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Politische Stabilität in Pakistan

Magisterarbeit 2001 150 Seiten

Politik - Sonstige Themen

Leseprobe

Inhalt

Fußnoten und Quellenbelege

Umschrift

Abkürzungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Anlaß der Untersuchung
1.2 Vorbemerkung zur Methodik und Gliederung

2 Zielsetzung und Fragestellung
2.1 Fragestellung
2.2 Was bedeutet Stabilität? - Ein Exkurs
2.3 Ergebnisse des Exkurses - Erkenntnisse und Präferenzen
2.4 Definition politischer Stabilität
2.5 Transformation der zentralen Fragestellung in Hinblick auf die Definition politischer Stabilität

3 Operationalisierung der Fragestellung: Suche nach Integrationskonzepten
3.1 Stabilitätsrelevante Systemkomponenten
3.1.1 Staatliche Institutionenstruktur
3.1.2 Sozialstruktur
3.2 Integration sozialer Systeme
3.3 Dialektik integrativer Prozesse
3.4 Integration, Strukturveränderung und Konflikt
3.5 Konfliktstrukturen

4 Konstruktion eines Modells zur Erklärung von Integration und Stabilität
4.1 Legitimität
4.2 Loyalität
4.3 Vertrauen
4.4 Stabilität und Sicherheit
4.4.1 Systeme sozialer Sicherheit
4.4.2 Differenzierung des Sicherheitsbegriffes: Ontologische Sicherheit und physische Sicherheit
4.5 Integrationsstrategien und Integrationseffekte

5 Nationalismus, Ethnizität und Staat
5.1 Nationalismus - fundamentales Integrationskonzept des modernen Staates?
5.1.1 Klassische Konzepte nationaler Integration: Kulturnation und Staatsnation
5.1.2 Nation und Fiktion
5.2 Ethnizität - treibender Motor desintegrativer Prozesse?
5.2.1 Der Begriff der Ethnizität
5.2.2 Ethnizität, nationalstaatliche Integration und das Problem der kollektiven Selbstbestimmung
5.2.3 Vielvölkerstaaten und die Problematik nationaler Homogenisierung
5.2.4 Kulturvergleich und Ethnozentrismus

6 Der pakistanische Nationalismus
6.1 Die Entstehung der nationalen Idee
6.2 Das Versagen nationaler Integration - eine kritische Auseinandersetzung mit Jinnahs theory of two nations
6.3 Konstruktion einer pakistanischen Nationalgeschichte

7 Zentralisierung und Homogenisierung von Staat und Gesellschaft
7.1 Die Politik der Zentralisierung staatlicher Herrschaftsgewalt
7.2 Die Politik der kulturellen Homogenisierung des Staatsvolkes und der Versuch der Schaffung einer gemeinsamen pakistanischen Identität.
7.3 Erfolge der staatlichen Zentralisierungs- und Homogenisierungspolitik

8 Der Islam und das Konzept des modernen Nationalstaates
8.1 Der islamische Modernismus
8.2 Grundlegende Prinzipien und Kategorien des islamischen politischen Systems im Vergleich zum Konzept des modernen Nationalstaates
8.2.1 Territorium
8.2.2 Souveränität
8.2.3 Volk
8.3 Koranische Integrationskonzepte
8.4 Zwischenergebnis

9 Die islamische Ideologie Pakistans
9.1 Die islamische Ideologie in der pakistanischen Verfassung
9.2 Die Integration religiöser Minderheiten
9.3 Der rechtliche Status religiöser Minderheiten in Pakistan
9.3.1 Das pakistanische Staatsangehörigkeitsrecht
9.3.2 Minderheitenschutz in der pakistanischen Verfassung
9.4 Die religiösen Minderheiten Pakistans

10 Die Bedeutung von Ethnizität für das pakistanische politische System
10.1 Ursachen für die Entstehung ethno-nationalistischer Bewegungen in Pakistan
10.2 Die ethno-demographische Situation in Pakistans Provinzen
10.2.1 NWFP
10.2.2 FATA
10.2.3 Baluchistan
10.2.4 Sindh
10.2.5 Punjab
10.3 Rückschlüsse auf die politische Stabilität Pakistans

11 Pakistanische Machtstrukturen
11.1 Staatliche Institutionenstruktur
11.1.1 Die Verfassung
11.1.2 Die Staatsführung
11.1.3 Das Parlament
11.1.4 Die Gerichtsbarkeit
11.1.5 Die Bürokratie
11.1.6 Die Armee
11.2 Die Sozialstruktur Pakistans
11.2.1 Normen- und Wertesysteme
11.2.2 Die feudale Elite
11.2.3 Die Wirtschaftselite
11.2.4 Ulama (religiöse Elite)

12 Integrations- und Legitimationsstrategien der pakistanischen Regierung
12.1 Vorgeschichte: innenpolitische Machtkämpfe im Vorfeld des 12. Oktober
12.2 Die Geschehnisse des 12. Oktober
12.3 Die Provisional Constitution Order
12.4 7-Punkte-Agenda und Nationaler Sicherheitsrat:
12.5 Die National Accountability Bureau Ordinance
12.6 Wirtschaftliche Misere, nationale Integration und good governance
12.7 Ein neuer Amtseid für Pakistans Richter
12.8 Eine waffenfreie Gesellschaft
12.9 Dezentralisierung und Menschenrechte
12.10 Das Urteil des Obersten Gerichtshofes vom Mai 2000
12.11 Die Außenpolitik als Mittel der Herrschaftslegitimation
12.12 Aussagen zur aktuellen Situation politischer Stabilität

13 Zusammenfassung der Ergebnisse
13.1 Theoretisch-konzeptionelle Ergebnisse
13.2 Relevanz der Ergebnisse des theoretisch-konzeptionellen Teils für die politische Stabilität Pakistans
13.3 Bezug zur zentralen Fragestellung

Literaturverzeichnis

Fußnoten und Quellenbelege

Prinzipiell wird im Rahmen der vorliegenden Arbeit zwischen Fußnoten und Quellenbelegen unterschieden. Die Quellenbelege sind dem fortlaufenden Text in Klammern beigefügt. Sie enthalten Angaben zu Autor, Jahr der Veröffentlichung und Seitenzahl und beziehen sich auf jene Textabschnitte, denen sie unmittelbar beigefügt sind. Die Fußnoten sind mit Zahlen gekennzeichnet und enthalten inhaltliche Bemerkungen zum jeweils indizierten Textabschnitt. Quellenangaben zu den jeweiligen Fußnoten werden ebenfalls in Klammern beigefügt. Ferner enthalten die Fußnoten in Ausnahmefällen aus Gründen der Übersichtlichkeit auch reine Quellenbelege, falls diese aufgrund ihres Umfangs das Schriftbild des fortlaufenden Textes unangenehm stören würden.

Deutsche Koranbelege sind der Übersetzung Rudi Parets (1979) entnommen, welche sich hinsichtlich der Verszählung an die offizielle ägyptische Koranausgabe hält. Datumsangaben orientieren sich generell an der christlichen Zeitrechnung des Sonnenkalenders.

Umschrift

Die Umschrift pakistanischer Orts- und Eigennamen orientiert sich soweit wie möglich an der in der Literatur gängigen englischen Umschrift und der in offiziellen Statistiken der pakistanischen Regierung verwendeten Schreibweise. In beiden Fällen treten häufig Abweichungen der Umschrift auf. Fremdsprachige Zitate, Ausdrücke und Bezeichnungen - nicht jedoch Orts- und Personennamen - werden generell kursiv gedruckt wiedergegeben.

Die Transkription arabischer Termini folgt dem System der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft. Ausgenommen bleiben Wörter und Eigennamen, die sich im deutschen Sprachgebrauch eingebürgert haben (z.B. Koran statt wissenschaftlich korrekt al-qur ÞÁn). Als Orientierungshilfe wurde hierfür der Duden zu Rate gezogen. Bei ihrer Erstnennung wird die wissenschaftlich korrekte Transkription besagter Termini in Klammern beigefügt.

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Verteilung religiöser Minderheiten in Pakistan 1981

Tabelle 2: Regionale Verteilung der religiösen Minderheiten auf Provinzebene 1981

Tabelle 3: Sprachverteilung auf Haushaltsebene (in Prozent)

Tabelle 4: Bevölkerung in Pakistan 1981 & 1998, prozentualer Bevölkerungsanteil und prozentuale Urbanisierung pro Provinz

Tabelle 5: Wahlbeteiligung an den Parlamentswahlen (1970-1997) (in Prozent)

1 Einleitung

1.1 Anlaß der Untersuchung

»The only area in which the Sharif administration has excelled itself is in the art of fiction. Spin doctors in finance and trade, media and foreign affairs have worked overtime not just to cover up the country's economic, political and social decline but worse, to paint a post-nuclear and post-Kargil portrait of the good times that are coming. Meanwhile, back in the real world (...) dangerous rumblings of discontent are beginning to be witnessed on the streets. Is this the beginning of a descent into chaos? Are we heading towards the horror of another Somalia? All the indicators seem to be in place.« (Newsline, September 1999: 11).

Diese Sätze schrieb Rehana Hakim im Editorial der Septemberausgabe des pakistanischen Nachrichtenmagazins »Newsline« nur einen Monat vor Absetzung der Regierung von Premierminister Mian Nawaz Sharif durch die Armee unter der Führung von General Pervez Musharraf am 12. Oktober 1999. Nie zuvor hatte eine demokratisch gewählte Regierung in Pakistan mehr Macht besessen und dennoch wurde sie von der Armeeführung handstreichartig aus dem Amt gefegt, ohne daß sich in der Bevölkerung nennenswerter Protest oder Widerstand geregt hätte. Statt dessen schien die extra-konstitutionelle Absetzung der Sharif Regierung in den ersten Tagen und Wochen nach dem Putsch durchweg auf positive Reaktionen von Seiten der pakistanischen Parteien zu stoßen. Das öffentliche Leben nahm seinen gewohnten Gang. Geschäfte, Schulen und Behörden blieben geöffnet, Proteste und Unruhen blieben aus. Diese »Gelassenheit« mag aus der Perspektive eines europäischen Demokratieverständnisses zunächst verwirrend erscheinen, beinhaltete der Militärputsch doch nicht nur die Absetzung der Sharif Regierung, sondern auch die »einstweilige« Suspendierung der Verfassung und die Auflösung der National- und Provinzparlamente – de facto also das Ende des demokratischen Systems. Wie ist diese Situation zu erklären?

Der Putsch war keineswegs überraschend erfolgt.[1] Wie die Worte von Rehana Hakim belegen, befand sich Pakistan seit Monaten in einer schweren wirtschaftlichen und politischen Krise: eine Zunahme von Rezession und Arbeitslosigkeit, ein Anstieg der Preise, die Unterminierung von Recht und Ordnung und eine nachhaltige Gefährdung der öffentlichen Sicherheit durch Terroranschläge, Straßenraub und Entführungen schürten das Feuer öffentlicher Unzufriedenheit. Die ohnehin schon angespannte wirtschaftliche und politische Lage hatte sich aufgrund der innen- und außenpolitischen Verwicklungen infolge der pakistanischen Atomtests im Mai 1998 und der sich im Frühjahr und Sommer des folgenden Jahres anschließenden Kargil-Krise weiter verschärft.[2] Auf der innenpolitischen Bühne hatte sich Mian Nawaz Sharif zu einem demokratisch gewählten Premierminister mit diktatorischen Ambitionen entpuppt. Seit Beginn seiner zweiten Amtszeit im Frühjahr des Jahres 1997 war Sharif aus einer Reihe innenpolitischer Machtkämpfe mit dem Präsidenten, der Armeeführung und dem Obersten Gerichtshof siegreich hervorgegangen. Dies führte zu einer Situation in welcher der Premierminister seine eigenen Machtbefugnisse massiv erweitern und die Position der anderen staatlichen Institutionen nachhaltig schwächen konnte. Die Konsequenz war eine Verschiebung des inneren Mächtegleichgewichts und ein weiterer Vertrauensverlust der Regierung von Seiten der Öffentlichkeit und der Armeeführung.

Die Geschehnisse vom Oktober des Jahres 1999 repräsentieren keinen Einzelfall in der pakistanischen Geschichte. Tatsächlich markiert Musharrafs Machtübernahme den insgesamt vierten Putsch in 53 Jahren. Das politische System Pakistans blickt auf eine lange Tradition extra-konstitutioneller Regierungswechsel und institutioneller Instabilität zurück. Nur ein flüchtiger Blick in die Geschichte genügt, um die Schwäche des pakistanischen Regierungssystems und die Instabilität der staatlichen Institutionen zu offenbaren. Seit der Revitalisierung des demokratischen Systems 1988 gelang es keiner der gewählten Regierungen für die offiziell in der Verfassung vorgesehene Legislaturperiode von fünf Jahren im Amt zu bleiben. Die Premierminister der demokratischen Ära der 90er Jahre (Benazir Bhutto 1988-1990 & 1993-1996; Nawaz Sharif 1990-1993) ereilte stets das Schicksal der frühzeitigen Amtsenthebung durch den Präsidenten. Das pakistanische politische System wies zu allen Zeiten einen enorm hohen Verschleiß an Staats- und Regierungschefs auf. Insgesamt erlebte die pakistanische Nation bislang das Kommen und Gehen von 15 Präsidenten (bzw. Governor Generals) und 13 Premierministern - wobei auf Benazir Bhutto und Mian Nawaz Sharf je zwei Amtszeiten entfielen.[3] Die verfassungsrechtliche Situation zeigt ebenfalls kein anderes Bild - drei Verfassungen in 53 Jahren (1956, 1962, 1973), wobei allesamt die längste Zeit außer Kraft gesetzt und schließlich revidiert wurden.

Wider aller Hoffnungen brachte auch die Revitalisierung des demokratischen Systems keine Stabilität in das pakistanische Regierungssystem. Nach wie vor blieb die Masse der pakistanischen Bevölkerung vom politischen Entscheidungsprozeß ausgeschlossen, blieb die »Stimme des Volkes« ungehört. Trotz seines formell demokratischen Charakters zeigte sich das pakistanische Regierungssystem für die Belange und Bedürfnisse der Bevölkerung unempfänglich. Weiterhin bestimmten Ineffizienz, Korruption und Nepotismus das Wesen des Staatsapparates, während die fundamentalen Bedürfnisse der Bevölkerung nach Sicherheit, Nahrung, Wohnung und Bildung unberücksichtigt blieben. Die Persistenz dieser Strukturen auch nach dem Übergang von der Militärdiktatur zu einem parlamentarisch-demokratischen System schwächten das Vertrauen in das politische System massiv.

Die anhaltenden Regierungskrisen der 90er Jahre waren begleitet von gewalttätigen ethnischen und konfessionellen Konflikten und dem zeitweisen Widererstarken regionaler Segregationsbewegungen. Die von der MQM (Muttahida Quami Movement) initiierten Unruhen in den urbanen Regionen Sindhs forderten tausende von Toten und stürzten Karachi, die größte Stadt des Landes, ins Chaos. Erst unter massivem Militäreinsatz ebbten die Unruhen ab - nicht jedoch die Forderungen der MQM nach einer eigenen Provinz. Angesichts dieser Situation scheinen die Befürchtungen von Rehana Hakim - »Is this the beginning of a descent into chaos? Are we heading towards the horror of another Somalia? « - berechtigt. Nur wenige Stunden nach Absetzung der Sharif Regierung erklärte General Pervez Musharraf in einer Fernsehansprache das Eingreifen der Armee mit den Worten: »My dear countrymen (...) I wish to inform you that the armed forces have moved in as a last resort, to prevent any further destabilization. « (Dawn 13.10.1999) Ob sich die gegenwärtige Militärregierung, die ihr Handeln mit dem Versagen der zivilen Institutionen legitimiert, fähig erweist, das Land aus der Krise zu führen, erscheint mehr als fraglich - selbst wenn die ehrlichen Absichten dazu vorhanden sein sollten.

1.2 Vorbemerkung zur Methodik und Gliederung

Die vorliegende Arbeit legt bewußt Wert auf die Ausarbeitung theoretisch-konzeptioneller Entwürfe, die einer Untersuchung des pakistanischen Geschehens geeignete Analysekategorien in die Hand geben sollen. Der in etwa gleichwertigen Gewichtung von Theorie und Empirie ging die Überlegung einer möglichst engen Verknüpfung beider Bereiche voraus. Dieser Anspruch - soviel sei im Voraus gesagt - konnte nur zum Teil erfüllt werden. Besonders im empirischen Teil der Untersuchung bereitete die mangelnde Verläßlichkeit und Zugänglichkeit des Datenmaterials besagtem Anspruch ein vorzeitiges Ende. Die von offizieller Seite erhobenen statistischen Daten sind oft von zweifelhafter Qualität, beruhen auf Schätzungen oder sind der Öffentlichkeit nicht zugänglich (z.B. Angaben über konfessionelle und ethno-linguistische Gruppen). Aus diesem Grund haben Statistiken in Pakistan nur wenig zu bedeuten und erlauben keine verläßlichen Aussagen über die Realität. Die Aussagen zur aktuellen politischen Situation in Pakistan basieren größtenteils auf der Analyse von Berichten aus englischsprachigen pakistanischen Zeitungen, bzw. Nachrichtenmagazinen (Dawn, The Herald, Newsline) und offiziell von der pakistanischen Regierung veröffentlichten Dokumenten (Verfassung, Notstandsverordnung etc.). Der innere Aufbau der Arbeit gliedert sich wie folgt:

(1) Die Untersuchung beginnt zunächst mit der Formulierung einer allgemeinen Fragestellung, die nach der Erörterung des Stabilitätsbegriffes im Rahmen eines wissenschaftlichen Exkurses und der Ausarbeitung einer geeigneten Arbeitsdefinition weiter konkretisiert wird. Am Ende des zweiten Kapitels erfolgt deshalb eine Transformation der Fragestellung in Hinblick auf die Definition politischer Stabilität.

(2) Auf der Grundlage von Kapitel 2, strebt das dritte Kapitel nach einer Operationalisierung der Fragestellung, mittels einer Suche nach systembezogenen Integrationskonzepten. Die Untersuchung orientiert sich hierbei an Talcott Parsons Ansatz einer strukturell-funktionalistischen Integrationstheorie. In diesem Sinne erfolgt eine strukturelle Differenzierung des politischen Systems und eine Identifikation der stabilitätsrelevanten Systemkomponenten. Ferner wird der Einfluß von Konflikten auf die Integrationskraft bzw. Stabilität politischer Systeme diskutiert.

(3) Kapitel 4 versucht die Konstruktion eines Modells, welches das Funktionieren staatlicher Integrationsmechanismen und die Fundamente politischer Stabilität offenlegt.

(4) Kapitel 5 setzt sich mit den Konzeptionen von Nationalismus, Ethnizität und Staat auseinander. Diese konzeptionellen Überlegungen sind nötig, da sich die politische Integration und Staatsgründung Pakistans über die ideologische Konzeption eines islamischen Nationalismus vollzieht. Das Phänomen der Ethnizität wird auf seine desintegrative Wirkung überprüft.

(5) In Kapitel 6 schließt sich eine kritische Auseinandersetzung mit dem pakistanischen Nationalismus an.

(6) Kapitel 7 widmet sich der Thematik von Zentralisierung und Homogenisierung von Staat und Gesellschaft in Pakistan. Beide Prozesse dienen dem modernen Nationalstaat als grundlegende Integrationsstrategien.

(7) Das achte Kapitel beschäftigt sich mit einem Vergleich der islamischen politischen Theorie und dem Konzept des modernen Nationalstaates. Hierbei soll die Vereinbarkeit von nationalistischer und islamischer Ideologie überprüft werden. Innerhalb dieses Kapitels ist die Frage von Bedeutung, ob der islamische Nationalismus Pakistans stark genug ist, ein ethnisch heterogenes Staatsvolk zu integrieren.

(8) Das folgende Kapitel baut auf den Ergebnissen von Kapitel 8 auf und untersucht die aus der islamischen Ideologie Pakistans erwachsenden Integrationsprobleme nichtmuslimischer Minderheiten. Die Aussagekraft dieses Kapitels stützt sich im wesentlichen auf Belege aus der pakistanischen Verfassung.

(9) Kapitel 10 befaßt sich mit der Bedeutung von Ethnizität für das pakistanische politische System und der ethnischen Struktur der Gesellschaft.

(10) Unter direktem Bezug auf Kapitel 3 analysiert Kapitel 11 die machtstrukturelle Differenzierung innerhalb des pakistanischen politischen Systems. Ziel ist eine Identifikation der stabilitätsrelevanten Systemkomponenten.

(11) Das letzte Kapitel dieser Arbeit versucht den direkten Bezug zur aktuellen politischen Lage Pakistans herzustellen und untersucht jene von General Pervez Musharrafs Regierung anvisierten Integrations- und Legitimationsstrategien zur Wiederherstellung politischer Stabilität. Die Analyse orientiert sich an dem in Kapitel 4 konstruierten Modell zur Erklärung politischer Stabilität.

2 Zielsetzung und Fragestellung

2.1 Fragestellung

Die Islamische Republik Pakistan befindet sich seit der Staatsgründung in Jahr 1947 in einer - von innen- und außenpolitischen Faktoren ausgelösten - dauerhaften Krisensituation, die von gewaltsamen Konflikten und Phasen des politischen Chaos überschattet wird. Obwohl Pakistan damit auf den ersten Blick alle Kriterien für politische Instabilität zu erfüllen scheint, existiert der Staat bereits seit mehr als 50 Jahren. Die vorliegende Studie wird in diesem Zusammenhang versuchen, zwei zentralen Fragen nachzugehen: »Was hält den pakistanischen Staat zusammen?« und »Wie stabil ist das politische System Pakistans?«

Bevor mit einer Untersuchung des politischen Systems der Islamischen Republik Pakistan begonnen werden kann, soll zunächst der Begriff der Stabilität im Rahmen eines Exkurses näher beleuchtet werden. Diskutiert werden die Arbeiten verschiedener Autoren aus den Bereichen der Politischen Wissenschaft und der Soziologie. Am Ende dieser Betrachtung soll eine klar faßbare Arbeitsdefinition politischer Stabilität stehen, welche wenigstens zwei Bedingungen erfüllt: erstens eine hinreichende Universalität, um Ansprüchen auf Allgemeingültigkeit und Übertragbarkeit genüge zu tun, und zweitens eine hinreichende Operationalisierbarkeit, um Anforderungen empirischer Anwendung, also der Projektion der Begrifflichkeiten auf die »Realität« gerecht zu werden.

2.2 Was bedeutet Stabilität? - Ein Exkurs

Einen Einstieg in die Thematik bietet Talcott Parsons systemtheoretischer Ansatz. Die Wahl des Einstiegs fiel deshalb auf Parsons, weil sein Ansatz zur Erklärung von Stabilität die Arbeiten späterer Autoren offensichtlich stark beeinflußte. »Stabilität« ist bei Parsons im Zusammenhang mit seiner Theorie sozialer Systeme zu sehen. Vor diesem Hintergrund mag es nicht verwundern, daß die Systemstabilität im Zentrum seiner Betrachtung steht.[4] Systemstabilität meint den Erhalt jener sozialen Strukturen, die das System definieren (Parsons 1976: 172). Stabilität wird folglich mit Strukturerhalt gleichgesetzt.

Fundamentaler Bezugspunkt in Parsons Analyse ist der Gleichgewichtsbegriff (»equilibrium «). Ein System befindet sich dann im Zustand des Gleichgewichts, wenn es gelingt, die Erfordernisse einer sich wandelnden Umwelt zu bewältigen, ohne daß dabei ein Wandel der Systemstrukturen stattfindet. Prozesse sozialen Wandels, die zu einer Veränderung der Sozialstrukturen führen, gefährden das Gleichgewicht des sozialen Systems. Der Strukturwandel selbst ist das Resultat von »Spannungen« (»strains «), die aus veränderten Erwartungen an die normative Ordnung entstehen und einen Veränderungsdruck auf die entsprechenden Kontrollmechanismen des Systems ausüben (Parsons 1976: 169; 245-246). Um die Integration des Systems nicht zu gefährden und letztendlich einen Zusammenbruch der gesamten Strukturen zu verhindern, sind die Kontrollmechanismen des Systems bestrebt, diese Spannungen zu lösen.[5] Eine Möglichkeit der Spannungslösung ist Strukturveränderung, die im Hinblick auf die Stabilität des Systems allerdings vermieden werden soll. Parsons kommt zu dem Schluß: »Der ideale Weg zur Erhaltung der Systemstabilität ist die völlige Auflösung aller Spannungen, d.h. die Wiederherstellung voller Konformität mit den normativen Erwartungen...« (Parsons 1976: 246).

Die Wiederherstellung voller Konformität mit den normativen Erwartungen dürfte vor allem in sozial stark differenzierten, heterogenen Systemen extreme Schwierigkeiten bereiten. Wie lassen sich diese normativen Erwartungen identifizieren? Wie läßt sich Konformität herstellen? Parsons liefert darauf keine Antwort.

Der Terminus »Spannung« mag, aufgrund der nicht vorhanden Definition in Parsons Darstellungen, unscharf erscheinen. Einiges spricht dafür, daß Parsons »Spannung« im Sinne von »Konflikt« verwendet;[6] so bezeichnet er an anderer Stelle innere Konflikte als Ursache des Verfalls von Gesellschaften und sieht in chronischen Konflikten eine Bedrohung der Systemstabilität (vgl. Parsons 1976: 147; 245).[7] Dieser Argumentation folgend wären es soziale Konflikte, die Instabilität hervorrufen.

Im Ergebnis läßt sich Parsons Ansatz wie folgt zusammenfassen: Systemstabilität bezeichnet den Erhalt der Systemstrukturen, Instabilität steht für Strukturveränderungen. Indikatoren für Instabilität sind soziale Konflikte, da sie es sind, die Strukturveränderungen auslösen.

In ähnlicher Weise taucht das von Parsons verwendete Motiv der Strukturveränderung als Ursache politischer Instabilität auch bei anderen Autoren auf. Meist ist dies in Form von »Transformation« oder »Wandel« der Fall. Michael Brecher & Hemda Ben Yehuda beziehen sich wie Parsons auf Strukturveränderungen (»change(s) in the structure of a system «), wenn es um die Frage nach dem Maß politischer Stabilität geht. Ihrer Ansicht nach ist die Abwesenheit von Veränderung ein Zeichen absoluter Stabilität. Diese Feststellung leicht relativierend, definieren sie Stabilität wie folgt: »Stability may be defined as change within explicit bounds. « (Brecher & Ben Yehuda 1989: 16). Instabilität hingegen impliziert Veränderungen, die über jene Grenzen hinausgehen (»beyond a normal fluctuation range «). Doch die Antwort auf die Frage, was unter einer »normal fluctuation range « zu verstehen ist, bleiben die Autoren schuldig. Bettina Westle wählt den Begriff der »Systemtransformation«, um Grenzen zwischen Stabilität und Instabilität zu definieren. Stabilität ist für sie der mehr oder weniger unveränderte Bestand einer politischen Ordnung, Instabilität in ihrer extremsten Form der Systemzusammenbruch (vgl. Westle 1989: 25-26). Leider bleibt es auch hier bei rein theoretischen Überlegungen. Wie im Rahmen einer empirischen Untersuchung die Grenze zwischen Stabilität und Instabilität zu ziehen ist, welche Indikatoren für die Bestimmung von Stabilität oder Instabilität herangezogen werden sollen, bleibt im Dunkeln. Auch Dennis C. Pirages spricht von Strukturveränderung und Systemtransformation , wobei er sich darin nicht auf Parsons, sondern auf L. Hurwitz (1972) bezieht. Als limitierenden Faktor politischer Stabilität erachtet er Ressourcenknappheit. Die dauerhafte assymetrische Verteilung von Einkommen und Reichtum innerhalb eines Nationalstaates führt zwangsläufig zur Unzufriedenheit der Massen und zu gewalttätigen Auseinandersetzungen als einzigem Mittel, die politische Ordnung zu verändern. Politische Stabilität kann nur existieren, wenn Konflikte im Rahmen feststehender Bestimmungen ausgetragen werden. Ethnizität[8] und die Forderung nach regionaler Autonomie ist für Pirages eine weitere Gefahr für die Stabilität nationaler Gesellschaften (Pirages 1980: 433; 435).

Wolf-Dieter Narr & Claus Offe behandeln die Frage der Stabilität im Rahmen der politischen Soziologie nur am Rande; dennoch verdienen die von ihnen angeführten Bedingungen politischer Stabilität Beachtung: es sind Legitimität und ein auf expliziten Konsensus gegründetes politisches System, welche Stabilität versprechen (vgl. Narr & Offe 1975: 32-33).

Ein in der englischsprachigen Politikwissenschaft wohl mittlerweile zum Klassiker avanciertes Werk, welches sich explizit mit der Problematik politischer Stabilität und Prozessen sozialen Wandels befaßt, ist Samuel P. Huntingtons Abhandlung über »Political Order in Changing Societies « aus dem Jahre 1975. Eindeutiger Bezugsrahmen dieser Arbeit ist die politische Weltordnung zu Zeiten des Kalten Krieges, wenngleich sich die darin enthaltenen Ausführungen ohne Schwierigkeiten von diesem zeitlichen Bezugsrahmen lösen und auf heutige politische Situationen übertragen lassen. Wie bereits andere seiner Arbeiten, so zeichnet sich Huntingtons Untersuchung auch diesmal durch eine weitreichende Definitionslosigkeit und mangelnde Abgrenzung der Begrifflichkeiten aus. Fehlende Definitionen zentraler Begriffe wie »political stability «, »political order «, »social change « oder »instability « sucht er mittels einer Art Zustandsbeschreibung politischer Situationen zu kompensieren. Ungeachtet dessen bleiben besagte Begriffe verschwommen. Eine exakte und universelle Verwendung derselben ist nicht möglich.

Den Niedergang politischer Ordnung (»political order «) setzt Huntington mit einer Untergrabung von »... authority, effectiveness and legitimacy of government « gleich (Huntington 1975: 4). Basierend auf dieser Feststellung konstruiert er ein für seine weiteren Ausführungen zentrales Gegensatzpaar: auf der einen Seite bestehend aus den kapitalistischen und kommunistischen Staaten der Ersten und Zweiten Welt, welche sich durch eine stabile politische Ordnung auszeichnen, und auf der anderen Seite bestehend aus den Staaten der Dritten Welt, deren politische Ordnung von Instabilität und aufholenden Modernisierungsprozessen gekennzeichnet ist.

» All three countries [United States, Great Britain, Soviet Union] have strong, adaptable, coherent political institutions: effective bureaucracies, well-organized political parties, a high degree of popular participation in public affairs, working systems of civilian control over the military, extensive activity by the government in the economy. And reasonably effective procedures for regulating succession and controlling political conflict. These governments command the loyalties of their citizens and thus have the capacity to tax resources, to conscript manpower, and to innovate and to execute policy. If the Politburo, the Cabinet, or the President makes a decision, the probability is high that it will be implemented through the government machinery. « (Huntington 1975: 1)

Im Gegensatz dazu stehen die politischen Systeme der postkolonialen Dritten Welt:

» With a few notable exceptions, the political evolution of these countries after World War II was characterized by increasing ethnic and class conflict, recurring rioting and mob violence, frequent military coups d´etat, the dominance of unstable personalistic leaders who often pursued disastrous economic and social policies, widespread and blatant corruption among cabinet ministers and civil servants, arbitrary infringement of the rights and liberties of citizens, declining standards of bureaucratic efficiencies and performance, the pervasive alienation of urban political groups, the loss of authority by legislatures and courts, and the fragmentation and at times complete disintegration of broadly based political parties. « (Huntington 1975: 3)

Die Erklärung für diesen Gegensatz liefert Huntington in einer Weise, die seine wahren Intentionen offenlegt, wenn er von politischer Stabilität spricht. Die Ursache politischer Instabilität in der Dritten Welt ist ein von gesellschaftlichen Modernisierungsprozessen ausgelöster Wandel. Politische Stabilität ist erst möglich, wenn Staat und Gesellschaft den Zustand der Moderne erreicht haben (vgl. Huntington1975: 43). In seinem Erklärungsmuster wählt Huntington somit einen modernisierungtheoretischen Ansatz und folgt einer Ideologie des Fortschrittsoptimismus.[9]

Indem Huntington politische Stabilität in Abhängigkeit zum Terminus »Moderne« beschreibt, postuliert er die Verwirklichung eurozentrischer Normen und Werte. Seine Intentionen sind auf die Stabilität einer spezifisch »westlich« orientierten politischen Ordnung gerichtet. In bezug auf die »Entwicklung« der Staaten der Dritten Welt verfolgt er einen modernisierungtheoretischen Ansatz, der ein »westliches« Gesellschaftsmodell zum Ziel hat.

Hinsichtlich der weiteren theoretischen Überlegungen zum Begriff der Stabilität lohnt besonders die Betrachtung von zwei weiteren Aspekten aus Huntingtons Modell. Ein Aspekt bezieht sich auf die Bedingungen politischer Stabilität, der andere auf die Formen politischer Instabilität. Unter anderem nennt Huntington folgende Bedingungen politischer Stabilität: die Institutionalisierung staatlicher Ordnung, die Anpassungs- und Reformfähigkeit der politischen Institutionen, die Legitimität des politischen Systems, die Loyalität der Bürger gegenüber der Regierung, den gesellschaftlichen Konsens, sowie die wirtschaftliche Entwicklung als grundlegende Voraussetzung für die Beseitigung von Armut, Analphabetismus und Krankheiten. Auch hier folgen seine Vorstellungen von Stabilität den Grundgedanken von Fortschritt und Aufklärung, wenn er Aspekte wie Reformfähigkeit, wirtschaftliche Entwicklung, Legitimität und gesellschaftlichen Konsens preist. Instabilität setzt er mit unterschiedlichen Formen gewaltsamer Konflikte, wie Aufständen, Umstürzen, ethnischen Auseinandersetzungen etc. gleich. Wie schon bei Parsons so besteht auch bei Huntington eine enge Verbindung zwischen Stabilität und Konflikt.

Einen anderen Ansatz zur Erklärung von Stabilität wählt Neil J. Smelser. Er untersucht Stabilität in Abhängigkeit von Korruption.[10] Einerseits schreibt er Korruption eine stabilisierende Wirkung zu, da sie außerhalb des herrschenden Regimes stehenden Akteuren die Möglichkeit zur Einflußnahme und Partizipation bietet und somit eine Alternative zu Formen politischer Agitation und Konflikten darstellt - Smelser bezeichnet Korruption in diesem Falle als »... a kind of informal cushion between its [society] particularistic and universal sectors « -, andererseits sieht er Korruption als einen Faktor von destabilisierender Wirkung. Die Einflußnahme durch Korruption schränkt die Handlungsfähigkeit und Effektivität eines Regimes stark ein und nährt zugleich Gefühle von Ungleichbehandlung innerhalb des politischen Systems. Korruptionsbekämpfung wird oftmals zum Symbol und wichtigen Faktor der Mobilisierung für Opposition und Widerstand gegen die Herrschaft politischer Regime (vgl. Smelser 1971: 29).

»Politische Stabilität und Entwicklung« ist der Titel einer Arbeit von Dirk Berg-Schlosser & Rainer Siegler, die sich der Problematik politischer Stabilität mittels einer vergleichenden Analyse der afrikanischen Staaten Kenia, Uganda und Tansania nähert. Wie der Titel bereits andeutet, ist die Studie im Kontext der Entwicklungsdebatte angesiedelt und untersucht Zusammenhänge zwischen politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen. Die wechselseitige Abhängigkeit von politischer Stabilität und wirtschaftlicher Entwicklung analysieren die Autoren ausgehend von folgender These: »Ohne einigermaßen geordnete politische und rechtliche Verhältnisse ist keine dauerhafte wirtschaftliche Entwicklung vorstellbar. Umgekehrt kann aber auch wirtschaftliche Entwicklung zur Stabilisierung eines politischen Systems beitragen.«

Den Fallstudien geht eine umfassende theoretische Diskussion voraus, welche sich der Definition zentraler Begriffe und der Identifikation der Bedingungsfaktoren politischer Stabilität widmet. In einem systemtheoretischen Sinne wird Stabilität als »die Kontinuität eines Systems in seinen grundsätzlichen Komponenten« (Institutionenstruktur, Normen und Werte) definiert; ein Wandel in »untergeordneten Aspekten« bleibt erlaubt (Berg-Schlosser & Siegler 1988: 35). Offen bleibt, was Berg-Schlosser & Siegler unter »untergeordneten Aspekten« verstehen. Die Kontinuität des Systems ist an die Fähigkeit des Regimes zur Konfliktregulierung und die Fähigkeit zur Flexibilität, bezogen auf die Durchführung systemkonformer Veränderungen, gebunden (Berg-Schlosser & Siegler 1988: 1; 34-35; 45). Die Operationalisierung des Stabilitätsbegriffes erfolgt in erster Linie über das Heranziehen von »Anzeichen offenkundiger Instabilität« wie z.B. Unruhen, bewaffneten Aufständen oder Protestkundgebungen. In ihrer Terminologie fügen sich Berg-Schlosser & Siegler nahtlos in die Reihe jener Autoren ein, die Instabilität auf gewaltsame Konflikte beziehen. Ferner wird zur Überprüfung von Instabilität auf die Möglichkeit einer Betrachtung von Partizipationsmechanismen (Wahlbeteiligung, Auswechseln von Mandatsträgern, regulärer Verlauf von Wahlen) sowie auf abrupte und häufig gewaltsame Übergänge von einem Systemtyp zum anderen (z.B. durch Militärputsch oder Revolution) verwiesen (Berg-Schlosser & Siegler 1988: 45). Die Befähigung des Regimes zur Konfliktbewältigung – nach Berg-Schlosser & Siegler zentrale Bedingung politischer Stabilität – wird mit der Fähigkeit gleichgesetzt, auf die Interessen und Bedürfnisse der Mitglieder und sozialen Gruppen des Systems zu reagieren. Erst die Berücksichtigung sozialer Interessen sichert dem Regime die notwendige politische Unterstützung.[11] All dies steht in Zusammenhang mit der Legitimität des Regimes, d.h. mit der Rechtfertigung von Herrschaft gegenüber der politischen Gemeinschaft. Zur Klärung der Ursachen sozialer Konflikte analysieren Berg-Schlosser & Siegler die Sozialstrukturen und die vorherrschende politische Kultur Kenias, Ugandas und Tansanias. Zentrale Ursachen sozialer Konflikte und damit politischer Instabilität sind unter Berücksichtigung kolonialer und vorkolonialer Aspekte inter-ethnische Auseinandersetzungen und regionale Ungleichheiten hinsichtlich der Verteilung nationaler Ressourcen.

Eine neuere Studie von Nicolas Szafowal beschäftigt sich mit der Instabilität der politischen Systeme Lateinamerikas, wobei im speziellen der Fall Argentiniens untersucht wird. Die Stabilitätsproblematik Argentiniens erklärt Szafowal aus dem Verhältnis von Staat und Gesellschaft: der Staat, als ein zeitlich und räumlich gebundenes Organisationsgefüge, liefert der Gesellschaft Verfahren und Instanzen zur friedlichen Konfliktregelung, legt durch Gesetze die Rahmenbedingungen gesellschaftlicher Tätigkeit und Entfaltung fest und wehrt durch eingreifende oder vorbeugende Maßnahmen Gefahren für den Bestand und die Sicherheit der Gesellschaft ab (vgl. Szafowal 1994: 137). Diesem Verständnis folgend, ist politische Stabilität für Szafowal an den Bestand der staatlichen Institutionen – v.a. der Staatsverfassung – gebunden. Im lateinamerikanischen Kontext definiert er politische Stabilität als Kontinuität der frei gewählten Institutionen. »Diese Kontinuität äußert sich in der Erfüllung der durch die Verfassung des Landes vorgeschriebenen Amtszeit und durch die Machtübertragung nach freien Wahlen.« (Szafowal 1994: 41). Szafowal wählt deshalb jene Definition, weil sich Lateinamerika traditionsgemäß zur Demokratie und zur Herstellung eines repräsentativen Systems bekennt. Dieser Argumentationskette folgend, zeichnet sich politische Instabilität in Lateinamerika durch »die Häufigkeit von Wechseln zwischen Demokratien und Diktaturen« aus (Szafowal 1994: 20).

Sinngemäß lassen sich in Szafowals Ausführungen sechs Bedingungen politischer Stabilität erkennen: Legitimität der staatlichen Institutionen, Partizipation der mächtigsten Interessengruppen an der Regierung, Bedürfnisbefriedigung der Bevölkerung, gerechte Verteilung von Macht und Reichtum, wirtschaftliche Entwicklung und die Vermeidung gewaltsamer Konflikte (vgl. Szafowal 1994: 23-28).

Eine in erster Linie deskriptiv und nicht konzeptionell ausgerichtete Untersuchung, die sich politischer Stabilität in Zusammenhang mit der Nachfolgeregelung nahöstlicher Regime widmet, ist jene von Sigrid Faath, Thomas Koszinowski & Hanspeter Mattes. Systemstabilität wird »...im Sinne eines ausbleibenden Wechsels der politischen Führungsspitze und des Festbestands der grundlegenden Charakteristika des politischen Systems...« definiert (Faath, Koszinowski & Mattes 1998: 5). Tatsächlich geht es um die stabile Herrschaft bestimmter Eliten und die erfolgreiche Übertragung der Führungsposition auf ein anderes Mitglied aus eben jener herrschenden Elitenfraktion. Die Autoren gelangen zu dem Ergebnis, daß sich die Nachfolge ohne destabiliserende Begleitumstände vollzieht, wenn die bisherige Führung des Staates keine extremen sozialen Assymetrien, etwa durch die Begünstigung bestimmter Bevölkerungsgruppen, duldete (Faath, Koszinowski & Mattes 1998: 39).

2.3 Ergebnisse des Exkurses - Erkenntnisse und Präferenzen

Was bedeutet Stabilität? Welcher Erkenntnisgewinn läßt sich aus obigem Exkurs ziehen? Auffällig sind vor allem drei Dinge: (1) eine weitgehende terminologische Einigkeit der Autoren in der Definition von Stabilität als eine Form des Strukturerhalts und Instabilität als ein Aspekt von Konflikt und Veränderung. (2) Keiner der Autoren scheint in der Lage zu sein, die Grenzen zwischen Stabilität und Instabilität exakt zu bestimmen, d.h. letztendlich bleibt nur die Möglichkeit einer subjektiven Einschätzung der Lage. (3) Mit Ausnahme von Berg-Schlosser & Siegler unternimmt keiner der genannten Autoren den ernsthaften Versuch einer empirischen Umsetzung konzeptioneller Überlegungen zum Thema Stabilität.[12] Angesprochen werden nur zahlreiche Bedingungen politischer Stabilität: Loyalität, Legitimität, wirtschaftliche Entwicklung, gerechte Verteilung von Einkommen und Ressourcen, Partizipation, Flexibilität und Anpassungsfähigkeit in bezug auf menschliche Bedürfnisse, eine institutionalisierte staatliche Ordnung und vor allem die Vermeidung von Konflikten. Diese Aufzählung scheint auf den ersten Blick willkürlich und keinem klaren Muster folgend. Die funktionale Gemeinsamkeit der genannten Bedingungen liegt in ihrem Beitrag den Erhalt bestehender Systemstrukturen zu sichern.

Die Analyse von Samuel P. Huntingtons Ansatz zur Erklärung von Stabilität fordert geradezu die Beantwortung einer Frage, die von allen genannten Autoren unberücksichtigt blieb: welche Intentionen werden mit der binären Einteilung von Systemen in »stabil« und »instabil« verfolgt? Die Unterteilung von Systemen in »stabil« und »instabil« folgt einer Logik der Polarisierung des Denkens in (Werte-)Kategorien von »gut« und »schlecht«. Stabilität ist gut (positive Konnotation), Instabilität schlecht (negative Konnotation). Diese Vorstellung postuliert einen kausalen Zusammenhang zwischen »stabil« und »gut« sowie zwischen »instabil« und »schlecht«: ein System ist deshalb stabil, weil es gut ist. In der logischen Umkehrung würde es lauten: ein System ist gut, weil es stabil ist. Diese Umkehrung entspricht jenem Bild, welches in Huntingtons Untersuchungsansatz gezeichnet wird - will sagen, eine moderne Gesellschaft ist gut, weil sie stabil ist. Die Intention dabei ist, Stabilität als Legitimationsinstrumentarium für die Existenz einer bestimmten normativen Ordnung zu verwenden. Hinsichtlich einer Operationalisierung der ersten Kausalkette – ein System ist stabil, weil es gut ist – muß die Wertung »gut« inhaltlich gefüllt werden. Wann ist ein System als gut zu erachten? Gut ist ein System dann, wenn Bedingungen erfüllt werden, die bestimmten gesellschaftlichen Wertvorstellungen und (Sicherheits-)Bedürfnissen entsprechen. Gesellschaftliche Wertvorstellungen und Bedürfnisse aber unterliegen zeitlichen und räumlichen Veränderungen, d.h. der Maßstab für eine gute Gesellschaft ist variabel. Mithin variiert auch der Maßstab für Stabilität, d.h. Stabilität ist relativ, nie jedoch absolut!

Diese Erkenntnis ist von großer Bedeutung für die Frage nach den Grenzen von Stabilität, oder vielmehr für die Frage nach der Grenze zwischen Stabilität und Instabilität. Am Ergebnis des obigen Exkurses ließ sich erkennen, daß sich in der Beantwortung dieser Frage ein zentrales Problem sowohl konzeptioneller als auch empirischer Ansätze manifestiert. Variieren die Vorstellungen von Stabilität, so variieren auch die Grenzen von Stabilität, lassen sich nicht nach objektiven Kriterien bestimmen und unterliegen subjektiven Wertschätzungen.

Ein Ansatz zur Erklärung von Stabilität, wie er soeben dargelegt wurde, tendiert dazu, die Existenz von Stabilität gänzlich in Abrede zu stellen, indem Stabilität letztlich nur als Abstraktion eines Idealtyps der guten Gesellschaft fungiert.[13] Die weiteren konzeptionellen Ausführungen werden zu beweisen versuchen, daß Stabilität mehr als eine gesellschaftliche Wertvorstellung ist und einen festen Begriff darstellt, der losgelöst davon zu betrachten ist, ob die soziale oder politische Ordnung des Systems positiv oder negativ zu bewerten ist.

Das weitere Vorgehen wird sich an Talcott Parsons Ansatz zur Erklärung von Stabilität orientieren. Diese Präferenz erklärt sich zum einen daraus, daß Parsons mit seiner Theorie sozialer Systeme eine breite und fundierte Basis für weitere Konzeptionen liefert, zum anderen wird Parsons Motiv der »Strukturveränderung« von späteren Autoren wiederholt aufgegriffen.[14] Wirklich entscheidend ist allerdings der Bezug, den Parsons zwischen Stabilität und Integration herstellt. Die übrigen Autoren lassen diesen Zusammenhang unerwähnt. Doch gerade das Phänomen der Integration wird die Basis aller weiteren konzeptionellen Überlegungen darstellen, da es die zentrale Fragestellung erfordert: »Was hält den pakistanischen Staat zusammen?«

2.4 Definition politischer Stabilität

In Anlehnung an Parsons definiert sich Stabilität als Erhalt der grundlegenden Systemstrukturen. Im speziellen Fall der vorliegenden Untersuchung richtet sich die Analyse auf die Stabilität eines politischen Systems, weshalb im weiteren Kontext von »politischer Stabilität« die Rede sein wird. Die Kategorie des politischen Systems bezeichnet ein (national-)staatlich abgegrenztes Ganzes. Eingeschlossen sind neben den staatlichen auch die außerstaatlichen Akteure und deren (institutionelle) Ordnungsprinzipien innerhalb eines Staatsgebietes, d.h. Staat und Gesellschaft bilden eine Einheit.[15]

Der Erhalt eines politischen Systems ist abhängig vom Umfang seiner Integrationskraft. Diese Aussage basiert auf der Annahme, daß ein Mindestmaß an Integration eine Grundvoraussetzung für die Existenz jeglicher Art von System ist (vgl. Holtmann 1994: Stichwort »System«). Ohne Integration wäre folglich die gesamte Diskussion über Systemstabilität überflüssig. Resultierend aus dieser Feststellung wird politische Stabilität im Sinne eines Erhalts der politischen Einheit eines Systems innerhalb eines territorialstaatlich umgrenzten Gebietes verstanden. Basis politischer Einheit ist die Integration aller für den Erhalt des politischen Systems relevanten Systemkomponenten.

In ihrem Charakter ist diese Definition bislang vollkommen wertfrei, d.h. es bleibt unberücksichtigt, ob ein stabiles politisches System in seiner bestehenden Form positiv oder negativ zu erachten ist. Für die Operationalisierung genannter Definition sind weitere Begriffsdefinitionen unabdinglich. Bevor diese Definitionen im weiteren Verlauf des Textes erbracht werden, soll auf die Folgen des hier vertretenen Verständnisses von politischer Stabilität für die zentrale Fragestellung der Studie eingegangen werden.

2.5 Transformation der zentralen Fragestellung in Hinblick auf die Definition politischer Stabilität

Die erbrachte Definition liefert die Vorgaben für die weitere Vorgehensweise. Dementsprechend muß sich auch die zentrale Fragestellung diesen neuen Vorgaben anpassen. Es ergibt sich folgender Fragenkomplex: (1) Welches sind die stabilitätsrelevanten Systemkomponenten innerhalb des politischen Systems Pakistans? (2) Welche Integrationskräfte halten das politische System zusammen? (3) Wie stark sind diese Integrationskräfte? (4) Auf welcher Ebene vollzieht sich Integration? (5) Welche Integrationsstrategien verfolgt die pakistanische Staatsführung als oberste Handlungsinstanz des politischen Systems?

3 Operationalisierung der Fragestellung: Suche nach Integrationskonzepten

3.1 Stabilitätsrelevante Systemkomponenten

Unter stabilitätsrelevanten Systemkomponenten werden kollektive Handlungsakteure und ihre institutionalisierten Handlungsmuster verstanden. Der Terminus »kollektive Handlungsakteure« steht für jene menschlichen Gruppen in Staat und Gesellschaft, die durch ein gemeinsames Wir-Gefühl verbunden, ein integriertes Ganzes darstellen. Kollektive Handlungsakteure sind in der Lage, gemeinsame Interessen in kollektives Handeln umzusetzen. In ihren Handlungen und Interaktionen reproduzieren und verändern sie die bestehenden Systemstrukturen. Eine Analyse der integrativen Kräfte eines politischen Systems muß sich demnach auf die Suche nach den stabilitätsrelevanten Systemkomponenten – sprich den stabilitätsrelevanten kollektiven Handlungsakteuren – machen und diese auf ihren Integrationsgrad und ihre Wirkung für die Integration des Gesamtsystems überprüfen.

Die Kategorie des politischen Systems umfaßt Staat und Gesellschaft. Die terminologische Trennung von Staat und Gesellschaft erfordert hinsichtlich der Identifikation und Analyse stabilitätsrelevanter Systemkomponenten eine strukturelle Differenzierung des politischen Systems in »staatliche Institutionenstruktur« und »Sozialstruktur«.

3.1.1 Staatliche Institutionenstruktur

Die staatliche Institutionenstruktur wird von der klassischen Dreiteilung staatlicher Gewalten in Exekutive, Legislative und Judikative bestimmt. Folgende kollektive Handlungsakteure lassen sich innerhalb des staatlichen Institutionengefüges als stabilitätsrelevant erkennen: die Regierung bzw. Staatsführung – welcher die Funktion des zentralen politischen Leitungsorgans obliegt -, die Bürokratie bzw. der staatliche Verwaltungsapparat, die Armee, das Parlament und die Gerichtsbarkeit. Nebstdem existieren staatlich institutionalisierte Handlungsmuster in Form von Gesetzen (positives Recht) und Staatsverfassung. Die Verfassung, welche das der staatlichen Ordnung zugrunde liegende Normen- und Wertesystem repräsentiert und die Leitlinie staatlichen Handelns vorgibt, regelt – zumindest idealtypisch – die innerstaatlichen Macht- und Herrschaftsverhältnisse.[16]

3.1.2 Sozialstruktur

Die Sozialstruktur umfaßt jene Komponenten des politischen Systems, die sich außerhalb der staatlichen Institutionenstruktur befinden. Stabilitätsrelevant sind jene kollektiven Handlungsakteure und ihre institutionalisierten Handlungsmuster, die durch ein gemeinsames Wir-Gefühl integriert werden, gemeinsame Interessen entwickeln und - in Hinblick auf die Durchsetzung dieser Interessen – über ein gewisses Maß an Organisation verfügen. In diesem Sinne handelt es sich bei den stabilitätsrelevanten Systemkomponenten innerhalb der Sozialstrukturen um politische Interessen-

gruppen (Parteien, Verbände etc.) und ethnische Gruppen – wobei klar sein muß, daß auch ethnische Gruppen als politische Interessengruppen fungieren können. Das Pendant zu den staatlich institutionalisierten Handlungsmustern bilden in diesem Falle die verschiedenen Normen und Werte[Systeme] der Handlungsakteure. Die Handlungsmuster können mit dem positiven Recht übereinstimmen oder aber diesem widersprechen.

3.2 Integration sozialer Systeme

Der Integrationsbegriff steht in direktem Zusammenhang mit der zentralen Ausgangsfrage - » Was hält das politische System Pakistans zusammen? « Losgelöst vom pakistanischen Kontext müßte die Frage folgendermaßen formuliert werden: »Was hält politische Systeme zusammen? « Tatsächlich taucht diese Fragestellung in ähnlicher Weise auch in Talcott Parsons Theorie sozialer Systeme auf. Parsons wählte folgende Ausgangsfrage: »Wie ist Integration eines Systems mit großer Population und hoher Differenzierung möglich?« (Parsons 1976: 182). Diese Frage entsprang der Feststellung, daß es die komplexen Strukturen sozialer Systeme und ihre Segmentierung in eine Vielzahl von weitgehend eigenständigen Subsystemen sind, die Integration zu einem umfassenden Problem werden lassen.[17]

Die Frage der Integration sozialer Systeme wurde vor allem in den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts unter Zuhilfenahme verschiedener Theorieansätze diskutiert. Parsons selbst gilt als einer der Hauptvertreter der strukturell-funktionalen Integrationstheorie in der Soziologie. Wie die Benennung dieses theoretischen Ansatzes schon erahnen läßt, bildet die Beschäftigung mit Strukturen und Funktionen der Gesellschaft den Kern der Analyse. Letztlich geht der strukturell-funktionale Ansatz auf die funktionalistische Tradition Emile Durkheims zurück, der als wichtigstes Kennzeichen moderner Gesellschaften eine zunehmende funktionale Arbeitsteilung sah. Dieser Vorgang sorgt für eine immer weitere Segmentierung und Differenzierung der modernen Gesellschaft; zugleich erhöht er aber auch die Abhängigkeit der einzelnen interagierenden sozialen Segmente voneinander, welche nun zur Sicherung ihres Überlebens auf gegenseitige Kooperation angewiesen sind (Wolf 1999: 39). Ausgehend von dieser Feststellung Durkheims postuliert die strukturell-funktionale Theorie eine Interdependenz der Systemeinheiten. Indem jeder Systemeinheit eine spezifische Funktion innerhalb des sozialen Systems (bzw. der Gesellschaft) zukommt, leistet auch jede einzelne von ihnen einen Beitrag zum Erhalt der Systemstruktur. Es handelt sich demnach um ein funktional integriertes System (Dahrendorf 1957: 159). Ziel einer Strukturanalyse im Rahmen des strukturell-funktionalen Ansatzes ist die Erfassung der funktionalen Differenzierung des sozialen Systems mit dem Ziel, die Funktionen der einzelnen Systemeinheiten, sprich ihre Aufgabe, für den Erhalt des Systems zu identifizieren.[18]

Im Rahmen seiner Theorie sozialer Systeme verwendet Parsons vier funktionale Grundkategorien: Strukturerhaltung, Integration, Zielorientierung und Adaption. Der Begriff »Integration« selbst wird nicht extra definiert, vielmehr scheint Parsons dessen Verständnis allgemein vorauszusetzen. Die Verwendung des Begriffes wird deutlicher, geht man den Integrationsproblemen sozialer Systeme bzw. gesellschaftlicher Gemeinschaften im Rahmen von Parsons Arbeit nach. Hierbei lassen sich eine Reihe wichtiger Kriterien für Integration aus dem parsonschen Theoriegebilde isolieren.

Ein erstes Integrationsproblem liegt in der Regelung von Gruppenloyalitäten. Nach Parsons ist der »Rollenpluralismus« ein Grundzug jeder menschlichen Gesellschaft, d.h. ein und dieselbe Person ist zugleich Mitglied in mehreren Gemeinschaften. Das eigentliche Problem entsteht, wenn sich Individuen im Konfliktfalle mehreren konkurrierenden Loyalitätspflichten gegenüber sehen (vgl. Parsons 1972: 22-23). Zwei weitere Integrationsprobleme, dem ersten sehr nahe, sind Solidarität und Identität der gesellschaftlichen Gemeinschaft. Begründet werden diese durch kulturelle Komponenten konstitutiver Symbolik (Glaubensüberzeugungen, Rituale etc.).[19] Parsons vertritt die Auffassung, die Solidarität moderner Gemeinschaften könne aufgrund ihrer großen Bevölkerung und deren Verteilung über ein weites Territorium durch regionale Spaltungen ernsthaft gefährdet werden. Neben diesen beiden Problemen nennt Parsons noch (mindestens) drei weitere Kriterien für Integration: (1) die Verbindlichkeit und Durchsetzbarkeit eines allgemeinen Rechtssystems innerhalb eines Territoriums als normativer Ordnung, (2) ein starkes Gewaltmonopol der Regierung und (3) das Prinzip der Freiwilligkeit bezogen auf eine Mitgliedschaft in einer Gesamtheit (vgl. Parsons 1972: 29; 32; 38).

Zusammengefaßt, lassen sich sechs Voraussetzungen einer erfolgreichen Integration identifizieren: Loyalität, Solidarität, Identität, Rechtssystem (bzw. normative Ordnung), Gewaltmonopol und Freiwilligkeit. Diese sechs Kriterien stellen in Parsons Theorie die bindenden Elemente (Bindekräfte) einer Gesellschaft dar und bestimmen deren Integrationsfähigkeit.[20] Im Rahmen einer empirischen Untersuchung ist im weiteren zu erörtern, ob das politische System Pakistans diese Voraussetzungen erfüllt.

3.3 Dialektik integrativer Prozesse

Im Sinne der hier verwendeten Stabilitätsdefinition wird Integrationsprozessen eine stabilisierende Funktion zugeschrieben. Im Sinne eines Stabilitätsbegriffes, der jegliche Veränderung bestehender Strukturen als einen Prozeß der Destabilisierung erachtet, können Integrationsprozesse auch destabilisierende Wirkungen entfalten, indem sie zu Strukturveränderungen innerhalb des politischen Systems beitragen. Mit dem Ziel einer Stärkung der Zentralmacht kann es zu Integrationsprozessen kommen, die zu einer Auflösung bestehender Autoritäts- oder Machtverhältnisse zugunsten einer zentralstaatlichen Integration führen, welche außerhalb des staatlichen Institutionengefüges stehen. Die Dialektik integrativer Prozesse offenbart sich darin, daß einerseits eine Vergrößerung der Integrationskraft die Stabilisierung des politischen Systems bewirkt, andererseits die durch die Integrationsprozessse ausgelösten Veränderungen das System destabilisieren. Eine Untersuchung, die sich mit Integrationsprozessen beschäftigt, sollte daher immer berücksichtigen, wann Integrationsprozesse zur Veränderung und wann zum Erhalt von Strukturen beitragen.

3.4 Integration, Strukturveränderung und Konflikt

Auffällig am einleitenden Exkurs über Stabilität war die fast einhellige Definition von Instabilität als einer Form des (gewaltsamen) Konflikts. Der Zusammenhang zwischen Stabilität und Konflikt soll anhand einer Darstellung der Abhängigkeitsverhältnisse zwischen Konflikt und Integration sowie zwischen Konflikt und Strukturveränderung bzw. Strukturerhalt erklärt werden.

Soziale Konflikte lassen sich in vereinfachter Form zunächst als Interessengegensätze und als daraus resultierende Auseinandersetzungen zwischen Individuen, Gruppen, Organisationen oder Staaten beschreiben (vgl. Holtmann 1994: Stichwort »Konflikt«; vgl. außerdem Giesen 1993: 94). Sie verkörpern eine bestimmte Form sozialer Beziehungen zwischen unterschiedlichen Akteuren, die jeder Gesellschaft immanent ist. Vorstellungen, die menschliches Zusammenleben ohne jeglichen Konflikt in einem Zustand völliger Harmonie sehen, entstammen dem Reich utopischer Phantasie. Innerhalb der Gesellschaft sind Konflikte nicht nur unumgänglich, sondern in mancherlei Hinsicht auch absolut notwendig. Konflikte sind Ursache sozialen Wandels, können integrativ und desintegrativ zugleich wirken. Die Interaktion zwischen Konflikt und Wandel verdient besondere Aufmerksamkeit, sind es doch Konflikte, die gesellschaftlichen Wandel bewirken, der zugleich aber auch Ursache neuer Konflikte sein kann. Sozialer Wandel steht nicht nur für mögliche Instabilität, sondern auch für gesellschaftliche Entwicklung.[21] Diese widersprüchliche Gestalt sozialer Konflikte drückt Bonacker mit folgenden Worten aus: »Einmal ist Konflikt der Motor jeden sozialen Wandels, das andere Mal erscheint er in der bedrohlichen Gestalt des Zerstörers sozialer Ordnung...« (Bonacker 1996: 16).

Eingehend mit dieser Problematik hat sich Lewis A. Coser beschäftigt. In seiner Theorie sozialer Konflikte setzt er sich kritisch mit Parsons Konzeption von Konflikt und Stabilität auseinander. Parsons, der auf eine Aufrechterhaltung bestehender Strukturen und gesellschaftlichen Konsensus setzt, bewertet Konflikte aufgrund ihrer strukturverändernden Wirkung durchweg als negativ und systemgefährdend (vgl. Coser 1965: 20-25). Coser setzt dem die positiven Funktionen von Konflikt, vor allem deren Notwendigkeit für progressive Veränderungen der sozialen Ordnung, entgegen. Nebstdem hebt er eine Anzahl von Funktionen des sozialen Konflikts hervor, welche sich nicht systemschwächend, sondern im Gegenteil stabilisierend auswirken. Konkret verweist er auf die Aufrechterhaltung von Gruppengrenzen und die Bedeutung von Konflikten bei der Ausbildung von Gruppenidentitäten. Konflikt setzt die »...Grenzen zwischen Gruppen innerhalb eines sozialen Systems, indem er das Gruppenbewußtsein und das Gefühl der Absonderung von anderen stärke und so die Gruppenidentität innerhalb des Systems schaffe« (Coser 1965: 37). Die Festigung der Gruppenidentitäten und -grenzen trägt zur Stabilität bestehender Sozialstrukturen bei.[22] Darüber hinaus unterscheidet Coser zwischen Konflikten, welche die Grundprinzipien des Systems in Frage stellen und solchen, welche die Grundprinzipien des Systems nicht antasten, sondern nur oberflächliche Dinge betreffen.[23] Konflikte können nicht als Indikator für Stabilität bzw. Instabilität herangezogen werden, da selbst stabile Systeme von Konfliktverhalten gekennzeichnet sind. Statt dessen führt Coser die »Wahrscheinlichkeit des Auftretens von Konflikten« als Index für Stabilität ein (Coser 1965: 99). Letztendlich kommt er zu dem Schluß, daß es nicht der Konflikt an sich ist, der das System bedroht, sondern die Starrheit des Systems selbst, die zu einem Aggressionsstau und dem Ausbruch von Konflikten führt.

Die kritischen Einwände Cosers gegen Sichtweisen, die Konflikt ausschließlich als ein destabilisierendes Element darstellen, zeigen die Notwendigkeit einer eingehenden Untersuchung bestehender Konfliktstrukturen bevor endgültige Rückschlüsse auf die Stabilität politischer Systeme gezogen werden können. An dieser Stelle soll folgende These vertreten werden: Konflikte können dann als Indikatoren für politische Stabilität herangezogen werden, wenn sie stabilitätsrelevant sind, d.h. wenn sie die Integration des politischen Systems gefährden.

3.5 Konfliktstrukturen

Das Entstehen sozialer Konflikte steht stets in Abhängigkeit zur jeweiligen Gesellschaftsstruktur. Diesbezüglich ist es wichtig, Konflikte nicht nur zu beschreiben, sondern auch ihre Ursachen aus den bestehenden Sozial- und Herrschaftsstrukturen zu erklären. Eine umfassende Analyse von Konfliktstrukturen muß die Suche und Identifikation von Konfliktakteuren, Konfliktursachen und Konfliktlinien umfassen. Die Intensität von Konflikten ist abhängig von dem Vorhandensein effektiver Mechanismen zur Konfliktregulierung bzw. der Fähigkeit des Systems zur Konfliktbewältigung.

[Konfliktakteure:] Konfliktbeziehungen setzen Akteure und deren widerstreitende Interessen voraus. Grundsätzlich läßt sich zwischen individuellen und kollektiven Konfliktakteuren unterscheiden. Individuelle Akteure spielen in bezug auf stabilitätsrelevante Konflikte nur insofern eine Rolle, als immer Individuen für den Vollzug von Konflikthandlungen benötigt werden. Individuelles Konflikthandeln selbst ist dagegen Teil der Verhaltensforschung (Giesen 1993: 101). Unter der Bezeichnung »kollektive Konfliktakteure« lassen sich all jene sozialen Gruppen subsumieren, denen es gelingt, gemeinschaftliche Interessen in kollektives Handeln umzusetzen (dies können politische Organisationen, Staaten, Religionsgemeinschaften etc. sein). [Konfliktfähigkeit:] Ferner sei darauf hingewiesen, daß Konfliktbeziehungen nicht nur die Akteure selbst, sondern grundsätzlich auch deren Fähigkeit zur Konfliktaustragung voraussetzen. Die Konfliktfähigkeit der beteiligten Akteure ist abhängig von ihrer jeweiligen Ressourcenausstattung (Giegel 1998: 17-18).

[Konfliktursachen:] Die Ursachen sozialer Konflikte sind in den Strukturen von Staat und Gesellschaft zu suchen, vorausgesetzt, daß nicht ein universaler und angeborener Aggressionstrieb des Menschen für die Existenz sozialer Konflikte verantwortlich gemacht wird. Prinzipiell können drei Theorieperspektiven zur Erklärung sozialer Konflikte unterschieden werden. Ziel einer jeden ist die Differenzierung der Gesellschaft in kollektive (Konflikt-)Akteure. Entscheidend sind hierbei die grundsätzlich verschiedenen Kriterien, die für eine allgemeine Differenzierung herangezogen werden. Die Art der Kriterien, verbunden mit spezifischen Gesellschafts- oder Menschenbildern mögen in einer gewissen ideologischen Couleur dieser Perspektive resultieren. Die Rede ist von Theorien funktionaler Differenzierung, Theorien sozialer Ungleichheit und Theorien kultureller Differenzierung.[24] (1) Theorien funktionaler Differenzierung begreifen soziale Systeme als eine Zusammensetzung aus spezialisierten Teilsystemen, welche unterschiedliche Funktionen erfüllen (z.B. Politik, Wirtschaft oder Umwelt). (2) Die Knappheit von Ressourcen und deren ungleiche Verteilung innerhalb der Gesellschaft repräsentiert den Ansatzpunkt für Theorien sozialer Ungleichheit. Soziale Konflikte artikulieren sich in Form von Verteilungskonflikten zwischen sozialen Lagen bzw. Klassen. Die Zugehörigkeit zu einer Klasse ergibt sich aus den Lebenschancen des Einzelnen, welche sich über den jeweiligen Zugang zu Ressourcen wie Einkommen, Bildung, Gesundheitsversorgung und dergleichen bestimmen. Klassisches Beispiel ungleichheitstheoretischer Ansätze ist Karl Marx` Theorie des Klassenkonflikts. Marx postuliert den Klassenkampf in der modernen Industriegesellschaft, resultierend aus der unterschiedlichen Stellung im Produktionsprozeß und dem Besitz oder Nichtbesitz an Produktionsmitteln. Die Gesellschaft untergliedert sich in die Klasse der Herrschenden und Besitzenden sowie die Klasse der Produzenten, die von Besitz und Herrschaft ausgeschlossen sind (vgl. Giesen 1993: 88-89). (3) Theorien kultureller Differenzierung umfassen all jene Ansätze, die versuchen soziale Konflikte über die verschiedenen kulturellen Wesensmerkmale sozialer Gruppen, also über die Unvereinbarkeit divergierender, kulturspezifischer Werte und Normen, zu erklären. Ansätze der kulturellen Differenzierung finden sich vor allem im Rahmen nationalistischer und ethnozentristischer Ideologien. In jüngerer Zeit gewinnen Theorieansätze kultureller Differenzierung nicht zuletzt durch Samuel P. Huntingtons These vom »clash of civilizations « an Aktualität.

[Konfliktlinien:] Die soeben dargestellten theoretischen Perspektiven zeigen zugleich den Verlauf der wesentlichen Konfliktlinien innerhalb eines politischen bzw. sozialen Systems auf. Unter Konfliktlinien sind jene imaginären Linien zu verstehen, entlang derer sich die Differenzierung in kollektive Konfliktakteure vollzieht. Allgemein läßt sich feststellen, daß Systeme, die von einer Vielzahl sich überlagernder Konfliktlinien durchzogen werden, in geringerem Maße von Desintegration betroffen sind als solche, die sich nur durch eine (oder wenige) Konfliktlinie(n) auszeichnen. Zu dieser interessanten Feststellung gelangt bereits Coser. Seiner Meinung nach wirkt die große Zahl der Konflikte wie eine Art Ausgleichsmechanismus, der die Spaltung der Gesellschaft entlang einer einzigen Achse verhindert. Vielfache und vielfältige Konflikte haben somit stabilisierende Wirkung auf das soziale System (Coser 1965: 92ff.). Besagte Wirkung läßt sich über die multiplen Identitäten individueller Akteure und ihre vielfältigen Gruppenloyalitäten erklären, die eine klare Zuordnung zu nur einem kollektiven Konfliktakteur verhindern. Die Austragung von Konflikten könnte auf individueller Ebene demzufolge mit Loyalitätsverpflichtungen gegenüber anderen sozialen Gruppen kollidieren. Die unklare Zuordnung der Akteure verhindert die Ausbildung klarer Fronten und hemmt die desintegrative Wirkung. Die Vielzahl widerstreitender Interessen erschwert zudem die Konsensfindung und verhindert somit die Ausbildung von Allianzen oder Koalitionen. Das Vorhandensein nur weniger Konfliktlinien läßt hingegen eine klare Abgrenzung der Konfliktgruppen zu. Diese Erkenntnis findet unter herrschaftsbezogenen Gesichtspunkten ihre Entsprechung in der Formel »divide et impera «.

4 Konstruktion eines Modells zur Erklärung von Integration und Stabilität

Die Konstruktion eines Modells soll versuchen, das Funktionieren staatlicher Integrationsmechanismen zu erklären und das notwendige Instrumentarium für eine Analyse der in Pakistan wirkenden Integrationskräfte liefern. Das Modell basiert auf folgenden Prämissen:

Integration drückt sich in der Anerkennung staatlicher Autorität durch die individuellen und kollektiven Handlungsakteure aus. Der Terminus »Autorität« steht für die Anerkennung eines Herrschaftsanspruches.[25] Der Staat muß seinen Herrschaftsanspruch gegenüber anderen nicht staatlichen Autoritäten durchsetzen und diese unter seiner Herrschaft vereinen.[26]

Die Hauptintegrationsaufgabe obliegt den staatlichen Institutionen (Exekutive, Legislative, Judikative). Sie repräsentieren die oberste Instanz von Macht und Herrschaft innerhalb des politischen Systems.[27]

Oberste institutionelle Autorität innerhalb eines Staates ist die Regierung. Sie ist das zentrale Leitungsorgan der Exekutive und oberste politische Entscheidungsinstanz innerhalb des staatlichen Institutionengefüges. Aufgrund dieser Position kommt ihr die zentrale Funktion hinsichtlich gesellschaftspolitischer Integration und Konfliktbewältigung zu.[28] Aus diesem Grund wird sich die empirische Untersuchung exemplarisch den Integrationsstrategien der pakistanischen Regierung widmen (vgl. Kapitel 12). Auf dieser Ebene stehen Strategien im Vordergrund, die eine Anerkennung der Regierungsautorität verfolgen. In diesem Zusammenhang wird an späterer Stelle der Begriff der Regierungsstabilität eingeführt werden.

Die staatlichen Institutionen können nur dann ihre Integrationsaufgabe erfüllen, wenn sie die normativen Erwartungen (Wertesicherheit) und Sicherheitsbedürfnisse der indiviuellen und kollektiven Handlungsakteure erfüllen und deren Glauben an die Wirksamkeit staatlicher Ordnung bewahren.

Die Autorität staatlicher Institutionen kann nicht dauerhaft durch die Ausübung von Repressionen erzwungen werden, sondern ist auf die freiwillige Anerkennung ihres Herrschaftsanspruches angewiesen. Dies bedeutet nicht, daß alle Gruppen innerhalb des politischen Systems durch ein Prinzip der Freiwilligkeit integriert werden, aber die staatlichen Institutionen müssen sich zumindest der Unterstützung der mächtigsten kollektiven Handlungsakteure versichern.

Die freiwillige Anerkennung staatlicher Autorität durch die verschiedenen Handlungsakteure basiert auf den drei abstrakten Motiven Legitimität, Loyalität und Vertrauen.[29] Alle drei Motive dienen gleichermaßen der Mobilisierung individueller und kollektiver Handlungsakteure.

Die Befriedigung menschlicher Sicherheitsbedürfnisse spielt für die Anerkennung staatlicher Autorität eine zentrale Rolle. Diesbezüglich setzt Integration die Fähigkeit staatlicher Institutionen - und insbesondere der Staatsführung - voraus, menschliche Sicherheitsbedürfnisse angemessen zu befriedigen. Die Befriedigung menschlicher Sicherheitsbedürfnisse ist die fundamentale Voraussetzung für die Wirksamkeit der Motive Legitimität, Loyalität und Vertrauen.

4.1 Legitimität

Der Terminus »Legitimität« bezieht sich auf die moralische Rechtmäßigkeit politischer Herrschaft. Damit verbunden ist das Postulat, legitime Herrschaft sei stabile Herrschaft. Diese grundlegende Annahme geht in ihren wesentlichen Zügen auf die Herrschaftssoziologie Max Webers zurück. Webers Theorie stellt Herrschaft nicht ausschließlich als eine auf Zwang beruhende Beziehung zwischen Herrschenden und Beherrschten dar. Vielmehr ermöglicht der Glaube der Beherrschten an die Legitimität politischer Herrschaft eine weitgehend gewaltlose Herrschaft. Prinzipiell unterscheidet er drei Idealtypen legitimer Herrschaft, die den Legitimitätsglauben der Beherrschten erklären sollen: (1) der Typ der traditionalen Herrschaft legitimiert sich über die Existenz traditioneller Gesellschaftsstrukturen und den Glauben der Beherrschten an die Heiligkeit jener althergebrachten Traditionen; (2) die charismatische Herrschaftslegitimation basiert auf dem Glauben an die außerordentlichen, gar übernatürlichen Fähigkeiten eines politischen Führers und der Überhöhung seiner Person; (3) drittes Legitimationsprinzip ist die legale bzw. rationale Herrschaft, welche den rationalen Charakter des Legitimitätsglaubens betont und annimmt, Gehorsam resultiere aus allgemein verbindlichen Normen und Gesetzen, die unter formal korrekten Bedingungen entstanden sind (vgl. Weber 1976: 122-148). Ausgehend von diesem idealtypischen Modell ließe sich die Frage des Erhalts bzw. der Veränderung bestehender Herrschaftsstrukturen auf die Legitimität des Herrschaftsverhältnisses reduzieren (Dahrendorf 1957: 167).

Staatliche Autorität, die nicht über ein ausreichendes Potential an Zwangsmitteln zur Errichtung und Stabilisierung politischer Herrschaft verfügt und auf freiwillige Unterstützung angewiesen ist, steht folglich unter dem Druck, ihre Herrschaft gegenüber der beherrschten Klasse zu rechtfertigen. Sie wird immer bestrebt sein, glaubhaft zu machen, daß gerade ihre Herrschaft und die damit verbundenen politischen Handlungen und Wertvorstellungen den einzig richtigen und guten Weg zum Wohle der Gesellschaft bzw. des Staates weisen. Funktionsfähigkeit und Stabilität staatlicher Autorität stehen damit in direkter Abhängigkeit zum Legitimitätsglauben der Beherrschten. Die Vorstellungen darüber, was politisch legitim ist, sind alles andere als homogen, variieren von System zu System und sind zudem Prozessen des gesellschaftlichen und individuellen Bewußtseinswandels unterworfen. In diesem Zusammenhang ist es wichtig darauf hinzuweisen, daß Rechtmäßigkeit bezogen auf Legitimität nicht in einem juristischen Sinne Verwendung findet.[30] Legitim ist nicht was gemäß positivem Recht legal ist, also geltendem Recht entspricht, sondern was im Bewußtsein des menschlichen Individuums rechtmäßig erscheint.[31]

4.2 Loyalität

Das Prinzip der Loyalität als integrative Kraft ist für jedes politische System von essentieller Bedeutung. Aus Sicht des Funktionalismus beinhaltet der Integrationsprozeß eine Loyalitätsübertragung von Seiten der funktionalen und politischen Eliten, der wesentlichen sozialen Gruppen und schließlich der gesamten Bevölkerung auf das politische Gemeinschaftssystem.[32] Innerhalb des politischen Systems obliegt in der Regel der Regierung die Funktion, an die gesellschaftliche Loyalität innerhalb der Gemeinschaft zu appellieren (vgl. Parsons 1972: 22). Zur Erklärung von Loyalität lassen sich drei zentrale Aspekte isolieren: in einem staatsrechtlichen Sinne die Gesetzesgehorsams- und Treuepflicht; auf einer eher emotionalen Ebene die Aufopferung und Hingabe im Dienste einer für moralisch wertvoll erachteten Sache und in einem rollenpluralistischen Verständnis die Gruppenloyalität. Im folgenden soll auf diese Aspekte genauer eingegangen werden.

Aus staatsrechtlichem Blickwinkel betrachtet unterliegt jeder Staatsbürger einer Loyalitätspflicht gegenüber Staat, Regierung und staatlichen Institutionen. Diese Verpflichtung beschreibt ein Treueverhältnis, das sich in erster Linie an geltenden Gesetzen orientiert. Der allgemeine Gesetzesgehorsam hat damit oberste Priorität. Innerhalb des positiven Rechts kommen vor allem Treue und Gehorsam gegenüber der Staatsverfassung besondere Bedeutung zu.[33] Die allgemeine Befolgung von Gesetzen gilt als elementare Funktionsvoraussetzung staatlicher Herrschaft und als grundlegende Bedingung für Integration und Einheit des Gemeinwesens (Luchterhand 1997: 16; 19). Abgesehen vom rein juristischen Standpunkt ist die Loyalitätspflicht unter moralischen Aspekten betrachtet abhängig vom Grad der Legitimität der Staatsordnung (Luchterhand 1997: 123).

Tatsächlich geht der Loyalitätsbegriff weit über die soeben beschriebene staatsrechtliche Bedeutung eines allgemeinen Gesetzesgehorsams hinaus. Denn er umschließt gleichermaßen eine emotionale Ebene gefühlsmäßiger Bindungen menschlicher Individuen an eine (für moralisch ehrenhaft erachtete) Sache oder Person. Loyalität entspringt in dieser Sichtweise den emotionalen Bedürfnissen des Menschen.[34] In den Abhandlungen des US-amerikanischen Philosophen Josiah Royce erscheint Loyalität in Form eines geistig-moralischen Gutes des Menschen. Royce spricht von einem »common need for loyalty « und einer Form menschlicher Loyalität, die sich in der völligen Aufopferung und Hingabe im Dienste einer moralisch wertvollen Sache ausdrückt (Royce 1908: 9). Er kommt zu folgendem Schluß:

»... for our own individual good, we all need loyalty, and need to find causes to which we can be loyal. « (Royce 1908: 25) »...loyalty is for the loyal man not only a good, but for him chief amongst all the moral goods of his life, because it furnishes to him a personal solution of the hardest of human practical problems, the problem: `For what do I live? Why am I here? For what am I good? Why am I needed?´ (...) Whatever causes thus appeals to a man meets therefore one of his deepest personal needs, and in fact the very deepest of his moral needs; namely the need of a life task... « (Royce 1908: 28-29).

Standen im Rahmen der staatlichen Loyalitätspflicht rein juristische Bindungen im Vordergrund der Betrachtung, so rückt George P. Fletcher eine auf sozialen Bindungen beruhende Verpflichtung des einzelnen Menschen gegenüber gesellschaftlichen Gruppen ins Zentrum seiner Untersuchung.[35] Seine Analyse konzentriert sich daher auf die strukturelle Kategorie der sozialen Netzwerke und Gruppenloyalitäten. Grundgedanke der Gruppenloyalität ist die Mitgliedschaft in einer sozialen Gruppe. Wobei jeder Mensch gleichzeitig Angehöriger einer Vielzahl konkurrierender Gruppen ist (Fletcher 1993: 34). Diese Feststellung Fletchers stimmt im wesentlichen mit Parsons Idee des Rollen-Pluralismus überein. Parsons vertritt die Auffassung, daß die Zugehörigkeit ein und derselben Person zu mehreren Gesamtheiten - und damit auch dessen Loyalitätsbindung an mehrere Gesamtheiten - ein Grundzug jeder menschlichen Gesellschaft ist. Aus diesem Grund stellt die Regelung der Loyalitäten für eine gesellschaftliche Gemeinschaft ein schwerwiegendes Integrationsproblem dar (vgl. Parsons 1972: 23). Gleichzeitig wird an dieser Stelle die enge Verknüpfung zwischen Gruppenloyalität und Identität deutlich spürbar. Fletcher formuliert diesen Zusammenhang mit folgenden Worten:

»In the way we draw the lines of our loyalties, we define ourselves as persons. (...) The objects of our loyalties play an active part in setting us apart and making us distinctive if we express our loyalty to a country, to another person, or even to a company or a baseball team, these objects play a reciprocal part in defining who we are. « (Fletcher 1993: 8).

Integrationsprobleme aus Loyalitätskonflikten ergeben sich vor allem hinsichtlich staatlicher Loyalitätsforderungen gegenüber Angehörigen nationaler bzw. ethnischer Minderheiten. Dies ist häufig dann der Fall, wenn politische Anforderungen des Mehrheitssystems Bedürfnissen oder Werthaltungen des Minderheitssystems widersprechen. Für den einzelnen Menschen entsteht unter Umständen eine Situation, in welcher die Loyalitätserwartungen der Regierung (als Vertreterin des Staates) mit der Solidarität gegenüber Zielen, Interessen und Bedürfnissen der eigenen ethnischen Gruppe kollidieren (Luchterhand 1997: 23; 81). Als Mittel der Loyalitätssicherung und zugleich Integrationsstrategie bietet sich die Institutionalisierung von Minderheitenschutz und Minderheitenrechten an. Derartige Maßnahmen sollen spezifische Bedürfnisse der von Illoyalität gefährdeten Minderheitsgruppen befriedigen und auf diese Weise deren Loyalität gegenüber Staat und Regierung festigen. Eine ähnliche Integrationsstrategie verfolgt die Homogenisierung und Vereinheitlichung in Staat und Gesellschaft über die Gewährung gewisser Grund- und Bürgerrechte für alle Mitglieder des politischen Systems (Prinzip der Gleichheit) (Luchterhand 1997: 28-31). Auch eine solche Vorgehensweise verfolgt letztlich die Sicherung von Loyalitäten. Bleibt einer ethnischen Minderheit eine Rechtsverwirklichung gemäß ihrer eigenen Bedürfnisse und Wertvorstellungen verwehrt, und richten sich statt dessen die Inhalte des positiven Rechts nach der Mehrheitsnation bzw. nach der machtpolitisch dominierenden Gruppe des Systems, so wird ihre Gesetzesgehorsams- und Treuepflicht in Frage stehen. Loyalitätssicherung und Loyalitätsbeschaffung stellen somit das Hauptproblem von Regierungen zur Sicherung ihrer eigenen Herrschaft dar.

4.3 Vertrauen

Die Thematik des politischen Vertrauens scheint aus der gegenwärtigen politischen Theorie nahezu verschwunden zu sein. Die aktuelle Literatur zum Thema Vertrauen beschränkt sich auf eine Arbeit Niklas Luhmanns aus dem Jahre 1968, einige Ausführungen von Anthony Giddens im Rahmen seiner Arbeit über die Konsequenzen der Moderne sowie einen Aufsatz neueren Datums von Piotr Sztompka, wobei sich die beiden letztgenannten Autoren direkt auf Luhmanns frühere Arbeit beziehen. Vermutlich läßt sich damit die fehlende Verbindung zwischen politischer Stabilität, Integration und Vertrauen erklären.

Dennoch ist Vertrauen eine Grundvoraussetzung für die Stabilität politischer Systeme (vgl. Luhmann 1973: 58-61). Im speziellen Fall dieser Untersuchung handelt es sich um das Vertrauen der individuellen und kollektiven Handlungsakteure in die Autorität staatlicher Institutionen, genauer gesagt, um das Vertrauen in die Recht- und Zweckmäßigkeit institutioneller Handlungen.[36] Auf Vertrauen gegründete politische Handlungen stärken die Autorität staatlicher Institutionen und haben integrative Wirkung.

Im Zentrum des Vertrauens stehen die Handlungen der Staatsführung - der Regierung. Prinzipiell kann Regierungshandeln den beherrschten Individuen oder Gruppen zum Vorteil oder zum Nachteil gereichen. Das Risiko, daß sich konkrete Handlungen der Regierung zumindest auf Teile der staatlichen Gesellschaft negativ auswirken, wächst mit deren Größe und Heterogenität. Das politische Handeln der Regierung - wie menschliches Handeln allgemein - birgt für die beherrschten Menschen immer einen gewissen Unsicherheitsfaktor, der allerdings nicht vermeidbar ist. Erst das Vertrauen in die Handlungen von Regierung und staatlichen Institutionen ermöglicht es den Menschen, einem Zustand permanenter Ungewißheit zu entfliehen, ein Gefühl der Sicherheit wiederzuerlangen und Existenzängste zu unterbinden. Natürlich wird Vertrauen nicht den Regierungshandlungen selbst entgegengebracht, vielmehr bildet dieses Handeln erst die Grundlage für Vertrauen oder Mißtrauen in eine Regierung. Direkte Bezugspunkte des Vertrauens sind soziale Objekte wie Personen, Institutionen oder Organisationen. Vertrauen gebührt also beispielsweise einem bestimmten Politiker, den Verfassungsgrundsätzen eines Staates oder einer bestimmten politischen Ordnung.[37]

Anthony Giddens, der sich mit dem Verhältnis von Vertrauen und Risiko auseinandersetzt, gelangt zu zwei fundamentalen Erkenntnissen: Erstens wird Vertrauen nur dort verlangt, wo es Unkenntnis gibt und vollständige Informationen fehlen, und zweitens wird Vertrauen nicht nur in Individuen, sondern in erster Linie in abstrakte Fähigkeiten gesetzt (Giddens 1990: 39ff.; 48; 114). Die Tatsache, daß der einzelne Mensch (»Laie«) aufgrund mangelnder Kenntnisse in vielen Situationen des alltäglichen Lebens überfordert ist (z.B. bei einer Autoreparatur, dem Bau eines Hauses oder der Leitung eines Unternehmens), verlangt, die Lösung bestimmter Probleme in die Hände von Experten bzw. Expertensystemen zu legen, welche über entsprechende Informationen und Fähigkeiten verfügen. Dies erfordert das Vertrauen des Laien in die Fähigkeiten von Expertensystemen, die er selbst kaum durchschaut.[38] Übertragen auf die staatliche Herrschaft heißt dies, daß aufgrund ihrer Unkenntnis in Belangen der Staatsführung und aufgrund mangelnder Zugangsmöglichkeiten zu den politischen Institutionen der Macht (!) den Bürgern des Staates ein Vertrauen in die Fähigkeiten und das Expertenwissen der Staatsführung und ihrer Institutionen abverlangt wird, ohne daß sie die Strukturen staatlicher Ordnung wirklich kennen.[39] Diesem Vertrauen liegt der Glaube bzw. die Erwartung an die Zuverlässigkeit und die guten Absichten der staatlichen Institutionen zugrunde. Die guten Absichten drücken sich in der Verfolgung politischer Prinzipien aus, die sich am Gemeinwohl orientieren.

Gelingt es einer Staatsführung nicht, die in sie gesetzten Erwartungen zu erfüllen, muß sie mit einem massiven Vertrauensverlust rechnen. Die direkten und indirekten Konsequenzen eines Vertrauensverlustes können vielfältig sein. Piotr Sztompka nennt sechs dysfunktionale Konsequenzen wachsenden Mißtrauens unter den sich betrogen fühlenden Menschen: Schicksalsergebenheit, zunehmende Korruption, zunehmende soziale Kontrolle, Ghettoisierung, Paternalisierung - d.h. Suche nach einem autokratischen Führer - und Externalisierung von Vertrauen (Sztompka 1995: 261-262). Besonders der Aspekt der Ghettoisierung ist für die Untersuchung von Systemstabilität interessant, beschreibt er doch einen Vorgang des Rückzugs sozialer Gruppen aus der sie umgebenden Umwelt bei gleichzeitiger Errichtung von Außengrenzen. In der Tat beschreibt dieser Vorgang nichts anderes als die Desintegration eines Systems. Ferner wird sich ein Vertrauensverlust auch negativ auf die Loyalität und Legitimität staatlicher Instituionen auswirken.

4.4 Stabilität und Sicherheit

Die Befriedigung menschlicher Sicherheitsbedürfnisse gilt als fundamentale Voraussetzung für die Wirksamkeit der Motive Legitimität, Loyalität und Vertrauen. Diese These stützt sich auf die Annahme, daß Sicherheit ein Grundbedürfnis des Menschen ist. Im täglichen Leben mit einer Vielzahl von Existenzunsicherheiten konfrontiert, ist er beständig auf der Suche nach einem Mindestmaß an Sicherheit, welches ihm das physische und psychische Überleben garantiert und ihn von allgegenwärtigen Existenzängsten und Bedrohungen befreit. Bereits in den Arbeiten von Niccolò Machiavelli und Thomas Hobbes taucht der Trieb zur Selbsterhaltung als oberstes Ziel des Menschen auf (vgl. Bonacker 1996: 20-21). Auf staatspolitischer Ebene mag Sicherheit einem politischen Programm oder wenigstens einer Leitidee gleichkommen, wie dies auch andere symbolträchtige Begriffe gesellschaftspolitischer Wertvorstellungen wie Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit etc. tun. Auf einer individuellen Ebene aber beschränkt sich Sicherheit auf die psychische und soziale Verfassung des Individuums. Das individuelle Bedürfnis nach Sicherheit variiert in Abhängigkeit von spezifischen persönlichen und gesellschaftlichen Vorstellungen. In einem alltäglichen Verständnis beziehen sich Sicherheitsbedürfnisse auf Aspekte wie Geborgenheit, Schutz, Risikolosigkeit, Gewißheit, Vertrauen etc. (vgl. Brockhaus Enzyklopädie 1990: Stichwort »Sicherheit«).[40]

4.4.1 Systeme sozialer Sicherheit

Die Befriedigung menschlicher Sicherheitsbedürfnisse kann sich nur über die Integration des Individuums in eines oder mehrere Systeme sozialer Sicherheit vollziehen. Unter »Systemen sozialer Sicherheit« sind soziale Gemeinschaften zu verstehen, welche über die notwendige Ressourcenausstattung verfügen, um ihren Mitgliedern Sicherheitsgarantien zu gewähren. Diese Gewährung von Sicherheitsgarantien wird zu einem wichtigen Mittel gesellschaftlicher (System) Integration, da der einzelne Mensch aufgrund seiner in der Regel unzureichenden Ressourcen nicht in der Lage ist, die eigenen Sicherheitsbedürfnisse auf Dauer selbst zu befriedigen. Die Mitgliedschaft in einem System sozialer Sicherheit verspricht dem menschlichen Individuum verschiedene Formen von Sicherheitsgarantien.

In traditionalen Gesellschaften basieren Sicherheitsgarantien im wesentlichen auf der gewachsenen Solidarität sozialer Gruppenbindungen: die Gruppenmitgliedschaft sichert dem Einzelnen die Solidarität der übrigen Gemeinschaftsmitglieder. In modernen Gesellschaften staatlicher Organisation tritt neben diese Form solidaritätsbedingter Sicherheit eine weitere Sicherheitsbasis, die oftmals die traditionellen Solidaritätsbeziehungen aufbricht und ablöst. Gemeint sind jene Sicherheitsgarantien, die der moderne Rechtsstaat leistet. Die Gewährung von Rechtssicherheit offeriert dem Individuum den Schutz von Leben und Eigentum. Ein demokratischer Rechtsstaat gewährt darüber hinaus noch verschiedene aktive und passive Partizipationsrechte. Die Integrationskraft des Rechts basiert auf der allgemeinen Verbindlichkeit der Gesetze und der Verhinderung rechtsstaatlicher Willkür. In seiner Funktion als Wohlfahrtsstaat sorgt der Staat für eine (gewisse) Absicherung gegen Armut, Krankheit oder Invalidität. Den staatlichen Institutionen und insbesondere der Regierung als oberster Steuerungs- und Handlungsinstanz des Staates obliegt die Aufgabe einer allgemeinen Gewährleistung dieser Sicherheitsgarantien.[41] Die Umstellung der gesellschaftlichen Integration von (traditionell) gewachsener Solidarität auf die staatlichen Teilhaberechte dient als wichtiges Mittel zur Beseitigung von Gruppenpartikularismen (Münch 1998: 191-192). Schlußendlich lassen sich Systeme sozialer Sicherheit entweder als traditionelle Solidaritäsgemeinschaften - Familien, ethnische Gruppen etc. - oder moderne Rechtsstaaten fassen.

4.4.2 Differenzierung des Sicherheitsbegriffes: Ontologische Sicherheit und physische Sicherheit

Eine Differenzierung des Sicherheitsbegriffes in »ontologische Sicherheit« und »physische Sicherheit« trägt der physischen und psychischen Ausprägung menschlicher Sicherheitsbedürfnisse Rechnung. Der Ausdruck »ontologische Sicherheit« ist in seiner Grundidee einer Arbeit von Anthony Giddens entlehnt, wenngleich er im weiteren eine gewisse Modifikation erfährt (vgl. Giddens 1990: 117-127). Im Begriff der ontologischen Sicherheit manifestiert sich ein von allgemeinen Sinnbedürfnissen geleitetes menschliches Sicherheitsstreben - die Suche nach sinnstiftenden Strukturen und einer sinnerfüllten Identität. Der Wunsch nach einer Kontinuität des Daseins, nach sozialer Geborgenheit und moralischen Leitlinien (Wertesicherheit) ist fest in der menschlichen Psyche verwurzelt. Die Befriedigung dieser Bedürfnisse liefern daseinserklärende Kosmologien religiöser und säkularer Art. Religiöse Heilsversprechungen oder säkulare Ideologien verhindern den Fall des Selbstreflexion übenden Individuums in die Untiefen des Seins, stabilisieren Psyche und Selbstbewußtsein und vertreiben bestehende Existenzunsicherheiten.

Im Unterschied zur ontologischen Sicherheit bezieht sich die »physische Sicherheit« auf Bedürfnisse, die den Schutz vor physischer Gewalt und Willkür oder eine Sicherung menschlicher Grundbedürfnisse und den Zugang zu Ressourcen betreffen. Elementarste Voraussetzung physischer Existenzsicherung ist eine Deckung des Mindestbedarfs an Ernährung, Unterkunft und Bekleidung. Ferner existieren zahlreiche weitere Grundbedürfnisse, die besonders qualitativer Natur sind. Diese qualitativen Bedürfnisse beziehen sich in erster Linie auf solche Bereiche wie geistige Entwicklung (Bildung), politische Partizipation, Mobilität, Gesundheitsversorgung oder Natur und Umwelt. Wie bereits näher ausgeführt wurde, obliegt den staatlichen Institutionen und insbesondere der Regierung die Aufgabe des Schutzes der Gesellschaft vor internen und externen Bedrohungen sowie die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung.[42] Darüber hinaus wird speziell die Regierung von Seiten der Staatsbürger auch für das soziale und wirtschaftliche Wohlergehen der Gesellschaft verantwortlich gemacht, unabhängig davon, ob sie wirklich für die gegebenen Umstände verantwortlich ist oder auf diese Einfluß zu nehmen vermag. Einen Zusammenhang zwischen der Stabilität von Regierungen und der Befriedigung (physischer) Sicherheitsbedürfnisse sieht auch Lipset: »More highly educated and economically secure individuals are less likely to risk their stake in the system by violent actions outside of the rules prescribed by governments. « (Lipset 1960; zitiert nach Pirages 1980: 435).

Eine allgemeine Befriedigung der Sicherheitsbedürfnisse versetzen den Staat und seine Institutionen in die Lage, die moralische Rechtmäßigkeit (Legitimität) ihrer Herrschaft zu untermauern und die Loyalität und das Vertrauen der individuellen und kollektiven Handlungsakteure zu stärken. Dieses gesteigerte Maß an Legitimität, Loyalität und Vertrauen kann seinerseits positive Rückwirkungen auf das menschliche Sicherheitsempfinden haben. Eine mangelhafte Befriedigung menschlicher Sicherheitsbedürfnisse ist gleichbedeutend mit einem massiven Autoritätsverlust. Die in ihren Erwartungen enttäuschten Menschen werden sich auf die Suche nach anderen Systemen sozialer Sicherheit begeben. Derartige Prozesse verheißen Desintegration und Destabilisierung des politischen Systems.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

4.5 Integrationsstrategien und Integrationseffekte

Die Verwendung des obigen Modells zur Untersuchung von Integration und Stabilität im pakistanischen Kontext wird von praktischen und methodischen Problemen erschwert. Integration drückt sich in der Anerkennung staatlicher Autorität durch die individuellen und kollektiven Handlungsakteure aus. Doch wie ist es möglich, konkrete Aussagen über das Ausmaß staatlicher Autorität zu treffen? Hierfür wäre es nötig, den Grad an Legitimität, Loyalität und Vertrauen zu bestimmen, welchen die staatlichen Institutionen unter den individuellen und kollektiven Handlungsakteuren genießen, was wiederum umfangreiche empirische Daten in Form individueller Befragungen auf nationaler Ebene voraussetzt, die im Falle Pakistans nicht vorliegen. Diagnosen über den Grad an Legitimität, Loyalität und Vertrauen lassen sich auch über das Heranziehen bestimmter Verhaltensindikatoren, die sich aus den Medien oder der Sekundärliteratur entnehmen lassen, treffen. Denkbare Verhaltensindikatoren wären z.B. Wahlverhalten, Emigrations- und Flüchtlingsströme (sowohl innerstaatlich als auch grenzüberschreitend), gewaltsame Konflikte oder Demonstrationen und Protestkundgebungen.[43] Methodische Schwierigkeiten ergeben sich jedoch bei der Interpretation und Bewertung der verwendeten Indikatoren. Die mangelnde Anerkennung staatlicher Autorität muß sich nicht zwangsläufig in offener Auflehnung und Protest gegen Staat und Regierung äußern, vor allem dann nicht, wenn von Seiten der Staatsgewalt mit massiven Repressionen als Antwort zu rechnen ist.

Mit Blick auf diese Probleme in der praktischen und methodischen Umsetzung scheint es sinnvoll, im Rahmen der Analyse von Integrationskräften, zwischen der Anwendung von Integrationsstrategien und den tatsächlichen Effekten dieser Strategien zu unterscheiden. Da der Nachweis von Integrationsstrategien in weitaus geringerem Maße von empirischen Untersuchungen - vor allem von groß angelegten individuellen Befragungen - abhängt als belegbare Aussagen über Integrationseffekte, soll sich die weitere Analyse in erster Linie auf die Integrationsstrategien innerhalb des politischen Systems beschränken. Im Vordergrund wird hierbei das Handeln der gegenwärtigen Militärregierung Pakistans unter Führung von Chief Executive General Pervez Musharraf stehen.

5 Nationalismus, Ethnizität und Staat

5.1 Nationalismus - fundamentales Integrationskonzept des modernen Staates?

Nochmals zurück zum Ausgangspunkt der Untersuchung, zur Problematik von Systemintegration und der Suche nach den relevanten Integrationskräften der Islamischen Republik Pakistan. Welches sind die Grundlagen staatlicher und gesellschaftlicher Integration bzw. woraus leitet sich der pakistanische Anspruch auf politische Integration ab? Eine Antwort auf diese Fragen müßte zunächst folgendermaßen lauten: Grundlage politischer Integration ist der pakistanische Nationalismus, welcher seine Ausformulierung in Muhammad Ali Jinnahs theory of two nations findet.

Wie in den meisten unabhängig gewordenen Staaten der nachkolonialen Ära diente auch in Pakistan der Nationalismus als Gründungs- und Integrationsideologie. Die Schaffung einer nationalen Ideologie bot nicht nur die größte Chance auf internationale Anerkennung, sondern auch eine Möglichkeit, den neuen Staat in seinem Inneren zu konsolidieren und auf eine stabile Legitimationsgrundlage zu stellen. Doch nur in seltenen Fällen konnten die jungen Nationalstaaten des Postkolonialismus direkt auf vorkoloniale Staatstraditionen zurückgreifen, die ihre Existenz in irgendeiner Form legitimierten. Statt dessen waren überwiegend künstliche Staatsgebilde entstanden, die ihren Ursprung allein dem europäischen Imperialismus in dessen kolonialer Ausprägung zu verdanken hatten.

Normativer Bezugspunkt fast aller postkolonialen Staatsgründungen war das Konzept des modernen Staates nach europäischem oder amerikanischem Vorbild. Die grundlegenden Strukturen des modernen Staates seien hier nur knapp erläutert: im Zuge einer Zentralisierung der Herrschaftsgewalt werden private und persönliche Herrschafts- und Abhängigkeitsverhältnisse, wie sie traditionellen Staaten feudaler Herrschaftsstruktur eigen sind, aufgelöst. An ihre Stelle tritt ein öffentlich-rechtliches Herrschaftsverhältnis, welches sich auf die Vorstellung der Volkssouveränität gründet. Das Prinzip der Volkssouveränität manifestiert sich in der Grundaussage: alle Staatsgewalt (Macht) geht vom Volke aus. Die Grenzen staatlicher Herrschaft sind nach Auflösung der traditionellen Strukturen nicht mehr von der Reichweite persönlicher Abhängigkeitsverhältnisse bestimmt, sondern an ein bestimmtes Territorium gebunden. Der moderne Staat ist somit eine durch Volk und Territorium begründete Einheit, deren Herrschaftslegitimation auf der Souveränität des Staatsvolkes basiert (Fleiner-Gerster 1995: 120-122). Fundamentales Integrationskonzept des modernen Staates ist der Nationalismus.

Der Nationalismus selbst ist in seinen Ursprüngen ein Kind der europäischen Moderne des 19. und 20. Jahrhunderts. Soziale, politische und ökonomische Entwicklungsprozesse, die sich unter dem Banner von Aufklärung, industrieller Revolution und Romantik vollzogen, standen für seine Entstehung und Ausformulierung Pate. Die Kraft des Nationalismus lag in einer vollkommen neuartigen Form der Massenmobilisierung und umfassenden Integration politischer Großgruppen. Zugleich bot sich eine bislang ungeahnte Möglichkeit der Herrschaftslegitimation, die das traditionelle Verständnis von göttlich legitimierter Herrschaft weitestgehend ablöste.

[...]


[1] Die Neue Züricher Zeitung titelte am 29. September 1999: »Putschgerüchte in Pakistan. Spannungen zwischen ziviler und militärischer Führung.«.

[2] Die pakistanischen Atomtests waren eine direkte Antwort auf die fünf indischen Tests vom 11. Mai. Die Zündung von insgesamt sechs Nuklearexplosionen erfolgte am 28. und am 31. Mai im Chagai-Gebirge Baluchistans. In beiden Ländern waren nur Monate zuvor erfolgreiche Tests von atomwaffenfähigen Mittelstreckenraketen vorausgegangen. Was folgte war die Verhängung internationaler Wirtschaftssanktionen gegen Indien und Pakistan sowie eine schier endlose Diskussion um den Beitritt beider Länder zum Atomwaffensperrvertrag.

Die Kargil-Krise entwickelte sich, als zu Beginn des Jahres 1999 von Pakistan unterstützte » Mu ÊÁhid Ðn « in den von Indien besetzten Teil Kashmirs eindrangen und dort während der Wintermonate von den indischen Truppen verlassene Stellungen besetzten. Die daraufhin von der indischen Armee eingeleitete Offensive kostete auf beiden Seiten hunderte von Soldaten das Leben. Von internationaler Seite wurde das Bild eines drohenden Atomkrieges zwischen Indien und Pakistan heraufbeschworen und infolge dessen auf beide Staaten massiver Druck zur Beilegung der Kampfhandlungen ausgeübt.

[3] Zur Vervollständigung dieser Betrachtungsweise muß neben den extrem langen Amtszeiten der Präsidenten-Generäle Ayub Khan (27.03.1958 - 25.03.1969) und Zia ul-Haq (16.09.1978 - 17.08.1988) auch ein Zeitraum von insgesamt mehr als 22 Jahren berücksichtigt werden, in dem das Land ohne Premierminister regiert wurde (08.10.1958 - 06.12.1971 und 21.12. 1971 - 13.08.1973 und 06.07.1977 - 22.03.1985).

[4] Parsons versteht unter sozialen Systemen Handlungssysteme; d.h. soziale Systeme bestehen nicht aus den Menschen selbst, sondern aus deren Handlungen, die sich innerhalb eines gesellschaftlichen Kollektivs vollziehen. Die Theorie sozialer Systeme versucht die Bedingungen dieses Handelns zu erklären.

Im Rahmen dieser Arbeit wird »System« als abstrakte Kategorie gesellschaftswissenschaftlicher Analysen verstanden. Die Kategorie des Systems ist eine Abstraktion der Wirklichkeit. Sie strukturiert die unübersichtliche Wirklichkeit in klar faßbare Analyseeinheiten. Das System selbst besteht aus einer Anzahl interdependenter Teile, die sich durch ihren Zusammenhalt, d.h. ihre enge Beziehung zueinander, von der Umwelt und anderen Systemen abgrenzen. Untersuchungsgegenstand der Systemanalyse sind die Integration und Interdependenz der einzelnen Teile unter den Gesichtspunkten Funktion - Struktur - Prozeß (vgl. Waschkuhn 1991: Stichwort »Systemtheorie«).

Die Systemkategorie wird sich im folgenden auf das politische System eines Staates beziehen, dessen interdependente Teile mit sozialen Gruppen gleichgesetzt werden. Wenngleich das politische System nicht als geschlossen angesehen wird, sondern stets in Verbindung und Austausch mit seiner Umwelt steht, werden aus Gründen des begrenzten Umfangs dieser Arbeit nur interne Strukturen, Prozesse und Interdependenzen untersucht werden.

[5] Integration steht für Zusammenhalt und Einheit eines Systems. Untersuchungsgegenstand werden im Rahmen dieser Studie die verschiedenen Integrationsprozesse - d.h. Prozesse der Eingliederung sozialer Gruppen in ein System - und Integrationsstrategien sein. Zu einer ausführlichen Diskussion des Integrationsbegriffes vgl. Kapitel 3.2-3.4.

[6] Der Terminus »Konflikt« bezeichnet Auseinandersetzungen zwischen Gruppen oder Individuen, die durch widerstreitende Bedürfnisse und Interessen entstanden sind (vgl. Soziologie-Lexikon 1997: Stichwort »Konflikt«). Zur weiteren Ausführung dieser Thematik vgl. Kapitel 3.4 und 3.5.

[7] Harry Johnson hingegen setzt in seiner Rezension von Parsons Ansatz »strain « (»Spannung«) mit »dissatisfaction « (»Unzufriedenheit«) gleich (vgl. Johnson 1971: 315).

[8] Das Konzept der Ethnizität bezieht sich auf die Einteilung der Menschheit in Gruppen einheitlicher Kultur. Diese ethnischen Gruppen bzw. Ethnien grenzen sich über gemeinsame kulturelle Merkmale - wie Sprache, Tradition, Religion etc. - von ihrer Umwelt ab und verfügen über eine kollektive Identität. Ethnische Zugehörigkeit wird entweder als primordial und absolut oder als konstruiert angenommen. Eine ausführliche Auseinandersetzung mit den Begriffen »Ethnizität« und »Nationalismus« findet in Kapitel 5 statt.

[9] Wie bereits angesprochen, hantiert Huntington mit Begriffen, die er nicht klar definiert und deren tiefere Bedeutung für den Leser im Verborgenen bleibt. »Moderne« ist ein Begriff, dessen Ursprünge im abendländischen Europa liegen und der gleichermaßen für eine bestimmte Form sozialer Ordnung wie für eine Epoche in der Geschichte steht, die mit der europäischen Expansion nach Übersee im Jahre 1492 ihren Anfang nahm. Die moderne Gesellschaft befindet sich im Gegensatz zur traditionellen Gesellschaft, deren Ordnung sie ablöst. Der Transformationsprozeß von einer traditionellen zu einer modernen Gesellschaftsordnung wird mit dem Terminus »Modernisierung« bezeichnet. Der Prozess der Modernisierung verkörpert die Umstrukturierung einer ganzen Gesellschaft nach eurozentrischem Vorbild (Dictionary of Human Geography 2000: Stichwort »modernization«). Das Konzept der Moderne verfolgt die Befreiung des Menschen – von Armut, Hunger, Krankheit, Despotie – durch eine Orientierung an bestimmten Modellen wie Kapitalismus, Industrialisierung, Rationalität, Technologie, Wirtschaftswachstum etc. Nach Anthony Giddens ist eine der grundlegenden Konsequenzen der Moderne die Globalisierung, ein Prozeß, der die Verbreitung der abendländischen Institutionen über die ganze Welt bei gleichzeitiger Zerstörung der übrigen Kulturen fördert (Giddens 1990: 214-215).

[10] Smelser trifft keine Unterscheidung zwischen »sozialer Stabilität« und »politischer Stabilität«, sondern verwendet beide Begriffe synonym.

[11] Berg-Schlosser & Siegler knüpfen hierbei an ein theoretisches Modell von David Easton an: »Eastons Konzept des `support´ (Unterstützung) richtet sich zum einen auf Handlungen wie das Zahlen von Steuern, die Beachtung von Gesetzen, die Teilnahme an Wahlen u.ä. und zum anderen auf Einstellungen, die der bewerteten Orientierung gegenüber dem politischen System dienen. Das Spektrum reicht hierbei von Ablehnung über passives Akzeptieren bzw. Indifferenz bis zu starker Zustimmung« (vgl. Berg-Schlosser & Siegler 1988: 35).

[12] Die Arbeit von Faath, Koszinowski & Mattes findet in dieser Aussage keine Berücksichtigung, da konzeptionelle Vorüberlegungen im Rahmen dieser Studie (fast) vollständig unterbleiben.

[13] In ähnlicher Weise verfährt Bernhard Giesen in seiner Erklärung von Integration: Anarchie ist das Gegenteil perfekter Integration. Am einen Ende der Skala steht der »Naturzustand der Anarchie, in der keinerlei soziale Verpflichtung, Regel oder Normen Gültigkeit besitzen, und auf der anderen Seite« das moralische Ideal »einer vollkommenen sozialen Ordnung, die von den handelnden Akteuren zur Gänze beachtet wird und in der weder abweichendes Handelns noch soziale Konflikte auftreten können« (vgl. Giesen 1993: 93).

[14] Die Ansätze von Brecher & Ben Yehuda oder Westle bringen im Vergleich zu Parsons nichts Neues. Huntingtons Ansatz scheidet aus den weiteren Überlegungen schon deshalb aus, weil er mit konturlosen Begriffen arbeitet.

[15] Der Terminus »Staat« findet in diesem Zusammenhang in einem engen institutionellen Sinne Verwendung, d.h. er bezieht sich ausschließlich auf die staatlichen Institutionen in ihrer klassischen Dreiteilung in Exekutive, Judikative und Legislative (Diese Auffassung von Staat ist im Unterschied zum gesellschaftlichen und universellen Staatsbegriff zu sehen; vgl. dazu Holtmann 1994: Stichwort »Staat«). »Gesellschaft« wird hingegen als ein von (national)staatlichen Grenzen umschlossenes Ganzes menschlichen Zusammenlebens (»Nationalgesellschaft«) außerhalb des staatlichen Institutionengefüges angesehen (vgl. Strasser 1991: 203).

[16] Hierbei ist zu beachten, daß der Inhalt der Staatsverfassung nicht automatisch der Verfassungswirklichkeit entspricht. Staaten benötigen nicht zwangsläufig einen schriftlich fixierten Verfassungstext um »verfaßt« zu sein. Auch ohne die Existenz einer Verfassung bilden sich Macht- und Herrschaftszentren innerhalb des Staates aus (zum Diskurs über »Verfassungswirklichkeit« vgl. Prätorius 1997: 500ff.).

[17] »Auch wenn aus einer Reihe von Gründen eine Gesellschaft ein einziges Kollektiv bilden muß, so verhindern doch andere Gründe, daß eine Gesellschaft eben nur das (ein Kollektiv) ist« (vgl. Parsons 1976: 186).

[18] Dahrendorf verweist, als konkurrierendes Gegenstück zur strukturell-funktionalen Integrationstheorie, auf die Herrschaftstheorie der Sozialstruktur, welche einen rein auf Zwang beruhenden Zusammenhalt von Herrschaftsverbänden postuliert (vgl. Dahrendorf 1957: 159ff.).

[19] Parsons folgt mithin einer (kultur-)nationalistischen bzw. ethnozentristischen Integrationsideologie. Als Solidaritätsgrundlage in frühen modernen Gesellschaften sieht Parsons drei Faktoren: religiöse, ethnische und territoriale Einheit; jene drei Faktoren schaffen die Grundlage nationaler Solidarität (vgl. Parsons 1976: 34; 138-139).

[20] Eben diese von Parsons verwendeten Kriterien entsprechen in weiten Teilen jenen Kriterien, die am Ende des in die Thematik einführenden Exkurses als Stabilitätsbedingungen zusammengefaßt wurden. Jene Bedingungen – Legitimität, Loyalität, wirtschaftliche Entwicklung etc. – können allesamt integrative Wirkung entfalten und Integrationsprozesse in Gang setzen.

[21] Vorausgesetzt Entwicklung ist erwünscht. Ein Gesellschaftsmodell, das in seinem Wesen dem Konzept der Moderne folgt, wird auf Entwicklung nicht verzichten können. Wird ein bestehendes Gesellschaftsmodell aber bereits als Idealform einer guten Gesellschaft erachtet, so wird jede weitere Entwicklung – und damit Veränderung – unerwünscht sein.

[22] In diesem Sinne trägt der Konflikt zur Stabilität der jeweiligen Systemkomponenten, zwischen denen der Konflikt stattfindet bei.

[23] Coser trifft bereits zuvor eine grundlegende Unterscheidung zwischen »echtem« und »unechtem« Konflikt. Echter Konflikt betrifft menschliche Forderungen nach höherem Status, größerer Macht, besserem Einkommen etc. und entsteht aus »...der Verfolgung von Forderungen, die auf der Versagung von Wünschen und Gewinnerwartungen beruhen« (Coser 1965: 65). Unechter Konflikt entsteht hingegen »...aus Versagungen und Frustrationen durch den Sozialisierungsprozeß und später durch Verpflichtungen aus der Erwachsenenrolle...« (Coser 1965: 65-66).

[24] Der weitere Gedankengang beruht in wesentlichen Zügen auf den Ausführungen von Uwe Schimank, der allerdings nur Theorien funktionaler Differenzierung und Theorien sozialer Ungleichheit voneinander unterscheidet. Dies greift meiner Ansicht nach zu kurz, da Ansätze unberücksichtigt bleiben, die soziale Konflikte über die naturbedingte (primordiale) kulturelle Andersartigkeit sozialer Gruppen zu erklären versuchen oder diese Andersartigkeit als Auslöser von Konflikten zumindest suggerieren (vgl. Schimank 1998: 62ff.).

[25] Max Weber verwendet »Autorität« synonym mit dem Begriff »legitimer Herrschaft« (vgl. Weber 1976: 122).

[26] Neil J. Smelser stellt diese Problematik dar, indem er von »competing Systems of Authority « spricht. Er bezieht sich in diesem Zusammenhang explizit auf den Prozeß des »nation building « und weist darauf hin, daß die Spannungen, welche zwischen nationalen und lokalen Autoritäten auftreten, ein universelles Phänomen politischer Entwicklung sind. Oberste nationale Autorität in dieser Auseinandersetzung ist die nationale Regierung. Die lokalen Autoritäten wurzeln in Strukturen wie Verwandschaft (»kinship «), Gemeinschaft (»community «), Kaste (»caste «) etc. (Smelser 1971: 19). Die Problematik der Autoritätssicherung wird auch bei Howard W. Wriggins dargestellt, wenngleich er sich in seinen Ausführungen auf Regime bzw. Herrscher bezieht: »The components of power, that is, the groups of people who in their combination have the potentiality for exerting power to uphold or to challenge a regime, must be organized, inspired, negotiated with, bribed, or in other ways persuaded to throw their weight behind the ruler, or at least to acquiesce in his position or his program. The process of winning them to the ruler´s cause can be likened to the search for political coalitions of support. « (Wriggins 1969: 9).

[27] Die Termini »Macht« und »Herrschaft« werden hier im Sinne Max Webers verwendet: »Macht bedeutet jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht. Herrschaft soll heißen die Chance, für einen Befehl bestimmten Inhalts bei angebbaren Personen Gehorsam zu finden;« (Weber 1976: 28).

[28] Talcott Parsons bemerkt in diesem Zusammenhang folgendes: »In einer modernen Gesellschaft findet die gesellschaftliche Organisationsebene ihren Niederschlag vor allem in politischen Formen. Alle primär integrativen Probleme müssen sich auf einen gemeinsamen Bezugspunkt ausrichten lassen. Durch seine gesetzgeberische Funktion, seine Verantwortung für die nationale Sicherheit und eine Vielzahl anderer Aufgaben bildet im nationalen Zusammenhang der Regierungsapparat den wesentlichen Organisationsrahmen auf dieser Ebene. « (Parsons 1976: 95).

[29] Die beinahe identische Etymologie von Legitimität und Loyalität - legitim leitet sich von lat. lex, legis »Gesetz«, loyal von lat. legalis »gesetzlich« ab - mag eine enge Koppelung beider Begriffe an das positive Recht nahe legen. Beide Begriffe weisen allerdings Bedeutungen auf, die über rein rechtliche Aspekte formeller Gesetzmäßigkeit hinausgehen.

[30] Im Unterschied zur Legitimität als der Rechtmäßigkeit eines politischen Systems steht der Begriff der »Legitimation«, welcher als das Verfahren zur Herstellung von Legitimität bezeichnet wird (Holtmann Politik-Lexikon 1994: Stichwort »Legitimation«).

[31] Zu weiteren Ausführungen über den Begriff der Legitimität vgl. Holtmann 1994: Stichwort »Legitimität«; Westle 1989: 22-23; Heidorn 1982: 12ff.; Mandt 1991: 383-388.

[32] Vgl. die Ausführungen über die Dynamik des europäischen Integrationsprozesses aus funktionalistischer Perspektive bei Wolf 1999: 41.

[33] Die Loyalitätspflicht gegenüber dem Staat und die Gesetzesgehorsamspflicht finden sich in der pakistanischen Verfassung von 1973 unter Art. 5 Abs. 1 und 2: » (1) Loyalty to the State is the basic duty of every citizen. (2) Obedience to the Constitution and Law is the basic obligation of every citizen wherever he may be and of every other person for the time being in Pakistan. «.

[34] Die extremste und stark emotional geprägte Form bürgerlicher Loyalität gegenüber dem Staat verkörpert die mit nationalistischen Ideologien Hand in Hand gehende Vaterlandsliebe des Nationalpatriotismus. Patriotismus übernimmt eine wichtige Funktion bei der Schaffung einer allgemeinen nationalen Identität. In dieser Form gilt Loyalität nicht mehr in erster Linie Staat und Regierung, sondern der Nation, deren »natürliche« Organisationsform der Nationalstaat ist.

[35] Schlüsselbegriff bei Fletcher ist das »historical self « des Menschen, welches er als Basis menschlicher Loyalitätsbeziehungen identifiziert. Was Fletcher mit diesem Begriff auszudrücken scheint, ist die feste Verwurzelung des Menschen in seiner sozialen Umwelt.

[36] Auf einer personellen Ebene könnte Vertrauen als der Glaube an die Verläßlichkeit und die guten Absichten anderer Menschen bezeichnet werden.

[37] Piotr Sztompka unterscheidet die Arten des Vertrauens in »allgemeines Vertrauen«, »institutionelles Vertrauen«, »technologisches Vertrauen«, »Organisationsvertrauen«, »kommerzielles Vertrauen« und »persönliches Vertrauen«. (vgl. Sztompka 1995: 257-258)

[38] Giddens versteht unter Expertensystemen »...Systeme technischer Leistungsfähigkeit oder professioneller Sachkenntnis, die weite Bereiche der materiellen und gesellschaftlichen Umfelder, in denen wir heute leben, prägen.« (Giddens 1990: 40-41).

[39] Der Staat selbst ist ein abstraktes System. Im alltäglichen Gebrauch wird der Begriff des Staates in der Regel als ein nomen actiones verwendet, wonach er ein eigenständig handelndes oder gar denkendes Wesen ist. In juristischem Sinne (Lehre von der Rechtspersönlichkeit) kann der Staat als juristische Person und damit als handlungsfähiges Subjekt behandelt werden. Derartige Auffassungen vom Staat verzerren die Wirklichkeit politischer Prozesse. Tatsächlich bezieht sich »Staat« auf eine Vielzahl verschiedener Sachverhalte. Er kann etwa die staatliche Gesamtgesellschaft, die staatlichen Institutionen und Behörden, nur die amtierende Regierung oder gar alles zusammen bezeichnen. Schon allein diese Unschärfe in der Verwendung des Begriffes Staat macht deutlich, daß die große Masse der Bürger nicht in der Lage ist die vielschichtigen Strukturen und Prozesse des Staates zu durchschauen. Holtmann Politik-Lexikon 1994: Stichwort »Staat«.

[40] Nach Ansicht von Fleiner-Gerster (1995) ist der Staat auf ein gewisses Maß an Solidaritätsbereitschaft von Seiten des Volkes angewiesen. Für die Etablierung einer echten Solidaritätsbereitschaft ist es wesentlich, »...daß die staatliche Gemeinschaft dem einzelnen Menschen und den zu ihr gehörenden kleineren Gemeinschaften Heimat und Geborgenheit gibt«. Findet der Mensch in der staatlichen Gemeinschaft keine Geborgenheit, so wird er sich nicht in diese integrieren lassen (vgl. Fleiner-Gerster 1995: 130-131).

[41] Eine umfasssende Ausführung zur Thematik moderner Staatsaufgaben findet sich bei Franz-Xaver Kaufmann 1994: »Diskurse über Staatsaufgaben«; 20ff.

[42] Vgl. hierzu auch Parsons 1972: 27-28.

[43] Für weitere Indikatoren hinsichtlich eines Vertrauensverlustes im speziellen Fall der postkommunistischen Gesellschaft Polens s. Sztompka 1995: 262-268.

Details

Seiten
150
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783832445713
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v220151
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg – Geographie
Note
1,3
Schlagworte
internationatle politik stabilität pakistan ethnizität integration

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Titel: Politische Stabilität in Pakistan