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Soziolinguistische Untersuchung zur Terminologie der Fachsprache "Wirtschaftsrussisch"

Magisterarbeit 1997 117 Seiten

Russistik / Slavistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Vorwort

Einleitung

1. Terminologische Grundbegriffe
1.1. Die Definition des Terminus
1.2. Charakterisierung des Begriffs „Terminus“

2. Der russische Fachwortschatz des Geld- und Kreditwesens
2.1. Einführende Bemerkungen
2.2. Das Geld- und Kreditwesen in seiner historischen Entwicklung
2.3. Begriffliche Einordnung des Geld- und Kreditwesens in das Gesamtwirtschaftssystem

3. Analyse des russischen Fachwortschatzes des Geld- und Kreditwesens
3.1. Wortbildungsneologismen
3.2. Entlehnungen
3.2.1. Materialentlehnungen
3.2.2. Lehnprägungen

4. Die historische Entwicklung des russischen Bankwesens von den Anfängen bis heute
4.1. Die Entwicklung bis zur Oktoberrevolution im Jahre
4.2. Das sowjetische Bankensystem nach dem Jahre
4.3. Zur Entwicklung des russischen Bankensystems seit

5. Das Dienstleistungsangebot russischer Geld- und Krediteinrichtungen
5.1. Zur Struktur des gegenwärtigen Bankenmarktes
5.2. Die Dienstleistungspalette russischer Kreditinstitute für Privatpersonen und juristische Personen

6. Die Widerspiegelung des Dienstleistungsangebotes der Banken am Kundenverhalten der russischen Bevölkerung
6.1. Präsentation des Fragebogens zu Dienstleistungen russischer Kreditinstitute
6.2. Auswertung und Interpretation des Fragebogens

7. Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse und anschließende

Bemerkungen

Literaturverzeichnis

Анкета по услугам российских кредитных институтов

Glossar Banktermini

Erklärung zur Urheberschaft

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abb.1: Einteilung der Entlehnungsarten nach Gladrow

Abb.2: Die drei grundlegenden Elemente des sowjetischen Bankensystems und deren wichtigste Funktionen

Abb.3: Die drei Elemente des neuen russischen Bankensystems und deren wichtigste Funktionen

Abb.4: „Nehmen Sie Dienstleistungen einer Bank in Anspruch?“

Abb.5: „Welche Dienstleistungen nutzen Sie?“..

Abb.6: „Vertrauen Sie Banken (oder anderen Kreditinstituten) überhaupt, wenn es um das Anlegen Ihres Geldes geht?“

Abb.7: „Können Sie sich vorstellen, Ihr Geld in einer ausländischen Bank anzulegen?“

Abb.8: „Vertrauen Sie eher russischen oder ausländischen Banken?“

Abb.9: „Welcher Währung vertrauen Sie momentan am meisten?“

Abb.10 „Sind Sie gegenüber bargeldlosen Zahlungssystemen aufgeschlossen?“

Abb.11: „Halten Sie bargeldlosen Verkehr für überflüssig?“

Abb.12: „Glauben Sie, daß das bargeldlose Zahlen die Bedeutung des Bargeldes im Alltag vermindern wird?“

Abb.13: „Würden Sie es begrüßen, wenn man zukünftig auch im Geschäft, auf dem Markt, beim Friseur, in der Kino- und Theaterkasse mit Kreditkarte bezahlen könnte?“

Abb.14: „Nutzen Sie bisher bereits bargeldlose Zahlungssysteme? Wenn ja, welche?“

Abb.15: „Wie oft nutzen Sie diese bargeldlosen Zahlungssysteme?“

Abb.16: „Wo bezahlen Sie am liebsten mit Karte?“.

Abb.17: „Lassen Sie Ihr Gehalt/Ihren Lohn auf ein Girokonto überweisen oder lieber bar auszahlen?“

Abb.18: „Welche Art der Bankverbindung bevorzugen Sie?“..

Abb.19: „Welche Sparformen nutzen Sie?“.

Abb.20: „Aus welchen Motiven sparen Sie?“..

Abb.21: „Haben Sie schon einmal in Ihrem Leben einen Kredit aufgenommen?“

Abb.22: „Wenn ja, zu welchem Zweck?“

Vorwort

Sprachliche Kommunikation gilt besonders in einer hochindustrialisierten Gesellschaft wie der unseren als wesentliche Voraussetzung für wissenschaftlich-technische Tätigkeit. Es zeigt sich zunehmend, daß in einer immer komplexer, aber auch differenzierter werdenden Wirklichkeit eine klare und möglichst störungsfreie Verständigung dringend erforderlich ist; dies auch deshalb, weil einzelne Arbeitsbereiche und Wissenschaftszweige fließend ineinander übergehen, Grenzen zwischen ihnen nicht mehr ohne weiteres klar zu definieren sind und interdisziplinäre Zusammenarbeit mehr und mehr geboten ist.

Die Sprache differenziert sich in dem Maße, wie sich die Lebenswelt des Menschen fortentwickelt und spezialisiert. Kennzeichnend hierfür sind die sich in vielfältiger Weise vertiefenden Formen der Arbeitsteilung und Diversifizierung von Tätigkeitsbereichen, der Internationalisierung von Spezialfächern und Berufsbildern, für deren Ausübung Fähigkeiten und Kenntnisse auf unterschiedlichem Qualifikationsniveau Voraussetzung sind.

Grundbedingung für eine interdisziplinäre Zusammenarbeit sind die eindeutige und nach gleichen Voraussetzungen geschaffene Fachsprache und folglich eine eindeutige fachliche Kommunikation. Die zunehmende Verflechtung von speziellen Sach- und Tätigkeitsbereichen hat zur Folge, daß man sich nicht nur mehr innerhalb des eigenen Fachgebietes verständigen muß, sondern unterschiedliche Fachsprachen und Fachterminologien aufeinanderstoßen.

Einleitung

In Kapitel 1 werden einige terminologische Klärungen vorgenommen, um den Gegenstand der Erörterungen näher bestimmen zu können. Um die begrifflichen Grundlagen zu ordnen, wird deshalb zunächst untersucht, wie der Fachterminus in der Fachsprachenforschung definiert ist und anhand welcher Kriterien er gegenüber den gemeinsprachlichen Wörtern abgegrenzt wird.

Das Kapitel 2 soll einen Überblick über den Aufbau des russischen Fachwortschatzes des Geld- und Kreditwesens verschaffen und kurz mit einigen lexikalischen Besonderheiten seiner Terminologie vertraut machen.

Der Einfluß anderer Sprachen, besonders des Englischen, auf den aktuellen Fachwortschatz des russischen Geld- und Kreditwesens läßt sich an der Vielzahl von Entlehnungen und Wortbildungsneologismen nachweisen, wenngleich es mitunter problematisch ist, eine eindeutige Unterscheidung vorzunehmen. Einzelne Beispiele von semantischer Derivation sowie eigensprachlicher Bildungen sollen im Mittelpunkt des dritten Kapitels stehen.

Die Integration der russischen Banken in das internationale Finanzsystem ist in vollem Gange. Erste Filialen in der „westlichen“ Welt sind bereits eröffnet worden. Desgleichen zeigen immer mehr ausländische Banken Präsenz mit Filialen, Repräsentanzen und Beteiligungen in Rußland. Der russische Bankensektor kann ohne Übertreibung als Schrittmacher der russischen Volkswirtschaft bezeichnet werden, der mehr und mehr in alle Bereiche der Volkswirtschaft ausstrahlt. Interessant ist unter diesem Blickwinkel der historische Entwicklungsprozeß, der im Kapitel 4 näher beleuchtet werden soll. Dabei wird der gesamte Prozeß der Herausbildung des Bankensystems in Rußland von den Anfängen im 18. Jahrhundert bis heute betrachtet, der sich in folgende drei Etappen einteilen läßt: 1) die Entwicklung bis 1917, 2) von 1917 bis 1988 (Einleitung grundlegender Reformen) und 3) die jüngste Geschichte ab 1988.

Die Bedürfnisse sowohl der Privat- als auch der Geschäftskunden rücken immer mehr ins Interesse der sich dynamisch entwickelnden Kreditinstitute Rußlands, deren Produktpalette in gleichem Tempo daran angepaßt wird. Aufschluß über den Kundenservice ausgewählter Moskauer Banken bietet das fünfte Kapitel, in dem ein Ausschnitt von Finanzdienstleistungen in russischer bzw. deutscher Sprache vorgestellt wird.

Die russische Bevölkerung wurde als Zielgruppe russischer Banken zugunsten der finanzkräftigeren Geschäftskunden bislang etwas vernachlässigt. So ist es auch nicht verwunderlich, daß sich diese Tendenz am mangelnden Vertrauen der Russen widerspiegelt, das sie der Mehrheit russischer Banken und Kreditinstitute entgegenbringen. Ein umfangreicher Fragebogen zum Kundenverhalten russischer Bürger wie z.B. Spar- und Zahlungsgewohnheiten sowie zu persönlichen Ansichten über die Vertrauenswürdigkeit, Seriosität und Integrität russischer und internationaler Kreditinstitute, Währungen und Kreditkarten, der in Moskau von einer breiten Schicht von Einwohnern beantwortet wurde, soll im Kapitel 6 präsentiert und ausführlich ausgewertet werden.

Der im vorigen Kapitel beschriebene Fragebogen beweist deutlich, daß der überwiegende Teil der russischen Bevölkerung Berührungsängste im Umgang mit der - stark durch Entlehnungen aus dem Englischen geprägten - Terminologie des Bankensektors hat. Aufklärung der Bevölkerung im Sinne allgemeinverständlich aufbereiteter Informationsmaterialien über geldwirtschaftliche Themen, insbesondere Bankdienstleistungen, ist dringend notwendig; sie könnte wachsender Skepsis gegenüber Bank„geschäften“ Vorschub leisten und einen unbeschwerteren Umgang mit bereits angebotenen Serviceleistungen fördern. Eine Reihe häufig angewendeter russischer Termini des Geld- und Kreditsystems - durchaus geeignet als Basis für ein solches Informationspaket - wird im Glossar aufgelistet und definiert.

1. Terminologische Grundbegriffe

1.1. Die Definition des Terminus

In der Literatur ist eine Reihe recht genauer Beschreibungen und definitorischer Ansätze des Begriffs „Terminus“ zu finden, die sich zwar durch ihren Anspruch auf Universalität unterscheiden, sich jedoch in den Angaben zu den Unterscheidungskriterien von Termini weitgehend einig sind.

Der Fachterminus läßt sich in weiterem sowie in engerem Sinne betrachten. Unter Termini in weiterem Sinne versteht man „Fachausdrücke oder spezialisierte Bezeichnungen [...], insofern sie in einem Sachgebiet eindeutig bestimmbare (konkrete) Dinge bezeichnen ...“ (Filipec 1969: 408). Gemäß dieser Beschreibung ist es zulässig, die Begriffe Fachwort, Fachausdruck, Kunstwort, terminus technicus und Terminus synonym zu gebrauchen.

Eduard Beneš ordnete dem Terminus im engeren Sinne die Aufgabe zu, „einen im betreffenden Fach exakt definierten Begriff oder Gegenstand eindeutig oder einnamig zu bezeichnen“ (Beneš 1968: 130). Hierin liegt eine im weiteren noch zu beschreibende Schwierigkeit vieler Fachwörter, die auch durch den Ausdruck „Polysemie“ gekennzeichnet wird.

1.2. Charakterisierung des Begriffs „Terminus“

Obwohl die einzelnen Fachsprachen untereinander vertikal gegliedert, das heißt in Wissenschaftssprache, fachliche Umgangssprache und Verteilersprache geschichtet sind, ist den Sprachwissenschaftlern eine recht präzise Aufstellung allgemeingültiger Angaben zur Identifizierung von Fachtermini gelungen (vgl. Fluck 1991: 21).[1]

Fluck stützt sich bei der nachfolgend angeführten Zusammenfassung der Charakteristika von Fachwörtern auf Arbeiten von Lothar Hoffmann und Eugen Wüster, dem Begründer der Allgemeinen Terminologielehre.

„Gegenüber den gemeinsprachlichen Wörtern zeichnen sich die Fachwörter vor allem durch ihren fachbezogenen Inhalt und ihre Kontextautonomie aus. Als weitere Eigenschaft werden in der Literatur die Tendenz zu Exaktheit, Eindeutigkeit, Begrifflichkeit, Systematik, Neutralität und Ausdrucksökonomie genannt.“ (Fluck 1985: 33)

Schippan beschreibt die Termini als den „festgelegten, definierten Teil fachsprachlicher Lexik“, der sich „durch Eindeutigkeit, Bestimmtheit und Genauigkeit“ (Schippan 1987: 245) auszeichnet. Sie bilden die Elemente eines terminologischen Systems, das der Systematik des Fachs entspricht. „Termini zeigen die Tendenz zu stilistischer Neutralität“ (Schippan 1987: 246), das heißt, daß mit ihnen keine subjektiven Wertungen verknüpft werden (vgl. Hornung 1974: 78). Zum terminologischen Bereich der Fachwortschätze zählt Schippan nicht nur die „streng definierten Termini“, sondern auch „systematische Nomenklaturen, Quasi- oder Halbtermini als Fachwörter übergreifenden Charakters [sowie] ‘Arbeitsbegriffe’“ (Schippan 1987: 246). Diese sehr weite Fassung des terminologischen Bereichs erscheint mir insofern als Grundlage für die vorliegende Arbeit geeignet, als viele Elemente des russischen Bankwortschatzes bislang nicht kodifiziert bzw. nicht endgültig durch eine entsprechende Definition festgelegt worden sind.

Sowohl Schippan als auch Fluck sprechen von einer Tendenz der Fachtermini zu Eindeutigkeit, Neutralität, Begrifflichkeit etc., da davon auszugehen ist, daß den genannten Kriterien der fachsprachlichen Lexik in den verschiedenen Sprachen in unterschiedlichem Umfang bzw. auf unterschiedliche Art und Weise Rechnung getragen wird und diese Merkmale nicht als unabdingbare Voraussetzung für die Einstufung eines Wortes als „Fachterminus“ begriffen werden müssen.

Im folgenden sollen die genannten Charakteristika etwas näher beleuchtet werden. Kontextautonomie bezeichnet die Unabhängigkeit der Bedeutung des Fachterminus von seiner sprachlichen Einbettung. Unter Exaktheit versteht man die genaue Bedeutungsfestlegung des Fachworts und seine Abgrenzung gegenüber anderen Fachwörtern. Eindeutigkeit (auch als Monosemantizität bezeichnet) bedeutet, daß der Terminus jeweils nur auf eine fachliche Erscheinung bezogen wird, also nur einen fachlichen Begriff repräsentiert. Von sogenannter Eineindeutigkeit spricht man, wenn ein Terminus nur einen fachlichen Begriff bezeichnet und ein fachlicher Begriff nur durch einen Terminus wiedergegeben werden kann, demzufolge also das Fachwort keinerlei Synonyme aufweist. Begrifflichkeit steht für die Einbindung des Fachworts in ein Begriffssystem und seine Funktion als sprachliches Zeichen für eine gedankliche Einheit, den Begriff. In direktem Zusammenhang damit kann man das Merkmal der Systematik betrachten, das die Beziehung des Begriffs zu anderen Begriffen, d.h. seine Einbettung in ein Begriffssystem, zum Ausdruck bringt. Stilistische Neutralität begründet sich auf der Rationalität und Objektbezogenheit der fachsprachlichen Verständigung, und das Kriterium der Ausdrucksökonomie äußert sich durch das Bestreben nach fachlicher Präzision und nach formaler Kürze und Knappheit (vgl. Fluck 1985: 33 f.).

Bei diesem umfangreichen Merkmalskatalog kann es sich allerdings nur um Maximalforderungen handeln, denn „bei weitem nicht alle bereits in Gebrauch befindlichen Termini erfüllen sie in vollem Umfang“ (Hoffmann 1984: 164).

In Anbetracht der Problematik, den Begriff „Terminus“ klar zu umreißen, liegt die Vermutung nahe, daß auch in absehbarer Zeit keine zufriedenstellende Definition gefunden wird. Folgende, von Berschin in Bezug auf den Begriff der „Fachsprache“ behauptete These, besitzt durchaus auch im Bereich der fachsprachlichen Lexik ihre Gültigkeit:

„[...] ‘Fachsprache’ läßt sich [...] ebenso gültig definieren wie ‘Sprache’, ‘Recht’, ‘Krankheit’ oder Politik. Solche Grundbegriffe werden axiomatisch eingeführt, sie sind nicht definierbar, sondern nur interpretierbar, und die Interpretation besteht darin, daß dem Begriff ein empirisch überprüfbarer Wirklichkeitsbereich zugeordnet wird.“ (Berschin 1989: 52)

2. Der russische Fachwortschatz des Geld- und Kreditwesens

2.1. Einführende Bemerkungen

In der ehemaligen Sowjetunion haben in den letzten Jahren tiefgreifende Veränderungen stattgefunden, die mit der Demokratisierung der Gesellschaft, der Herausbildung neuer politischer Kräfteverhältnisse und der Öffnung des Landes einhergingen. Diese Umwälzungen erfaßten natürlich auch den Bereich der Wirtschaft.

Die Staaten der GUS, insbesondere Rußland, streben die Schaffung einer marktwirtschaftlichen Ordnung und die gleichberechtigte Teilnahme am Welthandel an. Für die russischen Wirtschaftsexperten und Geschäftsleute bedeutet das, Lücken im Verständnis wichtiger ökonomischer Begriffe zu schließen bzw. sich neues Wissen anzueignen. Sie haben erkannt, daß auch die jahrzehntelange Vernachlässigung des Geld- und Kreditwesens aufgearbeitet werden muß, um erfolgreich im In- und Ausland konkurrieren und zusammenarbeiten zu können.

Veränderungen, die von der Gesellschaft und deren Entwicklung ausgehen, sind gewöhnlich mit einem Wandel der kommunikativen Aufgaben der Sprache in dieser Gesellschaft verbunden.

„Um diesen Veränderungen gerecht werden zu können, muß sich die Sprache verändern; sie muß neue Ausdrucksformen schaffen oder unzureichende ausscheiden bzw. den neuen Aufgaben anpassen. Am unmittelbarsten findet das in der Lexik seinen Ausdruck, denn die Lexik muß am direktesten auf neue Situationen in der Gesellschaft reagieren ... Dementsprechend werden neue Wörter geschaffen, oder es werden die Bedeutungen vorhandener Wörter geändert.“ (Bondzio 1984: 196)

Das trifft auch auf den russischen Fachwortschatz des Geld- und Kreditwesens zu. Zum einen existierten bereits im Fachwortschatz der sowjetischen Politischen Ökonomie Benennungen, die Begriffe aus der kapitalistischen Welt reflektierten, zum Beispiel биржа (dt. Börse), акция (dt. Aktie) oder валютa (dt. Währung, Valuta; Währungssystem; Währungseinheit). Daher besaßen sie im gesellschaftlichen Bewußtsein eine besondere Färbung. Viele dieser Benennungen existierten bereits vor der Oktoberrevolution [2] . Sie erfuhren eine Umwertung und werden nun zur Bezeichnung der neuen wirtschaftlichen Verhältnisse herangezogen (vgl. Rathmayr 1990: 195 ff.)[3].

Zum anderen wird der Wortschatz durch Neologismen bereichert, die durch die Benennungsweisen Entlehnung, bestimmte Verfahren der Wortbildung, analytische Benennungsbildung und semantische Derivation entstehen (vgl. Gladrow 1989: 174 f.). Anhand von Lexemen, die das Ergebnis von Entlehnungsprozessen sind, zeigen sich fremdsprachliche Einflüsse am deutlichsten.

Englisch ist unumstritten eine der wichtigsten Sprachen in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft und hat daher einen starken Einfluß auf andere Sprachen. In Hinblick auf das Geld- und Kreditwesen ist festzustellen, daß die zunehmende Internationalisierung des Bankgeschäfts im Zuge einer steigenden internationalen Verflechtung der Wirtschaft einen maßgeblichen Anteil am Aufbau eines Begriffssystems hat, auf dessen Grundlage der englische bzw. amerikanische Fachwortschatz des Geld- und Kreditwesens entstand. Im Laufe der weltweiten Verbreitung der Geldtheorien wurden viele englische bzw. amerikanische Termini in andere Sprachen übernommen.

Dies traf auch in gewissem Maße auf das Russische zu. Nach dem Zusammenbruch der ehemaligen Sowjetunion erlebte Rußland einen regelrechten Bankenboom. Die Perestrojka ging mit „eine[r] radikale[n] Kehrtwendung von der pauschalen Verurteilung des Westens zu seiner Idealisierung“ einher (Rathmayr 1990: 198). Mit dieser Idealisierung des „Westens“ waren auch die Einführung des ihm zugrunde liegenden marktwirtschaftlichen Systems und damit auch die Vermittlung des Know-hows im Geldsektor verbunden. Bei der Umstrukturierung der russischen Banken und Wertpapierbörsen und ihrer Integration in das internationale Finanzsystem wurden natürlich nicht nur die entsprechenden Begriffe und Ideen übernommen, sondern in einem großen Umfang auch ihre englischen bzw. amerikanischen Benennungen.

„Die Übernahme von Anglizismen [bzw. Amerikanismen] ist für die Entwicklung der russischen Sprache im 20.Jahrhundert generell charakteristisch.“ (Rathmayr 1990: 208)

Andere Sprachwissenschaftler stellten bei der Untersuchung des aktuellen russischen Wortschatzes fest, daß „neben den gleichfalls genutzten innersprachlichen Möglichkeiten der Wortbildung und der semantischen Derivation [...] Materialentlehnungen vor allem aus dem amerikanischen Englisch den Hauptanteil der Neubildungen [stellen]“ (Bauer 1992: 106).

„Materialentlehnungen haben im Bereich von Wirtschaft und Handel in der Geschichte des russischen Wortschatzes in unterschiedlichen historischen Perioden und aus unterschiedlichen Sprachen immer eine Rolle gespielt. Besonders interessant erscheint die gegenwärtig stark ausgeprägte Tendenz, Entlehnungen von Lexemen und auch Wortbildungskomponenten in Verbindung mit russischen Elementen lexikalischer und grammatischer Art zur Benennungsbildung gemeinsam zu verwenden.“ (Bauer 1992: 107)

Über den zunehmenden internationalen Status des Russischen im 20. Jh. kann man in der linguistischen Literatur weiterhin lesen:

„Hinsichtlich der Intensität der Lehnvorgänge ergibt sich für das Russische in den letzten Jahrzehnten folgendes Bild: Während in den 30er Jahren die wissenschaftlich-technischen Terminologien rasch ausgebaut und Entlehnungsprozesse aktiviert worden waren, gelangt in der Periode der Kriegs- und Nachkriegsjahre wenig Lehngut ins Russische. Seit der Mitte der 50er Jahre nimmt auf Grund der verstärkten Kontakte der UdSSR mit anderen Ländern in wichtigen sozialökonomischen Bereichen die Intensität der Lehnvorgänge wieder zu.“ (Gabka 1978: 143)

An dieser Stelle sei auch die Arbeit von Frohne (1968) erwähnt, der die russisch-englischen Beziehungen und die damit verbundenen sprachlichen Einflüsse einer Analyse unterzogen hat. Šanskij (1955) widmete sich im besonderen den Kriterien für die Zuordnung zu den einzelnen Verfahren der Lehnprägung. Der Problematik der Lehnübersetzungen wendete sich Maurer (1982) zu, der Präfixbildungen und Komposita beschreibt, die unter englischem bzw. anglo-deutschem Einfluß entstanden sind. Obwohl in den vergangenen Jahren englische Einflüsse bei weitem nicht erschöpfend untersucht wurden, schließe ich mich der Meinung von Kempgen an, der behauptet:

„Das Englische ist demnach der unangefochtene Vermittler für westliche Kultur-, Politik- und Wissenschaftsterminologie; diese Rolle hat das Englische erst in den letzten Jahrzehnten so eindeutig übernommen.“ (Kempgen 1987: 201)

Meines Erachtens ist der russische Fachwortschatz des Geld- und Kreditwesens insofern für eine wissenschaftliche Analyse geeignet, als er sich durch eine Vielzahl englischer bzw. amerikanischer Entlehnungen auszeichnet.

2.2. Das Geld- und Kreditwesen in seiner historischen Entwicklung

Um den Wortschatz des Geld- und Kreditwesens als Fachwortschatz zu definieren, der wie andere Fachsprachen bzw. Fachwortschätze der Erkenntnis und begrifflichen Bestimmung fachspezifischer Gegenstände, Strukturen und Prozesse sowie der Verständigung über sie dient (vgl. Lewandowski 1990: 293), muß zunächst das Fach selbst charakterisiert werden. Das Geld- und Kreditwesen kann auf eine lange Entstehungsgeschichte zurückblicken, die ihren Ursprung in der Einrichtung einer Tauschgemeinschaft hat. Erste Urkunden weisen nach, daß in Ägypten bereits im Alten Reich (etwa 2660 bis 2134 v.Chr.) Zahlungsmittel in Form von Edelmetallen zum Verrechnen von Werten dienten (vgl. Meyers Enzyklopädisches Lexikon 1981: 468). Zur Entstehung von Tauschgeschäften kam es infolge der Arbeitsteilung, die sich aufgrund unterschiedlicher natürlicher Begabungen bereits in einfach strukturierten Gesellschaftsformen herausbildete (vgl. Fluck 1991: 27). Die weitere Entwicklung der Arbeitsteilung, die eine Spezialisierung auf verschiedene praktische oder wissensorientierte Tätigkeitsfelder bewirkte, erforderte die Herausbildung eines Tauschhandels (Möhn 1984: 31). Die Einrichtung einer Tauschgemeinschaft hatte die Errichtung von Märkten zur Folge, die häufig den Ursprung und Kern von Städten bildeten. Aus dieser Zeit stammen Benennungen, die noch heute im modernen Fachwortschatz des Bankwesens verwendet werden, z.B. russ. рынок, poln. rynekMarkt, Marktplatz ’, čech. rynkRing, Stadtplatz ’ aus mhd. rincRing, Stadtplatz ’ (vgl. Vasmer 1950-1958).

Einen weiteren Entwicklungssprung nahm das Geld- und Kreditwesen infolge der im 19. Jh. einsetzenden Industrialisierung, die eine zunehmende wechselseitige Beeinflussung von Wissenschaft und Praxis ermöglichte. Die weitere Gestaltung des Bankwesens ist geprägt durch die im 19. und 20. Jh. sich vollziehenden politischen, wirtschaftlichen, technologischen und soziologischen Veränderungen. Sie führten:

1. entsprechend den differenzierten Anlage- und Finanzierungsbedürfnissen der öffentlichen und gewerblichen Wirtschaft sowie breiter Bevölkerungskreise zur Entstehung verschiedener Bankengruppen

2. unter währungsschutzpolitischen Zielsetzungen zum Aufbau eines zentralen Notenbankwesens

3. aus sicherheits-, insbesondere gläubigerschutzpolitischen Erwägungen zur Begründung einner zentralen staatlichen Bankenaufsicht. (vgl. Meyers Enzyklopädisches Lexikon 1981: 468)

2.3. Begriffliche Einordnung des Geld- und Kreditwesens in das Gesamtwirtschaftssystem

Im klassischen Sinne versteht man unter Banken Wirtschaftseiheiten, die Geldanlagemöglichkeiten bieten, Finanzierungsangebote eröffnen und den bargeldlosen Verkehr besorgen. Die einzelnen Bankgeschäfte werden betriebswirtschaftlich unterschieden in Passiv-, Aktiv- und Dienstleistungsgeschäfte (Zahlungs-, Effektengeschäfte und sonstige). (vgl. Gabler Wirtschafts-Lexikon 1988: 532)

Passivgeschäfte dienen der Beschaffung von Fremdkapital durch Selbstemissionen (Eigenemissionen) der Banken (Ausgabe von Pfandbriefen, Kommunal- und Bankobligationen), durch Kreditaufnahmen bei anderen Banken und durch Hereinnahme von Sicht-, Termin- und Spareinlagen. (vgl. Gabler Wirtschafts-Lexikon 1988: 546, Meyers Enzyklopädisches Lexikon 1981: 465)

Zu den Aktivgeschäften zählen die Kreditvergabe (Aktivkredit) in den Formen der Geldleihe (Darlehen, Kontokorrent- und Wechseldiskontkredit) und der Kreditleihe (Akzept- und Avalkredit), der Ankauf von Wertpapieren, der Erwerb von Immobilien und Beteiligungen und die Unterhaltung liquider Mittel bei anderen Kreditinstituten. (vgl. Gabler Wirtschafts-Lexikon 1988: 546, Meyers Enzyklopädisches Lexikon 1981: 465)

Die Dienstleistungsgeschäfte umfassen die Abwicklung des Zahlungs- und Inkassoverkehrs, das Börsen- und das Fremdemissionsgeschäft sowie Käufe und Verkäufe von Devisen und Sorten; dazu kommen Vermögenssicherungs-, Vermögensberatungs- und Verwaltungsgeschäfte.

Die volkswirtschaftliche Bedeutung der Banken, insbesondere der Geschäftsbanken, besteht in der:

1. Ausgleichs- und Vermittlungsfunktion: Banken gleichen Finanzierungsmittelangebot und -nachfrage räumlich und zeitlich aus.
2. Geldschöpfung und Kreditschöpfung
3. Abwicklung des Zahlungsverkehrs der Kunden und des Abrechnungsverkehrs der Banken untereinander. (vgl. auch Gabler Wirtschafts-Lexikon 1988: 532 ff., Meyers Enzyklopädisches Lexikon 1981: 465 f.)

Die enge Verbindung zu anderen Teildisziplinen der Wirtschaftswissenschaften erschwert eine klare Abgrenzung des Wortschatzes des Geld- und Kreditwesens sowohl von den Wortschätzen anderer betriebswirtschaftlicher Bereiche als auch von der Lexik weiterer angrenzender wirtschafts- und sozialwissenschaftlicher Disziplinen.

Der russische Fachwortschatz des Geld- und Kreditwesens enthält wie andere Fachwortschätze auch lexikalische Einheiten (vgl. Möhn 1984: 14 ff.), die nur fachspezifisch verwendet werden:

- eigensprachliche Lexeme, z.B. расчёт (dt. Rechnung, Berechnung, Kalkulation, Abrechnung, Verrechnung), вклад (dt. Einlage, Depositengeld, Guthaben, Beitrag)
- Materialentlehnungen aus anderen lebenden Sprachen, z.B. лизинг (dt. Leasing) , тендер-офер (dt. Tenderangebot)
- aus griechisch-lateinischen Elementen bestehende Lexeme, die meist Internationalismen darstellen, z.B. конверсия (dt. Konversion, Konvertierung, Umwandlung, Münzeinziehung) , субсидия (dt. Subvention, Finanzhilfe, Zuschuß)

und solche, die neben ihrer fachspezifischen Bedeutung eine gemeinsprachliche Bedeutung aufweisen, wobei es sich wiederum um eigensprachliche Lexeme, Materialentlehnungen und Lexeme aus griechisch-lateinischen Elementen handeln kann, z.B. счёт (dt. Rechnung, Fraktur; Konto; Kontokorrent, Guthaben).

allg.: результат чего-нибудь, выраженный в числах (Ožegov 1990: 782)

Bankwesen: один из распространённых финансовых документов, по которому получатель счёта выплачивает прямо или через банки его отправителю определённую денежную сумму за конкретные товары и услуги (Bankovskaja Encyklopedija 1994: 200).

Der Fachwortschatz des Geld- und Kreditwesens bildet ein lexikalisches System, das aufgrund seiner Stellung im Rahmen der Betriebswirtschaftslehre als fachgebietsübergreifend charakterisiert werden kann. Neben den zentralen und speziellen lexikalischen Einheiten besitzt der Fachwortschatz des Geld- und Kreditwesens Elemente des allgemeinen Wortschatzes, die man als Peripherie dieses lexikalischen Systems betrachten kann.

Während man als spezielle lexikalische Einheiten nur die Fachwörter bezeichnet, die ausschließlich dem Fachwortschatz des Geld- und Kreditwesens zuzurechnen sind, subsumiert man unter dem Begriff „zentrale Fachwörter“ all diejenigen Termini, die sowohl dem Fachwortschatz des Geld- und Kreditwesens als auch dem Fachwortschatz eines anderen Fachs angehören (vgl. Serowy 1980: 4).

Für die folgende Untersuchung sind nur die Lexeme von Bedeutung, die als zentrale und spezielle lexikalische Einheiten des zu analysierenden Fachwortschatzes identifiziert werden können.

3. Analyse des russischen Fachwortschatzes des Geld- und Kreditwesens

Bereits erläutert wurde, daß Veränderungen wie die Herausbildung neuer technologischer Verfahren, Erfindungen und die Entstehung neuer wissenschaftlicher und technischer Disziplinen o.ä. auch die Einführung spezifischer Termini in den vorhandenen Wortschatz einer Sprache nach sich ziehen.

Der Wortschatz des Russischen bedient sich dreier grundlegender Formen bei der Bildung neuer Benennungen:

a) Bildung von Neologismen auf der Basis bereits vorhandener Wörter („Wortbildungsneologismen“)

b) Entlehnung lexikalischer Einheiten aus anderen Sprachen

c) semantische Veränderungen bereits vorhandener Wörter, die sog. „semantische Derivation“ (vgl. Gabka 1984: 132).

Alle Möglichkeiten, über die eine Sprache verfügt, um den Wortschatz entsprechend den sich stetig ändernden kommunikativen Anforderungen zu erweitern und zu ergänzen, befinden sich in enger Wechselwirkung zueinander und bedingen einander. Deshalb ist es häufig sehr kompliziert, die Bildungsweise eines Lexems eindeutig zu bestimmen. So dienen z.B. Verfahren der morphologischen Wortbildung oder der analytischen Benennungsbildung beim Prozeß der Lehnübersetzung, das lexikalisch-semantische Muster des fremdsprachlichen Prototyps wiederzugeben.

In der vorliegenden Arbeit sollen aus Gründen des dominierenden Einflusses der englischen Sprache auf den russischen Bankenwortschatz besonders lexikalische Einheiten im Mittelpunkt stehen, die auf der Grundlage englischer Entlehnungen gebildet wurden. Die Dominanz englischsprachiger Termini in der Fachsprache des russischen Geld- und Kreditwesens liegt u.a. darin begründet, daß diese Lexeme oft viel einfacher strukturiert sind als die russischen Entsprechungen und die Entlehnungen die Möglichkeit bieten, bestimmte Begriffe zu präzisieren, d.h., die Sememe voneinander abzugrenzen und sie verschiedenen Lexemen zuzuordnen (vgl. Gabka 1978: 135 f).

3.1. Wortbildungsneologismen

Unter Wortbildungsneologismen versteht man Lexeme, die auf der Grundlage von bereits vorhandenen lexikalischen Mitteln geformt wurden. Diese Form der Wortbildung stellt eine der wichtigsten und am meisten verbreiteten Arten der Wortschatzbereicherung im Russischen dar. Oftmals - insbesondere bei den Verben - ist es nur schwer möglich, ein Lexem eindeutig einer Materialentlehnung oder einer Neubildung zuzuordnen, wie z.B. bei спонсировать, арендовать, инвестировать, лицензировать, кредитовать. (vgl. Kitaigorodskaja 1996: 180). Deshalb beschränke ich mich hier ausschließlich auf die Betrachtung von Substantiven.[4]

Neologismen sind in erster Linie durch das Bedürfnis motiviert, neue Dinge (konkrete wie abstrakte) zu bezeichnen, deren Zahl leicht vergrößert werden kann und auch beinahe täglich wächst, während der Umfang der benennbaren Handlungen weniger leicht vermehrt werden kann. Bei den Verben ist daher die „Sättigung“ des Benennungsbedürfnisses offenbar sehr viel höher als bei den Subjektiven und Adjektiven (vgl. Kempgen 1988: 190).

Neubildungen werden häufig auf dem Wege der Suffigierung erzielt; dabei ist auffällig, daß die Suffixe, mit denen von Adjektiven Substantive abgeleitet werden (-ost’, -nost’), als solche oft mit dem Femininum gekoppelt sind, seltener mit dem Maskulinum (-ik, -ok, -ec). Eine andere Erscheinungsform von Neologismen stellen sog. Kunstwörter dar, wie sie bei Produktnamen anzutreffen sind (vgl. Kempgen 1988: 197).

Bei den Lexemen задолженность (dt. Schuld, Verschuldung, Rückstand), шаткость (dt. Unbeständigkeit, Unsicherheit), потолок (dt. Limit, Plafond); посредник (dt. Kommissionär, Makler, Vermittler, Zwischenhändler), кредитоспособность (dt. Kreditfähigkeit, Kreditwürdigkeit), заемщик (dt. Anleihenehmer, -schuldner, Darlehensempfänger), заимодавец (dt. Anleihegeber, Kreditor, Darlehensgläubiger) handelt es sich z.B. um Wortbildungsneologismen.

3.2. Entlehnungen

Quantitativ gesehen, nimmt die Entlehnung fremder lexikalischer Elemente im Russischen einen weitaus unbedeutenderen Platz ein als die Wortbildungsneologismen, obgleich diese Form der Wortbildung immerhin 10% des russischen Gesamtwortschatzes ausmacht (vgl. Šanskij 1972: 96) und damit eine nicht zu vernachlässigende Bedeutung inne hat.

Entlehnung wird als „Prozeß des Überwechselns von Elementen verschiedener Art aus einer Sprache in eine bzw. mehrere andere Sprache/n“ definiert (Gabka 1984: 135), wobei die lexikalische Entlehnung weitaus häufiger anzutreffen ist als Entlehnungen eines Phonems bzw. grammatischer Elemente. Das Zusammenwirken außer- sowie innersprachlicher Faktoren beeinflußt maßgeblich das Entstehen lexikalischer Lehnvorgänge (vgl. Gabka 1984: 135). Als außersprachliche Gründe sind die ökonomischen, politischen u.a. Kontakte zwischen den Trägern der beteiligten Sprachen zu betrachten, in diesem Fall also auch das Bestreben Rußlands, mit Unterstützung von Drittstaaten ein im internationalen Wettbewerb konkurrenzfähiges Geld- und Kreditsystem aufzubauen. Damit verbunden ist natürlich auch die Übernahme und Anpassung der theoretischen Grundlagen einschließlich der Einführung der fachspezifischen Terminologie (vgl. 2.1). Innersprachliche Faktoren bestehen in dem Bedürfnis der Sprachbenutzer, bestimmte Begriffe zu präzisieren, d.h. Begriffselemente voneinander abzugrenzen und sie verschiedenen Lexemen zuzuordnen, sowie strukturell analoge Wörter in der aufnehmenden Sprache zu bilden (vgl. Gabka 1984: 135 f.).

Gabka verweist bei der Typologie der lexikalischen Entlehnungen auf den strukturmäßigen und funktionalen Gesichtspunkt, wonach sich folgende Einteilung ergibt:

a) „Materialentlehnungen“ (Wörter, Affixe), zu denen Materialentlehnungen im engeren Sinne, sog. „Exotismen“ und sog. „Barbarismen“ bzw. fremdsprachige Einstreuungen gerechnet werden

b) „inneres Lehngut“ (Lehnprägungen), die Lehnübersetzung, phraseologische Lehnübersetzung sowie Bedeutungsentlehnung (Lehnbedeutung) umfassen (vgl. Gabka 1984: 136 f).

Gladrow schlägt ein davon leicht abweichendes Schema der Einteilung von Entlehnungen vor (vgl. Gladrow 1989: 164).

Arten von Entlehnungen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Einteilung der Entlehnungsarten nach Gladrow (Gladrow 1989: 164)

Auf die wesentlichen zwei Gruppen - Materialentlehnungen und Lehnprägungen - wird in den nächsten Kapiteln näher eingegangen werden.

3.2.1. Materialentlehnungen

Materialentlehnungen (im folgenden als ME bezeichnet) haben im Bereich von Wirtschaft und Handel in der Geschichte des russischen Wortschatzes in unterschiedlichen historischen Perioden immer eine Rolle gespielt. Dabei flossen Lexeme aus unterschiedlichen Sprachen mit ein. Besonders interessant erscheint die gegenwärtige Tendenz, Entlehnungen von Lexemen und auch Wortbildungskomponenten in Verbindung mit russischen Elementen lexikalischer und grammatischer Art zur Benennungsbildung gemeinsam zu verwenden.

Unter einer ME versteht man „eine solche Entlehnung, die in semantischer und formaler Hinsicht mit dem Wort in der Quellsprache identisch bzw. ihm ähnlich ist“ (Gabka 1984: 137). Gladrow betrachtet die ME als Übernahme eines fremdsprachlichen Lexems in seiner äußeren Form und mit wenigstens einem Teil seiner Bedeutungen in die Nehmersprache (vgl. Gladrow 1989: 164).

Terminologisch soll hier zwischen Fremd- und Lehnwörtern unterschieden werden: Fremdwörter weisen diesen Status im Hinblick auf ein definiertes Sprachsystem und eine bestimmte Struktur auf, Lehnwörter bezeichnen dagegen ein entlehntes Wort, das nicht automatisch auch ein Fremdkörper in struktureller Hinsicht sein muß (vgl. Kempgen 1988: 198). Als Unterscheidungsmerkmal dienen meist „Geläufigkeit“ und Grad der Integration bzw. Assimilation. Anders ausgedrückt sind Fremdwörter ME, die in der aufnehmenden Sprache in ihrer originalen Lautung und Betonung verwendet werden und in der Regel nicht zum „Allgemeingut der Sprachgemeinschaft“ gehören (vgl. Gladrow 1989: 163). Lehnwörter sind im Gegensatz dazu in ihrer Lautung und Betonung mehr oder weniger stark der aufnehmenden Sprache angeglichen oder auch morphologisch assimiliert (vgl. Hoffmann 1976: 296).

Eine weitere Unterteilung von ME kann erfolgen im Hinblick auf Strukturmerkmale, Betonungsverlagerungen und die Integration in das grammatische System. Demzufolge wird von konformen Materialentlehnungen, z.B. тираж (dt. Ziehung), аванс (dt. Avance, Anzahlung, Vorschuß) und assimilierten Materialentlehnungen, z.B. дебет-нота (dt. Debetnote), бюджет-брутто (dt. Bruttoprinzip) gesprochen.

Wenn sich Entlehnung und Original nur orthographisch und z.T. phonematisch sowie durch die sprachspezifischen phonetischen Phonemrealisierungen unterscheiden, liegt eine konforme Materialentlehnung (im folgenden KME) vor (vgl. Gladrow 1989: 164). Im Falle von assimilierten Materialentlehnungen (im folgenden AME) wird die Entlehnung durch typische Phonemfolgen, sprachspezifische morphologische Merkmale und analoge Wortbildungsmittel internationaler Herkunft der Nehmersprache angeglichen (vgl. Gladrow 1989: 164).

3.2.1.1. Konforme Materialentlehnungen

Zu den KME zählt man Termini, deren Stamm formal mit dem Stamm des jeweiligen Prototyps identisch ist und deren Hauptakzent dieselbe Position aufweist wie der des Originals. Eine Vielzahl von Internationalismen bilden den Hauptbestandteil von KME. Internationalismen sind international gebräuchliche, bedeutungsmäßig annähernd übereinstimmende Lexeme, die in mindestens drei nicht unmittelbar verwandten Sprachen ähnliche phonologische und morphologische Merkmale aufweisen (vgl. Fluck 1991: 84; Gladrow 1989: 163). Sie passen sich in ihrer morphematischen und orthographischen Struktur den aufnehmenden Sprachen an und werden oft als Termini verwendet. Der Fachwortschatz des Geld- und Kreditwesens ist besonders durch eine Dominanz von Internationalismen gekennzeichnet, die vor allem englischen und amerikanischen Ursprungs sind.

Die KME дилер (engl. dealer, dt. Dealer, Jobber) gehört z.B. zu dem Bereich der Internationalismen. Dem Nachschlagewerk Bankovskaja Encyklopedija ist unter diesem Stichwort zu entnehmen:

„Юридическое или физическое лицо, занимающееся куплей-продажей ценных бумаг и валюты с целью купли-продажи по цене более высокой или низкой. Дилер является членом фондовой биржи, ведет операции от своего имени и за свой счет. Дилеры большинства брокерских фирм могут осуществлять брокерские операции.“ (Bankovskaja Encyklopedija 1994: 68)

Zu den KME zählen auch Lexeme wie z.B. листинг (engl . listing, dt. Listing), дисконт (engl. discount, dt. Diskont), индекс (engl. index, dt. Index), фонд (engl. fond, dt. Fonds), свинг (engl. s wing, dt. Swing, Swingkredit), свитч (engl. switch, dt. Switchgeschäft).

3.2.1.2. Assimilierte Materialentlehnungen

Unter AME versteht man Lexeme, die formale Ähnlichkeit mit ihrem jeweiligen Prototyp aufweisen.

Die AME нетто-баланс (dt. Nettobilanz, Saldenbilanz), банк-гарант (dt. Bürgschaftsbank), ролловер-кредит (dt. Roll-over-Kredit), соло-вексель (dt. eigener Wechsel, Eigenwechsel) sind durch Betonungsverlagerungen ins Russische assimiliert. Die ME ролловер-кредит zeichnet sich durch die Betonungsverlagerung in der zweiten Komponente des Kompositums aus. Im russischen Wort кредиты liegt die Betonung auf der zweiten Silbe, während beim englischen Lexem credit stets die erste Silbe betont wird.

Während die zweiten Komponenten der o.g. Bindestrichkomposita integrierte Bestandteile des russischen Wortschatzes sind, tritt z.B. ролловер nur im Kompositum ролловер-кредиты auf. In der Bankovskaja Encyklopedija ist folgende Begriffsbestimmung nachzulesen:

„ Ролловер-кредиты - разновидность средне- и долгосрочных кредитов, предо- ставляемых по плавающим процентным ставкам на национальных и международном рынках ссудных капиталов.“ (Bankovskaja Encyklopedija 1994: 186)

3.2.2. Lehnprägungen

Bußmann betrachtet Lehnprägungen als „Vorgang und Ergebnis der Nachbildung eines fremdsprachlichen Inhalts mit den Mitteln der Muttersprache“ (Bußmann 1990: 444). Daraus läßt sich ableiten, daß im Gegensatz zur ME bei der Lehnprägung das fremdsprachliche Formativ nicht in die Nehmersprache übernommen wird. Jedoch dient das lexikalisch-semantische Muster des gebersprachlichen Lexems als Vorbild für die Wiedergabe mit eigensprachlichen Mitteln (vgl. Gabka 1978: 137 f.). Für die Untersuchung des vorliegenden Beispielmaterials bedeutet dies, daß nur Lexeme, deren Bestandteile als Mittel der Muttersprache identifiziert werden können, den Lehnprägungen zuzuordnen sind. Hierbei können auch Elemente in Frage kommen, die durch ME entstanden und in das russische Sprachsystem integriert worden sind.

Lehnprägungen unterteilt man in Lehnschöpfung, Lehnbedeutung und Lehnbildung, in letztere ist die Lehnübersetzung eingeschlossen, auf die im folgenden noch detailliert eingegangen wird. Lehnschöpfungen benennen zwar denselben Begriff wie ihr Prototyp, lehnen sich jedoch weder an die Motivation noch an die formale Struktur des Originals an (vgl. Gladrow 1989: 166). In der vorliegenden Arbeit werden sie vernachlässigt, da sie sich nur schwer nachweisen lassen.

3.2.2.1. Lehnbedeutungen

Im Ergebnis der Bedeutungsentlehnung erhält das in der Nehmersprache bereits vorhandene Lexem die Bedeutung bzw. Bedeutungselemente eines fremdsprachlichen Lexems (vgl. Gladrow 1989: 165). Anders ausgedrückt: „Die Bedeutung eines Fremdwortes kann einem der in der empfangenden Sprache bestehenden formgleichen Wort untergeschoben werden.“ (Drozd/Seibicke 1973: 159) Die zusätzliche bzw. neue Bedeutung wird als Lehnbedeutung bezeichnet. Bedeutungsentlehnung ist nur dann möglich, wenn ein gebersprachliches Formativ mit mindestens zwei Bedeutungen verknüpft ist und wenn in der Nehmersprache bereits ein Formativ existiert, das eine dieser Bedeutungen äquivalent bezeichnet (vgl. Steinbach 1984: 44).

3.2.2.2. Lehnübersetzungen

Die Lehnübersetzung als eine Art der Lehnbildung charakterisiert die Neubildung von Benennungen unter fremdsprachlichem Einfluß (vgl. Bußmann 1990: 443). Flekkenstein weist auf die Rolle der Lehnübersetzungen in Fachsprachen hin: „... der Anteil der Termini an den Lehnbildungen [ist] durchaus nicht gering ... Im Gegenteil, Lehnübersetzungen sind gerade in der Fachsprache besonders zahlreich vertreten ...“ (Fleckenstein 1968: 268).

Als Lehnübersetzung wird die gliedweise Übersetzung („morphemweise oder Wort für Wort“) eines fremdsprachlichen Vorbilds in die jeweilige Nehmersprache bezeichnet (Gladrow 1989: 183); das bedeutet also, daß das lexikalisch-semantische Muster eines gebersprachlichen Lexems in der Nehmersprache adäquat nachgebildet wird. Eine exakte Bedeutungsentsprechung kann sich schon aufgrund der Unterschiede zwischen den jeweilig beteiligten Sprachsystemen nicht ergeben. „Entscheidendes Kriterium für die Lehnübersetzung ist semantische, nicht unbedingt formale Kongruenz zwischen Vorbild und Nachbildung.“ (Steinbach 1984: 45)

Für das gliedweise Übersetzen bedient man sich unterschiedlicher, für die aufnehmende Sprache typischer, Benennungsverfahren wie z.B. der Komposition, Derivation und Mehrwortbenennung (vgl. Maurer 1982: 29).

Komposition

Komposition stellt die Verbindung von einfachen oder komplexen autosemantischen Wortstämmen zu einem komplexen Wortstamm dar, der als Kompositum bezeichnet wird. Es existieren Kopulativ- und Determinativkomposita, wobei die unmittelbaren Komponenten bei den Kopulativkomposita einander gleichgeordnet sind und in einem additiven bzw. koordinativen Verhältnis zueinander stehen. Bei den Determinativkomposita hat gewöhnlich die letzte Komponente die Funktion des bestimmten und damit semantisch und grammatisch dominierenden Elements (Determinantum), die andere bzw. die anderen die Funktion des bestimmenden Elements (Determinans) (vgl. Gladrow 1989: 145; Gabka 1978: 154 f.).

Russische Komposita bestehen in der Regel aus zwei Autosemantika (vgl. Tichonov 1990, Bd. II: 440), im Englischen bzw. Amerikanischen dagegen existieren vier- und mehrgliedrige Komposita (Herzog 1971: 76). Daran ist schon ersichtlich, daß die Komposition im Englischen bzw. Amerikanischen ein sehr produktives Verfahren der Benennungsbildung darstellt. Die starke Verbreitung von Komposita in englischen und amerikanischen Fachwortschätzen hat ihre Hauptursache darin, daß „die einzelnen Elemente auch vielgliedriger Komposita aufgrund der Getrennt- bzw. Bindestrichschreibung jederzeit beim Lesen direkt erfaßbar“ sind (Herzog 1971: 78). Im russischen Sprachsystem dagegen ist die Komposition morphophonologischen Beschränkungen unterworfen (vgl. Gladrow 1989: 160).

Die Komposita заявление-обязательство (dt. Kreditantrag mit Rückzahlungsverpflichtung) , бланко-вексель (dt. Blankowechsel) sind sog. Determinativkomposita sowie Bindestrichkomposita, bei denen sich nur die Zweitkomponente morphologisch verändert. Sie tragen Einwortcharakter, da sie ganzheitlich geformt sind (vgl. Gladrow 1989: 160). Meines Erachtens handelt es sich bei dem Lexem банк-корреспондент (dt. Korrespondenzbank) um ein Kopulativkompositum, da beide Komponenten der Bindestrichkomposition einander gleichgeordnet sind.

Derivation

Derivation bzw. Affigierung beinhaltet die Kombination eines einfachen oder komplexen Wortstammes mit einem oder mehreren Affixen zu einem komplexen Wortstamm; man unterscheidet je nach Position des Affixes Präfigierung und Suffigierung (vgl. Hansen 1985: 64 f.). Präfigierung und Suffigierung können auch gleichzeitig auftreten (vgl. Gladrow 1989: 144 f.).

Besonders häufig treten internationale Präfixe bzw. Präfixoide auf, die oft griechischen oder lateinischen Ursprungs sind. Es folgen einige typische Beispiele.

макро- макроорганизация (dt. Makrogestaltung)

микро- микросистема (dt. Mikrosystem)

гипер- гиперинфляция (dt. Hyperinflation)

суб- субсчет (dt. Unterkonto) , субподрядчик (dt. Subunternehmer, Unterlieferant)

супер- супертрест (dt. Supertrust)

Bei der Präfigierung russischer Stämme werden alternativ zu den internationalen Präfixen суб- und супер- die russischen Präfixe под- bzw. сверх- verwendet, die sogar produktiver als ihre bedeutungsmäßig fast identischen Entsprechungen sind. Wenn allerdings auch die Ableitungsbasis des fremdsprachlichen Vorbilds ein Internationalismus ist, wird das internationale Präfix bevorzugt (Maurer 1982: 132 f.).

Mehrwortbenennung

Bei diesem Verfahren der analytischen Benennungsbildung entstehen „Wortfügungen aus mindestens zwei Autosemantika, die stabil und reproduzierbar sind, einen Begriff benennen und einen einheitlichen Denotatsbezug aufweisen“ (Gladrow 1989: 146). Diese Wortfügungen bezeichnet man auch als Mehrwortbenennungen (im folgenden MWB) bzw. Mehrwortlexeme (im folgenden MWL), die durch die freien Bedeutungen ihrer Komponenten direkt motiviert sind (vgl. Gladrow 1989: 146).

MWB gehören zu den äußerst produktiven Verfahren der Lehnübersetzung ins Russische. Russische MWB korrelieren häufig mit englischen Komposita, da diese die bevorzugte Art der Benennungsbildung im Englischen darstellen.

Die jeweiligen MWB unterscheidet man nach ihrer syntaktischen Struktur.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3.2.2.3. Lehnübertragungen

Charakteristisch für die Lehnübertragung ist die freie Übertragung eines Gliedes des fremdsprachlichen Prototyps oder die Hinzufügung neuer Glieder. Das fremde Lexem wird nur z.T. frei übersetzt, „die anderen Glieder werden frei übertragen oder fortgelassen, oder aber es werden neue hinzugefügt“ (Gladrow 1989: 166).

Es sei hier bemerkt, daß sich die lexikalische Bedeutung aus der Lehnübertragung meist eindeutiger erschließen läßt als aus dem Original (vgl. Gladrow 1989: 183).

Das MWL откачивание прибыли (dt. Profit taking, Gewinnsicherung) ist ein Beispiel für eine Lehnübertragung. Der englische Prototyp profit taking ist ein Determinativkompositum, das aus einem Substantiv und einem Verbalsubstantiv besteht. Die erste Komponente profit wurde im Russischen durch das Substantiv прибыль genau übersetzt, taking wurde frei übertragen. Gegenüber dem englischen Lexem expliziert die russische MWB die lexikalische Bedeutung weitaus klarer als das fremdsprachliche Original. Der Bankovskaja Encyklopedija ist folgende Definition zu entnehmen:

„Откачивание прибыли - продажа акций, которые повысились в цене со времени покупки для того, чтобы реализовать прибыль: конверсия „бумажной прибыли“ в наличность. Обычно прибыль откачивается после того, как произошел подъем рыночной конъюнктуры, поэтому термин часто используется для объяснения спада деловой активности на рынке, которая следует за периодом повышения цен.“ (Bankovskaja Encyklopedija 1994: 175)

4. Die historische Entwicklung des russischen Bankwesens von den Anfängen bis heute

Der geschichtliche Rückblick auf die Entwicklung des Bankensystems Rußlands, besonders auf die Etappe vor der Oktoberrevolution von 1917, zeigt etliche Parallelen für die weitere Entwicklung des Bankensektors in diesem Land auf. Trotz der folgenschweren Brüche während der sowjetischen Periode bildet das heutige russische Bankensystem eine Synthese aus neuen Erscheinungen und der gesamten vorherigen Entwicklung, das sich gegenwärtig in seinem Wesen ähnlich dynamisch zeigt wie vor dem ersten Weltkrieg.

Auf die wechselvolle Geschichte des russischen Bankwesens soll im folgenden näher eingegangen werden. Für die bessere Darstellung erweist sich die Einteilung in drei Zeitabschnitte als vorteilhaft (vgl. Einleitung).

4.1. Die Entwicklung bis zur Oktoberrevolution im Jahre 1917

Gemessen am europäischen Maßstab begann die russische Regierung erst relativ spät - zu Anfang des 18. Jh. - mit der Einrichtung eines Kreditsystems, das im Jahre 1754 unter der Zarenherrschaft von Elisaveta Petrovna erstmals organisiert wurde. Ausschlaggebend dafür waren die Gründung der ersten beiden Banken Rußlands, der Дворянский Заемный Банк[6] und der Купеческий Банк[7] oder auch Купеческий Заемный Банк. Während die Adelsbank nur dem russischen Adel vorbehalten war und der Förderung von Landwirtschaft, Handel und Industrie diente, stand die Kaufmannsbank Petersburger Kaufleuten zur Abwicklung ihrer Warengeschäfte offen (vgl. Reinsch 1996: 261 ff.).

Bis zum Ende des 18. Jh. war die Organisation eines kommerziellen Kreditwesens noch schwach entwickelt. Das mag zum einen an der relativ niedrigen Entwicklungsstufe der Fabrikwirtschaft - bis in die zweite Hälfte des 19. Jh. herrschten in Rußland Leibeigenschaft und Naturalwirtschaft - gelegen haben, zum anderen an der schwach ausgebildeten Infrastruktur.

Die ersten privaten Banken nahmen 1809 und 1818 in den Städten Slobodsk und Ostaškov ihre Tätigkeit auf. Die Польский Банк[8], die 1828 auf Anweisung des russischen Zaren Nikolaus I. gegründet wurde, diente ab 1869 zur Verwaltung der russischen Staatsbank in Warschau.

[...]


[1] Neben dem hier kurz erläuterten dreigliedrigen Modell der vertikalen Schichtung existieren in der Literatur noch andere, bis zu fünfgliedrige Modelle. L. Hoffmann untergliedert die Fachtermini in folgende fünf Sprachebenen: die „Sprache der theoretischen Grundlagenwissenschaften“, die „Sprache der experimentellen Wissenschaften“, die „Sprache der angewandten Wissenschaften und der Technik“, die „Sprache der materiellen Produktion“ und die „Sprache der Konsumption“ (1984: 70).

[2] Von 1921-1930 existierten z.B. noch Börsen in Moskau und St. Petersburg.

[3] Das Lexem биржа ist nun zu einem zentralen Lexem im Sprachgebrauch der Perestrojka geworden (Maksimov 1991: 5), vgl. auch: Всероссийская биржа.

[4] Systematische Untersuchungen auf der Grundlage von Auswertungen unterschiedlicher Fachzeitschriften und anderem aktuellen Pressematerial haben ergeben, daß die überwältigende Mehrheit russischer Neubildungen dem Nominalbereich entstammt. Substantive (60%) und Adjektive (30%) machen über 90% aller Fälle aus (bei Hinzunahme der Adverbien), denen nur 5% für den Verbalbereich gegenüberstehen (vgl. Kempgen 1988: 189).

[5] Casus Obliquus [lat. Obliquus >schräg<]

Unter einem obliquen Kasus versteht man die vom entsprechenden Verb abhängigen Kasus (Genitiv, Dativ, Akkusativ, Vokativ, Ablativ).

[6] dt.: Adels-Darlehens-Bank, im weiteren als Adelsbank bezeichnet

[7] dt.: Kaufmannsbank

[8] dt.: Polnische Bank

Details

Seiten
117
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
1997
ISBN (eBook)
9783832432102
ISBN (Buch)
9783838632100
Dateigröße
1001 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v218903
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – unbekannt, Slavistik
Note
1,0
Schlagworte
geld- kreditwesen russischesl bankwesen entlehnungen wortbildung

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Titel: Soziolinguistische Untersuchung zur Terminologie der Fachsprache "Wirtschaftsrussisch"