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Das Konzept "Gruppenwettbewerbe" des Schwäbischen Turnerbundes

Diplomarbeit 1999 151 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1 Einführung in die Thematik

2 Begriffsbestimmung und Gegenstandsabgrenzung
2.1 Abgrenzung der Lebensphasen `Kinder´ und `Jugendliche´
2.1.1 Begriffliche Bestimmung
2.1.2 Operationalisierung des Begriffs `Jugend´
2.1.3 Operationalisierung des Begriffs `Gruppe´
2.2 Veränderungen jugendlicher Sportkultur
2.3 Das drop-out-Problem der Sportvereine und Sportverbände
2.4 Jugendarbeit und ihre Bedeutung für die Vereine
2.4.1 Mitbestimmung in der Jugendarbeit
2.4.2 Jugendarbeit im Schwäbischen Turnerbund
2.5 Zusammenfassung und Bewertung der theoretischen Grundlagen

3 `Kernprogramm Wettkampfsport´ und Konzeption `Gruppenwettbewerbe´ des Schwäbischen Turnerbundes
3.1 Das Konzept `Gruppenwettbewerbe´ als Teil des `Kernprogramms Wettkampfsport´
3.2 Kritik am Ansatz `Gruppenwettbewerbe´

4 Wissenschaftliche Untersuchung des `Kernprogramms Wettkampfsport´
4.1 Aspekte des Untersuchungsdesigns
4.2 Fragebogenkonstruktion
4.2.1 Variablen und Operationalisierung
4.2.2 Zweite Welle der Befragung (Kinder und Jugendliche)
4.2.3 Auswertung der Daten - Datenverarbeitung

5 Ablauf und Auswertung der Untersuchung
5.1 Datenerhebung
5.2 Stichprobenbeschreibung

6 Untersuchungsergebnisse
6.1 Sportliche Aktivität
6.2 drop-out Jugendlicher
6.3 Sportgruppen, Teams, Cliquen oder peers
6.4 Sportverständnis
6.5 Zufriedenheit mit dem Sportverein
6.6 Partizipation im Sportverein
6.7 Motivation zum Sporttreiben
6.8 Gründe für einen möglichen Ausstieg aus dem Sportverein
6.9 Freizeitbeschäftigung in der Gruppe - Freizeitaktivitäten

7 Bedeutung für den STB: Fazit und Ausblick

8 Literatur

anhang A: Fragebogen Kinder&Jugendliche (1. Welle)

anhang B: Fragebogen Kinder&Jugendliche (2. Welle)

anhang C: Fragebogen „Experten“

Vorwort

„Wenn Kinder und Jugendliche in Deutschland ... danach gefragt werden, was sie in ihrer frei verfügbaren Zeit tun, nimmt der Sport in seiner ganzen Vielfalt einen wichtigen Rang ein“ (Kurz, Sack und Brinkhoff, 1996, S. 2). Bei der Frage nach dem organisatorischen Rahmen dieses Sporttreibens, stößt man immer wieder auf die `einzigartige Rolle des Turn- und Sportvereins´, die er nach Kurz et al. (1996) sowohl für die sportbezogene Jugendarbeit als auch für die gesamte außerschulische Jugendarbeit darstellt. Bei Brettschneider & Bräutigam (1990) nehmen die Sportvereine unter den 10 beliebtesten Freizeitaktivitäten Rang 3 ein, bei Kurz et al. (1996) sind sie sogar die unangefochtene Nr. 1.

Immer wieder hört man Klagen und besorgte Aussagen über `die Jugend von heute´. Jugendliche seien in allem extrem, sie würden nichts zu Ende bringen und seien `überhaupt ganz anders als früher´. Betrachtet man das Umfeld der Jugendlichen, stellt man in der Tat Veränderungen fest. Das Angebot an Möglichkeiten der Freizeitbeschäftigung hat sich in den letzten Jahren ausgeweitet, man denke an Computerspiele, Fernsehprogramme – Kabelfernsehen, Satelliten-Anlagen – oder das vermehrte Auftreten diverser Trendsportarten wie Streetball oder Inline-Skating. Gleichzeitig hört man von verschiedenen Seiten, daß die Mitgliederzahlen bei den aktiven Kinder und Jugendlichen in den Sportvereinen sinken und daß das Interesse an Wettkämpfen abnimmt. Hiervon besonders betroffen ist die Traditionssportart Turnen, genauer gesagt das Gerät- und Kunstturnen. Aber auch andere Sportarten müssen sinkende Mitgliederzahlen im Jugendbereich hinnehmen. Viele Vereine sind anscheinend nicht in der Lage, Kinder und Jugendliche über ein bestimmtes Alter hinaus als aktive Mitglieder zu halten.

Begründungen gibt es zuhauf: geburtenschwache Jahrgänge, gesteigerter Leistungsdruck in den Schulen und Ausbildungsstätten oder die Pluralisierung der Freizeitmöglichkeiten werden häufig als Gründe angegeben, warum Kinder und Jugendliche Sport im Verein nur noch zum `Spaß´ betreiben, an keinen Wettkämpfen mehr teilnehmen wollen und aufgrund mangelnder alternativer Angebote dann frühzeitig aus den Vereinen aussteigen.

Zur drop-out-Problematik liegen zwischenzeitlich unzählige Studien vor, so daß dieses Thema auf den ersten Blick `abgegriffen´ erscheint. Der Schwäbische Turnerbund hat jedoch ein Konzept entwickelt, daß dem drop-out-Phänomen bei Jugendlichen aus den Turn- und Sportvereinen entgegenwirken soll. Dieses Konzept soll in der vorliegenden Arbeit kritisch betrachtet und im Hinblick auf seine Zielstellung überprüft werden. Durch den Vergleich der Aussagen der Experten, die dieses Konzept entwickelt haben und den Betroffenen – Kindern und Jugendlichen – sollen Hilfen für die weitere Arbeit an der Konzeption aufgezeigt werden. Die vorliegende Arbeit konzentriert sich dabei auf Kinder und Jugendliche zwischen 11 und 14 Jahren, das Alter, in dem laut Statistiken der erste Mitgliedereinbruch bei den Meldezahlen der Vereine zu verbuchen ist. Hierbei sei jedoch vermerkt, daß aufgrund der zahlreichen Mitgliederstatistiken der Sportorganisationen nicht eingeschätzt werden kann, ob der Kinder- und Jugendsport an sich an Attraktivität verliert und „die Jugendlichen massenhaft die Vereine verlassen“ (Kurz et al., 1996, S. 3) um sich selbst zu organisieren, oder ob sich die Aussteiger gänzlich vom Sport abwenden und anderen Freizeitbeschäftigungen zuwenden.

Statistiken allein sagen jedoch noch nichts darüber aus, wie groß die Attraktivität des Sporttreibens bei der Jugend tatsächlich ist. Die Attraktivität des Sporttreibens ist sicherlich enorm, die Attraktivität der Vereine dagegen weniger, denn viele Jugendliche betreiben ihren Sport lieber außerhalb der Sportvereine, wodurch die Mitgliederzahlen der Sportvereine und –verbände nicht nur stagnieren, sondern sogar rückläufige Zahlen[1] aufweisen (vgl. Baur & Brettschneider, 1994). Baur und Brettschneider (1994) stellen fest, daß dieses Problem hauptsächlich einzelne Sportarten wie Turnen oder Leichtathletik betrifft. Aber auch im populären Bereich, beispielsweise bei Jugendfußballmannschaften, deren Zahl sich seit Anfang der 90er Jahre stark reduziert hat, ist diese Tendenz deutlich zu beobachten.

Daher wurden in den letzten Jahren eine Vielzahl von Konzepten erarbeitet, die neben dem Wettkampfsport auch den Breiten- und Freizeitsport in den Jugendabteilungen der Vereine wieder verstärkt fördern sollen. Auch der Schwäbische Turnerbund hat ein solches Konzept erstellt, mit dem er – über die verstärkte Einbindung der Jugendlichen in eine Gruppe[2] – verhindern will, daß Jugendliche frühzeitig die Vereine wieder verlassen und sich anderen Aktivitäten zuwenden.

Kurz und Brinkhoff (1989) halten diese Vorgehensweise zur Lösung der Fluktuations-problematik für wenig sinnvoll. So sei durch die Angebotserweiterung mittels Ausweitung der Angebote im Freizeitsport keine Verbesserung des Fluktuationsphänomens zu beobachten, denn die Austrittsquoten hätten sich trotz alledem weiter erhöht. Die Ursache könnte hierbei entweder in der falschen Umsetzung der Angebote oder in anderen Ursachen für die Vereinsaustritte liegen.

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, die Realität und die Wunschvorstellungen Jugendlicher in den Vereinen mit den Vorstellungen über die Jugend seitens der `Experten´ des `Konzepts Gruppenwettbewerbe´ im Schwäbischen Turnerbund zu vergleichen und eventuelle Zusammenhänge bzw. Gegensätze aufzuzeigen, die im Hinblick auf die weitere Arbeit am Konzept nützlich sein könnten.

Um die Lesbarkeit der Arbeit zu erhöhen, wurde im Text die männliche Begriffsform gewählt. Selbstverständlich ist die weibliche hierin mit eingeschlossen. Sofern bedeutende Geschlechtsunterschiede auftreten, werden diese separat beschrieben.

1 Einführung in die Thematik

„Erfolge im Wettkampfsystem der Sportorganisationen haben für Jugendliche die subjektiv höchste Bedeutung. Erfolge im Schulsport und Abzeichen im Breitensport sind vergleichsweise unwichtig“ stellen Kurz et al. (1996, S. 111) in ihrer repräsentativen Befragung der nordrhein-westfälischen Jugend fest. Durch den Wettkampfsport empfinden die Jugendlichen eine subjektiv höhere Bindung an ihren Sportverein (vgl. Kurz et al., 1996). Doch „je länger und intensiver Kinder und Jugendliche im Verein Sport treiben, desto wahrscheinlicher ist es, daß sie dabei durch mehrere Sportarten gehen“ (ebd., S. 128).

Sport begleitet die Jugendlichen von früh an - zunächst, weil sie ihn nicht anders kennengelernt haben - in Form von Training, Wettkampf und Leistung. Erfolg und Erfolgsdruck sowie körperliche Strapazen und Verpflichtungen sind Begriffe, die Jugendliche mit diesem Sport verbinden und teilweise auch leben (vgl. Brinkhoff, 1992). „Sportmotorische Kompetenz, verbunden mit kommunikationsbezogener adäquater Diskursfähigkeit gehört heute in besonderem Maße für viele Jugendliche gewissermaßen zur Grundausstattung. Der `alte´ institutionalisierte Vereinssport erfreut sich dabei im Vergleich zu anderen Organisationsformen der Jugendarbeit, ... , trotz einseitigen Sportverständnisses, vornehmlich erwachsenenorientierter Grundstrukturen und nicht selten allzu bornierten Ausrichtungen auf Leistung, Wettkampf, Disziplin und Selektion bei vielen Jugendlichen großer Beliebtheit“ (ebd., S. 80). So sind laut Kurz (1996) rund 40% aller Kinder und Jugendlichen Mitglied in einem Sportverein, wobei eine erhebliche Geschlechterdifferenz mit 61% männlichen und nur 39% weiblichen Jugendlichen besteht.

Heinemann und Schubert (1994, S. 123) konnten feststellen, daß sich die für Jugendliche „typische, noch stark ausgeprägte Leistungs- und Wettkampforientierung zunehmend relativiert“ und „sich das Sportverständnis insgesamt zunehmend subjektiviert und individualisiert“. Mit zunehmendem Alter, so Dierkes (1984), entsteht bei Jugendlichen, und insbesondere bei Mädchen, der Wunsch nach sportlicher Betätigung außerhalb des Wettkampfsports.

Es scheint, als hätte sich das Sportverständnis vieler Jugendlicher grundlegend geändert:

Offenbar kommt es zu einer kulturellen Neudefinition dessen, was unter `Sport´ verstanden wird. Für immer mehr Jugendliche scheint das traditionelle Sportkonzept mit seinen eindeutigen Leistungszielen, mit seinem geschlossenen Wertesystem, mit seinen fest umrissenen Organisationsstrukturen und seiner einheitlichen Sportlerrolle nicht mehr die ausschließliche Sinneinheit darzustellen. Gleichsam neben dem institutionalisierten Sport entsteht eine `neue Bewegungskultur´, in der auch Körper und Körperlichkeit anders als im traditionellen Sport thematisiert werden. (Baur, Bräutigam und Brettschneider, 1989a, S. 20)

Insgesamt gesehen gibt es „keine andere Organisation – weder Gewerkschaften noch kirchliche Jugendverbände – die ähnlich hohe Mitgliedschaftsquoten aufweisen“ (ebd., S. 19), wie der organisierte Sport.

Dabei spielt die zunehmende Selbständigkeit der Jugendlichen eine wichtige Rolle, die sich einerseits im Wunsch nach zeitlicher Unabhängigkeit – `kommen und gehen, wann ich will´ – andererseits in einer zunehmenden Selbstorganisation und dadurch der Ablehnung von Organisationen und Vereinen, zeigt. Diese Tendenz zum zunehmend privaten Sporttreiben und Sporttreiben im ungezwungenen, überschaubaren Kreis ist verbunden mit einer Angst vor Überorganisation, Anonymität und Vereinnahmung durch eine eventuelle Mitgliedschaft im Sportverein. Diese Entwicklungen führen zu einer Abnahme der Vereins- und Sportartentreue. Der ständige Wechsel wird gar zur Gewohnheit, für den die Vereine Voraussetzungen schaffen müssen (vgl. Brandes, Martens, Meier, Willers und Wolf, 1993).

Viele Vereine und Verbände reagieren auf die wechselnden Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen nicht. Es existieren zwar einige konzeptionelle Entwürfe für „alternative Strukturen und Inhalte“ (Brinkhoff, 1992, S. 81), jedoch finden Jugendliche im Vereinssport derzeit immer noch kaum andere Möglichkeiten, als am leistungsorientierten Wettkampfsport teilzunehmen, da die Mehrheit der Vereine bisher keinen Bedarf an anderen Angeboten gesehen hat. Aus diesem Grund spricht Brinkhoff (ebd., S. 81) von einem „Attraktivitätsverlust des Sportvereins für die Jugendlichen“.

Die Vereinstreue kann aber nicht, wie aus dem Gesagten fälschlicherweise gefolgert werden könnte, an der Aktivität der Jugendlichem im Verein gemessen werden. Selbst bei besonders aktiven Jugendlichen führt der Weg schon während der Schulzeit durch zwei oder mehr Vereine. Auf die Spitze getrieben werden kann dieser Befund von Kurz et al. (1996), indem man die Ballungszentren und ländlichen Zonen gesondert betrachtet. In den Ballungszentren sind 12% der Jugendlichen des 7. bis 13. Schuljahres bereits im mindestens vierten Sportverein (ländliche Zone dagegen 5%) und nur 26% sind immer noch im ersten Verein (ländliche Zone 40%). Die Vereinstreue auf dem Land könnte einerseits durch ein Defizit an Gelegenheiten erklärbar sein, andererseits könnte aber auch das andersartige Netzwerk (Familie, Freunde, Klassenkameraden die in demselben Verein sind) eine wichtige Rolle spielen.

Besonders attraktiv sind für Jugendliche noch immer die Mannschaftssportarten, da durch sie die Einbindung in soziale Gruppen, die Orientierung an peer groups[3] und damit der Aufbau primärer Sozialbeziehungen außerhalb der Familie ermöglicht wird (vgl. Heinemann & Schubert, 1994). Brinkhoff (1992) spricht im Zusammenhang mit Gleichaltrigengruppen gar von einer „ungeheuren Situationsvielfalt“ des Mediums Sport, in dem „Werte wie Geborgenheit, Vertrautheit und emotionale Nähe“ in einer „Mannschaft, Riege oder Staffel im gleichen Trikot“ (ebd., S. 97) noch erfahren werden können.

Betrachtet man die Zahlen Jugendlicher in Vereinen mit Individualsportarten, so stellt man fest, daß diese deutlich niedriger sind als in Vereinen, in denen überwiegend Mannschaftssportarten angeboten werden (vgl. Heinemann & Schubert, 1994). Während Erwachsene offensichtlich Individualsportarten bevorzugen, steht laut Heinemann und Schubert (1994) bei den Kindern und Jugendlichen „die solidarische, längerfristige Einbindung in ein Team“ (S. 186) im Vordergrund. „Feste Übungsstunden, ganzjähriger Spielplan, Einteilung der Übungsgruppen nach Alter und Geschlecht“ sind jedoch Kriterien, die den Bedürfnissen Jugendlicher „nicht oder nicht mehr entsprechen“ (Dierkes, 1984, S. 166).

Wie in der Jugendforschung schon seit mehreren Jahren geäußert, konnte die Shell Jugendstudie (1997) die Distanz Jugendlicher zu gesellschaftlichen Institutionen und Organisationen der verschiedensten Bereiche erneut zeigen. Dies gilt für die Politik wie auch für den Sport und die Sportvereine, denen eine „eindeutige Absage an längerfristigen Verbindlichkeiten“ (ebd. S. 20) wie formelle Mitgliedschaft oder Verpflichtungen erteilt wurde. Das Engagement Jugendlicher in den Sportvereinen hat sich von einer Identifikation mit der Institution Sportverein zu einer Mitgliedschaft im Sinne eines Dienstleistungsverhältnisses gewandelt. Lebenslange Treue an den Sportverein kann und darf heute von den Jugendlichen nicht mehr erwartet werden (vgl. Brandes et al., 1993; Brinkhoff, 1992). Es existieren dabei zwei Formen des Engagements: a) eine eher nutzenorientierte Motivation, etwa Freunde, die daran teilnehmen und b) eine zielorientierte Motivation im Sinne von Mitbestimmung was man tut oder der Einbringung von Fähigkeiten (vgl. Jugendwerk der Deutschen Shell, 1997). Ob allerdings die von den Organisationen und Verbänden geäußerte Befürchtung, daß Jugendliche aufgrund des jugendkulturellen Sektors aus den Institutionen der Erwachsenengesellschaft austreten, muß jedoch erst noch genauer betrachtet werden. Neben das formell organisierte Netzwerk des Sports tritt ein informell organisiertes soziales Netz der Gleichaltrigen, das sich zahlenmäßig ausgedehnt[4] und qualitativ an Bedeutung gewonnen hat (vgl. Baden-Württembergische Sportjugend im Landessportverband Baden-Württemberg [WSJ], 1995; Ferchoff, 1993; Zinnecker, 1987). Immerhin betreiben knapp 70% der Kinder und Jugendlichen zwischen 8 und 19 Jahren regelmäßig, d.h. mindestens einmal pro Woche, Sport in ihrer Freizeit und nur knapp 10% treiben keinen Sport. Diese Sportaktivitäten finden jedoch häufig außerhalb der Sportvereine statt. 60% der Jugendlichen zwischen 8 und 19 Jahren machen keinerlei Sport im Sportverein. Von den restlichen 40% Vereinssportlern treiben 2% unregelmäßig, (d.h. 1-3 mal/Monat), 14% regelmäßig (ca. 1 mal/Woche) und 24% häufig (mindestens 2-3 mal/Woche) Sport (vgl. Kurz et al., 1996).

Die wichtigsten Sportarten, die dabei betrieben werden, sind Fußball, Schwimmen, Turnen/Gerätturnen, Handball, Leichtathletik, Tennis, Judo, Sport und Spiel allgemein, Tischtennis und Kampfsportarten (außer Judo) (vgl. Brinkhoff & Sack, 1999). Aber auch in kommerziellen Einrichtungen wie Ballettschulen, Reitställen und Kampfsportschulen treiben Kinder und Jugendliche Sport. Nach Brinkhoff und Sack (1999) berichten bereits 30% der Kinder von Aktivitäten in solchen Einrichtungen.

Die Dynamik der quantitativen und qualitativen Ausweitung des Sports und die Beliebtheit neuer, moderner, aktueller Sportformen, die von Kindern und Jugendlichen zunehmend außerhalb organisierter Sportvereine betrieben werden, stellt für die Sportvereine eine Herausforderung dar. Die Diskussion zu diesen Problemfeldern wird innerhalb des organisierten Sports kontrovers geführt. Auf der einen Seite stehen die traditionellen Sportvereine, die sich nicht von ihrer Linie abbringen lassen und Sport vorrangig leistungs- bzw. wettkampforientiert anbieten. Auf der anderen Seite stehen Vereine, die bemüht sind, ihr Profil auf die neuen Herausforderungen abzustimmen, Trendsportarten aufzunehmen, um den Zielgruppen (Kinder und Jugendliche) mehr gerecht zu werden. Die Mehrheit der Vereine läßt sich mit ihrer Einstellung zur zukünftigen Jugendarbeit zwischen diesen Extremen einordnen (vgl. Polus & Röhrle, 1995).

Die Aufgabe der Jugendpolitik ist es, durch eine erfolgreiche Jugendarbeit den Heranwachsenden eine Sinn- und Wertorientierung zu ermöglichen (vgl. Bundesvereinigung Kulturelle Jugendbildung e.V. [BKJ], 1996). Modellprojekte mit `neuen Sportarten´, gesundheitssportlich orientierten oder sozialintegrativen Zielsetzungen finden in Baden-Württemberg wie auch in anderen Bundesländern zunehmend Eingang in ein immer dichter werdendes Netz von leistungs- und breitensportlichen Fördermaßnahmen an Schulen, in Sportvereinen und bei weiteren Trägern der Jugendarbeit (vgl. Deutsche Turnerjugend [DTJ], 1993; Fessler & Ziroli, 1997). Neben dem Leistungsmotiv gewinnen Motive wie Freunde, Spaß, Geselligkeit, Wohlbefinden, Entspannung und Gesundheit an Bedeutung. Der Wunsch, mit Gleichaltrigen zusammen zu sein, auch gemischtgeschlechtlich, nimmt zu, ebenso wie auch der Wunsch nach Mitbestimmungs- und Mitgestaltungsmöglichkeiten. Motorisch wollen die Jugendlichen Grenzerfahrungen machen, Abenteuer und Risiko erleben und auch an interessanten, nicht-sportlichen Angeboten teilnehmen. Die flexiblere zeitliche wie auch räumliche Gestaltung der Angebote wird dabei vorausgesetzt (vgl. DTJ, 1993).

Im Hinblick auf die gegenwärtige außerschulische Sportentwicklung, sowohl in den Vereinen als auch außerhalb, sind zwei Gesichtspunkte besonders auffällig:

1. Wachstum und Ausdifferenzierung des Sports Die zunehmende Anzahl aktiver und passiver Sportler sowohl im organisierten und nicht-organisierten Sport läßt zwar die Zahl der Mitglieder steigen, die Ausbreitung des Sports und dessen Entwicklung geht zwischenzeitlich jedoch weit darüber hinaus. Angefangen bei den klassischen Sportorganisationen, reicht die Palette der Sportanbieter über gewerbliche Formen bis hin zu individuellen Sportaktivitäten, die lediglich die Infrastruktur etwa von Berggemeinden nutzen. Die Vereine und Verbände haben dadurch eine Konkurrenz erhalten, die sie durch ihre frühere Monopolstellung nicht kannten.

2. Versportlichung unseres Lebens Neben der Ausdifferenzierung haben sich auch die Beweggründe für das Sporttreiben und das, was man Sport nennt, verändert. Sport wird zunehmend in den Alltag der Menschen integriert, sei es über sportliche Kleidung oder über symbolische Zeichen, die die Sportlichkeit verkörpern sollen. Wenn man, wie früher, unter Sport die Ausrichtung an Fairneß, Gemeinschaft, sozialem Verhalten, Wettkampf- oder Leistungsorientierung versteht, so geht das neue Sportverständnis über diesen alten Sportgeist weit hinaus. Vielfältigere Sinnmuster und Erwartungen, die unverbindlicher, flüchtiger, beliebiger und oberflächlicher sind, charakterisieren heute den Sport. Das Streben nach Leistung, die Beteiligung an Wettkampf, Engagement und Gemeinschaft wurden abgelöst von Unterhaltung, Erlebnis und Vergnügen (vgl. Grupe, 1997).

Vergleicht man diese mehrdimensionalen Sinngebungen des Sports mit der eindimensionalen Ausrichtung des Wettkampf- und Spitzensports, kann erkannt werden, daß nur ein Bruchteil dessen, was heute den Sport ausmacht, im traditionellen Sportverständnis der Sportvereine berücksichtigt wird. Die Forderung muß daher lauten, daß sich die Sportvereine diesen verschiedenen Sinngebungen nicht verschließen. Die Sportverbände sind aufgerufen, ihre Strukturen den geänderten Wünschen und Bedürfnissen der Teilnehmer anzupassen.

Der Schwäbische Turnerbund, als größter Fachverband in Baden-Württemberg, hat versucht, seine bisher sehr traditionell ausgelegte Wettkampfebene zu öffnen und über ein neues Konzept, den Gruppenwettbewerben, dieser Forderung teilweise nachzukommen. Dabei handelt es sich um einen ersten Versuch, mit diesem neuen Konzept Fuß zu fassen. Daß dieses Konzept noch nicht ausgereift ist, versteht sich dabei von selbst. Um für die Überarbeitung des Konzepts sinnvolle Vorschläge machen zu können, wird versucht, mit dieser Arbeit das Konzept ein Stück weit zu analysieren und etwaige Diskrepanzen zwischen den Überlegungen der beteiligten Experten und der Realität in den Vereinen (und somit den Nutzern) aufzuzeigen.

Über einen Vergleich von `Kindern und Jugendlichen´ mit den konzeptionellen Ideen der `Experten´ des Schwäbischen Turnerbundes soll versucht werden, diese Diskrepanzen aufzudecken. Dazu wurden mit Hilfe einer schriftlichen Befragung Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 11 und 14 Jahren in zwei Befragungswellen untersucht und diese Ergebnisse mit der Meinung der Experten, die ebenfalls schriftlich befragt wurden, verglichen.

Im folgenden Kapitel werden häufig verwendete Begrifflichkeiten bestimmt, um etwaige (Fehl-)Interpretationen auszuklammern. Das Konzept des Schwäbischen Turnerbundes wird in Kapitel 3 vorgestellt. In Kapitel 4 wird die Vorgehensweise der Untersuchung erläutert, in Kapitel5 wird der Ablauf der Untersuchung und die Verteilung der Stichproben beschrieben um anschließend in Kapitel 6 die Ergebnisse der Untersuchung ausführlich darstellen und interpretieren zu können. Diese Ergebnisse werden in Kapitel 7 zusammengefaßt, um in einem Ausblick (Kapitel 8) Vorschläge zur weiteren Vorgehensweise für den Schwäbischen Turnerbund zu ermöglichen.

2 Begriffsbestimmung und Gegenstandsabgrenzung

2.1 Abgrenzung der Lebensphasen `Kinder´ und `Jugendliche´

Der Problemschwerpunkt besteht, wie das vorangegangene Kapitel eindrucksvoll zeigt, in der Lebensphase Jugend. Während im Kinderbereich die Sportvereine und Sportverbände[5] immer noch Zuwachsraten verzeichnen, wird in der Jugendphase ein deutlicher Rückgang dieser Zuwachsraten sichtbar.

`Die´ Jugend gibt es nicht. Wenn heute von Jugend die Rede ist, liegen höchst unterschiedliche Ausgangspunkte zugrunde, was alles unter Jugend zu verstehen bzw. fassen ist. Angesichts der ungeheuren Differenzierung in spezifische Teilkulturen und Szenen verzweifelt man bereits beim Versuch, die Generation der Jugendlichen zu portraitieren. Hat man aktuelle Daten erhalten, verkünden die Szenen-Magazine bereits wieder die Entstehung und Ausbreitung der neuesten jugendkulturellen Schöpfung. Ob karriereorientierte `postadoleszente Yuppies´ und `Negos´ (nette Egozentriker) oder körperkraft- und actionbetonte Jugendkulturen, ob die alternativen (`Naturapostel´ oder `Müslis´) oder die sogenannten `sozial-angepaßten Jugendlichen´ – die Lebensphase Jugend ist ein soziokulturelles Phänomen und man kann getrost von der Heterogenität der heutigen Jugend sprechen. Die Jugend ist mindestens so heterogen wie die Gesellschaft, der sie angehört, so daß man sich vom Einheitlichkeitsmythos Jugend verabschieden sollte (vgl. Brinkhoff, 1993).

2.1.1 Begriffliche Bestimmung

Die Begriffe `Kinder´ und `Jugendliche´ werden in der Wissenschaft und der Umgangssprache wie selbstverständlich benutzt. Doch jeder Autor verwendet in seinem Werk eine andere Abgrenzung der Altersgruppen. Daher soll im folgenden der Lebensabschnitt Jugend kurz charakterisiert und für die weitere Arbeit eingegrenzt werden.

Aufgrund der Komplexität der Thematik wird zur besseren Übersicht versucht, zwischen biologischen und soziologischen Unterschieden zu differenzieren.

Biologische Klassifizierung

Über das Kind -Sein besteht insofern Einigkeit, als daß es mit der Geburt beginnt und mit dem Eintreten der Geschlechtsreife (Pubertät) endet, was zugleich den Beginn der Jugendphase darstellt. Als Jugendlicher wird allgemein ein Mensch bezeichnet, der sich in der Phase zwischen Kindheit und Erwachsenenstatus befindet (vgl. Hurrelmann, 1994). Beim Übergang von Kindheit zur Jugend, der mit dem Beginn der Pubertät einhergeht, stellt sich schon das erste Problem, denn die Pubertät tritt bekanntlich bei Jungen und Mädchen zu verschiedenen kalendarischen Zeitpunkten ein, und auch innerhalb der Geschlechter bestehen erhebliche Unterschiede des Beginns der Pubertät, wenn man das kalendarische Alter betrachtet. Eine Abgrenzung der Jugend- zur Erwachsenenphase ist ebenfalls problematisch, da kein biologisch veranlaßter Zeitpunkt angegeben werden kann. Die Schlußphase des Jugendalters wird häufig als Postadoleszenz oder junges Erwachsenenalter bezeichnet und kann nicht mit einem kalendarischen Alter angegeben werden (vgl. de Marées, 1996).

Soziologische Klassifizierung

Bei der soziologischen Differenzierung der Kindheits- und Jugendphasen werden die gesellschaftlichen Rollen der Individuen betrachtet. Beim Wechsel von der Kindheit zur Jugend vollzieht sich eine Erweiterung des Handlungsspielraumes der Jugendlichen, sichtbar in anwachsenden Leistungskompetenzen, beginnender Ablösung von der Familie und einem vermehrten Aufbau von Gleichaltrigenbeziehungen mit entsprechender Konsum- und Freizeitorientierung (vgl. Schmitz, 1996). Im weiteren Übergang in das Erwachsenenalter spielt die Übernahme einer beruflichen Rolle, von Partnerschaften und ggf. Familiengründungen sowie die Rolle als Kultur- oder als politischer Bürger eine entscheidende Rolle (vgl. Hurrelmann, 1994).

Die zeitliche Ausdehnung der Lebensphase Jugend ist an den inhaltlichen Strukturwandel gekoppelt, so daß man bis weit über das 18. Lebensjahr hinaus von der Jugend spricht. Hurrelmann (1994) strukturiert daher die Jugendphase in eine pubertäre Phase (ca. 13-18 Jahre), eine nachpubertäre Phase (18-21 Jahre) und eine Nachjugendphase (ca. 21-25 Jahre und älter), wobei er von zunehmend verschwimmenden Übergängen spricht.

Schmitz (1996) schlägt aufgrund der Unmöglichkeit einer altersmäßigen Eingrenzung der Lebensphase Jugend vor, je nach Untersuchungsansatz eine bestimmte Altersgruppe zu betrachten. Dies soll im nächsten Kapitel geschehen.

2.1.2 Operationalisierung des Begriffs `Jugend´

Da die im vorangegangenen Abschnitt genannten theoretischen Abgrenzungen für eine empirische Untersuchung wenig geeignet scheinen, ist eine Operationalisierung der Lebensphase `Jugend´ erforderlich.

Jugend umfaßt nach dem Kinder- und Jugendhilfegesetz die 12 bis 27jährigen. Die Deutsche Turnerjugend wie auch die Schwäbische Turnerjugend fühlen sich für diese Altersspanne verantwortlich. Zuständig sind sie laut Satzung des DTB jedoch nur für die Jugendlichen bis 18 Jahre.

Die Deutsche Turnerjugend unterteilt Jugendliche in drei Zielgruppen, die nicht der Altersklasseneinteilung im Wettkampfbereich entsprechen:

1. Übergangsbereich vom Kinder- zum Jugendturnen: ca. 10-12 Jahre;
2. `klassische´ Jugendliche: ca. 12-16 Jahre;
3. junge Erwachsene: ca. 16-27 Jahre

(vgl. DTJ, 1993).

Für die weitere Arbeit soll jedoch diese Unterteilung der Deutschen Turnerjugend aus pragmatischem Grund nicht verwendet werden, sondern eine Einteilung, die anhand der Bestandserhebung des Württembergischen Landessportbundes verwendet wird, ausschlag-gebend sein. Daher muß zunächst ein Blick auf die Tabellen der Bestandserhebungen der Vereine geworfen werden, denn diese stellen auch die Grundlage der Zielformulierung des Schwäbischen Turnerbundes dar.

In der jährlichen Bestandserhebung durch den Württembergischen Landessportbund[6] werden folgende Altersabschnitte zusammengefaßt: Mitglieder bis 6 Jahre, 7-10 Jahre, 11-14 Jahre, 15-18 Jahre, 19-26 Jahre, 27-40 Jahre, 41-60 Jahre und über 60 Jahre (vgl. Hettich, 1998).

In der Zielformulierung des `Kernprogramms Wettkampfsport´ des Schwäbischen Turnerbundes (siehe Kapitel 3) wird eine Verringerung der drop-out-Quote beim Übergang von 7-10 Jahre zu 11-14 Jahre, sowie von 11-14 Jahre zu 15-18 Jahre gefordert.

Die 11-14jährigen stellen im Schwäbischen Turnerbund die erste Altersstufe dar, die mit rückläufigen Mitgliederzahlen konfrontiert ist. Als sogenannter Übergangsbereich zwischen dem Kinder- und Jugendturnen sind sie darüber hinaus ein besonders sensibler Altersbereich, der sich nach dem sportartübergreifenden Kinderturnen nun in den sportartspezifischen Angeboten der Sportvereine eingliedern soll. Auch bei den Kindersportschulen, deren sportartübergreifende Ausbildung ähnlich dem Kinderturnen verläuft, stellt diese Eingliederung in die Abteilungen der Sportvereine ein Problem dar (vgl. Thiem, 1997). Hier wird derzeit versucht, über ein sportartübergreifendes Angebot in sogenannten Jugendsportschulen, diejenigen Jugendlichen aufzufangen, die sich nicht für eine der angebotenen Sportarten ihres Vereins entscheiden können oder wollen.

Für die vorliegende Arbeit bietet sich eine Abgrenzung des Kindes- und Jugendalters mittels des kalendarischen Alters an. In Anlehnung an sportpraktische Gegebenheiten wird daher der Bereich der 11-14jährigen unter den vielen Möglichkeiten, die Jugend einzugrenzen, als Beobachtungsgruppe ausgewählt. Sprachlich sollen die unter 11jährigen als `Kinder´ oder `Kids´ bezeichnet werden, die 11-18jährigen als `Jugendliche´ und die 18-27jährigen als `junge Erwachsene´. Für den Übergangsbereich der 11-14jährigen wird die Bezeichnung `Kinder und Jugendliche´ gewählt.

2.1.3 Operationalisierung des Begriffs `Gruppe´

Die Voraussetzungen, unter denen junge Menschen aufwachsen, haben sich stets verändert und werden dies immer tun. Seit der Nachkriegszeit wird diesen Veränderungen verstärkt Aufmerksamkeit geschenkt, so daß hauptsächlich in den letzten 20-30 Jahren ein gravierender Wandel der Kindheits- und Jugendphase in den Bereichen Familie, Bildung, Freizeit, Gleichaltrigengruppe und Lebensführung festgestellt werden konnte. Einige dieser Bereiche werden im folgenden Kapitel aufgegriffen – dabei wird versucht, die in der Literatur angesprochenen Veränderungen darzustellen und die Bedeutung für den Sport heraus zu arbeiten.

`Peer groups´ oder `Gleichaltrigengrupp e´

Soziale Isolierung, so besagt eine populäre These, kennzeichnet die heutige Lebensweise. Dementsprechend müßte die Jugend in früheren Jahren stärker in sogenannte soziale Netze eingebunden gewesen sein, doch das Gegenteil ist der Fall: die Einbindung sowohl Jugendlicher als auch Erwachsener in soziale Netze wuchs in den letzten Jahrzehnten. Die Struktur dieser Bindungen hat sich allerdings verändert und wird heutzutage als Individualisierung sozialer Beziehungen bezeichnet (vgl. Zinnecker, 1987). Unter Individualisierung kann man gesellschaftliche Prozesse verstehen, mit denen Strukturveränderungen der Jugend einhergehen. Dies wird vielfach als `Entstrukturierung´ bezeichnet (vgl. Ferchoff, 1993).

Die Gleichaltrigengruppe, auch als `peer group´ bezeichnet, hat für die Jugendlichen zu Lasten der `traditionellen Erziehungsorte´ Familie, Schule und Kirche an Bedeutung gewonnen. Immer länger verbleiben Jugendliche heute in der Gesellschaft der Gleichaltrigen. Diese Auflösung von traditionellen Sozialbindungen und Wertvorstellungen hat eine Individualisierung und Pluralisierung von Lebensstilen bewirkt. Die eigene Entwicklung muß ohne stützende Orientierungsleitlinien selbst in die Hand genommen werden, der individuelle Lebensstil wird so zum Leitprinzip der Lebensführung (Individualisierung). Daraus entsteht eine Menge verschiedenster Stilformen (Pluralisierung), was wiederum eine gewisse Unsicherheit – besonders für junge Menschen – auf der Suche nach Identität hervorruft (vgl. Brettschneider, 1994; Brinkhoff, 1992; Kurz et al., 1996).

Die Gleichaltrigengruppe ermöglicht ein überschaubares Sozialisationsfeld in einer Welt der Pluralisierung von Lebensformen und Wertvorstellungen. In der Gleichaltrigengruppe wird den Jugendlichen ermöglicht, was ihnen in Familie, Schule und Arbeitswelt nicht gewährt wird: die Chance, gleichberechtigt teilzunehmen. Die Leistungsfähigkeit des Sports wird genutzt, um unter vergleichbaren Wettbewerbsbedingungen Erfolge zu erringen, die nicht nur in den Augen der Gleichaltrigen hoch bewertet werden. Somit überrascht es auch nicht, daß etwa die Hälfte der Sportvereinsjugendlichen Erfolge auf Kreis- oder Bezirksebene errungen hat (vgl. Brinkhoff, 1992; Kurz et al., 1996). Brinkhoff (1999) stellte fest, daß 92% aller Kinder an peer-group-Freizeit teilnehmen, nach Kurz (1996) treiben 36% aller Kinder und Jugendlichen regelmäßig mit ihrer Freundesgruppe Sport. Doch mit der Verstädterung nehmen andererseits die Möglichkeiten der Kinder und Jugendlichen ab, mit ihren gleichaltrigen Freunden unorganisierten Sport zu treiben (vgl. Kurz et al., 1996).

Die entstehenden Jugendkulturen nutzen den Sport häufig auch als Medium kultureller Selbstdarstellung (vgl. Brinkhoff, 1992). Über spezifische Codes, die nur den ingroup-members[7] bekannt sind, bis hin zu Stilisierungen des alltäglichen Lebens mit sportiven Accessoires, reichen die Elemente, mit denen Jugendliche (und nicht nur sie) impression-management[8] betreiben. Seit etwa den 50er Jahren hat sich diese Palette der Stilrichtungen immerzu erweitert, so daß Jugendliche heute vielfältige expressive Ausdruckskulturen oder soziokulturelle Bewegungen vorfinden (vgl. Zinnecker, 1987).

Schulze (1987) zitiert eine Reihe von Längsschnittuntersuchungen, die eine hohe Stabilität von Persönlichkeitseigenschaften über Jahre und Jahrzehnte hinweg zeigen. Die Gesamtheit aller dieser Widerholungstendenzen bezeichnet Schulze als Stil, „ein Sammelsurium von Vorlieben, Abneigungen und Gleichgültigkeiten“ (S. 104). An diesem Stil setzt die erlebnisorientierte Freizeitindustrie an, deren Trends stilisierende Merkmale aufweisen und deren Bedeutungsebene (Genuß, Distinktion, Lebensphilosophie) mit einschließt (vgl. Schulze, 1993; Schwier, 1998). Dieser persönliche Stil ist nun nicht nur körperlich spürbar, vielmehr auch nach außen hin sicht-, hör- und wahrnehmbar. Zeichen werden über Frisuren, Kleidung, der bevorzugten Freizeitbeschäftigung, aber auch Musikrichtung oder Essgewohnheiten gesetzt. „Was den Rastafarians die `dreadlocks´, sind den Rockern die schwarzen Lederjacken und den Skinheads die `DMs´ (DocMartens boots)“ (Jugendwerk der Deutschen Shell, 1997, S. 363). Die Unterscheidung des einen Subjekts von den anderen – die Distinktion – ist ein zentrales Merkmal, das jedoch wieder in einer Gruppenzugehörigkeit, in der sogenannten ingroup, endet. Wer nicht an diesem ostentativen Konsum teilnimmt, katapultiert sich schnell ins Abseits und gehört somit zur outgroup (vgl. Bourdieu, 1994; Schlicht, Schwenkmezger und Strauß, im Druck; Schulze, 1993; Schwier, 1998).

Dierkes (1984) stellte fest, daß Jugendliche gerade in ihrer Freizeit „am ehesten die Möglichkeit haben, in `peer groups´ die für ihre Persönlichkeitsentwicklung bedeutsamen Interaktionsprozesse zu vollziehen“ (S. 132). Daher ist es wichtig, ihnen Spielraum für eigene Entscheidungen zu lassen und sie nicht durch pädagogische Ratschläge zu bevormunden, denn diese werden in der Regel von den Jugendlichen abgelehnt (ebd.).

Kinder und Jugendliche treffen sich oft `zufällig´ auf öffentlichen Plätzen oder verabreden sich irgendwo – außerhalb von Institutionen, die ihnen Freizeitaktivitäten anbieten. Insgesamt 80% der Kinder[9] treiben Sport in einer Gruppe von Gleichaltrigen, meist in offenen sozialen Settings (vgl. Brinkhoff & Sack, 1999). Für die Bindung an einen Sportverein spielt die Gleichaltrigengruppe neben den Eltern ebenfalls eine entscheidende Rolle. Dabei sind es sowohl der beste Freund/die beste Freundin als auch Kinder aus der eigenen Schulklasse, deren Partizipation im Sportverein Einfluß auf die Kinder und Jugendlichen ausübt (vgl. Baur & Brettschneider, 1994). Vor allem bei den `weichen´ Freizeitaktivitäten, die als gesellige Freizeitaktivitäten betrachtet werden können, entwickeln sich Beziehungen im Sinne von `Freundschaftspaaren´ und `peer groups´ heraus. Gegenüber organisierten Gruppen unterscheiden sich Gleichaltrigengruppen vor allem durch das Vorhandensein starker persönlicher und emotionaler Bindungen (vgl. Kröger, 1987).

In der Gleichaltrigengruppe versuchen die Jugendlichen, einen Ausgleich zur Ablösung vom elterlichen Bezugskreis zu schaffen und gleichzeitig eine neue Form der Bindung zu demselben Kreis herzustellen. Daher nehmen die Beziehungen zu Gleichaltrigen eine wichtige Funktion im Prozeß der Identitätsbildung ein. Jugendliche lernen in dieser Gruppe, sich Gruppeninteressen zu unterwerfen, von der Gruppe abhängig zu sein, die entwickelten Normen und Werte einer Gruppe zu billigen aber auch als Orientierungspunkte[10] zu nutzen, indem sie entdecken, daß sie sich dadurch nicht von anderen unterscheiden. Weiterhin gelingt es den Jugendlichen, Erwachsene auszuschließen und sich somit vor Zwangsmaßnahmen durch sie zu schützen. Sie mißtrauen der Autorität der Erwachsenen sowie ihren Institutionen und liegen gar im Konflikt mit denselben (vgl. WSJ, 1995; Brandes et al., 1993; Rossmann, 1987; Zinnecker, 1987).

Jedoch nicht alle Jugendliche sind gleich. Es existieren ebenfalls erwachsen- und familienzentrierte Jugendliche, die sich stärker an den Normen der Erwachsenenwelt orientieren und dieser Welt mit Vertrauen begegnen - sie sehen darin ihre Zukunft. Sie befürworten somit konventionelle Lebensentwürfe, planen ihre private und berufliche Zukunft und streben danach, die Lebenswelt Jugendlicher möglichst schnell zu verlassen, um den Status des Erwachsenen zu erreichen (vgl. Brandes et al., 1993).

Beide Formen der Jugend sollten im Verein willkommen sein! Doch vor allem der ersten Gruppe muß besonderes Augenmerk geschenkt werden, denn gerade sie finden in der Regel nicht den Zugang zum Sportverein. In der Arbeit des Sportvereins muß somit ein deutliches Schwergewicht darin liegen, Jugendliche nicht zu bevormunden und zu beurteilen, sondern Kriterien wie Mitbestimmung, Freiwilligkeit und Kreativität in den Vordergrund zu rücken, wenn eine große Gruppe Jugendlicher den Weg in die Vereine finden bzw. dem Verein treu bleiben soll. Nagel (1995) spricht in diesem Zusammenhang gar von einem „Basisproblem, mit dessen Lösung auch in anderen Bereichen automatisch Verbesserungen eintreten können“ (S. 3).

`Cliquen´ und `Szenen ´

„Zeigt sich durch die Bildung von Cliquen ein Trend zur Organisations-Unwilligkeit?“ „Formiert sich die Jugend unabhängig von den Angeboten der Erwachsenenorganisationen in informeller Geselligkeit?“ Diese Fragen stellt Zinnecker (1987, S. 252) mit Blick auf „die Anfangserfolge, die eine massenkulturelle Organisation der Jüngeren auf kommerzieller Basis zu verzeichnen hatten“ (ebd., S. 252).

Cliquen, von Brinkhoff (1992) auch `action-orientierte´ Jugendliche genannt, „zeichnen sich durch relativ feste, teilweise ritualisierte und in der Öffentlichkeit zur Schau gestellte, informelle Bindungen aus. Den offiziellen institutionellen Formen von Jugendarbeit (auch der Sportorganisationen) entziehen sie sich zum größten Teil oder schauen `allenfalls mal rein´“ (ebd., S. 73).

Um diesen informellen Gruppen emotional erfüllte Sozialbeziehungen anzubieten, entstanden die `Szenen´. Szenen sind expressive Akivitätssysteme, die um eine Schlüsselaktivität aus dem Freizeitbereich arrangiert sind und an öffentlichen Treffpunkten stattfinden. Diskotheken zählen ebenso dazu wie Computerspiele, Sauna wie Encounter-Gruppen. Szenen dienen auch als Teil der Lebensstilsuche in einer Zeit, in der sich die Menschen immer mehr von Gemeinde, Kirche und ähnliche Institutionen ablösen. In diesem Bereich bedient sich die Industrie an der Szene, um beispielsweise Jugendliche an den Alltagsgenüssen und Dienstleistungen der Erwachsenen teilhaben zu lassen. Jugendliche werden dabei bereits früh als Kunden und Konsumenten angesprochen (vgl. Zinnecker, 1987). Der Sport muß daher versuchen, sich auf die verschiedenen Lebens- und Sportstile der jugendlichen Mitglieder einzustellen, wenn er darüber nachdenkt, diese wieder zu gewinnen oder zu binden (vgl. Baur & Brettschneider, 1994).

Wie bei den Cliquen gibt es auch bei den Szenen so etwas wie ein Stammpublikum, das in festen Lokalisationen ein für sie typisches Angebot wahrnimmt (vgl. Abb. 1). Szenen haben eine zeitliche und eine räumliche Ausdehnung, die sowohl kurz als auch lang sein kann. Zwar tauschen sich die Personen immer wieder aus, aber die Szene an sich bleibt bestehen. Szenen entstehen immer als eine gemeinsame Leistung von Publikum und Erlebnisanbietern, wobei die Anbieter die Strukturen bereitstellen, die von den Nachfragern wiederum besucht werden. Szenen zeichnen sich durch einen bestimmten Grad an Kohärenz aus, der zwischen totaler Fluktuation und völliger Konstanz (Stabilität) variiert (vgl. Schulze, 1993).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Affinitäten von Szenen (Schulze 1993, S. 701)

2.2 Veränderungen jugendlicher Sportkultur

In der Jugendforschung der letzten Jahre entstand aufgrund der Veränderungen der Jugendphase eine Diskussion zum Thema `Strukturwandel der Jugend´, in der u.a. Thesen wie `Verschwinden der Kindheit´, `Ende der Jugend´, `Entstrukturierung der Jugendphase´ oder `Abschied vom Mythos Jugend´ geäußert wurden (vgl. Schmitz, 1996).

Der soziokulturelle Wandel der Kindheits- und Jugendphase vollzieht sich in besonderem Maße auch im Bereich des Sports. Bräutigam (1993) faßt diesen Wandel unter den Gesichtspunkten Expansion und Ausdifferenzierung zusammen, wobei eine zahlenmäßige Erweiterung und Vermehrung des Variantenreichtums gemeint ist. Derartige Veränderungen lassen sich, in Anlehnung an Bräutigam (1993) auf verschiedenen Ebenen nachweisen:

Expansion und Ausdifferenzierung jugendlicher Sportteilnehmer

Sport ist für viele Kinder und Jugendliche die zentrale Freizeitbeschäftigung. Immer mehr Kinder und Jugendliche treiben nach Bräutigam (1993) immer häufiger und intensiver Sport.

Expansion und Ausdifferenzierung der Sportaktivitäten

„Der Sport ist in Bewegung geraten“, die Sportszene ist „kaum noch überschaubar“, meint Bräutigam (1993, S. 41). In der Tat werden jedes Jahr eine ganze Menge neuer Sporttrends erfunden bzw. als neu auf den Markt gebracht: NIA, Energy Dance, Bodyflying, Kiteskiing (Skyting), Carving oder Nachtgolfen, um nur einige der Trendsportarten zu nennen (vgl. Schwier, 1998).

„Die Partizipation Jugendlicher am Freizeit- und Konsumsektor ist in langfristige Entwicklungstrends eingebunden, ...“ (Zinnecker, 1987, S. 173). Eine solche Entwicklung konnte jedoch nur mit einer „Erweiterung des zeitlich verfügbaren Zeitbudgets“ und einer „Verallgemeinerung der ökonomischen Mittel, die zur Teilnahme am kommerziellen Freizeitmarkt befähigen“, (ebd. S. 173) einhergehen. Dabei muß der Blick auf die „Besonderheiten des soziostrukturellen Wandels“ (ebd., S. 173) gerichtet werden. Der Freizeitsektor hat in dieser veränderten Jugendphase[11] eine neue Bedeutung erhalten, so daß die Teilnahme am Freizeitmarkt aus dem Handlungsinteresse und Freizeitbudget der Jugendlichen erfolgt (vgl. Zinnecker, 1987). Dominierender Faktor der Kaufmotivation wird nach Schulze (1993) der Erlebniswert der Angebote, der den Gebrauchswert sogar überspielt, frei nach dem Prinzip `höher, schneller, weiter´. So stellen sich dann auch die Inhalte der Jugendkultur dar: „eklektizistisch, schnellebig und diffus wie die modernen Gesellschaften“ (Jugendwerk der Deutschen Shell, 1997, S. 20). Die Lebensphase Jugend hat sich also in den letzten Jahrzehnten grundlegend verändert und durch den rasanten gesellschaftlichen Wandel wird inbesondere sie neu definiert (vgl. Brinkhoff, 1993). Noch bis Anfang der 60er Jahre gab es für Heranwachsende eindeutige Orientierungsmaßstäbe innerhalb der Gesellschaft, an der diese ihr Verhalten entwickeln konnten. Heute dagegen finden Jugendliche ein Nebeneinander von Angeboten, aus denen sie ihre individuellen Verhaltensweisen entwickeln müssen (vgl. WSJ, 1995). Den Vereinen bleibt die Wahl, Jugendliche mit ihren veränderten Bedürfnissen den kommerziellen Anbietern zu überlassen oder sich ihnen anzupassen, um wenigstens ihren Mitgliederbestand zu sichern (vgl. Brandes et al., 1993).

Expansion und Ausdifferenzierung der Sportkontexte

Auf der Ebene der Handlungsfelder, in denen Sport stattfindet, nennt Bräutigam (1993,) „weniger Vereinstreue“ und „immer mehr fluktuierende und alternierende Sportengagements“ (S. 38) als Veränderungen. Die oben genannten Trendsportarten beispielsweise finden meist nicht im institutionalisierten Sportverein statt. Sie entstehen häufig durch Innovationen sogenannter Trendsetter, bevor sie von einer `Subkultur´ erprobt, aufgenommen und weiterentwickelt werden. Anschließend werden sie von bestimmten Milieus aufgegriffen und mit Bewegungs- und Zeichencodes versehen. Wenn die Industrie sich in der neuen Sportart zu engagieren versucht und die ersten Institutionen (wie beispielsweise Sportverbände und Sportvereine) sich hier engagieren, wenden sich die ursprünglichen Trendsetter bereits von dieser Sportart ab (vgl. Schwier, 1998).

Wenn sich also die Sportvereine und Sportverbände den Trends annehmen, verlieren diese ihren `trendigen´ Charakter. Für die Jugendlichen ist dies das Zeichen, sich einer neuen Sportart zuzuwenden, deren Ausübung in einem anderen Kontext, meist in nicht-institutionalisierter Form, stattfinden kann.

Expansion und Ausdifferenzierung von Motivstrukturen

Was junge Menschen im Sport erleben wollen und welche Erwartungen sie an den Sport stellen, welchen sportbezogenen Orientierungen sie also folgen, läßt sich nur noch schwer auf einige Motive zusammenfassen. Nach Brettschneider und Bräutigam (1990) lassen sie sich in folgende drei Motivgruppen zusammenfassen: Leistungs- und Wettkampforientierung; sozialer Kontakt; Körper, Fitneß und Natur. Wichtigstes Argument, warum Kinder und Jugendliche Sport treiben, ist jedoch der Spaß (vgl. Jugendwerk der Deutschen Shell, 1997).

Doch was bedeutet Spaß. Jugendliche verstehen darunter ihre jugendliche Lebensfreude, Humor, Lockerheit oder aber auch das Erlernen von Fertigkeiten, die das Selbstbewußtsein heben. „Jugendlichen macht es Spaß, ernst genommen zu werden“ resümiert die Shell Jugendstudie (1997, S. 83) und beschreibt, was sich „wie ein roter Faden durch eine Reihe von Portraits“ gezogen hat (ebd., S. 83).

Nach Brettschneider und Bräutigam (1990) weist der Spaß dagegen im Kindes- und Jugendalter noch keine klaren Konturen auf:

Per definitionem ist Spaß für Jugendliche nicht faßbar; Spaß wird vielmehr über andere Kategorien bestimmt. Wenn Jugendliche angeben, daß sie im Sport Spaß suchen, so heißt das, daß Spaß mit den unterschiedlichsten Anschlußmotiven in Verbindung gebracht wird. Spaß kann sich also auf Leistungs- und Konkurrenz-situationen ebenso wie auf Geselligkeit oder auf Naturerleben beziehen. Spaß bedeutet, daß etwas subjektiv bedeutsam, subjektiv sinnhaft ist. Insofern ist es unsinnig, im Sport Spaß etwa als Alternativmotiv zu Leistung oder als Alternative zu Fitneß und Gesundheit oder zu sozialem Kontakt zu sehen. (S. 55)

Expansion und Ausdifferenzierung von Lebensstilen

„Lebensstil wird faßbar als unverwechselbare Art und Weise, mit der Menschen ihr Leben führen, sich dadurch sozial definieren und von anderen abgrenzen“ (Brettschneider, 1993, S. 21). Speziell junge Menschen finden in ihrer Einstellung zu Sport und Freizeit ein passendes Mittel, Individualität gegenüber anderen, aber auch Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen und kulturellen Gruppe zu zeigen, also ihren Lebensstil zu definieren. Daneben wird dieser geprägt von der individuellen Stellung zu Körper und Kleidung, Gesund-heit und Ernährung, Familie und Freunde, Ausbildung und Beruf sowie von Geschlecht, Alter und Bildungsschicht (vgl. Bourdieu, 1994; Brettschneider & Bräutigam, 1990).

2.3 Das drop-out-Problem der Sportvereine und Sportverbände

Immer häufiger wird in der Sportwelt von der Fluktuation und dem drop-out Jugendlicher gesprochen. Sportvereine wie auch Sportverbände beklagen diese Phänomene - doch was genau bedeuten Fluktuation bzw. drop-out überhaupt?

Nach dem Duden (Fremdwörterbuch) bedeutet Fluktuation „1. Schwanken, Schwankung, Wechsel, ...“. Im Sportwissenschaftlichen Lexikon (vgl. Röthig, Becker, Carl, Kayser und Prohl, 1992) wird unter Fluktuation „die Summe der in einem Zeitraum erfolgten Zugänge von Personen in und der Abgänge aus einer soz. Gesamtheit“ (S. 167) verstanden.

Das Phänomen drop-out (auch dropout = Ausstieg) wird meist im Zusammenhang mit dem Ausstieg aus dem laufenden Sportprogramm genannt – etwa das Beenden der Sportkarriere mit dem Ausstieg aus dem Sportverein.

Genau genommen werden die beiden Begriffe Fluktuation und drop-out nicht einheitlich verwendet, da unter Fluktuation sowohl der Ausstieg als auch der Wechsel verstanden wird. Der drop-out dagegen beschränkt sich auf den Ausstieg aus bzw. die Beendigung der sportlichen Tätigkeit.

Christian Kröger (1987) hat diese Begriffe in seiner Dissertation aufgegriffen, die verschiedenen Auslegungen dargelegt und eine Verbindung hergestellt. Spricht man von Fluktuation, kann es sich um „den Anglizismus `drop-out´, die Wegverluste, den vorzeitigen Abbruch, den Karriereabbruch, die Verlustquoten, den Talentverlust, die Aussteiger, den Schwund und Absprung, die Abwendungstendenzen [oder] den Talentverbrauch“ (ebd., S. 11) handeln. Scheinbar handelt es sich hierbei um verschiedene Problemfelder, die durch folgende Kriterien unterschieden werden können:

- aktive sportliche Betätigung;
- Mitgliedschaft in einem Sportverein;
- Zugehörigkeit zu einer bestimmten Leistungsklasse oder Jugendklasse;
- Zugehörigkeit zu einer bestimmten Auswahl

(vgl. Kröger, 1987).

Im folgenden soll unter Fluktuation jedoch dasselbe verstanden werden wie unter dem Phänomen des drop-outs - der Ausstieg (Jugendlicher) aus dem Sportverein bzw. dem Sportangebot. Auch beim Schwäbischen Turnerbund werden diese beiden Begriffe synonym verwendet. Die Fokussierung soll dabei auf die Mitgliedschaft im Sportverein gelegt werden, denn nur um diese geht es, wenn - wie geschehen - anhand der Mitgliederzahlen eine Zielformulierung für ein Projekt erarbeitet wird.

Als einer der Ersten hat sich Sack (1980) mit dem Fluktuationsproblem Jugendlicher auseinandergesetzt und vielschichtige Einflußfaktoren[12] als Ursache genannt. Andere Autoren wie Kröger (1987) und Dierkes (1985) konnten diese Faktoren bestätigen.

In jüngerer Zeit haben sich Kurz et al. (1996) mit dem Fluktuationsproblem auseinandergesetzt und festgestellt, daß etwa das Alter der Kinder und Jugendlichen eine wichtige Rolle bei der Partizipation am Sportgeschehen zu spielen scheint. So nimmt das sportliche Engagement bis zum 13. Lebensjahr zu, verliert danach aber grundlegend an Bedeutung. Problematisch scheint nach Kurz et al. die Fluktuation ab dem 11. Lebensjahr zu sein. „Jedes vierte Kind hat bereits im 5. Schuljahr den Sportverein wieder verlassen!“ (ebd., S. 165). Anders ausgedrückt: viele treten zwar als Kinder in die Vereine ein, verlassen diese jedoch bereits als Jugendliche wieder. Dabei ist unter den ausgetretenen Mitgliedern sowohl bei den Mädchen als auch bei den Jungen ein wesentlich höherer Anteil nie Mitglied der Wettkampfmannschaft des Vereins gewesen. Andererseits schreibt Brinkhoff (1999) daß “die starke Spezialisierung des Sportvereinssports in Verbindung mit seiner meist geringen Flexibilität zu hoher Fluktuation der Kinder und Jugendlichen [sowohl] zwischen den Sportarten innerhalb des Sportvereins“ (S. 73) als auch zum Austritt aus dem Sportverein führen mag[13]. Eine zu starke Ausrichtung des Vereinssports auf Wettkampferfolge und einseitig gestaltetes und zu hartes Training kann Kinder und Jugendliche abschrecken und damit auch ihr Engagement am Sportunterricht beeinträchtigen (vgl. Aurin, 1997).

Demgegenüber betonen Kurz et al. (1996), daß eine Bindung an den Sportverein nur geschaffen werden kann, wenn die sportliche Aktivität von einer gewissen Dauer und Regelmäßigkeit ist und gerne ausgeführt wird. Eine zu starke Bindung an den Sport kann wiederum auch Gefahren bergen, etwa daß Jugendliche dem Sport zu viel Gewicht einräumen und andere Lebensbereiche wie beispielsweise die Schule vernachlässigen.

„Die unter Jugendlichen schon immer stark ausgeprägte Fluktuationsrate hat sich offensichtlich weiter erhöht, die Bereitschaft zur dauerhaften Bindung an einen Verein sinkt“ (Heinemann & Schubert, 1994, S. 123). Dies um so deutlicher, wenn die Kinder und Jugendlichen in Ballungszentren leben, denn hier ist die Ausstiegsrate fast doppelt so hoch wie auf dem Land, wo darüber hinaus auch prozentual mehr Kinder und Jugendliche Sport treiben (vgl. Kurz et al., 1996).

Zunehmende Mehrfachmitgliedschaften und Fluktuationsraten deuten auf stärker fluktuierende Sportinteressen, eine wechselnde Anpassung an modische Trends, aber auch auf ein zunehmend instrumentelles, rein angebotsorientiertes Interesse am Verein hin. Das Interesse von Jugendlichen an Sport scheint zwar nach wie vor groß zu sein; die Attraktivität des Vereins basiert jedoch immer weniger auf den mit dieser Organisationsform verknüpften Leistungen, als vielmehr auf der Rolle des Vereins als Anbieter eines sehr breiten und relativ billigen Angebots an Sportarten und den damit verbundenen Dienstleistungen. (vgl. Heinemann & Schubert, 1994). Vereine werden somit zu Erlebnisanbietern, die versuchen müssen, die Wünsche der Nachfrager zu erfassen. Diese wiederum brauchen lediglich zu realisieren, was ihnen angeboten wird. Dabei gibt es allerdings immer wieder Differenzen zwischen dem Verständnis der Anbieter und der Wünsche der Nachfrager (vgl. Brinkhoff & Sack, 1999; Schulze, 1993).

[...]


[1] Die aktuellen Zahlen der Bestandserhebung 1999 des Schwäbischen Turnerbundes, bestätigen diesen Trend eindeutig. Obwohl Mehrfachmitgliedschaften mit einbezogen werden, nehmen die Zahlen seit 1989 kontinuierlich ab (vgl. Abb. 3, S. 42)

[2] Dabei wird Gruppe zunächst im Sinn von Mannschaft verstanden.

[3] Der Begriff peer group wird in Kapitel 2 noch genauer betrachtet.

[4] 1964 waren rund 50% der Jugendlichen in Cliquen, 1984 waren es bereits 75%, wobei v.a. der Anteil der Mädchen von 42% auf 75% verhältnismäßig stark anstieg (Jungen von 59% auf 78%).

[5] v.a. der Schwäbische Turnerbund, der die meisten Kinder im Vergleich mit allen anderen Fachverbänden aufweist.

[6] Der Württembergische Landessportbund wird im folgenden mit WLSB abgekürzt.

[7] siehe auch Theorie der sozialen Identität (vgl. Tajfel, 1978).

[8] Selbstdarstellung (vgl. Mummendey, 1995).

[9] Jugendliche von 11-14 Jahre (vgl. Kapitel 2.1.2) und Kinder der 3. –5. Klasse ( 9/10 –11/12 Jahre) bei Brinkhoff.

[10] beispielsweise hinsichtlich Sprache, Kleidung, Frisur, Musik oder Sport.

[11] Die Jugendphase entwickelte sich von einer Zeit der Berufsausbildung und –ausübung zu einer Zeit der Bildung, die sich immer weiter nach hinten ausdehnt (vgl. Brinkhoff, 1993).

[12] u.a. die Aufnahme heterosexueller Beziehungen und „die Diskrepanz struktureller Gegebenheiten und individueller Dispositionen“ (Sack, 1980, S. 127).

[13] Cachay spricht von einer durchschnittlichen Fluktuationsrate von 47% bei zu früher Spezialisierung (vgl. Thiem, 1997).

Details

Seiten
151
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
1999
ISBN (eBook)
9783832446826
ISBN (Buch)
9783838646824
Dateigröße
2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v220288
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen – Sportwissenschaft
Note
1,5
Schlagworte
delphi-methode jugendsoziologie freizeitverhalten jugendlicher sport problematik

Autor

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Titel: Das Konzept "Gruppenwettbewerbe" des Schwäbischen Turnerbundes