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Säkularisierung und Fundamentalismus

Ursachen und Auswirkungen der Säkularisierung und des Fundamentalismus für Gesellschaft und Politik in unterschiedlichen Kulturkreisen

Diplomarbeit 2000 185 Seiten

Politik - Sonstige Themen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung
1.) Säkularisierung die Vieldeutigkeit eines Begriffs

Erster Teil
I) Säkularisierung und dessen Folgen in den westlichen Staaten
1) Auslösende Faktoren im Westen
1.1) Rationalisierung der Wissenschaften und des Lebens
1.2) Säkularisierung durch Modernisierung und Technisierung
1.3) Die Urbanisierung der Prozeß der Individualisierung
1.4) Von den Wahlmöglichkeiten in einer pluralistischen Gesellschaft
1.5) Trennung von Kirche und Staat
1.5.1) Ein kurzer Überriß über die Entwicklung der katholischen Kirche und der Auseinandersetzung zwischen geistlicher und weltlicher Macht
1.5.2) Zerfall der religiösen Einheit und der Aufstieg des Staates
1.6) Konkurrenz durch weltliche Religionen
1.6.1) Nationalismus und Faschismus
1.6.2) Marxismus als Gegenmacht
2) Auswirkungen und Folgen der Säkularisierung
2.1) Atheismus und Agnostizismus als Erscheinungsformen der Säkularisierung
2.2) Privatisierung und De-Institutionalisierung der Religion
2.3) Auflösung traditionell religiöser Wertvorstellungen
2.4) Suche nach Sinn und moralischer Erneuerung
2.4.1) Religion und Moral
2.4.2) Außerkirchliche Sinnangebote
3) Protestantischer Fundamentalismus in den USA
3.1) Historische Entwicklung und Struktur der Bewegung
3.2) Zwischen politischem Engagement Kommerzialisierung
3.3) Kommerzialisierung und Vermarktung der Religion

Zweiter Teil
II) Säkularisierung und dessen Folgen im islamischen Kulturkreis
1) Kolonialismus und seine Auswirkungen
2) Nationalismus und Säkularisierung innerhalb der islamischen Staaten
2.1) Modernisierung in der Türkei und in Ägypten
3) Radikalisierung religiöser Bewegungen
3.1) Bildung islamischer Gruppierungen in Ägypten und Indien
3.2) Islamisierung durch Befreiungsbewegungen am Beispiel Algeriens
4) Islamisierung zwischen Revolution und Heiligen Krieg
4.1) Djihad und Scharia. Eine Begriffserklärung
4.2) Nahost-Konflikt zwischen Sezessionsbestrebungen und Terrorismus
4.3) Die iranische Revolution als ein singuläres Ereignis
5) Fundamentalismus als kollektive Suche nach Authentizität
5.1) Religion als einzig gemeinsamer Nenner
5.2) Zwischen nationaler Identitätssuche und sozialen Konflikten
5.3.1) Kommunalismus als eine Variante des Fundamentalismus. Ein Exkurs über den Hindu-Fundamentalismus in Indien
5.3.2) Das Aufstreben fundamentalistischer Hindu-Bewegungen
6) Die islamische Gesellschaft zwischen Säkularisierung und Kulturkampf
6.1) Säkularisierung im Islam
6.2) Fundamentalismus und ethnische Konflikte
6.3) Kulturkampf und unaufhaltbare Verwestlichung

Dritter Teil
III) Fundamentalismus und Säkularisierung
1) Fundamentalismus als Reaktion auf Säkularisierung
1.1) Fundamentalismus als Weltflucht und Weltbeherrschung
1.2) Soziale Marginalisierung und persönliche Isolation
2) Vorwurf gegen eine vorschnelle Verurteilung des Fundamentalismus
3) Fundamentalismus als religiöser Nationalismus
4) Wesentliche Unterschiede der Säkularisierung und dessen Folgen im Christentum und im Islam
5) Säkularisierung zwischen Mythos und Wirklichkeit Eine Schlussfolgerung
5.1) Säkularisierung in Abhängigkeit von soziale und ökonomische Zustände
5.2)Rationalisierung als unzureichende Erklärung für Säkularisierung
5.3) Ist der Weg zu einer säkularisierten Welt richtig?

Literaturverzeichnis

Einleitung

Über den Begriff der Säkularisierung wird viel gesprochen. Er ist ein bezeichnendes Schlagwort in der modernen Geistes- und Religionswissenschaft geworden und findet immer dann Verwendung, wenn man den gesellschaftlich relevanten Aspekt der Entkirchlichung, aber auch der Verweltlichung, ansprechen möchte. Hinter diesen Worten verbirgt sich ein Phänomen, dessen Wurzeln nicht exakt zurückverfolgt werden können und dessen Auswirkungen nicht unerheblich für die Gesellschaft sind. Die Verweltlichung bezeichnet klarerweise eine definitive Zuwendung zu allem „Weltlichen“, oder auch Irdischen, dies bedeutet natürlich eine Abkehr von allem „Überweltlichen“, allem Übersinnlichen und sogleich auch Spirituellen. Die Verweltlichung ist auch eng verknüpft mit dem Begriff Rationalisierung, dem logisch-rationalen Denken und Handeln. Aus diesem Umstand kann man schließen, dass die Verweltlichung ein quasi-evolutionärer Prozeß der menschlichen Zivilisation ist, da ja das rationale Denken und Handeln des Menschen einen eindeutigen Fortschritt gegenüber seinen vergangenen irrationalen Vorstellungen und Handlungsweisen darstellt. Der Mensch konnte sich mittels der Geistes- und Naturwissenschaften von dem alten Götterglauben loslösen und eine rein rationale wissenschaftlich begründbare Erklärung der Welt und des Daseins aufstellen, die nicht mehr an eine Schöpfungsinstanz glaubt, sondern an physikalische und chemische Kausalzusammenhängen. Die Rationalisierung bedingt somit die Forderung nach einer unbeschränkten Autorität der durch Vernunftanwendung gewonnen Erkenntnisse bei der Einrichtung und Gestaltung der menschlichen Lebensverhältnisse. Diese Forderung impliziert auch eine Leugnung und Ablehnung jedes metaphysischen oder übersinnlichen Denkens. Um es auf den Punkt zu bringen, mit der Säkularisierung wird meistens ein Rückgang religiöser Vorstellungen und Handlungen beschrieben.

Dieser gesellschaftliche Zustand, die Abwendung von religiösen Inhalten und Dogmen und der damit verbundene Machtverlust der religiösen Institutionen, sind das Produkt einer langen Entwicklung, die viele Ursachen und Merkmale beinhaltet und nur beschränkt zurückverfolgt werden kann, weil sehr viele verschiedene gesellschaftliche, soziale, historische, politische und wissenschaftliche Aspekte dabei eine wichtige Rolle spielten und die Berücksichtung aller Faktoren und deren Bedeutungen nur in einem mehrbändigen Werk möglich wären. Diese facettenreiche und vielschichtige Entwicklung hin zu einer rationalen Orientierung des Denkens und des Handelns und dem „Überflüssigwerden“ von religiösen Idealen, Handlungsmustern oder Institutionen war und ist ein entscheidender Prozeß innerhalb der menschlichen Zivilisation. Schließlich glaubte der Mensch einige zehntausende Jahre an Götter und eine überirdische Beeinflußung seiner Existenz, wogegen die tatsächliche Säkularisierung der Gesellschaft, erst (empirisch nachvollziehbar) einige Jahrzehnte alt ist. Diese Diskrepanz läßt die Vermutung zu, daß diese sogenannte Säkularisierung dann gar nicht wirklich vollzogen wurde, keine tiefe Bedeutung für das soziale Leben besitzt und keine vollkommene geistige Umwandlung bewirkt hat, wenn sie erst von so kurzer Dauer ist. Wie kann der Mensch innerhalb einer so kurzen Zeitspanne sein evolutionistisches Denken mit all seinen biologischen Determinanten abwandeln und plötzlich die Stufe einer hohen logischen Vernunft erreicht haben? Ist es überhaupt möglich, dieses religiöse und spirituelle Denken, das der Homo sapiens von seinen frühesten Stadien her besaß, einfach innerhalb so kurzer Zeit völlig aufzugeben, wie eine gebrauchte Haut abzustreifen und durch ein neues rein wissenschaftlich-logisches Denken zu ersetzen? Ist es nicht viel eher ein inneres Bedürfnis des Menschen, an etwas über ihm zu glauben, an eine überirdische Kraftquelle, der er sich unterwerfen kann? Sucht der Mensch nicht nach einem Ideal, einer Leitfigur, einer allmächtigen Instanz, der er sich anvertrauen kann und von der er Wunder erwartet?

In dieser Arbeit möchte ich nicht nur Antworten auf diese Fragen finden, sondern mich mit dem Problem der Säkularisierung der Welt und deren Folgen für die verschiedenen Kulturen und Gesellschaften beschäftigen. Dabei gehe ich von der These aus, daß die Säkularisierung der Welt alle gesellschaftlichen Bereiche und Ebenen durchdringt und dabei ein Vakuum hinterläßt, welches nicht sogleich von den rationalen Vorstellungen und Idealen ausgefüllt wird, da diese Lücken in einem emotional-affektiven Raum des menschlichen Bewußtseins liegen und diese nicht allein durch ein mittel-zweck-orientiertes Verhalten ersetzt werden können. Diese Bewußtseinsebene setzt sich viel eher aus emotionalen und sinnlich erfahrbaren Elementen zusammen und benötigt dementsprechend auch gewisse Stimuli. Dabei geht es mir aber nicht darum, diverse psychologische Zustände zu untersuchen, sondern um das soziale Bedürfnis, oder vielleicht besser, die Neigung zum Irrationalen zu erfassen, das sich dadurch manifestiert, daß der Mensch nicht gänzlich imstande ist, alle Ereignisse und Empfindungen seiner Existenz auf rationalen Weg zu erklären. Da ich der Meinung bin, daß noch immer ein starkes Bedürfnis nach Gehorsam und Unterwerfung gegenüber einer Instanz oder Machtquelle existiert, die über dem Individuum steht und ihm Leitlinien und eine gewisse Bestimmung vorgibt. Der Mensch hat sich zwar durch die wissenschaftlichen Entdeckungen und Erkenntnisse eine technisierte und rational organisierte Welt geschaffen, doch all diese Fortschritte haben es nicht geschafft, das Verlangen nach einem Glauben wirklich zu beseitigen.

Diese Rückbesinnung oder Verhaftung in diesem Bedürfnis nach Glauben und Unterwerfung wird oftmals mit dem Begriff Fundamentalismus in Zusammenhang gebracht, das auf das Phänomen eines Wiedererwachens des ursprünglich religiösen Denkens hindeuten soll. Dabei wird dieser Begriff viel häufiger mißinterpretiert und mißbraucht, als das Wort Säkularisierung. Der Begriff Fundamentalismus wird zumeist in dem Sinn definiert, daß er auf Personen oder Gruppen verweist, die nach strengen religiösen Traditionen und Regeln leben und dadurch dem modernen westlichen Lebensstil eine Absage erteilen. Die Fundamentalisten lehnen aufgeklärte, emanzipatorische, demokratische, liberale, freie und konsumorientierte Vorstellungen ab, wobei diese zumeist mit westlichen (europäisch-amerikanischen) Vorstellungen gleichgesetzt werden[1]. Deswegen versteht man großenteils unter Fundamentalisten radikale Moslems, die nach den strengen Regeln und den moralischen Prinzipien des Korans ihr Leben ausrichten und dabei westliche Werte und Ideale strikt ablehnen. Erst in letzter Zeit werden auch radikale und puritanische Katholiken, Protestanten, Orthodoxe, Hindus und Juden mit dem Sammelbegriff Fundamentalisten gekennzeichnet. Ein Fundamentalist ist somit jeder religiöse Mensch, der nach den wahrhaftigen Regeln und Pflichten seines Glaubens leben möchte, und der die modernen westlichen Werte und gesellschaftlichen Vorstellungen als nicht vereinbar mit seiner religiösen Existenz empfindet. Diese paradoxe Definition würde jedoch bedeuten, daß jeder echte unverfälschte Gläubige, der zu seiner Religion steht und diese auch verteidigen (bewahren) möchte, dann automatisch ein Fundamentalist sein müßte. Man könnte diese Haltung für eine säkularisierte Vorstellung und für ein Vorurteil gegenüber religiösen Menschen halten. Differenziert wird dabei nur selten, auch wenn man dabei die spezifisch kulturellen Hintergründe unberücksichtigt lässt. Grundsätzlich werden jedoch die Personen als Fundamentalisten bezeichnet, die versuchen mit Gewalt ihre moralischen und religiösen Ideen zu verbreiten und auch gewalttätig gegen andersgläubige vorzugehen, bzw. versuchen die Gesellschaft mit allen Mitteln in ihrem Sinn zu verändern und umzugestalten. Fundamentalismus heißt somit nicht nur zurück zu den Wurzeln, d.h. zum Fundament des Glaubens (der Religion) zurückzukehren, sondern zu versuchen die Umwelt mit Gewalt auf diese Rückbesinnung zu drängen. Unter Fundamentalisten versteht man Fanatiker, die ihren blinden Religionseifer gehorchen, demokratische und freiheitliche Werte ablehnen, die Frauen unterdrücken und mit Gewalt versuchen, den staatlichen Apparat zu beeinflußen und umzugestalten.

Die Ursachen des Fundamentalismus sind ebenfalls nicht mit Hilfe von einigen Variablen zu erklären, sondern bedürfen einer weiteren historischen, sozialen und politischen Untersuchung, die ich auch an Hand einiger Fallbeispiele vornehmen möchte. Dieses Phänomen der Rückbesinnung auf fundamentale religiöse Werte und Normen fügt sich jedoch gut in die Annahme vom menschlichen Bedürfnis nach Glauben und findet darin eine Begründung, wenn auch viele andere Aspekte und Faktoren eine wesentliche Rolle in dessen Entstehung und Ausbreitung spielen. Die vielzitierte Renaissance des Glaubens kann man so auf ein Zurückgreifen auf emotionales und sinnliches Erleben zurückführen, obwohl Religion grundsätzlich etwas mit geistiger und spiritueller Haltung zutun hat, darf man dabei nicht vergessen, wie wichtig die religiösen Feste, Zeremonien, Rituale, Symbole, Gemeinschaftserlebnisse und sinnlich erfahrbare Begegnungen mit der Religion sind, und welche große Bedeutung sie für religiöse Menschen noch haben.

In meiner Arbeit möchte ich so eine Verbindung zwischen Säkularisierung und Fundamentalismus herstellen, die genau auf die vorher beschriebenen Annahmen fußt, daß die Religion mehr beinhaltet, als nur den Glauben an eine überirdische Kraft. Religion ist ein Teil der menschlichen Zivilisation, ein Fundament jeder Kultur und des Geisteslebens und daher auch von besonderer Bedeutung für die Untersuchung von historischen, sozialen und politischen Ereignissen. Die große Macht religiöser Ideen und Ideale hat über Jahrhunderte die Gedanken der Menschen geprägt und beeinflusst, so dass es unmöglich ist, diesen Aspekt der menschlichen Gesellschaft außer acht zu lassen.

Im ersten Teil meiner Arbeit möchte ich mich mit den Ursachen und Gründen für die Säkularisierung in den westlichen Staaten beschäftigen, also vornehmlich mit der Entwicklung dieses Phänomens in den westeuropäischen Staaten. Da die Säkularisierung vorerst ein christliches Phänomen war, und auch in den christlichen Ländern entstand, ist es unumgänglich, sich den katholisch protestantischen Raum in Europa anzusehen und dabei historische, soziale und politische, wie religionswissenschaftliche Tatbestände zu untersuchen. Dabei ist es jedoch im Rahmen dieser Arbeit unmöglich alle Aspekte dieses Themas genau zu behandeln, sodaß ich mich zeitweise mit kurzen Abhandlungen und einer oberflächlichen Bestandsaufnahme begnügen muß, um mich nicht in Details zu verlieren. Auf die Ursachen der Säkularisierung folgen dann die Auswirkungen für die Gesellschaft und die Politik, bis hin zu dem Phänomen einer stetigen Entkirchlichung und dem Bedeutungsverlust religiöser Institutionen. Die Ursachen und Folgen des protestantischen Fundamentalismus in den USA, der als eine Bewegung gegen die zunehmende Säkularisierung und Liberalisierung der Gesellschaft betrachtet werden kann, werde ich im letzten Teil des ersten Abschnittes behandeln.

Im zweiten Abschnitt meiner Arbeit beschäftige ich mich mit dem islamischen Kulturkreis. Hier möchte ich ebenfalls den Gründen und Ursachen der Säkularisierung nachgehen und mich dann vorwiegend mit dem islamischen Fundamentalismus auseinandersetzen, den ich unter anderem auch als eine Reaktion auf Säkularisierung und Verwestlichung verstehe. Dabei werde ich an Hand von einigen Fallbeispielen die historische und politische Entwicklung dieses Phänomens nachzeichnen und versuchen die wichtigsten Erscheinungen und Entwicklungen herauszuarbeiten. Schließlich kann der Fundamentalismus nicht verstanden werden, wenn man nicht gewisse historische und politische Entwicklungen analysiert und sie in die Erklärung einbaut.

Im letzten Abschnitt verknüpfe ich schließlich die beiden Phänomene Säkularisierung und Fundamentalismus, um so die gegenseitigen Reaktionen und Einflüsse herauszufinden. Dabei gehe ich davon aus, dass der Fundamentalismus eine Gegenreaktion auf die Säkularisierung und deren Auswirkungen ist, wobei ich aber andere Erklärungen nicht ausschließen möchte und mich sehr wohl auch mit politischen, nationalen und sozialen Dimensionen dieses Phänomens auseinandersetzen werde, da ich der Ansicht bin, dass dieses Thema nur in einem großen Kontext behandelt werden kann. An dieser Stelle möchte ich auch betonen, dass mir mehr an einer zusammenhängenden Erklärung liegt, als an einer spezifischen und partiellen Deutung. Ich möchte diese beiden Phänomene im großen sozialen, historischen und politischen Kontext sehen und mich dementsprechend mit diesen Aspekten beschäftigen, auch auf die Gefahr hin, das eine oder andere Thema etwas vordergründig und flüchtig abhandeln zu müssen, damit der Gesamtkontext bewahrt bleibt. Das Vorhaben und die Intention meiner Arbeit ist aus den Teilaspekten auszubrechen und eine zusammenhängende und sachliche Gesamtsicht zu schaffen, damit diese Phänomene nicht in philosophischen oder theologischen Interpretationen untergehen, sondern die realen Verhältnisse und ihre Wirkungen ebenso miteinbezogen werden, wie etwa die historischen, politischen und sozialen Komponente, die ich besonders hervorheben möchte.

SÄKULARISIERUNG: Die Vieldeutigkeit eines Begriffes

Der Begriff Säkularisierung ist in den letzten Jahren zu einem modischen Schlagwort avanciert, das man stets gebraucht, wenn es darum geht, das Verschwinden religiösen Handelns und Empfindens aus der Gesellschaft zu bezeichnen, und dem Schrumpfen der klerikalen Macht aus der Politik und dem ganzen Staat einen Namen zu geben. Dabei wird dieser Begriff stets in einem unterschiedlichen Kontext verwendet und unterliegt verschiedensten Interpretationsmodellen, die sich nicht nur in der Perspektive von einander unterscheiden, sondern sich auch oftmals diametral gegenüberstehen. So entstehen jedoch auch Mißverständnisse und Unschärfen in der Definition, da Historiker, Soziologen, Rechtsgelehrte oder Theologen jeweils unterschiedliche Erklärungsweisen verwenden und diesen Begriff dadurch in ihrer spezifischen wissenschaftlichen Sicht- und Denkweise färben bzw. ihn in einem anderen Sinn gebrauchen. Die Frage, die sich hier aufdrängt ist, welche Sichtweise nun wohl richtig sei und eine klare Definition dieses Begriffes abgeben kann? Schließlich ist die Religion nicht nur eine Sache der Theologen, sondern betrifft die gesamte kulturelle, psychologische und politische Landschaft einer Gesellschaft und bedarf dadurch einer weitreichenderen und komplexeren Betrachtungsweise, um ausreichend behandelt zu werden. Man könnte hier vielleicht einwenden, daß die verschiedenen Interpretationsversuche alle dasselbe meinen, und die Säkularisierung nur mit fachspezifischen Argumentationen beurteilen, aber gerade hier liegt, meiner Meinung nach, die Schwierigkeit, da die ganze Bandbreite dieses Phänomens samt, seiner gesellschaftlichen Relevanz dadurch ungenügend behandelt wird und weiters die Auswirkungen für Mensch und Gesellschaft nicht vollständig berücksichtigt. Dabei ist gerade die Säkularisierung eine der folgenschwersten Entwicklungen der menschlichen Geschichte und muß daher in einem weiteren Sinn untersucht werden.

Bevor man jedoch über Säkularisierung spricht, sollte man vorher klären was mit Religion gemeint sei und wie dieser Begriff bei den verschiedenen Autoren verwendet wird, damit es zu keinen terminologischen Vermischungen kommt.

Nach Emil Durkheims Überzeugung ist Religion ein universales Phänomen, welches uns in allen bekannten menschlichen Gesellschaften begegnet. Wie „alles soziale Handeln, so hat auch das religiöse Handeln Regelungscharakter, und religiöses Handeln unterscheidet sich (deswegen) von anderen Formen sozialen Handelns allein dadurch, daß es sich auf eine besondere Art von Gegenständen bezieht, die Durkheim als heilige Dinge bezeichnet“[2], bezieht. Durkheim has sich auch deswegen intensiv mit „primitiven“ Religionen und deren Riten und Totemismus beschäftigt, weil er durch seine Feldforschungen Material für die Entwicklung allgemeiner Einsichten in die Struktur von Religion finden wollte. Sein Interesse richtete sich vorwiegend auf die universale Verbreitung eines „strukturell-funktionalen Zusammenhangs“, der nach einer Methode herausgearbeitet wird, die auf Vergleiche basiert, um so die Variationsbreite der verschiedenen Typen von Religionen zu erforschen. Durkheim sieht den „Ursprung der Religion im Regelungscharakter allen sozialen Handelns und Verhaltens und das sakrale Verhalten als eine unter diesem Gesichtspunkt besonders effektive Form sozialen Verhaltens“.[3]

Durkheims Überzeugung, daß Religion ein universales Phänomen ist, teilt auch der Religionswissenschaftler Joachim Wach. Religiöse Erfahrung ist nach Wach, das „allgegenwärtige, für das Dasein des Menschen schlechthin konstitutive Bedürfnis des Menschen nach Kommunikation mit dem Unendlichen, mit Gott“[4]. Religion ist somit die „letzte Quelle, aus der sich alle menschliche Existenz speist und von der sie in allen ihren Aspekten abhängt: Die Kommunikation des Menschen mit Gott. Religion ist eine Art ursprüngliches Erleben, das [...] außerhalb aller weltlichen Beziehungen seinen Ort hat und dem Innersten des Menschen als eine Art apriorischer Gegebenheit zuzurechnen ist“.[5] Wach meint, daß „Religion nur echt und ihrer wahren Natur treu nur solange (ist), als sie kein anderes Ziel verfolgt und keinem anderen Zweck verbunden ist außer der Anbetung Gottes“[6].

Max Weber meint, wenn man über Religion spricht, dann sollte man sich immer vergegenwärtigen, daß man es nicht mit dem Wesen der Religion zu tun hat, sondern mit den Bedingungen und Wirkungen einer bestimmten Art von Gemeinschaftshandeln. Weber gesteht zwar die „Möglichkeit ein, daß es ein Wesen von Religion geben mag, doch er bestimmt seinerseits die Religion von vornherein im Rahmen seines allgemeinen soziologisch-theoretischen Ansatzes, nämlich seiner Theorie vom sozialen Handeln.“[7] Religiös motiviertes Handeln, ist laut Weber, wie alles soziale Handeln, ebenfalls „sinnhaftes Handeln, dessen Verständnis nur von den subjektiven Erlebnissen, Vorstellungen und Zwecken des einzelnen, eben vom Sinn, aus gewonnen werden“[8] kann. Außerdem sei das „religiös motivierte Handeln [...], wie alles soziale Handeln, in seinem urwüchsigen Bestand, diesseitig ausgerichtet“, womit der „übernatürliche, transzendente Charakter der Religion an die Sinngebung des Menschen gebunden“ wird[9]. Weber streift so auch die Frage nach dem transzendenten Wesen der Religion ab. Religiös motiviertes Handeln ist auch ein „mindestens relativ rationales Handeln, wenn auch nicht ein Handeln nach Mitteln und Zwecken, so doch nach Erfahrungsregeln“. Weber schreibt, daß „ das religiöse oder magische Denken und Handeln nicht aus dem Kreise des alltäglichen Zweckhandelns auszusondern ist, zumal auch seine Zwecke selbst überwiegend ökonomisch sind“.[10] Es gibt, nach Weber, auch innerhalb des religiösen Handelns ein „rationales Moment“, wenn das religiöse Erlebnis auch als irrational betrachtet werden kann, in Hinblick auf die „Entzauberung der Welt“, wo die Religion allgemein ins Irrationale verdrängt wird, konnte dennoch die Möglichkeit des Rationalen in der Religion überstehen.

Andererseits ist jede Religion, in einem bestimmten Sinn, auch eine Organisation. Stets gibt es eine Rollendifferenzierung und eine Rollenhierarchie, außerdem unterscheidet jede Religion zwischen einem internen Milieu, das durch die religiöse Gemeinschaft bzw. das Verhältnis zwischen den verschiedenen Gruppen, die ihr angehören, gebildet wird, und einem externen Milieu bzw. der weltlichen Gesellschaft, in die die religiöse Gemeinschaft eingeordnet ist. Wenn jedoch jede Religion ebenfalls eine Organisation ist, so unterscheidet sie sich doch erheblich von anderen Formen der Organisation. „ Sie ist diejenige Organisation, die das Heilige schafft- was in letzter Instanz bedeuten kann, daß sie keine Organisation ist“[11]. Vielleicht könnte man eine Religion dann als eine Supra-Organisation bezeichnen, die klare und eindeutige Normen und Werte vorgibt, innerhalb der sich die Gläubigen bewegen können, und die systematisch alle Lebensabschnitte und Bereiche in ihrem Sinne formt und prägt. Eine Religion ist daher nicht nur eine Form der Organisation des religiösen Lebens, sondern bietet auch ein Konzept zur Organisation des allgemeinen gesellschaftlichen Lebens.

Man kann die religiösen Überzeugungen auch durch die Art des geistigen Zwangs kennzeichnen, den sie über die Gläubigen ausüben, wobei man dann von Dogmen spricht, die von den Gläubigen nicht angezweifelt werden sollten. Jeder, der diese Dogmen leugnet, ohne „den Glauben als solche in Frage zu stellen, fromme Traditionen lästert, setzte sich einer mehr oder weniger scharfen Zensur aus“ und wird aus der Kirche gewiesen[12]. Die Religionen haben überhaupt sehr lange Zeit Wissen und Glauben vermengt und eine bestimmte Erfahrung, deren Wirklichkeit sie behaupten, als gegenwärtig dargestellt. Letztlich sind es aber meist die Existenzfragen (Tod, Krankheit, Schmerz, etc.), die in religiösen Überzeugungen eine Vorrangstellung einnehmen und die Gläubigen in ihrem Innersten berühren. Die Religionen bieten Antworten und können oft sinnlosen Schicksalsschlägen einen überirdischen Sinn verleihen, die dem Gläubigen helfen, schwierige Lebensphasen zu bewältigen.

Zurück zum Begriff der Säkularisation, möchte ich, um den verschiedenen Definitionen gerecht zu werden, bei einer Wörterbuchdefinition beginnen, wonach Säkularisation als „Verweltlichung“ bezeichnet und diese als die „ Übernahme kirchlichen Eigentums durch weltliche Mächte (bes. durch den Reichsdeputationshauptschluß 1803), allgemein (auch Säkularisierung): Ablösung ehemals kirchlicher durch weltliche Institutionen bzw. Einflußbereiche“ beschrieben wird.[13] Unter Säkularisierung versteht das Lexikon eine „ fortschreitende Lösung von religiösen und kirchlichen Bindungen; als weltanschauliches Prinzip“. Die Ableitung des Wortes Säkularisation stammt aus dem lateinischen Wort saeculares , was „Weltgeistliche und Laien“ bedeutet; aber auch das lateinische Wort saeculum wird als Wurzel verwendet und dieses bedeutet „Jahrhundert, lange Zeit oder Welt“, das Wort „ säkular“ bedeutet somit „weltlich“.[14]

Eine historisch-begriffliche Abgrenzung von den Worten Säkularisation, Säkularisierung und Säkularismus empfiehlt Arno Baruzzi, da man zwar genau sagen kann, was Säkularisation und was Säkularismus bedeutet, „ hingen die Verlegenheit bei der Säkularisierung ziemlich groß ist“.[15] Bei der Säkularisation bleibt man laut Baruzzi im wesentlichen bei „der Enteignung der äußeren Kirchengüter stehen“, wo hingegen der Säkularismus sich in Richtung „der Enteignung aller (kirchlichen) Güter“ bewegt. Hier kann man, im weiteren, die Verbindung als auch die Trennung vom Problem der Säkularisierung sehen. Die Säkularisation, so schreibt Baruzzi weiter, „ ist eine spezifische Enteignung, die auch, da es sich um äußeres Gut handelt, positiv oder mindestens neutral gesehen werden“ kann, der Säkularismus jedoch „bleibt ein rein negatives Phänomen, weil er etwas übernehmen will, was er sachgerecht nicht verwalten kann“; bei der Säkularisierung schließlich, „handelt es sich aufs Ganze gesehen darum, daß Enteignungen wohl im Sinne der Säkularisation bzw. des Säkularismus auftreten“, daß aber im Grunde ein Vorgang stattfindet, „nämlich das Verhältnis von Mensch zu Gott in seiner Identität wie Differenz zu sichten und zu gestalten.“[16] Hierbei werden diese Begriffe im Sinne der Enteignungsprozesse und der Besitz- wie Eigentumsverhältnisse gedeutet, wogegen aber das Wort Säkularisierung nicht nur den Vorgang einer „Verweltlichung“ beschreibt, sondern auch auf eine Differenzierung zwischen Welt und Gott, Wissen und Glauben, Wissenschaft und Religion hinweist. Bei dieser Differenzierung sieht Baruzzi, aus religionssoziologischer Sicht fünf Formen der Säkularisierung: (1) den Verfall von Religion (2) Konformität mit der Welt, z.B. soziale Religion, politische Theologie (3)Entsakralisierung der Welt, Verlagerung der Herrschaft auf die Welt selbst (4) Säkularisierung als Absonderung der Gesellschaft von der Religion, und (5) Säkularisierung als Übertragung religiöser Glaubensinhalte und Verhaltensmuster von der religiösen auf die weltliche Sphäre.[17]

Herman Lübbe versteht hingegen unter Säkularisierung einen ideenpolitischen Begriff. Das Wort Säkularisation wurde das erste Mal in den Vorverhandlungen zum Westfälischen Frieden von 1648 verwendet, wo es um die Liquidation geistiger Herrschaft ging, der kirchliche Stifte, Klöster und ganze Bistümer zum Opfer fielen. Hierbei wird Säkularisation als ein „politisch-rechtlicher Begriff“ verwendet, (wobei er noch neutral ist), der lediglich den Übergang bestimmter Einrichtungen aus geistlicher in weltliche Herrschaft bezeichnet. Im Deutschland, des 19. Jahrhunderts wird während des Kulturkampfes eine neue geschichts- und kulturphilosophische Version des Säkularisierungsbegriffs benützt, der im Zusammenhang mit jenem geistes- und sozialgeschichtlichen Prozeß, der häufig als Emanzipation der bürgerlichen Gesellschaft beschrieben wird, steht. Diese spezifische Version dieses Begriffs steht als Bezeichnung dafür, daß „die moderne Kultur einerseits und ihre christliche Herkunft und Vergangenheit andererseits, als gegenwärtig sich ausschließende, miteinander kämpfende Gegensätze“[18], erfahren werden. Es geht um jenen Moment der Emanzipation der bürgerlichen Gesellschaft, der ihre Absetzung von der Geschichte der christlichen Überlieferung als bloße Herkunft ausmacht, und den Prozeß der Säkularisierung oder der Verweltlichung zu einem ideen-politischen Begriff stilisiert.

Eine andere Deutung des Begriffs Säkularisierung liefert schließlich Giacomo Marramao, der auf die „strukturale Bedeutungsambivalenz“ dieses Begriffes weist, die „ zu antithetischen oder diametral gegensätzlichen Auffassungen führen kann“.[19] Dabei wird dieser Begriff einerseits im Sinn einer „ Entchristlichung“ definiert und andererseits als eine „Desakralisierung, die in nuce eigentlich schon von Anfang an in der christlichen Heilsbotschaft enthalten sei“. Von saecularisation, spricht man nach Marramao, schon „ seit den letzten Jahrzehnten des sechzehnten Jahrhunderts in den Auseinandersetzungen der französischen Kirchenrechtler“[20]. Das Wort hatte jedoch dort eine ganz andere Bedeutung, man meinte damals den „ transitus von regularis zu canonicus, d.h. den Übergang eines regulären Ordensgeistlichen in den weltlichen Stand; oder allgemeiner [...]die Rückführung in den Laienstand von jemanden, der religiöse Weihen empfangen hat oder nach Klosterregeln lebt“.[21] Marramao weist auf den Bedeutungswandel dieses Begriffes hin, wobei er sich als erstes auf den „politisch-juristischen Bereich“ bezieht, der auf den „langen und schwierigen Prozeß des Sichdurchsetzens einer säkularen- d.h. nichtkirchlichen, staatlichen- Rechtssprechung in den weiten Bereichen des gesellschaftlichen Lebens, die bisher der Herrschaft der Kirchen unterstanden“, beruft[22]. Zweitens gibt er den „ theologisch-politischen Archetyp“ als eine Entstehung des Begriffes an, wonach die Kirche ihre Rolle „ als Hauptgarant der politischen Macht“ einbüßt und diese sich befreit fühlt vom Gewicht „der mit der religiösen Sphäre unmittelbar zusammenhängenden Verantwortlichkeiten“. Dies führt dann zur „irreduziblen Säkularität der Politik und der innerweltlichen- nämlich ausschließlich auf irdischen Grundlagen beruhenden- Souveränität des Staates“.[23]

Wenn wir von der Säkularisierung, als den Rückzug der christlichen Kirchen aus Bereichen, die vorher unter ihrer Kontrolle oder Einfluß gestanden haben, also von der Trennung von Kirche und Staat, der Enteignung von Kirchengut oder der Emanzipation der Erziehung von der Autorität der Kirche sprechen, schreibt Berger in seinem Buch Zur Dialektik von Religion und Gesellschaft (1973), dann müssen wir auch von Kultur und Symbolen sprechen, die durch diesen Prozeß eine Wandlung erfahren haben. Denn „Säkularisierung wirkt sich auf die Totalität des kulturellen Lebens und der Ideation aus und läßt sich am Verschwinden religiöser Inhalte aus den Künsten, der Philosophie und der Literatur“ aber auch am „Aufkommen der Naturwissenschaften als autonome, durch und durch säkulare Weltansicht beobachten“[24]. Berger schreibt weiter, daß es auch eine Säkularisierung des Bewußtseins gibt, d.h., daß „mindestens in Europa und den Vereinigten Staaten heutzutage eine ständig wachsende Zahl von Menschen lebt, die sich die Welt und ihr eigenes Dasein auch ohne religiösen Segen erklären können“[25]. Berger weist aber zurecht darauf hin, daß die Säkularisierung zwar ein globales Phänomen ist, doch innerhalb der verschiedenen Gesellschaften nicht in dem selben Maße verteilt ist, und so auch verschiedene Bevölkerungsgruppen, soziale Klassen und Konfessionen davon betroffen sind. Es scheint aber trotzdem, als hätten die gleichen säkularen Kräfte im Verlauf der allgemeinen Verwestlichung der Welt und der Modernisierung der Gesellschaft weltweite Ausmaße angenommen.[26]

Die Definitionen und Interpretationen dieses vielschichtigen und komplexen Begriffs können jedoch nur verstanden werden, wenn man das Feld der terminologischen Ambiguität verläßt und die Gründe und die Ursachen dieses Phänomens behandelt.

I Säkularisierung und dessen Folgen in den westlichen Staaten

1) Auslösende Faktoren im Westen

1.1) Rationalisierung der Wissenschaften und des Lebens

Wie oder warum Religionen entstanden sind, ist eine Streitfrage, die noch immer heiß umkämpft wird, da fast jede wissenschaftliche Disziplin, ob die Theologie, die Philosophie, die Psychologie, die Soziologie oder die Biologie glaubt, die richtige Antwort in ihrem Sinne geben zu können und nur selten eine universelle Erklärung in Betracht zieht.

Einer der wichtigsten Gründe, trotz aller Spekulationen und Theorien, warum Religionen überhaupt entstanden sind, ist die Angst des Menschen vor der Unbegreiflichkeit des Todes und vor unberechenbaren Naturgewalten, die ein Gefühl der Machtlosigkeit erzeugen und im Individuum und in der Gemeinschaft den Glauben an einer höheren Macht aufkommen ließen. Die Menschen konnten sich viele Naturvorgänge nicht erklären und fürchteten sich vor den vielen „unverstandenen“ Naturphänomenen, die ihr Dasein bedrohten. Sie versuchten Erklärungen zu finden, um den Ereignissen in ihrer Umwelt, aber auch um ihren eigenen Empfindungen gegenüber diesen, eine Ordnung zu verleihen und so einen Sinn zu geben. Denn gerade die Sinnlosigkeit von Schicksalsschlägen und Todesfällen, beängstigte sie und ließ in ihnen den Wunsch nach einem späteren Fortleben und einer wenigstens „posthum“ ausgleichenden Gerechtigkeit entstehen. Der Glaube an eine sittliche Weltordnung, der Wunsch nach Geborgenheit bei einem höheren, helfenden und Wunder vollbringenden Wesen und das Gefühl der Erhabenheit bei diesen Vorstellungen, führten zu der Entstehung von religiösen Systemen und Weltanschauungen.[27]

Die diversen Gottheiten sind zumeist nichts anderes als Projektionen menschlicher Ängste und Wünsche. Alle Eigenschaften, die der Mensch gerne hätte, aber für ihn unerreichbar scheinen, z.B. Unsterblichkeit, unendliche Macht über alle Wesen und die Natur, Allwissenheit, etc. wurden den Göttern oder einem Gott zugeschrieben. Die Götter sind so nichts anderes als projizierte Wünsche und Ängste. Ernst Topitsch hat in seinem Buch Vom Ursprung und Ende der Metaphysik (1972) auf dieses menschliche Bedürfnis Bezug genommen. „Das Erlebnis des Vermögens und Wirkens, das der Mensch in sich vorfindet,“ unterlegt er „mit Recht oder Unrecht“[28], den ihn umgebenden Wesen, wie Topitsch bemerkt.

Diese Wirksamkeit erscheint manchmal mehr als eine unbestimmte „ Macht“, manchmal speziell als Lebens- und Zeugungskraft, oft aber auch als absichtsgeleitetes, planmäßiges Wollen und Vollbringen, als intentionales Verhalten. Ein solches Verhalten ist als künstlerisch-handwerkliches Verfertigen und als Zusammenwirken mit den Mitmenschen für den Prozeß der sozialen Produktion und Reproduktion des Lebens von besonderer Wichtigkeit.( Topitsch; 1972, S.355)

Die Vorstellungen eines Makrokosmos, bildet der Mensch, indem er wichtige Inhalte seiner „unmittelbaren Erfahrung und Umgebung auf diese Weise in das Universum projiziert“[29]. Dieser Makrokosmos ist „quantitativ unvergleichlich größer und gewaltiger, qualitativ aber gleich oder ganz ähnlich geartet“ wie der vertraute Lebensbereich, der gegenüber „ seinem vergrößerten Spiegelbild zum bloßen Mikrokosmos zusammenschrumpft“.[30] Die „große“ Welt bleibt jedoch die vorbildliche, ursprüngliche und überlegenere, dies erkennt man daran, daß die „ Lebenskraft des Individuums oder der Sippe“ nur ein Ausfluß, der universellen Kraft ist. Der „irdische König ist bloß ein Sprößling, Abbild oder Beauftragter des Himmelsherrn, aus dessen Machtfülle sich sein Herrschertum ableitet“, der menschliche Staat ist somit „nichts anderes als eine Wiedergabe des kosmischen und muß in diesen eingebaut werden“[31]. Laut Topitsch wird der „ intentional oder biomorph gedeutete Kosmos auf sein Urbild, das menschliche Leben, Wollen und Handeln rückbezogen und ihm übergeordnet“. „Die Beobachtungen der sozialen und sakralen Ordnung ist zur Aufrechterhaltung des regelmäßigen Laufes der Natur notwendig“, da jede Störung oder Anomalie auf der irdischen Erde eine entsprechende Anomalie im heiligen Makrokosmos nach sich zieht. Naturkatastrophen sind nichts anderes als Strafen oder Folgen von menschlichen Verfehlungen, und man kann die Elemente erst beruhigen, wenn Recht und Sitte wiederhergestellt worden sind.[32]

Am Beispiel der Astrologie zeigt Topitsch, wie „Annahmen über Handlungsfolgen“ und die Vorhersagen über menschliche Schicksale und Naturereignisse, also über Erfahrungstatsachen, zwar oftmals „ absolut“ sind und eine „unentrinnbare Notwendigkeit verkünden“, andererseits auch „Richtlinien für ein Handeln, etwa im Sinne der astrologischen Medizin, Politik oder Strategie“[33] vorgeben können. Aber alle „derartige Behauptungen über Zusammenhänge zwischen Erfahrungstatsachen und im besonderen über erfahrbare Handlungsfolgen, sind grundsätzlich empirisch überprüfbar“ und können sich bei einer Überprüfung entweder als falsch oder richtig erweisen. Diese fortschreitende „ Einsicht in die tatsächlichen Zusammenhänge des empirischen Geschehens zeigt nun die Unhaltbarkeit der diesbezüglichen Annahmen des biomorphen und intentionalen Weltbildes“[34] und deren Unbrauchbarkeit als Instrument der Vorhersage. Auf diesen Weg kommt es dann zu einer Kollision zwischen mythologischem Denken und Erfahrungswissen.

Diese Entmythologisierung oder wie es Max Weber treffend bezeichnet hat, diese „ Entzauberung der Welt“, ist ein langer Prozeß, der sehr weit in die Geistesgeschichte Europas zurückreicht und verschiedenste Ursachen besitzt. Die Wurzeln liegen sicher auch im Alten Testament, wo eine radikale Trennung zwischen Gott und Mensch vollzogen wird. Die Welt ist die Schöpfung Gottes und besitzt von selbst aus keinen göttlichen Charakter. Diese scharfe Trennung des Monotheismus, im Gegensatz zu den polytheistischen Naturreligionen, die viele Götter hatten und das Wirken der Götter überall erfuhren, war sicherlich ein entscheidender Faktor für eine Entmythologisierung des Universums und des Glaubens.

Der ausschlaggebende Zusammenprall zwischen mythologischem Denken und nachprüfbaren Wissen, das auf Erfahrung und Beobachtung basiert, wurde jedoch erstmals von den antiken Philosophen und Gelehrten vollbracht. Zwar trachteten Männer wie Heraklit, Aristoteles, Sokrates oder Platon nicht danach, die Existenz ihrer Götter zu leugnen oder in Frage zu stellen, doch setzten sie einen ersten, vielleicht unbewussten, Schritt für eine Rationalisierung des Denkens, das auf Vernunft und mathematischer Logik beruhte und nicht mehr blind Dogmen und mystischen Anschauungen gehorchte. Ihre Beobachtungen der Natur, des Himmels und des sozialen Gefüges, in dem sie lebten, führten sie zu neuen Erkenntnissen, die sie in allgemeingültige und nachprüfbare Formeln und Gesetzmäßigkeiten übertrugen. Erkenntnis als Ergebnis des Erkennens besteht aus wahren Aussagen über die Wirklichkeit, aber auch über ideale Sachverhalte. Man kann jedoch nur dann von Erkenntnis sprechen, wenn eine Aussage, die unser Wissen erweitert, von prinzipiell jedem Menschen, nach Überprüfung, zwingend als wahr oder wenigstens „höchstwahrscheinlich“ anerkannt werden wird.[35]

Die Logik, was soviel wie Vernunft bedeutet, hat ihren Ursprung bei Aristoteles und befaßt sich mit Methoden, die erlauben korrekte von unkorrekten Schlüssen zu unterscheiden. Sie ist die Theorie der Folgerungen oder die Lehre von den Normen des Denkens. Die Aussagen der „ normalen Logik“ sind wahr oder falsch, einen dritten Wahrheitswert gibt es in der klassischen formalen Logik nicht, somit gibt es keine Aussage, die sowohl wahr als auch falsch ist.[36] Die griechische Philosophie hat mit ihrem mathematisch-logischen Gedankengebäude und ihren Erkenntnismethoden das abendländische Denken bis weit ins 16. und 17. Jahrhundert geprägt und noch heute zählen die Erkenntnisse von Phytagoras, Archimedes, Euklid oder Hippokrates zu wichtigen Errungenschaften der abendländischen Zivilisation.

Der Einzug des Logos im christlichen Glauben erfuhr schließlich am Ende des Frühmittelalters in der Scholastik seinen Höhepunkt. Theologen und Philosophen wollten die christliche Lehre mit Hilfe der Vernunft rational begründen. Der Gegensatz von Glauben und Vernunft wurde zu einem Hauptproblem der Philosophie und führte auch zu dem sogenannten „Universalienstreit“, wo die Vertreter des Realismus, die den „Seinscharakter der allgemeinen Begriffe (der Universalien)“ vertraten, und die Anhänger des Nominalismus, nach den Lehren Aristoteles, die von der unmittelbaren Wahrheit der Erfahrungswelt ausgingen, einander gegenüberstanden.[37] Die Nominalisten hielten die allgemeinen Begriffe nur für subjektive Vorstellungen, für Abstraktionen des Verstandes und ließen sie bloß als Namen gelten. Anselm von Canterbury, ein Scholastiker im 12. Jh., stellte den Lehrsatz auf, „ daß der Glaube der Erkenntnis vorangehen müsse“, während Thomas von Aquin, einer der größten und bedeutendsten Theologen der Christenheit, auf der Vernunft beruhendes Wissen, mit den aus der Offenbarung stammenden Glauben zu einem festen System, verknüpfen wollte. Thomas von Aquin wendete sich gegen die Lehre Augustinus,[38] wonach der Staat aus dem Sündenfall entstand, und schrieb ihm der „Vernunftsnatur des Menschen“ zu, der „als soziales Wesen in der Gemeinschaft mit vielen zusammen lebt, da er allein nicht alles das schaffen kann, was er zum Leben braucht.“[39] Der Staat sollte daher den Bürgern ein tugendhaftes Leben ermöglichen und die Kirchen ihnen die göttliche Gnade als letztes Ziel aller Tugenden vermitteln.

In der Renaissance fand dann durch das Wiederbeleben der griechischen Antike und ihren Weltanschauungen und Erkenntnissen eine Hinwendung zur Welt und den Menschen statt. Die klassische antike Welt diente nun als Vorbild, da sie den Menschen als Individuum hervorhob und ihn nicht mehr allein als Teil eines Kollektivs betrachten wollte. Der aufkommende Humanismus im 14. Jh. brachte schließlich den Triumph des Individuums mit sich. Große Gelehrte, wie etwa Erasmus von Rotterdam, traten für eine Geisteshaltung ein, die statt von Gefühlswerten von der unvoreingenommenen Prüfung der Sachverhalte ausging und zu einer kritischen Wertung aller Begriffe und Vorstellungen aufrief. So war es auch logisch, daß bald der kirchliche Dogmatismus angegriffen wurde, der sich immer auf eine göttliche Vernunft bezog und nicht auf eine menschliche.

Den Zweifel erhoben beispielsweise die sogenannten „Skeptiker“ (daraus leitete sich dann die philosophische Richtung des Skeptizismus ab) zum Prinzip des Denkens. Dem Versuch zu Erkenntnis zu gelangen wird jede Aussicht auf Erfolg abgesprochen. Der methodische Skeptizismus eines Descartes, wollte jedoch von dieser radikalen Form abweichen und an der Wahrheit einer Aussage so lange zweifeln, bis sie hinreichend begründet werden konnte. Er glaubte, daß die Sinnesorgane ihm durch den Einfluß eines „bösen Geistes“ alle Außendinge vortäuschten und nicht einmal seine eigenen Gliedmaßen real sind, also nur eine Sinnestäuschung seien. Während er alles anzweifelte, bemerkte er, daß es „notwendig erforderlich war“, daß er selbst, der es dachte, etwas sei.[40] Daher sein berühmter Spruch Cogito ergo sum. Nach Descartes, sei nur das menschliche Denkvermögen, die Vernunft, imstande, mit Hilfe von logischen Ableitungen oder angeborenen Ideen zu Erkenntnissen über die Wahrheit zu gelangen, da die Sinne uns ständig täuschen.

Immanuel Kant sah den Skeptizimus als das Jünglingsalter und den Kritizismus als das reife Mannesalter der Vernunft an. Kant meinte, daß Erkenntnis möglich sei, aber nicht ohne Einschränkung, nicht auf allen Gebieten und nur unter bestimmte Voraussetzungen. Dies konnte nur nach einer kritischen Prüfung der Möglichkeiten geschehen, wobei diese kritische Einstellung zu einer adäquaten Einschätzung des menschlichen Erkenntnisvermögens und seinen Grenzen führte. Erkenntnis steigt zwar mit Erfahrung an, wird aber durch die Vernunft vollendet, so ist die Erfahrung notwendig, aber nicht hinreichend Bedingung der Erkenntnis, deswegen ist das Mitwirken der Vernunft zusätzlich erforderlich. So können auch irrational gewonnene Einsichten als Erkenntnis gelten, aber nur wenn sie durch Vernunft und Erfahrung überprüft werden können. Sonst ist Erkenntnis nur durch kritisch-rationale Verarbeitung empirischer Daten möglich. Er glaubte in seinem Kritizismus den extremen Rationalismus und den radikalen Empirismus zu einer Synthese gebracht zu haben.[41]

Der Empirismus, der im wesentlichen auf den Erkenntnissen von Francis Bacon und John Locke beruht, meint, daß alle Vorstellungen, Ideen und Erkenntnisse durch Erfahrung, also a posteriori, erworben werden. Die Methoden der Beobachtung und des Experiments, mittels der Sinneserfahrung, dienen als Erkenntnisquellen, dabei geht man davon aus, daß die Seele zunächst eine tabula rasa sei, die durch die Sinneseindrücke erst beschrieben werden muß. Es gibt keine angeborenen Ideen und ohne Erfahrung kann nichts ausreichend gewußt werden.

Auf eine ähnliche Theorie baut auch der Positivismus von Auguste Comte, der eine Lehre vom „Tatsächlichen“ und „Gegebenen“ ist, wo eine „erkenntnistheoretische und methodologische Grundhaltung, die wissenschaftliche Arbeiten auf die Erfassung und Erklärung beobachtbarer, erfahrbarer Tatsachen begrenzt wissen will und darum jegliche Informationen, Überlegungen und Spekulationen, die mit dem jeweils zur Verfügung stehenden erfahrungswissenschaftlichen Möglichkeiten“[42] nicht bewiesen werden können, als außerwissenschaftlich bezeichnet. Wenn die Menschen noch in dem theologischen Stadium, laut Auguste Comtes Dreistadiengesetze, hinter jedem Vorgang einen besonderen lebendigen Willen einer fingierten Person, eines Dämons oder eines überirdischen Wesen sahen, und in der darauffolgenden metaphysischen Phase, anstelle persönlicher Gottheiten nun abstrakte Kräfte und Wesenheiten annahmen, so hat das letzte Stadium, das positivistische, nun den Menschen zu der Erkenntnis geführt, daß es keinen Sinn hat, das wahre Wesen der Dinge rein spekulativ zu ermitteln, sondern es allein nur durch Beobachtung und den Gebrauch der Vernunft gelingt, die wirklichen Gesetze der Realität zu erkennen. Die Wissenschaft hat den Menschen von dem metaphysischen spekulativen Denken befreit und ihm hinter die Kulissen der Welt und ihre kausalen Gesetzmäßigkeiten blicken lassen.

Andere Theorien wie Fichtes „subjektiver Idealismus“, Hegels „absoluten Idealismus“, Feuerbachs „Materialismus“, Nietzsches „Nihilismus“, der vor allem gegen die Metaphysik und das Christentum scharfe Kritik formulierte, oder die „Existenzphilosophie“ Martin Heideggers haben ebenfalls eine bedeutende Rolle in der Entwicklung hin zur „Entzauberung der Welt“ gespielt. All diese Erkenntnistheorien u. –methoden haben unzweifelhaft, die Rationalisierung der Welt und der Wissenschaft erheblich beschleunigt und mitbeeinflußt. Welche Theorie oder Methode nun die ausschlaggebende war, ist jedoch kaum mehr nachzuvollziehen, daher muß man die Wirkung und den Einfluß aller bei der Suche nach den Ursachen der Rationalisierung, mitberücksichtigen.

Bevor ich zu den nächsten Ursachen für die Säkularisierung gehe, möchte ich noch auf eine der bemerkenswertesten Theorien in bezug auf das behandelte Phänomen der „Verweltlichung“ des Glaubens eingehen. Max Webers berühmter Aufsatz: Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus (1920-21) versuchte zu erklären, weshalb und durch „ welche Verkettung von Umständen, sich nur und gerade im Okzident ein Komplex kultureller Phänomene manifestieren konnte, der in dieser besonderen Konstellation in keiner anderen Kultur auftritt.“[43] Dabei geht es um die rationale Wissenschaft, die „entschieden auf Anwendbarkeit und technischer Produktivität ausgerichtet ist; (und) eine[...] auf formal freie kapitalistisch- rationale Organisation der Arbeit, die auf dem Prinzip der Kalkulierbarkeit beruht und deshalb geprägt ist vom spezifisch mathematisch- experimentellen und exakt-rationalen Charakter der westlichen Wissenschaft“[44]. Diese beruht weiter auf ein „ kalkulierbares Recht und einer formalen Regeln unterstehenden Verwaltung“, die sich auf „technisch-juristische Perfektion“ stützt[45]. Weber geht es jedoch nicht allein um die wirtschaftlichen, technisch-wissenschaftlichen oder rechtlichen Bedingungen, sondern er bezieht sich auch auf die Fähigkeiten und Einstellungen der Menschen, d.h. „ der gesellschaftlich Handelnden, in bezug auf bestimmte Formen praktisch-rationaler Lebensführung“ und dabei spricht er jenen ethischen Faktor an, den er „ geschichtlich in den asketischen Idealen der Reformation findet und unmittelbar mit der Problematik der Säkularisierung in Zusammenhang bringt.“[46] Den ausschlaggebenden Faktor der Säkularisierung sieht er folglich in der Herrschaft „jener zweckrationalen Form des Handelns, die ihren spezifischen geschichtlich-sozialen Ausdruck in der für den calvinistischen und puritanischen Protestantismus charakteristischen Ethik der Entsagung und der innerweltlichen Askese gefunden hat.“[47] Diese sogenannte „ Gnadenwahllehre“, die „Lehre von der göttlichen Bestätigung und Erwählung, die sich in den Werken und ihrem Erfolg zeige“, führt zu einer jener besonderen „Verschmelzung von religiösem Rigorismus und Weltzugewandtheit, die den Geist des Kapitalismus ausmacht und in den sozialen Beziehungen einen starken Desakralisierungsfaktor darstellt“.[48]

Weber zeichnet diesen „ Geist des Kapitalismus“ durch drei Hauptzüge aus:

1. die Überzeugung, daß Arbeit als Selbstzweck lohnend und nicht nur ein Mittel zum Erwerb materiellen Wohlstandes ist;
2. die Überzeugung, daß ökonomische Entscheidungen ausschließlich auf der Grundlage rationalen Denkens getroffen werden sollten, ohne der Berücksichtigung traditioneller Kriterien;
3. eine Abneigung gegen irdisches Genußstreben.[49]

Der Ursprung des modernen Kapitalismus liegt nach Weber im Protestantismus und insbesondere im Calvinismus und Puritanismus, die große religiöse Bewegungen waren und „in ihrer Lehre den Keim zu einer radikalen Neuorientierung des menschlichen Denkens über wirtschaftliches Handeln enthielten“[50]. Arbeit war für die Anhänger Luthers und Calvins keine Buße, sondern eher ein Mittel zur Verehrung Gottes und bei den „Calvinisten und Puritanern gehörte das Genußstreben zu den schlimmsten Sünden“. Das Leben bestand nicht darin, einfach „ in den Tag zu leben“, sondern Gott verlangte auch von ihnen eine rationale, geordnete Lebensführung und das Verwerfen jeder Magie als Heilmittel.[51] Dies führte im weiteren auch zu der Ablehnung aller magisch-sakramentalen Mittel der Heilsuche und dem Mißtrauen gegen jeden Mystizismus. So wurden auch fast alle Gotteshäuser schlicht und spartanisch ausgestattet, um den Gläubigen nicht mehr mit irdischen Götzen und schönen Heiligenbildern von seiner Andacht abzulenken. Der Gläubige sollte freier und unabhängiger vom Klerus, seine Beziehung zum Herrn finden und seine Sünden nicht mehr durch Ablaß bereinigen, sondern an die „ Gnade Gottes“ glauben.

Webers Theorie ist jedoch auch empirisch überprüfbar, da gerade in protestantisch-calvinistischen Ländern, der rational- kapitalistische Weg zu einer Beschleunigung der Technisierung und Industrialisierung führte, wie am Beispiel von Großbritannien, den Niederlanden, Schweden oder den USA nachzuvollziehen ist. Hier könnte man natürlich einwenden, daß ja gerade die Calvinisten und Protestanten sehr religiös orientiert waren, und man daher von keiner beginnenden Säkularisierung sprechen kann. Meiner Meinung nach kann man mit Webers Theorie jedoch eine Wurzel dieses Phänomens zurückverfolgen, die sicherlich zu einer langsamen Veränderung des religiösen Bewußtseins beigetragen hat, da die verstärkt nach außen gerichtete Tätigkeit der Clavinisten, die Menschen unbewußt zu einer eher rationalen Denk- und Handlungsweise geführt hat, die die kapitalistische Organisation der Gesellschaft erforderte. Es war der erste Schritt einer schleichenden Emanzipation des Denkens (oder einer Entzauberung) und eine Hinwendung zum rationalen Handeln, wenn auch Frömmigkeit und rituell-religiöse Handlungen noch lange beibehalten wurden, aber nicht mehr das Denken wie früher beeinflußten.

1.2) Säkularisierung durch Modernisierung und Technisierung

Die Säkularisierung beruht auch auf dem Weltbild eines geschlossenen Kausalzusammenhangs, der durch die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse, insbesondere der Physik und der Astronomie, geschaffen wurde. Die Erklärung der Welt, ihre Ursachen und ihre Ereignisse, durch rein physikalisch-mathematische Gesetzmäßigkeiten und Begründungen, lassen den Götterglauben keinen Platz mehr in der Vernunft des Menschen. Die Rationalisierung und Technisierung der Welt schiebt jegliche Metaphysik in die Gefilde des Irrationalen ab. Logisch-rationales Denken verweigert jedes irrationale oder mythische Denken und bezieht sich auf eine Neutralisierung des Denkens. Die Orientierung am naturwissenschaftlichen Denkstil lehnt jede Beantwortung von Lebensfragen ab, die irrational sind oder empirisch nicht bewiesen werden können. Das rein analytische Denken verläßt sich auf seine dogmatischen Prinzipien, die aus dem logischen Empirismus, dem Pragmatismus und dem Positivismus bestehen. Diese Entwicklung steht in enger Beziehung zu dem Fortschrittsglauben und der dadurch vorangetriebenen Technisierung und Modernisierung der Welt, die natürlich wiederum von der Rationalisierung des Denkens und des Glaubens beeinflußt worden sind.

Jede technische Erneuerung hat auch zu einer Veränderung des herkömmlichen Verfahrens geführt, ob es nun in der Agrarwirtschaft, des Verkehrwesens, des Bauwesens, der Warenproduktion oder der Kommunikation war. Die unmittelbaren Auswirkungen dieser Veränderungen griffen natürlich auch in das soziale System ein und formten neue Regeln und Normen des Zusammenlebens und Handelns. Man bedenke nur die Folgen der Erfindung der Dampfmaschine, der Spinnmaschine, des mechanischen Webstuhls, der Dampflokomotive, des Viertaktmotors, der Telegraphie, usw., die allesamt eine Revolution bewirkten, die eine noch nie dagewesene Umgestaltung der Gesellschaft und ihrer Werte und Normen auslöste; nur vergleichbar mit der Erfindung des Rades oder der Nutzung des Feuers. Natürlich ging dieser Prozeß nicht über Nacht vonstatten, sondern brauchte einige Jahrzehnte, doch kreierte man gerade durch diese technischen Erfindungen innerhalb von etwa hundert Jahren, komplett neue Strukturen und gesellschaftliche Verhältnisse, die zwar einen großen Fortschritt bedeuteten, aber in ihrer gesellschaftlich-individuellen Tragweite bei weitem unterschätzt wurden. Allein die industrielle Gesellschaftsordnung mit ihrer großbetrieblichen Produktionsweise brachte eine neue Konstellation, die eine räumliche Trennung von Betrieb und Familie (d.h. von Arbeit u. sonstigem Lebensraum), eine weitgehend technische Arbeitsteilung und Arbeitszerlegung, „eine fortwährende und sich ausweitende Akkumulation von Kapital zum Zweck der Reproduktion und des weiteren Ausbaus der Produktions-, Handels-, Verkehrs-, und anderen Dienstleistungsbetrieben und die damit verbundene Anwendung wissenschaftlich und ökonomisch-rationaler Methoden bei der Planung, Organisation und Durchführung von Arbeitsprozessen bedeutete“.[52] Besonders die Konzentration von menschlicher Arbeitskraft am Produktionsort bewirkte eine noch nie dagewesene Urbanität, die einen bedeutsamen Einfluß auf das soziale Leben und des Glaubens und der Anschauungen der Menschen brachte.

Die meisten Religionen pflegten eine negative und mißtrauische Haltung gegenüber der Modernisierung des Lebens, weil sie ihre moralischen Werte und Normen nicht gefährdet sehen wollten, und befürchteten ihren Einfluß auf die Gläubigen einzubüßen. Es ist quasi das Kennzeichen jeder Religion, nicht nur der großen Weltreligionen, sondern auch der Naturreligionen, daß sie sich gegen eine gesellschaftliche und soziale Veränderung wehren, um ihre Position, als oberste Instanz, nicht abgeben zu müssen. Die restriktive und reaktionäre Haltung der katholischen Kirche gegen die technischen Erfindungen und Entdeckungen vieler Wissenschaftler im 15. u. 16. Jahrhundert zeigt deutlich, wie bedrohlich die Institution Kirche diesen Fortschritt empfand und wie sehr sie sich dagegen empörte. Wissenschaftler und Gelehrte, die sich gegen die fest verankerten Dogmen und die Lehrsätze der institutionalisierten Religion aussprachen, in dem sie neue Erklärungen des Weltgeschehens fanden und diese als richtig bezeichneten, wurden wegen Ketzerei verurteilt, da es nur eine Wahrheit geben konnte, und die beruhte auf die Offenbarung Gottes. Für die Säkularisierung der westlichen Welt ist aber gerade dieser Aspekt bezeichnend, da gerade in Europa die größte und einflußreichste Religion, die katholischen Kirche sich vehement gegen Erneuerung wehrte, und keine andere Erklärungen als die biblische Schöpfungsgeschichte zulassen wollte.[53] Und gerade diese starre erzkonservative Haltung, hat die menschliche Neugier und Entdeckungslust um so mehr angespornt, bzw. das Individuum nach neuen Antworten suchen lassen, um sich letztendlich, in seinem Freiheitsdrang von alten Fesseln zu lösen. Der Fortschrittsglaube und die damit einhergehende Modernisierung der Welt ist natürlich nicht allein auf die reaktionäre Haltung der katholischen Kirche und ihrer Päpste zurückzuführen, da auch viele andere soziale, politische und wirtschaftliche Aspekte, eine wichtige Rolle spielten, doch kann man hier von einer, nicht zu unterschätzenden, Antriebskraft der Modernisierung sprechen, die in ihrer Auswirkung, den Forschern, viele relevante Impulse verleihen konnte. Von den wissenschaftlichen Entdeckungen Kopernikus, der das heliozentrische System begründete, von Keplers und Galileis astronomischen und mechanischen Gesetzen, über die Entdeckung der Saug- und Druckpumpen, des Schießpulvers, des Kompaßes, der Räderuhren und der Begründung der neuzeitlichen Medizin, durch Paracelsus, bis zu einer der weitreichendsten und genialsten Erfindungen der Menschheit, dem Buchdruck, der eine drastische Veränderung der Gesellschaft nach sich zog; nichts konnte auf Dauer diesen bahnbrechenden Neuerungen und technischen Erfindungen Einhalt gebieten. So sah sich die Kirche bald veranlasst, Kompromisse zu schließen und nicht mehr gegen jede Erneuerung vorzugehen, auch wenn dadurch ihre Legitimität und ihr Wahrheitsanspruch gefährdet wurde.

Die rasche Ablösung der Naturalwirtschaft durch die Geldwirtschaft und die rasende Ausbreitung der Marktwirtschaft ermöglichten neue wirtschaftliche und politische Konzentrationen und Expansionsmöglichkeiten, die durch die Entdeckungsfahrten und Eroberungen vorangetrieben wurden. Kapitalistische Unternehmer und der Kolonialhandel schufen neue unermeßliche Reichtümer und trugen zu einer Kapitalakkumulation bei, die das Kapital nicht allein in den Händen des Adels und der Könige beließ, sondern auch die Bürger bereicherte. Wie wir im vorigen Kapitel gesehen haben, hat sich insbesondere der Kapitalismus unter dem Einfluß des Protestantismus zur vollen Blüte entfalten können, wobei er ihm eine religiöse Legitimation verleihen konnte. Es war nichts Verwerfliches mehr, sich Reichtümer anzuhäufen und an seinem eigenen materiellen Wohl zu arbeiten. Das Kreditwesen und der Zinshandel konnten sich ebenfalls langsam durchsetzen und waren nicht mehr allein den Juden vorbehalten. Aus dem anfänglichen regionalen Handel und den kleinen überschaubaren Betrieben und Produktionseinheiten wurden schließlich große Handelsunternehmen, die international agierten und eine stetig wachsende Zahl von Organisationen schufen, die immer komplexer wurden und die Lebensgewohnheiten der Menschen maßgeblich mitbestimmten.

Die katholische Kirche hat sich dennoch immer wieder von den sozialen und wirtschaftlichen Veränderungen der Gesellschaft in ihrer Position bedroht gefühlt und sich gegen liberale und modernisierende Forderungen gestellt. Die sogenannten „Zeitirrtümer“ führten z.B. beim Konzil des I.Vatikanums ( 1867/70) pauschal zur Verurteilung aller liberaler Tendenzen, die nicht nur die Autorität des Papstes gefährdeten, sondern die der gesamten Kirche. Die Revolution im Jahre 1848 und die Forderung nach mehr Freiheit und freier Meinungsäußerung, aber auch die äußere Bedrohung des Kirchenstaates durch die italienische Risorgimento-Bewegung, erschütterten den Papst dermaßen, daß er durch das „päpstliche Jurisdiktionsprimat und der päpstlichen Unfehlbarkeit, die beide auf eine Stärkung der moralischen und geistlichen Autorität des Papsttums hinausliefen“[54], eine Kampfansage an die moderne Welt verkündete und durch diese reaktionäre Haltung jede Versöhnung von Papsttum und Fortschritt ausschloß. Der Modernismus wurde als ein in sich abgeschlossenes einheitliches System charakterisiert, „eben als Zusammenfassung der Häresien, dazu geschaffen, nicht bloß die katholische, sondern jede Religion zu vernichten“.[55] Die Gefährlichkeit der Modernisten sei deshalb sehr groß, da sie sich hinter einem sittenstrengen Wandel versteckten und sich von Stolz und Hochmut antreiben lassen. Diese negative und abwehrende Haltung gegenüber allen liberalen oder modernen Forderungen und Zielen, haben der Kirche sicherlich sehr geschadet, weil sie sich dadurch gegen die Fragen und Entwicklungen der Zeit stellte und in der Ablehnung des Fortschritts, als konservative Kraft, ständig an Akzeptanz einbüßte und auf diese Weise viele Anhänger verlor. Ihre Angst durch die Liberalisierung der Politik und die Durchsetzung der Religionsfreiheit ihre Macht zu verlieren, war so groß, daß sie dabei übersah, wie wichtig und notwendig wirtschaftliche und soziale Veränderungen für die Menschen waren, und indem sie den Fortschritt als Häresie verteufelte, ihre Glaubwürdigkeit in weiten Teilen der Bevölkerung verspielte. So wurden die Kirche und der Vatikan bald zu den begehrtesten Angriffspunkten der liberalen und fortschrittsgläubigen Eliten, die sich vehement gegen deren reaktionärer Haltung zur Wehr setzten und dabei die Einstellung der Kirche und des Papstes scharf kritisierten. In den folgenden knappen hundert Jahren bis zum II Vatikanischen Konzil, verlor die Kirche mit ihrer konservativen Position immer mehr an gesellschaftlichen Einfluß, weil sie nicht in der Lage war, das Christentum mit den großen sozialen und politischen Umwälzungen zu versöhnen und zu vereinen, und sich nur stets auf ihre autoritären Dogmen berief, da sie nicht bereit war, Kompromisse einzugehen, um von der Modernisierung nicht überrollt zu werden.

An dieser Stelle sollte noch hinzugefügt werden, daß der Kampf der Modernisten und Aufklärer gegen die Kirche nicht allein auf ihre reaktionäre Haltung gegenüber den Wissenschaften zurückzuführen ist, sondern es auch (und vielleicht sogar um so eher) den Gegnern um die vielen Reich- und Besitztümer der Kirche ging, die vielen ein Dorn im Auge waren. Viele wollten nicht mehr tolerieren, daß die Kirche ständig von Enthaltsamkeit und Askese predigte, aber sich selbst bereicherte und auf Kosten der Gläubigen lebte. Die Anfeindung der katholischen Kirche findet in diesem Vorwurf eine spezifische Note, die sie von anderen religiösen Institutionen und deren Kritikern unterscheidet, vor allem weil die anderen Religionen und deren Institutionen (im Islam oder dem Buddhismus) keine so großen weltlichen Besitztümer besaßen und daher nicht der Bereicherung bezichtigt werden konnten.

1.3) Die Urbanisierung und der Prozeß der Individualisierung

Die Ausbreitung der kapitalistischen Wirtschaftsform und die umwälzenden technischen Erfindungen, lösten große Umwandlungsprozesse aus, die das soziale Gefüge der Gesellschaft maßgeblich veränderten. Alte traditionelle Strukturen verschwanden oder wurden durch neue ersetzt und bewirkten so einen radikalen Wertewandel. Die Entwicklung von einer frühkapitalistisch organisierten Gesellschaft zu einer rational orientierten Industriegesellschaft, die Arbeitsteilung im riesigen Ausmaß betrieb und das soziale Dasein maßgeblich umstrukturierte, verlangte nach einer Änderung der Werte und Normen. Die Werte, die ein nicht rational und präzise festgelegtes System bildeten, wobei die obersten Ideal- bzw. Grundwerte (z.B. Gerechtigkeit od. Nächstenliebe) einen höheren Rang einnahmen, als die instrumentellen Werte (z.B. berufliche Leistung, od. wirtschaftliches Wachstum), sollten ein stabiles, möglichst widersprucharmes, Wertesystem für die Integration und Stabilität der Gesellschaft und der Persönlichkeit bilden. Durch die Modernisierung der Gesellschaft und der „Zunahme von Pluralismus, Widersprüchlichkeiten und Zerfallserscheinungen des Wertesystems wachsen jedoch Spannungen, Konflikte und desintegrative Prozesse in der Gesellschaft sowie Orientierungsschwierigkeiten und psychische Belastungen“[56] für den Menschen. Werte werden plötzlich als „ideologische Legitimationsinstrumente zur Erlangung, Absicherung oder auch für den Abbau von Herrschaft eingesetzt“, wobei hinzu kommt, daß gerade in einer modernen Industriegesellschaft, das „gesamte Wertesystem aufgefächert durch unterschiedliche gesellschaftliche Subsysteme, Sub- u. Gegenkulturen, Regionen, soziale Klassen, Schichten oder Gruppen, sowie durch Bestrebungen (nach) individueller Persönlichkeitsentfaltung - zunehmend nur noch als ein theoretisches Konstrukt erfassbar“[57] wird. Die instrumentellen Werte, die zur Verwirklichung der ideellen Grundwerte dienen sollten, üben in der sozialen Wirklichkeit immer mehr einen größeren Einfluß auf das Handeln des Individuums aus und führen zu einer eindeutig utilitaristischen und zweckorientierten Verschiebung.

Die Art des Zusammenlebens beeinflußt das menschliche Verhalten und Denken, aber auch, wie sie die Sinnfrage des Lebens beantworten. Im Gegensatz zu ländlichen Dörfern, wo die Gemeinschaft und die Tradition einen höheren Stellenwert besitzen, entwickelte sich gerade in den größeren Städten, ein individualistischer Geist, der nicht mehr gehorchen wollte, die Autorität des irdischen, wie auch, des himmlischen Herrn zunehmend in Frage stellte und so mit Konventionen und festgefügten Verhaltensnormen brach. Die Befreiung des Individuums von geschlossenen Weltanschauungen, supranaturalen Mythen und geheiligten Symbolen, ist als die Folge eines Ausbruchs aus den starren traditionellen Vorstellungen konservativer Prägung zu verstehen. Der Stadtmensch, der nun nicht mehr Sklave oder Leibeigener war, sich frei entscheiden konnte und langsam Selbstverantwortung übernahm, der sich durch den Einfluß der Interaktion, mit anderen unterschiedlich denkenden und handelnden Menschen und deren Meinung, zu einem selbständigen unabhängigen Wesen entwickelte, konnte sich von den strengen ritualisierten Konventionen befreien. Die Loslösung von der, für konservativ und rückständig gehaltenen, katholischen Kirche, verlagerte die Vorstellungen und Ziele der Menschen zu einem diesseitsorientierten Tun und Handeln. Es setzte ein stetiger Zerfall von traditionellen religiösen Gemeinschaften ein, die durch das Auflösen der engen Familienstrukturen bewirkt wurde. Während auf dem Land die Großfamilie dominierte und familiäre Strukturen sehr wichtig waren (in bezug auf Familiengründung und den ganzen sozialen Beziehungen), verloren in den Städten diese Bindungen ihre Bedeutung, was nicht heißt, daß es dort keine enge Familienbindung mehr gab, sondern nun auch andere außerfamiliäre Beziehungen vorherrschten, die für richtig empfunden wurden. Hierbei muß man natürlich differenzieren, denn die mittelalterliche Stadt unterscheidet sich in ihrer Familienstruktur noch deutlich von der Stadt der Neuzeit.

Die Säkularisierungsbewegung konnte sich jedoch gerade auf diese städtischen Lebensweisen und Anschauungen berufen, die sich zusehends entwickelten und in weiterer Folge die institutionalisierte Religion aus dem öffentlichen Leben zurückdrängen, wie Harvey Cox in seinem Aufsatz Epoche der säkularen Stadt (1965) beschreibt.[58] Der Pluralismus und die Toleranz sind folglich zwei Kinder der Säkularisierung, die aus der urbanen, sich emanzipierenden, Kultur stammen und eng mit ihr verknüpft sind.

Das „Mündigwerden des Menschen“ (zu einem Bürger) in einer urbanisierten Zivilisation, bezieht sich auf die Entwicklung der Urbanisierung und dessen Konsequenzen für die gesellschaftliche und soziale Ordnung. Urbanisierung ist jedoch kein rein quantitativer Begriff, da es nicht so sehr auf die Bevölkerungszahl einer Stadt ankommt, als auf die Bevölkerungsdichte und auf die wesentlichen Faktoren Mobilität, ökonomische Konzentration und Verbreitung der Massenkommunikation, wie Cox anführt. In der Struktur des Gemeinschaftslebens sind die Widersprüchlichkeiten und Unterschiedlichkeiten der Traditionen, in den pluralistischen und ethnisch gemischten Städten, wesentlich, wobei es zu einer Unpersönlichkeit der Beziehung kommt, die funktionalisiert wird, wie es die Entstehung von städtischen und staatlichen Institutionen und Organisationsformen veranschaulichen. So ist ein hohes Maß an Toleranz und Anonymität an die Stelle traditioneller und moralischer Sanktionen getreten.[59] Das Zentrum des urbanen Lebens wird die rationale Planung, die bürokratische Organisation, kurz die menschliche Kontrolle der Gemeinschaft. Der Zusammenhalt der Gemeinschaft durch traditionelle Konventionen und Rituale verliert an Bedeutung und wird von anonymen unpersönlichen Institutionen ersetzt, die eine möglichst gleichwertige objektive Behandlung der unterschiedlichen Gruppen beabsichtigen. Die Religion als gemeinschaftsstiftende und solidarische Ordnungseinheit verliert dadurch ihre Funktion und damit auch ihre institutionelle Gewalt.

Der dramatische Umformungsprozeß, der durch die Urbanisierung vollzogen worden ist, führt zu einer charakteristischen Lebens- und Denkgewohnheit der Stadtmenschen, wie Gerhard Lenski aufzeigt.[60] Die „städtische Lebensweise bringt die Menschen völlig verschiedener Herkunft und Bildung in eine ständig enge Verbindung miteinander“, die Menschen erkennen so, daß sie bei der „Produktion von Gütern, im Bereich der Dienstleistungen, zum Zweck der Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung und bei anderen Aufgaben, die für den Wohlstand und Wohlergehen der Stadt unerläßlich sind, auf Zusammenarbeit angewiesen sind.“[61]

Aus diesem Grund sehen sie sich genötigt, trennende Unterschiede zu ignorieren, weil der Zwang zur Zusammenarbeit dies erfordert. Schließlich wird das Verhalten, das anfangs nur einen Modus vivendi oder die vorübergehende Regelung bestimmter Situationen ermöglichen sollte, zu einer allgemeinen Grundhaltung (G. Lenski. 1967; S.33)

Lenski führt weiter an, daß Normen der Toleranz und des Säkularismus, die unvermeintlichen Folgen, städtischen Lebens sind, weil gruppenspezifische Normen an Bedeutung verlieren und sich ein gemeinsamer Kern sittlicher Normen bildet, die dann von allen Mitgliedern der Stadtgemeinde, gleich welcher Konfession, geteilt werden. Hinzu kommt noch die ausgeprägte Tendenz zur Spezialisierung und Segmentierung, die einen verringerten Einfluß religiöser auf säkularer Institutionen zur Folge hat. Bei wachsender Spezialisierung entsteht allgemein die Tendenz, das Leben immer weniger als ein Ganzes zu sehen, sondern aus „gesonderten Teilen“ bestehend, die in verhältnismäßig loser Verbindung miteinander stehen. Die Religion wird dann immer stärker in einen gesonderten Bereich abgedrängt, statt ein integraler Bestandteil des täglichen Lebens zu sein und je weiter diese Entwicklung fortschreitet, desto geringer dürfte der Einfluß der Religion auf die säkularen Institutionen sein. Der Einzelne betrachtet die Religion, als einen abgesonderten Bereich, während die „Kirche selbst, zu einer höchst spezialisierten, formalen Organisation“ wird und folglich nicht mehr „der Kern, um den sich eine Vielzahl von sozialen Gruppen gruppierte, wie es etwa für das Dorfleben typisch war“[62].

Die Urbanisierung hat den Prozeß der Säkularisierung in der westlichen Welt, sicherlich beschleunigt, denn gerade in den urbanisierten Gebieten nahmen die Religionsbindung und der religiöse Glaube am schnellsten ab. Die gesellschaftliche Einflußnahme der Naturwissenschaften, die Rationalisierung des Lebens, die Technisierung und Industrialisierung und schließlich auch die Demokratisierung gingen zumeist von Städten aus und konnten sich auch in ihnen am ehesten durchsetzen. Städte waren Zentren des Handels, der politischen Macht, der Kunst und der Wissenschaften. Alle, die daran teilhaben wollten, nach Erfolg, Ruhm oder Geld strebten und unabhängig werden wollten, zogen in die Städte, um sich dort entfalten zu können, oder um Gleichgesinnte zu treffen, die offen und tolerant waren. Das aufstrebende Bürgertum und die Emanzipation des Bürgers ( citoyen) von der Herrschaft des Königs oder des Klerus, vollzog sich deshalb vorerst in den Städten und erst danach auf dem Lande.

Aus diesem Grund ist der Pluralismus in den Städten eng verknüpft mit der Emanzipation des Menschen von autoritärer Herrschaft und der allgemeinen Modernisierung des Lebens. Denn durch den Pluralismus in den Städten, der Konfrontation mit anders Gläubigen und Denkenden und der Herausforderung Toleranz zu üben, konnte sich ein pluralistischer Geist entwickeln, der jedem nach seiner Räson glücklich werden lassen konnte und dem Individuum erlaubte, zwischen verschiedenen sozialen, gesellschaftlichen u.a. Optionen zu wählen. Durch die größeren Möglichkeiten der Berufsausübung, der Bildung, des Konsumierens, der Freizeitgestaltung und der Freizügigkeit in den Partnerbeziehungen bekamen die Menschen die Chance auszuwählen, was ihnen am besten gefiel; sie bekamen die Wahlmöglichkeit, die im Gegensatz zu der „Schicksalswelt“ der traditionellen Kultur stand.

1.4) Von den Wahlmöglichkeiten in einer pluralistischen Gesellschaft

Der moderne Mensch muß in zahllosen Situationen des Alltagslebens wählen und dies nicht nur bei lebensnotwendigen Belangen, sondern auch auf dem Gebiet der Glaubens- und der Weltvorstellungen und den Weltanschauungen. Während der prämoderne Mensch unreflektiert und spontan gehandelt hat, weil es für ihn kaum Wahlmöglichkeiten gab, muß der moderne Mensch nun anhalten und nachdenken um sich entscheiden zu können; er muß somit auch bewußter denken, weil seine soziale Situation ihn dazu zwingt. Das „gewöhnliche Alltagsleben ist voller Wahlmöglichkeiten, angefangen von der höchst trivialen Wahl zwischen miteinander konkurrierenden Konsumwaren bis hin zu weitreichenden alternativen Lebensstilen“, wie Peter L. Berger schreibt.[63] Das Individuum kann sich so nicht nur im Bezug auf seine Bildungslaufbahn, seinem Ehepartner, dem Erziehungsstil oder dem Wohnort entscheiden, sondern auch bei der unbegrenzten Vielfalt sozialer oder politischer Betätigung. Er wird zu einem politischen Wähler, der sich für ein gesellschaftliches Programm entscheiden kann, etwas was es geschichtlich erst seit kurzem gibt und dem modernen Menschen die Möglichkeit gibt, so wie er sein eigenes Leben und das seiner Familie plant, auch an der kollektiven Zukunft aller mitgestalten zu können. Diese neue Situation, hat laut Berger, zu einem „höchst seltsamen Maß an Komplexität in der Selbsterfahrung des Einzelnen" geführt, wonach es zu einer starken „ Betonung der subjektiven Seite menschlicher Existenz“ gekommen ist. Die moderne westliche Kultur ist somit durch eine „ständige Beschäftigung mit der Subjektivität gekennzeichnet“.[64]

Was zuvor selbstverständliches Faktum war, wird nun zur Wahlmöglichkeit. Schicksal erfordert keine Reflexion, doch der Mensch, der sich gezwungen sieht seine Wahl zu treffen, ist auch gezwungen, anzuhalten und nachzudenken. Je mehr Wahlmöglichkeiten, desto mehr Reflexion. Der einzelne, der notgedrungen nachdenkt, wird sich seiner selbst immer mehr bewußt. Das heißt, er wendet seine Aufmerksamkeit von der objektiv gegebenen Außenwelt zu seiner Subjektivität. (P.L. Berger. 1979;S.35)

Diese Subjektivierung wird, nach Berger, zwar als eine Befreiung von den „Grenzen der Tradition, der Armut, der Klan- und Stammesbindungen“ erlebt, doch für diese Befreiung muß man auch einen „hohen Preis“ zahlen, da der Mensch nun dazu kommt, in einer Weise allein zu leben, wie es früher in den traditionellen Gesellschaften undenkbar war. Er wird „herausgelöst aus der festen Solidarität seines kollektiven Daseins, im Zweifel über die Normen, nach welchen er sein Dasein richten soll, im Zweifel letztlich darüber, was er will“ und dies führt wiederum zu der „Sehnsucht nach Erlösung von der Entfremdung der Modernität“.[65]

Die verlorene Sicherheit in der modernen Gesellschaft, die nun von instabilen, unzusammenhängenden, unzuverlässigen Strukturen bestimmt wird, wird wieder angestrebt und dies kann wieder zu „reaktionären“ Tendenzen führen, wo die heile Welt in der Vergangenheit gesucht wird, oder wie Berger schreibt, auch in eine „progressive Form der Erlösungssehnsucht“, die die Gegenwart als „entmenschlichend und unerträglich“ auffaßt und die „ heile Welt“ in die Zukunft projiziert, wie es etwa moderne revolutionäre Ideologien oder Bewegungen (z.B. der Marxismus) getan haben.[66]

Zwischen Säkularisierung und Pluralisierung besteht also ein enger Zusammenhang, da eine religiöse Weltsicht, wie jede andere Gesamtheit von Interpretationen der Realität auf soziale Beziehungen angewiesen ist, und je „einheitlicher und verläßlicher diese Bestätigung ist, um so stärker werden diese Realitätsdeutungen im Bewußtsein verankert“[67]. Die moderne Gesellschaft unterminiert die objektive Sicherheit, wie sie die Religion früher geschaffen hat und „entobjektiviert“ sie, indem sie ihr den selbstverständlichen Status raubt. Die Menschen in der prämodernen Welt lebten folglich in einer „Welt religiöser Sicherheit“, die zwar auch gelegentlich „durch häretische Abweichungen in Mitleidenschaft gezogen wurde“, doch die moderne Situation bildet eine viel größere Unsicherheit, die „gelegentlich durch mehr oder weniger brüchige Konstruktionen religiöser Affirmation abgewehrt wird“.[68]

Für den prämodernen Menschen stellt die Häresie eine Möglichkeit dar, für gewöhnlich allerdings eine fernab gelegene; für den modernen Menschen wird Häresie typischerweise zur Notwendigkeit. Oder noch einmal, Modernität schafft eine neue Situation, in der das Aussuchen und Auswählen zum Imperativ wird. (P.L. Berger. 1979;S.41)

Die Modernität vervielfacht die Wahlmöglichkeit und reduziert das, was früher noch als Schicksal oder Bestimmung erfahren wurde. Für die Religion bedeutet dies, daß der Mensch nicht mehr mit der „Gelegenheit, sondern vielmehr mit der Notwendigkeit konfrontiert[e]“ wird, auch hinsichtlich seiner Glaubensvorstellungen eine Wahl zu treffen. Er kann nun zwischen verschiedenen Glaubenssystemen wählen oder entscheiden, überhaupt nicht mehr zu glauben. Die Freiheit der Religionsausübung beruht genau auf diesem „Imperativ“ der Pluralität, wonach jeder freie Staatsbürger selbst entscheiden kann, welcher Religion er angehören möchte, oder überhaupt jeder Religion den Rücken zukehrt.

Der Pluralismus hat dem Menschen zwar mehr Entscheidungsfreiheit und mehr Selbstbewußtsein (Subjektivierung) gebracht, doch ihm auch eine Last aufgetragen, die das Dasein verkompliziert hat. Wer sagt ihm, welche Wahl die Richtige war? Wie kann er sicher sein, daß er sich für das Richtige, das Beste entschieden hat? Der Mensch gerät so oftmals in Zweifel, in hilflose Panik, in Unsicherheit und auch in Resignation, da er sich vor jeder Entscheidung und ihren Konsequenzen fürchtet und so lieber, für sich entscheiden läßt. Die Massenmedien und die Werbemaschinerie der modernen Welt ermöglichen es ihm, sich beruhigt zurückzulehnen und für sich entscheiden zu lassen, die Versicherungen minimieren dabei das Risiko eines Fehltritts und helfen so der Angst vor der Wahl zuvorzukommen. Der Pluralismus der modernen Welt bedeutet eine Art der Grenzenlosigkeit aller menschlicher Belange, eine unüberschaubare Vielfalt an Alternativen und die Zersplitterung allgemeiner Interessen in Tausende von Individualpräferenzen, die aber letztlich auch die Gruppenkohäsion schwächen und traditionelle Strukturen und moralische Werte aufweichen. Genau dieser Umstand birgt jedoch eine Gefahr in sich, die ich in einem extra Kapitel behandeln möchte.

1.5) Trennung von Kirche und Staat

Die Institutionalisierung der Religion und die Entstehung der Kirchen, des Klerus und der verschiedenen Orden sind in allen Universalreligionen nachzuvollziehen. Im Gegensatz zu Naturreligionen, wo es meist außer den Schamanen oder Medizinmännern, keine menschliche Verbindung (im Sinne von heiligen Männern und Priestern, die als die Vertretung und Vermittlern des Göttlichen angesehen werden) mit den Göttern gab, verlangten die Universal- und Erlösungsreligionen, bald eine Institutionalisierung und Festigung der Religion. Dies hat verschiedene Gründe wobei wieder Peter L. Berger eine bezeichnende Erklärung liefert. Berger meint, daß es für religiöse Erfahrungen keine andere Möglichkeit gibt, die Zeit zu überdauern, als die religiöse Tradition zu institutionalisieren. Das vermittelt der Erfahrung eine andere Realität, die die Gläubigen selbst niemals am eigenen Leib erfahren haben und die der Gefahr ausgesetzt ist vergessen zu werden. Da jede Tradition auch eine „kollektive Erinnerung“ ist, schreibt Berger, ist es auch die religiöse Tradition, die an jene Augenblicke erinnert, in denen die Realität einer anderen Welt in die Realität des Alltagslebens eingebrochen ist. Das Wesen der religiösen Erfahrung bildet dabei aber eine ständige Bedrohung für die Sozialordnung, da sie radikal die gewöhnlichen Probleme der Menschen relativiert und sie auch entwertet. Das Alltagsleben und die Lebensgeschäfte sind absolut nichts, im Gegensatz zu den himmlischen Erfahrungen. Das banale Leben wird bedeutungslos und irrelevant. Aber wenn die Engel die ganze Zeit sprächen, wie Berger es formuliert, dann würden die Lebensgeschäfte wieder zu erliegen kommen, die Gesellschaft könnte so nicht überleben, da sie nun auf die Begegnung mit dem Übernatürlichen eingestellt wäre und diese als höchstes Maß und Ziel anstreben würde. Das Überleben einer Gesellschaft wird so durch die Einschränkung und Kontrollierung dieser Begegnung möglich. Die Domestizierung der religiösen Erfahrung ist daher eine „der fundamentalsten sozialen wie auch psychologischen Funktionen religiöser Institutionen“[69]. Religiöse Traditionen, wie Berger treffend schreibt, halten „ jene Nächte des Ruhms in Schach, die sonst das ganze Leben verschlingen könnten“, da sie gefährlich sind für die soziale Ordnung einer Gemeinschaft.[70] Durch die „Institutionalisierung werden ihre Gefahren vermindert und zur Routine gemacht, wobei religiöse Rituale den Begegnungen mit der heiligen Realität, bestimmte Zeiten und Orte zuschreiben und sie der Kontrolle von allgemein umsichtigen und gescheiten Funktionären unterwerfen“[71]. So kann der gewöhnliche Mensch seinen täglichen Beschäftigungen nachgehen, ohne sich ständig solche spirituellen Begegnungen unterziehen zu müssen und sich den Botschaften aus einer anderen Welt zu gegebener Zeit widmen.

1.5.1) Ein kurzer Überriß über die Entwicklung der katholischen Kirche und der Auseinandersetzung zwischen geistlicher und weltlicher Macht

Religiöse Institutionen und ihre Funktionäre sind logischerweise daran interessiert, ihre Autorität und Herrschaft zu sichern und zu bewahren. Im Falle des Christentums spricht man vom ersten Abschnitt der christlichen Kirche vom apostolischen Zeitalter, wo die Zahl der Bekenner zusehends wuchs und die Menschen im Christentum Heil und Erlösung vor der Unterdrückung und der sozialen Armut sahen. Die Verfolgungen der christlichen Gemeinden trugen dazu bei, daß die Lehren der Kirche immer deutlicher wurden und ihre Ordnung (auch eine Art Verfassung) festere Gestalt annahm. An der Stelle des allgemeinen Priestertums, welches noch keine Unterscheidung zwischen einfachen Gläubigen und den Dienern der Kirche machte, trat nun der Stand des Klerus, als eigener geistlicher Stand. Ursprünglich lenkten und leiteten die Presbyter (die Ältesten der Gemeinden) und der Diakon (der Armenpfleger der Gemeinden) die Glaubensgemeinde, dann wurde einer der Presbyter als Bischof aus der Gemeinde hervorgehoben, wobei bald jede größere Stadt mit einer Gemeinde einen eigenen Bischof (auch Metropolit genannt) unterhielt, der großen Einfluß besaß. Der Metropolit von Rom forderte nach einiger Zeit das alleinige Primat über die gesamte christliche Kirche und berief sich auf den Auftrag und die Sendung des Apostels Petrus. Der Bischof der Bischöfe und die christliche Kirche wuchsen auf diese Weise, trotz vieler Anfeindungen, zu einer bedeutenden Machtinstanz heran. Nach der Christenverfolgung von 311 verfügte Kaiser Galerius ein Toleranzedikt, welches den Christen fortan die Ausübung ihres Kultes und die Wiederherstellung ihrer Kirchen erlaubte, solange sie sich jedoch nicht gegen den Staat stellten. 313 wurden ihnen schließlich, nach einer Vereinbarung zwischen Kaiser Konstantin und Kaiser Licinius die freie Religionsausübung gewährt. Konstantin sah im Christentum, daß er zu einer Staatsreligion erhob, die einigende Kraft für sein auseinanderstrebendes Reich. Kaiser Theodosius erhob dann schließlich im Jahre 391 den Katholizismus zur Alleinlehre und verbot alle heidnischen Kulte, somit war das Christentum alleingültige Religion im Römischen Reich geworden. Justinian, der Kaiser des oströmischen Reiches, vollzog letztlich den Schritt zum Gottesgnadenstaat, wobei er selbst als Autokrat an der Spitze eines umfangreichen Verwaltungssystems stand und als heilige Person galt. Der Kaiser wurde sogleich zum Haupt der Kirche. Das Staatskirchentum wurde so von Justinian im 6 Jh. n. Chr. errichtet, wonach die Kirche mit dem Staat verbunden wurde, und durch die Identität von Staat und Kirchenoberhaupt der Kaiser besondere Privilegien besaß. Die Verweltlichung der Kirche, die ca. zwischen 800 und 1000, immer größere Ausmaße annahm und die Kirchen und ihre Oberhäupter eine ungeheure Macht auf den Staat ausüben ließ, endete letztlich in einem Streit zwischen den weltlichen und den geistlichen Herrschern, die in eine geistig-politische Auseinandersetzung um die Ordnungsform der abendländischen Christenheit mündete und die Einheitswelt des orbis christianus bis in ihre Fundamente zerrüttete. Auf die lange, ereignisreiche und komplizierte Entstehung und die weitere historische Entwicklung der römisch-katholischen Kirche kann ich hier jedoch nicht weiter eingehen und wende mich daher nun einigen Abschnitten und Ereignissen zu, die ich für wesentlich, in bezug auf das untersuchende Thema, halte.

[...]


[1] Die US-amerikanischen Fundamentalisten bilden in dieser Hinsicht eine Ausnahme

[2] Matthes: Religion u. Gesellschaft 1969: S.16

[3] Ebd.: S.17 - 18

[4] Matthes 1969: S.21

[5] Ebd.: S.21-23

[6] Ebd.: S.22

[7] Weber nach Matthes S.26

[8] Ebd.: S.26

[9] Ebd.:S.26

[10] Zitiert nach Matthes 1969: S.26-27

[11] Boudon/Bourricaud: Soziologische Stichwo rte 1992: S.423

[12] vgl. Ebd.: S.424

[13] Laut Theologisches Fach- und Fremdwörterbuch 1982: S.175-176

[14] vgl. Ebd.: S.176

[15] Baruzzi : Zum Begriff und Problem Säkularisierung 1976: S.122

[16] Baruzzi 1976: S.123

[17] vgl. Ebd.: S.124

[18] Lübbe: Säkularisierung 1965: S. 40

[19] Marramao: Die Säkularisierung der westlichen Welt 1996: S.20

[20] Ebd.: S.21

[21] Ebd.: S.21

[22] Ebd. : S.23

[23] Marramao1996: S.25-26

[24] Berger: Zur Dialektik von Religion u. Gesellschaft 1973: S.103

[25] Berger 1973: S.104

[26] vgl. Ebd.: S.104

[27] vgl. Reutterer: Philosophie. 1981: S.26 u. 27

[28] Topitsch: Vom Ursprung und Ende der Metaphysik 1972: S.355

[29] Ebd.: S.355

[30] Ebd.: S.355

[31] Topitsch 1972: S.356

[32] vgl. Ebd.: S.356

[33] Ebd.: S.356

[34] Ebd.: S.357

[35] vgl. Reutterer: Philosophie 1977: S.69

[36] vgl. Ebd.: S.170

[37] vgl. Hasenmayer/ Göhring: Mittelalter 1986 : S:69

[38] Augustinus betonte stets, dass die Wahrheit im Inneren des Menschen, nicht in den Sinnen wohnte. Der Mensch erhält sie durch Einstrahlung der Ideen, die im Geiste Gottes sind, so machte er aus Platons Ideen die Gedanken Gottes. Die Geschichte wird so zu einer Heilsgeschichte.

[39] Hasenmayer/Göhring 1986: S.,70-71

[40] vgl. Reutterer 1977: S.71

[41] vgl. Ebd.: S.71 u. 75

[42] Hillmann1972: S.596

[43] Zitiert nach Marramao1996: S.58 Kapitel über Rationalität und Entzauberung und der Religionssoziologie Max Webers

[44] Ebd.: S.59

[45] vgl. Ebd.: S.59

[46] Marramao1996: S.59

[47] vgl. Ebd.: S.61

[48] Marramao1996: S.61

[49] siehe Lenski: Religion und Realität 1967: S.30

[50] Lenski 1967:S.30

[51] vgl. Ebd.: S.30-31

[52] Hillmann1972: S.331-332

[53] In anderen Religionen, wie etwa dem Islam gab es ebenfalls Wissenschaftler die sich gegen religiöse Dogmen wehrten und andere Erklärungen der Weltschöpfungen etc. anboten, doch hatte man es im Gegensatz zur katholischen Kirche, nicht mit einer starken Institution zutun, sondern eher mit kleineren Gegnern, die keinen großen Einfluß besaßen. Außerdem sollte man nicht vergessen, daß im Islam, erstens eine Symbiose zwischen Wissenschaft und Religion angestrebt worden ist und zweitens die politische und weltliche Macht unverkennbar verkettet waren und es daher eine größere Offenheit gegenüber rationalen Wissenschaften gab, die man für eine Staatsführung benötigte.

[54] Siehe dazu: Geschichte der katholischen Kirche1995: S.423

[55] vgl. Ebd.: S. 443

[56] Hillmann1972: S.809-810

[57] Ebd.: S.810

[58] vgl. H.Cox: Epoche der säkularen Stadt 1965:S.239

[59] vgl. H. Cox 1965: S241

[60] vgl. Lenski: Religion und Realität 1967: S.32-33

[61] Ebd.: S.33

[62] Lenski 1967: S.33-34. Lenski bezieht sich hier auf die sogenannte „Verstädterungstheorie“, die u.a. auf F.Tönnies, G. Simmel u. P. Sorokin zurückgeht.

[63] Siehe Berger: Der Zwang zur Häresie 1979: S.33

[64] Berger1979: S.33-34

[65] Ebd.: S.36

[66] vgl. Ebd.: S.38

[67] Berger1979: S.41

[68] Ebd.: S.41

[69] Berger1979: S.63

[70] vgl. Ebd.: S.64

[71] Ebd.: S.64

Details

Seiten
185
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783832443863
Dateigröße
999 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v219996
Institution / Hochschule
Karl-Franzens-Universität Graz – unbekannt, Soziologie
Note
2,0
Schlagworte
fundamentalismus islamisierung kulturkampf rationalisierung säkularisierung

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Titel: Säkularisierung und Fundamentalismus