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Macht, Sexualität und Begehren in den Romanen "El Cielo Dividido" von Reina Roffé und "Al Otro Lado" von Yanitzia Canetti

Magisterarbeit 2000 93 Seiten

Romanistik - Französisch - Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Feminismus und die gender -Debatte
2.1. gender
2.2. gender, sex und Begehren
2.3. Weitere Strömungen

3. Die Theorie der Macht nach Foucault
3.1. Macht, Wahrheit und Sexualität
3.2. Widerstand gegen die Macht: die Griechen
3.3. Widerstand gegen die Macht: Foucault und der Feminismus

4. Begehren
4.1. Lacan und das Begehren
4.2. Begehren und Macht

5. Reina Roffé: El Cielo Dividido
5.1. „la amada“ und „la amante“
5.2. Das Begehren nach Einheit
5.3. Strukturen der Macht
5.4. Djuna Barnes
5.5. Das Begehren - ein Mangel
5.6. Ein weiblicher Diskurs?
5.7. Die sozialkritische Komponente
5.8. Exil - Anwesenheit in Abwesenheit
5.9. „Casa-ostra“
5.10. „El Cielo Dividido“ - Inhalt und diskursive Strategie
5.11. Giselle - die „Frau“
5.12. Colette und Giselle
5.13. Das zirkulierende Foto

6. Yanitzia Canetti: Al Otro Lado
6.1. Liebende und Geliebte
6.2. „yo“ und „mi-yo“
6.3. Die Suche nach der eigenen Wahrheit
6.4. Die Aufhebung des Kartesianismus?
6.5. Die Ebenen der Erzählung
6.6. Die Beichte als Erzählstrategie
6.7.Widerstand gegen die Macht: eine weibliche Alternative
6.8. Intertextuelle Vielfalt
6.9. Die nicht-greifenden Projektionen
6.10. Die politisch-kritische Dimension
6.11. Eine andere Wahrheit
6.12. Ein Zimmer und Zeit für sich

7. Schlussbetrachtung

Bibliographie

1. Einleitung

Es mag im letzten Jahrhundert begonnen haben, vielleicht aber auch schon viel eher, daß man sich fragte, wo die Frauen sind. Mit der Industrialisierung wurde die Rolle der Frau als Haus-Mutter aufgehoben, sie war berufstätig wie die Männer und forderte ab einem gewissen Zeitpunkt dieselben Rechte. Dieser Kampf dauert bekanntlich heute noch an.

Weiterhin stellte man Fragen nach der Präsenz der Frau/ der Frauen in Kultur und Gesellschaft, Literatur, Musik, Malerei, Politik. Die Ergebnisse waren schockierend. Einer Vielzahl von männlichen Akteuren und im Kanon Anerkannten stand eine schwindend geringe Anzahl weiblicher Personen gegenüber.

Während nun eine Richtung der Forschung versuchte, dieses Manko aufzuarbeiten und verschüttete Arbeiten weiblicher Künstler ans Tageslicht zu befördern oder vergessene Heroinnen der Weltgeschichte in die Chroniken aufzunehmen, richteten sich die philosophischen und psychologischen Diskussionen auf die Frage, wie der Unter- drückungsprozeß zustandekam und gerechtfertigt wurde.

Michel Foucaults Analyse Macht und Sexualität stellt einen Apparat von Machtmechanismen vor, die bei der Kontrolle und Bevormundung des Menschen funktionieren - unabhängig von dessen Geschlecht, Alter oder sozialer Stellung. Deswegen bildet dieses Werk eine unerschütterliche Basis für den Feminismus und seine Nachfolger. Einführend in die Thematik dieser Arbeit werden Foucaults Positionen und ihre Rezeption in der feministischen Theorie erläuternd dargestellt.

Ein weiterer wichtiger Stützpfeiler feministischer Theorienbildung ist Jaques Lacans Lehre der Ich-Bildung über das Spiegelstadium und seine Begrifflichkeiten „Imaginäres“ und „Begehren“.

Der Darlegung dieser Problematik folgt die Untersuchung der Romane der beiden jungen lateinamerikanischen Schriftstellerinnen Reina Roffé (*1951) und Yanitzia Canetti (*1967). Dabei sollen sowohl die von Foucault erforschten Strukturen des Machtgewebes, als auch Lacans Begehrensdiskurs herausgearbeitet werden.

Besonderes Augenmerk richtet sich im ersten Fall (Roffé 1996: El cielo dividido) auf die Tatsache, daß es sich bei den Hauptfiguren (größtenteils) um gleichgeschlechtlich Liebende handelt. Hier ist es von Interesse, inwiefern die Definitionen von Macht und Begehren noch greifen, wenn es sich nicht um männlich dominierte Zirkel handelt.

Der zweite Roman (Canetti 1997: Al otro lado) berichtet von einem weiblichen Begehren, das frei zirkuliert. In diesem Fall wird auf die Auswirkung dieses freien Begehrens auf etablierte Machtstrukturen von Interesse sein.

Schließlich steht die Frage aus, ob Macht, weibliche Sexualität und weibliches Begehren zusammenhängen und/oder sich beeinflussen. Wenn eine Einflußnahme erfolgt, wie geschieht sie? Stellt sie ein alternatives Modell vor? Wie gehen die Frauen in den Romanen mit politischer Macht um? Wie mit familiärer? Worauf richtet sich ihr Begehren?

Beide Romane enden mit einer Art Selbstfindung. Welcher Weg führte dahin? Wären diese Geschichten im vorigen Jahrhundert genauso passiert?

2. Der Feminismus und die gender -Debatte

2.1. gender

Der Feminismus, der zweifellos einen enormen Schritt in der kulturhistorischen Entwicklung des Menschen darstellt, weil er die Aufmerksamkeit auf Strukturen der Gesellschaft lenkte, die nicht nur bei der Unterdrückung der Frauen, sondern bei jeglicher Unterdrückung funktionieren, dieser Feminismus mußte am Anfang der achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts in seiner bis dato gebräuchlichen Form in Frage gestellt werden.

So wandten schwarze und andere farbige Frauen ein, die Theorien bezögen sich meist nur auf die weiße Mittelstandsschicht, wo sie doch generelle Unterdrückung der Frauen immer und überall anzuprangern vorgaben. Man warf dem bestehenden Feminismus vor, nicht auf die speziellen Formen der Bevormundung der Minderheiten eingehen zu können.

Dies führte zu den Versuchen, sich von einer generalisierenden Feminismus-Debatte abzulösen und stattdessen Theorien der Vielfalt zu entwickeln.

Mit der Dekonstruktion des authentischen Subjekts, das als scheinbar selbstbestimmtes und einheitliches doch ein Konstrukt gesellschaftlicher Diskurse darstellt, und der Entlarvung der binären Opposition männlich/weiblich als eine Struktur eben dieser Diskurse, fiel der Forschung die Aufgabe zu, ein neues Konzept für das Bemühen um Gleichberechtigung zu finden.

Das Konzept, das den Ansprüchen am ehesten gerecht wurde, ist das der gender -Forschung[1].

Unter Heranziehen des strukturalistischen Gebots, daß Bedeutung nur über binäre Bezugnahme entsteht, betrachtet man „Männlichkeit“ und „Weiblichkeit“ als gegensätzliche, aber dialektisch verknüpfte, dynamische Kategorien.

„Setzen wir für einen Augenblick die Stabilität der sexuellen Binarität (binary sex) voraus, so folgt daraus weder, daß das Konstrukt ´Männer` ausschließlich dem männlichen Körper zukommt, noch daß die Kategorie ´Frauen` nur weibliche Körper meint.“ (Butler 1991, 23)

Daraufhin wurde dem bestehenden Definitionskanon die Rubrik gender zugefügt, die die Begriffe „männlich“ und „weiblich“ klären soll.

Dabei wird die folgende Unterscheidung zwischen sex und gender vorgenommen: sex bezeichnet die biologischen Fundamente des Unterschieds zwischen den Geschlechtern, gender meint das, was die Gesellschaft daraus konstruiert (Alter, Rassenzugehörigkeit[2], soziale Stellung, Religion etc.). Sara Lennox faßt dies zusammen:

„Diese Auffassung von gender impliziert somit, daß Frauen außerhalb ihres gesamtgesellschaftlichen Kontexts nicht vorstellbar sind, und ermöglichte außerdem die Gegenargumentation, daß die Männergesellschaft nicht ohne die Beiträge von Frauen zu verstehen sei und daß die Männlichkeits- und Weiblichkeitsbilder so sehr integraler Teil gesellschaftlicher Interpretations- schemata seien, daß sie auch dann in Machtstrukturen (z.B. der Politik, der Naturbeherrschung) verwickelt seien, wo tatsächlich Frauen keine Rolle spielen.“ (Gnüg, Möhrmann 1999, 568)

Die letzte Zufügung bezieht sich (hoffentlich) auf Gesellschaften, die in unserer Zeit und im (hoffentlich nicht nur) abendländischen Raum nicht mehr existieren, wo immer mehr Frauen relevante politische und wissenschaftliche Positionen besetzen.

2.2. gender, sex und Begehren

Nachdem dem Feminismus auf diese Weise abgesprochen worden war, jemals eine einzige „weibliche“ Strategie, eine einzige „weibliche“ Theorie entwickeln zu können, zerfiel die Bewegung in verschiedene Gruppen mit unterschiedlichen theoretischen Ansätzen.

Eine dieser Auffassungen argumentiert, daß selbst die bislang als biologisches Fundament betrachtete Kategorie des sex von Machtstrukturen im Sinne Foucaults strukturiert und in ihnen verwickelt sei:

„Die taktische Produktion der diskreten binären Kategorisierung des Sexus verschleiert gerade die strategischen Ziele dieses Produktionsapparates, indem sie den ´Sexus` (sex) als ´Ursache` der sexuellen Erfahrung, Verhaltensweisen und des Begehrens darstellt. In Foucaults genealogischer Untersuchung enthüllt sich freilich diese scheinbare ´Ursache` als ´Effekt` bzw. Produkt eines gegebenen Regimes der Sexualität, das die sexuelle Erfahrung zu regulieren versucht, indem es die diskreten Kategorien des Sexus als grundlegende und kausale Funktionen in jede diskursive Darstellung der Sexualität einschreibt.“ (Butler1991, 47)

Foucault führte aus, daß die Konstruktion des sex (biologisches Geschlecht) nicht nur wegen der gesellschaftlichen Regulierung und Kontrolle der Sexualität erfolgt. Das Postulat, man sei sein Geschlecht (und nicht das andere) vereinheitlicht und versteckt die Vielfalt der Sexualfunktionen. Weiterhin stellt die Konstruktion die Ursache dar, die Begehren und Lüste geschlechtsspezifisch aufteilt und erzeugt.

Das Konstrukt einer Geschlechtsidentität tritt als ein kohärentes Verhältnis von sex (anatomisches Geschlecht), gender (kulturelle Geschlechtsidentität) und Begehren auf, wobei sich Begehren und gender wechselseitig spiegeln und benennen. Erkennbar soll diese „metaphysische Einheit der Drei“ (ebd., 46) in dem Gesetz der Heterosexualität werden.

Als binäre Beziehung männlich/weiblich festigt sich die Geschlechtsidentität mittels der Institutionalisierung der Zwangsheterosexualität, die diese Dualität verlangt und kontrolliert. In den Strategien des heterosexuellen Begehrens vervollkommnet sich die Aufgliederung. Die Differenzierung der binären Pole, die im Akt des Begehrens erfolgt, festigt die Opponenten jeweils in sich und gleichzeitig die innere Kohärenz von sex, gender und Begehren.

Die Zuweisung der Geschlechtsidentität findet über die Zuweisung bestimmter Attribute an die Substantive „Mann“ und „Frau“ statt. Diese Adjektive sind männlich oder weiblich konnotiert. Sie weisen auf eine Erfahrung hin, die geschlechtlich bestimmt ist, sich aber nicht mittels Sprache erfassen läßt.

Um die (Geschlechts-)Identität als Fiktion der Regulierung oder als kulturell begrenztes Ordnungsprinzip zu demaskieren, lenkt Foucault das Augenmerk auf zufällige Attribute („akzidentielle Attribute“), die zusammen mit wesentlichen Attributen und der Grammatik der Substantive den Definitionskatalog für eine geschlechtlich bestimmte Erfahrung bilden. Wird einer männlichen Person ein männliches, akzidentielles Attribut zugeschrieben, so ist auch die Zuweisung eines weiblichen Attributs möglich, ohne daß die Geschlechtsidentität verletzt werden würde.

Die Vorstellung einer unvergänglichen Substanz „Mann“ bzw. „Frau“, die durch die Zuordnung der Adjektive entstanden war, hebt sich somit auf, womit gleichfalls die Substanz „Geschlechtsidentität“ hinterfragt wird. (vgl. Butler 1991, 47 ff.)

Phänomene, die die althergebrachte Binarität offensichtlich überschreiten, sind Hermaphroditen, Transsexuelle oder Homosexuelle. Sie fallen aus dem kulturell etablierten Kategorisierungsrahmen heraus.

2.3. Weitere Strömungen

Eine weitere Absplitterung war die der antifeministischen Feministinnen, die die Meinung vertraten, feministische Analyse könne den individuellen Rahmen nicht verlassen. Nach ihren Ansichten ist die spezifische Frau in ihrer spezifische Situation für ihr eigenes Schicksal verantwortlich.

Wieder eine andere Gruppe betont die Kategorie der Rasse. Dazu gehören nicht nur schwarze oder farbige, sondern auch weiße Frauen, welche die Anerkennung einer weißen Rassenidentität verlangen. Diese Identität zeichne sich nicht nur durch die Position des Rassenprivilegs aus, sie sei gleichermaßen die Perspektive Weißer auf das Andere, die Gesellschaft und sich selbst. Und sie stelle kulturelle Strategien dar, die meist ungenannt und unmarkiert sind.

Es sollen gesellschaftliche Prozesse untersucht werden, die Menschen hervorbringen, die meist ganz unbewußt rassistische Strukturen reproduzieren. Außerdem versucht man, Strategien zum Widerstand gegen diese Reproduktion von Rassismus zu entwerfen.

Begründet wird diese Strömung mit der Überzeugung, daß das Subjekt das diskursiv erschaffene Produkt seines Gegenübers ist und Ungleichheiten nur durch die Anerkennung von Unterschieden beseitigt werden können.

Die aktuellste Bewegung ist die sogenannte Third Wave, die sich nicht nur kritisch mit der Vergangenheit des Feminismus auseinandersetzt, sondern ihn in veränderter Form weiterzuführen gewillt ist. Dazu schreibt Rebecca Walker:

„Für viele von uns scheint es, als ob Feministin sein, wie wir es gesehen und verstanden haben, heißt, uns einer Identität und einer Lebensweise anzupassen, die keinen Platz für Individualität, Komplexität und unsere weniger als perfekten persönlichen Geschichten freihält. [...] Für uns sind die Grenzen zwischen ´Uns` und ´Denen` oft verschwommen, und infolgedessen versuchen wir, Identitäten zu schaffen, die Ambiguität und unsere vielfältigen Positionalitäten zulassen, die eher einschließen als ausschließen, eher erforschen als bestimmen, eher suchen als ankommen.“ (Gnüg, Möhrmann 1999, 572)

Was hier deutlich wird, ist die Vielfalt des „weiblichen“ Interesses, oder vielmehr der „weiblichen“ Interessen.

In all diesen Trends einen roten Faden zu finden, fällt schwer, denn nicht nur die feministische Theorie hebt Differenzen heraus, auch die Praxis zeigt, wie wenig Gemeinsamkeiten die Frauen teilen. Die Zeit, in der sich nur Frauen mit feministischen Ansprüchen auseinandersetzten, sind dergleichen längst vorbei.

Die gemeinsame Intention der aktuellen Geschlechter- oder gender - Forschung könnte man wie folgt beschreiben:

„Die feministische Praxis könne [...] als der Zusammenschluß von Menschen verstanden werden, die den Bedürfnissen von Frauen nachkommen wollen, ohne daß der Begriff ´Frau` notwendigerweise eine einzige oder vereinbarte Bedeutung hat.“ (ebd., 572)

3. Die Theorie der Macht nach Foucault

3.1. Macht, Wahrheit und Sexualität

Foucault definiert Macht als ein Netz von Praktiken und Mechanismen der Überwachung und Disziplinierung.

„Unter Macht, scheint mir, ist zunächst zu verstehen: die Vielfältigkeit von Kräfteverhältnissen, die ein Gebiet bevölkern und organisieren; das Spiel, das in unaufhörlichen Kämpfen und Auseinandersetzungen diese Kräfteverhältnisse verwandelt, verstärkt, verkehrt; die Stützen, die diese Kraftverhältnisse aneinander finden, indem sie sich zu Systemen verketten - oder die Verschiebungen und Widersprüche, die sie gegeneinander isolieren; und schließlich die Strategien, in denen sie zur Wirkung gelangen und deren große Linien und institutionelle Kristallisierungen sich in den Staatsapparaten, in der Gesetzgebung und in den gesellschaftlichen Hegemonien verkörpern.[...]

Nicht weil sie alles umfaßt, sondern weil sie von überall kommt, ist die Macht überall.“ (Foucault 1977, 113ff.)

Macht „operiert“ dezentral, sowohl auf der vertikalen als auch auf der horizontalen Achse, d.h. sie geht nicht von einem Punkt aus und sie kommt nicht von oben.

Diese Macht ist nicht juridisch aktiv. Während die Waffe des Gesetzes die Bestrafung mit dem Tod ist, bezieht sich die Macht auf das Leben. Sie konzentriert sich auf die Erhaltung des Lebens, der Moment des Todes bildet in seiner Eigenschaft als Ende den geheimsten Punkt im Leben.

Diese Entwicklung der Macht zu einer Macht zum Leben vollzog sich vor allem an den für die politischen Technologien des Lebens wichtigen Achsen: dem individuellen Körper einerseits, durch „seine Dressur, die Steigerung seiner Fähigkeiten, die Ausnutzung seiner Kräfte, das parallele Anwachsen seiner Nützlichkeit und seiner Gelehrigkeit...“ (ebd., 166), und der Bevölkerung als homogener Körper andererseits: „die Fortpflanzung, die Geburten- und Sterblichkeitsrate, das Gesundheitsniveau, die Lebensdauer...“ (ebd.).

Der Sex und die Sexualität treten dabei als Scharniere zwischen den Achsen auf.

Er/sie „erscheint als ein besonders dichter Durchgangspunkt für die Machtbeziehungen: zwischen Männern und Frauen, zwischen Jungen und Alten, zwischen Eltern und Nachkommenschaft, zwischen Erziehern und Zöglingen, zwischen Priestern und Laien, zwischen Verwaltungen und Bevölkerungen.

Innerhalb der Machtbeziehungen gehört die Sexualität [...] zu den am vielseitigsten einsetzbaren Elementen: verwendbar für die meisten Manöver, Stützpunkt und Verbindungsstelle für die unterschiedlichsten Strategien.“(ebd., 125)

Indem der Sex den Zugang sowohl zum Leben des Körpers als auch zum Leben der Gattung eröffnet, bietet er eine optimale Zielscheibe.

Seit Beginn des 19. Jahrhundert wurde nun, so Foucault, die „scientia sexualis“, die Sexualwissenschaft eingeführt, wo Macht, Lust und Wahrheit verknüpft werden.

Zunächst wird der Sex zum Geheimnis, um daraufhin wieder diskursiviert zu werden. Das Individuum glaubt an die Selbstheilung oder -befreiung durch das Geständnis. Der Sex ist eine zentrale Zielscheibe, da er durch die (forcierte) Unterdrückung nur im Geständnis- prozeß befreibar wird. Weiterhin öffnet er nicht nur dem Individuum die Augen über sich, sondern dergleichen über den Gesellschaftsapparat.

Die historische Entwicklung des „Imperativ des Geständnisses“ vollzog sich von der Beichte im klerikalen Umfeld zur psychoanalytischen Sitzung: im offenbarenden Inneren des Individuums kann sich Macht stationieren.

Ein weiterer Faktor der Machtinstitutionalisierung ist die ständige Überwachung von Kindesalter an: man kontrolliert die unschuldige Sexualität des Kleinkindes (sofern man schon von einer solchen sprechen kann), die erwachende Sexualität des Adoleszenten (vor allem führt man „Krieg gegen die Onanie“, ebd., 126) und betritt schließlich die Welt der Erwachsenen. Dort finden sich „die hysterische Frau [...], das familienplanende Paar und der perverse Erwachsene“ (ebd., 127).

Dies dient nun alles nicht, wie man annehmen könnte, etwa dem Kampf gegen die Sexualität oder ähnlich puritanischen Anstrengungen. Vielmehr ist die Sexualität ein historischer Dispositiv, ein für das Überleben einer Gemeinschaft unverzichtbares Feld, auf dem sich eine breite Vernetzung von Lust, Körper, Erkenntnis, Widerstand, Macht, Kontrolle und Wissen abspielt.

Auf der einen Seite gibt es ein System, das Verwandtschaft, Vererbung, Hochzeit usw. regelt, ein System, das an sich ein Regelwerk aus Ver- und Geboten, Tabus und Pflichten ist.

Auf der anderen Seite existiert ein körperbezogenes System, das nach immer neuen Formen der Lust sucht, die Körper durchdringt und schließlich einer globalen Kontrolle dient.

Eine weitere Strategie der Macht ist die Versinnlichung. Hierbei entstehen Spiralen aus Macht und Lust, denn eine Versinnlichung der Macht führt zu der Erhöhung der Lust, diese wiederum zu einer Steigerung der Versinnlichung usw.

„Die Macht ergreift und umschlingt den sexuellen Körper. Das steigert gewiß die Wirksamkeiten und die Ausdehnung des kontrollierten Gebietes. Zugleich führt es aber zu einer Versinnlichung der Macht und zu einem Gewinn an Lust. Was einen Doppeleffekt auslöst: die Macht bezieht einen Anstoß aus ihrer eigenen Entfaltung [...], die aufgespürte Lust strömt zurück zur sie umstellenden Macht.“ (ebd., 60)

Die Vorgehensweise ist zusammengefaßt also folgende:

Der Sex wird zunächst zum Geheimnis erklärt und danach diskursiviert. Dieser Diskurs erfolgt in Form von Geständnis und Beichte, wobei dem Sprechenden ein gewisser Heilungs- und/oder Erkenntnisprozeß versprochen wird. Weiterhin wird das Individuum ständig überwacht, unter dem Vorwand, dies sei zu seiner Heilung nötig. Viertens schließlich bringt der enge Kontakt zwischen Macht und Sexualität eine Versinnlichung der Macht mit sich, die die Lust erhöhen und so endlose, sich selbst steigernde Spiralen aus Macht und Lust bilden.

Das Verhältnis der Macht zum Sex ist ein negatives, es definiert sich durch Ausschluß, Verbot, Verweigerung. Gegenüber dem Sex handelt die Macht juridisch, es existiert ein binäres System von Regeln (erlaubt vs. verboten). Weiterhin soll der Sex sich selbst entsagen, d.h. der Sex wird unter Androhung seiner Vernichtung gezwungen, sich zu beschränken, sich selber aufzuheben. Dies geschieht mittels „[der] Behauptung, daß das nicht erlaubt ist; [der] Verhinderung, daß das gesagt wird; [der] Verneinung, daß das existiert.“ (ebd., 104)

Die „[formale] Homogenität der Macht“ (ebd., 105) erstreckt sich auf alle Ebenen gesellschaftlichen Lebens, sie erfaßt jeden unabhängig von Alter, Geschlecht, Status und ähnlichem.

Es soll nochmals betont werden, daß die Macht nicht im herkömmlichen Sinne politisch ist:

„In general terms, I would say that the interdiction, the refusal, the prohibition, far from being essential forms of power, are only ist limits, power in ist frustrated or extreme forms. The relations of power are, above all, productive. [...]

I would say that this has always been my problem: the effects of power and the production of ´truth`. [...] First, power in the West is what displays itself the most, and thus what hides itself the best: what we have called ´political life` since the 19th century is the manner in which power presents its image [...]. Power is neither there, nor is that how it functions. The relations of power are perhaps among the best hidden things in the social body.“ (Foucault 1988, 118)

Hinzugefügt werden muß, daß eine dichte Verknüpfung von Macht, Sexualität und Wahrheit besteht. Der versprochene Heilungs- und Erkenntnisprozeß des Geständnisses soll schließlich Wahrheiten produzieren, sowohl über das Individuum als auch über den Gesellschaftskörper. In unserer abendländischen Gesellschaft ist die Wahrheit an den wissenschaftlichen Diskurs geknüpft. Wenige große politische oder ökonomische Apparate sind für ihre Kontrolle, Produktion und Verteilung zuständig. Die Wahrheit ist zum Einsatz in zahlreichen politischen Auseinandersetzungen, gesellschaftlichen Konfrontationen und ideologischen Streitigkeiten geworden.

Um den Sex herum wurde nun ein diskursiver Apparat errichtet, der Wahrheit produzieren soll.

„Entscheidend ist, daß der Sex nicht nur eine Angelegenheit von Gefühl und Lust, Gesetz und Verbot, sondern ebenfalls eine von wahr und falsch, daß die Wahrheit des Sexes eine wesentliche Sache, eine nützliche oder bedrohliche, wertvolle oder zweifelhafte Sache geworden ist, kurz, daß der Sex zum Einsatz im Wahrheitsspiel geworden ist.“ (Foucault 1977, 73)

So definiert Foucault Sexualität dann auch als Erfahrung, die Wechselbeziehungen darstellt, „die in einer Kultur zwischen Wissensbereichen, Normativitätstypen und Subjektivitätsformen bestehen.“ (ebd., 10) Die Sexualität stellt einerseits Typisierungen auf (z.B. die hysterische Frau, der onanierende Adoleszent etc.) und bezeichnet andererseits persönliche Erfahrungen.

3.2. Widerstand gegen die Macht: die Griechen

Wo auch immer Macht auftritt, existiert ebenfalls ein Widerstand. Der richtige Umgang mit den Lüsten verlangt zunächst eine genauere Betrachtung der Sexualität.

Die Griechen, so Foucault, kannten vier Formen oder Bestandteile dessen, was wir heute als Sexualität bezeichnen: aphrodísia, chr êsis, enkráteia und sophrosýne.[3]

Aphrodísia ist ein dynamischer Begehrenszyklus, ein Begehren, das zum Akt führt, welcher die Lust weckt, die wiederum ein Begehren hervorruft. Er unterliegt den Variablen der Quantität (entweder Mäßigung oder Unenthaltsamkeit) und der Polarität. Die Polarität ist „die ´passive` Rolle des Objekt-Partners“ (Foucault 1984, 62), traditionell bzw. naturgemäß die der Frau:

„Diese Rolle ist diejenige, die die Natur den Frauen vorbehalten hat [...]; das ist die Rolle, die jemandem gewaltsam aufgezwungen werden kann, der zum Objekt der Lust des anderen gemacht wird; es ist auch die Rolle, die vom Knaben oder Mann akzeptiert wird, der sich von seinem Partner penetrieren läßt.“ (ebd., 62)

Deutlich wird eine Trennungslinie gezogen: zwischen Mann und Frau oder zwischen aktivem und passivem Mitwirkendem, wobei der Aktivität eine höhere Wertigkeit zugesprochen wird.

Diese moralische Problematisierung der Lust entstand aus der Betrachtung der sexuellen Tätigkeit als genauso mißbrauchbar wie z.B. die Lust am Essen:

„Daß die sexuelle Aktivität als ein Spiel von Kräften erscheint, die von der Natur eingerichtet sind, aber mißbraucht werden können, bringt sie in die Nähe der Ernährung und der damit aufgeworfenen moralischen Probleme.“ (ebd., 68)

Wie ist nun der richtige Gebrauch und wie funkitioniert mit seiner Hilfe die Befreiung aus den Machtgefügen?

Die Regulierung der aphrodísia durch die Strategie des Bedürfnisses bezeichneten die Griechen als chr êsis. Die sexuelle Betätigung im weitesten Sinne unterliegt der vom Individuum kontrollierten Technik der Selbstbeherrschung und des Bedürfnisses, „eine Praktik der Lüste, die sich derjenigen Vergnügungen zu bedienen versteht, die auf dem Bedürfnis beruhen, und damit sich selber zu beschränken weiß.“ (ebd., 76)

Eine weitere Strategie ist die des richtigen Moments: „es gibt die Skala des ganzen Lebens [...], die Skala des Jahres mit den Jahreszeiten [...], es gilt auch die Tageszeit zu wählen.“ (ebd., 77 ff.) Und schließlich hängt der richtige Gebrauch der Lüste auch mit dem Status des Individuums zusammen: seinem Alter, seinem gesellschaftlichen Stand, seinem Geschlecht.

Enkráteia bezeichnet das Verhältnis zu sich selbst, eine Haltung, die für die Moral der Lüste und den richtigen Umgang mit ihnen unabdingbar ist. Die agonistischen Verhältnisse des Individuums zu äußeren Begierden und Vergnügen und zum inneren Selbst sollen mittels aktiver Selbstbeherrschung zum Erliegen kommen. Das Ziel ist die Herrschaft über sich selbst, erlangbar mittels Askese.

Der so erlangte Zustand wird sophrosýne genannt. Sein Charakteristikum ist Freiheit, erzeugt durch Mäßigung, durch Weisheit, die das Moralsubjekt in seiner Vollendung definieren. Diese Freiheit tritt als Macht auf, „die man in der Macht über die anderen über sich selbst ausübt.“ (ebd., 106)

Letztendlich ist dies die Aufgabe des Mannes in seiner Funktion als Haushaltsvorstand und einzig mündiger Bürger einer griechischen Polis.

Die Mannestugend der Mäßigung ist zwar gleichfalls Frauen zugänglich, jedoch stets auf Männlichkeit bezogen,

„weil ihnen die Mäßigung durch ihren Abhängigkeitsstatus gegenüber ihrer Familie und ihrem Gatten sowie durch ihre Fortpflanzungsfunktion auferlegt ist, welche die Fortdauer des Namens, die Weitergabe der Vermögen, das Überleben der Polis gewährleistet.“ (ebd., 110)

Die Beziehung zwischen Mann und Frau ist „´politisch` [...]: es ist die Beziehung zwischen einer Regierung und einem Regierten.“ (ebd., 111) Während dem Mann, der Regierung, die Tugend der Herrschaft obliegt, verhält sich die Frau gemäß der Tugend der Unterordnung.

Generell bedeutet die Beherrschung der Lüste ihre Unterwerfung unter den lógos, den rechten Verstand, das Verhältnis zum Wahren.

Dies wurde im 4. Jahrhundert in drei Hauptformen beschrieben:

Strukturell soll der lógos, die Vernunft, den Begierden überlegen sein; instrumentell soll die praktische Vernunft über das Was, Wann und Wie der Handlungen entscheiden; ontologisch ist schließlich die Anerkennung seiner durch sich. Letzteres heißt nichts anderes, als daß man zur Praktizierung der Tugenden und der Beherrschung der Begierden sich selbst erkennen muß. Das Verhältnis zur Wahrheit wird fundamental, weil die Wahrheit eine Offenbarung ist, nach deren irdischer Entsprechung die Seele des Menschen sucht. Nachdem die Seele die Wahrheit einmal erblickt hat, besitzt sie die Kraft, „sich von jedem physischen Genuß zu lösen.“ (ebd., 117)

Zunächst ist die gemäßigte Ausübung sexueller Praktiken also ein Akt der Freiheit, die sich in Form von Selbstbeherrschung manifestiert. Der moralische Wert ist ästhetischer Natur und ein Wahrheitswert,

„denn nur, wenn man man [sic!] die Befriedigung der wahren Bedürfnisse im Auge hat, wenn man die wahren Hierarchie [sic!] des Menschenwesens respektiert und nie vergißt, was man in Wahrheit ist, wird man seiner Lebensführung die Form geben können, die den Ruf wahrt und Erinnerung verdient.“ (ebd., 123)

3.3. Widerstand gegen die Macht: Foucault und der Feminismus

Dem griechischen Vorschlag zur Regulierung der Lüste setzt Foucault, der um die Komponente der Macht innerhalb des Sexualitätsdispositivs weiß, seine Variante des Widerstands hinzu.

Der Sex ist zuerst das optimale Ziel der Macht, der Knotenpunkt im Angriff auf Individuum und Gesellschaft. Weiterhin verspricht dieser Punkt dem Menschen Selbsterkenntnis (weil er zugleich verborgenes Element und sinnproduzierendes Prinzip ist), Zugang zur Totalität seines Körpers (weil der Sex wirklicher und gefährdeter Bestandteil und symbolische Darstellung seiner Ganzheit ist) und zu seiner Identität. Somit konstruiert der Sexualitätsdispositiv ein Begehren nach Sex, welches den Menschen in dem Glauben zurückläßt, seinen Sex gegen jegliche Macht zu behaupten, während doch vielmehr die Sexualität den Begriff des Begehrens zu ihrem eigenen besseren Funktionieren hervorbrachte.

Als Widerstand gegen den Sexualitätsdispositiv, in dem sich Macht verwirklicht, schlägt Foucault die Rückbesinnung auf die prädiskursive Welt der Körper und Lüste vor. Diese Körper und Lüste sind jedoch keineswegs prädiskursiv, vielmehr gehören sie dem gleichen Diskurs an, an dem Begehren, Sex und Sexualität teilhaben, und bleiben so weiterhin von diskursiver Macht unterdrückt.

In einem späteren Interview meint Foucault zur Problematik des Widerstands, der Widerstand sei „not a substance“ (Foucault 1988, 122), sondern existiere koextensiv und gleichzeitig mit der Macht. Dann wird er noch vager und beendet die Debatte um eine bestehende Gegenwehr mit folgenden Worten:

„I am just saying: as soon as there is a power relation, there is a possibility of resistance. We can never be ensnared by power: we can always modify its grip in determinate conditions and according to a precise strategy.“ (ebd., 123)

Die Selbstdisziplin, die Unterwerfung des Individuums unter die eigenen Einsichten, schafft Identität. Der/die Einzelne agiert innerhalb bestimmter politischer, sozialer und ökonomischer Zusammenhänge, die von körperzentrierten Disziplinierungsmechanismen kontrolliert werden. Die Selbstkonstitution des Subjekts erfolgt also in einem sozialen Herrschaftsverhältnis. Demnach kann man die alles umschlingende und durchdringende Macht nur noch im situationsspezifischen Kontext erfassen und bekämpfen.

Für den Feminismus bedeutet dies das endgültige Ende der Versuche, für alle Frauen zu sprechen.

„The politics of difference operates without modernist appeals to a revolutionary subject (for instance, women as a class which represents universal human interests). It does not seek to ground its truth claims once and for all (in ´women´s experience` or a feminist epistemology). Neither does it formulate a theory of history or of patriarchy (a legitimizing metanarrative which transcends history) to justify its critique of the present.” (Osinski 1998, 109)

Dieses Denkmodell ermöglicht die Rücksichtnahme auf „specific women in specific situations“ (ebd.). Anstatt nach einer gesamtweiblichen Erfahrung zu suchen, läßt man die Frau für sich selbst sprechen und dies in ihrem speziellen Umfeld.

Dennoch ist diese „Sorge um sich“ als Widerstandstaktik gegen real bestehende Herrschaftsverhältnisse unzulänglich.

Außerdem ließ Foucault in seiner Kritik die Geschlechterproblematik weitestgehend außen vor. Zwar thematisierte er den Typus der hysterischen-hysterisierten Frau, dies jedoch lediglich, um die Funktionsweise der Macht zu beweisen und nicht aus liberalisierenden Motiven heraus.

Den Disziplinierungsmechanismen unterliegen bei Foucault beide Geschlechter. Selbstdisziplin und Körperkontrolle sind völlig geschlechtsunabhängig. Somit wird das binäre Modell von zwei Geschlechtern in Frage gestellt, da es ein Konstrukt eben jener sozialen Praktiken der Identitätsbildung darstellt.

Verständlicherweise konnte sich der Feminismus damit nicht vereinbaren, geht er doch von der Prämisse der Existenz dieses Modells aus und bekämpft es. Was Feministinnen vermißten, waren „geschlechterspezifische Aspekte und emanzipationskritische Handlungsanweisungen.“ (Osinski 1998, 11)

Forscher/innen der gender studies dagegen bewerten das Modell der Geschlechtsidentitäten als Konstrukt soziokultureller Art und versuchen, dessen Funktionsweise zu erfassen.

Dazu schreibt Amy Kaminsky:

„Feminism is not static; it takes different forms, and it will be necessary as long as women occupy a subordinate position to men.

This notion of the mutability of feminism acknowledges that definitions of men and masculinity, and women and feminity, change. It recognizes that gender relations vary according to time, place, and other categories (race, religion, class, and so on) that attach to individuals in groups.

Finally, it acknowledges that feminism itself, as a system of ideas and a strategy for change, is embedded in its particular historical circumstance.” (Kaminsky 1993, 22)

“As feminist practice is changing, so must feminism as theoretical construct. For feminist theory is at an impasse. The subject is no longer stable, the ´identity` that enables ´identity politics` is in question. Experience – what happens to a self in history (and geography) – seems to be representable, even to the individual, only by the means of language, itself treacherous insofar as it ´means` only by positing lack and difference. […]

Who would say that there is a single woman´s experience? Race, class, sexuality, ethnicity, age, religion, geopolitical position […] all interact with gender (and each other) to produce experience out of events. […]” (ebd., 24)

Das bedeutet natürlich nicht, daß jede/r isoliert ist und in seiner speziellen Kapsel lebt, „since each of the variables is a locus of identity, which only makes sense in terms of the elements of each configuration and in relation to the pattern as a whole.“ (ebd.)

Identifikatoren sorgen bei denen, die einen oder mehrere gemeinsam besitzen, für ein Zusammengehörigkeitsgefühl; z.B. religiöse Gemeinden, Jugendorganisationen, politische Parteien, homosexuelle Arbeitsgruppen.

Besonders ausgeprägt ist das Gefühl der Zusammengehörigkeit natürlich dann, wenn der verbindende Identifikator gesellschaftlich unterdrückt wird; z.B. Afroamerikaner gegen Weiße in Nordamerika, Katholiken gegen Protestanten in Nordirland, tibetische Mönche gegen die chinesische Regierung.

4. Begehren

4.1. Lacan und das Begehren

Jaques Lacan stellt das Begehren in das „Zentrum der seelischen Logik“ (Bogdal 1997, 58).

Das Subjekt wird als Es („Je“/ „S“) geboren, es hat zunächst nur biologische Bedürfnisse und trennt nicht zwischen sich und der Welt außerhalb seiner selbst. Unbewußt wird die Erfüllung der primären Bedürfnisse („besoin“) angestrebt.

Mit etwa 18 Monaten betritt das Kind die imaginäre Ordnung, das Spiegelstadium. Es identifiziert sich mit dem anderen („à“), den es im Spiegel erblickt. Dem in seinen Bewegungen noch nicht koordinierten Kleinkind zeigt sich im Spiegel eine Ganzheit des Körpers, die es selbst nicht besitzt, auf der es aber sein eigenes Ich („Moi“/ „a“) als Ganzes entwerfen kann. Somit stellt dieses vorsprachliche Ich eine imaginäre Beziehung dar („à“—„a“). Merkmale des imaginären Stadiums sind die symbiotische Einheit mit dem anderen, der als Spiegel fungiert, die Prägung durch das an- und abwesende „à“, das Ganzheit verspricht, und die Entwicklung des Anspruchs auf Erfüllung aus der bisherigen Erfahrung des Mangels („demande“ anstelle von „besoin“).

Diese Konfusion von „a“ und „à“ wird mittels der symbolischen Ordnung, der Sprache des Anderen („A“), geregelt. Erst diese Ebene erlaubt dem Individuum die Schaffung eines Selbst-Bewußtseins anstatt der Fremd-Identifikation des Spiegelstadiums. Das Ich bleibt seinem ursprünglichen Selbst entfremdet, denn dieses beruht auf dem Fehlverständnis „a“—„à“.

In der symbolischen Ordnung kommt das ursprüngliche Es („S“) demnach nur indirekt zum Ausdruck. Das Andere „A“, die Sprache, ist ein Bewußtsein schaffendes Moment, das dem selbstbewußten Ich („a“) unbewußt bleibt.

Somit ist die symbolische Ordnung der Ort den Unbewußten und Ursprungsstelle des Begehrens („désir“). Dieses Begehren ist die Sehnsucht nach der nie erreichbaren Totalität des Ich, es ist die Differenz zwischen dem Bedürfnis („besoin“) und der Bitte („demande“). Sein Platz ist in der symbolischen Ordnung und es ist konstitutiv für das Subjekt.

[...]


[1] Im Englischen bezeichnet gender lediglich das grammatikalische Geschlecht.

„In den deutschsprachigen Übersetzungen hat sich jedoch der äquivalente Ausdruck ´Genus` nicht durchgesetzt, sondern es wird meist mit ergänzenden Adjektiva operiert, wobei freilich keine Lösung durchgängige Akzeptanz gefunden hat: Während zum einen ´sex` oft mit ´biologisches Geschlecht` wiedergegeben wird, finden sich für ´gender` Ausdrücke wie ´soziales Geschlecht`, ´symbolisches Geschlecht`, oder auch ´Geschlechtsidentität`, wobei jeweils der thematische Kontext ausschlaggebend für die Wortwahl ist.“ (Nagl-Docekal 2000, 233)

[2] Dies eröffnet eine ganz andere Diskussion, die hier lediglich kurz angeschnitten werden soll:

„Bei den Botanikern und Zoologen bezeichnet die Rasse eine Unterart. Beim Menschen ist dieser Begriff unangebracht: Wir alle sind Homo sapiens sapiens. Natürlich gibt es Teilpopulationen, innerhalb derer die Individuen einander ähnlicher sind als den Angehörigen einer anderen Teilpopulation, aber menschliche Rassen gibt es nicht. Die Menschen sind dermaßen durchmischt, daß derartige Unterscheidungen auf der Ebene des Gewebes, der Zelle und des Moleküls keinen Sinnhaben.“ (Reeves 1998, 155 ff.)

[3] Foucault bezieht sich auf Aristoteles, Xenophon, Platon, Diogenes.

Details

Seiten
93
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783832452506
ISBN (Buch)
9783838652504
Dateigröße
788 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v220198
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Philosophie, Romanistik
Note
1,0
Schlagworte
gender postfeminismus exil foucault lacan

Autor

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Titel: Macht, Sexualität und Begehren in den Romanen "El Cielo Dividido" von Reina Roffé 
und "Al Otro Lado" von Yanitzia Canetti