Lade Inhalt...

"Die Schuld ist immer zweifellos."

Das Rechtsritual in Franz Kafkas Erzählung "In der Strafkolonie" als kulturelles Phänomen

Magisterarbeit 2000 120 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Hinrichtungsritual der Strafkolonie als kulturelles Phänomen
2.1. Franz Kafkas Erzählung In der Strafkolonie
2.1.1. Entstehung
2.1.2. Inhalt
2.1.3. Kafkas Quellen
2.1.4. Forschungsüberblick
2.1.4.1. Walter Müller-Seidel
2.1.4.2. Wolf Kittler
2.1.4.3. Susanne Feldmann
2.2. Die Strafkolonie im Spiegel der Rechtsgeschichte
2.2.1. Michel Foucaults Überwachen und Strafen
2.2.1.1. Vom Schauprozeß zur Resozialisation
2.2.1.2. Das „Fest der Martern“
2.2.2. Die Strafpraxis der Strafkolonie – ein Vergleich mit Foucaults Analyse
2.2.2.1. Aspekte der Marter
2.2.2.2. Aspekte der Disziplinierung
2.3. Dimensionen des Hinrichtungsrituals
2.3.1. Die Dimension der Schrift
2.3.1.1. Leben und Schreiben
2.3.1.2. Schrift und Körper
2.3.1.3. Die Ambivalenz der Sprache
2.3.1.4. Der „Apparat“ als Sozialisationsmaschine
2.3.2. Die Dimension der Technik
2.3.2.1. Schreib-Technik und Technikbeschreibung
2.3.2.2. Der „Apparat“ der Strafkolonie
2.3.2.3. Die Ästhetik des Ekels als Kehrseite der technischen Perfektion
2.3.3. Die Dimension der Medien
2.3.3.1. Medien-Welt
2.3.3.2. Kafkas Medienphantasien
2.3.3.3. Der „Apparat“ – ein Parlograph?
2.3.4. Die Dimension der Kunst
2.3.4.1. Literatur als Ausweg
2.3.4.2. Der „Apparat“ – ein Modell der künstlerischen Produktion?
2.4. Die Strafkolonie als kulturelle Diagnose
2.4.1. Literaturwissenschaft als Kulturwissenschaft
2.4.2. Die Konfrontation von Kulturmustern
2.4.2.1. Die Inszenierung des fremden Blicks
2.4.2.2. Die Differenz der Codes
2.4.2.2.1. Rechtsnormen
2.4.2.2.2. Lesen und Verstehen
2.4.3. Die „absolute Referenz“ als universales Kulturprinzip
2.4.3.2. Die Ritualität des Rechts
2.4.3.3. Kafkas Umgang mit der absoluten Referenz
2.5. Zusammenfassung

3. Schluss

Literaturverzeichnis

Erklärung

1. Einleitung

In der Forschung besteht Einigkeit darüber, daß Franz Kafkas Erzählung In der Straf­kolonie einen kulturellen Umbruch thematisiert: Eine mittelalterliche‚ ‚barbarische‘ Rechts- und Gesellschaftsordnung soll auf Betreiben eines neuen Machthabers, des neuen Kommandanten, durch eine moderne‚ ‚zivilisierte ‘ Gesellschaftsordnung ab­gelöst werden. Anhand dieses Umbruchs werden zwei konkurrierende Ordnungs­muster diskutiert, die sich auf unterschiedliche Rechtsfindungsstrukturen stützen. Sie werden jeweils durch eine der Hauptfiguren repräsentiert: Der europäische Forschungsreisende vertritt die Prinzipien bürgerlicher Gerichtsbarkeit, die auf Diskursivität beruht (Rede und Gegenrede in der Gerichtsverhandlung) und sich Milde und Humanität auf ihre Fahnen schreibt. Der Offizier dagegen verkörpert ein Modell, das ohne jede Diskussion zur Urteilsfindung gelangt und auf einem analogen Übertragungsmechanismus basiert (der Folterapparat ‚schreibt‘ das Urteil direkt auf den Körper des Delinquenten). Ziel dieser Arbeit ist es nun, zu zeigen, daß Kafka die auf den ersten Blick so offensichtlichen Differenzen zwischen beiden Rechtsmustern dekonstruiert und den archaischen Strafritus der Strafkolonie dazu benutzt, unreflek­tierte Voraussetzungen der eigenen (Rechts-)Kultur zu diagnostizieren.

Der erste Teil dieser Arbeit ist Kafkas Text selbst gewidmet. Hier soll die Erzählung anhand ihrer Entstehungsgeschichte, ihrer Quellen, einer Inhaltsangabe sowie eines Überblicks über die wichtigsten Forschungslinien beleuchtet werden.

Anschließend wird die Funktion des dargestellten Strafrituals innerhalb der Gesell­schaftsordnung der Kolonie analysiert, wobei die Aspekte Bestrafung und Diszipli­nierung im Mittelpunkt stehen. In diesem Zusammenhang bietet es sich an, Michel Foucaults rechtsgeschichtliche Studie Überwachen und Strafen heranzuziehen und deren zentrale Aussagen für eine Interpretation der Strafkolonie nutzbar zu machen. Foucault kann als „Ethnograph der eigenen Gesellschaft“[1] bezeichnet werden, weil er bestimmte kulturelle Strukturen – wie das Rechtswesen – in den Blick nimmt. Für das Ende des 18. Jahrhunderts diagnostiziert er einen entscheidenden Wandel im „Straf-Stil“ (ÜS 14) des europäischen und des nordamerikanischen Rechtssystems: Die mittelalterlich-absolutistische Blutjustiz wird durch eine ‚mildere‘ Gerichtsbarkeit abgelöst, die nicht mehr auf Vernichtung, sondern auf Resozialisation setzt. Ich zeichne diese Entwicklung kurz nach und gehe dabei insbesondere auf das „Fest der Martern“ (ÜS 44) ein, das einige Parallelen zum Hinrichtungsritual der Strafkolonie aufweist. Übereinstimmungen ergeben sich aber auch mit den von Foucault beschrie­benen Normalisierungsbestrebungen der modernen Disziplinargesellschaft, und zwar vor allem im metaphorischen Sinne: Zu nennen wäre hier neben der technischen Per­fektion des kafkaschen „Apparats“ (SK 161)[2] die Ein-Schreibung von Gesetzen bzw. Kulturmustern durch gesellschaftliche Institutionen (‚Apparate‘) sowie die Diszipli­nierung der Individuen durch die Schrift-Macht. Kafkas Folterapparat kann aus dieser Perspektive als Sozialisationsmaschine betrachtet werden.

Im Zentrum des dritten Teils stehen vier weitere Aspekte der Hinrichtungszeremonie, die für das Rechtsritual der Strafkolonie ebenfalls zentral sind: Schrift, Technik, Medien und Kunst. Alle vier Bereiche weisen einen besonderen Bezug zu Kafkas Biographie auf, der jeweils kurz erläutert wird. Zudem prägen sie die spezifische Erscheinungsform einer Kultur in entscheidendem Maße. Die vier Dimensionen werden daher nicht nur in Bezug auf das Hinrichtungsritual, sondern auch im Hin­blick auf ihren spezifischen Beitrag zum Funktionieren einer Kultur analysiert.

Im vierten Teil steht der Aspekt der Kulturdiagnose im Vordergrund, die Kafka mit der Erzählung gibt. Das Rechtssystem der Strafkolonie wird hier als Teilsystem der fremden Kultur begriffen. Zunächst ist zu zeigen, wie Kafka das archaische Modell der Kolonie dazu nutzt, die Codes der eigenen, abendländischen Kultur transparent zu machen. Beispielsweise inszeniert der Text mehrere Leseszenen, die – wie auch die Kommunikation zwischen den einzelnen Figuren – allesamt scheitern, weil die kulturellen der Codes Beteiligten nicht kompatibel sind. Für den Schriftsteller bietet die Inszenierung des fremden Blicks eine Möglichkeit, die scheinbaren Differenzen zwischen beiden Kulturen zu dekonstruieren und einen Einblick in das Funktionieren von Kultur überhaupt zu gewähren. Um die Prämisse dieser Arbeit zu untermauern, Recht als Teil von Kultur zu betrach­ten, beziehe ich zusätzlich die Theorie Pierre Legendres mit ein. Der Rechtshistoriker und Psychoanalytiker geht davon aus, daß sich alle Reden einer Kultur (und zwar jeder Kultur) auf eine absolute Referenz berufen, die als Garant der Rede fungiert. Diese absolute Referenz, die selbst konstitutiv abwesend ist, wird in aller Regel durch eine Vaterfigur (z.B. Gott) repräsentiert. Legendre spricht auch von der Vorstellung des „mythischen Vaters“ (L133). Nur wenn der allgegenwärtige Bezug auf die abso­lute Referenz bewußt bleibe und akzeptiert werde, sei eine Kultur vor Entgleisungen – wie z.B. dem „Hitlerismus“ (L 20)[3] – sicher. Im Rahmen dieser Arbeit geht es darum zu untersuchen, inwieweit sich Legendres Ansatz auf die Strafkolonie aber auch auf Kafkas Schreiben übertragen läßt. Dabei stellt sich heraus, daß Kafka die absolute Referenz zwar grundsätzlich anerkennt, generell aber ausgesprochen kritisch mit Strukturen umgeht, die Im-Namen-von funktionieren, und zudem einen anderen Schwerpunkt als Legendre setzt: Während es letzterem vor allem um Legitimation und Ursprung kultureller Reden geht, analysiert Kafka die disziplinierenden Aus­wirkungen hierarchischer Strukturen auf das Subjekt und denunziert die Scheinheilig­keit, mit der sich die Akteure gesellschaftlicher ‚Apparate‘ und Institutionen zumeist auf höhere Instanzen berufen. Seine Haltung ist somit hochgradig ambivalent und widerstrebt dem Ansatz Legendres in erheblichem Maße. Auch wenn seine Figuren aus den gegebenen Strukturen nicht herauskommen, deutet sich doch in manchen Texten eine Art utopischer Fluchtraum an, in dem das Wirken der absoluten Referenz außer Kraft gesetzt ist ( vgl. z.B. Die Sorge des Hausvaters).

Angesichts der immensen Deutungsflut, der Kafkas Texte seit den fünfziger Jahren unterworfen sind, möchte ich betonen, daß eine kulturtheoretische Lesart – wie jede Interpretation literarischer Texte – auch wieder nur eine Dimension der Erzählung erfassen kann. Denn Interpretieren heißt nach Michel Foucault, „sich eines Systems von Regeln, das in sich keine wesenhafte Bedeutung besitzt, gewaltsam oder listig zu bemächtigen, um ihm eine Richtung aufzuzwingen, es einem neuen Willen gefügig zu machen, es in einem anderen Spiel auftreten zu lassen und es anderen Regeln zu unterwerfen.“[4] Das gilt für Kafkas Texte in besonderem Maße:

Kafkas Schreiben gehorcht einem Gesetz, das man als Entzug der Referenz begreifen muß. Der Text macht sich einen Spaß daraus (der zugleich Verzweiflung ist), einen von den Buchstaben evozierten Gegenstand nicht etwa darzustellen, sondern im Fortschreiten der Sätze zu demon­tieren.[5]

Da die kulturdiagnostische Bedeutung kafkascher Texte bislang von der Forschung aber kaum berücksichtigt worden ist, widmet die vorliegende Arbeit diesem Aspekt besondere Aufmerksamkeit.

2. Das Hinrichtungsritual der Strafkolonie als kulturelles Phänomen

2.1. Franz Kafkas Erzählung In der Strafkolonie

2.1.1. Entstehung

Franz Kafkas Erzählung In der Strafkolonie entsteht im Oktober 1914, kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Den brisanten politischen Ereignissen scheint Kafka zunächst relativ gleichgültig gegenüber zu stehen. So schreibt er am 2. August 1914 in sein Tagebuch: „Deutschland hat Rußland den Krieg erklärt. – Nachmittag Schwimmschule.“[6] Es wäre jedoch ein Trugschluß, aus dieser lapidaren Äußerung ein generelles politisches Desinteresse abzuleiten, vielmehr hat Kafka sich zeit seines Lebens intensiv mit politischen, sozialen und literarischen Fragen beschäftigt.[7] Dennoch schiebt sich in seinem Leben immer wieder jener Überlebenskampf vor die politischen Ereignisse, über den die Eintragung vom 31. Juli 1914 (dem Tag der russischen Mobilmachung) Aufschluß gibt: „Aber schreiben werde ich trotz alledem, unbedingt, es ist mein Kampf um die Selbsterhaltung.“[8]

Die Strafkolonie entsteht im Oktober 1914, also wenige Monate, nachdem Kafka die Arbeit am Prozeß begonnen hat. Beide Texte stehen in engem thematischen Zusam­menhang. Sie behandeln den Themenkomplex Gesetz, Urteil, Strafe, Schuld und stellen die Frage nach den Erscheinungsformen der Macht in einer Gesellschaft. Im Prozeß äußert Josef K. die Vermutung: „Ein einziger Henker könnte das ganze Gericht ersetzen.“[9] Die Variante eines solchen Ein-Mann-Gerichts spielt Kafka am Offizier der Strafkolonie exemplarisch durch.

Kafkas literarische Texte sind in der Regel durch biographische Ereignisse motiviert. Dies läßt sich gerade am Prozeß-Thema gut zeigen.[10] So hat Elias Canetti die Zeit­spanne von der Verlobung mit Felice Bauer (April 1914) bis zur Entlobung (Juli 1914) als Kafkas „anderen Prozeß“[11] bezeichnet. Die demütigende Entlobung, die im Beisein von Felices Familie in einem Berliner Hotel­zimmer stattfindet, hat Kafka selbst als „Gerichtshof im Hotel“[12] beschrieben.

Im November 1916, mitten im Ersten Weltkrieg, liest Kafka die Strafkolonie in der Galerie Goltz in München vor. Vermutlich aus Vorsicht gegenüber der vom Kriegs­geschehen beherrschten bayerischen Zensur war sie unter dem Titel „Tropische Münchhausiade“[13] angekündigt worden. Der Vortrag, den er selbst als „großartigen Mißerfolg“[14] empfindet, bleibt Kafkas einzige öffentliche Lesung seiner Texte außerhalb Prags.

Zunächst hat Kafka vor, die Erzählungen Das Urteil, Die Verwandlung und In der Strafkolonie gemeinsam unter dem Titel „Strafen“ zu veröffentlichen, worauf sein Verleger Kurt Wolff jedoch nicht eingeht.[15] Offenbar hat dieser Bedenken, die Straf­kolonie dem zeitgenössischen Publikum zuzumuten. Zwar liebt er den Text nach eigener Aussage „ganz außerordentlich“, wobei sich diese Liebe durchaus mit einem „gewissen Grauen und Entsetzen über die schreckhafte Intensität des furchtbaren Stoffes“ mische,[16] Nichtsdestotrotz hält er die Erzählung aber für eine „peinliche“ Geschichte,[17] die nicht ohne weiteres veröffentlicht werden könne. Kafka, der selbst stets sehr kritisch gegenüber seinen Texten ist, kann dieses ‚Urteil‘ zwar einerseits nachvollziehen, verweist in seiner Antwort aber andererseits auf das „Peinliche“ der historischen Gegenwart und rechtfertigt damit seine Darstellung in der Literatur:

Ihre freundlichen Worte über mein Manuskript sind mir sehr angenehm eingegangen. Ihr Aus­setzen des Peinlichen trifft ganz mit meiner Meinung zusammen, die ich allerdings in dieser Art fast gegenüber allem habe, was bisher von mir vorliegt. Bemerken Sie, wie wenig in dieser oder jener Form von diesem Peinlichen frei ist! Zur Erklärung dieser letzten Erzählung füge ich nur hinzu, daß nicht nur sie peinlich ist, daß vielmehr unsere allgemeine und meine besondere Zeit gleichfalls sehr peinlich war und ist und meine besondere sogar noch länger peinlich als die all­gemeine.[18]

Mit der ‚Peinlichkeit‘ der allgemeinen Zeit spielt Kafka sicherlich nicht zuletzt auf das Kriegsgeschehen an.[19] Das Wort „peinlich“ ist in diesem Zusammenhang sowohl im mittelalterlichen Sinn als „Pein verursachend, schmerzlich,“ also den Körper betreffend, wie auch im modernen Sinne als „unangenehm“ zu verstehen,[20] denn gerade der grausame Erste Weltkrieg ist wie kaum ein Krieg zuvor einerseits an die massenhafte Vernichtung von Körpern gekoppelt, andererseits wird er (nach teils anfänglicher Begeisterung) spätestens ab 1916 von vielen Intellektuellen als unangemessenes Mittel zur Konfliktlösung und damit als ‚peinlich‘ empfunden.

Zur Veröffentlichung der Erzählung kommt es erst im Oktober 1919. Die Strafkolo­nie gehört damit zu den wenigen Texten, die von Kafka selbst veröffentlicht und nicht erst aus dem Nachlaß herausgegeben werden. Die wenigen zeitgenössischen Rezensionen der Erzählung heben vor allem ihre Ekelhaftigkeit hervor. Sie bezeich­nen die Strafkolonie als „stofflich abstoßend“ und „langweilig“, als eine Darstellung der „Gemeinheit des Menschentieres“, die nur „Ekel erzeugen kann.“[21] Die Münchner Zeitung nennt Kafka einen „Lüstling des Entsetzens“.[22] Einzig Kurt Tucholsky hält den Text für eine „Meisterleistung“.[23] Insgesamt findet er jahrzehntelang nur wenig Beachtung, zumal er in den dreißiger Jahren von den Nationalsozialisten verboten wird. Die eigentliche Rezeptionsgeschichte beginnt in Deutschland erst nach 1951 mit dem Erscheinen der von Max Brod herausgegebenen Gesamtausgabe des kafkaschen Werks.

2.1.2. Inhalt

Die Erzählung In der Strafkolonie handelt vom Besuch eines europäischen For­schungsreisenden in einer Strafkolonie. Deren geographische Lage bleibt unbe­stimmt; der Leser erfährt lediglich, daß es sich um eine Insel in den „Tropen“ (SK 162) handelt. Da Deportationsstrafen in der Neuzeit vor allem von drei Staaten – England, Rußland und Frankreich – praktiziert wurden[24] und wir zudem erfahren, daß die Amtssprache der Kolonie französisch ist (SK 164), liegt die Vermutung nahe, daß es sich um französisches Kolonialgebiet – beispielsweise um Neukaledonien[25] –handelt. Dennoch:

Einer Festlegung auf einen bestimmten Staat oder eine genaue Zeit ging Kafka [...] hier aus dem Weg und blieb seinem Grundsatz treu, Handlungen im Niemandsland zwischen Realität und Utopie zu situieren.[26]

Der Forschungsreisende war vom „neuen Kommandanten“ (SK 166) der Kolonie ein­geladen worden, „der Exekution eines Soldaten beizuwohnen, der wegen Ungehor­sam und Beleidigung des Vorgesetzten verurteilt worden war“ (SK 161). Wie alle Hinrichtungen der Kolonie soll die bevorstehende Exekution von einem „eigentüm­lichen Apparat“ (SK 161)[27] ausgeführt werden, der – hat man ihn einmal in Gang gesetzt – dank zweier „elektrischer Batterien“ (SK 165) automatisch und selbsttätig arbeitet. Diese Hinrichtungsmaschine wird dem Reisenden von einem Offizier der Kolonie mit sichtlichem Stolz präsentiert. Wie wir erfahren handelt es sich um eine Konstruktion des alten Kommandanten (vgl. SK 163), der als „Soldat, Richter, Konstrukteur, Chemiker, Zeichner“ (SK 166) an das humanistische Ideal des Universalgenies erinnert (wenngleich auf pervertierte Weise) und vom Offizier dementsprechend verehrt wird (vgl. SK 177).

Im folgenden beschreibt der Offizier detailgetreu und ausführlich den ausgeklügelten Exekutionsmechanismus: Der Hinrichtungsapparat besteht aus drei Teilen, für die sich im Laufe der Zeit laut Offizier „gewissermaßen volkstümliche Bezeichnungen“ (SK 163) herausgebildet haben. Unten befindet sich das „Bett“ (SK 163), auf das der Verurteilte „bäuchlings“ und „natürlich nackt“ (SK 164) geschnallt wird, oben der „Zeichner“ (SK 163), der mit einem komplizierten „Räderwerk“ (SK 188) ausge­stattet ist, und in der Mitte die freischwebende, gläserne „Egge“ (SK 163), die mit „Nadeln in vielfacher Anordnung“ (SK 170) besetzt ist und vom Zeichner gesteuert wird. Nach Betätigung einer „Kurbel“ (SK 191) beginnt das Bett zu vibrieren (vgl. SK 165), während die Egge dem Verurteilten in einem zwölfstündigen Arbeitsgang „das Ge­bot, das er übertreten hat, [...] auf den Leib“ (SK 166) schreibt. Letztendlich tötet also ein Schreibakt oder Tätowierungsvorgang den Verurteilten. Dieser Aspekt ist besonders in Bezug auf Kafkas eigenes ambivalentes Verhältnis zum Schreiben wichtig (vgl. Kap. 2.3.1.). Der Exekutionsapparat erinnert an eine gigantische Schreib-Maschine, die zum Folterinstrument geworden ist. In den ersten sechs Stunden der Folter leidet der Verurteilte „nur Schmerzen“ (SK 173), danach beginnt er laut Offizier, in einem sechsstündigen Erkenntnisprozeß „die Schrift zu entziffern“ (SK 173):

Wie still wird dann aber der Mann um die sechste Stunde! Verstand geht dem Blödesten auf. Um die Augen beginnt es. Von hier aus verbreitet es sich. Ein Anblick, der einen verführen könnte, sich mit unter die Egge zu legen. [...] Sie haben gesehen, es ist nicht leicht, die Schrift mit den Augen zu entziffern; unser Mann entziffert sie aber mit seinen Wunden. Es ist allerdings viel Arbeit; er braucht sechs Stunden zu ihrer Vollendung. (SK 173)

Das Spektakel der zu erwartenden „Verklärung“ (SK 178) und „Erlösung“ (SK 193) auf dem Gesicht des Verurteilten hatte zu Zeiten des alten Kommandanten offensicht­lich hohe Publikumswirkung:

Wie nahmen wir alle den Ausdruck der Verklärung von dem gemarterten Gesicht, wie hielten wir unsere Wangen in den Schein dieser endlich erreichten und schon vergehenden Gerechtig­keit! (SK 178)

Da der Offizier, der in der Strafkolonie „zum Richter bestellt“ ist (SK 168), nach dem subjektiven Grundsatz: „Die Schuld ist immer zweifellos“ (SK 168) handelt, kann die Rechtsordnung der Strafkolonie problemlos auf ein ‚ordentliches‘ Gerichtsverfahren verzichten: Sie kennt weder Anklage, Beweisaufnahme, Zeugenanhörung noch das Recht des Angeklagten auf Verteidigung und Urteilsverkündung. Derlei für europäi­sches Rechtsempfinden selbstverständliche Prozeßelemente wären in der Strafkolonie angesichts einer schon immer vorausgesetzten Schuld „nutzlos“ (SK 167). So ist es durchaus konsequent, daß der Angeklagte das Urteil erst am eigenen Leib „erfährt“ (SK 167).

Nach der theoretischen Präsentation des Hinrichtungsapparats versucht der Offizier – bevor er zum praktischen Teil übergeht – den „Fremden“ (SK 175) in einer engagier­ten Redesuada für sich und sein Verfahren zu gewinnen, welches er durch die „milde Richtung“ (SK 176) des neuen Kommandanten bedroht sieht. Seiner „Überzeugungs­kraft“ (SK 177) ist er sich dabei sicher, zumal er angesichts der für ihn unbestreitba­ren Attraktivität ‚seines‘ Verfahrens nicht damit rechnet, auf ernstzunehmenden Wi­derstand zu stoßen. Vielmehr geht er wie selbstverständlich davon aus, daß der Rei­sende ihn unterstützen wird. In einem rhetorisch perfekt inszenierten Schlagabtausch von Argumenten und Gegenargumenten übernimmt der Offizier abwechselnd den Standpunkt des aufgeklärten Europäers und den des „einzigen Vertreters des Erbes des alten Kommandanten“ (SK 177), als den er sich sieht. Durch diesen permanenten Rollentausch will er den Reisenden auf die – wie er annimmt – bevorstehende Konfrontation mit dem neuen Kommandanten vorbereiten.

Der Reisende, der als Wissenschaftler lediglich in „der Absicht zu sehen“ (SK 175) unterwegs ist und seine Aufgabe nicht darin sieht, „fremde Gerichtsverfassungen zu ändern“ (SK 175), bleibt bei der Beschreibung des Hinrichtungsrituals zunächst „sichtbar unbeteiligt“ (SK 161), kann sich dann aber einer gewissen Faszination nicht erwehren.[28] Mit fortschreitenden Erläuterungen des Offiziers kommt er jedoch zu dem Schluß, daß die „Ungerechtigkeit“ und „Unmenschlichkeit“ (SK 175) der fremden Strafpraxis „zweifellos“ (SK 175) seien. Nach langem Zögerns siegt sein Verantwortungsgefühl, und er macht dem Offizier mit einem schlichten „Nein“ (SK 185) seine ablehnende Haltung klar. Schließlich weiß er nach Ausführungen des Offiziers auch den neuen Kommandanten auf seiner Seite und muß somit keine Unannehmlichkeiten für sich befürchten, zumal er als Fremder auch den Status eines objektiven Beobachters genießt.

Die Weigerung des Reisenden, das Verfahren zu unterstützen, veranlaßt den Offizier, den Verurteilten freizusprechen sich mit Hilfe des Apparats selbst zu exekutieren. Da­für spannt er das Urteil „Sei gerecht!“ (SK 187) in den Zeichner, bevor er sich unter die Egge legt. Die Schreib-Maschine arbeitet zunächst scheinbar laut- und reibungs­los, zerlegt sich aber zur Überraschung des Reisenden nach kurzer Zeit in ihre Einzel­teile. Damit exekutiert sie nicht nur den Offizier, sondern auch sich selbst. Auf dem Gesicht der Leiche kann der Reisende – obwohl er danach sucht[29] – kein „Zeichen der versprochenen Erlösung“ (SK 193) entdecken:

Es war, wie es im Leben gewesen war; kein Zeichen der versprochenen Erlösung war zu entdecken; was alle anderen in der Maschine gefunden hatten, der Offizier fand es nicht; die Lippen waren fest zusammengedrückt, die Augen waren offen, hatten den Ausdruck des Lebens, der Blick war ruhig und überzeugt, durch die Stirn ging die Spitze des großen eisernen Stachels. (SK 193)

Nach der Exekution besucht der Reisende das Teehaus der Kolonie und besichtigt dort das Grab des alten Kommandanten. Auf dessen Grabplatte befindet sich eine Inschrift mit einer Auferstehungsprophezeiung, die mit der Aufforderung „Glaubet und wartet!“ (SK 195) endet. Nach diesem letzen Leseakt verläßt der Reisende fluchtartig die Insel, wobei es ihm gerade noch gelingt, sich den Soldaten und den Verurteilten‚ die in ihm ihren Retter sehen, ‚vom Leib zu halten‘ (vgl. SK 195).

Franz Kafka hat mehrmals versucht, den Schluß der Erzählung umzuschreiben: „Zwei oder drei Seiten kurz vor ihrem Ende sind Machwerk, ihr Vorhandensein deutet auf einen tieferen Mangel, es ist da irgendwo ein Wurm, der selbst das Volle der Geschichte hohl macht.“[30] Im August 1917 entstehen daher einige Varianten, die sich in Kafkas Tagebuch finden. Aufgrund eines Blutsturzes, der seine Lungentuberkulose ankündigt, setzt Kafka die Korrektur der Strafkolonie danach nicht mehr fort.[31]

2.1.3. Kafkas Quellen

Für die Interpretation der Strafkolonie ist ein Blick auf Kafkas Quellen unverzichtbar. Sie sollen im folgenden anhand von kurzen, charakteristischen Zitaten vorgestellt werden:

1. Jahresberichte für die Arbeiter-Unfall-Versicherungsanstalt (1909, 1910):
Die Jahresberichte, die Kafka für die Arbeiter-Unfall-Versicherungsanstalt[32] schrieb, stellen zwar keine echte Quelle für die Strafkolonie dar, geben aber Auf­schluß über die intensive Beschäftigung des Autors mit der Technik. Denn die Beschreibung von ‚Apparaten‘ gehört nicht nur zu Kafkas literarischer, sondern auch zu seiner beruflichen Tätigkeit. Im folgenden Textausschnitt geht es um die „runde Sicherheitswelle“[33], eine Holzhobelmaschine mit höherem Sicherheits­standard als die bis dahin verwendeten „Vierkantwellen“:

Die Messer dieser Welle liegen vollkommen geschützt eingebettet zwischen der Klappe [...] bzw. zwischen einem Keil [...] und dem massiven Körper der Welle. Sie liegen fest, unbeein­flusst von jeglicher Inanspruchnahme und ein Ausspringen der Messer ist ebenso ausgeschlos­sen wie ein Sichwerfen oder Sichverbiegen. Auch ein Herausfliegen der Schrauben ist mög­lichst für den Fall eines Bruchs verhindert, da diese Schrauben rund sind, tief in Aushöhlungen der Klappen liegen und überdies [...] viel weniger in Anspruch genommen werden als die Schrauben der Vierkantwellen [...].[34]

An die Verstellbarkeit der Hinrichtungsmaschine, die für jede Gelegenheit (also für jeden Verurteilten) die passende Einstellung ermöglicht, erinnert folgende Passage über Fräsköpfe:

Mit diesem Messerkopf können Arbeiten ausgeführt werden, zu denen früher verschiedene Ap­parate nötig waren. [...] Die Scheiben können nach Belieben mit 2 oder 4 Messern eingerichtet werden; sie sind seitlich verstellbar und können daher ohne Messerwechsel Schlitze verschiede­ner Breiten herstellen. Die Messer können nicht verrutschen, die Scheiben sich nicht verziehen, es wird daher eine genauere Arbeit geleistet.[35]

2. Arthur Schopenhauer (1873/74):
Die Vorstellung von der Welt als Strafkolonie findet sich auch bei Arthur Schopenhauer. Das folgende Zitat „war zweifellos eine der Quellen für die Strafkolonie[36]:

Um allezeit einen sicheren Kompaß, zur Orientirung im Leben bei der Hand zu haben ... ist nichts tauglicher, als daß man sich angewöhne, diese Welt zu betrachten als einen Ort der Buße, also gleichsam eine Strafanstalt, a penal colony.[37]

Franz Kafka, der sich in seinen Tagebüchern und Briefen immer wieder mit Schuld, Strafe und Sühne auseinandersetzt und versucht, dem Ursprung von Schuldge­fühlen auf den Grund zu gehen,[38] dürfte in dieser Metapher eigene Erfahrungen und Empfindungen bestätigt gefunden haben.

3. Friedrich Nietzsche, Zur Genealogie der Moral (1887):
Wenn man mit Gerhard Neumann Kultur als ‚Erinnern‘ definiert[39], dann ist die „Regulierung des Haushalts der vorhandenen Zeichen“[40] eine ihrer wichtigsten Aufgaben. Daß die Schaffung eines für jede Kultur unverzichtbaren kollektiven Gedächtnisses aber nur allzu oft an Schmerz und Gewalt gekoppelt ist, betont Friedrich Nietzsche in seiner Genealogie der Moral. So fungieren Brandmar­kungen und andere Foltermethoden als wirksame Techniken einer Kultur, ihren Mitgliedern bestimmte Regeln ins Gedächtnis zu ‚brennen‘ und sie dadurch zu einer Gemeinschaft zusammenzuschweißen.

„Man brennt etwas ein, damit es im Gedächtnis bleibt: nur was nicht aufhört, wehzutun, bleibt im Gedächtnis“ – das ist ein Hauptsatz aus der allerältesten (leider auch allerlängsten) Psycho­logie auf Erden [...]. Es ging niemals ohne Blut, Martern, Opfer ab, wenn der Mensch es nötig hielt, sich ein Gedächtnis zu machen; die schauerlichsten Opfer und Pfänder (wohin die Erst­lingsopfer gehören), die widerlichsten Verstümmelungen (zum Beispiel die Kastrationen), die grausamsten Ritualformen und religiösen Kulte [...] – alles das hat in jenem Instinkte seinen Ursprung, welcher im Schmerz das mächtigste Hilfsmittel der Mnemonik erriet.[41]

4. Alfred Weber , Der Beamte (1910):
Alfred Webers bürokratiekritischer Aufsatz Der Beamte erschien 1910 in der Prager Tageszeitung Die Neue Rundschau, zu deren Leserkreis Franz Kafka ge­hörte.[42] Weber denunziert darin ein Beamtentum, das sich kritiklos den Bedingun­gen der aufgeblähten deutschen Bürokratie unterwirft, welche er gezielt mit tech­nischen Metaphern wie „Apparat“ und „Maschine“ beschreibt:

Für Leute, die so fühlen [...] wächst heut ein ungeheures Problem herauf. Sie sehen, wie sich ein riesenhafter ‚Apparat‘ in unserem Leben erhebt, wie dieser Apparat die Tendenz besitzt, sich immer weitergehend über früher [...] frei und natürlich gewachsene Teile unsrer Existenz zu legen, sie in seine Kammern, Fächer und Unterfächer einzusaugen [...].[43]

Eine innere Distanzierung von diesem Apparat ist für die Beamten nach Weber kaum möglich: Sie werden vollständig von ihm absorbiert, zumal ihnen im Gegenzug gewisse Sicherheitsgarantien geboten werden:

Man sucht sie mit allen Mitteln [...] an den Apparat und den Beruf zu ketten, so, daß sie in ihm aufgehn. Man bietet ihnen Sicherheit, Bequemlichkeit der Existenz [...] – dafür aber verlangt man Lebensbindung an den Apparat: ‚Gehorsam‘ in ihm.[44]

Franz Kafka greift die Maschinenmetaphorik in der Strafkolonie auf, nimmt sie wörtlich[45] und verdeutlicht dadurch bestimmte Kulturmuster in all ihrer Drastik.

5. Robert Heindl, Meine Reise nach den Strafkolonien (1912):
Den Bezug zwischen Franz Kafkas Erzählung und Robert Heindls Bericht Meine Reise nach den Strafkolonien hat zuerst Walter Müller-Seidel herausgearbeitet.[46] Der Kriminalist Robert Heindl bereiste 1909/1910 im Auftrag des Deutschen Reichstags verschiedene Strafkolonien, u.a. in Neukaledonien, China und die Andamanen. Heindl sollte dort die Praxis der Deportationsstrafe beurteilen, über deren Einführung in Deutschland der Reichstag damals debattierte.[47] Seine Erfah­rungen faßte Heindl in einem Buch zusammen, das auszugsweise auch in Prager Tageszeitungen gedruckt wurde, Kafka also zugänglich war. Zu diesen Vorab­drucken gehört u.a. die Schilderung eines Exekutionsrituals in der französischen Strafkolonie Neukaledonien, das Heindl – ähnlich dem Offizier in Kafkas Text – als äußerst feierlich und ergreifend beschreibt:

Der Gerichtsschreiber verliest das Todesurteil. Die Beamten und Gerichtspersonen entblößen ihr Haupt. Dieser Augenblick ist von packender Wirkung. Das Herz krampft sich einem zusammen. Die Kehle wird trocken. Man fühlt etwas über der ganzen Szene lasten, das Unerbittliche.[48]

Neben der Thematik der Deportationsstrafe haben Heindls Bericht und Kafkas Strafkolonie insbesondere die Perspektive des Reisenden gemeinsam, die diejenige eines Fremden ist, der mit den Strafgewohnheiten einer anderen Kultur konfrontiert wird. Des weiteren befinden sich sowohl Heindl als auch der fiktive Forschungsreisende in einer Beurteilungssituation: von beiden wird eine Stellung­nahme über eine fremde Strafpraxis verlangt.

6. Oktave Mirbeau, Le Jardin des supplices (1898/99; deutsch 1902):[49]
Auch Octave Mirbeaus Roman Le Jardin des supplices, der in Kafkas Bibliothek vorhanden war,[50] handelt von einem Reisenden, der sich in einer Beurteilungs­situation befindet: Als „bedeutender Wissenschaftler“ ist er unterwegs, „um die verschiedenen Systeme der Verwaltung von Strafkolonien zu studieren“[51] – die inhaltlichen Parallelen zu Heindls Bericht und zur Strafkolonie sind damit nicht zu übersehen. Von einer Freundin wird der Reisende zu einem Besuch im „Garten der Qualen“ eingeladen, welcher Fremden einmal pro Woche offensteht. Die bei­den Besucher kommen dort mit einem Henker ins Gespräch, der seine „schöne Arbeit“[52] anpreist und – was seine Einstellung zur Marter anbelangt – stark an Kafkas Offizier erinnert:

Glauben Sie, Mylady, [...] Wir wissen heute fast nicht mehr, was eine wirkliche Qual ist [...] Obwohl ich mir alle Mühe gebe, die ehrwürdigen Überlieferungen aufrecht zu erhalten, so bin ich trotzdem machtlos und kann doch nicht ganz allein den Niedergang aufhalten. Was soll ich thun? Es gibt weder Hierarchie noch Überlieferung mehr! [...] Dennoch suche ich so gut wie ich kann, mich zu bethätigen und wie Sie sahen, unseren verlorenen Ruhm wieder auf die alte Höhe zu heben. Denn ich bin ein richtiger konserva­tiver, ein national gesinnter Mann, der sich nicht vom rechten Weg abbringen läßt. Mich widern alle diese Machenschaften, alle diese neuen Mo­den an, die uns unter dem Vorwande der Civilisation von den Europäern und insbesondere von den Engländern beigebracht werden [...].[53]

Auch der Offizier, der sich selbst zum „einziger Vertreter des Erbes des alten Kommandanten“ (SK 177) stilisiert, bangt um den Fortbestand der Foltertradition. Mirbeaus sadistisch gefärbter Roman nennt zudem eine Reihe von Foltermaschi­nen, deren Details (z.B. „Betten“ und „Eisenspitzen“) an Kafkas Tötungsapparat erinnern:

[...] Holzbänke, die mit Ketten und Bronzeringen ausgestattet waren; eiserne Tafeln in Kreuzesform, Galgen, Pranger, Maschinen, die zum automatischen Auseinanderzerren der Glieder, Betten, die mit schneidenden Messern ausgestattet waren oder Eisenspitzen trugen, feste Halsbretter, Sättel und Räder, Kessel und Gefäße oberhalb erloschener Kamine, ein ganzes Handwerksmaterial des Opferns und der Folter, das einen Blutgeruch ausströmte [...].[54]

7. Regina von Wladiczek, Die Fieberschule der Amalgamisten (1907):
Der pornographische Roman Die Fieberschule der Amalgamisten. Dämonischer Roman aus der Gegenwart, der nur einem kleinen Kreis von Subskribenten zugänglich war,[55] soll ebenfalls zu Kafkas Quellen gehört haben. Insbesondere die Beschreibung einer Schlagmaschine kommt als Vorlage für Kafkas Hinrich­tungsapparat in Frage.[56]

„Die Schlagmaschine [...] ist eine Errungenschaft der neuesten Zeit, vielmehr der neuesten Kul­tur. Sie braucht nur an den elektrischen Strom angeschlossen zu werden und sofort setzt sie sich in Bewegung. Zuvor muß natürlich die Anzahl, der Grad und die Art der Schläge eingestellt werden. Die einmal fixierte Lektion erteilt sie unter allen Umständen: das ist das Gute dabei! Jedes etwaige Erbarmen wird ausgeschlossen [...].[57]

8. Als Schlüsselfigur für die Thematik der Strafkolonie bezeichnet Walter Müller-Seidel schließlich den Strafrechtslehrer und Kriminologen Hans Gross,[58] der zu Kafkas akademischen Lehrern gehörte. Eines seiner wichtigsten Arbeitsgebiete war die „Technik der Spurensicherung“[59], deren Verbesserung in Zukunft jede Art von Dubiosität aus dem Strafprozeß ausschließen sollte. Ziel war es, den gesamten Tathergang auf „Fakten“ (z.B. Blut- und Fußspuren) zurückzuführen. Gross‘ kriminalistisches Ideal, Schuld generell zweifelsfrei beweisen zu können, steigert Kafka in der Strafkolonie zur kategorischen Behauptung des Offiziers, die Schuld sei „immer zweifellos“ (SK 168).

Als Anhänger der „sozialdarwinistischen Degenerationstheorie“[60] forderte Gross insbesondere die Deportation von „Degenerierten“, womit in seiner Terminologie Menschen wie „der Landstreicher, der Professionsspieler, der Überträge, der nur in äußerster Not arbeitet, der sexuell Perverse, der Ewigunzufriedene, der Um­stürzler“[61] gemeint sind.

Unserer Zeit droht viel weniger Gefahr von gewissen schweren Verbrechern, die vielleicht kerngesund sind, – die möge man entsprechend einsperren; viel mehr haben wir zu befürchten von den echten Dege­nerierten, die Verbrechen oder auch nur fortgesetzt Übertretungen bege­hen, die unsere Kultur herangezüchtet hat und die man dem ausliefern soll, dessen Entziehung an ihrer Existenz schuld ist, der Natur. Das können wir tun, wenn wir endlich die Courage zum Versuche haben: Deportation für alle straffälligen Degenerierten.[62]

Könnte man in der Charakterisierung des Verurteilten und des Soldaten in der Straf­kolonie, die Axel Hecker als Repräsentanten des „bloßen Lebens“[63] bezeichnet, ein zynisches Wörtlichnehmen der Formel des „straffälligen Degenerierten“ erkennen? Immerhin tragen die beiden auffallend wenige ‚zivilisierte‘, dafür aber umso mehr ‚tierische‘ Züge (vgl. SK 161).

Zusammenfassend läßt sich feststellen, daß Kafka für die Strafkolonie eine Mischung aus literarischen und nichtliterarischen Quellen herangezogen hat, wobei keiner der erwähnten Prätexte den Anspruch erheben kann, die bevorzugte Inspirationsquelle für die Erzählung gewesen zu sein. Nicht umsonst äußerte Kafka einmal gegenüber Gustav Janouch, er habe „viele und keine Vorlagen.“[64]

2.1.4. Forschungsüberblick

Läßt man die ältere Forschungsliteratur zur Strafkolonie außer acht, die vor allem existenzphilosophisch (Warren, Politzer, Henel), psychologisch (Kaiser, Sokel) oder biographisch (Brod, Emrich, Sokel) argumentierte,[65] gibt es derzeit in Bezug auf die Strafkolonie zwei große, miteinander konkurrierende, oder besser: sich ergänzende Interpretationslinien, für die exemplarisch die Namen Walter Müller-Seidel und Wolf Kittler stehen. Die Hauptthesen dieser beiden Deutungsansätze sollen im folgenden erläutert werden. Zusätzlich möchte ich Susanne Feldmanns Versuch einer medien- und kulturtheoretischen Interpretation einbeziehen.

2.1.4.1. Walter Müller-Seidel

Walter Müller-Seidel stellt in seiner kulturhistorischen Interpretation Die Deportation des Menschen[66] den Bezug der Erzählung zu den konkreten rechtswissenschaftlichen Diskursen ihrer Entstehungszeit her. In diesen Kontext gehört neben der Dreyfus-Affäre in Frankreich[67] insbesondere auch die Strafkolonie-Diskussion in Deutschland, die ihren Höhepunkt 1909 mit dem Antrag im Deutschen Reichstag, „dem Vorbild anderer Staaten entsprechend die Deportation auch im deutschen Strafrecht zu verankern.“[68]

Indem Müller-Seidel den Einfluß des realhistorischen Hintergrunds auf den literari­schen Text geltend macht, wendet er sich sowohl gegen die von Friedrich Beißner postulierte „Einsinnigkeit“ kafkaschen Erzählens[69] als auch gegen jede Reduktion der Strafkolonie auf den Bereich des Phantastischen. Dabei geht es ihm nicht darum, „die Strafkolonie oder Kafka überhaupt für den Realismus zu ‚retten‘ “, sondern lediglich darum, „die Bezüge zur Wirklichkeit zu klären.“[70] Denn schon der Titel zeige deut­lich, daß sich der Text mit der „Wirklichkeit des geltenden Rechts, der Rechtswissen­schaft und der vollziehenden Justiz“ auseinandersetze.[71] „Über alle denkbaren Straf­phantasien hinaus geht es um die gesellschaftliche Wirklichkeit von Strafen durchaus und damit um Strafen im juristischen Sinn.“[72]

Daß Kafka über rechtshistorisches Wissen verfügte, geht aus der zu seiner Studienzeit gültigen Examensordnung für Juristen hervor, die eine Zwischenprüfung in Rechtsgeschichte vorschrieb. Das Prinzip der Geheimhaltung, die Identifikation eines Verdächtigen mit einem Schuldigen und die absolution ab instantia sind sicherlich Vorstellungen, die Kafka mehr oder weniger bewußt aus der Geschichte der Strafverfolgung in seine Urteilsfantasien übernahm: so fantas­tisch sind sie nicht Sie entsprechen sehr wohl einer Realität, wenn auch einer historischen. Man sollte das Urteil revidieren, Kafka sei kein realistischer Autor.[73]

Die in der neueren Forschung wiederholt vertretene These, daß die Strafkolonie meta­phorisch für die moderne Industriegesellschaft stehe,[74] hält Müller-Seidel auf einer sekundären Bedeutungsebene für möglich; primär aber sieht er in der Erzählung eine durch Übertreibungen verfremdete Darstellung der zeitgeschichtlichen Wirklichkeit.[75] Er begründet seinen Standpunkt u.a. mit den Modalitäten der damaligen Militärge­richtsbarkeit (z.B. Standrecht)[76] und dem Entstehungszeitpunkt der Erzählung kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs. In der Degradierung des Verurteilten zum Tier, der als „hündisch ergeben“ (SK 161) beschrieben und wiederholt mit tierischen Attri­buten belegt wird, sieht er eine Antizipation der „Geschehnisse einer schrecklichen Weltgeschichte“[77], d.h. der Rassenideologie der Nationalsozialisten. Kafkas Kritik gelte vor allem der „Perfektion des Tötens“, die durch den technologischen Fort­schritt oder vielmehr durch dessen Mißbrauch ermöglicht werde:

Die Kritik gilt der Perfektion der Technik, sofern sie eine Perfektion des Tötens ist oder sein kann; und sie gilt dem Glauben an solche Perfektion, weil sie das jederzeit mögliche Versagen und die jederzeit möglichen Katastrophen vergessen machen. [...] Auch in diesem Punkt, auch hinsichtlich des Umschlags von technischer Perfektion in Versagen, Zerstörung und Katastro­phe bleibt Kafka in seiner Zeit und ihrer Wirklichkeit [...].[78]

Weder die alte noch die neue Ordnung stelle für Franz Kafka einen gangbaren Lö­sungsweg dar; vielmehr würden beide in gleicher Weise denunziert und – jede auf ihre Weise – auf „Formen pervertierten Denkens“[79] zurückgeführt. Parallelen zu den geschichtlichen Ereignissen des 20. Jahrhunderts seien nicht zu leugnen.

Formen pervertierten Denkens sind in der Folgezeit aus den ideologischen Konflikten und welt­anschaulichen Kämpfen des frühen zwanzigsten Jahrhunderts kaum wegzudenken. Die Entwür­digung des Menschen zum Menschenmaterial und seine Degradierung zum Tier zeigen es neben anderen schrecklichen Symptomen an; und es sind Denkarten wie diese, die zwischen der vor dem Ersten Weltkrieg praktizierten, aber ganz andersartigen Deportation einen zwar nicht monokausalen, aber doch einen inneren Zusammenhang haben.[80]

Walter Müller-Seidel macht mit seiner Interpretation auf einen wichtigen Aspekt kafkaschen Schreibens (und speziell dieses Textes) aufmerksam, nämlich den Bezug zur historischen Wirklichkeit, der ebenso wie der Bezug zur Biographie gerade bei diesem Autor keinesfalls unberücksichtigt bleiben darf – zu verwoben sind Kafkas Lebens-Zeugnisse (Tagebücher und Briefe) mit seinen literarischen Texten. Dennoch vernachlässigt er die allgemeinkulturelle Dimension: Er interpretiert die Erzählung fast ausschließlich zeitgeschichtlich, als Kritik an den Methoden der damaligen Militärgerichtsbarkeit und an möglichen ‚Abwegen‘ von Kultur, jedoch nicht als Einschreibungs-Muster von Kultur allgemein – dies ist aber sicherlich auch eine Dimension des Textes. Wenig schlüssig erscheint auch sein Vorschlag, das Vorbild für die Tötungsmaschine in einer bei Heindl beschriebenen Guillotine zu sehen.[81] Im Gegensatz zu Kafkas Apparat, der den Hinrichtungsvorgang in absurder Weise verlängert und verkompliziert, also der „Perfektion des Tötens“[82] im Sinne auch einer Perfektion des Quälens dient, stellt die Erfindung der Guillotine eine Vereinfachung der Hinrichtung dar (vgl. ÜS 21)[83] und garantiert einen relativ schmerzfreien Tod.

2.1.4.2. Wolf Kittler

Laut Wolf Kittler, dem Vertreter des zweiten großen Deutungsansatzes zur Straf­kolonie, weicht der Apparat aber auch in technischer Hinsicht „in eklatanter Weise von den Foltergeräten ab, die in Heindls Buch abgebildet und erläutert sind“.[84] Sein Aufsatz Schreibmaschinen, Sprechmaschinen[85] konzentriert sich auf die Funktion der „Schrift als Schnittstelle von Technik, Literatur, Bürokratie und Rechtssystem.“[86] Kittler untersucht „die Speicher- und Übertragungsmedien, die zu Kafkas Lebzeiten erfunden wurden,“[87] und erkennt dabei eine andere realhistorische Vorlage für die Tötungsmaschine, die aus dem technischen Bereich stammt: Es handelt sich um die sogenannte Kopier- oder Dupliziermaschine,[88] die – wie Kafkas Apparat – auf einem analogen Übertragungsmechanismus beruht.

Wenn überhaupt etwas, dann ist diese Dupliziermaschine das Vorbild für das Foltergerät in Kafkas ‚Strafkolonie‘. Der Zeichner entspräche dann dem Teil, in den die schon bespielten Tonträger eingegeben werden, die Egge dem Übertragungsmechanismus, und das Bett wäre der Teil, in den die noch unbespielten Tonträger einzulegen sind. [...] Zu Kafkas Zeit [...] war jede Sprechmaschine das, was heute nur noch Tonbandgeräte sind, nämlich Aufnahme und Wieder­gabegerät zugleich.[89]

Dies ist auch insofern logisch, als daß die gesamte Rechtsordnung der Strafkolonie im Gegensatz zum abendländischen Justizsystem nicht auf Diskursivität, sondern auf Analogizität beruht: Statt eines langwierigen Gerichtsverfahrens mit Anklage, Vertei­digung und Urteilsspruch wird dem Verurteilten „das Gebot, das er übertreten hat, mit der Egge auf den Leib geschrieben“ (SK 166), d.h. analog auf seinen Körper übertragen. Dennoch ist es fraglich, ob Kafkas Apparat (nur) auf eine konkrete Maschine verweist. Vielmehr ist anzunehmen, daß er ihn zur Beschreibung von etwas Allgemeinerem – d.h. bestimmter gesellschaftlicher Strukturen – nutzt. Diese Möglichkeit wird von Kittler zum Teil berücksichtigt, wenn er nach den „Effekten analoger Speichermedien auf das juristische Verfahren überhaupt“[90] fragt:

Die Einführung von sprachverarbeitenden Maschinen in den Gang der Justiz hat eine paradoxe Konsequenz. Indem sie das Subjektive des Verfahrens, nämlich die Aussagen der Beteiligten, objektiv verfügbar machen, schränken sie deren Zeugnischarakter ein. Über die Schuldfrage entscheidet nicht mehr das Geständnis, sondern eine abstrakte und daher im Idealfall maschi­nelle Analyse. Der Angeklagte wird aus einem Subjekt, dem die Wahrheit [...] entrissen werden muß, zum Gegenstand eines Apparates, der ihm seine Aussagen nur vom Mund abliest, um sie ihm dann nach einer mechanischen Transformation rückkoppelnd auf den Leib zu schreiben.[91]

Aus diesem Blickwinkel heraus wird aber sowohl die europäische Rechtsauffassung als auch die Figur des Reisenden suspekt:

[...] gerade er, der sich als gebildeter Mitteleuropäer von der Folter distanziert und damit zur Identifikationsfigur des Lesers wird, steht am Ende als der Richter da, der den Tod des Offi­ziers, wenn auch unwissentlich, verschuldet hat, und zwar als ein Richter, der sich in nichts von dem, was er verurteilt, unterscheidet. Denn wie der Offizier, der von der Maxime ausgeht: „Die Schuld ist immer zweifellos“, so ist auch dem Reisenden die „Ungerechtigkeit des Verfahrens und die Unmenschlichkeit der Exekution [...] zweifellos.“[92]

Es ist also die vorgebliche Zweifellosigkeit eines erkannten Sachverhalts (Schuld des Verurteilten/Unmenschlichkeit des fremden Gerichtsverfahrens), die beide Figuren miteinander verbindet und jeweils ein spontanes Urteil zu rechtfertigen scheint. Was im einen Fall (dem Urteil des Offiziers) als willkürlich und barbarisch erscheint, wirkt im anderen (dem Urteil des Reisenden) völlig legitim und selbstverständlich auf uns. Der/die europäische LeserIn mißt also ebenso wie der Reisende mit zweierlei Maß. Macht man sich dies bewußt, wird die scheinbare Identifikationsfigur zu einem „sehr zweifelhaften Richter“[93], da sich der Reisende in Bezug auf die Urteilsfindung kaum vom Offizier unterscheidet: Ein bestimmter Sachverhalt liegt für ihn klar auf der Hand und bedarf keiner weiteren Überprüfung.

[...]


[1] Jan Engelmann, „Aktenzeichen ‚Foucault‘“, Nachwort zu: Michel Foucault, Botschaften der Macht. Der Foucault-Reader Diskurs und Medien, Stuttgart 1999, S. 217. Zitate aus dem Primärtext wie auch aus der Sekundärliteratur werden gelegentlich an den einbettenden Satz grammatikalisch angepaßt.

[2] In der Strafkolonie wird nach folgender Ausgabe zitiert: Franz Kafka, „In der Strafkolonie“, in: Franz Kafka, Gesammelte Werke in zwölf Bänden, Bd. 1 (Ein Landarzt). Nach der Kritischen Ausgabe hg. v. Hans-Gerhard Koch, Frankfurt/M. 1994, S. 161-195.

[3] Legendre hält das „wissenschaftliche Programm der Judenvernichtung“ für eine „Entgleisung des gesamten europäischen Systems der tragenden Referenzen in seinem Prinzip.“ (L 19)

[4] Foucault, Michel, „Nietzsche, die Genealogie, die Historie“, in: Michel Foucault, Von der Subversion des Wissens, Frankfurt/M. 1987, S. 78.

[5] Hans-Thies Lehmann, „Der buchstäbliche Körper. Zur Selbstinszenierung der Literatur bei Franz Kafka“, in: Gerhard Kurz (Hg.), Der junge Franz Kafka, Frankfurt/M. 1984, S. 213.

[6] Kafka 1994, Gesammelte Werke, Bd. 10 (Tagebücher 1912-1914), S. 165.

[7] Vgl. Klaus Wagenbach (Hg.), Franz Kafka, ‚In der Strafkolonie‘. Eine Geschichte aus dem Jahre 1914. Mit Quellen, Chronik und Anmerkungen, Berlin 1998, S. 10.

[8] Kafka 1994, Gesammelte Werke, Bd. 10 (Tagebücher 1912-1914), S. 164f.

[9] Kafka 1994, Gesammelte Werke, Bd. 3 (Der Proceß), S. 162.

[10] Vgl. Walter Müller-Seidel, Die Deportation des Menschen. Kafkas Erzählung ‚In der Strafkolonie‘ im europäischen Kontext, Stuttgart 1986, S. 22.

[11] Elias Canetti, Der andere Prozeß. Kafkas Briefe an Felice. München 1969. Canetti bemerkt: „Die Ehe als Schafott – mit dieser Vorstellung hatte das neue Jahr für ihn begonnen.“ Ebd., S. 7.

[12] Kafka 1994, Gesammelte Werke, Bd. 11 (Tagebücher 1914-1923), S. 24 (23.7.1914).

[13] Annette Schütterle, „Franz Kafkas ‚Tropische Münchhausiade‘. Eine Lesung in München“, in: Freibeuter. Vierteljahreszeitschrift für Kultur und Politik 75 (Januar 1998), S. 154.

[14] Franz Kafka, Briefe an Felice und andere Korrespondenz aus der Verlobungszeit, hg. v. Erich Heller u. Jürgen Born, Frankfurt/M. 1967, S. 744.

[15] Vgl. Wagenbach 1998, Strafkolonie, S. 63. Ein anderes, früheres Projekt von ihm war, die Erzählun­gen Der Heizer, Das Urteil und Die Verwandlung unter dem Titel „Söhne“ zu verfassen. Vgl. S. 63.

[16] Brief an Franz Kafka (Oktober 1918), zitiert nach Wagenbach 1998, Strafkolonie, S. 66.

[17] Dies geht aus Kafkas Antwortbrief vom 11.10.1916 hervor. Vgl. Franz Kafka, Gesammelte Werke, hg. v. Max Brod, Bd. 9 (Briefe 1902-1924), Frankfurt/M. 1958, S. 150.

[18] Kafka 1958, Gesammelte Werke, Bd. 9 (Briefe 1902-1924), 158, S. 150.

[19] An seine Schwester Ottla schreibt er einmal, daß er seinem Vater in Auseinandersetzung geantwortet habe, „das Abnormale sei nicht das schlechteste, denn normal sei z.B. der Weltkrieg.“ Briefe an Ottla und die Familie, zitiert nach Wagenbach 1998, Strafkolonie, S. 64.

[20] Vgl. Peter Kluge, Etymologisches Wörterbuch, Berlin/New York 1999, Eintrag ‚peinlich‘.

[21] Vgl. Wagenbach 1998, Strafkolonie, S. 65ff.

[22] Vgl. Annette Schütterle 1988, Tropische Münchhausiade, S. 155.

[23] Vgl. Wagenbach 1998, Strafkolonie, S. 68.

[24] Wagenbach 1998, Strafkolonie, S. 69.

[25] „Es gibt keine Insel der Welt [...], die so sehr der Strafinsel dieser Erzählung entspricht, wie Neu­kaledonien [...].“ Müller-Seidel 1986, Deportation, S. 28.

[26] Dušan Glišovic, Politik im Werk Kafkas, Tübingen u.a. 1996, S. 94

[27] Zum Begriff der „Eigentümlichkeit“ vgl. Kafkas autobiographisches Fragment Jeder Mensch ist eigentümlich, in: Kafka 1994, Gesammelte Werke, Bd. 6 (Beim Bau der chinesischen Mauer und andere Schriften aus dem Nachlaß), S. 143-159.

[28] Seine Bemühungen, den Offizier durch Nachfragen (z.B. „Die Egge?“, SK 163) und Wiederholun­gen (z.B. „Nun liegt also der Mann“, SK 165) zum Weitersprechen zu bewegen, weisen auf ein deut­liches Interesse seinerseits hin.

[29] Dies zeigt, inwieweit das Gerichtsverfahren des Offiziers ihn in seinen Bann gezogen hat.

[30] Kafka 1958, Gesammelte Werke, Bd. 9 (Briefe 1902-1924), S. 159 (4. September 1917). Insgesamt war er mit der Erzählung jedoch „nicht ganz unzufrieden.“ Vgl. Kafka 1994, Gesammelte Werke, Bd. 11 (Tagebücher 1914-1923), S. 59 (2. Dezember 1914).

[31] Vgl. Wagenbach 1998, Strafkolonie, S. 60.

[32] Kafka war von 1908-1922 als Versicherungsjurist bei der Arbeiter-Unfall-Versicherungsanstalt für das Königreich Böhmen in Prag angestellt. Vgl. Klaus Wagenbach, Franz Kafka, mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, hg. von Wolfgang Müller und Uwe Naumann, Reinbeck bei Hamburg 199833, S. 140ff. Für die Strafkolonie sind insbesondere die Berichte aus den Jahren 1909 und 1910 von Bedeu­tung.

[33] Vgl. Wagenbach 1998, Strafkolonie, S. 86.

[34] Aus Franz Kafkas Bericht „Unfallverhütungsmaßregel bei Holzhobelmaschinen“ im Jahresbericht 1909 der Arbeiter-Unfall-Versicherungsanstalt, S. 7-12, zitiert nach Wagenbach 1998, Strafkolonie, S. 87f.

[35] Wagenbach 1998, Strafkolonie, S. 91.

[36] Wagenbach 1998, Strafkolonie, S. 97

[37] Arthur Schopenhauer, Sämtliche Werke in fünf Bänden, Bd. 5, zitiert nach Wagenbach 1998, Strafkolonie, S. 97.

[38] Vgl. z.B. Kafkas Brief an den Vater, in: Kafka 1994, Gesammelte Werke, Bd. 7 (Zur Frage der Gesetze), S. 10-66.

[39] „Der Prozeß einer Kultur ist zu verstehen als erinnernder Umgang mit den Zeichen und Zeichensys­temen, die diese (und andere) Kulturen in ihrer Geschichte hervorgebracht haben. Kultur läßt sich als ein Gewebe, als eine Textur der Tätigkeiten des Sprechens, Erinnerns, Schreibens, Speicherns, Ver­waltens, Lesens, Auswählens, Interpretierens und Verstehens bestimmen.“ Gerhard Neumann, „Schrei­ben und Edieren“. Seminarvorlage zum Thema ‚Edition‘ im Hauptseminar „Franz Kafka“ an der LMU München, WS 1998/99, S. 1.

[40] Neumann 1998/99, Schreiben und Edieren, S. 1.

[41] Friedrich Nietzsche, Zur Genealogie der Moral, in: Nietzsche, Werke, Bd. III, hg. v. Karl Schlechta, Frankfurt/M., Berlin, Wien 1976, S. 248. Da Kafka eine „Neigung für Nietzsche“ hatte, ist anzuneh­men, daß die o.g. Textstelle kannte. Vgl. Wagenbach 199833, Franz Kafka, S. 40.

[42] Vgl. Astrid Lange-Kirchheim, „Franz Kafka: ‚In der Strafkolonie‘ und Alfred Weber ‚Der Beamte‘“, in: GRM, N.F. 27, 1977, S. 202-221.

[43] Die neue Rundschau 21 (1910), S. 1321, zitiert nach Walter Müller-Seidel 1986, Deportation, S.77.

[44] Ebd., S. 1327, zitiert nach Walter Müller-Seidel 1986, Deportation, S. 77.

[45] Auf Kafkas generelle Tendenz, „die Sprache beim Wort [zu] nehmen und verschüttete Inhalte wieder zugänglich [zu] machen“ weisen bereits G. Anders und später Walter H. Sokel hin. Vgl. Hartmut Binder (Hg.), Kafka-Handbuch in zwei Bänden, Stuttgart 1979, Bd. II, S. 798.

[46] Vgl. Müller-Seidel 1986, Deportation, S. 80-87.

[47] Vgl. Müller-Seidel 1986, Deportation, S. 80.

[48] Robert Heindl, Meine Reise nach den Strafkolonien, S. 57, zitiert nach Müller-Seidel 1986, Deportation, S. 83.

[49] Hartmut Binder bemerkt zu dieser Quelle: „Wesentliche Teile der Beschreibung des Strafapparats, besonders aber auch die distanzierte Haltung des Erzählers beim Beschreiben ausgesuchter Grausam­keiten und das Motiv der Unverhältnismäßigkeit der Strafe, entstammen [...] nachweislich Octave Mirbeaus Le Jardin des Supplices.“ Binder 1979, Kafka-Handbuch, S. 278.

[50] Vgl. Müller-Seidel 1986, Deportation, S. 141.

[51] Zitiert nach Wagenbach 1998, Strafkolonie, S. 107f

[52] Zitiert nach Wagenbach 1998, Strafkolonie, S. 108ff

[53] Zitiert nach Wagenbach 1998, Strafkolonie, S. 110

[54] Zitiert nach Wagenbach 1998, Strafkolonie, S. 111.

[55] Vgl. Michael Farin, Böse Bücher. „Eine Vorbemerkung, drei Hinweise auf drei Privatbücher und zwei Epiloge“, in: Freibeuter Vierteljahreszeitschrift für Kultur und Politik 76 (April 1998), S. 65.

[56] Vgl. Farin 1998, Böse Bücher. S. 66.

[57] Zitiert nach Wagenbach 1998, Strafkolonie, S. 114.

[58] Müller-Seidel 1986, Deportation, S. 50. Vgl. hierzu auch folgendes Zitat: „Man kann von der ‚Den­kungsart‘ dieses wie anderer Juristen am Ausgang des Jahrhunderts nicht genug wissen, um Kafka besser zu verstehen. Das betrifft nun vollends das vorgeschlagene Strafmittel der Deportation in Verbindung mit Strafinseln und Strafkolonien.“ Ebd., S. 55.

[59] Müller-Seidel 1986, Deportation, S. 51.

[60] Müller-Seidel 1986, Deportation, S. 58.

[61] Hans Gross, „Degeneration und Deportation“, zitiert nach Müller-Seidel 1986, Deportation, S. 57.

[62] Hans Gross, „Degeneration und Deportation“, zitiert nach Müller-Seidel 1986, Deportation, S. 58.

[63] Axel Hecker, An den Rändern des Lesbaren. Dekonstruktive Lektüren zu Franz Kafka: ‚Die Ver­wandlung‘, ‚In der Strafkolonie‘ und ‚Das Urteil‘, Wien 1998, S. 82.

[64] Zitiert nach Binder 1979, Kafka-Handbuch, S. 276.

[65] Vgl. Peter U. Beicken, Franz Kafka. Eine kritische Einführung in die Forschung, Frankfurt/M. 1974, S. 287-293.

[66] Müller-Seidel, Die Deportation des Menschen. Kafkas Erzählung ‚In der Strafkolonie‘ im europäischen Kontext, Stuttgart 1986.

[67] Der französische Hauptmann jüdischer Abstammung Alfred Dreyfus wurde 1894 wegen angebli­chen Landesverrats zu lebenslänglicher Deportationsstrafe auf der Teufelsinsel verurteilt. Die Hinter­gründe des Prozesses, der in Frankreich eine innenpolitische Krise auslöste, sind in antisemitischen Strömungen zu sehen. Dreyfus wurde 1906 freigesprochen und rehabilitiert. Vgl. Dtv-Lexikon in 20 Bänden, hg. v. F. A. Brockhaus GmbH und Deutscher Taschenbuchverlag GmbH & Co KG, München und Mannheim 1995, Eintrag ‚Dreyfus‘.

[68] Müller-Seidel 1986, Deportation, S. 80.

[69] Vgl. Friedrich Beißner, Der Erzähler Franz Kafka und andere Vorträge, Frankfurt 1982, S. 72 und Müller-Seidel 1986, Deportation, S. 93 ff.

[70] Müller-Seidel 1986, Deportation, S. 106.

[71] Müller-Seidel 1986, Deportation, S. 106.

[72] Müller-Seidel 1986, Deportation, S. 24.

[73] Ulf Abraham, Der verhörte Held. Recht und Schuld im Werk Franz Kafkas, München 1985, S. 199.

[74] Vgl. z.B. Hans-Helmut Hiebel, Die Zeichen des Gesetzes. Recht und Macht bei Kafka, München 1983, S. 61.

[75] Vgl. Müller-Seidel 1986, Deportation, S. 111.

[76] „Wir haben es mit einer Militärgerichtsbarkeit zu tun, wie sie in Kriegszeiten und in Strafkolonien selbstverständlich ist.“ Müller-Seidel 1986, Deportation, S. 111f.

[77] Müller-Seidel 1986, Deportation, S. 120.

[78] Müller-Seidel 1986, Deportation, S. 128.

[79] Müller-Seidel 1986, Deportation, S. 140f.

[80] Müller-Seidel 1986, Deportation, S. 145.

[81] Vgl. Müller-Seidel 1986, Deportation, S. 84.

[82] Müller-Seidel 1986, Deportation, S. 128.

[83] Diesen Unterschied stellt übrigens auch Müller-Seidel fest (vgl. Deportation, S. 127). Dennoch beharrt er auf dem Modellcharakter der Guillotine für die Strafkolonie.

[84] Wolf Kittler, „Schreibmaschinen, Sprechmaschinen. Effekte technischer Medien im Werk Franz Kafkas“, in: Wolf Kittler und Gerhard Neumann (Hg.), Franz Kafka: Schriftverkehr, Freiburg im Breisgau 1990, S. 139.

[85] Wolf Kittler, „Schreibmaschinen, Sprechmaschinen. Effekte technischer Medien im Werk Franz Kafkas“, in: Wolf Kittler und Gerhard Neumann (Hg.), Franz Kafka: Schriftverkehr, Freiburg im Breisgau 1990, S. 75-163.

[86] Kittler/Neumann 1990, Schriftverkehr, S. 8.

[87] Kittler/Neumann 1990, Schriftverkehr, S. 8.

[88] Mit einerr Dupliziermaschine, die zu den sog. Sprechmaschinen gehört, konnte man Musikstücke mechanisch von einer bespielten Wachswalze auf eine noch unbespielte Wachswalze ‚kopieren‘. Die Schwingungskurven wurden analog in das Wachs eingraviert. Vgl. Kittler 1990, Schreibmaschinen, Sprechmaschinen, S. 123.

[89] Kittler 1990, Schreibmaschinen, Sprechmaschinen, S. 123f.

[90] Kittler 1990, Schreibmaschinen, Sprechmaschinen, S. 127.

[91] Kittler 1990, Schreibmaschinen, Sprechmaschinen, S. 131.

[92] Kittler 1990, Schreibmaschinen, Sprechmaschinen, S. 128.

[93] Kittler 1990, Schreibmaschinen, Sprechmaschinen, S. 128.

Details

Seiten
120
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783832442644
ISBN (Buch)
9783838642642
Dateigröße
818 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v219879
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Neuere Deutsche Literatur, Deutsche Philologie
Note
1,0
Schlagworte
kafka kulturtheorie recht ritual strafkolonie

Autor

Teilen

Zurück

Titel: "Die Schuld ist immer zweifellos."