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Klimagerechtes Bauen in der traditionellen iranischen Architektur

Hotelanlage Beinol Haramein in Shiraz

Diplomarbeit 2001 128 Seiten

Ingenieurwissenschaften - Bauingenieurwesen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Allgemeines über den Iran Kurzdaten:
2.1 Politisches System und Religion
2.2 Bevölkerung
2.3 Naturraum
2.4 Klima
2.5 Wirtschaft
2.6 Geschichte: Chronologische Übersicht
2.7 Bautechnikgeschichte: Chronologische Übersicht

3. Baukultur im Iran

4. Klimagerechtes Bauen am Beispiel Iran
4.1 Beziehung Mensch und Klima
4.2 Beziehung Gebäude und Klima
4.2.1 Wärmeleitung
4.2.1 Strahlung
Wärmegewinn:
Belichtung:
4.2.3 Belüftung und Ventilation
4.2.4 Luftfeuchtigkeit
4.3 Klimate und ihre entsprechenden Gebäudetypologien
4.3.1 Nördliche Küstengebiete am Kaspischen Meer
Klima und Witterung:
Baukultur am Kaspischen Meer
4.3.2 Halbwüsten und Wüstenrandregionen im Hochland
Klima und Witterung:
Baukultur im Hochland
4.3.3 Südliche Küstengebiete
Klima und Witterung:
Baukultur in der Golfregion
4.3.4 Bergregion
Klima und Witterung:
Baukultur in den Bergregionen:
4.4 Traditionelle Baustoffe:
4.4.1 Lehm
4.4.2 Gebrannter Ziegel
4.4.3 Holz
4.4.4 Naturstein
4.5 Verbesserung durch moderne Techniken
4.5.1 Schattenwand
4.5.2 Photovoltaik

5. Resümee und Ausblick

6. Projekt: Hotelanlage Beinol Haramein
Standortanalyse:
Entwurfsfaktoren
Hotelanlage Beinol Haramein
Entwurf in Hinblick auf das kulturelle Erbe:
Klimakonzept:
Klimakonzept für den Sommer:
Klimakonzept für den Winter:
Belichtung
Pläne

7. Bibliographie

1. Einleitung

Wir wissen heute, daß endloses Wirtschaftswachstum und die Allmacht der Technologie eine Illusion sind. Das Kippen des Ökosystems - Ozonloch, Waldsterben, Klimaerwärmung, Fischsterben, etc. - hat die Begrenztheit der Ressourcen auf der Erde deutlich gemacht und gezwungen bei ihrer Haushaltung umzudenken. „Nachhaltigkeit“ ist der Begriff und die Notwendigkeit für die Zukunft. Diese Aufgabe gilt natürlich auch für das Bauwesen und seine Exponenten. Bauen und Wohnen bedarf großer Mengen Rohstoffe und immer mehr Energie. Ein Versuch das Problem zu lösen, ist die Entwicklung immer besserer und leistungsfähigerer Bautechniken. Deren Wirksamkeit ist aber sehr oft enttäuschend, und das Problem des Energieverbrauchs ist mit dieser Strategie allein niemals lösbar. Ein anderer Weg ist die Nutzung des Wissens der traditionellen Architektur.

Über Jahrhunderte wurden in allen bewohnten Gegenden der Erde, Erfahrungen gesammelt und Methoden entwickelt, die es möglich gemacht haben, sich mit einfachsten Mitteln an die natürliche Umgebung anzupassen. Dieses Know-how ist modernen Techniken in vielen Punkten überlegen weil es sich in sehr langen Zeitspannen ausbilden und optimieren konnte. Heutige Technologien müssen in kurzer Zeit entwickelt werden, ein Mangel der nur wieder mit hohem Energieaufwand ausgeglichen werden kann. Die traditionelle Architektur nimmt Rücksicht auf die natürlichen, kulturellen und sozialen Gegebenheiten einer Region weil sie sich daraus entwickelt hat.

Ein Hauptfaktor in diesem Zusammenhang ist das Klima, auch weil es sich im Gegensatz zu sozialen und gesellschaftlichen Verhältnissen nicht ändert. Jede Form von Behausung soll vor dem Klima schützen und hat deshalb unter verschiedenen regionalen Klimaten, verschieden Methoden hervorgebracht. Die Bauweisen sind auf einfache und günstige Weise den extremen Klimabedingungen angepaßt. Um das Wissen der traditionellen Architektur für ein klimagerechtes Bauen zu nützen, muß man zuerst die Zusammenhänge zwischen Klima, Gebäude, seiner Umgebung und den Bewohnern erforschen. In Europa sind die Wirkungszusammenhänge vor allem in den Städten kaum noch sichtbar, da die traditionelle Architektur nahezu verschwunden ist. Moderne Architekturkonzepte, die auf regionale Gegebenheiten keine Rücksicht nehmen prägen weltweit das Erscheinungsbild. Durch die technische Ausrüstung glaubt man, sich nicht mehr nach der Sonne richten, den Wind zu beobachten oder die vorhandene Vegetation nutzen zu müssen.

Der Iran dagegen eignet sich sehr gut für so eine Untersuchung, weil erstens die alten Baumethoden noch lebendig sind, und zweitens extreme und sehr unterschiedliche Klimate vorhanden sind. Zudem läßt sich im Iran gut nachvollziehen was passiert, wenn man eine fremde Baukultur - die moderne westliche - einführt, die den klimatischen Verhältnissen nicht entspricht. Denn genau das passiert zur Zeit im Iran. Seit den 60er Jahren versuchte man den westlichen Baustil in den Iran zu holen. Der Schah fördert die ersehnte Gleichstellung des Iran mit dem Westen. Unter dieser Generation herrschte die Meinung, daß der iranische Weg zum Fortschritt, nur über die Nachahmung des Westens erreicht werden könne.

„Die westliche Architektur hat die neuzeitliche Architektur im Iran beeinflußt. Dieser Einfluß wurde besonders durch junge Architekten, die im Ausland studiert hatten und denen die einheimische traditionelle Architektur fremd geblieben ist, verstärkt. Man beachtete nicht die Auswirkungen dieser Neuerung auf das Raumklima, insbesondere auf die Innentemperatur sowie auf die sozialen Einstellungen und Gewohnheiten der Bewohner. Die aus den regionalen Gegebenheiten entwickelten traditionellen architektonischen Besonderheiten werden insbesondere in neuzeitlich errichteten Industriesiedlungen völlig außer acht gelassen.“[1]

Die Folgen sind schnell sichtbar: die Gebäude weisen schon nach ein paar Jahren die ersten Bauschäden aufgrund des Klimas auf. Zusätzlich verursacht die künstliche Klimatisierung eine Beeinträchtigung der Gesundheit der Menschen, da ihre Fähigkeit zur Akklimatisation an das natürliche Klima eingeschränkt wird. Die Kühlungen der Gebäude im Sommer benötigen gewaltige Energiemengen. Die modernen Wohnbauten nehmen sehr oft keine Rücksicht auf die gesellschaftlichen und religiösen Einstellungen der Menschen (Schutz vor fremden Blicken, Großfamilie als Sozialsystem), und mindern so die Lebensqualität der Bewohner erheblich.

Ein zweites Problem im Iran, ist das fehlende Bewußtsein für einen sparsamen Einsatz von Energie. Der Iran verfügt über riesige Erdöl- und Erdgasvorkommen. Aus diesem Grund ist es sehr schwer, auf Verständnis für eine Architektur mit einem sparsamen und nachhaltigen Energiekonzept zu stoßen.

Ziel dieser Arbeit ist es, die traditionelle Architektur im Hinblick auf ihr Verhältnis zum Klima zu studieren. Welche Bautypen, Grundrisse, Materialien, Strategien, Wohngewohnheiten, Charakteristika, etc., haben sich im Iran im bezug auf die Klima- und Witterungsverhältnisse entwickelt, und wie lassen sie sich für heutige Bauaufgaben nutzen? Dazu werden, nach einer allgemeinen Abhandlung über die iranische Baukultur und ihre Unterschiede zur westlichen, folgende Schritte durchlaufen:

- Erläuterung der Wechselbeziehung zwischen Klima und menschlichem Körper.
- Erläuterung der Wechselbeziehung zwischen Klima und Gebäude (Gebäudehülle, Raumklima)
- Unterteilung des Irans in Klimazonen
- Auswertung der Klimadaten
- Analyse der traditionellen Architektur hinsichtlich der Klimadaten.
- Kurzer Abriß über einen sinnvollen Einsatz von modernen Techniken in der iranischen Architektur.
- Beispielentwurf

2. Allgemeines über den Iran

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Abb. 1

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Abb. 2 Kurzdaten:

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Islamische Republik Iran

Fläche: 1648000 km²

Einwohner: 65,2 Mio.

Bevölkerungsdichte: 38 pro km²

Hauptstadt: Teheran

Staatsform: Islamische präsidiale Republik

Amtssprache: Persisch (Farsi)[2]

Mitglied: ECO, OPEC, UNO

2.1 Politisches System und Religion

Der Iran ist seit 1979 eine islamische Republik, basierend auf der Ethik des Schiismus. Staatsoberhaupt ist ein vom Volk auf 4 Jahre gewählter Präsident mit exekutiven Vollmachten, der auch die Minister ernennt. Seine Machtbefugnisse sind eingeschränkt durch die höchste religiöse Instanz, den >Führer der Nation<. Legislative ist das Einkammerparlament mit 270 vom Volk auf 4 Jahre gewählte Abgeordnete.

Staatsreligion ist der Islam schiitischer Prägung, dem 90% der Iraner angehören. Anerkannte religiöse Minderheiten sind Christen, Juden und Zoroastren[3], die auch durch Repräsentanten im Parlament vertreten sind (jeweils einer der jüdischen und zoroastrischen Minderheit und zwei von den armenischen Christen)[4].

2.2 Bevölkerung

Die Bevölkerung setzt sich zusammen aus 65% Persern, 20% Aserbaidschanern, 10% Kurden, sowie Arabern und Armeniern, außerdem Masandaranern, Turkmenen, Luren und Belutschen

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Abb. 3: Verteilung der Sprach- und Volksgruppen (ECKART, E. 1980)

. Die geographische Lage des Iran, in der Mitte einer der wichtigsten Querverbindungen der Welt und als Landbrücke zwischen Europa und dem Fernen Osten, war für die ethnische Zusammensetzung seiner Bevölkerung von großer Bedeutung. Diese ist daher verhältnismäßig bunt und für viele Konflikte in dieser Region in der Geschichte verantwortlich. Die Zahl der Nomaden wurde 1986 auf über 1 Million geschätzt.

Die vielen Kulturen sind neben den natürlichen Bedingungen, mitverantwortlich für große regionale Unterschiede in der Architektur.

Der Name Iran deutet auf die Einwanderung arischer Stämme um die Mitte des 2. Jahrtausends v. Chr. hin, welche die weitere Entwicklung des Landes geprägt haben, obwohl das Gebiet auch davor zum Teil besiedelt war.

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Abb. 4 Nomadismus im Iran (ECKART, E 1980)

2.3 Naturraum

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Abb. 5: Bevölkerungsdichte (SARKUB, D. 1977)

Der Iran befindet sich im Westteil des weit ausgedehnten Hochlandes Asiens zwischen dem 25. und 40. nördlichen Breitengrad und dem 44. und 63. östlichen Längengrad. Politisch grenzt der Iran im Norden an Armenien, Aserbaidschan, Turkmenistan und das Kaspische Meer, im Westen an die Türkei und den Irak, im Süden an den Persischen Golf und den Golf von Oman sowie im Osten an Pakistan und Afghanistan. Mit 1.648.000 km² umfaßt der Iran ein Gebiet das der Gesamtfläche Englands, Frankreichs, Deutschlands, Österreichs, Belgiens und der Niederlande zusammen entsprechen würde. Fast die Hälfte des Landes ist gebirgig mit einer durchschnittliche Höhe von 1200m, die zweite Hälfte besteht zum größtenteils entweder aus Wüste oder Steppe.

Zwei große Gebirgszüge, Zagros und Alborz, schließen große Teile des Landesinneren ein und fangen die meiste Feuchtigkeit ab. Aus diesem Grund ist die durchschnittliche Niederschlagsmenge mit 250-300 mm[5] sehr gering. 30% der Flächen sind landwirt-schaftlich nutzbar, 17% sind Wald (hauptsächlich im Norden) oder Gebirgs-weide, der Rest unkultivierbare Wüste.

Große Teile des Landes, insbesondere die am dichtesten besiedelten Gebiete, liegen in einer erdbebengefährdeten Zone. Regelmäßige Erdbeben unterschiedlicher Stärken verursachen immer wieder gewaltige Schäden.

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Abb. 6: Erdbebengefährdete Gebiete Irans (SARKUB, D. 1977)

2.4 Klima

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Abb. 7, Mittlere jährliche Niederschlag (SARKUB, D. 1977)

Der Iran liegt in der trockenen, nördlichen, gemäßigten Zone der Erdkugel. Die geographische Lage mit den Gebirgsketten wirkt sich sehr stark auf die Klima-bewegungen aus und ist der Grund für das trockene und niederschlagsarme Klima im überwiegenden Teil des Landes. Das Land weist wegen seiner Größe, der unterschiedlichen Topographien und Höhen sehr extreme und unterschiedliche Klimate auf. Es gibt gemäßigte feuchte Zonen am Kaspischen Meer im Norden mit üppiger Vegetation, Wüstenregionen mit einem extrem heiß-trockenen Klima, Halbwüsten- und Wüstenrandgebiete, Gebirgsregionen im Westen und Norden mit tiefen Temperaturen im Winter und gemäßigten Temperaturen im Sommer, sowie eine feucht-heiße Zone im Randbereich des Persischen Golfs im Süden mit hoher Luft-feuchtigkeit und geringen Temperaturschwankungen. Die mittlere Jahrestemperatur liegt je nach Klimazone zwischen 10° und 30°C., in den Wüstengebieten kann es zu extremen Temperaturunterschieden zwischen Tag und Nacht kommen (von 70°C. am Tag auf 0°C. in der Nacht).[6] Die meisten Niederschläge fallen zu Beginn des Frühlings, in der übrigen Zeit ist die Niederschlagsmenge sehr gering.

Im überwiegenden Teil des Landes herrscht eine sehr hohe und direkte Sonneneinstrahlung, wobei dieser Effekt durch die geringe Anzahl natürlicher Schattenspender noch verstärkt wird. Der Boden verfügt jedoch meist nur über ein geringes Wärmespeichervermögen.

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Abb. 8 Klimadiagramme iranischer Städte (ECKART, E. 1980)

Die relative Luftfeuchtigkeit ist außer in den Küstengebiete, sehr niedrig (10–50 %)[7].

Die verschiedenen klimatischen Bedingungen sind ein Haupteinflußfaktor für die Ausprägung der Architektur im Iran und werden in dieser Arbeit speziell untersucht.

2.5 Wirtschaft

Die Wirtschaft des Iran befindet sich aufgrund des Krieges mit dem Irak und des amerikanischen Wirtschaftsembargos seit der Revolution, in einer angespannten Lage.

Lebensgrundlage von rund 40% der Bevölkerung ist die Landwirtschaft. Hauptein-nahmequellen sind Erdöl und Erdgas. Weiters verfügt der Iran über reiche Erzvor-kommen. Neben Erdöl und Erdgas werden vorwiegend Agrarprodukte, Teppiche und Steinkohle exportiert.

Die für den Hochbau wichtigen Rohstoffe - Lehm, Ton, Kalk, Gips, Kies, Sand und Natursteine - sind ausreichend im ganzen Land vorhanden. Große Holzvorkommen befinden sich nur im Norden, weshalb Holz als Baustoff sehr sparsam eingesetzt wird.

2.6 Geschichte: Chronologische Übersicht

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2.7 Bautechnikgeschichte: Chronologische Übersicht

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3. Baukultur im Iran

Der Sinn des Bauens um Schutz, Behaglichkeit und Repräsentation zu erreichen, ist in allen Kulturen gegeben. Der notwendige bauliche Schutz wird durch die natürlichen Bedingungen (Klima, Fauna & Flora, Geologie, etc.) bestimmt. Was als behaglich empfunden wird, hängt von erworbenen Empfindungen ab, die sich über Jahrhunderte durch die natürlichen Gegebenheiten in einem Kulturraum ausgeprägt haben.

Darin liegt der Grund für die großen Unterschiede in der Bau- und Wohnkultur der Perser und der uns bekannten westlich, europäischen Tradition. Die traditionellen Wohngewohnheiten unterscheiden sich dermaßen voneinander, daß eine unmittelbare Übertragung der westlichen Vorstellungen von Raum, Mobiliar und Bauformen nicht möglich ist. Aufgrund der unterschiedlichen ethnischen Gruppen, abweichenden Klimabedingungen und eines sehr starken Stadt-Land-Gefälle läßt sich im Iran auch kein allgemein gültiges Bild der Wohnvorstellungen zeichnen.

Die Unterschiede treffen vor allem auf die traditionellen Lebensformen zu. In den modernen Gebieten und Bevölkerungsschichten, vorwiegend in den Großstädten, ist der Einfluß anderer Kulturen, besonders der westlichen, nicht zu übersehen. Genauso wie in Europa, wo Wohngewohnheiten anderer Kulturkreise (Feng-Shui, Teppiche, japanische Gartenkunst etc.) ihre Spuren hinterlassen haben.

Am Land haben sich die Wohnformen bis heute kaum geändert. In den Städten ähneln sich die traditionellen Wohnformen sehr, wobei sich diese Übereinstimmung des städtischen Wohnens nicht nur auf den Iran, sondern auf den gesamten islamischen Kulturkreis bezieht. Diese Tatsache hat nichts mit der Religion zu tun, die Wohnform des Hofhauses gab es schon in der Antike im subtropischen Klimagürtel von China bis nach Nordafrika. Die städtischen Wohnformen sind meist flach errichtete ein- bis zweistöckige geschlossene Einzel-Hofhäuser, in denen meistens eine Großfamilie lebt.

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Abb. 9 Häusergruppe in Bam (Verf.)

Der erste auffallende Unterschied zur abendländischen Baukultur, ist die Introvertiertheit der persischen Architektur. Die westliche Architektur ist eine die nach außen zur Straße hin orientiert ist und deren Außenfassaden dekoriert sind[9]. Traditionelle islamische Häuser besitzen nach außen hin nur schlichte Lehm-fassaden[10], nur um Türen und Fenster herum sind teilweise Ornamente angebracht. Sogar die prächtigen Moscheeanlagen besitzen nur schlichte Außenfassaden. Die Gliederung beschränkt sich auf das Innere. Oft sind selbst die Außenmauern von Moscheen nicht erkennbar, sie verschmelzen mit den umgebenden Gebäuden.

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Abb. 10 Außenfassaden der Häuser bestehen nur aus einfachen Lehmmauern, Ahram (Verf.)

Nach außen bilden die Gebäude eine geschlossene Masse, Aus- und Zubauten sind Ausnahmen. Der Grund für die schmucklosen Außenfassaden ist der tief verwurzelte Glaube, daß vor Gott alle Menschen gleich sind und das jedes Hervorheben aus der Masse daher unsittlich ist[11]. Roland Rainer schreibt dazu: „Die alten iranischen Häuser hatten es nicht nötig, geschmückt zu werden. Der Charakter der Bewohner war jeder Repräsentation nach außen abgeneigt. [...] Die wichtigste und geheiligte Zelle der Gesellschaft war die Familie. Im Schutz ihrer eigenen vier Mauern lebend, die einen Mikrokosmos mit Höfen, Bäumen, Wasser, kühlen Gewölben und Schlafterrassen am Dach samt allen Bequemlichkeiten umschlossen, hatten sie es nicht nötig, nach außen Aufwand zu betreiben.“[12]

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Abb. 11 Hof mit Wasserbecken und Vegetation, Kashan (MANZOOR, S. 1989)

Die Häuser entfalten ihre ganze Pracht nach innen zum Hof hin. Die Hoffassaden sind reich verziert mit Stukkaturen, dekorierten Säulen und hölzernen Gittern für den Sonnenschutz. „Das Leben spielt sich entweder im Haus mit seinem Innenhof ab oder in Bazar, Hammam (Bad), Medresse und Moschee. Daraus folgt eine deutlichere Trennung zwischen privater und öffentlicher Sphäre als in Mitteleuropa, die einhergeht mit einer betonteren Geschlechtertrennung zwischen Mann und Frau. Das soziale Leben des Mannes spielt sich im öffentlichen Bereich der Stadt ab, das der Frau im Verborgenen der Häuser und so zwangsläufig im Kreis der näheren und weiteren Familie.“[13]

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Abb. 12 Stukkaturen im Hof, Narenjestan, Shiraz (Verf.)

Der zentrale Innenhof ist das markanteste Merkmal der traditionellen iranischen Architektur in allen Klimazonen.

Das Wohnhaus ist grob in zwei Bereiche geteilt, einen öffentlichen für die Gäste (Divanshane, Salamic oder Biruni) und einen rein privaten für die Familie (Haram oder Andaruni). Der Gästebereich ist die Sphäre der Männer, der Familienbereich die der Frauen. Männlicher Besuch, der nicht zur Großfamilie gehört, sollte nur beschränkten Kontakt zu den weiblichen Mitgliedern des Haushaltes haben.[14] Den rein religiösen Hintergrund der Trennung in zwei separate Bereiche erkennt man daran, daß er bei nicht muslimischen Häusern am selben Ort (z.B. Zoroastren in Yazd) nicht vorhanden ist.

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Abb. 13 Raumaufteilungsmodel in privaten Familienbereich und Gästebereich, am Beispiel eines großen Hauses und eines einfachen Hauses (MANZOOR, S. 1989)

Das Empfangszimmer für den Gästeverkehr ist ein außerordentlich wichtiger Bestandteil einer iranischen Wohnung, weil dem Gast ein viel höherer Stellenwert beigemessen wird als in Europa. Bei kleinen Wohneinheiten, die über kein eigenes Empfangszimmer und Gästezimmer verfügen, müssen andere Räume kurzfristig für diese Zwecke umfunktioniert werden können.

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weiblichen Türklopfer männlicher Türklopfer

Abb. 14 Eingangstür eines traditionellen Hauses (Verf.)

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Abb. 15 Verschiedene Funktionen eines Raumes (MANZOOR, S. 1989)

Die Aufenthaltsräume wechseln je nach Tages- und Jahreszeit, abhängig davon ob die Temperatur in ihnen im Sommer oder Winter, morgens, mittags oder abends angenehm ist. Es gibt zwar aufgrund des westlichen Einflusses genau Bezeichnungen für die Räume, die Funktionen der Räumlichkeiten wechseln aber je nach Bedarf. Räume, die am Tag als Eß- und Wohnzimmer genutzt werden, dienen in der Nacht als Schlafzimmer. Die im Westen übliche Raumeinteilung in Schlaf-, Wohn- und Eßzimmer gibt es in den traditionellen iranischen Wohnhäusern nicht. Nur den Naßräumen und Vorratsräumen ist eine feste Nutzung zugeordnet, selbst die Küche wird oft für andere Zwecke umfunktioniert und auf die Dachterrasse oder den überdachten Hof verlegt. Im Sommer hält man sich in beschatteten Außenbereichen

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Abb. 16 Traditionelles Wohn- und Empfangszimmer (Verf.)

oder in hohen, großvolumigen Räumen auf, die sehr oft über Lüftungsöffnungen gekühlt werden. Im Winter zieht man sich in kleine, niedrige Räume zurück.

Aus diesem Grund gibt es im traditionellen iranischen Haus auch kaum Möbel im westlichen Sinn, sondern nur flache Tablett-Tische, Teppiche, Sitzkissen und Schlaf-matratzen, die dort aufgebaut werden, wo man sich gerade aufhält. Gegenstände wie Geschirr, Bettzeug, persönliche Wertsachen, werden in Abstellräumen, Wandnischen[15] und kleinen Truhen aufbewahrt.

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Abb. 18 Das Hofhaus ist die Negativform des westlichen Hauses, der Grünbereich liegt in der Mitte anstatt rundherum, und die Fassaden sind nach Innen orientiert im Gegensatz zum uns bekannten Haus. (MANZOOR, S. 1989)

Trotz der geringen Zahl von Möbeln bieten die Wohnungen, insbesondere jene reicher Leute, einen prunkvollen Anblick. Stukkaturen, Malereien und Mosaike an Decken und Wänden, verzierte Vorhänge, seidene Tapeten und Sofas sowie vor allem die prächtigen Teppiche erzeugen eine außergewöhnlich üppige Atmosphäre. Selbst bescheidene Wohnungen von armen Leuten besitzen in allen Räumen noch Stukkaturen und Teppiche.

Flexibilität des Raumprogrammes ist daher eines der wichtigsten Kriterien für ein iranisches Haus. Ein Umstand dem die vordringende westliche Wohnkultur nicht gerecht werden kann.

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Abb. 19 Die Häuser sind zum Straßenraum hin fast völlig geschlossen. Gasse in Yazd (Verf.)

Neben der Schlichtheit der Häuser nach außen fällt besonders ihre Geschlossenheit auf. Die Geschlossenheit des Wohnhauses soll nicht nur vor dem Klima schützen, sie dient auch dazu, die Bewohner vor fremden Blicken zu bewahren. Dieser sehr ausgeprägte Schutz der Privatsphäre ist religiös motiviert und dient der ungestörten Beweglichkeit der Familie. Der Hof ist deshalb immer mit einer hohen Mauer umgeben, die oft höher als das Gebäude ist. Auch das Flachdach ist immer ein rein privater Bereich des Hauses und dient zur Lagerung von Vorräten, als Schlafterrasse im Sommer oder in kleinen Häusern ohne eigene Küche als Kochstelle. Das Betreten der Dachterrasse durch Fremde würde die Sicht in den Hof, also in die Privatsphäre, gewähren, deshalb ist sie umgeben von einer niedrigen, durchbrochenen Mauer, Netzmauerwerk oder Holzgitter, um gegen Einblicke und starken Wind zu schützen. Um den Einblick in den Hof im Eingangsbereich zu verhindern, wird eine zweite parallele „Geistermauer“ errichtet, die einen Gang bildet über den man erst durch eine Biegung den eigentlichen Hof erreicht. Als Alternative zur Geistermauer gibt es oft einen kleinen Übergangsraum (Hashti).

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Abb. 20 Hammam Vakil in Shiraz (Verf.)

Der Schutz der Intimsphäre an Orten an denen man nicht gestört werden will, wie Wohnhäusern, Schulen, Moscheen, Bädern, ist immens wichtig für die Architektur im islamischen Kulturkreis. Das ist ein weiterer Grund dafür, weshalb den Versuchen die westliche Architekturauffassung zu etablieren, Grenzen gesetzt sind.

4. Klimagerechtes Bauen am Beispiel Iran

4.1 Beziehung Mensch und Klima

Der menschliche Körper ist ein thermisches System, das auf eine konstante Kerntemperatur von 37°C angewiesen ist. Um die Innentemperatur zu halten, ist er zu einem ständigen Wärmeaustausch mit der Umgebung gezwungen. Der Körper ist wie ein Ofen, der mit Nahrung geheizt wird. Die Wärmeerzeugung steigt bei fallender Umgebungstemperatur oder bei körperlicher Anstrengung. Die Behaglichkeit und die körperliche Leistungsfähigkeit hängen daher ganz massiv von der Umgebungs-temperatur ab, die in den ariden und tropischen Gebieten oft weit über der Behaglichkeitsgrenze liegt.

Um ein erträgliches Raumklima zu schaffen reicht es aber nicht aus die Temperatur zu erhöhen oder zu senken. Man muß als Architekt zuerst die körperlichen Prozesse näher betrachten, dann die Wechselwirkung zwischen Gebäudeklima und Außenklima untersuchen, um letztlich geeignete bauliche Maßnahmen setzen zu können.

Zur Temperaturregulierung setzt der Körper folgende Maßnahmen ein.

- Wärmebildung durch Steigerung der Hautdurchblutung und Erhöhung der Blut-flußgeschwindigkeit, Gefäßerweiterung, Muskelzittern
- Kühlung durch Schweißsekretion (Transpiration)
- Wärmeaustausch durch Konvektion, abhängig von Luftgeschwindigkeit, Raumluft und Temperaturdifferenz.
- Wärmeaustausch durch Wärmestrahlung, abhängig von Temperaturdifferenz zwischen Körperoberfläche und Umgebungsfläche.
- Wärmeaustausch durch Verdunstung und Atmung (Respiration), abhängig von Körperoberfläche und Dampfdruckdifferenz zwischen Haut und Umgebung.

Die Behaglichkeitsgrenze von Menschen verschiedener Klimazonen ist sehr ähnlich oder sogar gleich (in diesem Punkt gibt es keine Übereinstimmung in der Literatur, Anm. d. Verf.). Auf jeden Fall ist die Belastung durch extreme Klimabedingungen für Menschen aller ethnischer Gruppen nahezu identisch. Die Grenze hängt von physiologischen und physikalischen Bedingungen ab: körperliche Verfassung, Alter, Kleidung, Tätigkeit, Lufttemperatur, Wandtemperatur, relative Luftfeuchtigkeit, Luft-bewegung, Luftzusammensetzung, Luftdruck, sowie akustische und optische Einflüsse.

Die Mittel in der Architektur zur Schaffung eines günstiges Raumklimas sind abhängig von der Klimazone. Beispiele hierfür wären die Lage der Nutzungszonen bezüglich Ventilation und Strahlung, Zuordnung und Art des Mobiliars, Oberflächengestaltung der Räume und des Fußbodenmaterials.[16]

Eine angenehme Raumwärme für Menschen in Ruhestellung liegt zwischen 18-24°C, bei der Arbeit aufgrund der zusätzlich produzierten Eigenwärme bei 15-20°C.[17]

Weil der menschliche Körper langwellige Strahlung viele stärker absorbiert als kurzwellige, muß man die Strahlungsbelastung von außen in heißen Klimaten, möglichst gering halten. Dies ist gerade im Iran wegen der sehr hohen direkten Sonneneinstrahlung, ein großes Problem. Die persische Architektur hat darauf reagiert und Bauformen mit geringen Gebäudeaußenflächen, kleinen Fensteröffnungen, viel Beschattung, großen Raumhöhen und zweischaligen Dachkonstruktionen entwickelt.

Die relative Luftfeuchtigkeit der Raumluft sollte bei 40-60% liegen, nicht so sehr wegen der Behaglichkeit, sondern aufgrund der Hygiene. Zu niedrige Luftfeuchtigkeit führt zu einem Anstieg der Staubbelastung, zu einer Austrocknung der Haut sowie der Bronchien und die damit verbundenen Gefahr, daß Staub und Bakterien in die Lunge eindringen. Zu hohe Luftfeuchtigkeit fördert Krankheitskeime, Schimmelpilze, Oberflächenkondensat, allergische und chronische Erkrankungen der Haut.

Luftbewegung im Raum, wird in gemäßigten Klimazonen eher als störend empfunden. Bei sehr hohen Temperaturen wie sie im Iran häufig vorkommen, ist der Luftzug aber ein sehr wichtiges Mittel den Körper zu kühlen und wird deshalb als behaglich empfunden.

[...]


[1] Djawad, Sarkub: Wohnungsbau im Iran–Beitrag zur Lösung des Wohnungsproblems; Berlin: Dissertation Technische Universität Berlin, 1977, S 216

[2] Persisch gehört zu den indogermanischen Sprachen, und ist daher entgegen der herrschenden Auffassung, viel stärker mit der deutschen Sprache verwandt als mit dem Arabischen.

[3] Anhänger des von Zarathustra (zw. 1000-600 v.Chr.) gegründeten Parsismus.

[4] Greenway, Paul: Iran; Hawthorn/Australia: Lonely Planet Publications, 2nd ed, 1998, S.25

[5] Im Vergleich mit anderen Ländern und Kontinenten zeigt sich die extreme Trockenheit des Iran; durchschnittliche Regenfälle jährlich: auf der Erdkugel (860 mm), Europa (620 mm), Graz (880 mm)

[6] Diese extremen Schwankungen wurden in der Wüste Namak gemessen.

[7] Mitteleuropa im Vergleich hat eine durchschnittliche Luftfeuchtigkeit von 60 bis 80%.

[8] Farshad, M. (Ausschnitt) in Memarzia, Kazem: Productivity and the Iranian Building Industry. A case study of component manufacture; York: Ph. D. Thesis, University of York, 1995

[9] Ein schönes Beispiel dafür ist die historistische Ringstraßenarchitektur in Wien, in der die Außenfassaden nicht nur übersteigert wurden, sondern auch über den eigentlichen Zweck der Gebäude hinwegtäuschen sollten.

[10] Ausnahmen sind Solitärbauten, vor allem der Osmanen.

[11] Die traditionellen islamischen Gesellschaften haben keine gesellschaftliche Schichtung.

[12] Roland Rainer „Anonymes Bauen im Iran“ Hrg. Akademische Druck- u. Verwaltungsanstalt Graz 1977, S 15-16

[13] Graf von Hardenberg: Entwerfen natürlich klimatisierter Wohnhäuser für heiße Klimazonen am Beispiele des Iran; Düsseldorf: Hrg. Werner Verlag, 1980, S 11

[14] Es gibt teilweise an den Eingangstüren zwei verschiedene Türklopfer, einen runden für Frauen und Familienmitglieder, und einen stabförmigen für Männer und Gäste. Durch den verschiedenen Klang der Türklopfer weiß man im Haus wer in etwa vor der Tür steht und wer deshalb die Tür öffnen sollte. (vgl. dazu Abb. 14)

[15] Als Wandnischen findet man vor allem Spitz-, und Rundbogennischen mit einer Laibung von ca. 15cm

[16] Graf von Hardenberg: Entwerfen natürlich klimatisierter Wohnhäuser für heiße Klimazonen am Beispiele des Iran; Düsseldorf: Hrg. Werner Verlag, 1980, S 39

[17] Skala nach Graf von Hardenberg und Ashrae für den Iran bei einer Luftfeuchtigkeit von 50%: 10-15°C kalt, 16-21°C kühl, 22-26°C behaglich, 27-30°C etwas unbehaglich und warm, 31-34°C unbehaglich und sehr warm, 35-40°C sehr unbehaglich und heiß, über 41°C Erträglichkeitsgrenze

Details

Seiten
128
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783832446031
ISBN (Buch)
9783838646039
Dateigröße
13.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v220218
Institution / Hochschule
Technische Universität Graz – Architektur
Note
1,0
Schlagworte
architektur bauökologie iran klimagerechte energiebewußtes bauen

Autor

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Titel: Klimagerechtes Bauen in der traditionellen iranischen Architektur