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Ich wollte nicht mehr kämpfen (müssen)

Eine qualitativ-empirische Studie über den Ausstieg von Frauen aus dem Bauhandwerk

Diplomarbeit 1998 179 Seiten

Pädagogik - Berufserziehung, Berufsbildung, Weiterbildung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

I. EINLEITUNG

II. Theoretischer Bezugsrahmen
A. Das WHITE MALE SYSTEM (WMS)
B. Der Beruf im WHITE MALE SYSTEM
C. EXKURS: Zum Wandel des Frauenleitbildes

III. Empirischer Teil
A. Methode, Design und Durchführung der Untersuchung
1. Theoretische Grundlagen der biographischen Methode
2. Die qualitative Einzelfallstudie in der Biographieforschung
3. Der eigene Bezugsrahmen und die Forschungsfragen
4. Die Auswahl der Probandinnen und die Durchführung der Interviews
5. Das Aufbereitungs- und Auswertungsverfahren
6. Die Analysemethode der Interviewdaten
B. Die Interviewanalysen
1. GUDRUN
a) Die berufliche Biographie
b) Einzelfallanalyse
2. VERA
a) Die berufliche Biographie
b) Die Einzelfallanalyse
3. NANA
a) Die berufliche Biographie
b) Die Einzelfallanalyse
4. Zusammenfassung der Interviewanalysen

IV. Kenntnisgewinn und Konsequenzen aus den Einzelfallanalysen
A. Frauen haben andere Ausgangsvoraussetzungen
1. Struktur, Umfeld und Sozialisation
2. Vorurteile: mangelnde Kraft und mangelndes Technikverständnis
3. EXKURS: Vom "Männerberuf" zum "Frauenberuf" — Zum Geschlechtswechsel von Berufen
B. Ambivalenzen
1. Beschreibung der Ambivalenzen
2. Möglichkeiten der Bearbeitung
C. Fremde, Fremdheit, Entfremdung
1. GUDRUN
2. VERA
3. NANA
4. EXKURS: Handwerkerinnen — Fremdkörper im Arbeitsalltag
D. Resümee

V. Literaturverzeichnis

VI. Anhang

Vorwort

Das Thema der vorliegenden Diplomarbeit entstand vor folgendem Hintergrund: Nach meiner Ausbildung und Tätigkeit als Tischlerin nahm ich das Studium der Diplompädagogik wieder auf. Nunmehr im Hauptstudium, traf ich gleich zu Beginn eine Kommilitonin mit einem ähnlichen Erfahrungshintergrund. Auch sie war aus dem Bauhandwerk ausgestiegen und wollte ihr Pädagogikstudium beenden.

Immer wieder kreisten unsere Gespräche um das Thema "Frau und Handwerk". Trotz großer Einstiegsmotivation und viel Spaß am handwerklichen Arbeiten hatten wir beide uns entschieden, nicht mehr haupt­erwerbstätig in unserem erlernten Beruf tätig zu sein. Die Gründe für diesen Schritt schienen mannigfaltig und diffus und sowohl das Gefühl der Erleichterung als auch des Verlustes mit sich zu bringen. Auch im Gespräch mit anderen "Austeigerinnen" war schwer erfassbar, was genau geschehen war, daß sie oder wir uns zu diesem Schritt entschlossen hatten. Bei allen Frauen zeigte sich ein großes Mitteilungsbedürfnis zu diesem Thema und der Wunsch, die Erfahrungen und Gefühle zum Handwerk und zum Ausstieg in ihrer Komplexität und Widersprüchlichkeit zu begreifen.

Wir beschlossen, weitere Bemühungen (um Selbsterkenntnis) in den Rahmen einer Diplomarbeit zu stellen und die Chance zu nutzen, unsere Berufsgeschichte in einem theoretischen Kontext zu erfassen, um Gründe, Ursachen und Motive für den Berufsausstieg herauszuarbeiten, die auch andere Frauen im Bauhandwerk und ähnlichen Berufsbereichen betreffen.

Hierfür interviewten wir vier ehemalige Handwerkerinnen. Nach Durchführung der Interviews entschloß ich mich aus persönlichen Gründen zum Umzug in meine Heimatstadt. In der Folge trennten wir uns von unserem Vorhaben einer gemeinsamen Diplomarbeit, was den Charakter der Arbeit in weiten Teilen neu geprägt hat. Die Trennung bedeutete neben einem erheblichen Zeitverlust vor allem einen Verlust an Auseinandersetzungs möglichkeiten und gegenseitigem Austausch. Ich habe diese Arbeit alleine geschrieben und bin für die Auswertung der gemeinsam durchgeführten Interviews alleinig verantwortlich.

I. Einleitung

Die vorliegende Arbeit soll Aufschluß darüber geben, warum Frauen nach einer erfolgreich abgeschlossenen Ausbildung im Bau- bzw. baunahen Handwerk und zeitweiliger Tätigkeit als Gesellin sich zumeist gegen einen weiteren Verbleib im Handwerk entscheiden. Anhand der Berufsbiographie ausgewählter Handwerkerinnen möchte ich Strukturen im Handwerk und in der Gesellschaft aufzeigen, die das Arbeiten von Frauen in einem männlich dominierten und strukturierten Handwerk erschweren bzw. unmöglich machen.

In der Fachliteratur zu dem Themenbereich "Frau und Handwerk" war in Hinblick auf dieses Problemfeld kaum Information zu finden. Trotz einer zunehmenden Zahl von Untersuchungen zu Frauen im Handwerk/ gewerblich-technischen Bereich mangelt es noch immer an zusammenhängendem theoretischen Wissen und an differenzierten Bildern zum Alltag von Frauen im Bauhandwerk. Vor allem über die Befindlichkeit von Handwerkerinnen, mögliche Problemaspekte und individuelle Verarbeitungsformen ist wenig bekannt.

Meine Kommilitonin und ich kamen zu der Überzeugung, befriedigende Antworten vorrangig in den eigenen Erfahrungen bzw. von denjenigen mit einer ähnlichen Berufsgeschichte finden zu können. Aufgrund dieses Vorverständnisses bot sich eine offene methodische Vorgehensweise, wie sie in der Biographieforschung entwickelt wurde, geradezu an. Als Erhebungsverfahren entschieden wir uns für qualitative Interviews, in denen Handwerkerinnen mit einer ähnlichen Geschichte zu Wort kommen sollten.

In Teil II. meiner Arbeit erläutere ich vorweg die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, in denen das Berufsleben stattfindet. Nach einer allgemeinen Darstellung unserer gesellschaftlichen Wirklichkeit nach SCHAEF in II.A., gehe ich in II.B. auf die Entwicklung und Bedeutung von Berufstätigkeit ein. Im letztgenannten Teil kommen auch die interviewten Handwerkerinnen zu Wort.

Der empirische Teil (Kap. III.) beschreibt nach einer theoretischen Einführung die vier Fallstudien. Dabei wurden solche Frauen ausgewählt, die eine Ausbildung im Bau- bzw. baunahen Handwerk abgeschlossen hatten und vor ihrem Ausstieg als Gesellinnen Berufserfahrung sammeln konnten. Es handelt sich um zwei Tischlerinnen, eine Stukkateurin und eine Malerin und Lackiererin. Die Interviews wurden mit Hilfe eines zuvor erstellten Leitfadens durchgeführt. (Der vollständige Leitfaden ist im Anhang dokumentiert.)

In den Einzelfallanalysen (Kap. III.B.) habe ich mich auf drei Fälle beschränkt. Hier soll der Prozeß der Handwerkerinnen anhand folgender Fragestellungen nachgezeichnet werden: Welche Motive haben die Frauen zu ihrer Berufswahl veranlaßt? Wie erleben und deuten die Handwerkerinnen ihre Arbeitserfahrungen in einem handwerklichen Männerberuf? Welches sind die Gründe und Bedingungen, die zum Ausstieg aus dem Handwerk geführt haben?

Den Kenntnisgewinn aus den Einzelfallanalysen stelle ich in Teil IV.A.,B. und C. dar. Dabei gehe ich auf die von den Frauen benannten Konfliktfelder und deren Bewältigungsstrategien ausführlich ein. Darüber hinaus möchte ich in diesem Teil aufzeigen, welche kollektiven Strukturen sowohl im Handwerk als auch in der Gesellschaft sich in den Äußerungen der Handwerkerinnen wiederfinden lassen.

Das Resümee (Kap. IV.D.) gewährt eine abschließende Betrachtung sowie einen Ausblick auf die Möglichkeiten und Grenzen pädagogischen Handelns.

II. Theoretischer Bezugsrahmen

Zur Erläuterung, wie Frauen das Arbeiten in einem handwerklichen Männerberuf[1] erleben, möchte ich die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen beleuchten, in denen Berufstätigkeit eingebunden ist. Kap. II.A. gibt einen Einblick in die gesellschaftliche Wirklichkeit der westlichen Industrieländer. Kap. II.B. beschäftigt sich mit der Entwicklung und Bedeutung von Berufstätigkeit in unserer Gesellschaft.

A. Das WHITE MALE SYSTEM (WMS)

Ich beziehe mich bei meiner Darstellung auf ANNE WILSON SCHAEF (1991). In ihrem Buch "Weibliche Wirklichkeit — Frauen in der Männerwelt" zeigt sie auf, daß Frauen in der westlichen Industriegesellschaft in eine Kultur hineingeboren werden, die ihnen eigentlich fremd ist. Sie ist beherrscht vom "System des Weißen Mannes" (WHITE MALE SYSTEM). Jahrhundertelang haben sich die Frauen diesem Prinzip angepaßt und seinen Herrschaftsanspruch anerkannt.

"Das WHITE MALE SYSTEM ist das System, in dem wir leben, in dem weisse Männer die Macht und das Sagen haben. Dieses System entstand nicht über Nacht und wurde auch nicht von einigen wenigen Funktionären ersonnen; wir haben alle dieses System nicht nur toleriert, sondern auch mitentwickelt. Trotzdem ist das WHITE MALE SYSTEM nur ein System und nicht mehr. Wir alle leben darin, aber es ist nicht die Wirklichkeit. ... Das WHITE MALE SYSTEM — und hierbei darf man nicht vergessen, daß ich ein System meine und nicht mit dem Zeigefinger auf bestimmte Personen innerhalb dieses Systems zeige — beherrscht praktisch jeden Lebensbereich unserer Zivilisation. Es macht unsere Gesetze, bestimmt unsere Wirtschaft, setzt Löhne und Gehälter fest und entscheidet, wann und ob wir in den Krieg ziehen oder friedlich zu Hause bleiben dürfen. Es legt fest, was Wissen ist und wie es vermittelt werden soll. Wie jedes andere System hat es positive und negative Seiten. Da es aber nur ein System ist, kann es von innen und außen durchleuchtet, geprüft und verändert werden." (ebd., 1991, S.17)

Das WHITE MALE SYSTEM bestimmt die "schulische, politische, wirtschaftliche, philosophische und theologische Erziehung". Folglich ist unser "emotionales, psychologisches, physisches und geistiges" Leben von diesem System geprägt (ebd., S.20).

Obwohl das WHITE MALE SYSTEM Unzufriedenheit, Streß, Ungerechtigkeit und Zerstörung produziert, hängt nach SCHAEF das Überleben in unserer Zivilisation davon ab, daß es uns gelingt, sich diesem System anzupassen. Die einzige Möglichkeit einer Veränderung dieses Zustands ist demzufolge nur durch die Veränderung des Systems erreichbar. Dieses gestaltet sich jedoch — wie die Fallanalysen beispielhaft zeigen — als diffiziler und kräftezehrender Prozeß.

Da das WHITE MALE SYSTEM die intrapsychische, interpersonale und strukturelle Ebene prägt, bestimmt es nicht nur unsere gesellschaftlichen Grundsätze, Symbole, Ziele und Konsequenzen, sondern beeinflußt auch unser Denken, Fühlen und Handeln. Eine Veränderung des Systems ist aufgrund der Dialektik dieser unterschiedlichen Ebenen, in denen das System operiert, ein komplizierter Prozeß. Nach SCHAEF kommt jedoch erschwerend hinzu, daß das WHITE MALE SYSTEM von vier Mythen getragen, erhalten und zumindest theoretisch gerechtfertigt wird, die die Grundfeste unseres Systems bilden. Im Folgenden werde ich diese Mythen erläutern:

1. Mythos: Es gibt nur das WHITE MALE SYSTEM.

Dieser Mythos beinhaltet, daß das WHITE MALE SYSTEM die einzige Wirklichkeit darstellt und nicht ein System, welches veränderbar ist. Überzeugungen und Sichtweisen anderer Systeme, wie beispielsweise das "der Schwarzen, ... der indianischen Ureinwohner" oder das "Weibliche System" (ebd., S.17), werden abgewertet. Fremde Systeme — besonders das weibliche — werden als Bedrohung empfunden und nicht als Innovationspotential genutzt.

"Dieser Mythos ist in zweifacher Hinsicht zerstörerisch: Er verwehrt es den Frauen, ihre eigenen Fähigkeiten und Wahrnehmungen zu gebrauchen, und er verhindert, daß die Männer nach Alternativen suchen und von den Frauen lernen können." (ebd., S.23)

Die mangelnde Bereitschaft des WHITE MALE SYSTEMS andere Systemteile zu integrieren, "... führt zu einem geschlossenen System und einem starren Lebensmuster, wo alle Abweichungen verworfen, verurteilt oder zerstört werden müssen. Niemand darf dem Unterschied nachgehen oder sie als Chance für neues Wachstum nutzen." (ebd., S.23)

2. Mythos: Das WHITE MALE SYSTEM ist absolut überlegen.

Der erste und zweite Mythos widersprechen sich.

"In gewisser Weise hat das WHITE MALE SYSTEM also zugegeben, daß noch andere Wirklichkeiten existieren. Es bezeichnet sich als allem anderen überlegen und erhebt gleichzeitig den Anspruch, die einzige Wirklichkeit zu sein." (ebd., S.23)

Dieser Mythos geht von einer angeborenen Überlegenheit bzw. Unterlegenheit aus.

"Jeder, der diesem System nicht angehört, ist von vornherein minderwertig und untergeordnet — und das sind die Angehörigen anderer Rassen, Frauen und die wenigen weißen Männer, die nicht in das WHITE MALE SYSTEM passen." (ebd., S.23)

3. Mythos: Das WHITE MALE SYSTEM ist allwissend.

Ein System, welches sich über das Selbstverständnis der Überlegenheit definiert, begreift sich auch als allwissend.

"Dieser Mythos hängt unmittelbar mit Rassen- und Geschlechterstereotypen zusammen. Ein Stereotyp ist nichts anderes als eine Definition, die von einer Gruppe aufgestellt wird, mit dem Ziel eine andere zu beherrschen. All diese Stereotypen untermauern die Mythen des WHITE MALE SYSTEM." (ebd., S.24)

Die Geschlechterstereotypen, die in unserer Gesellschaft existieren, beschreiben und klassifizieren vermeintliche Eigenschaften von Frauen und Männern. Obgleich es die Stereotype von Frau und Mann in Wirklichkeit kaum gibt, haben diese Bilder dennoch eine Wirkung. Sie nehmen Einfluß darauf, wie Frauen und Männer sich selbst und gegenseitig wahrnehmen und beurteilen.

4. Mythos: Es ist möglich, absolut logisch, rational und objektiv zu sein.

SCHAEF führt an, daß

"ein wesentlicher Teil der Psychologie sich mit dem Studium der individuellen Wahrnehmung befaßt: dem Phänomen, daß es bei der Beschreibung ein und desselben Vorgangs genau so viele Versionen wie Beobachter gibt." (ebd., S.25)

Da der Anspruch des WHITE MALE SYSTEMS absolut logisch, rational und objektiv zu sein nicht möglich ist, müssen WHITE MALE SYSTEM angepaßte Personen "ständig gegen ihre unlogischen, irrationalen, subjektiven oder intuitiven Gedanken und Verhaltensweisen ankämpfen und sie verleugnen" (ebd., S.24).

Das Festhalten an diesen Mythen bedingt nach SCHAEF ein sehr reduziertes Leben. Es verbaut Möglichkeiten innovativer Wege und Chancen ganzheitlichen Wachstums, da es "ganze Welten von Informationen außer acht läßt" (ebd., S.25). Das Selbstverständnis der eigenen Überlegenheit versperrt den Zugang, von Vorzügen und Fähigkeiten anderer zu lernen.

Die Möglichkeit einer Veränderung sieht SCHAEF darin, das WHITE MALE SYSTEM "als die Summe seiner Teile" zu begreifen, welches es kritisch zu hinterfragen gilt (ebd., S.33). Teile des Systems sind folglich veränderbar und Teile anderer Systeme integrierbar. Die Entdeckung anderer Wirklichkeiten als mögliche Alternative zu der uns bekannten Realität würde vorstellbar.

Da wir alle im WHITE MALE SYSTEM leben und dieses mitgestalten, ist eine Veränderung nur von außen und innen möglich. D.h., sie kann nicht nur durch strukturelle Maßnahmen erfolgen, sondern muß auch durch die sexistisch geprägten Köpfe jedes und jeder einzelnen hindurch. Nach SCHAEF ist nicht die Frage von Bedeutung "ob wir SexistInnen sind, sondern in welchem Maße wir es sind" (ebd., S.18). Das gilt sowohl für Männer als auch für Frauen.

Damit möchte ich kein gleichberechtigtes Nebeneinander der Geschlechter suggerieren. Zwar sind die Entfaltungsmöglichkeiten im WHITE MALE SYSTEM sowohl für Frauen als auch für Männer eingeschränkt, doch wachsen Frauen in einer ihnen fremden Wirklichkeit auf. Wenn sie versuchen, andere Wirklichkeiten zu erforschen und ihre Wahrnehmung zu verändern, müssen sie mit Widerstand und Abwertung durch das WHITE MALE SYSTEM rechnen (vgl. Kap. IV.). Zwischen den Geschlechtern gibt es ein Machtgefälle und eine Chancenungleichheit, eine Einseitigkeit von Vorurteilen und Diskriminierungen. In vielen Situationen konzentrieren sich Abhängigkeit auf der einen und Privileg auf der anderen Seite.

B. Der Beruf im WHITE MALE SYSTEM

SCHAEF (1991) beschreibt die gegenwärtige Bedeutung von Berufsarbeit wie folgt:

"Im WHITE MALE SYSTEM stehen das Selbst und die Arbeit im Zentrum der Aufmerksamkeit. Alles andere wird daran gemessen, darauf bezogen und dadurch definiert." (ebd., S.111)

Im folgenden Kapitel möchte ich gesellschaftlich-historische Zusammenhänge von Berufstätigkeit erläutern und aufzeigen, inwieweit diese das persönliche Erleben der Handwerkerinnen heute bestimmen.

Mit der Industrialisierung im letzten Jahrhundert fand eine Trennung zwischen Produktionsarbeit und Reproduktionsarbeit statt. Diese Trennung verlief auf verschiedenen Ebenen — einmal real und zum anderen in der gesellschaftlichen Bewertung; durch die Bezahlung der Lohnarbeit und der Nichtbezahlung der Hausarbeit wurde "die Lohnarbeit zur einzigen gesellschaftlich anerkannten Arbeit" (KONTOS/WALSER, 1979, S.83). Darüber hinaus wurde dem Bereich Familie zu diesem Zeitpunkt eine ganz neue Qualität, und zwar emotionaler Art, zugesprochen. Ein Grund dafür war das Bedürfnis nach Ausgleich und emotionaler Reproduktion auf dem Hintergrund frustrativer Erfahrungen im Lohnarbeitsverhältnis. Auch heute noch wird die Familie als "Gegenstruktur zur Gesellschaft" gesehen (Titel einer Arbeit von ROSENBAUM, 1978). Der Reproduk­tionsbereich soll Wunden ausgleichen, die durch die Produktionsverhältnisse geschlagen werden (vgl. KONTOS/ WALSER, 1978, S.78).

So war es möglich, daß sich mit dem Entstehen der bürgerlich-industriellen Gesellschaft im Bereich beruflicher Arbeit Leistungsanforderungen herausgebildet haben, die den vollen Einsatz im Beruf fordern und eine vollständige Entlastung von Reproduktionsarbeiten voraussetzen.

Der Begriff "Anderthalb-Personen-Beruf" (BECK-GERNSHEIM, 1976, S.103) weist darauf hin, daß im Regelfall die Frau für ihren berufstätigen Mann all diese unbezahlten Arbeiten übernimmt, die eine Erwerbstätigkeit außerhalb des Hauses erst möglich machen. Sie sorgt sich um sein leibliches Wohl, kocht, putzt, wäscht und schafft darüber hinaus — durch die Kreation einer angenehmen Atmosphäre — in Heim und Familie die emotionale Basis, von welcher aus er operieren kann. Berufstätigkeit im WHITE MALE SYSTEM erfordert daher eine Form der Lebensorganisa­tion, die auf den Mann mit Hausfrau abgestimmt ist (vgl. ebd.). In diesem Sinne hat die Trennung von Männerwelt — Beruf und Frauenwelt — Arbeit erst die sozialen Voraussetzungen zum Funktionieren unseres Leistungsprinzips geschaffen.

NANA — eine meiner Interviewpartnerinnen — beklagt ihre Situation im WHITE MALE SYSTEM und bestätigt BECK-GERNSHEIMS Bild:

In der Lehre habe ich immer gesagt, es fehlt eigentlich eine Hausfrau, die zu Hause sitzt, die dir die Sachen wäscht. Das ist alles auch zuviel und die Männer, die haben das irgendwie zu Hause. Und so, wie das strukturiert ist, brauchst du das auch. Auch den emotionalen Background. (Nana, S.18 )

Eine so angelegte Berufsarbeit bringt folglich auch Vereinseitigung mit sich. Alles, was den reibungslosen Produktionsablauf unterbricht, gilt als Störfaktor. Lebensäußerungen, wie Momente der Spontaneität, Gefühle, Neugierde oder Phantasie müssen, sofern sie nicht unmittelbar auf die Berufsarbeit bezogen sind, zurückgestellt oder unterdrückt werden. Andere Interessen, Neigungen und Fähigkeiten, die den Rahmen der beruflich erforderten Kenntnisse übersteigen, werden beiseite geschoben und verdrängt (vgl. BECK-GERNSHEIM/OSTNER, 1978; BECK-Gernsheim, 1980).

Auch die von mir interviewten Handwerkerinnen erfahren eine Vereinseitigung durch ihre Arbeit:

Der (ideale Arbeitsplatz) wäre nicht jeden Tag von acht bis fünf zum Beispiel. Der wäre auch so, daß ich Platz für andere Sachen hätte. Das ist einfach nicht wahr, daß mich nur Schreinerei inte­­ressiert. Das ist Quatsch. (Gudrun, S.29)

... seit ich den Job aufgegeben habe (ist es so), daß ich mich einfach mehr in so Bereichen bewege, wo ich einfach sehe, da sind ganz viele Teile von mir, wo ich vorher einfach keine Gelegenheit hatte, die zu leben. (Vera, S.33)

Ja, ‘Produktionsdruck’, was meine ich damit? Daß ein Mensch immer nur am Produzieren und Tun und Machen ist und da sein ganzes Selbstbewußtsein, sein ganzes Ich draus zieht, das ist eine Verarmung des Menschen. (Gudrun, S.28)

Je mehr im Berufsalltag die Prinzipien der Zeit- und Kostenökonomie herrschen, und je mehr der alles verschlingende Grundsatz des "besser, schneller, größer, weiter" unser Wirtschaftssystem dirigiert, desto mehr wird Berufsarbeit zu einer alles bestimmenden Aktivität, der alle anderen Aktivitäten unterzuordnen sind.

Aber eben, was so Haushalt angeht, hab’ ich alles selber gemacht. Zusätzlich zu der Arbeit meine eigenen Klamotten gewaschen und geflickt und eingekauft und Haushalt gemacht und geputzt. Das schaffst du nicht. Also, das glaube ich auch, wenn ich nur hätte arbeiten müssen — was heißt "nur"? — und dann abends nach Hause gekommen wäre, und ich hätte nichts mehr machen brauchen. Ja klar, das würde gehen. Da könnte ich vielleicht auch mit leben. Dann würde ich immer noch sagen, vielleicht nur vier Tage die Woche, nicht unbedingt fünf, aber doch, da könnte ich dann auch mit leben. (Nana, S.19)

Als Berufstätige scheint es angenehm, sich von der privaten Alltagsarbeit befreien zu lassen. Jedoch ist zu bedenken, daß die Hausarbeit nicht nur lästige Tätigkeiten beinhaltet, sondern auch durchaus Spaß, Entspannung, Abwechslung und Phantasie bedeuten kann, vor allem, wenn es nicht die ausschließliche Tätigkeit ist. Gartenarbeit, die Zubereitung eines Essens oder die Beschäftigung mit Kindern sind konkrete personen- und bedürfnisbezogene Tätigkeiten, die noch einigermaßen ganzheitlich sind. Darüber hinaus setzt die Art solcher Arbeit Fähigkeiten wie Empathie, Geduld und Erfahrungswissen voraus, die unter dem Druck des Berufsalltags häufig zu kurz kommen. Reproduktionsbezogene Tätigkeiten können einen Ausgleich zur Berufstätigkeit schaffen und neue Impulse geben (vgl. BECK-GERNSHEIM, 1979, S.170-173; OSTNER, 1978).

Jedoch weist Berufsarbeit auch viele positive Seiten auf. Sie bedeutet Herausforderung, Anregung und die Entwicklung von Fähigkeiten. Der Beruf verschafft Anerkennung und Selbstbestätigung. Er ist eine Quelle des Selbstbewußtseins und wird damit zum Teil der Identität (vgl. Beck-Gernsheim, 1980).

Aber erst ‘mal war ich dann doch Schreinerin[2], und das war auch schon wichtig, auch so für mein Selbstwertgefühl ... . Das war auch über die ganzen Jahre immer ein wichtiger Punkt in meinem Leben zu sehen, das ist ‘ne Arbeit, da krieg’ ich auch unheimlich viel Bestätigung. (Vera, S.8)

Mir ist eigentlich überhaupt nicht eingefallen, was ich machen kann. Weil ich schon viel von meinem Selbstwertgefühl aus dieser Arbeit herausgezogen habe. (Gudrun, S.15)

Gleichzeitig bedeutet Berufstätigkeit immer auch das Einüben von Verzicht aller Art. Verzichtet werden muß auf Wünsche, Ansprüche, Hoffnungen und Pläne, die sich nicht mit der Berufsbiographie vereinbaren lassen. Beziehungen, Freundschaften, Gespräche, Gefühle, Tagträume oder vordergründiges Nichtstun, all dieses wird dem Rhythmus des Arbeitsalltags untergeordnet (vgl. Beck-Gernsheim, 1980).

Auch NANA und VERA erleben ihre Berufstätigkeit als Beschränkung:

Wenn du nur Handwerkerin bist, finde ich, da fehlen dann auch ein paar Aspekte des Lebens drin. So ein bißchen mehr Freiraum zu haben, so einfach für irgendwelche Gedanken, für irgendwelche Themen in deinem Leben, und sei es politische oder Freizeit oder sonstige. Das ist alles ganz reduziert. Also, das gibt's wohl, aber alles, auch Freizeit, ist dann total geplant und eben reduziert, finde ich. Ich habe jetzt schon das Gefühl, ich lese mehr, ich befasse mich mehr mit umfassenden Themen. Und komme überhaupt mehr dazu, mein eigenes Leben zu planen, was ich denn vielleicht noch will oder so. Aber als Handwerkerin, wie das im Ideal aussehen würde, weiß ich auch nicht. Familie und Handwerkerin? Ist dann schwierig. Kommt auf den Typ an. (Nana, S.19)

Also, ich würd' sagen, in diesen sieben Jahren war mein Beruf eigentlich immer das Wichtigste, was ich gemacht hab’'. Und das merk' ich auch jetzt, seit ich nicht mehr in dem Beruf fest drinne bin, daß ich einfach andern Dingen in meinem Leben mehr Raum gebe. Einfach mich wirklich mehr darum kümmern, daß es mir gut geht, daß ich viel mehr mit Freunden zusammen bin. Das war also auch in diesen zwei, zweieinhalb Jahren als ich fest gearbeitet hab’, da hatte ich dann meinen Freund, daß war alles bequem und pflegeleicht und hier um die Ecke. Aber da hab' ich kaum Kontakt mit andern Freunden gehabt, mich also wirklich auszutauschen oder ... Perspektiven zu entwickeln oder wie auch immer. Also, das war eher immer so, daß das schon sehr zentral war, diese Berufsgeschichte ... (Vera, S.38)

Die vorangehenden Ausführungen sollen die reale Ambivalenz der gegenwärtigen Berufsarbeit verdeutlichen. Der Beruf ist eine wesentliche Basis für Selbstbestätigung und Selbständigkeit. Zugleich bedeutet er aber auch Einengung und Vereinseitigung.

Es bleibt offen, ob dies für Männer und Frauen gleichermaßen gilt. Dieser Frage werde ich in Kapitel IV.A. und IV.B. nachgehen und erläutern, warum Frauen von dieser Ambivalenz stärker betroffen sind als Männer.

C. EXKURS: Zum Wandel des Frauenleitbildes

Zum besseren Verstehen der von mir interviewten Frauen spielt auch der sogenannte "Zeitgeist" eine beachtenswerte Rolle. Dazu möchte ich in einem kurzen Exkurs aufzeigen, wie sich das Frauenleitbild während der Sozialisationsphasen der befragten Handwerkerinnen gewandelt hat.

Ich beziehe mich bei meinen folgenden Ausführungen auf eine Studie von CHRISTINE FELDMANN-NEUBERT (1991) "Frauenleitbild im Wandel 1948 — 1988", die die Veränderung des Frauenleitbildes anhand der seit vielen Jahrzehnten erscheinenden Frauenzeitschrift "BRIGITTE" untersucht hat.

Wird noch in den 50er Jahren die Mutterschaft als natürliche Bestimmung der Frau angesehen, so verändert sich das Leitbild in den 60er Jahren. Das Hausfrauendasein erfährt eine extreme Abwertung. Es wird viel über die Unzufriedenheit und Verdummung von Hausfrauen geschrieben. Zunächst wird der Versuch unternommen, die Aufhebung der Unzufriedenheit in häusliche Kanäle zu lenken. Die Ehefrau soll ihrem Ehemann mehr Partnerin sein und durch Hobbys und Weiterbildung ihre Unzufriedenheit kompensieren. Die Mutter-Kind-Beziehung tritt in den Hintergrund. Eine maßvolle Berufstätigkeit wird propagiert, die aber mit der Familie vereinbar sein muß, da der familiäre Bereich weiterhin der Frau obliegt. Die Motive der Berufswahl sind erfüllungs­orientiert und nicht zweckbestimmt. Es wird Wert auf eine Berufsausbildung für Mädchen gelegt, die Spaß machen soll und nicht in erster Linie eine Absicherung bieten muß. Gewarnt wird vor der "Vermännlichung" der Frau im Beruf.

In der Zeit von 1970 — 1980 befindet sich das Frauenleitbild in einer bedeutenden Umbruchphase. Die Berufstätigkeit von Frauen wird nicht mehr grundsätzlich abgelehnt, sondern als Weg der emanzipierten Frau verbreitet. Frauen werden dazu ermuntert, auch gegen den Willen des Ehemannes einen Beruf auszuüben. Es wird nach Modellen gesucht, wie sich Familie und Beruf vereinbaren lassen. Das Drei-Phasen-Modell — Ausbildung, Familienpause, Wiedereinstieg in Beruf — sowie die Teilzeitarbeit werden als Vereinbarungsmodelle favorisiert. Die berufliche Gleichberechtigung, die allein nach dem Kriterium individueller Leistung erfolgen soll, ist ein Fernziel. Die vollständige gesellschaftliche Gleichberechtigung für Frauen durch Bildung und Ausbildung und der Einstieg in Männerberufe wird als erreichbar angesehen. In diesem Rahmen wird die geschlechtsspezifische Sozialisation kritisch hinterfragt. Es erfolgt eine Umorientierung bei der Vorstellung von Bildung und Erziehung von Mädchen hin zur Doppelorientierung. Hausarbeit ist von ihrem Status her eine unterprivilegierte Tätigkeit und Mutterschaft nicht mehr die einzige Erfüllung für Frauen. Die Institution Ehe wird hinterfragt, das traditionelle Weiblichkeitsstereotyp als defizitär eingestuft und seine Erweiterung um den männlichen Faktor angestrebt. Frauen sollen aktiver ihren Interessen nachgehen.

Frauen sind in dieser Zeit ebenso wie Männer stark von Arbeitslosigkeit betroffen. Zur Reduzierung des Arbeitslosenproblems werden Strategien vorgestellt wie: "Nachholen der Ausbildung, Weiterbildung, Zweiter Bildungsweg, Fernstudium und die Ausbildung von Frauen in Männerberufen" (ebd., S.255).

In den Jahren 1980 — 1990 ist der Vereinbarungswunsch von Familie und Karriere das Hauptthema dieser Zeit. Die Doppelorientierung ist von den Frauen verinnerlicht worden. Durch das Auftreten neuer Technolo­gien (EDV) und neuer Arbeitszeitformen (Job-sharing) gewinnt die Frage nach Vereinbarkeit an Aktualität.

Immer öfter wird die Frage nach Familie oder Karriere laut, und die Auswirkungen auf die Partnerschaft werden untersucht. Als Handicap für die Karriere wird die defizitäre Sozialisation und die Familienorientierung der Frauen gesehen, als karrierefördernd die Höherqualifizierung propagiert. Der Trend zur Empfehlung eines Männerberufs setzt sich fort.

"Bei der Offensive ‘Mädchen in Männerberufen’ verbinden sich subtil Qualifizierungsbemühungen zur Nachbesserung der ‘defizitären Sozialisation’ mit den Erfordernissen der technologischen Revolution im Produk­tionssektor." (ebd., S.269)

Die Zeit des Hausfrau- und Mutterdaseins wird als vorübergehende Phase betrachtet, wobei für den Wiedereinstieg in den Beruf die Weiterbildung und der Kontakt zum Beruf während der Familienpause unerläßlich scheint.

Beziehungen sind verstärkt auf Partnerschaftlichkeit aufgebaut und Frauen erhoffen sich durch die nichteheliche Lebensgemeinschaft eine größere Selbstbestimmung und den Ausbruch aus den mit der Ehe verknüpften Rollenzwängen. Neue Beziehungsformen und die Berufstätigkeit der Frau werden für die partnerschaftliche Beziehung als förderlich, der Kinderwunsch eher als Hemmnis angesehen.

Die von mir befragten Handwerkerinnen sind in diesem Zeitgeist aufgewachsen. Zur Zeit der Interviews ca. 30 Jahre alt, haben sie in ihrer Adoleszenz die Hinwendung zur Doppelorientierung erlebt und auch ihre Mütter vor diesem Hintergrund wahrgenommen. Das Phänomen "Zeitgeist" hatte zweifellos Einfluß auf ihre Zukunftsvisionen. Wie sich ihr Leben schließlich wirklich gestaltet(e), ist auch Folge dieses Einflusses.

III. Empirischer Teil

A. Methode, Design und Durchführung der Untersuchung

Im folgenden Kapitel möchte ich den methodischen Zugang meiner Arbeit rekonstruieren und den von mir gewählten Forschungsansatz erläutern. Darüber hinaus dient es der Darstellung meines Erkenntnisinteresses und der Durchführung und Auswertung der Untersuchung

1. Theoretische Grundlagen der biographischen Methode

"Die Auswertung von persönlichen Dokumenten (Tagebücher, Briefe, Memoiren, Autobiographien, Zeugenaussagen etc.) oder die Rekonstruktion von Lebensläufen (durch Befragung) wird als biographische Methode bezeichnet." (LAMNEK, 1989, S.324)

Die persönlichen Dokumente oder Erzählungen geben Einblick in die psychischen Haltungen und Motivationen sowie das Verhalten der Einzelnen im gesellschaftlichen Zusammenhang. Mit Hilfe der biographischen Me-thode wird das Ziel verfolgt, Leben verstehbar zu machen, Tatsachenbeschreibung zu geben, Hypothesen zu bestätigen bzw. zu widerlegen und neue Erkenntnisse zu formulieren.

"Sie soll einen methodischen Zusammenhang zum sozialen Leben ermöglichen der — möglichst umfassend ist, — die Eigenperspektive der handelnden Subjekte thematisiert, — die historische Dimension berücksichtigt." (ebd., 1989, S.335)

Theoretische Voraussetzung der biographischen Methode ist der Versuch, die Interaktion zwischen dem individuellen Bewußtsein und der objektiven sozialen Wirklichkeit herzustellen und diese zu integrieren. Die Lebenswelt eines Individuums ist "der soziale Kontext, in dem eine Person handelt, in der objektive Bedingungen subjektiv bedeutsam werden" (HEINZ, 1987, S.21). Die objektiven Bedingungen und die subjektive Konstruktion von Wirklichkeit stehen in einem dialektischen Verhältnis. "Gesellschaft ist ein menschliches Produkt. Gesellschaft ist eine objektive Wirklichkeit. Der Mensch ist ein gesellschaftliches Produkt" (BERGE/LUCKMANN, 1987, S.65). Für den Einbezug von Subjektivität ist der direkte Kontakt mit der empirischen Welt erforderlich, ein Einlassen auf die Lebenswelt der Forschungssubjekte, um die Logik sozialer Problemlagen aus der Betroffenenperspektive zu erfassen.

Typisch für die qualitativen Forschungsansätze ist der sowohl induktive als auch deduktive Charakter ihrer Erkenntnisgewinnung. Die Untersuchungsrichtung pendelt sowohl vom Besonderen zum Allgemeinen wie auch vom Allgemeinen zum Besonderen. Der "Theoriegewin-nungszusammenhang" erhält demnach innerhalb qualitativer Verfahren eine ebenso große Bedeutung wie der "Theorieüberprüfungs-zusammenhang" (vgl. KLEIN, 1985, S.71).

Bei der Biographieforschung als theoretischem Konzept "... geht es um die Einbeziehung von Subjektivität und um die Konstruktion oder Rekonstruktion von Ereigniszusammenhängen in einer faßbaren Form" (LAMNEK, 1989, S.327). Das biographische Material kann als Hilfs-oder Ergänzungsmaterial hinzugezogen werden oder als einziges Material zur Lösung eines soziologischen Problems genutzt werden.

2. Die qualitative Einzelfallstudie in der Biographieforschung

"Die Einzelfallstudie im qualitativen Paradigma strebt eine wissenschaftliche Rekonstruktion von Handlungsmustern auf der Grundlage von alltagsweltlichen, realen Handlungsfiguren an." (LAMNEK, 1989, S.16)

Das Ziel der Forscherin/des Forschers ist es also, mit Hilfe der Einzelfallstudie typische Handlungsmuster, die über den einzelnen Fall hinausgehen, zu erarbeiten. Um einzelne Fälle qualitativ zu untersuchen, können verschiedene Erhebungstechniken eingesetzt werden (Interviews, teilnehmende Beobachtungen, Gruppendiskussionen, Inhaltsanalysen von Autobiographien etc.). Häufig werden verschiedene Erhebungstechniken kombiniert, um möglichst vollständige Erhebungsdaten zu erhalten.

Der Forschungsprozeß der qualitativen Einzelfallstudie wird in drei Phasen unterteilt: die Populationsauswahl, die Datenerhebung und die Auswertung des Materials. Erfolgt die Auswahl der ProbandInnen in der quantitativen Erhebung zufällig und ist die Repräsentativität der Stichprobe von Bedeutung, so erfolgt die Auswahl eines Falles bei der qualitativen Erhebung systematisch. Die Wahl der Handlungsfiguren ist auf die Forschungsfrage ausgerichtet. Interessante Fälle werden untersucht, beschrieben und ausgewertet hinsichtlich möglichst vieler Dimensionen, um dem Untersuchungs"subjekt" gerecht zu werden (vgl. LAMNEK, 1989, S.21ff.).

Durch die qualitative Einzelfallstudie kann zum einen das Individuum im Alltagskontext individuell wahrgenommen werden, zum anderen können Handlungsmuster aufgezeigt werden, die zwar individuell sein können, aber keineswegs einmalig und individuenspezifisch auftreten. Es können generelle Strukturen aufgedeckt werden. Einzelne Lebensgeschichten zeigen, wie

"objektive Sachlagen, historische und kulturelle Gegebenheiten subjektiv verarbeitet werden ... umgekehrt liegt in der Analyse biographischer Materialien auch eine Chance, etwas darüber zu erfahren, wie der individuelle Aneignungs- und Auseinandersetzungsprozeß in der (das Objekt betonenden) Sozialisation aussieht." (GUDJONS, 1983, S.583)

Dabei muß davon ausgegangen werden, daß Lebensgeschichte und erlebtes Leben nicht identisch sind, da während und vor dem Prozeß des Erinnerns selektiert, interpretiert und auch phantasiert wird. Das Augenmerk richtet sich daher nicht auf die Frage nach der Authentizität der präsentierten Lebensgeschichte, sondern darauf, wie BAACKE (1985) es formuliert, "Gründe für menschliches Verhalten zu finden" (ebd., S.16).

3. Der eigene Bezugsrahmen und die Forschungsfragen

In meiner Forschungsarbeit geht es demnach auch nicht um "eine Sicht von außen", sondern um subjektive Bedeutungszuschreibungen, um die Erfahrungen und das Erleben von Frauen innerhalb des Handwerks als Teil ihrer Lebenswelt.

"Die Einzelfallauslegung bedeutet in klassischer biographietheoretischer Sicht, daß der Einzelne als Schnittpunkt unterschiedlicher Welten verstanden wird. Im Durchgang durch diese sozialen Welten muß eine Lebenslinie aufgebaut werden. Insofern ist hier der originäre Bezug des Einzelnen zum Allgemeinen immer schon gegeben." (MAROTZKI, 1995, S.72/73)

Die Analyse von individuellen und kollektiven Deutungs-, Erfahrungs- und Handlungszusammenhängen, mit denen die Frauen ihre Lebenswelt konstituieren, soll auch zur Aufdeckung "objektiver" Strukturzusammenhänge führen, die dann in einen historisch-gesellschaftlichen Kontext gestellt werden müssen. Denn, "Erkenntnis ist dann subjektivistisch, wenn sie darauf verzichtet, gesamtgesellschaftliche Bezüge herzustellen" (BEER, 1987, S.178).

Das Erleben und Handeln von Frauen ist eingebettet in "objektive" Strukturzusammenhänge, die ihre Lebenswelt als widersprüchlich konzipieren: sie ergeben sich durch eine "doppelte Vergesellschaftung". Diese setzt sich "neben der Sozialisation für Aufgaben der privaten Produktion" auch aus der "Ausbildung für marktvermittelte Arbeit" zusammen und verortet Frauen sowohl im "privaten als auch im öffentlichen Bereich" (BECKER-SCHMIDT/BILDEN, 1991, S.25). Die private Sphäre wird dabei immer noch als allein "weibliches" Ressort angesehen, während der öffentliche Bereich als "männliches" Ressort gilt.

Jedoch bieten die herkömmlichen Weiblichkeitsbilder für viele Frauen keine umfassende Möglichkeit zur Konstruktion einer eigenen Identität. Das Sich-begeben in eine Männerdomäne ist so für sie ein Schritt zur Erweiterung und Vervollständigung des eigenen Frau-Seins, in einem Bereich, der Frauen häufig immer noch verschlossen ist. Die Erlebniswelt von Handwerkerinnen — sowohl die normativen Anforderungen aus tradierten Weiblichkeitsbildern als auch die Ansprüche, die sich aus dem faktischen Eindringen in eine berufsspezifische Männerdomäne ergeben — bedeutet eine permanente Ausbalancierung zwischen "weiblicher" und "männlicher" Anforderungsstruktur. Die Handlungs"zwänge", diese unterschiedlichen Anforderungen in ihren Lebensentwurf integrieren zu müssen, sind durch Ambivalenzen, Brüche und Verunsicherungen gekennzeichnet. In dem Aufbruch aus der Selbstverständlichkeit des "Weiblichen" und den Anforderungen zur "Vermännlichung" sind aufgrund fehlender sozial normierter Orientierungen "Handlungsselbstverständ­lichkeiten" (KLEIN, 1978) nicht mehr gegeben.[3]

Der Anspruch qualitativ-biographischer Forschung, an der Lebenswelt der zu Beforschenden zu partizipieren, eine Vertrautheit herzustellen, ist von mir als Forscherin insofern in spezifischer Weise eingelöst, als ich selbst Schreinerin bin und mich — nach dreijähriger Ausbildung und zeitweiliger Arbeit als Gesellin — entschieden habe, meinen Beruf nicht mehr haupterwerbstätig auszuüben. Die zentrale Forderung feministischer Forschung (vgl. MIES, 1984, S.10), die eigene "Betroffenheit" in den Forschungsprozeß einzubringen, durchzieht wie ein roter Faden meine Auseinandersetzung mit dem Thema. Dieses eigene Erleben der zu erforschenden sozialen Welt, das Spüren von Widersprüchen und Brüchen, Zerrissenheit am eigenen Leibe, das Wissen um gesellschaftlich ambivalente Normalitätsansprüche an Frauen und um die Forderung, sich an den "männlich" geprägten Normal- und Idealmaßstäben der Handwerkswelt anzupassen, führte bereits im Vorfeld der Untersuchung zu einer "Parteinahme"[4] für die zu befragenden Frauen.

Diese Parteinahme drückt sich in folgender Vorgehensweise aus: Erstens lassen sich durch den Bekanntheitsgrad der Lebenswelt Vorannahmen nicht ausschließen. Im Gegenteil, diese Kenntnis führte erst zur Wahl des Forschungsthemas und damit zu dem Interesse, einer androzentristischen Sichtweise, z.B. der sozialen Welt des "Hand­werks", zu begegnen, indem diese aus der Sicht der beteiligten Frauen rekonstruiert wird. Dazu gehört zweitens, die Position der befragten Frauen innerhalb der Geschlechterhierarchie im Handwerk als Teilbereich der Gesellschaft zu verdeutlichen und auf historisch gewachsene patriarchale Strukturen hinzuweisen, die ihre Handlungs- und Bewegungsräume begrenzen und einengen. Drittens ergibt sich durch den Einbezug von "Subjektivität", daß die befragten Frauen nicht in erster Linie oder gar "nur" als "Opfer" dieser Strukturen zu betrachten sind (vgl. THÜRMER-ROHR 1984, 1987 u. 1990, HAUG 1988), sondern als aktive Subjekte, die auch als "Mittäterinnen" zur Stabilisierung dieser Strukturen beitragen können.

Zusammenfassend lassen sich folgende Forschungsfragen konstatieren:

1. Welche Motive für einen Einstieg in einen männlich dominierten Handwerksberuf werden von den Frauen genannt?
2. Wie erleben und deuten die Frauen ihre Arbeitserfahrungen in einem handwerklichen Männerberuf?
3. Was führt bei den Handwerkerinnen zu der Entscheidung, den Beruf nicht mehr haupterwerbstätig auszuüben, und wie wird der Ausstieg von den Frauen gedeutet?
4. Lassen sich "objektive" gesellschaftliche Bedingungen in subjektiven Äußerungen wiederfinden?

Die Untersuchungsmethode muß in der Lage sein, teilweise unbewußte Orientierungen und Alltagstheorien in der Lebenswelt von Handwerkerinnen zu erklären. Quantitative Verfahren sammeln Daten und Fakten, können aber nicht die Bedeutung dieser Daten für die komplexe und vielfältige soziale Wirklichkeit aufschlüsseln. Sie erweisen sich als ungeeignet zur Erforschung von Prozessen der individuellen Konstituierung sozialer Wirklichkeit (vgl. KAISER, 1992, S.362). Aufgrund dieser Überlegungen habe ich mich für ein qualitatives Erhebungs- und ein interpretatives Auswertungsverfahren entschieden.

4. Die Auswahl der Probandinnen und die Durchführung der Interviews

Die Vielfältigkeit der Informationen und dadurch ihre Aussagekraft ist sehr stark abhängig von der Auswahl der Informantinnen. Um eine intensive Auswertung der Interviews in der zur Verfügung stehenden Zeit zu gewährleisten, haben wir insgesamt (nur) vier Handwerkerinnen befragt. Die Frauen sollten eine Ausbildung in einem männlich dominierten Bau- bzw. baunahen Handwerk absolviert haben, über mindestens ein Jahr Berufserfahrung als Gesellin verfügen und darüber hinaus nicht mehr haupterwerbstätig als Handwerkerin tätig sein.

Zwei der interviewten Handwerkerinnen waren uns bekannt. Der Kontakt zu den anderen zwei Frauen wurde durch eine befreundete Handwerkerin hergestellt. Eine erste Vorankündigung des Vorhabens hatte zwei bis vier Wochen vor der letztendlichen Durchführung stattgefunden. Die Frauen sollten den Durchführungsort der Interviews selbst bestimmen. Zwei der Frauen sind in der für sie gewohnten Umgebung, ihrer Wohnung, interviewt worden. Die anderen beiden Gespräche fanden bei mir zu Hause statt. Die Dauer der Interviews variierte zwischen ca. eineinhalb und vier Stunden.

Insgesamt schien ein hoher Bedarf an der Thematisierung der eigenen Lebensgeschichte vorzuliegen. Keine Frau hatte bisher die Gelegenheit, ihre ambivalenten Gefühle in bezug auf ihre Rolle als Handwerkerin in einer chronologischen Abfolge zur Sprache zu bringen. So versicherten alle Interviewpartnerinnen in der anschließenden Reflexion über die Gesprächssituation: "So etwas müßte es viel öfter geben", "ich bin froh, das alles einmal losgeworden zu sein" und "mir ist jetzt vieles klarer als vorher."

Wir haben uns bei unserer Untersuchung für eine offene Ge-sprächstechnik entschieden, da sie der Alltagssituation der Befragten sehr nahe kommt und keine vorgefaßten Schemata vorgibt. Die Handhabbarkeit der gewählten Methode haben wir an einem Probeinterview getestet. Die von uns gewählte Gesprächstechnik orientiert sich im wesentlichen am Konzept des "narrativen Interviews" nach F. Schütze (vgl. SCHÜTZE, 1978). Im Rahmen meiner Arbeit scheint es mir nicht notwendig, eine umfassende theoretische Darstellung der offenen Interviewtechnik zu geben. Ich möchte mich im Folgenden darauf beschränken darzustellen, wie wir die Interviews aufgebaut haben.

Aufgrund unserer eigenen Erfahrungen und Gesprächen mit befreundeten, z.T. ehemaligen Handwerkerinnen entwarfen wir einen Interviewleitfaden (s. Anhang). Die Aufgabe des Leitfadens bestand nicht in der Vorstrukturierung des Gesprächs, sondern sollte als Orientierungsrahmen und Gedächnisstütze dienen. Ziel war es, in den Interviews die Gesprächspartnerinnen möglichst wenig zu steuern. Sie sollten die Gelegenheit erhalten, Erfahrungen und Einschätzungen in Ruhe zu schildern. Fragen knüpften nach Möglichkeit an Gesagtes an, ohne den Redefluß häufig zu unterbrechen. Wir haben bewußt darauf verzichtet, Fragen vorzuformulieren, da dadurch die Gefahr besteht, die Interviewsituation in ihrer Alltagssprache zu stören. Darüber hinaus befürchteten wir eine zu große Strukturierung des Interviews meinerseits und mangelnde Empathie für das von den Gesprächspartnerinnen Berichtete.

In der ersten Phase, der sogenannten "Anfangserzählung" (vgl. SCHÜTZE, 1978, S.11), ging es darum, mit einer allgemeinen Frage "das Kommunikationsschema" bei der Interviewten in Gang zu setzen. In dieser Phase nimmt die Interviewerin die Zuhörerinnenrolle ein, die des "produktiv zuhörenden Erzählpartners" (vgl. ebd., S.28).

Nach dieser freien Erzählphase, die bei den Gesprächspartnerinnen einen Großteil des Interviews einnahm, ist die zweite Phase durch Nachfragen anhand des Interviewleitfadens gekennzeichnet. Der Leitfaden stellt somit eine "Basis-Checkliste" dar, um sicher zu gehen, daß auch alle Themenbereiche im Verlauf des Interviews angesprochen werden. Wichtig im Umgang mit dem Interviewleitfaden ist, daß dieser elastisch gehandhabt wird. Die Struktur der Fragen soll sich an die Erfahrungsstruktur der Befragten anpassen.

Nach dem offiziellen Interview folgt nach SCHÜTZE der sogenannte "Small-Talk", das heißt ein Gespräch nach Abstellen des Tonbands. Der Inhalt dieser Gespräche wurde insoweit mitverwertet, als er für die Fragestellung der Untersuchung wichtig war (vgl. SCHÜTZE, 1978, S.49).

5. Das Aufbereitungs- und Auswertungsverfahren

Als vorteilhaftes Hilfsmittel zur Aufzeichnung der Interviews stellte sich das Tonbandgerät heraus, da so der Gesamtkontext erfaßt werden konnte, und es die Möglichkeit bot, uns ausschließlich auf das Gespräch zu konzentrieren. Für die anschließende Auswertung wurden die Gespräche in vollem Umfang transkribiert. Dabei wurde auf eine Transformation der gesprochenen Sprache in Schriftsprache verzichtet, um so nicht schon vor der eigentlichen Auswertung einen ersten Schritt der Interpretation zu machen.

Die Abschrift stützt sich auf das Transkriptionssystem von HEINZE/KLUSEMANN (vgl. ebd., 1980, S.125). Demnach wurden, wenn es für das Verständnis notwendig erschien, Betonungen, bestimmte Stimmungen, Pausen und unverständliche Passagen wie folgt gekennzeichnet:

— Pause ..
— Auslassungen ...
— nicht verständliche Passagen (... .)
— Betonungen unterstrichen
— Ergänzungen zum Verständnis sowie besondere Stimmungen (wie z.B. lacht) sind in Klammern gekennzeichnet.
— Einzelne Auszüge aus den Interviews werden im Folgenden mit den Codenamen und den Seitenzahlen gekennzeichnet z.B. (Nana, S.12).

Während des Gesprächs gewonnene Eindrücke wurden in der Beschreibung der jeweiligen Gesprächssituation festgehalten.

6. Die Analysemethode der Interviewdaten

"In der qualitativen Sozialforschung gibt es keinen Konsens über eine bestimmte anzuwendende Analysemethode, vielmehr wird angestrebt, dem jeweiligen Projekt eine an Thema und Erhebungsmethode orientierte Auswertungsmethode auf den Leib zu schneidern." (LAMNEK, 1989, S.111)

Zunächst habe ich, um das umfangreiche Material für eine Analyse handhabbar zu machen, den Verlauf des Interviews in Stichpunkten zusammengefaßt. Danach nahm ich, in Anlehnung an MAYRING (1996), eine Gliederung nach thematischen Gesichtspunkten vor. Die einzelnen Gliederungspunkte ergaben sich hierbei aus dem vorliegenden Interviewmaterial und sollten aufzeigen, welche Themen für die Frauen bezüglich ihrer Rolle als Handwerkerin relevant sind. Die Bereiche umfaßten Themen wie z.B.:

— Vorerfahrungen, Vorbilder, Anti-Vorbilder
— Reaktion des sozialen Umfelds auf die Berufswahl
— Selbsteinschätzung, Selbstbild, Selbstwertgefühl als Handwer- kerin
— Anerkennung / fehlende Anerkennung
— andere Lebensbereiche / Mangel anderer Lebensbereiche
— Spaß an der Arbeit
— Produktionsdruck
— als (meist) einzige Frau unter Männern
— Utopien, Wunschvorstellungen

Mein eigentliches Vorhaben war es, an dieser Stelle aus den Gliederungspunkten heraus Kategorien zu bilden, die meine Arbeit thematisch gliedern sollten. Jedoch stellte sich heraus, daß solch ein Vorgehen die Prozeßhaftigkeit und die "Binnenlogik" (ALHEIT, 1985) der einzelnen Fälle auseinanderreißen würde. Mir kam es insbesondere darauf an, den prozeßualen Charakter des "Einstiegs" und "Ausstiegs" der Frauen in bzw. aus einem männlich dominierten Handwerksberuf deutlich zu machen.

Deshalb suchte ich in einem weiteren Auswertungsschritt bei jedem Interview nach einem "roten Faden", wobei ich mich von den Forschungsfragen leiten ließ: Was waren für die Frauen Motive, einen männlich dominierten Handwerksberuf zu wählen? Was waren für sie Gründe, diesen nicht mehr haupterwerbstätig auszuüben? Und, was ist dazwischen passiert? (vgl. Kap. III.A.3.)

Bei der Darstellung der einzelnen Fälle habe ich mich für eine biographisch-deskriptive Vorgehensweise in Anlehnung an die sozialwissenschaftlich-hermeneutische Paraphrase nach HEINZE/KLUSEMANN entschieden (vgl. HEINZE/KLUSEMANN, 1979,1980; HEINZE, 1987). Die Deutung der subjektiven Perspektive des "Einstiegs", des "Ausstiegs" und des "Dazwischen" von drei Handwerkerinnen, habe ich in Kap. III.B. dargestellt, wobei ich das Interviewmaterial der Frauen in chronologischer Reihenfolge aufgearbeitet habe.

Die Erstellung von Sequenzen und Sequenzanalysen nach SÜDMERSEN (1983) erwies sich hier als ein hilfreicher Zwischenschritt zur letztendlichen Fallanalyse. Die zuvor erstellten Gliederungspunkte zeigten sich insofern als nutzbringend, als sie mir beim Sich-zurechtfinden im umfangreichen Material dienlich waren. Aus zeitlichen Gründen habe ich mich bei dieser ausführlichen Bearbeitung der Fälle auf drei Interviews beschränkt.

Kap. II.B. und IV. meiner Arbeit befassen sich mit dem Verhalten der einzelnen im gesellschaftlich-historischen Zusammenhang. Erlebte Widersprüche, Unsicherheiten in der Sinngebung, Brüche in den Biogra­phien, subjektive Leidenszustände und ihre Deutungen werden thematisch im Kontext zur "objektiv" sozialen Wirklichkeit interpretiert. Das bedeutet, es kommen sowohl die Befragten mit ihren Auffassungen[5], wie die Forschende mit thematischen und theoretischen Beiträgen zu Wort.

An das Interviewmaterial könnte jede/r eine Unmenge Fragen stellen und es auch in sehr verschiedene Richtungen interpretieren. Jede Auswahl an Textstellen bedeutet an sich eine Interpretation. Es stellte sehr wohl auch ein Problem dar, daß mein Blick gelenkt war von meiner Fragestellung und getrübt durch die Tatsache, diese Erhebung selbst durchgeführt zu haben. Auch wenn ich mich um eine "gleichschwebende Aufmerksamkeit" dem Text gegenüber bemühte, konnte ich mich aus dem Gefangensein in diesen Verstrickungen nicht gänzlich befreien. Diesem Dilemma konnte ich nur entgehen, indem gleichsam ein "Außen" sich mit demselben Text befaßte, ohne die gleichen Fragen daran zu stellen. Im Rahmen einer Studiengruppe wurden die Transkripte verteilt und besprochen. Dieser Auseinandersetzung mit dem Material habe ich viele Anregungen für die Interpretation zu verdanken.

B. Die Interviewanalysen

1. GUDRUN

a) Die berufliche Biographie

GUDRUN ist zur Zeit des Interviews 30 Jahre alt. Während ihrer Schulzeit absolviert sie in der 12. Klasse ein Praktikum in einer Schreinerei. Mit 19 Jahren besteht sie die Abiturprüfung. Anschließend sucht sie eine Ausbildungsstelle als Tischlerin. Nach dem ersten Lehrjahr verläßt sie den Betrieb und bemüht sich erfolglos um einen neuen Ausbildungsplatz. Nach einem halben bis dreiviertel Jahr, kann sie ihre Ausbildung in einem anderen Betrieb fortsetzen. Zwei Jahre später legt sie ihre Gesellinnenprüfung ab.

Als Gesellin arbeitet GUDRUN für kurze Zeit auf verschiedenen Baustellen. Danach macht sie sich selbständig und hat für zwei Jahre ein eigenes Gewerbe angemeldet.

Infolge einer Krankheit wird sie zum Teil arbeitsunfähig und beschließt, eine Umschulung als Bürokauffrau im Handwerk zu machen. Während ihrer zweijährigen Umschulung arbeitet sie in einem Zimmereibetrieb. Nachdem sie die Abschlußprüfung bestanden hat, ist sie dort mit einer halben Stelle als Bürokauffrau tätig. Darüber hinaus nutzt sie die Möglichkeiten des Betriebes für eigene handwerkliche Aufträge.

b) Einzelfallanalyse

MOTIVE, EINE AUSBILDUNG IM HANDWERK ZU BEGINNEN

Der Entschluß, einen handwerklichen Beruf zu ergreifen, entsteht bei GUDRUN aus unterschiedlichen Motiven.

Schon früh ist sie begeistert von der Kunst des Handwerks und der Vorstellung, mit den eigenen Händen Dinge erschaffen oder verändern zu können.

Mich hat handwerkliches Können, also, mit den Händen etwas zu tun, schon immer fasziniert. Egal, was das war. Selbst wenn meine Oma kunstvoll Socken gestopft hat oder einen Pullover so wieder zugestrickt hat, daß du es nicht mehr siehst. Das hat mich immer fasziniert. Das fand ich Wahnsinn. (S.23)

Auch das Bild des Handwerkers, der mit Liebe mit seinen Händen, dem Material und dem Werkzeug umgeht (S.27) übt eine große Anziehung auf sie aus.

Die Entscheidung, ein Handwerk zu erlernen, trifft GUDRUN auf dem Gymnasium. Im Kunstunterricht der Oberstufe hat sie die Möglichkeit, sich neben Malen und Zeichnen auch mit Objekten zu beschäftigen, was sie sehr begeistert. Die Themen sind weit gefaßt und geben ihr Raum, sich auszuprobieren.

Zu Hause kann sie jederzeit in den Werkkeller des Vaters, der mit Werkzeug sehr gut ausgestattet ist. GUDRUN ärgert sich jedoch über ihre Unfähigkeit und ihre mangelnde Erfahrung.

Ich konnte jederzeit zu Hause in den Keller. Mein Vater hat alles so an Werkzeug da gehabt. Ich habe dann so ‘n Männeken gemacht und bin schier bekloppt geworden. Ich kriegte das nicht richtig abgesägt. Also, ich merkte einfach, ich habe von Tuten und Blasen keine Ahnung, und ich war darüber sehr zornig. (S.1)

Neben dem handwerklich-künstlerischen Interesse, hat GUDRUN außerdem den Anspruch, einen Beruf zu ergreifen, mit dem sie ihren Lebensunterhalt verdienen kann. Von daher sind andere Möglichkeiten einer Ausbildung im gestalterischen Bereich, wie z.B. ein Kunststudium, für sie indiskutabel. Auch das Kunsthandwerk kommt für sie nicht in Frage, da die erstellten Gegenstände keinen praktischen Nutzen erfüllen. Eine Ausbildung im Handwerk entspricht somit GUDRUNS Vorstellungen, Wünschen und Ansprüchen an ihren zukünftigen Beruf und läßt ihr außerdem die Möglichkeit, später in andere, verwandte Bereiche überzuwechseln, wie beispielsweise die Restauration.

Und ich wollte gerne einen Beruf haben, wo ich Geld verdienen kann. Und Kunst zu studieren war ja irgendwie absurd. Wovon lebst du denn da? Und Kunsthandwerk, darunter hatte ich schon immer so gehäkelte Sachen und Gebrauchsgegenstände gesehen, die immer nur ‘rumstehen, die keinen Nutzen erfüllen. Und das hat mich noch nie interessiert. ... So, und dann war mir klar: "Du lernst ein Handwerk." Dann waren Ideen dabei, Restauration o.ä. zu machen, also eher in die Kunstgeschichte zu gehen, und dann merkte ich überall, Lehre ist Voraussetzung. (S.1)

Die Entscheidung, das Tischlerhandwerk zu erlernen, ergibt sich über das Material Holz, von dessen Vielfältigkeit, Maserung und Farbe GUDRUN fasziniert ist. Andere Materialien, wie Metall, Glas oder Stein reizen sie zu der Zeit nicht.

... ich habe mich hingehockt und habe dann ‘rumgehört, was es für Berufe gibt. Metall fand ich nie sehr interessant. Heute sehe ich das zwar anders. Aber vom reinen Material her, da hatte ich immer das Gefühl, wenn du ‘mal das Auto aufmachst und da ‘reinpackst, da haste direkt die Finger kaputt. Und Holz, das Material hat mich schon fasziniert. Die Vielfältigkeit, die Farben, die Maserung, ... Und zu anderen Materialien, Glas .. hatte ich keinen Bezug, zu Stein auch nicht. Holz fand ich am naheliegensten. (S.2)

Eine weitere Motivation, ein Handwerk zu erlernen, entsteht für GUDRUN aus den Erfahrungen, die sie in ihrem Elternhaus macht. Ihr Vater ist berufstätig und der totale Heimwerker (S.8). Sie sieht, daß es möglich ist, handwerkliche Tätigkeiten eigenständig zu erledigen. Der Vater macht in dieser Beziehung keinen Unterschied zwischen GUDRUN als Mädchen und ihrem vier Jahre älteren Bruder.

Denn von zu Hause .. Mein Vater machte ja auch alles selber. Der hat immer gesagt: "Komm, hilf mir." Der hat nicht gesagt zu meinem Bruder: " Komm hilf mir." Das war immer entweder er oder ich, aber das war eigentlich ziemlich gleich. (S.8)

Das Hausfrauenleben ihrer Mutter wertet GUDRUN ab. In ihren Augen ist sie nur an den typischen Hausfrauentätigkeiten interessiert, und weiß nicht, worum es im Leben geht. So ein Leben möchte GUDRUN auf keinen Fall führen.

Meine Mutter, klassisch, ist nur am Putzen und am Wischen und weiß im Prinzip gar nicht, worum es geht. Und so ‘was wollte ich nicht, in so eine Rolle wollte ich um's Verrecken nicht ‘reinkommen. (S.8)

GUDRUN möchte unter keinen Umständen so sein oder so werden wie ihre Mutter oder die Freundinnen ihres Bruders. Gegen diese Frauenbilder grenzt sie sich eindeutig ab. Die Hilflosigkeit der Freundinnen bei kleinsten handwerklichen Arbeiten ist ihr unverständlich. Den Preis, den diese Mädchen zahlen, um ihr Ziel zu erlangen, empfindet sie als entwürdigend. Eine Liebesbeziehung, die den traditionellen Rollenerwartungen entspricht, wie sie sich für GUDRUN zwischen ihrem Bruder und seinen Freundinnen darstellt, lehnt sie für sich ab.

Aber meine Entscheidung, Tischlerin zu erlernen .. Ich habe einen Bruder, der ist vier Jahre älter. Ich meine, der ist jetzt nicht so wahnsinnig supergeschickt oder so. Der ist auch nicht der Junge gewesen, der ständig mit dem Schraubenzieher durch die Gegend gerannt ist oder ein Technikfreak war, was sein Fahrrad anging. So ein Typ war das nicht. Aber als der mit seinen Freundinnen anfing, dann fing das so an: "Kannst du mir ‘mal das machen? Ich kann das nicht." Einen blöden Dübel in die Wand bohren oder so. Dann habe ich immer gedacht: "Das darf ja wohl nicht wahr sein! Wieso können sie das nicht? Wieso machen die das nicht selber?" ... Ich fand das immer so entwürdigend, wenn ich gesehen habe, wie die Mädchen dann so mit Augenaufschlag und hättätä .. Und der (Bruder) war auch noch so blöde und hat das alles gemacht. Also ich habe das so gesehen: Der arbeitet für die, weil die sich lieben oder was, aber geben selber 'ne Selbständigkeit ab und mein Bruder läßt sich verarschen. Da habe ich mir irgendwie gedacht: " Nee, so willste nicht sein." Nee, das wollte ich auch nicht. (S.8)

Die herkömmlichen Frauenbilder bieten GUDRUN keine Möglichkeit, ihre Lebensvorstellungen zu verwirklichen. Die häuslichen Aktivitäten ihrer Mutter sind für sie keine ernstzunehmenden Tätigkeiten. Durch ihr Hausfrauenleben ist diese für GUDRUN von der Welt ausgeschlossen. In diese Welt, außerhalb der tradierten Weiblichkeitsbilder, möchte GUDRUN jedoch hinein. Ein traditioneller Männerberuf, wie der einer Tischlerin, bietet eine Möglichkeit, die herkömmliche Frauenrolle zu verlassen. Auch unter diesem Gesichtspunkt entspricht dieser Beruf GUDRUNS Vorstellungen.

Aufgrund dieser Motivstruktur, entwickelt GUDRUN in der Oberstufe den Plan, das TischlerInnenhandwerk zu erlernen. Der Weg von der Idee, Tischlerin zu werden bis zur ersten und dann schließlich zweiten Lehrstelle, ist für sie jedoch voller Hindernisse.

PRAKTIKUMSSUCHE UND PRAKTIKUM

Noch während ihrer Schulzeit bemüht GUDRUN sich um eine Praktikumsstelle. Sie will sich vergewissern, daß ihr die Ausbildung auch Spaß macht und sie diese nicht frühzeitig abbrechen wird. Mit großem Enthu­siasmus und zu allem bereit (S.1), macht sie sich auf die Suche nach einem Praktikumsplatz und erkennt, daß ihrer Idee, Tischlerin zu werden, viele Vorbehalte entgegengebracht werden.

Die von ihr angesprochenen Firmen finden ihre Idee, sich vor der Lehre durch ein Praktikum zu informieren, ungewöhnlich. Als Erklärung führt GUDRUN an, daß zu dem Zeitpunkt, als sie eine Praktikumsstelle sucht (1982), Kleinbetrieben die Vorstellung eines Praktikums fremd ist, da das Pflichtpraktikum für SchülerInnen, so wie es heute existiert, noch nicht eingeführt ist.

Jedoch wird GUDRUN hier zum ersten Mal auch mitgeteilt, in diesem Bereich nicht willkommen zu sein. Die Betriebe finden ihre Idee, als Frau das TischlerInnenhandwerk erlernen zu wollen, absonderlich. Sie erlebt sich als unerwünscht.

Ja gut, dann war ich so begeistert von meiner Idee, daß ich dann, bevor ich eine Lehrstelle gesucht habe, gesagt habe: "Probier das aus. Weil, du machst jetzt keinen Lehrvertrag, wenn du dann nach einem halben Jahr sagst: ‘Auf Wiedersehen! Das ist ja doch ganz anders, als du dir das vorgestellt hast.’" Dann bin ich mit dem Branchenbuch in der Hand losgedackelt, habe einen Betrieb gesucht, wo ich .. Ich wollte wirklich ein Volontariat machen. Ich war zu allem bereit. Aber kein Betrieb wollte mich nehmen. Die fanden das absonderlich, weil ich 'ne Frau war. Die fanden diese Idee zum Teil auch absurd, daß da jemand hinkommt und sagt: "Ich habe die Absicht, eine Tischlerlehre zu machen. Und bevor ich diese Entscheidung aber treffe, würde ich gerne ‘mal gucken und probieren." (S.1)

Trotz dieser ablehnenden Haltung läßt GUDRUN sich nicht von ihrem Vorhaben abbringen. Sie setzt sich weiter für ihre Idee ein und findet eine Alternativwerkstatt, die sie auf ihr wiederholtes Drängen schließlich einstellt. GUDRUN absolviert dort ihr Praktikum und stellt fest, daß ihr die Arbeit Spaß macht.

Und wie es dann so kam, bin ich bei einer alternativen Werkstatt auf dem Hof gelandet. Die fanden die Idee zwar auch ein wenig absurd, daß da jemand ‘was will, ohne Geld zu kriegen, und kamen auch immer mit versicherungstechnischen Geschichten. Aber die haben dann letztendlich, weil ich die genervt hab’ noch und nöcher, irgendwann gesagt: "Ja ist okay. Kannste probieren." Ja, und dann habe ich das gemacht und stellte fest, daß mir das Spaß macht. (S.2)

Auch wenn GUDRUN es an dieser Stelle nicht explizit anspricht, ist bereits hier ihren Schilderungen nach zu vermuten, daß die Ablehnung, die sie von den Betrieben aufgrund ihres Geschlechts erfährt, bei ihr nicht ohne Wirkung bleibt. Ihre bisherige Vorstellung von Normalität beginnt durch diese ersten Eindrücke brüchig zu werden.

Das Praktikum scheint GUDRUN ermutigt zu haben, sich durch handwerkliches Arbeiten auf eigene Füße zu stellen. Sie arbeitet bei einem Freund, der eine kleine Werkstatt unterhält und verdient sich damit ihren Lebensunterhalt. Gleichzeitig besucht sie das 13. Schuljahr und legt ihre Abiturprüfung ab.

Zum einen ist das Arbeiten ein Vorgriff auf ihr späteres Leben als Tischlerin. Zum anderen gewinnt sie, durch die Möglichkeit ihr eigenes Geld zu verdienen, an Selbstbewußtsein. Nach den Sommerferien, in denen GUDRUN als Praktikantin arbeitet, zieht sie von zu Hause aus und gründet eine Wohngemeinschaft. Um ihre eigenen Lebensvorstellungen zu verwirklichen, nimmt sie große Belastungen auf sich und scheut auch nicht die Auseinandersetzung mit den Eltern. Die Doppelbelastung von Schule, Arbeit und eigenem Haushalt scheint für sie jedoch annehmbarer als der Verzicht auf ihre Ideale.

Ich wollte die absolute Selbständigkeit, auch finanzieller Art von meinen Eltern. Wollte so leben, wie ich eben lustig war. Es gab dann zwar Krach zu Hause, aber ich bin gegangen. ... Mit meinen Alten zuerst, die haben nicht mit mir geredet. Meine Mutter schon, die hatte ja immer so eine Angst. Aber mein Vater war stur. Und ich war aber auch stur. ... Ich wollte auch kein Geld von meinen Eltern haben und habe dann im letzten Jahr von der Schule nebenbei gearbeitet. Ich habe angefangen zu lernen, Bilderrahmen zu machen. ... Ich habe Stühle abgebeizt und so. So konnte ich dann leben. (S.2)

LEHRSTELLENSUCHE UND LEHRSTELLE

Als sich GUDRUN ihres Berufswunsches sicher ist, macht sie sich auf die Suche nach einer Lehrstelle.

Sie hat für sich entschieden, daß sie die Ausbildung drei Jahre durchhalten (S.3) will. Diese Wortwahl deutet auf einen kämpferischen Willen. Sie sieht einen klaren Weg vor sich, der beinhaltet, vor dem zu erreichenden Ziel nicht aufgeben zu wollen. Auch aufkommende Schwierigkeiten will sie durchstehen und eventuellen Belastungen und Widerständen, welche sie schon während der Praktikumssuche erlebte, standhalten.

[...]


[1] "Berufe, welche fast zu 100% von Männern ausgeübt werden, z.B. die Kernberufe der Elektro- und Metalltechnik, gelten als Männerberufe, aber auch solche mit einem Frauenanteil bis zu 20%, z.B. Bäcker, Maler, Lackierer. In analoger Weise ist von Frauenberufen die Rede." (METZ-GÖCKEL/NYSSEN, 1990, S.98)

[2] Die Berufsbezeichnung Schreinerin und Tischlerin ist die gleiche.

[3] Innerhalb der biographischen Forschung sind diese Situationen der Krise des Handlungs- und Orientierungsbedarfes von besonderem Forschungsinteresse (vgl. FISCHER-ROSENTHAL, 1991, S.255).

[4] Das Prinzip der bewußten Parteinahme wird durch eine "Teil-Identifikation" zwischen Forschenden und Beforschten erreicht, wodurch die Möglichkeit entsteht, einer androzentristischen Sichtweise von Realität zu begegnen, um auf diesem Wege tatsächlich "objektive" Erkenntnisse über die Lebenswelt von Frauen zu sammeln (vgl. MIES, 1984, S.12).

[5] Hierbei habe ich Material aus allen vier Interviews verwand.

Details

Seiten
179
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
1998
ISBN (eBook)
9783832444440
ISBN (Buch)
9783838644448
Dateigröße
829 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v220051
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Erziehungswissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
beruf berufsbiographie frauen frauenberuf handwerk männerberuf

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Titel: Ich wollte nicht mehr kämpfen (müssen)