovo ist ein einmaliges Beispiel in der Politik. Erstmals faßten die NATO -Staaten den Entschluß, ohne Zustimmung der UNO, gegen ein souveränes Land vorzugehen. Wie sie propagierten, war es eine Entscheidung, die zum Ziel hatte, die Menschenrechte zu verteidigen.

Aus verschiedenen Perspektiven soll der Krieg im Kosovo dargestellt werden. Einmal aus der Sicht der Politik, dann aus der Haltung der Medien und der Intellektuellen und aus dem Blickwinkel von Peter Handke. Da die Meinung des Schriftstellers im vollkommenen Kontrast zu der westlichen Haltung steht, werden seine Aussagen und Schriften als Basis für die weitere Auseinandersetzung mit der Haltung der Politik, der Medien und der Intellektuellen verwendet. Zugleich wird damit ein Kontext zwischen Politik und Literatur hergestellt.

Die spätere Argumentationsweise erfordert eine chronologische Darstellung der Thematik. Zunächst wird eine Übersicht der historischen Ereignisse mit Eckdaten skizziert, um das ethnische Problem zwischen Serben und Albanern darzulegen. Insbesondere beschäftigt sich das erste Kapitel mit der Frage, inwieweit die historischen Ereignisse für die jüngste Auseinandersetzung verantwortlich gemacht werden können. Nach der These vieler westlicher Historiker beweist die jugoslawische Geschichte nicht, daß eine Diskrepanz zwischen beiden Ethnien über Jahrhunderte hinweg zu dem jüngsten Konflikt geführt haben. Sie gehen davon aus, daß der jüngste Kosovo-Konflikt ein Produkt dieses Jahrhunderts ist.

Nach der Einführung in die jugoslawische Geschichte wird die Literatur zum Zuge kommen.Bereits in den vorangegangenen Balkankonfliktenprotestierte der Schriftsteller Peter Handkevehement gegen das in der westlichen Öffentlichkeit bestehende Serbenbild.

Sein eindeutiges politisches Engagement lädt zu einer zu diskutierenden Sichtweise ein.Eine umfassende Interpretation über Handkes Werke in der Balkanproblematik Abschied des Träumers vom Neunten LandEineWinterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien/ Sommerlicher Nachtrag zu einer winterlichen Reise/ Die Fahrt im Einbaum oder das Stück zum Film vom Krieg/ Unter Tränen fragend wird seine Ansichten im zweiten und dritten Kapitel skizzierenDie Teilung auf zwei Kapitel erschien der Verfasserin sinnvoll, da sich das Engagement des Schriftstellers auch auf zwei verschiedene Konflikte konzentrierte, wobei die Einstellung zwar gleich, doch sich seine Haltung massiv veränderte. In dritten Kapitel werdenauch seine Briefe, Interviews, Aktionen und dieaußenstehende Kritik während des Kosovo-Konfliktes untersucht. In diesem Zusammenhang drängt sich eine existentielle Frage der Literatur auf: Muß ein Schriftsteller objektiv bleiben oder darf er subjektiv sein?

Mit Hilfe dieser Ausarbeitung kann im vierten Teil der Arbeit in die politische Dimension gewechselt werden. Ausgehend von Handkes Vorwurf der einseitigen Berichterstattung soll der Wahrheitsgehalt dieser Anklage nachgeprüft werden. Die Argumentation der westlichen Staaten schien eindeutig. Doch die Zielsetzung der NATO, die menschliche Würde zu verteidigen und gleichzeitig zu verletzen, verlangte eine legitime Basis. Die Medien und die Intellektuellen waren gefragt. Ihre Arbeit soll zur Diskussion gestellt werden. Der Augenmerk liegt bei der Frage, ob und inwiefern sich die Medien und die Intellektuellen von der Politik haben instrumentalisieren lassen, um den Luftangriff zu legalisieren. Wie wurde der Begriff der Moral interpretiert und aufgrund welcher Argumentation konnte die Politik ihre Entscheidung in der Öffentlichkeit legitimieren?

Hierbei werden auch seine Briefe, Interviews, Aktionen und außenstehende Kritik berücksichtigt. Die im Vordergrund stehende Meinung des Schriftstellers soll anhand von signifikanten Beispielen aus der Medienberichterstattung und der Politik kritisch hinterfragt werden.

Das Ziel dieser Arbeit ist es, die verschiedenen Nuancen des Kosovo-Konfliktes zu beleuchten. Am Beispiel Kosovo wird deutlich, inwiefern Politik, Kultur, Literatur und Philosophie voneinander abhängen, die Gesellschaft prägen und daher als Einheit begriffen werden müssen. Die Vorgänge im und um Kosovo haben gezeigt, daß Kriege und Auseinandersetzungen nicht nur auf dem Schlachtfeld geführt, sondern auch die normativen Werte einer Gesellschaft in Frage gestellt werden.

1 Kosovo - Historie, Fakten und Mythen

In den folgenden Kapiteln wird versucht, das diffuse Bild über Fakten und Mythen des Kosovos chronologisch darzustellen, die eigentliche Problematik zwischen Serben und Albanern herauszuarbeiten, um somit einigen Klischeevorstellungen entgegen zu wirken und der eigentlichen Wahrheit näherzukommen. Vier Fakten schaffen den Rahmen für die logische Auseinandersetzung mit dem eigentlichen Konflikt. Diese zeigen, daß die Kosovo-Problematik eine Vermischung von Mythos, Ideologie, Politik, Manipulation der Führungskräfte und subjektiver, soziokultureller Interpretation ist.

1. Die über Jahrhunderte dauernde Diskrepanz zwischen den Serben und Albanern wird oft als Begründung für den jüngsten Konflikt angeführt. Angeblich sollen sich beide Völker schon immer gehaßt und aufgrund ihrer unterschiedlichen Kultur und Religion nie zu einem Konsens gefunden haben. Die Geschichte des Balkans mit den zahlreichen Kriegen und damit verbundenen Grenzverschiebungen wird ein anderes Bild zeigen.
2. Moderne, westliche Theorien - unter ihnen ist auch jene des britischen Historikers Noel Malcolm vertreten - stellen überzeugend dar, daß der angebliche ‚uralte Völkerhaß‘ erst ein Produkt des ausgehenden 18. Jahrhunderts ist. Mit der Entstehung des Nationalismus konnte die Idee des eigenen Nationalstaates verfolgt und der Kampf zwischen den einzelnen Völkern zielgerecht entfacht werden.
3. Die Serben betrachten das Kosovo als ihr historisches Herzland, als die Wiege ihrer Nation. Der bestehende Mythos über die Größe des serbischen Volkes findet seinen Ursprung in dem eigentlichen Niedergang des mittelalterlichen serbischen Königreiches bei der Schlacht auf dem Amselfeld (Kosovo Polje) im Jahre 1389. Der damalige Herrscher Prinz Lazar mußte vor den Osmanen kapitulieren. Für ein halbes Jahrtausend standen Kosovo und große Teile des ehemaligen Jugoslawien unter osmanischer Herrschaft.
4. Mit der Vertreibung der Türken auf dem Balkan kündigte sich eine schicksalhafte Ära für den Kosovo an. Während mit Hilfe der westlichen Mächte der eigenständige Staat Albanien entstand, wurde das Kosovo-Gebiet Serbien zugesprochen. Erst seit 1913 gehört Kosovo zu Serbien und wurde somit bei der Gründung des jugoslawischen Nationalstaates 1918 einbezogen.

1.1 Der Balkan

Die Geschichte des Balkans erweist sich als eine sehr komplizierte.

Wir haben hier vielmehr das Ergebnis einer vierzehnhundertjährigen Geschichte vor uns, die, in großartiger und zugleich bedrückender Weise das Widerspiel dreier Kulturkreise spiegelt, die sich in Südosteuropa begegnet sind: der römisch-katholisch-abendländische, der griechisch-byzantinisch-orthodoxe und der osmanisch-islamisch-orientalische.[1]

Um Verwirrungen auszuschließen, werden in den nächsten Kapiteln nur die Eckdaten und Ereignisse genannt, welche die Entwicklung zum jüngsten Konflikt veranschaulichen.

1.1.1 Die Herkunft der Serben und Albaner

Mit der Abstammungsfrage versuchen manche Historiker zu begründen, weshalb das eigene Volk ein größeres Recht auf das Kosovo-Territorium besitzt. Doch gleich, wer als erstes im Kosovo war, es würde nichts an der Tatsache ändern, daß seit einigen Jahrhunderten beide Ethnien ihre Wurzeln in dem umstrittenen Gebiet geschlagen und somit ein begründetes Recht auf ein dortiges weiterleben haben. Ende des 6. Jahrhunderts waren die Vorfahren der heutigen Slowenen, Kroaten und Serben in ihre neue Heimat gelangt. Die Kroaten und Serben gelten trotz unterschiedlicher kultureller Entwicklung bis heute als Zwillingsvolk.

Während die Kroaten sich im Gebiet des modernen Kroatien und Westbosnien niederließen, zogen die Serben in die Gegend von Rascia nordwestlich von Kosovo und in die Region des heutigen Montenegro. Ihre Ausweitung auf das Kosovo-Gebiet begann frühestens Ende des 12. Jahrhunderts.

Die Herkunft der Albaner ist unter den Historikern stark umstritten. Albanische Wissenschaftler sind davon überzeugt, daß die Albaner von den Illyrern abstammen und daß bereits vor dem Einzug der Slawen zahlreiche Albaner im Kosovo lebten. Die Illyrer besiedelten im Altertum das Gebiet des heutigen Albaniens und des südlichen Jugoslawiens. Auch die historische internationale Forschung tendiert bei der albanischen Abstammungsfrage zu der These der Verwandtschaft mit den Illyrern. Aufgrund der spärlichen Indizien läßt sich allerdings nur mit Sicherheit sagen, daß die albanische Sprache eine der ältesten Sprachen des Balkans ist.[2]

Auf serbischer Seite wird die Ansicht vertreten, daß albanische Bergstämme erst im Gefolge der türkischen Eroberungsfeldzüge und nach der Abwanderung der Serben im 17. Jahrhundert in den Kosovo einwanderten. Auch wenn nach dem serbischen Exodus die albanische Zuwanderung ins Kosovo-Gebiet zunahm, so ist dies kein Indiz dafür, daß Albaner nicht schon vorher das Gebiet besiedelten.[3]

Zum Zeitpunkt der türkischen Eroberung (endgültig 1455) machten die Albaner bereits 4 bis 5 % der Gesamtbevölkerung des Kosovo aus. Diese Albaner waren aber, das machen türkische Steuerregister deutlich, bereits in einem Prozeß der Slawisierung befindlich.[4]

1.1.2 Geographie

Aufgrund seiner strategisch günstigen Lage war Kosovo stets ein Dreh- und Angelpunkt in der Geschichte des Balkans. Zwei wichtige Routen verbanden das Mittelmeer mit den wichtigen Handelszentren Prizren, Peć und Prishtina. Doch waren es diese nicht allein, die das Territorium zu einem begehrten Objekt machten. Wer die Macht über Kosovo besaß, konnte den Zugang zu Bosnien und Nordalbanien kontrollieren, sowie die Verbindung zwischen Serbien und der makedonischen Region unterbrechen. Neben der günstigen geostrategischen Lage trat das Gebiet durch seinen Mineralienreichtum hervor. Eisen, Blei, Zink, Chrom, Kohle und nicht zuletzt die Fülle an Silberminen machten Kosovo zu dem größten Mineralienvorkommen in ganz Südosteuropa.[5]

Allerdings führte der über Jahrhunderte dauernde Abbau und die zeitweise inkompetente Mißwirtschaft zu der Verarmung der Region. Die Industrialisierungsstrategie des ehemaligen Jugoslawien beschränkte sich im Kosovo neben der Agrarwirtschaft ziemlich einseitig auf den Abbau der Bodenschätze. Somit konnte die Kapazität der Arbeitsplätze, die hauptsächlich auf diese beiden Wirtschaftszweige aufgeteilt war, mit der rapide steigenden Bevölkerungszahl, die sich seit der Nachkriegszeit mehr als verdoppelt hat, nicht mithalten.[6]

1.1.3 Geschichte

Obschon das mittelalterliche Kosovo als serbisches ‚Herzland‘ deklariert wird, weist der Historiker Noel Malcolm darauf hin, daß Kosovo nur für die letzten 250 Jahre bis zur endgültigen Eroberung der Osmanen gegen 1450 unter serbischer Herrschaft stand.

Just over 800 years separate the arrival of the Serbs in the Balkans in the seventh century from the final Ottoman conquest in the 1450s: out of those eight centuries, Kosovo was Serb-ruled for only the last two-and-a-half - less than one-third of the entire period.[7]

Desweiteren widerlegt er die weit verbreitete Ansicht, daß die ersten orthodoxen Klöster im Kosovo gegründet worden sind. Die ersten Klöster sollen in der Gegend von Rascia, also nördlich von Kosovo gestanden haben und sind teilweise auch heute noch erhalten. Erst Ende des 13. Jahrhunderts wurde das Kloster von Žiča bei einem Überfall der Tartaren abgebrannt und der Hauptsitz der orthodoxen Kirche nach Peć (West-Kosovo) verlegt.

In other words, the cradle of Serbian monasticism in the first two or three generations of Nemanjid rule was located where the cradle of the Serbian state had been: not inside Kosovo, but further to the north and west. It was only later, with the development of the Patriarchate buidlings at Peć, and the fourteenth-century foundations of Gračanica, Dečani and the monastery of the Holy Archangels in Prizren, that Kosovo gained any real importance for the Nemanjid church-building programme.[8]

Den historischen Fakten nach zu urteilen, ist es also falsch, daß die Mehrheit der Serben davon überzeugt ist, daß das Kosovo Ursprungs- und Herzland ihrer Kultur ist. Die ersten orthodoxen Klöster standen auf serbischen Gebiet, das Zentrum der orthodoxen Kirche wurde erst später in den Kosovo verlegt. Doch die vorherrschende Meinung zeigt, daß Fakten ignoriert werden können, wenn der Mythos viel stärker ist.

1.1.4 Die Schlacht auf dem Amselfeld und ihr Mythos

Das große Serbische Reich des Mittelalters starb im Kosovo. Die Schlacht auf dem Amselfeld, am Veitstag 1389, in der serbischen Mythologie in einen Sieg umgedeutet, besiegelte das Ende eines Imperiums, das einst von der Donau bis zur Adria und Agäis reichte.[9]

Nur weniges ist über diese schicksalhafte Schlacht bekannt. Sicher ist, daß die beiden großen Herrscher Prinz Lazar und der Sultan des osmanischen Reiches Murat, ihr Leben auf dem Schlachtfeld ließen. Sicher ist auch, daß der Ausgang der Schlacht einen historischen Wendepunkt für das serbische Reich darstellte. Der serbische Feudalstaat, die Nemanjiden-Dynastie, war besiegt. Es existieren keine Augenzeugenberichte über den Hergang der Schlacht. Daß der Mythos überhaupt entstehen konnte, wird zum Teil der serbischen Kirche zugeschrieben. Sie war es auch, die den Tag der Niederlage - nach dem modernen Kalender der 28. Juni - feierte. Sie interpretierte Lazars Tod als Märtyrertum: Er opferte sich zum Wohl des serbischen Volkes. Er nahm den Tod willentlich und mit Freude an. Das machte ihn zum eigentlichen Sieger der Schlacht.[10]

Für die weitere Verbreitung des Mythos werden zahlreiche Volksepen angeführt, welche allerdings erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts geschrieben worden sind. Ihre Tradition läßt sich aber durch mündliche Überlieferungen und Volkslieder seit 1389 nachvollziehen. Nach Malcolm ist der populäre Kosovo-Mythos ein Produkt des 19. Jahrhunderts.

Of all these elements of the Kosovo myth which was formed in the nineteenth century, none has been more powerful than the ‚Kosovo covenant‘. This is the idea that Lazar was offered a choice between an earthly kingdom and a heavenly one, and that he chose the latter; because of his decision, described as a covenant with god, the Serbs are often said to consider themselves as a ‚heavenly people‘.[11]

Die serbische Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts verwob den Exodus als Teil der serbischen Mythologie. Der britische Historiker verweist darauf, daß serbische Schriftsteller die Niederlage auf dem Amselfeld mit der Kreuzigung Christi verglichen hätten. Der Auszug der Serben aus dem Kosovo käme dem Tod Christi und seiner Beerdigung gleich, während die Auferstehung die Eroberung des Kosovos im Jahre 1912 bedeutete.[12]

Wie die weitere Geschichte zeigen wird, war der Mythos des Amselfeldes Teil der entstandenen Ideologie, die zur Legitimation von separatistischer Handlungsweise, Manipulation durch nationalistische Führungskräfte und die Schürung von ethnischen Konflikten führten.

1.1.5 Das Osmanische Reich

Fast ein halbes Jahrtausend beherrschten die Osmanen die südliche Hälfte des Balkans, Kosovo einbeschlossen. Mehrmals versuchte das österreichische Kaiserreich osmanische Gebiete zu erobern. Allerdings führten diese Kämpfe zu Grenzverschiebungen im bosnischen Gebiet, so daß es dort zu einer starken Bevölkerungsmischung kam.

Das Kosovo jedoch gehörte biszu der Vertreibung der Türken auf dem BalkanAnfang dieses Jahrhunderts zu dem Osmanischen Reich. Intern wurde die Herrschaft der Osmanen oft auf die Probe gestellt. Zahlreiche Aufstände, teils angestachelt durch orthodoxe Serben, dann wieder durch christliche Albaner oder auch durch eine Allianz beider, durchzogen die ganze Vergangenheit.[13]

Entgegen der weitverbreiteten jugoslawischen Meinung, die osmanische Herrschaft sei eine durchgängige Zeit der Tyrannei und Unterdrückung gewesen, stellt Malcolm ein anderes Bild dar.

Far from imposing an utterly alien system, the Ottoman Empire did in fact preserve and develop many of the features of life - administrative, social, ceremonial and so on - which it found in ist conquered Christian states.[14]

Unter den Osmanen genossen die einzelnen Religionsgemeinschaften, hauptsächlich die christlich orthodoxe, die armenische und die jüdische, in religiöser und kultureller Hinsicht eine weitgehende Selbstverwaltung. Grundsätzlich wurde die Bevölkerung in zwei Klassen eingeteilt: die militärische, die in die Kämpfe zog und die andere, die dafür bezahlte. Christliche Familien gehörten generell zu Bürgern zweiter Klasse und mußten auch mehr Steuern zahlen. Sie durften auch kein Land besitzen, sondern waren den muslimischen Lehnsherren unterstellt. Daher wird der wirtschaftliche Faktor, der manche dazu brachte den islamischen Glauben anzunehmen, keine unerhebliche Rolle gespielt haben.[15]

1.1.6 Der serbische Exodus

Im Verlauf des großen Türkenkrieges von 1683 bis 1699 besetzten 1689 Habsburger Truppen das Kosovo. Von der Bevölkerung wurden sie als Befreier begrüßt. Doch wurden sie bereits ein Jahr später von der tartarisch-osmanischen Armee aus Kosovo vertrieben. Mit ihnen zogen zwischen 30 000 und 40 000 Serben ins Habsburger Reich. In der serbischen Geschichte wird dieser Exodus als ‚große Wanderung‘ bezeichnet. Mit der Flucht der Serben begründen die serbischen Historiker die mehrheitliche albanische Bevölkerung im Kosovo.

The significance of this relates partly to arguments about the ethnic-demographic history of Kosovo: it is claimed that before 1690 the Albanians were in insignificant minority in Kosovo (or perhaps not there at all), and that only after the exodus of the Serbs did Albanians come flooding in to fill the vacuum they had left.[16]

Es ist richtig, daß durch die serbische Abwanderung sich der serbische Siedlungsschwerpunkt nach Norden verlagerte und sich die Bevölkerungszusammensetzung im Kosovo zugunsten der Albaner entwickeln konnte. Seit Ende des 17. und besonders im 18. Jahrhundert zogen viele muslimische Albaner aus dem nordalbanischen Gebirge in den Kosovo. Die tatsächlichen Bevölkerungszahlen vor 1690 lassen sich mit dieser Argumentation jedoch nicht nachweisen.

1.1.7 Aufstände

Zwei serbische Aufstände (1804-1813 / 1815) erreichten 1830 den autonomen Status des Fürstentums Serbien innerhalb des Osmanischen Reiches. 1875 brach ein Aufstand gegen die Türken in Bosnien und Herzegowina aus. Serbien und Montenegro nutzten diese Unruhen und erklärten dem Sultan den Krieg. Zwar wurden sie schnell geschlagen, doch gelang es dem Bündnis Rußland-Rumänien-Serbien-Montenegro die Osmanen bis Istanbul zurückzudrängen.

Im März 1878 kam es zu dem Vertrag von San Stefano, welcher unter anderem die staatliche Unabhängigkeit Serbiens, Montenegros und Rumäniens vorsah. Serbien und Montenegro erhielten zum Teil albanisch besiedelte Gebiete. Daraufhin verlangten England und das Habsburger Reich eine internationale Konferenz der Großmächte. Am 13. Juni 1878 trat der Berliner Kongreß unter der Leitung von Fürst Bismarck zusammen. Nach vier Wochen einigte man sich auf Grenzkorrekturen.

Während die Großmächte tagten, protestierte - allerdings erfolglos - die albanische Liga bzw. Liga von Prizren gegen die Abtretung albanischer Gebiete an christliche Staaten. Diese, aus albanischen führenden intellektuellen und politischen Kräften zusammengesetzte Liga, verkörperte das Debüt eines modernen albanischen nationalen Bewußtseins.[17]

Diese nationale Selbstfindung war allerdings ein schwieriger Weg, denn ein Großteil der Bevölkerung war muslimisch und zu diesem Zeitpunkt noch dem osmanischem Sultan treu; der Rest war katholisch und orthodox. Außerdem waren im Norden, Osten und Süden die Siedlungsgebiete mit anderen ethnischen Gruppen verzahnt.[18]

1.2 Schicksalsjahre

Die Vertreibung der Türken erreichte das Bündnis Serbien-Griechenland-Bulgarien während der beiden Balkankriege 1912 und 1913. Der Sieg führte zu der Eingliederung des Kosovo in das serbische Königreich. Der Feldzug war grausam. Auslandskorrespondenten jener Zeit berichten von Greueltaten und Massenmorden an der Zivilbevölkerung, sowie von der Brandschatzung ihrer Dörfer. Nach Schätzungen des katholischen Erzbischofs töteten serbische und montenegrinische Truppen rund 25 000 Kosovo-Albaner. Bereits 1914 veröffentlichte das Carnegie Endowment for International Peace einen Bericht der internationalen Balkankommission:

Houses and whole villages reduced to ashes, unarmed and innocent populations massacred [...] such were the means which were employed and are still being employed by the Serb-Montegrin soldiery, with a view to the entire transformation the ethnic character of regions inhabitated exclusively by Albanians.[19]

Sinn und Zweck dieses brutalen Vorgehens war, die statistischen Zahlen zugunsten der serbischen und montenegrinischen Bevölkerung zu steigern, um die spätere Annexion des eroberten Gebietes nicht nur historisch sondern auch ethnisch begründen zu können.[20]

Auf der Botschafterkonferenz in London handelten die Großmächte die Grenzen Albaniens aus und am 31. Juli 1913 wurde das unabhängige Fürstentum Albanien geschaffen. Kosovo wurde ohne große Debatten Serbien zugesprochen.[21]

1.2.1 Der erste Weltkrieg

Am 28. Juli 1914 erklärte Österreich-Ungarn Serbien den Krieg. Die Serben reagierten mit dem Vorstoß in albanisches Staatsgebiet und eroberten im Juni 1915 Tirana und Elbasan. Doch bereits im September mußten sie sich von dort nach Kosovo zurückziehen. Im November besetzten bulgarische und österreichische Truppen das Kosovo, welche von der albanischen Bevölkerung enthusiastisch begrüßt wurden. Das Gebiet wurde zwischen den beiden Staaten aufgeteilt. In der östereichischen Besatzungszone wurde eine albanische Verwaltung eingerichtet und albanischsprachige Schulen eröffnet.

Im Sommer 1918 wurde die Donaumonarchie von der in der Entente alliierten Großmächte (Italien, Frankreich, Griechenland, Serbien) geschlagen. Bulgarien kapitulierte am 29. September 1918 und auch die deutschen und habsburgerischen Truppen zogen sich zurück. Belgrad wurde zurückerobert und das Kosovo wieder Serbien angegliedert.[22]

1.2.2 Das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen

Am 1. Dezember 1918 wurde der erste jugoslawische Staat, das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen gegründet. 1929 erhielt dieser den Namen Jugoslawien. In diesem neugegründeten Staat waren die sogenannten Staatsvölker, Slowenen, Serbokroaten, Montenegriner, Makedonier, bosnische Muslime, aber auch nichtslawische Minoritäten wie Deutsche, Magyaren und Albaner vertreten. Die Situation der albanischen Bevölkerung war kompliziert. Die Behörden schlossen die albanischsprachigen Schulen und führten den Unterricht in serbokroatischer Sprache ein. In den folgenden Jahren kam es immer wieder zu Konflikten um die Schulbildung in albanischer Sprache. Anfang der zwanziger Jahre entfachten einige Kämpfe zwischen serbischen und albanischen Nationalisten, den Četniks und den Kaçaks. Die Zahl der Opfer schätzt das Kosovo-Komitee 1921 auf 12 371 Tote, 22 110 Gefangene und 6 000 zerstörte Häuser.[23]

[...]


[1] Grothusen, Klaus - Detlev: Jugoslawien zwischen Ost und West.. Hrsg. Ludat, Herbert. 2. Aufl. Wilhelm Schmitz Verlag. Gießen 1963.S. 16

[2] Vgl. Malcolm: KosovoS. 24-31

[3] Vgl. Malcolm: Kosovo.S. 140.

[4] Bartl: AlbanienS. 60

[5] Vgl. Malcolm: KosovoS. 4-7.

[6] Vgl. Büschenfeld:KosovoS.16.

[7] Malcolm: KosovoS.41.

[8] Malcolm: Kosovo. S.46.

[9] Schmidt:Im Griff der großen Mächte.S.82.

[10] Petritsch/Kaser/ Pichler: Kosovo KosovaS. 34.

[11] Malcolm: KosovoS. 79.

[12] Vgl. Malcolm: KosovoS.140.

[13] Vgl. Schmidt : „Im Griff der großen Mächte “.S.83-85.

[14] Malcolm: KosovoS.83.

[15] Vgl . Malcolm: Kosovo.S. 93 - 95.

[16] Malcolm: Kosovo.S.140.

[17] Vgl. Bartl: AlbanienS. 92-96.

[18] Petritsch / Kaser / Pichler: KosovoKosovaS.73.

[19] Malcolm: KosovoS. 254.

[20] Vgl. Malcolm: Kosovo.S.255.

[21] Vgl. Bartl: AlbanienS. 138 f.

[22] Vgl. Malcolm: KosovoS. 258-263.

[23] Vgl. Malcolm: KosovoS. 263-278.

Details

Seiten
106
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783832446925
Dateigröße
921 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v220297
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum – unbekannt
Note
2,0
Schlagworte
nato krisengebiet

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