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Gesprächsanalytische Methodik am Beispiel einer außerschulischen, pädagogischen Interaktion

Eine einführende Darstellung methodologischer Grundlagen und basaler Prozeduren

Diplomarbeit 1997 160 Seiten

Sprachwissenschaft / Sprachforschung (fachübergreifend)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I Theoretisch - methodologische Verortung
1. ‘Qualitativ versus Quantitativ’
a) Methodologische Charakteristika einer quantitativen Sozialforschung
b) Kritik an Standards quantitativer Sozialforschung
c) Charakteristika einer qualitativen Methodologie
2. Gegenstandskonzeptionen eines interpretativen Paradigmas
a) Handeln und Sinn als Basiskategorien eines interpretativen Paradigmas
b) Soziales Handeln: Interaktion / Kommunikation
3. Gesprächsanalyse als interpretatives Forschungsprogramm
a) Gespräch als Analysegegenstand
b) Konstruktions- und Analyseprinzipien
c) Prozeduren der Analyse von Gesprächen: Ebenen der Interaktionskonstitution und formale methodische Heuristiken

II. Darstellung ausgewählter Prozeduren gesprächsanalytischer Forschung am Beispiel eines Gesprächsausschnitts zwischen Jugendlichen und einem Jugendgruppenleiter
1. Die Datenbasis
2. Exemplarische Analyse eines Gesprächsausschnitts
a) Materialien und Vorarbeiten
b) Anwendung und Illustration der Heuristiken

Resümee: Interpretativ - (re)konstruktives Sinnverstehen sozialen Sprechhandelns zwischen Paraphrase und Strukturanalyse

Anhang A: Transkriptionssymbole

Anhang B: Transkription

Literaturverzeichnis

Einleitung

Die vorliegende Arbeit versteht sich als methodologische: Ihr Anliegen ist es auf der Basis einer Zusammenschau methodologischer und gegenstandstheoretischer Ansätze, der Frage nachzugehen, wie Soziologie ‘sinnvoll’ betrieben werden kann. Ausgehend von einem sehr allgemeinen Verständnis von Soziologie als einer Wissenschaft, „welche soziales Handeln deutend verstehen und dadurch in seinem Ablauf und seinen Wirkungen ursächlich erklären will“[1] (Weber 1980 [1921], S. 1), einem Verständnis also, daß den soziologischen Gegenstandsbereich als prinzipiell Sinnstrukturierten begreift, soll in der vorliegenden Arbeit für eine Methodologie plädiert werden, die diesem Umstand in all seinen Implikationen Rechnung trägt. Die Erörterung der Frage nach einer dem soziologischen Gegenstand angemessen Methodik erfolgt nun nicht auf rein theoretisch - methodologischer Ebene, sondern wird darüber hinaus versucht sein, ein an Grundprinzipien qualitativer Sozialforschung[2] entwickeltes Analyseinstrumentarium vorzustellen und dessen Verwendungsweise an empirischem Material zu exemplifizieren. Im Vordergrund steht somit weniger eine empirisch - gegenstandsbezogene als vielmehr eine methodologische Fragestellung, welche jedoch grundsätzlich rückverwiesen bleibt auf empirisch - konkrete Erkenntnisse hinsichtlich der Konstitution des infragestehenden Gegenstandes. Ein solch reflexives Verständnis von Methode und Gegenstand[3] zwingt dazu, in einem zirkulären Prozeß gegenstandstheoretische Erkenntnisse method(olog)isch fruchtbar zu machen. Die vorliegende Arbeit versucht diesem Umstand in zweierlei Hinsicht gerecht zu werden:

Im ersten Hauptteil (I.theoretisch - methodologische Verortung) soll dafür argumentiert werden, daß der soziologische Gegenstandsbereich aufgrund seiner spezifischen Konstitution (Abschnitt 2: Gegenstandskonzeptionen eines interpretativen Paradigmas) einer interpretativ - qualitativ verfahrenden Forschung (Abschnitt 1: ‘Qualitativ versus quantitativ’) bedarf. Eine konkrete Ausarbeitung eines solchen Forschungsprogramms wird in Abschnitt 3 (Gesprächsanalyse als interpretatives Forschungsprogramm) eingeführt.

Im Anschluß daran soll im zweiten Hauptteil (II. Darstellung ausgewählter Prozeduren gesprächsanalytischer Forschung am Beispiel eines Gesprächsausschnitts zwischen Jugendlichen und einem Jugendgruppenleiter) eine solcherart konstitutionsanalytisch entwickelte Methodik angewandt werden. Hierzu wird zunächst das empirische Material (Abschnitt 1: Die Datenbasis) vorgestellt, um schließlich in Abschnitt 2 (Exemplarische Analyse eines Gesprächsausschnitts) in die konkrete Analyse einzusteigen.

Soll im ersten Hauptteil die Herleitung eines interpretativ - reflexiven Wissenschaftsverständnisses stattfinden, so wird der zweite Teil versucht sein, die Umsetzung eines derartigen Verständnisses von soziologischer Forschung an konkretem, empirischen Material vorzuführen, um es dadurch prinzipiell einer kritischen Würdigung zugänglich zu machen.

Dies soll ausblickartig im Resümee geschehen, indem einerseits die Basiskategorien einer interpretativen Sozialforschung und andererseits Aspekte gesprächsanalytischer Prozeduren einer methodologischen Reflexion unterworfen werden.

I Theoretisch - methodologische Verortung

1. ‘Qualitativ versus Quantitativ’

Obwohl dem Leser soziologischer Methodenliteratur das dichotome Begriffspaar ‘qualitativ - quantitativ’ allenthalben begegnet, wird vielerorts für die Aufgabe dieser Polarität plädiert[4]. Einerseits kann zwar in ‘qualitativer’ Forschung durchaus quantifiziert und in ‘quantitativen’ Untersuchungen auch mit qualitativen Daten gearbeitet werden[5], andererseits implizieren die Etiketten ‘qualitativ - quantitativ’ üblicherweise jedoch weit mehr[6]: Als Idealtypen verkörpern sie Forschungstraditionen, die sich hinsichtlich wissenschaftstheoretischer (Konzeptualisierung des Gegenstandsbereiches, erkenntnistheoretische und methodologische Grundauffassungen) sowie forschungspraktischer (Forschungsdesign und -mentalität, Methodik) Positionen grundlegend unterscheiden. Dieser Polarität Rechnung tragend, werden in der einschlägigen Methodenliteratur unterschiedliche Binäroppositionen verwendet[7], die in ihrer Gesamtheit den vielschichtigen Gegensatz zwischen qualitativer und quantitativer Tradition repräsentieren[8]. Die Entstehungsgeschichte qualitativer Ansätze ist eine Geschichte der Kritik und Auseinandersetzung mit Verfahren der traditionellen Sozialforschung[9]. Im Folgenden soll zunächst diese Kritik, dieser kritische Ausgangspunkt qualitativer Forschungsansätze umrissen werden, um dann - positiv gewendet - gegenstandstheoretische und methodologische Prinzipien eines interpretativen Paradigmas herauszuarbeiten.

a) Methodologische Charakteristika einer quantitativen Sozialforschung

Das Vorgehen traditioneller Sozialforschung orientiert sich in wissenschaftstheoretischer[10] Hinsicht am Paradigma[11] des kritischen Rationalismus[12]. Diese aus dem logischen Positivismus[13] heraus entwickelte[14] und von Karl Raimund Popper begründete Wissenschaftstheorie arbeitet mit folgenden Prämissen:

Anlehnung an die Geisteshaltung des logischen Positivismus[15] ; Trennung von Entdeckungs- (context of discovery) und Erklärungszusammenhang (context of justification): Die exakte Wissenschaft hat sich auf Letzteren zu beschränken, da für Ersteren keine exakten Verfahren angebbar sind bzw. das Zustandekommen hypothetischer Aussagen für forschungslogische Belange schlicht irrelevant ist[16].

Sozialwissenschaftliche Theorien sollen nach dem Vorbild der Naturwissenschaften als Systeme logisch formalisierter Aussagen gebildet werden. Darüber hinaus sollen sie zur Erklärung und Prognose sozialer Phänomene beitragen. Die grundlegende Figur der wissenschaftlichen Erklärung ist dabei das sog. HO - Schema der rationalen Erklärung[17], welches ein zu erklärendes Phänomen (Explanandum) nicht mittels einer Reihe von einzelnen Beobachtungen (Induktion), sondern durch die logische Ableitung aus Gesetzeshypothese und Randbedingungen (Explanans) erklärt (Deduktion). Voraussetzung hierfür ist allerdings die Gültigkeit der im Explanans verwendeten Gesetzeshypothese, die wiederum nur auf der Basis einer am Falsifikationsprinzip orientierten Induktion vorläufig bestätigt werden kann. D.h., daß Hypothesen auf der Grundlage exakter Beobachtungen, die in Beobachtungsprotokollen (Basis- oder Protokollsätzen[18] ) festgehalten werden, einer empirischen Überprüfung zu unterziehen und im Falle der Widerlegung (Falsifikation) zu verwerfen bzw. zu modifizieren sind.

Der kritische Rationalismus betont somit

a) daß nur deduktiv - nomologische Erklärungen / Prognosen wissenschaftlich sind (Rationalitäts- oder Deduktionsprämisse),

b) daß lediglich deskriptive Beobachtungssätze (Basis- oder Protokollsätze) zur Überprüfung von Hypothesen herangezogen werden dürfen (Empirismusprämisse),

c) daß ausschließlich empirisch gehaltvolle, d.h. prinzipiell durch Sinnesdaten falsifizierbare Sätze in wissenschaftliche Theorien Eingang zu finden haben (antimetaphysische Prämisse)[19] sowie in Abgrenzung zur logisch - positivistischen Auffassung

d) die Unmöglichkeit, Allaussagen mittels induktiver Schlüsse zu verifizieren und die daraus resultierende Notwendigkeit, das Verifikations- durch ein Falsifikationsprinzip zu ersetzen (Falsifikationsprämisse[20] ) sowie

f) die Vorstellung einer notorischen Vorläufigkeit aller Hypothesen und Theorien sowie die kritische Grundeinstellung des Forschers, Hypothesen nie als bestätigt, sondern immer nur als bewährt zu betrachten (Prämisse der Kritik).

Diese oft grob als neopositivistisch oder szientistisch etikettierte wissenschaftstheoretische Position findet sich in kondensierter und pragmatisch gewendeter Form im Wissenschaftsverständnis / Forschungslogik (1) sowie im Forschungsdesign (2) ‘der empirischen Sozialforschung’ wieder.

1. Wissenschaftsverständnis / Forschungslogik

Dem Ideal der Einheitswissenschaft folgend, wird der Objektbereich der Sozialwelt als prinzipiell ähnlich dem der Naturwissenschaften konzipiert. Ein grundsätzlicher Unterschied zwischen Natur- und Geisteswissenschaften und somit eine prinzipielle Differenz in der Art und Weise des Zugangs (verstehender vs. erklärender) wird abgelehnt. Die Aufgabe einer so verstandenen Sozialwissenschaft ist es, a) allgemeingültige (Sozial-) Gesetze zu formulieren und diese auf der Basis empirischer Hypothesenprüfungen an den ‘sozialen Tatsachen’ zu bewähren[21] sowie b) i.d.S. bewährte Systeme gesetzesartiger Aussagen (Theorien) zur deduktiven Erklärung sozialer Phänomene heranzuziehen. Diese nomothetische Grundhaltung impliziert a) die Vorstellung einer autonomen und unabhängig existierenden Welt[22], die von der Wissenschaft mehr oder weniger getreu abgebildet werden kann, b) eine kausal - funktionalistische Konzeptualisierung des Gegenstandsbereiches[23] sowie c) eine an Generalisierung und objektivierbaren Aussagen orientierte Forschung. Diesen an das Ideal der naturwissenschaftlichen Forschung angelehnten Anspruch gilt es mittels einer quasi - experimentellen ‘Variablen - Soziologie’[24] einzulösen.

2. Forschungsdesign[25]

a) Gütekriterien[26]

In obigem Sinne verstandene Sozialwissenschaft hat die Umsetzung theoretischer Konstrukte in konkrete Messungen zur Voraussetzung, d.h. für abstrakte Begriffe müssen Meßoperationen angegeben werden. Das Resultat dieses, als (Begriffs-) Operationalisierung[27] bezeichneten Vorgangs sollte ein Meßinstrument sein, das die Gütekriterien der Objektivität, Zuverlässigkeit (Reliabilität) und Gültigkeit (Validität) erfüllt. D.h. das Meßinstrument (z.B. Einstellungsskala) sollte in der Lage sein, die nun „bestimmte Variable“ (Benninghaus 1991, S. 11) (z.B. Umweltbewußtsein) objektiv, reliabel und valide zu messen[28]. Ein Meßinstrument ist

- dann objektiv, wenn eine intersubjektive Nachprüfbarkeit der Forschungsergebnisse gewährleistet ist, d.h. unterschiedliche Forscher mit gleichem Meßinstrument unter sonst gleichen Bedingungen zu denselben Ergebnissen gelangen;
- dann reliabel, wenn Meßergebnisse stabil und genau erfaßt werden können, d.h., wenn sich mit einem Meßinstrument unter sonst gleichen Bedingungen gleiche oder zumindest in einem hohen Grade ähnliche Meßergebnisse reproduzieren lassen;
- dann valide, wenn es dasjenige Merkmal mißt, das es messen soll; d.h. bspw., daß davon ausgegangen wird, daß eine valide Einstellungsskala zur Messung des Umweltbewußtseins auch tatsächlich ‘Umweltbewußtsein’ und nicht ‘die Legitimationsstrategien von Gesellschaftsmitgliedern in Interviewsituationen’ mißt.

b) Vorgehensweise

Die standardisierte[29] Vorgehensweise quantitativer Verfahren kann als Umsetzung der Gütekriterien verstanden werden und vollzieht sich auf den Ebenen a) der Datenerhebung, b) der Datenauswertung sowie c) des Aufbaus der gesamten Untersuchung[30]. Der Untersuchungsaufbau soll dabei dem Anspruch gerecht werden, die Ergebnisse verallgemeinern und allgemeine Gesetzmäßigkeiten formulieren zu können[31], wobei die Repräsentativität der Stichprobe, erzielt durch statistical sampling[32], einen durch inferenzstatistische Verfahren abgesicherten Schluß auf die Grundgesamtheit garantiert, d.h., daß die Ergebnisse auf diese Weise einer Generalisierung zugeführt werden können[33]. Dieser standardisierte Untersuchungsaufbau läßt sich als linearer Dreischritt mit den Elementen Untersuchungsplanung, Datenerhebung und Datenauswertung darstellen[34]:

- Untersuchungsplanung: Formulierung eines Forschungsinteresses und einer Fragestellung / Arbeitshypothese; Präzisierung der Fragestellung anhand theoretischer Überlegungen; Deduktion der Hypothese, d.h. logische Ableitung einer Aussage aus einer Theorie[35], die einen Zusammenhang zwischen (mindestens) zwei Phänomenen (Variablen) behauptet und prinzipiell falsifizierbar ist; Umwandlung der Alternativ- in eine Nullhypothese[36] ; Definition der in der Hypothese verwendeten Begriffe[37] ; Indikatorisierung / Operationalisierung der theoretischen Begriffe; Konstruktion eines Erhebungsinstrumentes auf der Basis der Operationalisierung; Populationswahl; Festlegung eines Stichprobenauswahlverfahrens und einer Datenerhebungsmethode[38].

- Die Datenerhebung erfolgt vorzugsweise mittels standardisierter Methoden; die Variablen werden auf der Basis des konstruierten Meßinstrumentes gemessen; ‘qualitative Methoden’ finden in dieser Phase Beachtung als prinzipiell heuristische Verfahren, die mit dem Risiko behaftet sind, Daten geringerer Güte zu produzieren[39].
- Die Datenauswertung erfolgt mittels statistischer Analyseverfahren:
- Die deskriptive Statistik stellt Häufigkeiten und Korrelationen dar
- univariate Analyse: Darstellung von Häufigkeitsverteilungen und Ermittlung von Parametern (z.B. Mittelwert, Varianz) zur Beschreibung der Verteilung der Merkmalsausprägungen jeweils einer Variablen[40] ;
- bivariate / multivariate Analyse: Ermittlung von Korrelationsmaßen zur Beschreibung der Stärke des Zusammenhanges zwischen Variablen[41].
- Die inferentielle Statistik schlußfolgert von untersuchter Stichprobe auf die Grundgesamtheit (Generalisierung).

b) Kritik an Standards quantitativer Sozialforschung

Innerhalb dieses quantitativen Paradigmas wurde „die sogenannte qualitative Sozialforschung (...) ins heuristische Vorfeld ‘harter Empirie’ abgedrängt“ (Brunkhorst 1991, S. 330)[42], so daß sich eine forschungslogisch eigene, qualitative Forschung erst im Zuge einer allmählich lauter werdenden Kritik an traditionell - quantitativer Forschung entwickelte. Trotzdem wäre es irreführend, von einem homogenen ‘qualitativen Paradigma’ zu sprechen, da „der Zusammenhalt solcher Verfahren (..) derzeit weniger in einer geschlossenen und einheitlichen Konzeption als in einer gemeinsam geteilten Abgrenzung zu herkömmlichen, quantitativ - statistischen Vorgehensweisen [liegt]“ (Garz & Kraimer 1991a, S. 1). Diese einende, die qualitativ - empirische Sozialforschung konstituierende Grundhaltung soll im Folgenden dargestellt werden. Die Kritik liest sich dabei jedoch vielerorts als ein Abgesang auf die ‘positivistische Wissenschaftsordnung’, steckt voller historisch - philosophischer Bezüge (Pragmatismus, Phänomenologie, Hermeneutik[43] ) und ist eng mit Auseinandersetzungen um wissenschaftstheoretische Grundlagen verwoben (Werturteilsstreit; Positivismusstreit[44] ). In der folgenden Darstellung soll deshalb versucht werden, zentrale, immer wieder vorgebrachte und sich auf method(olog)ische Belange kaprizierende Kritikpunkte herauszuarbeiten. Verschiedenartigkeit der Ansatzpunkte sowie unterschiedliche Abstraktionsniveaus der Kritik an quantitativer Forschung erschweren eine übersichtliche Darstellung zusätzlich, so daß versucht werden soll, die einschlägige Kritik nach den Ebenen 1. Wissenschaftstheorie (erkenntnis- und gegenstandstheoretische Annahmen); 2. Methodologie (Methodenverständnis und Forschungslogik) und 3. Methodik (konkrete methodische Verfahrensweisen) zu ordnen[45].

1. Wissenschaftstheorie

In epistemologischer Hinsicht geriet ein restringierter Erfahrungsbegriff[46] und in ontologischer eine objektivistische Konzeptualisierung des Gegenstandsbereiches in die Kritik, d.h., daß soziale Phänomene sich weder auf das Beobachtbare, das ‘positiv’ Gegebene reduzieren noch sich als von ‘außen’, rein deskriptiv erfaßbare und den naturwissenschaftlichen Gegenständen prinzipiell ähnliche Phänomene konzeptualisieren lassen. Einem ‘positivistischen’ Theorieverständnis (Ideal der Einheitswissenschaft)[47] wird einerseits die Besonderheit des Gegenstandsbereiches der Sozialwissenschaften, der darin besteht „daß bereits der Gegenstand dieses Denkens (…) durch sinnhafte Konstruktionen (…) vorstrukturiert ist“ (Bohnsack 1993, S. 24)[48] sowie andererseits eine diese besondere Gegenstandskonstitution in Rechnung stellende spezifische Art und Weise des Zugangs entgegengesetzt[49].

2. Methodologie[50]

Die Charakteristika einer solchen Zugangsmodalität sind a) eine verstehende, interpretative oder rekonstruktive Erfassung aufgrund einer prinzipiellen Sinnstrukturiertheit sozialer Phänomene bzw. eines prinzipiellen Konstruktcharakters sozialer Wirklichkeit (s. Teil I., Abschn. 2) sowie b) eine offene, unstrukturierte und prinzipiell induktive Herangehensweise aufgrund des untrennbaren Zusammenhangs von Theorie und Beobachtung bzw. der Unmöglichkeit, zu theoriefreien, ‘reinen’ Beobachtungen zu gelangen[51]. Letzteres Argument läßt sich dahingehend ausweiten, daß das Verfahren der Hypothesenprüfung im kritisch - rationalen Sinne keinen gegenstandsadäquaten Erkenntnisfortschritt zeitigt, da die empirischen Bemühungen sich in einem deduktionslogischen Zirkel bewegen[52], in dem sich Theorie und Beobachtung wechselseitig bestätigen, so daß „Erkenntnisfortschritt (…) an Theoriegenerierung gebunden [ist]“ (Bohnsack 1993, S. 32) bzw. „eine Theorie ihrem Gegenstand nur adäquat [ist], wenn sie aus ihm heraus entwickelt worden ist“ (ebd.). Darüber hinaus wurde grundsätzlich bezweifelt, ob die Operation des Messens überhaupt der geeignete Weg sei, den prozessualen und komplexen Kontextcharakter sozialer Wirklichkeit zu erfassen[53]. Innerhalb der einschlägigen (qualitativen) Methodenliteratur sind es v.a. folgende Schlagworte, unter denen eine spezifisch quantitative Konzeptualisierung des Forschungsprozesses als einer (notwendigen![54] ) Umsetzung kritisch - rationalistischer wissenschaftstheoretischer Prinzipien eine kritische Betrachtung erfährt:

- Auf Generalisierung hin angelegt / nach kausalen Zusammenhängen suchend/ahistorisch: Die Sozialwelt wird als ein prinzipiell kausaler Gesetzmäßigkeit unterworfener Objektbereich verstanden, dessen Ursache - Wirkungs - Struktur möglichst getreu abzubilden ist; Aufgabe der Wissenschaft ist es, allgemeingültige Gesetzmäßigkeiten aufzudecken[55].
- Subsumptionslogisch/standardisiert/instrumentalisiert: Hypothesen und Begriffe werden nicht induktiv (nicht am empirischen Material, nicht durch detaillierte Studien im Feld), sondern deduktiv (in nur oberflächlicher Kenntnis des Gegenstands der Forschung) gewonnen. Mittels Operationalisierung / Indexbildung gewonnene Meßinstrumente (z.B. Skalen mit diversen Kategorien) werden nicht in Anschauung des Gegenstandes, sondern im Vorfeld der Untersuchung als abstrakte Methodensets entwickelt. Mittels dieser Standards soziale Realität zu ‘messen’, bedeutet nun, bestimmte Beobachtungen nach bestimmten Regeln auf einer Skala (Meßinstrument) abzutragen bzw. bestimmten Kategorien zuzuordnen; die soziale Realität wird auf diese Weise gleichsam mittels vorab festgelegter Regeln[56] unter vorab gebildete Kategorien subsumiert, wobei Perspektiven und Relevanzen der Forschungssubjekte unberücksichtigt bleiben[57]. Die Standardisierung der Methode fungiert dabei als Instrument zur Erlangung intersubjektiver Ergebnisse.
- Distanziert/datenfern/’objektiv’: Der Forscher / die Forscherin tritt in keine (Kommunikations-) Beziehung zu den Forschungsgegenständen. Er / Sie läßt Da­ten erheben, indem er / sie auszuführende Meßinstruktionen delegiert. Die Unter­suchungspersonen werden weniger als Forschungs- Subjekte, vielmehr als -Ob­jekte, gleichsam als ‘Datenträger und -lieferanten’ begriffen. Der Forscher / die Forscherin befindet sich auf diese Weise in maximaler Distanz zu Untersuchungsfeld und -personen. Die erhobenen Daten bleiben ihm / ihr fremd und fern.
- Linear / geschlossen/starr/strukturiert/statisch: Der Ablauf der Forschung steht von Beginn an fest. Einzelne, bereits durchlaufene Schritte im Forschungsprozeß werden trotz sich erweiterndem Erkenntnisstand nicht wiederholt oder aufeinanderbezogen. Die Möglichkeit der Veränderung des Forschungsgegenstandes durch Erkenntniserweiterung im Laufe der Untersuchung wird ausgeschlossen, so daß eine Reflexivität von Methode und Gegenstand abgelehnt wird. Erhobene Daten werden als Repräsentationen eines statischen Wirkungszusammenhanges begriffen und nicht als Ausschnitte eines Prozesses[58] der (Re-) Produktion von Realität (s. Teil I, Abschn. 2.).
- Analytisch - isolierend/partikularistisch/reduktiv: Soziale Realität wird nicht in ihrer Komplexität zu erfassen, sondern auf (kausale) Zusammenhänge zwischen Variablen zu beschränken versucht, d.h. mögliche Zusammenhänge sollen in Isolation bearbeitet bzw. Problemkomplexe sollen zergliedernd (analytisch) erfaßt werden. Quantitative Forschung zerlegt so den gesellschaftlichen Gesamtzusammenhang in Einzelteile, partikularisiert eine Totalität[59], die nur als Totalität begriffen werden kann. Aufgrund der anfallenden Datenmenge (hohes ‘n’ als Voraussetzung für Verallgemeinerbarkeit) ist die quantitative Analyse gezwungen, die Daten zum Zwecke des Informationsgewinns[60] zu reduzieren, d.h. bspw., den behaupteten Zusammenhang zwischen zwei Phänomenen auf eine statistische Maßzahl zu reduzieren, um diese einer weiteren Analyse zuzuführen.
- Situationsunspezifisch/kontextfrei: Das standardisierte Design quantitativer Datenanalyse versucht, vom Kontext der Datenerhebung weitestgehend zu abstrahieren bzw. die Untersuchungs situation möglichst konstant und ‘störungsfrei’ zu halten. Situationsspezifische (und damit variable) Einflüsse (v.a. auch des Forschers / der Forscherin) und Bedingungen werden als Störungen in der experimentellen Anordnung der Untersuchung begriffen und durch Schaffung invarianter Untersuchungssituationen zu minimieren versucht.

Die Spezifik dieser Methodologie wurde dafür verantwortlich gemacht, professionell kaschierte Meßartefakte bzw. scheinobjektive Ergebnisse zu produzieren[61].

3. Methodik

Kritische Einwände auf der methodischen Ebene betreffen einzelne, aus der allgemeinen Methodologie quantitativer Forschung abgeleitete Verfahren[62].

c) Charakteristika einer qualitativen Methodologie

In Auseinandersetzung mit dieser Negativfolie entstanden auf der Grundlage einer interpretativen Gegenstandskonzeption (s. Teil I., Abschn. 2.) qualitativ - empirische Sozialforschungsansätze[63], deren zentrale Merkmale zum Zwecke einer ersten Charakterisierung im Folgenden skizziert werden sollen:

1. Wissenschaftstheorie:

- Betonung der Besonderheit des Gegenstandes der Sozialwissenschaften (s. Teil I, Abschn. 2b) bzw. der Besonderheit der Beziehung zwischen sozialwissenschaftlicher Theorie und ihrem Gegenstand[64].
- Betonung der Besonderheit der Zugangsmodalität: verstehende Rekonstruktion des alltagsweltlichen Handlungssinns (s. Resümee).

2. Methodologie:

Zwei zentrale, für jede Forschung relevante Probleme werden auf der Basis wissenschaftstheoretischer Prämissen (s.o.) in qualitativer Forschung alternativ zu lösen versucht[65]:

- Problem: Verhältnis von Beobachtung (Empirie) und Realität (Basissatzproblem); Lösung: ‘Natürliche’ statt standardisierte Untersuchungssituationen[66] ;

das bedeutet a) eine radikale Ablehnung der Vorstellung, Beobachtungen (Daten) mittels standardisierter Erhebungs- und Analyseverfahren ‘objektivieren’ zu können und b) stattdessen eine maximale Annäherung der Untersuchungssituation an den Alltag der Untersuchten, um auf diese Weise angemessenere Beobachtungen (Daten) zu generieren. Die auf diese Weise erreichte, größere Gegenstandsangemessenheit qualitativer Daten[67] läßt sich prinzipiell auf eine Konzeptualisierung des Forschungs- als Kommunikationsprozeß zwischen Forscher / Forscherin und Forschungssubjekten zurückführen: Beobachtungsdaten, die meist die Form sprachlicher Äußerungen annehmen (z.B. im Interview), werden nicht durch Einsatz eines Meßinstrumentes (z.B. Fragebogen), sondern durch (mehr oder weniger unstrukturierte[68] ) Kommunikationsprozesse (z.B. teilnehmende Beobachtung) gewonnen, so daß sprachliche Äußerungen der Untersuchungspersonen a) in ihrer gewohnten Sprache sowie b) in ihrem ‘natürlichen’, d.h. ihrem gewohnten sozialen (und - möglicherweise sogar - kommunikativen) Kontext erfaßt werden. Kurz: Fremdverstehen als notwendige sozialwissenschaftliche Zugangsmodalität zur sozialen Realität läßt sich je adäquater und methodisch kontrollierter betreiben je natürlicher sich die Kontexte der Datenerhebung gestalten.

- Problem: Verhältnis von Theorie und Empirie[69] (Induktionsproblem); Lösung: Theoriegenerierung statt -überprüfung;

d.h. eine Ablehnung a) der Trennung von Entdeckungs- und Begründungszusammenhang sowie b) der Idee der deduktiv - nomologischen Hypothesenprüfung als erkenntnisleitendes Prinzip. Theorien und Hypothesen sollen vielmehr induktiv und zunächst weitestgehend theorielos entwickelt werden, so daß Beobachtungen nicht zum Testen von aus bereits bestehenden Theorien abgeleiteten Hypothesen herangezogen werden, sondern material in einen kumulativ - zirkulären Prozeß der Theoriegenerierung Eingang finden sollen[70].

3. Methodische Prinzipien:

Aus den wissenschaftstheoretischen und methodologischen Grundlegungen (Besonderheit des Gegenstandes sowie der Zugangsmodalität; Natürlichkeit statt Standardisierung; Theoriegenerierung statt -überprüfung) lassen sich Prinzipien hinsichtlich eines ‘kleinsten gemeinsamen Nenners’ qualitativer Forschungspraxis ableiten:

- hinsichtlich des Forschungsdesigns:

- Prinzip der Zirkularität[71]: Der Forschungsprozeß ist zirkulär angelegt, d.h. die Phasen Populationswahl, Datenerhebung und Auswertung werden kontinuierlich durchlaufen und aufeinander bezogen, so daß eine sukzessive Strukturierung des Forschungsprozesses auf einer fortschreitenden Durchdringung des Gegenstandsbereiches fußt.
- Prinzip der Offenheit[72]: Das Etikett ‘offen’ charakterisiert den Gestus qualitativer Forschung wohl am treffendsten. ‘Offen’ gestaltet sich die Untersuchungsplanung (kein vorab festgeschriebenes Forschungsdesign), die Formulierung der Fragestellung (die nicht in einer Hypothesenbildung ex ante gipfelt), die Populationswahl (theoretical statt statistical sampling[73]), die Datenerhebung (‘natürliche’ statt standardisierte Erhebungsverfahren), die Datenauswertung (Bildung zunächst unspezifischer, alltagsnaher Begriffe und Konzepte), der Prozeß der Forschung insgesamt (entdecken statt testen) und nicht zuletzt die Beziehung des Forschers zum Gegenstand (Identifikation statt Distanz[74] ) der Untersuchung. Im Wörtchen ‘offen’ kristallisiert sich dabei ein langjähriges und vielschichtiges Unbehagen an einer als artifiziell und realitätsfern empfundenen Sozialforschung.

- Datenerhebung:

- Prinzip der Natürlichkeit[75] und der Kommunikation[76]: ‘Natürliche’ bzw. in ‘natürlichen’ kommunikativen Kontexten gewonnene Daten reflektieren das Prinzip der Offenheit auf der Ebene der Datenerhebung. D.h. eine adäquate Erfassung des Gegenstandsbereiches erfolgt durch eine weitestgehend ‘natürliche’ Kommunikation bzw. durch deren Beobachtung und/oder Fixierung.

- Datenauswertung[77]:

Prinzip der Rekonstruktion[78] und der Detailliertheit[79]: Rekonstruktivität und Detailliertheit lassen sich als Umsetzung und Konsequenz eines offen gestalteten Forschungsprozesses bzw. einer natürlich - kommunikativen Datenerhebung begreifen. Insgesamt trägt ein solches, analytisches Verständnis wiederum der Sinnstrukturiertheit, dem Konstruktcharakter[80] und der Komplexität sozialer Phänomene sowie der sich daraus ergebenden, prinzipiell an Verständigung orientierten Zugangsmodalität Rechnung, da sozialwissenschaftliche Daten a) als sinnhafte Konstruktionen zunächst re-konstruiert und nicht unter vorab gebildete theoretische Konstruktionen subsumiert und b) als eigengesetzliche Phänomene bzw. Einzelfälle zunächst detailliert und facettenreich nachvollzogen werden sollten.

In der Tendenz lassen sich die Charakteristika qualitativer Sozialforschung im Begriff der beschreibungsgestützten Sinnrekonstruktion[81] oder in jenem situationsgebundenem Verständnis von Forschung, was Geertz „dichte Beschreibung“ (Geertz 1983)[82] nannte, vereinen. Die Rekonstruktion von alltagsweltlichem Handlungssinn auf der Basis ethnographischen Wissens, i.w.S. verstanden als explorative (Feld-) Forschung zum Zwecke der Generierung ‘dichter Beschreibungen’, kann als Minimalbasis qualitativer Ansätze begriffen werden[83]. Daß verschiedene qualitative Forschungstraditionen es bei einem rein verstehendem Nachvollzug subjektiver Perspektiven nicht bewenden lassen bzw. einen dezidierten Erklärungsanspruch erheben[84], ändert nichts am Ausgangspunkt und den Basisoperationen qualitativer Forschung: Auf der Grundlage einer ‘dichten Beschreibung’ (eines Falls, einer Biographie, eines kulturellen Artefakts, einer Gruppe, einer Subkultur, eines Gesprächs etc.), verstanden als der Versuch, den Sinn kultureller Phänomene zu rekonstruieren[85], erfolgt eine sukzessiv abstrakter werdende Begriffs- und Hypothesenbildung.

Wie oben bereits angeführt, gründet sich eine prinzipiell ‘rekonstruktive’ Vorgehensweise innerhalb empirischer Sozialforschung auf gegenstandstheoretische Konzeptionen eines interpretativen Paradigmas, dessen Grundzüge und -begriffe im Folgenden skizziert werden sollen.

2. Gegenstandskonzeptionen eines interpretativen Paradigmas

Der Begriff der ‘ Interpretation’ fungiert als doppeltes Abgrenzungskriterium: Er „ist Grundannahme über menschliches Verhalten und wissenschaftliche Methode zugleich“ (Treibel 1995, S. 108). Eine Abgrenzung wird somit v.a. gegenüber normativer und verhaltenstheoretischer Ansätze[87] vorgenommen, beides Versuche, menschliches Verhalten anhand ‘objektiv’ erfaßbarer und struktureller Aspekte bzw. unter Ausblendung subjektiver Perspektiven (Interpretationen) zu erklären. Wurzeln einer interpretativen Konzeptualisierung des sozialwissenschaftlichen Gegenstandsbereiches finden sich in den philosophischen Traditionen des Pragmatismus, der Phänomenologie, der Hermeneutik und der Philosophie der ‘normalen Sprache’[88], die sich - trotz aller Differenzen - „mit Sprach- und Sinnproblemen, die beim ‘interpretativen Verstehen’ von Handeln auftreten“ (Giddens 1984 [1976], S. 27), befassen. Im Zentrum einer solchen Perspektive auf Gesellschaft stehen somit die Begriffe Handeln, Interaktion und Kommunikation, die als zentrale Kategorien einer interpretativen Soziologie zunächst als ‘Etiketten’ einer interaktionistisch bzw. handlungstheoretisch ausgerichteten Gesellschaftstheorie fungieren. Die Implikationen der theoretischen Konzeptualisierungen jener Basiskategorien sollen im Folgenden unter Bezugnahme auf die theoretischen Traditionen der philosophischen Anthropologie, der verstehenden Soziologie, der phänomenologischen Wissenssoziologie und v.a. des symbolischen Interaktionismus sowie der Ethnomethodologie aufgezeigt werden.[86]

a) Handeln und Sinn als Basiskategorien eines interpretativen Paradigmas

Um Handeln von Verhalten abzugrenzen, werden in der Literatur konstitutive Merkmale genannt, die dem Handeln und nicht einem Verhalten zugeschrieben werden:

- Aktivität / Motiviertheit: Handeln ist kein bloßes Reagieren (i.S. eines S-R-Modells), sondern ein aktives Tun, das verändernd oder erhaltend in die Umwelt hinein wirkt (nach dieser Vorstellung kann Handeln auch ein Dulden oder ein Unterlassen sein).
- Objektbezogenheit: Handeln ist kein bloßes, ungerichtetes „Sich-Ausagieren“ (vgl. Bahrdt 1992, S. 32), sondern bezieht sich auf Objekte oder Klassen von Objekten der Umwelt.
- Intentionalität; Zielgerichtetheit: Handeln in einer gegenwärtigen Situation wird in einen Zusammenhang zu zukünftigen Situationen gesetzt, d.h. Absichten und Ziele beziehen sich auf etwas Zukünftiges, was das mehr oder mindere Vorhandensein der folgenden Punkte impliziert:
- Bewußtsein / Reflexivität / Antizipation: Handeln ist kein kontingentes Phänomen, sondern ein dem Subjekt bewußtes (prinzipiell artikulierbares), vorausschauendes (antizipatives) und reflexives[89] Tun.

Handeln fungiert i.d.S. als anthropologische Kategorie und bildet zunächst den Gegenbegriff zum Verhalten: Die Gattung ‘Mensch’ wird wesentlich über den Begriff des Handelns bestimmt. Das menschliche Sich-Einlassen auf Welt (im Gegensatz zum tierischen) geschieht durch das dem Menschen eigene Handeln und wird innerhalb der philosophischen Anthropologie durch folgende spezifische Besonderheiten gekennzeichnet[90]:

- Der Mensch handelt immer aus einer gewissen Distanz zur Welt, er ist nie vollkommen in die Natur eingepaßt (Plessner spricht von „exzentrischer Positionalität“[91] ).
- Handeln ist immer eine Verschränkung von Innen und Außen, ein Prozeß also, der sich auf innere (eigenes Wollen, Überzeugungen u.ä.) und äußere Größen bezieht, und sich somit immer mehr oder weniger ‘im Einklang’ mit der äußeren Welt befinden kann[92].
- Handeln ist eine notwendige Strukturierungsleistung, ein Prozeß also, der eine Selektion, ein sukzessives ‘Sich-Festlegen’ auf bestimmte Handlungsweisen impliziert.

Anthropologisch betrachtet ist Handeln also zunächst ein eng an die Natur der Gattung ‘Mensch’[93] gekoppeltes Phänomen bzw. wird als ein dem Menschen eigener und typischer Bezug zur Welt begriffen.

Handeln wird also üblicherweise ein Tun genannt, das aktiv und objektbezogen in die Umwelt hineinwirkt und mit einer spezifischen Orientierung verbunden ist. Handeln bedeutet somit ein an bestimmten Kriterien orientiertes Tun. Doch welcher Art sind diese Kriterien? Spielen innerhalb strukturtheoretischer Erklärungsmodelle[94] v.a. internalisierte Normen und Werte[95] eine tragende Rolle, so betont eine verstehend ausgerichtete Soziologie die Sinnhaftigkeit menschlichen Handelns:

- Max Weber grenzt den Begriff des Handelns über die Kategorie des „subjektiven Sinns“ (Weber 1980 [1921], S. 1) von dem des bloßen Verhaltens ab[96]. So ist Handeln bei Weber per definitionem sinnhaft, so daß dem Handelnden, wenn das, was er tut, denn Handeln genannt werden kann, eine jeweils spezifische, prinzipiell verstehbare Handlungsgrundlage (‘subjektiver Sinn’) unterstellt wird. In besonderem Grade verstehbar ist ein Handeln, Weber zufolge jedoch erst dann, wenn mit diesem Handeln eine Bedeutung oder ein Sinn verbunden wird, der für andere nachvollziehbar ist[97]. Das impliziert, daß ein Verhalten auch dann ein Handeln genannt werden kann, wenn es für andere nicht verstehbar ist bzw. Handeln als Phänomen verstanden werden muß, das - aus Beobachterperspektive - verschiedene Grade der Verstehbarkeit aufweist. In dieser Vorstellung ist die Problematik des Fremdverstehens bzw. die Notwendigkeit der Unterstellung eines geteilten (kulturellen) Sinnzusammenhangs als Basis einer Verstehensleistung[98] bereits deutlich zu erkennen.
- Alfred Schütz baut explizit auf der verstehenden Soziologie Max Webers auf[99] und erweitert diese um die Konzeption der „Alltagswelt“ (Giddens 1984 [1976], S. 33): Innerhalb des Versuchs, „die Wurzeln der sozialwissenschaftlichen Problematik bis zu den fundamentalen Tatsachen des Bewußtseinslebens zurückzuverfolgen“ (Schütz 1993 [1932], S. 9) kritisiert Schütz zunächst a) die undifferenzierte Verwendung des Sinnbegriffs bei Weber: Er mache keinen Unterschied „zwischen dem Sinn des Erzeugens und dem des Erzeugnisses, zwischen dem Sinn eigenen und fremden Handelns bzw. eigener und fremder Erlebnisse, zwischen Selbstverstehen und Fremdverstehen“ (ebd. S. 15)[100] und weist somit b) auf die prinzipielle Problematizität jeglichen Sinnverstehens (und damit auch jeglichen Fremdverstehens und jeglicher Kommunikation) hin und ‘löst’ das ‘Problem’ der Intersubjektivität[101], indem er den alltagsweltlich Handelnden in eine „epoché der natürlichen Einstellung“ (Schütz n. Giddens 1984 [1976], S. 32) stellt[102], in der Verstehen auf der Basis pragmatischer[103] Typisierungen und Idealisierungen[104] möglich wird. Umgekehrt heißt das für den wissenschaftlichen Beobachter, daß er, so Schütz, diese alltagsweltlichen, verständigungssichernden Vorannahmen wiederum durch eine ‘Einklammerung’ (epoché) zu suspendieren bzw. methodisch kontrolliert offenzulegen habe[105].
- George Herbert Mead (s. auch Teil I, Abschn. 2b) zufolge ist Sinn ein soziales Phänomen per sé[106]: Menschen verbinden mit ihren Handlungen eine Bedeutung (Sinn) und handeln umgekehrt aufgrund dieser Bedeutungen, welche wiederum Produkte dieses Interaktionsprozesses selbst sind (s.u.). Handeln ist hier eine symbolische Interaktion, d.h. der Austausch von vokalen und non-vokalen Gesten, welche, aufgrund ihres symbolischen Charakters, ‘in der Lage’ sind, im Handelnden (ego) dasselbe auszulösen wie in seinem Gegenüber (alter)[107].

Der Sinnbegriff weist somit einerseits darauf hin, daß sich menschliches Handeln im Rahmen von Be-Deutungen und Deutungen abspielt und andererseits, daß gerade diese Bedeutungen eine sozialsymbolische Wirklichkeit konstituieren, die als ein präformiertes Sinnsystem begriffen werden muß, in das Handeln immer schon eingebettet ist[108].

Handeln und Sinn als Basiskategorien eines interpretativen Paradigmas machen einerseits deutlich, daß die Erfassung der Sozialwelt immer an die sinnstrukturierten (Handlungs-) Perspektiven der in ihr Agierenden gebunden bleibt[109], andererseits verweisen sie bereits auf ein weiterführendes, genuin soziologisches Problem, nämlich die Frage, wie eine Verkettung einzelner Handlungen und damit Stabilität und soziale Ordnung möglich wird.

b) Soziales Handeln: Interaktion / Kommunikation

Gerade der Sinnbegriff, an dem deutlich wird, daß menschliches Handeln ein symbolisches (inbes. durch die Sprache) und kulturspezifisches Phänomen ist, zeigt, wie problematisch eine Trennung zwischen Handeln und sozialem Handeln ist.

Weber definiert soziales Handeln über die Orientierung an anderen, so daß soziales Handeln ein Handeln ist, „ welches seinem von dem oder den Handelnden gemeinten Sinn nach auf ein Verhalten anderer bezogen wird und daran in seinem Ablauf orientiert ist“ (Weber, 1980 [1921], S. 1). Hier stellt sich jedoch die Frage, inwiefern eine solche Trennung (ist ein Handeln seinem gemeinten Sinn nach an anderen orientiert oder nicht?) vorgenommen werden kann[110]: Sind Bedürfnisse (z.B. Schutz vor Nässe) und die Art ihrer Befriedigung (z.B. das Aufspannen von Regenschirmen) nicht bereits kulturelle, sinnstrukturierte Phänomene, d.h., wird nicht auch in den Fällen, in denen Einzelne ‘subjektiv sinnhaft’ handeln, ohne sich in diesem Moment offensichtlich an anderen zu orientieren, zwar nicht der konkrete ‘bedeutsame Andere’, jedoch ein ‘generalisierter Anderer’[111] sichtbar?[112] Ist es überhaupt möglich, die sinnhafte Handlung als isolierte Untersuchungseinheit aus dem Gesellschaftsprozeß herauszulösen?[113] Darüber hinaus verursacht das mentalistische Abgrenzungskriterium des subjektiv gemeinten Sinns methodologische Probleme dahingehend, daß auf der Grundlage von Beobachtungen (und damit im weitesten Sinne empirisch) 1. nicht entscheidbar ist, ob kein Handeln, Handeln oder soziales Handeln stattgefunden hat[114] und 2. der mit dem Handeln verbundene ‘subjektiv gemeinte Sinn’ als solcher nicht zu erfassen ist[115]. Symbolischer Interaktionismus und Ethnomethodologie knüpfen zwar an dieser grundsätzlichen Einsicht in die Sinnstrukturiertheit menschlichen Handelns bzw. die wechselseitig - sinnhafte Aneinander - Orientiertheit sozialen Handelns explizit an[116], gehen jedoch mit der Konzentration auf Prozesse der Aushandlung und (Re-) Produktion von Bedeutung in Interaktion, der Herstellung sozialer Wirklichkeit mittels alltagspraktischer Methoden bzw. der Analyse der Struktur des alltagsweltlichen Wissens über diese hinaus. Der Fokus verschiebt sich somit von einer subjektiven zu einer inter - subjektiven Perspektive, d.h. fokussiert werden weniger der subjektiv gemeinte Sinn einzelner Akte und damit die Bewußtseinsleistung innerhalb einzelner Akteure, sondern vielmehr Inter - Akte als das Ergebnis einer zwischen Akteuren, gleichsam außerhalb und ‘objektiv’ erbrachten Leistung[117]. Nicht der einzelne Mensch bzw. dessen isoliert - denkendes Bewußtsein, sondern der gesellschaftliche Austauschprozeß steht im Zentrum der Analyse[118]. Symbolisch - interaktionistische, ethnomethodologische und neuere phänomenologisch - wissenssoziologische Ansätze vertreten einen solchen interaktionistischen Gesellschaftsbegriff vehement und repräsentieren so am ehesten, was typischerweise unter einer interpretativen Gegenstandskonzeption verstanden wird[119]. Die in diesen Ansätzen verarbeiteten interaktions- und kommunikationstheoretischen Grundannahmen sollen im Folgenden dargestellt werden.

[...]


[1] Die Problematik der viel diskutierten Weberschen Definition von Soziologie, v.a. wie die Begriffe ‘deutendes Verstehen’ und ‘ursächliches Erklären’ zu begreifen sind, soll hier unbeachtet bleiben (vgl. dazu bspw. AG Soziologie 1992, Kap. 8; Hauck 1988, S. 84 ff.; Korte 1995, Kap. VI.; Rolshausen 1991; Ritsert 1988, Kap. 5). Entscheidend ist, daß Max Weber nicht nur den Grundstein für eine Soziologie als Handlungs- und Kulturwissenschaft gelegt hat, die sich grundsätzlich mit von Menschen durch ihr Handeln hervorgebrachten Sinnzusammenhängen zu beschäftigen hat, sondern damit zugleich ein bis heute strittiges, methodologisches Problem ins Zentrum einer sich als Erfahrungswissenschaft verstehenden Soziologie rückte: Die Notwendigkeit methodisch kontrolliertes Verstehen fremden (Handlungs-) Sinns zu leisten, stellt eine empirische Wissenschaft vor das Problem, Phänomene beschreiben und erklären zu müssen, die der Beobachtung prinzipiell entzogen sind.

[2] Dieser Begriff wird hier undefiniert benutzt und in Teil I, Abschn. 1 eingeführt.

[3] „Autoren wie Mead und Schütz etwa haben hervorgehoben, daß nicht die Methode einer Wissenschaft ihren Objektbereich bestimmt, sondern umgekehrt der Objektbereich einer Wissenschaft ihre Methode. (…). Es ist also erforderlich, allgemeinste Überlegungen über die Struktur von Wirklichkeit anzustellen, die zugleich allgemeinste Bedingungen des Forschungshandelns sind“ (Schütze u.a. 1973, S. 433 f.).

[4] Vgl. Bohnsack 1993, Kap. 2; Flick diskutiert eine Kombination beider Strategien (Flick 1995, S. 280 ff.); Garz & Kraimer belegen diese Vorstellung mit der Bezeichnung „pragmatische Position“ und schlagen eine Typologie mit den Typen „Primat quantitativ“, „Primat qualitativ“ und „Gleichberechtigung“ vor (Garz & Kraimer 1991a, S. 14 ff.); Heinze 1995, S. 10 ff.; Strauss 1994, S. 26 ff.

[5] In der Extension derart verengt, bezieht sich die dichotome Kennzeichnung ‘quantitativ - qualitatitv’ lediglich auf die Art der verwendeten Daten bzw. auf die Verfahren des Quantifizierens und Qualifizierens innerhalb der konkreten Forschungspraxis (vgl. Heinze 1995, S. 14).

[6] Bezeichnend hierfür ist bspw. der Umstand, daß einschlägige Einführungen die Kennzeichnung ‘qualitativ’ im Titel verwenden (z.B. Flick 1995; Lamnek 1995; Heinze 1995; Strauss 1994; Garz & Kraimer 1991b).

[7] So u.a. hypothesenprüfend vs. rekonstruktiv (Bohnsack 1993), empirisch - analytisch / deduktiv - nomologisch vs. hermeneutisch / verstehend (vgl. Oevermann 1981, der sich einleitend mit der Wortschöpfung ‘ empirische Sozialforschung’ auseinandersetzt; Brunkhorst 1991; Giddens 1984 [1976], S. 72), standardisiert vs. nichtstandardisiert (Bohnsack 1993, S. 16), hart vs. weich (vgl. AG Bielefelder Soziologen 1973, S. 245), nomothetisch vs. ideographisch (Garz & Kraimer 1991a, S. 1), normativ vs. interpretativ (Wilson 1973) etc. (vgl. die Typologie in Lamnek 1995,Bd. 1; S. 218 ff.).

[8] Die Bezeichnungen ‘qualitativ - quantitativ’ werden im Folgenden beibehalten und als idealtypische Oberbegriffe verstanden. Unter ‘quantitativ’ wird dabei das Vorgehen der traditionellen Sozialforschung verstanden, wie es in einschlägigen Einführungen zur ‘empirischen Sozialforschung’ repräsentiert ist (vgl. bspw. Benninghaus 1991 u. Diekmann 1995 ).

[9] Vgl. Garz & Kraimer 1991a, S. 1; Flick 1995, S. 280; Lamnek 1995, Bd. 1, S. 1; s. auch das zweibändige Herausgeberwerk ‘Alltagswissen, Interaktion und gesellschaftliche Wirklichkeit’ der AG Bielefelder Soziologen (1973), das die kritische Haltung qualitativ orientierter Forscher zur damaligen Zeit widerzuspiegeln vermag und deutlich von der Intention getragen ist, gegen ein ‘normatives Paradigma’ (Wilson 1973, S. 55) ‘anzuschreiben’.

[10] Wissenschaftstheorie ist ein Zweig der Philosophie und beschäftigt sich mit metatheoretischen, nicht gegenstandsbezogenen Fragestellungen, d.h. mit den Bedingungen der Möglichkeit sozialwissenschaftlicher Theoriebildung (v.a. konstitutionstheoretische / ontologische und epistemologische / methodologische Probleme) (vgl. Hillmann 1994, Sichwort ‘Wissenschaftstheorie der Sozialwissenschaften’; AG Soziologie 1992, S. 107 ff.).

[11] Der Begriff ‘Paradigma’ wurde von Th. S. Kuhn in die wissenschaftstheoretische Diskussion eingeführt und bezeichnet dort einen relativ stabilen, homogenen und anerkannten theoretischen Bezugsrahmen, der den Rahmen für die Durchführung ‘normaler Wissenschaft’ bildet (vgl. Giddens 1984 [1976], S. 166; Ritsert 1996, Teil III ‘Die Kuhnsche Wende in der Wissenschaftstheorie und ihre Folgen’).

[12] Vgl. Popper 1994 [1934]; sowie: Hauck 1988, S. 110 ff; Hügli & Lübcke 1996, Bd. 2, S. 473 ff.; AG Soziologie 1992, Kap. 6.

[13] Der logische Positivismus verband klassisch - positivistische Gedanken (s. Ritsert 1996, S. 71-78) mit neueren Erkenntnissen der analytischen Sprachphilosophie und der Logik. Die oft auch als Neo - Positivismus oder logischer Empirismus bezeichnete Denkrichtung geht auf die Arbeiten des ‘Wiener Kreises’ zurück, deren Mitglieder (u.a. R. Carnap, M. Schlick, K. Gödel, J.v. Neumann, W.v.O. Quine und K.R. Popper) das zentrale Interesse verband, eine an der exakten Wissenschaft und Wissenschaftssprache orientierte Philosophie zu entwickeln (vgl. Hauck 1988, der Neo - Positivismus und kritischen Rationalismus kurzerhand als Szientismus bezeichnet; Giddens 1984 [1976], S. 160 ff.; Hügli & Lübcke 1996, Bd. 2, 159 ff.; Ritsert 1996, S. 79ff.).

[14] Der von Popper formulierte kritische Rationalismus versteht sich sowohl als eine Kritik als auch als eine Weiterführung logisch - positivistischer Ansätze. Zur Entwicklungslinie ‘Positivismus - logischer Positivismus - Falsifikationismus’ s. Ritsert 1996, Teil II „Der Positivismusstreit“.

[15] S. dazu Ritsert 1996, S. 84.

[16] Vgl. Bohnsack 1993, S. 12; Ritsert 1996, Teil II, Kap. 3.

[17] Das Kürzel ‘HO’ bezieht sich dabei auf die als Begründer des Schemas gehandelten Wissenschaftler, Hempel und Oppenheimer. Synonym verwendet wird auch der Begriff ‘DN - Erklärung’ (deduktiv - nomologisch), der dem Umstand Rechnung trägt, daß es sich um eine aus einem Gesetz (nomos) logisch abgeleitete (deducere) Erklärung handelt. Diese Erklärungsfigur entspricht dem klassischen Syllogismus (Gesetz + Randbedingung Õ Schlußfolgerung) mit seinen grundlegenden Ausprägungen modus ponens (wenn p, dann q; p; also q) und modus tollens (wenn p, dann q; nicht q; also nicht p) (vgl. AG Soziologie 1992, Kap. 6; Diekmann 1995, S. 147 ff.; Ritsert 1996, S. 96-99).

[18] Das epistemologische Problem der ‘reinen Erfahrung’ bzw. der ‘reinen Sinnesdaten’ wurde in diesem Zusammenhang als das „Basissatzproblem“ (Diekmann 1995, S. 153 ff.; Ritsert 1996, S. 91) bekannt. Es besteht darin, daß ‘reine Beobachtung’ nicht möglich ist, mithin jede Beobachtung theoretisch präformierte Elemente enthält und ‘Objektivität’ auf diese Weise nicht zu erreichen ist (s. ebd. S. 104). Das Problem, ob eine subjektive Beobachtung eine Hypothese bestätigt oder nicht, wird im logischen Positivismus kontrovers diskutiert (vgl. ebd. S. 91 ff.) und bei Popper zu einer Entscheidungsfrage, „der Urteilsfindung im Gericht völlig analog (..)“ (Hauck 1988, S. 113). Wie unschwer zu erkennen ist, verbirgt sich dahinter ein zentrales Prinzip empirischer Sozialforschung: Intersubjektivität als ein Objektivitätskriterium.

[19] Mit diesem „empiristischen Sinnkriterium“ (Ritsert 1996, S. 95) untrennbar verbunden ist die Vorstellung, daß alle erkenntniserweiternden (synthetischen) Aussagen kontingenter und erfahrungsabhängiger (a posteriori) bzw. alle zergliedernden (analytischen) Aussagen notwendiger und logischer (a priori) Natur sind. Abzulehnen sind somit alle synthetischen a priori - Urteile (vgl. Hügli & Lübcke 1997, Stichwort: ‘ a priori / a posteriori ’), da sie sich nicht auf die Welt der beoachtbaren Dinge (Physik), sondern auf jene ‘über bzw. vor den Dingen’ (Meta-Physik) beziehen. Das Kriterium für die Wissenschaftlichkeit von Aussagen kann also als empiristisch / antimetaphysisch charakterisiert werden und wird häufig als Verifikationskriterium bezeichnet, da der empirische Gehalt / Sinn eines Satzes „demnach in den Methoden und Möglichkeiten seiner Bewahrheitung (Verifikation) [wurzelt]“ (Ritsert 1996, S. 95).

[20] Das Falsifikationsprinzip kann auch als Versuch gelesen werden, die widersprüchliche Einheit von Empirismus und Deduktivismus aufrechtzuerhalten: Einerseits wird auf die Erfahrung als letzliche Prüfinstanz für Hypothesen verwiesen (empiristisch), andererseits sind wissenschaftliche Erklärungen und damit wahre Sätze nur durch deduktionslogische Schlüsse zu erreichen (deduktivistisch). Popper betont nun, daß die Erfahrung nicht als Erkenntnisquelle fungiere, sondern nur mehr als Bestätigungsinstanz für Aussagen, d.h. „wir können nur die Falschheit der getesteten Aussagen feststellen, nicht ihre Wahrheit“ (Popper zit. n. Hauck 1988, S. 116; s. auch Brunkhorst 1991, S. 299 ff. u. Ritsert 1996, S. 103 ff.).

[21] Die Vorstellung einer Verifikation bzw. einer wahren Aussage wird ersetzt durch die Idee einer Bewährung bzw. einer bewährten Aussage. Diese allmähliche Anpassung an die Wahrheit wird erreicht durch einen sukzessiven und kumulativen Prozeß der Eliminierung des Falschheitsgehaltes gesetzesartiger Hypothesen (vgl. Popper 1994 [1934], Kap. X.).

[22] Dies wird bspw. deutlich in Poppers ontologischer Lehre der drei Welten, wobei mit ‘Welt eins’ auf jene unabhängige Dingwelt referiert wird (s. dazu bspw. Habermas 1995 [1981], S. 115 ff.; Ritsert 1996, S. 121; Störig 1993, S. 693).

[23] Vgl. Teil I, Abschn. 2.

[24] Richtungsweisend für ein solches Verständnis von Soziologie ist das naturwissenschaftliche Experiment als eine Idealform des Testens kausaler Zusammenhänge: Indem alle anderen Bedingungen konstant gehalten werden (können), kann die Wirkung der unabhängigen auf die abhängige Variable getestet werden. Bestätigt der Test eine solche Wirkung kann Erstere als Ursache der Ausprägung Letzterer konstatiert werden. Voraussetzung ist „die Herstellung eines ‘Isolats’, die Ausschaltung aller Faktoren außer dem einen, der geprüft werden soll (...)“ (Theimer 1985, S. 29). Eben dieses Streben nach kontrollierbaren, standardisierten und störungsbereinigten Testsituationen gilt als ein wesentliches Merkmal quantitativer Sozialforschung. Dieses Ideal der Testsituation wird als wesentlicher Aspekt zur Erfüllung traditioneller Gütekriterien betrachtet (s.u.) (vgl. Bohnsack 1993, S. 16). Zu einer detaillierten Grundlegung kritisch - rationaler Sozialwissenschaft vgl. Prim & Tilmann 1973.

[25] Zur folgenden Darstellung s. v.a. Bohnsack 1993, Kap. 2; Diekmann 1995; Hauck 1988, S. 117 ff. sowie Lamnek 1995, Bd. 1, Kap. 4. Darüber hinaus sei angemerkt, daß eine Darstellung der ‘empirischen Sozialforschung’ nur in der Weise einen Sinn macht, daß Grundzüge des Forschungsdesigns und des zugrunde liegenden Wissenschaftsverständnisses idealtypisch skizziert werden, ohne auf Feinheiten und Differenzierungen innerhalb dieses Paradigmas eingehen zu können.

[26] Zur Diskussion qualitativer Gütekriterien s. Corbin & Strauss 1990; Flick 1995, Kap. 18; Lamnek 1995, Kap. 4.4. Eine Übersicht über die verschiedenen Arten einzelner Gütekriterien sowie Verfahren der Überprüfung von Reliabilität und Validität innerhalb des quantitativen Paradigmas bietet Diekmann 1995, S. 216 ff.

[27] Zum Begriff der Operationalisierung / Indexbildung s. Benninghaus 1991, S. 10 ff.; Diekmannn 1995, S. 181 ff.; Lamnek 1995, Bd. 1, Kap. 4.3.; Prim & Tilmann 1973, Kap. 5. Einschlägige Beispiele für diese Umsetzung theoretischer Konstrukte (tK) in Meßinstrumente (MI) mittels Operationalisierung / Indexbildung wären a) die Messung des Umweltbewußtseins (tK) mittels einer Einstellungskala (MI) b) die Feststellung der Schichtzugehörigkeit (tK) eines Gesellschaftsmitglieds mittels der Variablen ‘Höhe des Einkommens’, ‘Höhe des Bildungsniveaus’ sowie ‘Art des ausgeübten Berufs’ (MI) oder c) die Messung der Intelligenz (tK) eines Individuums mittels eines Intelligenztestes (MI).

[28] In der quantitativen Sozialforschung wird mit Variablen gearbeitet, d.h. im Idealfall soll in quasi - experimenteller Manier der Einfluß der einen (unabhängigen) auf die andere (abhängige) Variable getestet werden, bspw. der Einfluß von ‘gestörtem Elternhaus’ auf ‘Jugenddelinquenz’ (vgl. Lamnek 1995, Bd. 1, S. 148 ff.). Variablen können dabei verschiedene Ausprägungen annehmen, sind also prinzipiell in Skalenform ausdrückbar. Je nach Meßniveau (nominal, ordinal, intervall oder rational skaliert (vgl. Diekmann 1995, S. 249 ff.; Benninghaus 1991, S. 17 ff.)) bedeutet messen dabei die Zuordnung von Beobachtungen (Objekte, Ereignisse) zu Zahlen oder Kategorien einer Skala (vgl. Benninghaus 1991; Cicourel 1970, insbes. Kap. 1).

[29] ‘Objektivierung’ durch intersubjektive Überprüfbarkeit ist nur möglich, wenn der Prozeß der Transformation von Beobachtungen in eine Beobachtungssprache dokumentiert und somit prinzipiell reproduziert werden kann. Voraussetzung hierfür ist eine Standardisierung der Untersuchungssituation, ähnlich dem naturwissenschaftlichen Experiment (vgl. Bohnsack 1993, S. 15 ff.), wodurch subjektive Einflüsse des Forschers eliminiert werden (sollen) (vgl. Lamnek1995, Bd. 1, S. 13).

[30] Durch eine Standardisierung der Datenerhebung (z.B. standardisierte Fragebögen), der Datenauswertung (statistische Verfahren) sowie des Untersuchungsaufbaus läßt sich der Forschungsprozeß intersubjektiv überprüfbar (Objektivität) und reproduzierbar (Reliabilität) gestalten; weniger tauglich wird eine Standardisierung v.a. der Datenerhebung für die Validität der Ergebnisse beurteilt (vgl. Bohnsack 1993, S. 15 ff. sowie Lamnek 1995, Bd. 1, S. 184).

[31] Vgl. Flick 1995, S. 11 sowie Lamnek 1995, Bd. 1, S. 187, der Repräsentativität und Generalisierbarkeit als viertes Gütekriterium quantitativer Forschung anführt.

[32] Zu verschiedenen Verfahren der Stichprobenauswahl s. Diekmannn 1995, Kap. B IX.

[33] Im allgemeinen wird zwischen beschreibender (deskriptiver) und schließender (inferentieller) Statistik unterschieden, wobei Erstere verschiedene Verfahren der Ermittlung und Darstellung von Häufigkeitsverteilungen und Korrelationen umfaßt (s. Benninghaus 1991 sowie Hippmann 1994, Kap. E) und Letztere, aufbauend auf mathematischer Wahrscheinlichkeitsrechnung, sich mit Schlußverfahren von Stichproben auf Grundgesamtheiten beschäftigt (s. Hippmann 1994, Kap. F).

[34] Vgl. Diekmann 1995. S. auch Lamnek, der ein quantitatives Forschungsdesign am Beispiel einer stark verkürzten Untersuchung hinsichtlich des Zusammenhangs von ‘broken homes’ und ‘Jugenddelinquenz’ ‘durchspielt’ (Lamnek 1995, Bd. 1, S. 148-151). Die standardisierte Struktur des Untersuchungsablaufes impliziert zumindest zweierlei: 1. Die Forderung der Trennung von Entdeckungs- und Begründungszusammenhang wird dergestalt umgesetzt, daß Hypothesen deduktiv gewonnen und die darin verwendeten Begriffe als a priori definierte theoretische Konstrukte verwendet werden (vgl. Lamnek 1995, Bd. 1, S. 129 ff). 2. die lineare Abfolge der Bausteine Planung, Erhebung und Auswertung macht eine genaue Vorabfestlegung der Fragestellung, der zu untersuchenden Population, der Methode der Datenerhebung sowie -auswertung notwendig. Beides - sowohl die deduktiv - subsumptive Hypothesen- und Begriffsbildung als auch die rigide Präzisierung des Untersuchungsablaufs im Vorfeld - sind zentrale Merkmale des traditionellen Forschungsprozesses und trugen zur Charakterisierung quantitativer Forschung als geschlossen, prädeterminiert, statisch (vgl. Lamnek 1995, Bd. 1, Kap. 4.8.) oder subsumptionslogisch (Oevermann) bei (s.u.).

[35] Zum Begriff der Hypothese s. Diekmann 1995, S. 107 ff. Theorie wird hier i.e.S. als deduktiv - axiomatisches System verstanden (vgl. Ritsert 1996, S. 150 ff.).

[36] Die Negation der Alternativhypothese und damit die Behauptung eines Nicht- oder Nullzusammenhangs zwischen den in der Hypothese aufeinander bezogenen Variablen entspricht der Logik des Falsifikationsprinzips, d.h. eine Falsifikation der Nullhypothese läßt eine (vorläufige) Bestätigung der Alternativhypothese zu (vgl. Diekmann 1995, S. 585 ff. sowie Ritsert 1996, S. 104/105).

[37] Lamnek bezeichnet die Begriffsbildung auf dieser Ebene als nominalistisch. Im Gegensatz zu Realdefinitionen sind Nominaldefinitionen weder richtig noch falsch, sondern mehr oder weniger zweckmäßig. Durch sie werden Phänomene nicht durch inhaltliche Kriterien bzw. konstitutive Merkmale (i.S.v. ‘Wesensbestimmungen’) bestimmt, sondern mittels Begriffskonventionen erfaßt (vgl. Diekmann 1995, S. 140, der ein Beispiel für eine zweckmäßige Definition von ‘Armut’ gibt; Lamnek 1995, S. 134 ff. sowie Prim & Tilmann 1973, Kap. 3.). Hügli & Lübcke sprechen in diesem Zusammenhang von regelgeleiteten oder stipulativen Definitionen (Hügli & Lübcke 1997, Stichwort ‘Definition’). Desweiteren verweist diese Trennung auf die übliche Unterscheidung von analytischen Kategorien oder Definitionen und empirisch - gehaltvollen (und damit synthetischen) Aussagen, wobei Erstere als konventionalisiertes Begriffsinventarium Voraussetzung Letzterer sind (vgl. Bahrdt 1992, Kap. 1; Bohnsack 1993, S. 13).

[38] Die Art der Datenerhebung wird durch die Indexbildung / Operationalisierung prädeterminiert (vgl. Diekmann 1995, S. 182).

[39] Vgl. Diekmann 1995, Kap. C zu verschiedenen Verfahren der Datenerhebung und ihrer Einordnung und Bewertung aus quantitativer Sicht.

[40] Vgl. Benninghaus 1991, Kap. 2; Hippmann 1994, Kap. E 3.

[41] Vgl. Benninghaus 1991, Kap. 3 u. 4; Hippmann 1994, Kap. E 4 u. 6.

[42] D.h. Daten qualitativen Niveaus finden sich innerhalb quantitativer Forschung auf der Ebene des Nominalskalenniveaus; meßtechnisch gesehen also auf jenem Skalenniveau mit dem geringsten Informationsgehalt (vgl. Ritsert 1996, S. 155 ff.). Das erklärt zum einen die Geringschätzung qualitativer Daten innerhalb quantifizierender Forschung, zum anderen legt es die traditionelle Vorstellung offen, qualitative Forschung sei in quantitativer bereits logisch impliziert (vgl. Brunkhorst 1991, S. 331 sowie Garz & Kraimer 1991a, S. 15).

[43] Vgl. bspw. Giddens 1984 [1976].

[44] Eine einführende Darstellung zur Werturteilsproblematik sowie zum Positivismusstreit gibt Ritsert 1996.

[45] Zu den Problemen einer klassifizierenden Zusammenfassung dieser vielfältigen Kritik merkt Lamnek an, „daß sich Schwierigkeiten aus der Anwendung quantitativer Forschungsmethoden meist auf allen theoretischen wie praktischen Ebenen des Forschungsprozesses ergeben (...) und sich deshalb die Kritik auf alle Bereiche erstreckt“ (Lamnek 1995, Bd. 1, S. 8).

[46] Vgl. Lamnek (1995), der den Erfahrungsbegriff quantitativer Forschung in zweierlei Hinsicht begrenzt sieht: Erstens wird das Erfahrbare auf das Beobachtbare beschränkt bzw. auf prinzipiell der Beobachtung zugängliche Zusammenhänge (Stichwort: Indikatorisierung) und zweitens werden nur solche Beobachtungen als Daten zugelassen, die innerhalb eines standardisierten Kanons quantitativer Verfahren gewonnen wurden. Ausgegrenzt bleiben somit 1. im Bereich des Erkenntnisinteresses: nicht der Beobachtung zugängliche Tiefen- oder latente Sinnstrukturen sowie 2. im Bereich des Datenmaterials: auf der Basis alltagsweltlicher Verstehensprozesse gewonnene Daten (vgl. ebd. Bd. 1, S. 8.).

[47] Paradigmatisch für eine solche „Naturwissenschaft der Gesellschaft“ (Giddens 1984 [1976], S. 15) sind auf soziologischer Ebene funktionale und strukturalistische Gesellschafts- und auf psychologischer Ebene behaviouristische Verhaltensmodelle.

[48] Vgl. Teil I, Abschn. 2.

[49] Vgl. Habermas 1995 [1981], Bd. 1, Teil I, Kap. 4.

[50] Vgl. die programmatischen Schriften von Blumer (1973) und Wilson (1973), die beide auf der Basis einer kritischen Diskussion quantitativer Methodologie eine alternative, interpretative Vorgehensweise entwickeln.

[51] Vgl. Bohnsack 1993, Kap. 2.

[52] Vgl. Bohnsack 1993, S. 31; Lamnek 1995, Bd. 1, S. 9-11.

[53] Vgl. Cicourel (1970), der sich eingehend mit der Strukturlogik des Messens und der impliziten Strukturierung bzw. Präformierung des Gegenstandsbereiches durch meßtechnische Operationen auseinandersetzt (v.a. Kap. 1).

[54] Mittlerweile dürfte klar geworden sein, daß das quantitative Paradigma in sich schlüssig aufgebaut ist, d.h., daß der Aufbau des Forschungsprozesses bspw. eine logisch konsistente Umsetzung wissenschaftstheoretischer Annahmen ist, so daß Modifizierungen auf der Ebene der Forschungspraxis Schwierigkeiten auf wissenschaftstheoretischer Ebene bedingen.

[55] Eine alternative Konzeptualisierung des sozialwissenschaftlichen Gegenstandsbereiches wird in Teil I, Abschn. 2 vorgestellt.

[56] Indexbildungen und operationale Definitionen fungieren dabei als Meßregeln, d.h. 1. Indikatorenkonzepte legen bei latenten Variablen (z.B. Schichtzugehörigkeit) fest, anhand welcher Indikatoren (z.B. Einkommen, Art des ausgeübten Berufs, Bildung) das betreffende Phänomen zu ‘erkennen’ ist und 2. operationale Definitionen geben die Meßoperationen an, die durchgeführt werden müssen, um ein Phänomen hinsichtlich des interessierenden Merkmals klassifizieren zu können (z.B. jenes Individuum ist der Kategorie ‘Unterschicht’ zuzuordnen aufgrund der Merkmale a) Einkommen in Höhe von ‘x’, b) Beruf: ‘y’ und c) Bildungsniveau: ‘z’).

[57] Die systematische Nicht-Berücksichtigung sozialer Kompetenz im Handeln von Gesellschaftsmitgliedern verdankt sich mechanistisch - deterministischen Gegenstandskonzeptionen, die bei Erklärung sozialen Handelns, dem Struktur- gegenüber dem Handlungsaspekt Vorrang einräumen (vgl. Giddens 1995 [1984], inbes. Kap. 1).

[58] Vgl. Flick 1995, Kap. 4.

[59] Der Begriff der Totalität wurde durch die Kritische Theorie geprägt und von Theodor W. Adorno in den sog. Positivismusstreit eingeführt (vgl. Ritsert 1996, S. 129 ff.). Die Forderung einer Totalitätsempirie richtet sich gegen eine dekontextualisierende Tatsachenempirie (Ritsert 1983).

[60] Der Informationsgewinn ist natürlich nicht ohne Informationsverlust an anderer Stelle zu erreichen, d.h. der Gewinn besteht in der Möglichkeit einer Aussage auf höherem Aggregationsniveau (+ Generalisierung), der Verlust besteht in einer (möglicherweise unzulässigen) Reduktion der Komplexität der untersuchten Zusammenhänge (- Validität).

[61] Vgl. bspw. Lamnek 1995, Bd. 1, S. 14 u. 19 f.

[62] S. dazu v.a. Lamneck 1995, Bd. 1.

[63] Nicht eingegangen werden kann somit auf geschichtliche Wurzeln und verschiedene Entwicklungslinien qualitativer Kritik. Vgl. dazu Garz & Kraimer (1991a), die in ihrer Einleitung ‘Qualitativ - empirische Sozialforschung im Aufbruch’ einen Überblick über die Entwicklung qualitativer Ansätze geben sowie verschiedene Typologien qualitativer Forschungsrichtungen diskutieren; eine knappe Übersicht geben Flick 1995, Kap. 1, Heinze 1995, Kap. 1 u. Lamnek 1995, Bd. 1, Kap. 2.3. Desweiteren s. v.a. Bonß (1982), der Struktur und Veränderung empirischer Sozialforschung umfassend nachzeichnet.

[64] Sozialwissenschaftliche Theorien beziehen sich auf sinnhafte Konstruktionen alltagsweltlich Handelnder. Diesem besonderen Verhältnis Rechnung tragend, prägte Schütz den Begriff der ‘Konstruktionen zweiten Grades’ und Giddens den der ‘doppelten Hermeneutik’ (vgl. Bohnsack 1993, S. 23; s. auch Resümee).

[65] Dahinter verbirgt sich eine Kritik an bzw. eine Ablehnung von kritisch - rationalen ‘Lösungen’ des Basissatz- (Beobachtungs- / Realitäts-) und Induktions- (Theorie- / Empirie-) Problems. Die Ausklammerung von Induktionsschlüssen als logisch nicht haltbar zwang zu einer Beschränkung auf deduktiv - nomologische Verfahren der Erklärung und Überprüfung und in der Folge zu einer Trennung von Begründungs- und Entdeckungszusammenhang (d.h. logisch einwandfreie Schlüsse sind nur im context of justification möglich). Die prinzipielle Interpretationshaltigkeit von Basissätzen zwang zu einer ‘Objektivierung’ der Beobachtungssätze, was durch eine weitgehende Stanardisierung des Forschungsprozesses und eine damit einhergehende intersubjektive Überprüfbarkeit erreicht werden sollte (vgl. Bohnsack 1993, Kap. 2.).

[66] Dieses Problem läßt sich für die Sozialwissenschaften in folgender Frage zusammenfassen: Inwiefern repräsentieren Beobachtungssätze (und damit Daten) die beobachtete soziale Realität. Da das grundlegende Charakteristikum sozialer Realität ihre Sinnstrukturiertheit ist, treten zwischen den sozialwissenschaftlichen Beobachter und die zu beobachtende soziale Reälität sinnhafte Konstruktionen der alltagsweltlich Handelnden. Das Beobachtungsproblem in den Sozialwissenschaften erfährt somit eine entscheidende Erweiterung: Zur ‘reinen’ Beobachtung muß Fremdverstehen hinzutreten, d.h. der Zugang zur Realität gestaltet sich von vornherein interpretativ bzw. verstehend (vgl. Resümee).

[67] Vgl. Lamnek 1995, Bd. 1.

[68] In dieser Hinsicht gehen die Vorstellungen innerhalb qualitativer Ansätze weit auseinander: Wird einerseits auf die größtmögliche ‘Natürlichkeit’ der Daten wertgelegt (z.B. innerhalb konversationsanalytischer Studien), so finden andererseits durchaus auch reaktivere Daten (z.B. narratives Interview) Eingang in qualitative Forschung.

[69] Dieses Problem läßt sich in folgender Frage ausdrücken: Wie können aus singulären Beobachtungen bzw. aus Einzelerfahrungen (Empirie) allgemeine Erkenntnisse (Theorie) gewonnen werden?

[70] Erstmals vehement vertreten und in forschungspraktische Regeln umgesetzt wurde diese Forderung von der sog. Grounded Theory, deren Charakterisierung ‘Grounded’ eben auf den Umstand verweist, daß Theorien aus der sozialen Realität heraus entwickelt und in dieser verwurzelt sein sollten (vgl. Glaser & Strauss 1967; Strauss 1994). Die Idee einer (zunächst) ‘theorielosen’ Hypothesenentwicklung findet ihre Umsetzung im Konzept des ‘offenen Kodierens’ (vgl. Strauss 1994, S. 95 ff.).

[71] Vgl. Flick 1995, Kap. 4. sowie insbes. Strauss 1994.

[72] Vgl. Bohnsack 1993, S. 19 ff.; Flick 1995, S. 14 u. 57; Hoffmann - Riem 1980, S. 346; Lamnek 1995, Bd. 1, S. 22 u. 232; Strauss 1994, S. 14.

[73] Vgl. Flick 1995, S. 58; Lamnek 1995, Bd. 1, Kap. 4.5.; Strauss 1994, S. 70.

[74] Vgl. Lamnek 1995, Bd. 1, S. 234 ff.

[75] Vgl. v.a. Bergmann 1985 sowie desweiteren Schütze u.a. 1973, S. 436. Zum Begriff der ‘Natürlichkeit’ s. Teil I, Abschn. 3a.

[76] Vgl. insbes. die Arbeit der AG Bielefelder Soziologen (1976) mit dem Titel ‘Kommunikative Sozialforschung’ sowie Bohnsack 1993, S. 21 ff.; Korte & Schäfers 1995, S. 48 ff.; Lamnek 1995, Bd. 1, S. 23 f.; Schütze 1987, S. 526; Schütze u.a. 1973.

[77] Die Phase der Datenanalyse ist jene Phase innerhalb qualitativer Forschungsansätze, über deren Gestaltung die geringste Einigkeit besteht bzw. jene, die die geringste methodische Systematisierung erfahren hat. Die Diskussionen um interpretative Analyseprozeduren sozialwissenschaftlicher Daten sind einerseits in philosophisch - hermeneutischen und sprachwissenschaftlichen Traditionen sowie andererseits in gesellschaftstheoretischen Auseinandersetzungen (Struktur- vs. Handlungsparadigma) tief verwurzelt, so daß eine kurze Charakterisierung der Datenauswertung innerhalb qualitativer Ansätze unmöglich ist. Einführende Übersichten geben Bohnsack 1993; Flick 1995, Kap. 14-17; Heinze 1995, Kap. IV-VI; Lamnek 1995, Bd. 1, Kap. 4.7. u. Bd. 2. Richtlinien für eine Auswertung im Rahmen der Grounded Theory legt Strauss vor (vgl. Strauss 1994, v.a. Kap. 3. u. 4). Darstellungen mit forschungspraktischerem Bezug finden sich im Herausgeberband von Garz & Kraimer (1991b). Ausführlichere theoretische Grundlegungen interpretativer Analyseverfahren stellt Soeffner zusammen (Soeffner 1979).

[78] Bohnsack (1993) siedelt das Rekonstruktionsprinzip auf drei Ebenen an: auf einer methodischen, einer forschungspraktischen und einer methodologischen (vgl. ebd. S. 24 ff.). Erstere bezieht sich auf die Notwendigkeit, alltagsweltliche Konstruktionen zu re-konstruieren, Zweitere auf die Reflexion der eigenen Forschungspraxis zum Zwecke der Explikation von Verfahrensregeln und Letztere auf die Entwicklung einer ‘kommunikativen’ Methodologie durch die Rekonstruktion der Verstehens- oder Interpretationsprozesse im Alltag, die sich von jenen in den Sozialwissenschaften verwendeten nicht grundsätzlich unterscheiden, so „daß das kommunikative Handeln bzw. die darin implizierte Regelstruktur zur letzten Instanz der methodologischen Begründung wird (…)“ (ebd. S. 27). Vgl. desweiteren Heinze 1995, S. 12 ff.; Lamnek 1995, Bd. 1, Kap. 2.3.2. u. 4.7.; Schütze 1987, S. 542 f.

[79] Die Detailliertheit qualitativer Datenauswertungsverfahren ist bereits im offen und ‘natürlich’ gestalteten Forschungs- und Datenerhebungsprozeß angelegt, der - im Gegensatz zu standardisierten Verfahren - äußerst umfangreiches und heterogenes Datenmaterial hervorbringt. Darüber hinaus soll mit diesem Prinzip auf den Anspruch qualitativer Verfahren verwiesen werden, den Gegenstand zunächst möglichst explorativ / explikativ, ideografisch, holistisch (i.S.v. umfassend), kontextgebunden, in seiner Dynamik (vgl. Lamnek 1995, Bd. 1, Kap. 4.8.), multiperspektivisch (vgl. Flick 1995, S. 14 ff.) und gleichsam ‘von innen heraus’ (vgl. AG Bielefelder Soziologen 1976, S. 41) - kurz: (zunächst) als eigenständigen Fall (vgl. Flick 1995, S. 24; Strauss 1994, S. 12) - zu erfassen.

[80] Vgl. die Ausführungen zur Ethnomethodologie in Teil I, Abschn. 2b.

[81] Zur Diskussion der Begriffe ‘Sinn’ und ‘Rekonstruktion’ vgl. Resümee.

[82] Auf der Basis eines semiotischen Kulturbegriffs („Sie (die Kultur - Anm. v. mir) ist ein Kontext, in dem sie (Ereignisse, Verhaltensweisen, Institutionen und Prozesse - Anm. v. mir) verständlich - nämlich dicht - beschreibbar sind“ (Geertz 1983, S. 21)) faßt Geertz ‘dichte Beschreibung’ als „das Herausarbeiten von Bedeutungsstrukturen (…) und das Bestimmen ihrer gesellschaftlichen Grundlage und Tragweite“ (Geertz 1983, S. 15).

[83] „Interpretative Forschungverständnisse, so divergent sie theoretisch und methodologisch begründet und reflektiert sein mögen, betonen gegenüber konventionellen Verfahren die Rekonstruktion (typischer) subjektiver Erfahrungen und die Frage nach diesen inhärenten (latenten) Erfahrungsstrukturen“ (Honer 1994, S. 84). Auf die Nähe der Prozeduren ‘Beschreiben’, ‘Rekonstruieren’, ‘Verstehen’ und ‘Erklären’ innerhalb qualitativer Sozialforschung weist wiederum Honer hin: „‘Dichte Beschreibung’ im Sinne von Geertz meint ja, die Wissensstrukturen, die Deutungsschemata untersuchter Kultur - Felder (…) zu entdecken und herauszuarbeiten und somit einen Zugang zur Kultur, zum Wissensvorrat und zu den Habitualitäten der untersuchten Menschen zu gewinnen. ‘Dichte Beschreibung’ zielt Geertz zufolge darauf ab, ‘Erklärungen’ (in einem kulturellen Bereich) im Verhältnis zum Insgesamt dieses kulturellen Bereiches zu erklären“ (Honer 1994, S. 101). Und weiter: „Denn nochmals vereinfacht gesagt: Der Ethnograph versucht typischerweise, soziokulturelle Wirklichkeit aus der Perspektive derer, die sie konstruieren und zugleich in ihr leben, zu beschreiben und so das sinnhafte Handeln der Menschen zu verstehen“ (Honer 1994, Fußnote 18).

[84] Lüders & Reichertz differenzieren in ihrer Typologie hinsichtlich des Erklärungsanspruchs qualitativer Forschungsansätze solche, die a) „auf den Nachvollzug des subjektiv gemeinten Sinns“, b) auf eine „Deskription sozialen Handelns und sozialer Milieus“ und c) „auf die Deskription deutungs- und handlungsgenerierender Tiefenstrukturen“ zielen (Lüders & Reichertz 1986, S. 92 ff.).

[85] Der Rekonstruktionsbegriff vereinigt die in jeder qualitativen Sozialforschung involvierten Basisoperationen des Beschreibens, Verstehens und Erklärens dahingehend, daß die Rekonstruktion von Sinn sich auf eine bereits durch Verstehen geprägte Beschreibung kultureller Phänomene stützt, um dann anhand zunehmenden Verständnisses, Erklärungen zu entwickeln, die zunächst darauf hinauslaufen, das betreffende Phämomen verstanden zu haben. Erklärungen i.d.S. sind also dann geleistet, wenn die (subjektiven) Handlungsgründe bestimmt (vgl. Weber 1980 [1921]) bzw. alltagsweltliche ‘Erklärungen’ verstanden wurden (vgl. Honer 1994, S. 101). Der Rekonstruktionsbegriff läßt aber nun zunächst offen, was das, was rekonstuiert wurde, eigentlich sein soll bzw., wann von einer Rekonstruktion subjektiver Perspektiven und Handlungsgründe eigentlich überhaupt keine Rede mehr sein kann, weil vielmehr überindividuelle Strukturen und Bedingungen zur Erklärung aktuellen Handelns herangezogen wurden (s. Resümee).

[86] Die Bezeichnung ‘interpretatives Paradigma’ stammt von Thomas P. Wilson (1973), der damit zunächst weniger eine Methodologie als eine dem „normativen Paradigma“ (Wilson 1973, S. 55 ff.) entgegengesetzte Wirklichkeitsauffassung zu kennzeichnen beabsichtigte. Zum Begriff des ‘interpretativen Paradigmas’ vgl. desweiteren AG Bielefelder Soziologen 1976, S. 31 ff.; Giddens 1984 [1976]; Hauck 1988, S. 153 ff.; Heinze 1995, S. 15 ff.; Lamnek 1995, Bd. 1, Kap. 3.1.1.; Schütze 1987, S. 520; Treibel 1995, S. 107 ff.

[87] Als prototypisch für Ersteren wird häufig der zunächst handlungstheoretisch und später systemtheoretisch ausgerichtete Struktur - Funktionalismus Talcott Parsons’ und für Letzteren behaviouristische und methodologisch - individualistische Ansätze innerhalb der Psychologie und Soziologie genannt. Beispiele populärer Erklärungsmodelle sind im Falle des Struktur - Funktionalismus die Rollentheorie (allgemein dazu: Dahrendorf 1964; ein Anwendungsbeispiel gibt Tillmann 1995, Kap. 3), im Falle des Behaviourismus lerntheoretische Ansätze (vgl. Edelmann 1994, Kap. 3. u. 4.;) und im Falle des methodologischen Individualismus Spiel- und rational choice - Theorien (vgl. Korte & Schäfers 1995, Lektion III; AG Soziologie 1992, Kap. 5; Treibel 1995, Lektion V; Wiese 1991, S. 545 ff.).

[88] Vgl. Bohnsack 1993, S. 22 ff.; Flick 1995 Kap. 2.; Hauck 1988, S. 153; Lamnek 1995, Bd. 1, Kap. 3.2.; Treibel 1995, Lektion VI.

[89] Hier spielt die Zeitdimension eine besondere Rolle: Handeln verbindet Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges, indem mögliche Handlungsresultate (in der Zukunft) durch die reflexive Verwendung von vorhandenem Wissen (aus der Vergangenheit) im Hier und Jetzt (Gegenwart) antizipiert werden (vgl. Matthes & Schütze 1973, S. 29 f.).

[90] Vgl. Geulen 1989 [1977], Kap. 2.1.

[91] Zitiert bei Korte & Schäfers 1995, S. 18 ff.

[92] Diese Vorstellung schlug sich innerhalb der Soziologie in der Binäropposition ‘Individuum und Gesellschaft’ nieder und findet ihren Ausdruck v.a. in sozialisationstheoretischen Konzepten (bspw. die Meadsche Vorstellung eines ‘ I ’ und eines ‘ Me ’ bzw. eines ‘ generalized other’ (vgl. Teil I, Abschn. 2b)).

[93] Die philosophische Anthropologie (insbes. vertreten durch Arnold Gehlen und Helmut Plessner) verweist auf die philosophischen Wurzeln dieser Vorstellungen u.a. bei J.G. Herder (der Mensch als ‘Mängelwesen’) und F. Nietzsche (Der Mensch als ‘das nicht-festgestellte Tier’, ausgestattet mit einer enormen ‘Plastizität’) und spricht selbst von dem Menschen als „instinktverunsichert und -reduziert“ sowie von einer „Weltoffenheit“ des Menschen (vgl. Korte & Schäfers 1995, S. 20ff.).

[94] Vgl. Fußnote 87.

[95] Diese Lösung des Problems der sozialen Ordnung vertraten am populärsten Emile Durkheim und Talcott Parsons (vgl. Korte & Schäfers 1995, Lektion II.; Streeck 1987, S. 676).

[96] Weber betont ausdrücklich, daß mit Sinn, der „subjektiv gemeinte Sinn“ (Weber 1980 [1921], S. 1) und „nicht irgendein objektiv ‘richtiger’ oder ein metaphysisch ergründeter ‘wahrer’ Sinn“ (ebd.) bezeichnet werden soll.

[97] „Jede Deutung eines derart rational orientierten Zweckhandelns besitzt (…) das Höchstmaß von Evidenz“ (Weber 1980 [1921], S. 2.).

[98] „‘Erklären’ bedeutet also für eine mit dem Sinn des Handelns befaßte Wissenschaft soviel wie: Erfassung des Sinnzusammenhangs, in den, seinem subjektiven Sinn nach, ein aktuell verständliches Handeln hineingehört“ (Weber 1980 [1921], S. 4). Vgl. desweiteren Webers methodologische Ausführungen zu den Bedingungen der Möglichkeit, den Prozeß des Verstehens als sozialwissenschaftliche Methode kontrolliert einzusetzen.(Weber 1980 [1921] S. 1-11).

[99] Vgl. Schütz 1993 [1932], Kap. 1.1.

[100] Schütz unterscheidet zwischen subjektivem und objektivem Sinn: „Ich kann die Phänomene der äußeren Welt, welche sich mir als Anzeichen fremder Erlebnisse präsentieren, einmal an sich betrachten und deuten: dann sage ich von ihnen, sie hätten objektiven Sinn; aber ich kann auch durch sie auf den sich konsituierenden Prozeß im lebendigen Bewußtsein eines Vernunftswesens hinsehen, für welche eben diese Phänomene der äußeren Welt Anzeichen sind (subjektiver Sinn)“ (Schütz 1993 [1932], S. 48).

[101] Zur Weiterentwicklung einer ‘problemtheoretischen’ Sichtweise s. Teil I, Abschn. 3c.

[102] D.h. „in der ‘natürlichen Einstellung’ verliert der Mensch nicht den Glauben an die materielle und soziale Welt, sondern im Gegenteil den Zweifel daran, daß sie anders sein könnte, als sie erscheint. Das ist die ‘ époche der natürlichen Einstellung’“ (Giddens 1984 [1976], S. 32).

[103] „Insofern können wir von jeder Sinndeutung sagen, daß sie ‘ pragmatisch bedingt’ sei“ (Schütz 1993 [1932], S. 49) und d.h.: „Wir brechen vielmehr im täglichen Leben unsere Bemühungen um die Sinndeutung des Partners auf jener Klarheitsstufe ab, deren Erreichung durch unsere Interessenslage bedingt ist, oder mit anderen Worten, die für die Orientierung unseres Verhaltens gerade noch relevant ist“ (ebd.).

[104] Vgl. Teil I, Abschn. 2b.

[105] Vgl. Streeck 1987, S. 672.

[106] „Man braucht bei der Lösung dieses Problems (der Frage nach dem Wesen des Sinns - Anm. v. mir) nicht auf psychische Zustände zurückgreifen, da (…) das Wesen des Sinnes in der Struktur der gesellschaftlichen Handlung impliziert ist, in den Beziehungen zwischen den drei grundlegenden Komponenten: nämlich in der dreiseitigen Beziehung zwischen der Geste eines Individuums, einer Reaktion auf diese Geste durch ein zweites Individuum und der Vollendung der jeweiligen gesellschaftlichen Handlung, die durch die Geste des ersten Individuums eingeleitet wurde“ (Mead 1995 [1932], S. 121). Vgl. auch AG Bielefelder Soziologen 1976, S. 42 f.; Blumer 1973, S. 88 sowie AG Soziologie 1992, S. 57 f.

[107] Mead betont in diesem Zusammenhang insbesondere den Umstand, daß Menschen, die symbolisch handeln, nicht einfach sich verhalten oder auf etwas zuvor Gewesenes reagieren, sondern den Sinn ihrer Handlung und die Bedeutung der Symbole, die sie verwenden, auch selbst verstehen. Solche Symbole nennt er ‘signifikante Symbole’. Die Entwicklung von Sprache und damit eines symbolischen Systems ist für Mead die Voraussetzung für die Entstehung von ‘Geist’ (mind) (vgl. Mead, 1995 [1932], S. 86).

[108] Dies betonen insbesondere Vertreter hermeneutisch - wissenssoziologischer, semiologischer und symbolisch - interaktionistischer Ansätze, die menschliche Kultur als intersubjektiv - sinnstrukturierten Bedeutungskosmos begreifen, in dem Sinn sich nicht in subjektiven Bewußtseinsleistungen erschöpft (vgl. bspw. die zusammenfassende Darstellung in Graumann, Métraux & Schneider 1991; vgl. dazu auch die Ausführungen zu subjektivem und objektivem Sinn im Resümee).

[109] Was sich methodologisch im Problem des Fremdverstehens manifestiert.

[110] Die Abgrenzung eines sozialen Handelns vom Handeln illustriert Weber (u.a.) an folgendem Beispiel: „Wenn auf der Straße eine Menge Menschen beim Beginn eines Regens gleichzeitig den Regenschirm aufspannen, so ist (normalerweise) das Handeln des einen nicht an dem des anderen orientiert, sondern das Handeln aller gleichartig an dem Bedürfnis nach Schutz gegen Nässe“ (Weber, 1980 [1921], S. 11).

[111] Der ‘bedeutsame Andere’ ist nach Mead jener Interaktionspartner, der den Gesten des Handelnden Bedeutung verleiht, indem er sie in einer sinnvollen Art beantwortet, wogegen der ‘generalisierte Andere’ eine verallgemeinernde Vorstellung bezeichnet, die eine Person von den Erwartungen und Haltungen anderer besitzt. Dieses Bild von einem ‘generalisierten Anderen’ wird in der Interaktion mit ‘bedeutsamen Anderen’ erworben und verdichtet sich zu einem integrierten Bild von den Erwartungen ‘der Gesellschaft’ (vgl. Mead, 1995 [1932], S. 194 ff. sowie insbes. Kap. 20: ‘Spiel, Wettkampf und der (das) verallgemeinerte Andere’).

[112] S. auch Giddens, der die Kritik von Schütz an Webers Begriff des sozialen Handelns diskutiert (Giddens 1984 [1976], S. 33 ff.). Vgl. auch Matthes & Schütze 1973, S. 17 f.

[113] Dies zu bezweifeln, d.h. Betrachtungen von Einzelhandlungen im Sinne des Parsonsschen ‘ unit acts ’ (vgl. Parsons 1937) ihre Berechtigung abzusprechen, bedeutet umgekehrt, die immer schon interaktiv ausgerichtete Natur des Handelns nicht nur zu behaupten, sondern auch methodologisch in Rechnung zu stellen: Die gegenstandstheoretische Einsicht, daß einzelne Handlungen „immer schon in die Sequenzialität einer sozialen Praxis eingebunden [sind] und insofern immer Interaktionen dar[stellen]“ (Garz & Kraimer 1994a), findet ihre methodologische Umsetzung im Prinzip der Sequenz- und Kontextanalyse interpretativer Auswertungsmethodiken (vgl. Teil I, Abschn. 3b).

[114] Ob einem Verhalten ein ‘subjektiv gemeinter Sinn’ bzw. einem Handeln eine subjektiv gemeinte sinnhafte Orientierung am Verhalten anderer zugrundeliegt, läßt sich nicht beobachten bzw. ließe sich zunächst nur unter der Bedingung der Möglichkeit eines Zugangs zu den Bewußtseinsleistungen des Handelnden entscheiden. In diesem Zusammenhang formulieren Schütz & Luckmann das Postulat „des letztinstanzlichen Charakters des Handelnden bezüglich seines Handelns“ (Schütz & Luckmann 1994 [1979], S. 17), was bedeutet, „daß es sich beim Handeln um eine Bewußtseinsleistung und nicht um eine objektive Kategorie der natürlichen Welt handelt“ (ebd.).

[115] Hierauf weist Schütz in seiner Kritik an Webers Begriffen des „aktuellen“ und „motivationsmäßigen“ Verstehens (Weber1980 [1921], S. 3 f.) hin: „Es wurde behauptet, daß der gemeinte Sinn weder im schlichten Erhaschen von Sinn im täglichen Leben, noch im aktuellen oder motivationsmäßigen Verstehen erfaßt werden könne, daß nur die aktuelle Gegenständlichkeit des Handlungsablaufes ein ‘Anzeichen’ für das Vorhandensein von subjektivem Sinn sei, daß uns alle Sinnzusammenhänge nur als objektive vorgegeben seien“ (Schütz 1993 [1932], S. 41).

[116] Vgl. AG Bielefelder Soziologen 1973. Insbesondere wird diese Einsicht von Herbert Blumer in seinem programmatischen Artikel ‘Der methodologische Standort des symbolischen Interaktionismus’ betont: „Die erste Prämisse besagt, daß Menschen ‘Dingen’ gegenüber auf der Grundlage der Bedeutungen handeln, die diese Dinge für sie besitzen“ (Blumer 1973, S. 81).

[117] So wird weniger nach dem ‘warum’ als nach dem ‘wie’, weniger nach den Gründen und Motiven als nach dem Ablauf und den Mustern sozialen Handelns gefragt (vgl. Lamnek 1995, Bd. 1, S. 50; Treibel 1995, S. 109). Gleichzeitig ist damit eine Lösung des oben angeführten methodologischen Problems dahingehend angedeutet, daß eine Fokusverschiebung vom subjektiven zum inter - subjektiven Sinn im Gegenstandsbereich eine methodische Konzentration auf Prozesse interaktiver Sinnkonstitution rechtfertigt, denn „die gemeinsame Handlung [kann] als solche bestimmt werden, man kann über sie sprechen und mit ihr umgehen, ohne daß sie in die einzelnen Handlungen, die sie ausmachen, zerlegt werden müßte“ (Blumer 1973, S. 97). Gewonnen ist damit zunächst, daß nun nicht länger über Bewußtseinsleistungen spekuliert wird, sondern tatsächlich beobachtbare und fixierbare Prozesse (Interaktionen) zugrundegelegt werden. Welcher Art nun aber der Sinn ist, der innerhalb solcher Betrachtungen zutage gefördert wird, ist damit nicht gesagt (s. Resümee).

[118] Fokussiert Weber noch die einzelne Handlung als Analyseeinheit („Verstehen kann heißen: 1. das aktuelle Verstehen des gemeinten Sinns einer Handlung…“ (Weber 1980[1921], S. 3)), so betont Mead „die Notwendigkeit für die Sozialpsychologie, mit der Annahme eines ablaufenden gesellschaftlichen Erfahrungs- und Verhaltensprozesses zu beginnen, in den die jeweilige Gruppe von Menschen eingeschaltet ist und von dem das Bestehen und die Entwicklung des Geistes, der Identität und des Identitätsbewußtseins jedes Mitgliedes abhängt“ (Mead 1995 [1932], S. 121/22).

[119] Vgl. AG Bielefelder Soziologen 1976, S. 35 f.

Details

Seiten
160
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
1997
ISBN (eBook)
9783832431174
ISBN (Buch)
9783838631172
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v218823
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main – Gesellschaftswissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
interaktion gesprächsanalyse methodologie qualitative sozialforschung kommunikation

Autor

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Titel: Gesprächsanalytische Methodik am Beispiel einer außerschulischen, pädagogischen Interaktion