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Verwandlung des Menschen - Vergeistigung der Welt

Zu einer zentralen Denkfigur des Novalis

©1998 Magisterarbeit 213 Seiten

Zusammenfassung

Inhaltsangabe:Einleitung:
Die vorliegende Arbeit widmet sich der ganzheitlichen Philosophie des Novalis, in welcher dieser danach strebt, kraft seines magischen Idealismus alle noch so gegensätzlich erscheinenden Phänomene der menschlichen Natur zu einer Harmonie zu vereinigen. Diese Arbeit soll ihren Beitrag dazu leisten, die tiefsitzende Sehnsucht jener wahrheitsliebenden Menschen zu befriedigen, die sich bisher in dieser Welt von ihrer harmonischen geistigen Heimat getrennt fühlten und darunter litten.
Die Fragmente des Novalis bilden die Hauptgrundlage dieser Arbeit. In vorwiegend kurzen und wenigen Sätzen behandelt Novalis in ihnen mannigfaltige philosophische Gedanken. Was diese Fragmente so spannend macht, ist der lebendige Wechsel zwischen den Themen und den Perspektiven der Betrachtungsweise. In all ihrer Mannigfaltigkeit laufen sie alle auf einen gemeinsamen harmonischen Ursprung zu, der überall in den Fragmenten durchleuchtet. In einigen Fragmenten ist sich Novalis eines philosophischen Gedankens noch nicht völlig sicher, und der Leser wird Zeuge, wie er sich durch den Prozeß des Niederschreibens Klarheit zu verschaffen sucht. Dadurch regt er den Leser indirekt zur Selbsttätigkeit und zum Bilden einer eigenen Philosophie an: "Man studiert fremde Systeme um sein eignes System zu finden. Ein fremdes System ist der Reiz zu einem eignen." Die kurze Form der Fragmente macht ihre Schwierigkeit und dadurch ihren rätselhaften Reiz aus. Sie sind Zeugnis von der Beweglichkeit des Geistes von Novalis und seiner kindlich anmutenden Neugierde, jeder denkbaren und auch nicht-denkbaren Erscheinung auf den Grund zu gehen. Sie erscheinen wie bunt zusammengewürfelte Hieroglyphen, deren Zusammenhang oft nicht direkt erkennbar ist. Einigen seiner Fragmentsammlungen gab er poetisch klingende Überschriften wie z.B. "Blütenstaub." Und in der Tat erscheinen seine Fragmente wie einzelne Samenkörner, von denen einige im Geiste des Lesers auf fruchtbaren Boden fallen und zu ihrem Sinn erblühen. Novalis selbst schreibt über seine Fragmente: "Fragmente dieser Art sind literärische Sämereien. Es mag freilich manches taube Körnchen darunter sein - indes wenn nur einiges aufgeht." Weniger bescheiden, sondern jugendlich selbstbewußt und provokativ wendet er sich ein anderes Mal direkt an den Leser:
"Wer Fragmente dieser Art beim Worte halten will der mag ein ehrenfester Mann sein - nur soll er sich nicht für einen Dichter ausgeben. Muß man denn immer bedächtig […]

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis


Liedtke, Kai: Verwandlung des Menschen - Vergeistigung der Welt: Zu einer zentralen
Denkfigur des Novalis / Kai Liedtke.- Hamburg: Diplomarbeiten Agentur, 1999
Zugl.: Berlin, Univ., Magister., 1998
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tung für evtl. verbliebene fehlerhafte Angaben und deren Folgen.
Dipl. Kfm. Dipl. Hdl. Björn Bedey, Dipl. Wi.-Ing. Martin Haschke & Guido Meyer GbR
Diplomarbeiten Agentur, http://www.diplom.de, Hamburg 1999
Printed in Germany


Verwandlung des Menschen ­
Vergeistigung der Welt
Zu einer zentralen Denkfigur des Novalis
Magisterarbeit

2
INHALTSANGABE
EINFÜHRUNG
4
1.
DIE GOLDENE ZEIT - EINHEIT VON NATUR UND GEIST ... 8
1.1. Z
UM TRIADISCHEN
G
ESCHICHTSVERSTÄNDNIS DES
N
OVALIS
: D
AS
Z
USAMMENWIRKEN VON
V
ERGANGENHEIT
, Z
UKUNFT UND
G
EGENWART
... 11
1.2. D
IE GOLDENE
Z
EIT IM
J
ETZT
... 15
1.3. D
IE
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RÄGER DER GOLDENEN
Z
EIT
:
DAS
K
IND
,
DER
D
ICHTER
,
DIE
L
IEBENDEN
.. 16
1.4. D
IE
S
EHNSUCHT NACH DER GOLDENEN
Z
EIT
... 19
2.
AUFSPALTUNG DER EINHEIT VON NATUR UND GEIST ­
POLARITÄT ... 23
2.1. A
UFSPALTUNG IN
S
EIN UND
B
EWUßTSEIN
... 23
2.2. A
UFSPALTUNG IN
S
UBJEKT UND
O
BJEKT
­ I
CH UND
N
ICHT
-I
CH
... 29
3.
DIE ILLUSIONÄRE REALITÄTSVORSTELLUNG DES MENSCHEN . 39
3.1. S
CHWEBEN ZWISCHEN
P
OLEN
... 39
3.2. R
EALITÄT ALS
R
ESULTAT EINER GESELLSCHAFTLICHEN
V
EREINBARUNG
:
R
EPRÄSENTATION DURCH
S
YMBOLE
... 49
3.3. R
AUM
, K
ÖRPER UND
Z
EIT
... 59
4.
DIE NATUR DES MENSCHEN... 75
4.1. D
ER
M
ENSCH ALS OFFENBARTE
S
YNTHESE VON
H
IMMEL UND
E
RDE
... 77
4.2. D
IE
M
ENSCHENGESTALT ALS
H
IEROGLYPHE
­ Ü
BER DAS
A
USSEHEN DES
M
ENSCHEN
... 81
4.3. D
ER
M
ENSCH UNTER
M
ENSCHEN
: Ü
BER DAS
A
LLTAGSLEBEN DES
M
ENSCHEN
. 84
4.4. D
ER
Z
USAMMENHANG VON
K
ÖRPER
, S
EELE UND
G
EIST
... 88
4.5. K
RANKHEIT
­ S
IGNAL DER
S
EELE
... 95
4.6. S
PRACHE ALS
V
ERMITTLER ZWISCHEN
G
EIST UND
W
ELT
... 103
4.7. D
AS
V
ERHÄLTNIS
G
EIST
­ N
ATUR
... 114
4.8. D
AS
V
ERHÄLTNIS
M
ENSCH
- N
ATUR
... 116
5.
DIE VERWANDLUNG DES MENSCHEN... 122
5.1. D
AS
Z
IEL DES
M
ENSCHEN
: S
ELBSTBESTIMMUNG DURCH
S
ELBSTERKENNTNIS
122
5.2. R
OMANTISCHES
E
XPERIMENTIEREN IN DER
N
ATUR DES
M
ENSCHEN
... 125

3
5.2.1. Harmonisierung der verschiedenen Persönlichkeitsaspekte durch
Sittlichkeit: Selbstliebe = Menschenliebe... 125
5.2.2. Entleeren des Verstandes von polaren Resten... 130
5.2.3. Herrschaft über Körper und Sinne durch Ausbildung des Willens ... 134
5.2.4. Betrachtung von Geist und Natur ­ Innen und Außen in ihrem
wechselseitigen Verhältnis ... 140
5.3. D
ER VOLLKOMMENE
M
ENSCH
... 151
6.
VERSÖHNUNG DER GEGENSÄTZE... 155
6.1. V
ERSÖHNUNG VON
L
EBEN UND
T
OD
... 161
6.2. V
ERSÖHNUNG VON
G
UT UND
B
ÖSE
... 166
6.3. I
NTEGRATION DES
U
NBEWUßTEN
... 173
7.
DAS GANZE IN DER NATUR: ALLES IST EINS UND EINS IST
ALLES ... 177
7.1. D
ER
M
ENSCH ALS
E
BENBILD DES
U
NIVERSUMS
... 182
7.2. S
ELBSTDURCHDRINGUNG DES
G
EISTES
­
DIE
I
LLUSION DES
E
GO
... 185
7.3. D
IE DURCHSCHEINENDE GEISTIGE
W
IRKLICHKEIT IN DER
W
ELT
­ D
AS
,
WAS
IMMER SCHON IST
... 191
AUSBLICK
195
ANHANG
197
LITERATURVERZEICHNIS
204

4
EINFÜHRUNG
Die vorliegende Arbeit widmet sich der ganzheitlichen Philosophie des Novalis, in
welcher dieser danach strebt, kraft seines magischen Idealismus alle noch so gegen-
sätzlich erscheinenden Phänomene der menschlichen Natur zu einer Harmonie zu ver-
einigen. Diese Arbeit soll ihren Beitrag dazu leisten, die tiefsitzende Sehnsucht jener
wahrheitsliebenden Menschen zu befriedigen, die sich bisher in dieser Welt von ihrer
harmonischen geistigen Heimat getrennt fühlten und darunter litten.
Die Fragmente des Novalis bilden die Hauptgrundlage dieser Arbeit. In vorwiegend
kurzen und wenigen Sätzen behandelt Novalis in ihnen mannigfaltige philosophische
Gedanken. Was diese Fragmente so spannend macht, ist der lebendige Wechsel zwi-
schen den Themen und den Perspektiven der Betrachtungsweise. In all ihrer Mannig-
faltigkeit laufen sie alle auf einen gemeinsamen harmonischen Ursprung zu, der über-
all in den Fragmenten durchleuchtet. In einigen Fragmenten ist sich Novalis eines
philosophischen Gedankens noch nicht völlig sicher, und der Leser wird Zeuge, wie er
sich durch den Prozeß des Niederschreibens Klarheit zu verschaffen sucht. Dadurch
regt er den Leser indirekt zur Selbsttätigkeit und zum Bilden einer eigenen Philosophie
an: ,,Man studiert fremde Systeme um sein eignes System zu finden. Ein fremdes Sy-
stem ist der Reiz zu einem eignen."
1
Die kurze Form der Fragmente macht ihre
Schwierigkeit und dadurch ihren rätselhaften Reiz aus. Sie sind Zeugnis von der Be-
weglichkeit des Geistes von Novalis und seiner kindlich anmutenden Neugierde, jeder
denkbaren und auch nicht-denkbaren Erscheinung auf den Grund zu gehen. Sie er-
scheinen wie bunt zusammengewürfelte Hieroglyphen, deren Zusammenhang oft nicht
direkt erkennbar ist. Einigen seiner Fragmentsammlungen gab er poetisch klingende
Überschriften wie z.B. ,,Blütenstaub."
2
Und in der Tat erscheinen seine Fragmente wie
einzelne Samenkörner, von denen einige im Geiste des Lesers auf fruchtbaren Boden
fallen und zu ihrem Sinn erblühen. Novalis selbst schreibt über seine Fragmente:
,,Fragmente dieser Art sind literärische Sämereien. Es mag freilich manches taube
Körnchen darunter sein ­ indes wenn nur einiges aufgeht."
3
Weniger bescheiden, son-
1
Novalis: Aus dem <Allgemeinen Brouillon> 1798-1799, ersch. i.: Novalis Werke, hrsg. v. Gerhard
Schulz, Verlag C. H. Beck, München, Dritte Auflage, S.455.
2
Novalis: Blütenstaub 1797-1798, hrsg. v. G. Schulz, S.323ff.
3
Novalis: Blütenstaub 1797-1798, hrsg. v. G. Schulz, a.a.O., S.347f.

5
dern jugendlich selbstbewußt und provokativ wendet er sich ein anderes Mal direkt an
den Leser:
,,Wer Fragmente dieser Art beim Worte halten will der mag ein ehrenfester Mann sein
­ nur soll er sich nicht für einen Dichter ausgeben. Muß man denn immer bedächtig
sein? Wer zu alt zum Schwärmen ist, vermeide doch jugendliche Zusammenkünfte.
Jetzt sind literärische Saturnalien ­ je bunteres Leben, desto besser."
4
Die Fragmente erscheinen wie einzelne Mosaike, die untereinander in einer Wechsel-
beziehung stehen und aufeinander verweisen. Dies erschwert mitunter ihr Sortieren, da
sie alle ein komplexes Themengefüge beinhalten. Je tiefer der Leser in die Welt des
Novalis eintaucht, desto mehr erschließt sich ihm der größere Sinn, der die einzelnen
Mosaike zu einem ganzen Bild vereinigt. In der vorliegenden Arbeit werden die Frag-
mente nicht in der chronologischen Reihenfolge ihrer Entstehungsjahre betrachtet,
sondern vielmehr wird zwischen den Schaffensjahren des Novalis frei umher gewech-
selt, um so einen klaren Gesamtüberblick seiner Gedanken bieten zu können. Achtet
man auf die Entstehungsjahre der Fragmente, so stellt man fest, daß sie vor genau
zweihundert Jahren entstanden sind. Dabei haben sie heute nichts von ihrer Aktualität
verloren haben. In seinen Fragmenten greift Novalis bereits Theorien vorweg, die in
unserem Jahrhundert von Wissenschaftlern bewiesen wurden und als geistige Revolu-
tion betrachtet werden, so z.B. Einsteins Relativitätstheorie oder Erkenntnisse aus der
Quantenphysik.
5
Man tritt gewissermaßen eine Reise durch die Zeit an, um dann fest-
zustellen, daß in geistigen Sphären gar kein Zeitunterschied existiert, da alle Wahrheit
zeitlos ist und nur die Form ihres Ausdrucks verändert wird: ,,Alle Wahrheit ist uralt.
Der Reiz der Neuheit liegt nur in den Variationen des Ausdrucks."
6
In gewisser Weise kann die vorliegende Arbeit auch als eine Reise in das innere
Kernwesen des Menschen verstanden werden, denn man muß keinen Fuß vor die Tür
setzen, um eine Reise anzutreten: ,,Wir träumen von Reisen durch das Weltall ­ ist
denn das Weltall nicht in uns?"
7
Der Start dieser geistigen Reise beginnt in der golde-
nen Zeit, jener sagenhaften Heimat des Menschen, in der alles eine harmonische Ein-
heit bildete und keine gegensätzlichen Extreme existierten (1. Die goldene Zeit ­ Ein-
heit von Natur und Geist).Von dem Standpunkt ausgehend, daß die goldene Zeit im
4
Novalis: Blütenstaub 1797-1798, hrsg. v. G. Schulz, a.a.O., S.350ff.
5
vgl. Kap.3: Die illusionäre Realitätsvorstellung des Menschen, bzw. Kap.7: Das Ganze in der Natur:
Alles ist Eins und Eins ist Alles.
6
Novalis: Glauben und Liebe 1798. hrsg. v. G. Schulz, a.a.O., S.353.
7
Novalis: Blütenstaub 1797-1798, hrsg. v. G. Schulz, a.a.O., S.326.

6
Hier und Jetzt im Menschen selbst gesucht werden soll, führt die Reise zur Schöpfung
der ersten Menschen, die schon bald nach ihrer Erschaffung die Geborgenheit des Pa-
radieses verlieren. Dafür erhalten sie eine Welt, Bewußtsein und den freien Willen, ihr
Leben selbst bestimmen zu können. Dieses Kapitel führt zur schwierigsten Hürde der
Reise, nämlich zur Polarität, welche die Einheit des Paradieses in zahllose, scheinbar
gegensätzliche Extreme aufspaltet und dadurch den Menschen in irdische Konflikte
verstrickt (2. Aufspaltung der Einheit von Natur und Geist: Polarität). Danach wird
der Realitäts- sowie der Raum- und Zeitbegriff des Menschen einer gründlichen Prü-
fung unterzogen (3. Die illusionäre Realitätsvorstellung des Menschen). Im Anschluß
wird die Natur des Menschen betrachtet. Diese beinhaltet seine äußere Erscheinung,
sein soziales Rollenverhalten, den innigen Zusammenhang von Körper, Geist und
Seele, die Bedeutung der Krankheit, seine Sprache, das Verhältnis Geist-Natur und
schließlich das Verhältnis des Menschen zur Natur (4. Die Natur des Menschen). Nach
der theoretischen Betrachtung der Natur des Menschen geht es zum teilweise prakti-
schen Teil der Reise, in der die Einstellung des Menschen zur Wirklichkeit transfor-
miert werden soll. Da Novalis stets auf der Suche nach allgemeingültigen Aussagen
ist, bietet er dem Leser fruchtbare Formeln für Experimente in der Natur des Menschen
an, die jeder Leser individuell auf sich anwenden kann (5. Die Verwandlung des Men-
schen). Nach der Verwandlung des Menschen sieht der Leser vielleicht einige Dinge
klarer, so daß er die Gegensätze in sich versöhnen kann, die verantwortlich waren für
den Verdruß und die Verirrung des Menschen (6. Versöhnung der Gegensätze). Nach-
dem zuvor Einzelaspekte der menschlichen Natur untersucht wurden, soll im Schluß-
kapitel der Bogen der Reise geschlossen werden, indem aus der Perspektive des Mi-
krokosmos zum Makrokosmos gewechselt wird und das Ganze in der Natur betrachtet
wird (7. Das Ganze in der Natur: Alles ist Eins und Eins ist Alles). Dieses Kapitel hält
noch eine letzte Herausforderung an den Leser parat: die Selbstdurchdringung des Gei-
stes, die die Illusion des menschlichen Ego impliziert. Danach wird endgültig zur Lan-
dung der Reise angesetzt.
Ich wünsche dem Leser eine abenteuerliche, erkenntnisreiche Reise, die sie für mich
war und ist. Vergessen Sie nicht, sich gut anzuschnallen, da bei der Behandlung solch
eines Stoffes im inneren Kosmos unserer selbst stets mit Turbulenzen gerechnet wer-
den muß, die von den empörten Stürmen des logisch denkenden Verstandes herrühren
können.

7
Berlin im Dezember 1998

8
1. DIE GOLDENE ZEIT - EINHEIT VON NATUR UND GEIST
Wenn Novalis von der goldenen Zeit spricht, dann spricht er von jener paradiesischen
Heimat des Menschen, in welcher dieser warm eingebettet in der Natur lag und eins
mit ihr war. Der Geist des Menschen bildete eine Einheit mit der Natur. Der Mensch
betrachtete die Natur nicht als etwas außer ihm Stehendes, vielmehr bildeten Mensch
und Natur eine harmonische Einheit, in der das Wohlergehen des Einen das Wohlerge-
hen des Anderen natürlich bedingte.
Die goldene Zeit ist Symbol jenes paradiesischen Urzustands, in der es noch keine
Trennung von beobachtendem Subjekt und beobachtetem Objekt gab, Subjekt
Mensch und Objekt Natur waren identisch. Es herrschte noch keine Trennung der
Begriffe, da das Bewußtsein in sich selbst ruhte. Der noch nicht zu Bewußtsein er-
wachte Mensch verharrte wie ein Träumer integriert in die Einheit der Natur. Er war
sich seiner selbst noch nicht bewußt, sondern befand sich in einem reinen Sein.
Erst durch den Sündenfall und die Vertreibung aus dem Paradies erlangt der Mensch
im christlichen Mythos vom Sündenfall
8
Bewußtsein, und die Erkenntnis zwischen
Gut und Böse zu unterscheiden. Mit dem erwachendem Bewußtsein des Menschen,
das ihn zu einem Individuum erhebt, vollzieht sich die vermeintliche Trennung der
Welt in Beobachter Mensch und Beobachtetes Natur, die von da an sein Leben prägen
und bestimmen soll.
Die goldene Zeit dient Novalis als Allegorie für den Idealzustand der Harmonie von
Mensch und Natur, in welchem der Mensch in seinem Ursprung wohnt, d.h. er besitzt
noch kein Ego-Bewußtsein, sondern ist identisch mit der Natur. In der goldenen Zeit
herrscht eine Einheit von allen Gegensätzen wie z.B. Innen und Außen, da der Geist
des Menschen identisch mit der Natur ist. Der Mensch kann die Natur noch verstehen
und mit ihr reden:
,,Ich hörte einst von alten Zeiten reden; wie da die Tiere und Bäume und Felsen mit
den Menschen gesprochen hätten. Mir ist grade so, als wollten sie allaugenblicklich
anfangen, und als könnte ich es ihnen ansehen, was sie mir sagen wollten."
9
Aus der ganzheitlichen Philosophie des Novalis wird sein Streben deutlich, den Ge-
gensatz von Menschenwelt und Geisterwelt zu vereinigen. Dabei verwendet er die
8
Bibel: Erstes Buch Mose, 1.3., AT.
9
Novalis: Heinrich von Ofterdingen, hrsg. v. G. Schulz, a.a.O., S.130ff.

9
goldene Zeit als symbolisches Bild und Medium, durch das er seine verschiedenen
philosophischen synthetischen Gedanken und Vorstellungen entwickelt. So gelangt
Novalis als Dichter und als Philosoph mitunter zu verschiedenen Aussagen über die
goldene Zeit, die sich vordergründig betrachtet zunächst zu widersprechen scheinen.
Sie stehen jedoch als gleichwertige gültige Aussagen nebeneinander und betrachten die
goldene Zeit nur aus jeweils verschiedenen philosophischen Ansätzen und aus ver-
schiedenen Gemütsverfassungen heraus. Allen Zitaten ist gemeinsam, im Bild der gol-
denen Zeit die Einheit von Natur und Geist aufzuzeigen. Novalis betrachtet die golde-
ne Zeit weniger als historisches Ereignis in der Zeit, sondern als erreichbaren inneren
Zustand der Harmonie in der Gegenwart des Menschen:
,,Es können goldne Zeiten erscheinen ­ aber sie bringen nicht das Ende der Dinge ­
das Ziel des Menschen ist nicht die goldne Zeit ­ er soll ewig existieren und ein schö-
nes geordnetes Individuum sein und verharren ­ dies ist die Tendenz seiner Natur."
10
Im Gegensatz zur christlichen Heilsgeschichte, in der die goldene Zeit am Ende aller
Zeiten nach der Überwindung des Antichristen erwartet wird, betont Novalis vielmehr
die diesseitige Möglichkeit des Menschen, eine Harmonie in sich selbst herbeizufüh-
ren, die sich aus der vollkommenen Harmonie des menschlichen Geistes und der Natur
ergibt. In dieser Harmonie sind die Vorstellungen des Menschen von der Natur und
seine Wahrnehmung von ihr identisch, so daß eine Einheit des Menschen mit der Na-
tur hergestellt wird und der Mensch als ,,ein schönes geordnetes Individuum verharrt."
Der Mensch ist bei Novalis nicht dazu verdammt, bis zum Anbruch einer historischen
goldenen Zeit passiv zu warten, sondern in ihm selbst liegt der goldene Keim verbor-
gen und auch die Fähigkeit, ihn zum Wachstum zu bringen.
Die Idee eines goldenen Zeitalters ist so alt wie die Geschichtsüberlieferung der Men-
schen selbst und ,,ist im Sagengut fast aller Völker und Kulturkreise verankert." In
Griechenland wurde sie zuerst schriftlich dokumentiert:
,,Ihr erstes Auftauchen im griechischen Altertum, dort, wo die literarische Überliefe-
rung mit Hesiod (ca. 8.-6. Jh. v. Chr.) beginnt, deutet auf wesentlich ältere, volkstüm-
lich verbreitete Mythen und Märchenberichte zurück, die sich mit verwandten Vor-
stellungen im gesamten indogermanischen Sprachgebiet berühren; der Glaube an eine
10
Novalis: Fragmente und Studien bis 1797, hrsg. v. G. Schulz, a.a.O., S.312.

10
paradiesische Urzeit ist überdies im Sagengut fast aller Völker und Kulturkreise ver-
ankert."
11
Über die Verbreitung der goldenen Zeit seit Hesiod und ihre Motive schreibt Hans-
Joachim Mähl:
,,Es ist der Mythos, der von hier aus seinen Weg durch die Epochen der abendländi-
schen Geistesgeschichte antritt, dessen einzelne Züge und Bildmotive immer wieder
aufgenommen, abgewandelt, erweitert und ausgeschmückt werden: Das Motiv des
ewigen Friedens, in welchem es weder Streit noch Krieg gab, der ewigen Jugend, wel-
che die Menschen vor Krankheit und Alter bewahrte, des unbekannten Todes, welcher
die Menschen sanft wie im Schlafe überkam, der mütterlich schenkenden Erde, welche
freiwillig ihre Früchte und Blumen darbrachte, der Nähe der Götter, welche die Men-
schen liebten und mit ihnen verkehrten. Später treten noch die traditionellen Motive
des ewigen Frühlings, in welchem die Unterschiede der Jahreszeiten aufgehoben sind,
der Natursprache, welche Menschen, Tiere und Pflanzen miteinander verband, sowie
der Gerechtigkeit ohne Gesetz und Zwang hinzu, welche die Menschen des goldenen
Zeitalters vereinte, da ihnen das Recht ins Herz geschrieben war. Diese Bilder enthal-
ten im Keim alles, was das utopische Denken und Dichten der Folgezeit in uner-
schöpflichen Variationen entfaltet hat; es sind die gleichen mythischen Vorstellungen,
die Hemsterhuis im 18. Jahrhundert unter ausdrücklichem Hinweis auf Hesiod erneu-
ern und in ihrem tieferen Wahrheitsgehalt erweisen will, die Shaftesbury aufnimmt
und die vor allem in die Dichtung der deutschen Klassik und Romantik eingehen: Ein
goldenes Zeitalter der kindlichen Menschheit, das man weniger als mythologische
Umschreibung einer prähistorischen Entwicklungsstufe denn als Urbild menschlicher
Sehnsucht, als zeitlos-gegenwärtiges Ideal einer durch Verstandesreflektion zerfalle-
nen Wirklichkeit gegenüber begreift."
12
Die goldene Zeit ist also weniger als historische Tatsache in Zeit und Raum zu verste-
hen, sondern vielmehr als tief im Menschen enthaltenes ,,Urbild menschlicher Sehn-
sucht". Sie ist das Vorbild zu einer Idealwelt, in der alle Sehnsüchte des Menschen
erfüllt sind. Der Wunsch des Menschen nach einer goldenen Zeit wird stets bedingt
von einer unbefriedigenden disharmonischen Gegenwart, die Anlaß für die Rückbesin-
nung zur goldenen Zeit ist.
11
Mähl, Hans-Joachim: Die Idee des goldenen Zeitalters im Werk des Novalis,
Carl Winter Universitätsverlag, Heidelberg 1965, S.11.
12
Mähl, Hans-Joachim, a.a.O., S.13ff.

11
Im Laufe durch die Jahrhunderte verändert sich das Verständnis der goldenen Zeit im
Bewußtsein der verschiedenen Gesellschaften und Völker. Im Geschichtsbewußtsein
des Mittelalters zum Beispiel wird die goldene Zeit als historisches Faktum betrachtet.
Als sagenhafte Vorzeit im Bild des Paradieses erscheint sie zu Beginn der Schöpfung,
und kehrt - nach Überwindung des Antichristen im Diesseits - als Heilserwartung im
Jenseits wieder. Während der mittelalterliche Mensch die goldene Zeit im Jenseits als
Erlösung von irdischer Pein erwartet, richtet sich in der Renaissance das Augenmerk
des Menschen auf die Erfüllung irdischen Glücks in der Gegenwart des Diesseits, und
man läßt frühere Kulturformen wiederaufleben, besonders die Antike. Die Veränder-
lichkeit und Relativität des menschlichen Verständnisses der goldenen Zeit wird of-
fenbar, wenn man sieht, wie im Laufe der Geschichte jede Epoche ihre eigene Idee von
der goldenen Zeit entwirft. Bei den verschiedenen Betrachtungsweisen der goldenen
Zeit handelt es sich stets um Glaubensvorstellungen, um eine Idee der goldenen Zeit,
die von den Menschen in ihrem jeweiligen gesellschaftlichen Stadium und Zeitkontext
entworfen werden und die auf ihr Lebensgefühl zurückwirken. Das Verständnis des
Menschen von der goldenen Zeit ist im Laufe der Geschichte also der ständigen Ver-
änderung unterworfen und liefert an Informationen eher ein Spiegelbild der jeweiligen
gesellschaftlichen Idee von der goldenen Zeit, als bis zum eigentlichen ursprünglichen
Wesen der goldenen Zeit vorzudringen, welches außerhalb der dualistisch geprägten
menschlichen Begriffswelt liegt. Eins haben jedoch alle Betrachtungsweisen der ver-
schiedenen Epochen gemeinsam: die Idee der goldenen Zeit als paradiesischer Zustand
der Einheit und Harmonie, in der alle Gegensätze aufgehoben sind.
1.1. Zum triadischen Geschichtsverständnis des Novalis:
Das Zusammenwirken von Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart
Das Geschichtsverständnis des Novalis ist kein getrenntes Betrachten von Vergangen-
heit, Gegenwart und Zukunft, sondern die Zeitebenen erscheinen ihm ineinander ver-
woben und sich wechselseitig bedingend und beeinflussend. So beschreibt Novalis
einerseits die goldene Zeit als sagenhafte Vorzeit, die gleichzeitig am Horizont der
Zukunft dem Menschen entgegenstrahlt und auch jederzeit in der Gegenwart aufblitzen

12
kann. Vorzeit und Zukunft, Erinnerung und Ahndung treffen sich bei Novalis im
Brennpunkt der Gegenwart, im Jetzt. Der Mensch ,,steht in Verhältnissen mit Zukunft
und Vorzeit": ,,Wir stehn in Verhältnissen mit allen Teilen des Universums ­ sowie
mit Zukunft und Vorzeit."
13
Wenn die goldene Zeit als Urheimat bezeichnet wird, so wird man zuerst in der
menschlich gängigen Vorstellung von einer linear ablaufenden Zeit denken, in der je-
des Ereignis nach dem anderen passiert, und die goldene Zeit am Anfang der Schöp-
fung steht. Das Wort Ursprung ist selbst von Zeitkonventionen, von dem Glauben an
Anfang und Ende, geprägt. Anfang und Ende sind Effekte, die für uns Menschen Tat-
sachen zu sein scheinen. Im Grunde repräsentieren sie aber lediglich Anfang und Ende,
d.h. die Begrenzung unseres eigenen Aufmerksamkeits-spektrums. Der Zustand der
goldenen Zeit übersteigt die logische Verstandeskapazität des Menschen, der stets in
dualistisch geprägten Begriffen wie ,nah und fern`, ,hier und dort`, ,früher und heute`,
denkt. In der goldenen Zeit existiert kein Raum und keine Zeit, vielmehr ist sie Quelle
und Ursprung von Raum und Zeit. Aus ihr geht die Welt der Erscheinungen hervor. Es
gilt also bei der Behandlung der goldenen Zeit, nicht in Kategorien wie Zeit und Raum
zu denken, sondern die Aufmerksamkeit vielmehr auf deren Ursprung zu lenken.
Die goldene Zeit offenbart sich bei Novalis in wechselnden Vorstellungsebenen. Mal
sieht er sie im alten Sagenreich des Orients, bald in der orphischen Sagenwelt, bald im
Mittelalter oder in der Antike, wobei all diesen Variationen der goldenen Zeit die ge-
meinsame Vorstellung zugrunde liegt: der Mensch eingebettet im Schoß der Natur, die
Verwebung der Götterwelt mit der Menschenwelt, die Einheit von Natur und Geist,
von Außen und Innen. In seinem Naturroman ,,Die Lehrlinge zu Sais" beschreibt No-
valis die goldene Zeit als jene urharmonische Zeit zwischen Mensch und Natur, ,,in
der sie den Menschen Freundin, Trösterin, Priesterin und Wundertäterin war, als sie
unter ihnen wohnte und ein himmlischer Umgang die Menschen zu Unsterblichen
machte."
14
Die Natur erscheint in der goldenen Zeit dem Menschen als Teil seines
Selbst, darum ist sie ihm auch ,,Freundin" und ,,Wohltäterin" und wird zu einem per-
sonifizierten Du. In dem Romanfragment ,,Heinrich von Ofterdingen" von Novalis
sagt der Vater zu seinem Sohn über die goldene Zeit:
,,In dem Alter der Welt, wo wir leben, findet der unmittelbare Verkehr mit dem Him-
mel nicht mehr statt. Die alten Geschichten und Schriften sind jetzt die einzigen Quel-
13
Novalis: Blütenstaub 1797-1798, hrsg. v. G. Schulz, a.a.O., S.345.

13
len, durch die uns eine Kenntnis von der überirdischen Welt, soweit wir sie nötig ha-
ben, zuteil wird..."
15
Die goldene Zeit schimmert als sagenumwobener goldener Urzustand in den Moment
der Gegenwart hinein in Form von Geschichten und Legenden. Die goldene Zeit kann
auch jederzeit im Geist des eingeweihten Menschen aufblitzen, der in sich die Harmo-
nie von Natur und Geist spürt und der noch offen ist zu staunen:
,,Sanft und groß ist der Vorzeit Gang: Ein heiliger Schleier deckt sie für den Unge-
weihten aber dessen Seele das Schicksal aus dem sanften Rieseln des Quell erschuf,
sieht sie in göttlicher Schöne mit dem magischen Spiegel."
16
So wie die goldene Zeit aus einer sagenhaften Vorzeit in die Gegenwart schimmert, so
erscheint sie gleichfalls als Versprechen an den Menschen am Horizont der Zukunft:
Sie steht am Anfang der Geschichte als Urgrund und am Ende aller Zeiten als Ziel.
Somit kann man sie als den goldenen, paradiesischen Rahmen bezeichnen, aus dem die
Menschheit hervorgeht und der sie umschließt.
Im Romanfragment ,,Heinrich von Ofterdingen" ist von einem Gesang die Rede, der
die goldene Zeit beschreibt:
,,Er handelte von dem Ursprunge der Welt, von der Entstehung der Gestirne, der
Pflanzen, Tiere und Menschen, von der allmächtigen Sympathie der Natur, von der
uralten goldenen Zeit und ihren Beherrscherinnen, der Liebe und Poesie, von der Er-
scheinung des Hasses und der Barbarei und ihren Kämpfen mit jenen wohltätigen
Göttinnen, und endlich von dem zukünftigen Triumph der letztern, dem Ende der
Trübsale, der Verjüngung der Natur und der Wiederkehr eines ewigen goldenen Zeit-
alters."
17
In diesem Fragment läßt sich die triadische Geschichtsauffassung des Novalis erken-
nen, die prägend ist für sein Werk. Die goldene Zeit erscheint als Vorzeit, die nach der
dualistischen Phase des Kampfes und der Auseinandersetzung in der Zukunft wieder-
kehrt. Bei Novalis setzt sich die gegenwärtige Geschichte aus allen Zeitebenen zu-
sammen - Vorzeit, Gegenwart und Zukunft. Entgegen der verbreiteten Vorstellung
einer linear ablaufenden Zeit, die eine separate Betrachtung der Zeitebenen impliziert,
betrachtet Novalis die Zeitebenen eher als einen Organismus, der durch das Ineinan-
dergreifen und Zusammenspiel aller drei Zeitebenen lebt. Die goldene Zeit ist weder
14
Novalis: Die Lehrlinge zu Sais, hrsg. v. G. Schulz, a.a.O., S.103.
15
Novalis: Heinrich von Ofterdingen, hrsg. v. G. Schulz, a.a.O., S.133.
16
Novalis: Fragmente und Studien bis 1797, hrsg. v .G. Schulz, a.a.O., S.293.

14
an Zeit noch an einen bestimmten Raum gebunden, da sie vielmehr deren Quelle dar-
stellt. Sie kann überall und jederzeit wiederkehren. Die drei Zeitbegriffe sind nicht
getrennt zu betrachten, da die Existenz der einen Zeitebene die andere bedingt. Die
Zukunft für sich allein betrachtet ergibt genauso wenig Sinn, wie die Vergangenheit
allein betrachtet: Zukunft von was, von wem? Bei der Betrachtung der Zukunft oder
der Vergangenheit befindet sich der Betrachter stets im Augenblick der Gegenwart.
Vergangenheit und Zukunft stehen also immer im Zusammenhang mit der Gegenwart
und können ohne sie nicht sein. Die Zeitebenen stehen in einem abhängigen Wechsel-
verhältnis. Novalis unterscheidet sich mit dieser Geschichtsauffassung des Zusam-
menwirkens von Vergangenheit und Zukunft von der Aufklärung, in der die Gegen-
wart als höchste menschliche Entwicklungsstufe angesehen wird. In der Aufklärung
wird die Geschichte als ein linear ablaufender Prozeß betrachtet, der eine ständige
Aufwärts-entwicklung darstellt, wobei das Vergangene als überwundene Kindheitsstu-
fe abgewertet wird. Für Novalis liegt der Gang der Geschichte eher zwischen dem gol-
denen Urzustand des Menschen, der noch im Einklang der Natur- und Geisterwelt lebt,
und jenem herbeigesehnten Endzustand des Menschen, der goldenen Zeit, welche die
verlorene Unschuld und Einheit auf höherer Ebene wiederbringt und die Schranken der
Zeit aufhebt.
18
Hans-Joachim Mähl schreibt dazu:
,,Aber während für die Aufklärung die Gegenwart als höchste Entwicklungsstufe der
mensch-lichen Vernunft die zurückgelegten Stadien der ,Unmündigkeit` preisgibt,
sieht Novalis in ihr gerade das Ineinanderwirken von Vergangenheit und Zukunft, ,die
geheime Verkettung des Ehemaligen und Künftigen`, so daß ihm das Geschichtsbe-
wußtsein von ,Hoffnung und Erinnerung` bewegt zu sein scheint (I,162)."
19
Novalis beschreibt, wie die ,,gewöhnliche Gegenwart" Erinnerung und Ahndung
,,durch Beschränkung verknüpft", d.h. Vergangenheit und Zukunft werden im Alltag
getrennt betrachtet und durch die Gegenwart verbunden:
,,Nichts ist poetischer, als Erinnerung und Ahndung, oder Vorstellung der Zukunft.
Die gewöhnliche Gegenwart verknüpft beide durch Beschränkung ­ es entsteht Konti-
guität, durch Erstarrung ­ Kristallisation. Es gibt aber eine geistige Gegenwart ­ die
17
Novalis: Heinrich von Ofterdingen, hrsg. v. G. Schulz, a.a.O., S.162.
18
vgl. Mähl, Hans-Joachim, a.a.O., S.305.
19
Mähl, Hans-Joachim, a.a.O., S. 305.

15
beide durch Auflösung identifiziert ­ und diese Mischung ist das Element des Dich-
ters."
20
In der geistigen Gegenwart werden Vergangenheit und Zukunft ,,durch Auflösung
identifiziert", in ihr verschmelzen Vergangenheit und Zukunft zum allumfassenden
Augenblicks im Hier und Jetzt, in dem alle Zeit aufgehoben ist.
1.2. Die goldene Zeit im Jetzt
,,Das Paradies ist gleichsam über die ganze Erde verstreut und daher so unkenntlich
etc. geworden ­ seine zerstreuten Züge sollen vereinigt - sein Skelett soll ausgefüllt
werden. Regeneration des Paradieses."
21
Aus diesem Zitat von Novalis geht hervor, daß das Paradies nicht als ein utopischer
Ort im Jenseits zu verstehen ist, zu dem der Mensch strebt, sondern daß das Paradies
,,über die ganze Erde verstreut und daher so unkenntlich geworden ist." Die ursprüng-
liche Einheit von Mensch und Paradies liegt in ,,zerstreuten Zügen". Es folgt die For-
derung an den Menschen, die ,,zerstreuten Züge" wieder zu vereinigen und das ,,Ske-
lett" des Paradieses auszufüllen. Im Menschen selbst liegt das Potential, die goldene
Zeit wieder aufleben zu lassen. Das Paradies erscheint nicht als ein fiktiver unerreich-
barer Ort, sondern durchscheint den menschlichen Geist. Die goldene Zeit ist als reali-
sierbarer Anteil im Menschen lebendig und ist primär als ein geistiger Zustand zu ver-
stehen. Dies betont Novalis auch im folgenden Zitat:
,,Der jüngste Tag wird kein einzelner Tag, sondern nichts, als diejenige Periode sein ­
die man auch das tausendjährige Reich nennt. Jeder Mensch kann seinen jüngsten Tag
durch Sittlichkeit herbeirufen. Unter uns währt das tausendjährige Reich beständig."
22
Als Vorbedingung zur Wiederkehr der goldenen Zeit bedarf es der Verwandlung des
Menschen, d.h. der geistigen Vervollkommnung, die durch Ausbildung seiner Ver-
nunft und Sittlichkeit herbeigeführt wird: ,,Träume der Zukunft ­ ist ein tausendjähri-
ges Reich möglich ­ werden einst alle Laster exulieren ? Wenn die Erziehung zur Ver-
20
Novalis: Blütenstaub 1797-1798, hrsg. v. G. Schulz, a.a.O., S.352.
21
Novalis: Aus dem <Allgemeinen Brouillon> 1798-1799, hrsg. v. G. Schulz, a.a.O., S.492ff.
22
Novalis: Naturwissenschaftliche Studien 1798-1799, hrsg. v. G. Schulz, a.a.O., S.432.

16
nunft vollendet sein wird."
23
Um die goldene Zeit als harmonischen Zustand wieder-
zuerlangen, muß sich der Mensch der Einheit von Geist und Natur wieder bewußt
werden und die Welt vergeistigen bzw. ,,romantisieren", wie es Novalis auch aus-
drückt:
,,Die Welt muß romantisiert werden. So findet man den ursprünglichen Sinn wieder.
Romantisieren ist nichts, als eine qualitative Potenzierung. Das niedere Selbst wird mit
einem bessern Selbst in dieser Operation identifiziert. ... Diese Operation ist noch ganz
unbekannt. Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein ge-
heimnisvolles Aussehn, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem endlichen
einen unendlichen Schein gebe so romantisiere ich es ­ Umgekehrt ist die Operation
für das Höhere, Unbekannte, Mystische, Unendliche ­ dies wird durch diese Verknüp-
fung logarithmisiert ­ es bekommt einen geläufigen Ausdruck. Romantische Philoso-
phie... Wechselerhöhung und Erniedrigung."
24
,,Romantisieren" ist eine harmonisierende Betrachtungsweise, in der ,,das niedere
Selbst mit einem bessern Selbst identifiziert wird", so daß der ursprüngliche Sinn wie-
dergefunden wird. Indem der Mensch ,,dem Endlichen einen unendlichen Schein" gibt,
verändert er seine Einstellung zu dem ,,Endlichen" und erhebt es. In dieser ,,Operati-
on" läßt der Mensch seine gewohnte Betrachtungsweise einer Sache fallen und ändert
seine Einstellung zu ihr: er erhebt oder erniedrigt die Sache. So wird der ­ von den
menschlichen polaren Glaubensvorstellungen verdeckte ­ ursprüngliche Sinn wieder
offenbar, und die Einheit von Geist und Natur kehrt in das Bewußtsein des Menschen
zurück. Dadurch wird die gestörte Einheit der Dinge wiederhergestellt.
1.3. Die Träger der goldenen Zeit: das Kind, der Dichter, die Liebenden
,,Wo Kinder sind, da ist ein goldnes Zeitalter."
25
Das Kind ist bei Novalis Träger der
goldenen Zeit, da in ihm die Versöhnung der geschlechtlichen Gegensätze zum Aus-
druck kommt. Zudem ist das Kind in seiner Unerfahrenheit und Unschuld noch näher
mit seinem Ursprung verbunden. Der Bezug des goldenen Zeitalters auf die Phase der
23
Novalis: Fragmente und Studien 1797, hrsg. v. G. Schulz, a.a.O., S.313.
24
Novalis: Fragmente und Studien 1797-1798, hrsg. v. G. Schulz, a.a.O., S.384ff.
25
Novalis: Vermischte Bemerkungen 1797-1798, hrsg. v. G. Schulz, a.a.O., S.346.

17
Kindheit als Ureinheit des Menschen mit dem Kosmos ist eine antike Idee, die in der
Romantik vertieft wurde. Der ursprüngliche Zustand des Menschen wird dabei als
Kindheitsepoche angesehen, die Wiederherstellung dieses Zustandes als eine zweite,
höhere Kindheit, und schließlich der Trieb nach der verlorenen Einheit im Menschen
als eine Sehnsucht nach der eigenen Kindheit, nach Mutterliebe und Geborgenheit.
Das Kind verkörpert den sichtbar gewordenen Keim der Liebe von Mann und Frau,
deren geschlechtlichen Gegensätze durch das Kind vereinigt werden. Somit ist das
Kind, als offenbarte Versöhnung der Gegensätze Mann und Frau, Träger der goldenen
Zeit.
Weiterer Träger und Bote der goldenen Zeit ist der Dichter, denn ­ so Novalis:
,,...Am hellsten ist in Gedichten der Naturgeist erschienen. Wenn man echte Gedichte
liest und hört, so fühlt man einen innern Verstand der Natur sich bewegen, und
schwebt, wie der himmlische Leib derselben, in ihr und über ihr zugleich."
26
Der Dichter empfindet die Natur als ein allumfassendes Lebewesen, als äußere Offen-
barung des inneren Reichs des Menschen. Er begreift, daß nichts außerhalb von ihm
existiert, was nicht auch in seinem Inneren ist. Durch seine Sympathie zur Natur öffnet
sich diese ihm. Der Dichter ist imstande, die Kluft zwischen Innen- und Außenwelt,
zwischen menschlicher Sinnenwelt und Geisterwelt, zu überbrücken, indem er sich mit
der Natur identifiziert. Er betrachtet die Natur als Ausdruck seines Geistes und spürt
die innige Verbindung mit ihr. Indem er die Natur nicht als etwas von ihm Getrenntes
ansieht, kann er die Natur in ein antwortendes Du verwandeln:
,,Nur die Dichter haben es gefühlt, was die Natur dem Menschen sein kann... Alles
finden sie in der Natur. Ihnen allein bleibt die Seele derselben nicht fremd, und sie
suchen in ihrem Umgang alle Seligkeiten der goldenen Zeit nicht umsonst... Wird
nicht der Fels ein eigentümliches Du, eben wenn ich ihn anrede? Und was bin ich an-
ders als der Strom, wenn ich wehmütig in seine Wellen hinabschaue, und die Gedan-
ken in seinem Gleiten verliere?"
27
Der Dichter erkennt, daß die mannigfaltigen Naturerscheinungen Ausdrucksformen
des menschlichen Geistes sind, da die Natur und der Mensch integrale Hälften sind.
,,Der echte Dichter ist allwissend ­ er ist eine wirkliche Welt im kleinen."
28
Als ge-
ordnetes, harmonisches Individuum bildet er den Mikrokosmos, d.h. er spiegelt in sich
26
Novalis: Die Lehrlinge zu Sais, hrsg. v. G. Schulz, a.a.O., S.100.
27
Novalis: Die Lehrlinge zu Sais, hrsg. v. G. Schulz, a.a.O., S.117.
28
Novalis: Fragmente und Studien 1797-1798, hrsg. v. G. Schulz, a.a.O., S.401.

18
das All durch die Vereinigung mit der Natur. Der Dichter bedient sich des Mediums
der Sprache, mit der er Wort- und Klangbilder erschafft, die das innerste Verständnis
der goldenen Zeit im Menschen berühren. Er ahnt
die ursprüngliche Einheit von
Mensch und Natur, von der sichtbaren und der unsichtbaren Welt. Durch sein Gespür
für das musikalische Wesen der Sprache und durch seine harmonische Kombination
der Wörter vermag der Dichter im Menschen Gefühle, Zustände und neue Realitäten
wachzurufen. Er nimmt den Leser mit auf eine innere Reise, in der die Grenzen von
Raum und Zeit überwunden werden:
,,Dagegen ist von der Dichtkunst sonst nirgends äußerlich etwas anzutreffen. Auch
schafft sie nichts mit Werkzeugen und Händen; das Auge und das Ohr vernehmen
nichts davon: denn das bloße Hören der Worte ist nicht die eigentliche Wirkung dieser
geheimen Kunst. Es ist alles innerlich, und wie jene Künstler die äußern Sinne mit
angenehmen Empfindungen erfüllen, so erfüllt der Dichter das inwendige Heiligtum
des Gemüts mit neuen, wunderbaren und gefälligen Gedanken. Er weiß jene geheimen
Kräfte in uns nach Belieben zu erregen, und gibt uns durch Worte eine unbekannte
herrliche Welt zu vernehmen. Wie aus tiefen Höhlen steigen alte und künftige Zeiten,
unzählige Menschen, wunderbare Gegenden, und die seltsamsten Begebenheiten in
uns herauf, und entreißen uns der bekannten Gegenwart. Man hört fremde Worte und
weiß doch, was sie bedeuten sollen. Eine magische Gewalt üben die Sprüche des
Dichters aus; auch die gewöhnlichen Worte kommen in reizenden Klängen vor, und
berauschen die festgebannten Zuhörer."
29
Der Dichter vermag kraft der Poesie das Gemüt des Lesers oder Zuhörers zu erfüllen
und ihn durch Zeit und Raum ,,der bekannten Gegenwart zu entreißen." Durch die
Einheit seines Geistes mit der Natur vermag er in der sichtbaren Welt die unsichtbare
Welt zu offenbaren. Dem Dichter kommt bei Novalis die Rolle eines Sehers zu, der die
goldene Zeit in der sichtbaren Welt ahnt und in Verbindung mit ihr steht. Er ist Mittler
zwischen der Geister- und Sinnenwelt und Träger des Keimes der goldenen Zeit.
Neben dem Kind und dem Dichter sind bei Novalis die Liebenden Träger und Mittler
der goldenen Zeit:
,,Durch frommes Betragen suchen sie nur Liebe zu gewinnen, nur Liebe mitzuteilen,
unbekümmert um das große Schauspiel der Kräfte, ruhig ihrem Schicksale in diesem
Reiche der Macht ergeben ... Was brauchen diese glücklichen Seelen zu wissen, die
29
Novalis: Heinrich von Ofterdingen, hrsg. v. G. Schulz, a.a.O., S.146.

19
das beste Teil erwählt haben, und als reine Flammen der Liebe in dieser irdischen Welt
nur auf den Spitzen der Tempel oder auf umhergetriebenen Schiffen, als Zeichen des
überströmenden himmlischen Feuers lodern? ... Ihren Tritten folgt der Forscher, um
jedes Kleinod zu sammeln, was sie in ihrer Unschuld und Freude haben fallen lassen,
ihrer Liebe huldigt der mitfühlende Dichter und sucht durch seine Gesänge diese Lie-
be, diesen Keim des goldnen Alters, in andre Zeiten und Länder zu verpflanzen."
30
In den Liebenden ist die goldene Zeit als ,,Keim" der Liebe verinnerlicht. Die Liebe
als vereinende Urkraft trägt die Liebenden über die begrenzte Welt hinweg und hebt
den geschlechtlichen Dualismus in der Verschmelzung der liebenden Seelen auf. Die
ursprüngliche Einheit von Mensch und Natur wird wieder hergestellt, indem der
Mensch ,,in liebender Hingabe zum lebendig-beseelten Du der Natur zurückfindet, das
ihm zugleich als sein höheres Ich, als das geheimnisvoll gegenwärtige Reich des In-
nern, des Gemüts offenbar wird."
31
Zusammenfassend läßt sich sagen, daß jeder Mensch Träger und Bote der goldenen
Zeit sein kann, wenn er zu seiner Wesensmitte vorstößt und lernt, die scheinbaren Ge-
gensätze in sich zu versöhnen.
1.4. Die Sehnsucht nach der goldenen Zeit
Der durch den Sündenfall aus dem Paradies vertriebene Mensch erhält Bewußtsein und
die Erkenntnis zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Mit dieser polaren Auftei-
lung der Natur in Subjekt und Objekt, in Ich und Nicht-Ich, beginnt jedoch seine Irri-
tation, da er den innigen Zusammenhang von Mensch und Natur nicht mehr erkennen
kann. Die Sehnsucht des aus der Einheit verstoßenen Menschen läßt sich in drei tief-
sitzenden Bedürfnissen formulieren:
Das erste ist sein Bedürfnis nach Liebe. Dieses Bedürfnis nach Liebe bezeichnet No-
valis als Indiz der ,,vorhandenen Entzweiung in uns": ,,Bedürfnis nach Liebe verrät
schon eine vorhandene Entzweiung in uns. Bedürfnis verrät immer Schwäche."
32
Wenn dem Menschen etwas fehlt, was er sich selbst nicht geben kann, läßt das auf eine
30
Novalis: Die Lehrlinge zu Sais, hrsg. v. G. Schulz, a.a.O., S.121.
31
Mähl, Hans-Joachim, a.a.O., S.358.
32
Novalis: Fragmente, hrsg. v. Ernst Kamnitzer, 1929, Wolfgang Jess Verlag, Dresden, S.422.

20
innere ,,Entzweiung" schließen. In der Harmonie der Einheit gibt es keine Bedürfnisse,
weil alles eins ist im Sinne von vollkommen.
Die zweite Sehnsucht ist das Bedürfnis des Menschen nach Identität. Im Gegensatz zu
den anderen Lebewesen, die alle blind einen biologischen Plan der Schöpfung zu er-
füllen scheinen, unterscheidet sich der Mensch - kraft seines freien Willens und seines
reflektierenden Bewußtseins - von der übrigen Schöpfung, da er sein Leben selbst be-
stimmen kann und scheinbar keinen vorgegebenen biologischen Plan der Schöpfung
erfüllen muß. Während alle anderen Lebensformen unbewußt ihre Existenz sinnvoll zu
erfüllen scheinen, brennt in ihm die ewige Frage: Wer bin ich? Er ist sich selbst das
größte Rätsel: ,,Das wunderbarste, das ewige Phänomen, ist das eigene Dasein. Das
größeste Geheimnis ist der Mensch sich selbst."
33
Die dritte Sehnsucht, die den Menschen zu Wissen treibt, ist die nach dem Tod. Sie
entspringt seiner Sehnsucht nach Heimat im Sinne von Ursprung. Zwar fürchtet er den
Tod als Lebensvernichter, doch genauso fasziniert der Tod ihn. Im Tod ahnt er eine
Grenzüberwindung, die Anfang einer neuen, leichteren Daseinsmöglichkeit ist und ihn
zu seiner Heimat nach Hause bringt.
Nur in seltenen Momenten ahnt er innerlich die goldene Einheit seiner geistigen para-
diesischen Heimat. Die Sehnsucht nach der goldenen Zeit ist die Triebfeder für den zu
Bewußtsein erwachenden Menschen, die goldene Zeit wieder auferstehen zu lassen.
Im Bild der blauen Blume in dem Romanfragment ,,Heinrich von Ofterdingen" von
Novalis erwächst die Sehnsucht nach der goldenen Zeit zum Schlüsselmotiv der Ro-
mantik. Die Geschichte erzählt von dem Jungen Heinrich, der eine Reise der Selbster-
kenntnis und Naturerkenntnis in einem fiktiven Mittelalter antritt. Heinrichs Ziel sind
nicht irdische Schätze, die der Habsucht entspringen, seine ganze Sehnsucht gilt der
blauen Blume:
,,Nicht die Schätze sind es, die ein so unaussprechliches Verlangen in mir geweckt
haben, ... fern liegt mir alle Habsucht: aber die blaue Blume sehn ich mich zu erblik-
ken. Sie liegt mir unaufhörlich im Sinn, und ich kann nichts anders dichten und den-
ken. So ist mir noch nie zumute gewesen: es ist, als hätt` ich vorhin geträumt, oder ich
wäre in eine andere Welt hinübergeschlummert; denn in der Welt, in der ich sonst
lebte, wer hätte da sich um Blumen bekümmert, und gar von einer so seltsamen Lei-
denschaft für eine Blume hab ich damals nie gehört. ... Daß ich auch nicht einmal von
33
Novalis: Fragmente und Studien bis 1797, hrsg. v. G. Schulz, a.a.O., S.319.

21
meinem wunderlichen Zustande reden kann! Es ist mir oft so entzückend wohl, und
nur dann, wenn ich die Blume nicht recht gegenwärtig habe, befällt mich so ein tiefes,
inniges Treiben: das kann und wird niemand verstehen. Ich glaubte, ich wäre wahnsin-
nig, wenn ich nicht so klar und hell sähe und dächte, mir ist seitdem alles viel bekann-
ter."
34
Die Sehnsucht und die innere Ahnung eines goldenen Zustandes, in dem es keine
Trennung von diesseitiger und jenseitiger Welt gibt, sondern nur Harmonie, bilden den
Antrieb und die Hoffnung des zwischen Gegensätzen umhergetriebenen Menschen.
Heinrich kommt zu dem Schluß, daß es zwei Wege gibt, die zum Ziel der Erkenntnis
führen:
,,Ich weiß nicht, aber mich dünkt, ich sähe zwei Wege um zur Wissenschaft der
menschlichen Geschichte zu gelangen. Der eine, mühsam und unabsehlich, mit unzäh-
ligen Krümmungen, der Weg der Erfahrung; der andere, fast Ein Sprung nur, der Weg
der innern Betrachtung. Der Wanderer des ersten muß eins aus dem andern in einer
langwierigen Rechnung finden, wenn der andere die Natur jeder Begebenheit und jeder
Sache gleich unmittelbar anschaut, und sie in ihrem lebendigen, mannigfaltigen Zu-
sammenhange betrachten, und leicht mit allen übrigen, wie Figuren auf einer Tafel,
vergleichen kann."
35
Der Weg der Erfahrung ist ,,mühsam" und ,,unabsehlich", wobei die Erkenntnis Stück
für Stück aus erlebten Erfahrungen geschlußfolgert wird, der linearen Zeit entspre-
chend. Der innere Weg, ,,fast Ein Sprung nur", bietet den Vorteil, die ,,Natur jeder
Begebenheit und jeder Sache gleich unmittelbar" anzuschauen und als Ganzes ,,in ih-
rem lebendigen, mannigfaltigen Zusammenhange" übersehen und mit allen anderen
vergleichen zu können. Für Novalis ist der bevorzugte Weg zur Erkenntnis der innere
Weg, da er der nächste ist:
,,Wir träumen von Reisen durch das Weltall ­ ist denn das Weltall nicht in uns? Die
Tiefen unsers Geistes kennen wir nicht ­ nach innen geht der geheimnisvolle Weg. In
uns, oder nirgends ist die Ewigkeit mit ihren Welten ..."
36
Hans-Joachim Mähl beschreibt die Sehnsucht nach der goldenen Zeit als Impuls zur
Dokumentation menschlicher Geschichte:
34
Novalis: Heinrich von Ofterdingen, hrsg. v. G. Schulz, a.a.O., S.130.
35
Novalis: Heinrich von Ofterdingen, hrsg. v. G. Schulz, a.a.O., S.144.
36
Novalis: Blütenstaub 1797-1798, hrsg. v. G. Schulz, a.a.O., S.326.

22
,,Dieses frühe Geschichtsbewußtsein und die mythologische Umschreibung der Urer-
fahrung, daß der erwachende Mensch sich aus dem harmonischen Verbande der Natur
herausgerissen fühlt und, zerfallen mit der Umwelt und mit sich selbst, eine Rückkehr
in die ursprüngliche Unschuld und Einheit alles Lebens ersehnt, sind die erste Voraus-
setzung für die allgemeine und weitverzweigte Überlieferung von einem goldenen
Zeitalter am Beginn der Menschheits-geschichte."
37
Diese Sehnsucht des aus der Einheit gerissenen Menschen hat seit Beginn menschlich
dokumentierter Geschichte nichts von ihrer Wirkung verloren:
,,Unter Aufnahme verwandter orientalischer, später christlich-chiliastischer Vorstel-
lungen hat die Idee des goldenen Zeitalters durch zwei Jahrtausende hindurch ihre
Wirkungsmacht bewiesen, in ständiger Auseinandersetzung mit dem rationalistischen
Denken, aber immer wider erneuert aus einer ursprünglichen und unzerstörbaren Sehn-
sucht, die sich, den drückenden Gegensätzen der Gegenwart entfliehend, in eine sa-
genumwobene Vorzeit der Unschuld, des Friedens und der Götternähe versenkt oder,
im schmerzlichen Wissen um diese verlorene Glückseligkeit, ihre Rückkehr und Wie-
derherstellung am Ende aller Zeiten erhofft."
38
Die Sehnsucht nach der goldenen Zeit trägt den nach Vervollkommnung strebenden
Menschen über seine persönlichen Grenzen hinaus und bildet seine nie versiegende
Antriebskraft auf seiner geistigen Reise zum harmonischen Ursprung.
37
Mähl, Hans-Joachim, a.a.O., S.11.
38
Mähl, Hans-Joachim, a.a.O., S.12.

23
2. AUFSPALTUNG DER EINHEIT VON NATUR UND GEIST ­
POLARITÄT
2.1. Aufspaltung in Sein und Bewußtsein
Die ersten Menschen in der christlichen Schöpfungsgeschichte verlieren das Paradies
und erhalten dafür die Erde, um sie nach ihren Vorstellungen zu formen und zu besie-
deln. Sie verlieren den goldenen Zustand innerer Harmonie und erhalten dafür Be-
wußtsein, d.h. die Fähigkeit sich selbst und des eigenen Handelns bewußt zu sein. Zu-
dem erhalten sie noch den freien Willen, durch den sie den Verlauf des eigenen Lebens
selbst bestimmen können. Wenn man den Verlust auf der einen Seite und den Gewinn
auf der anderen Seite betrachtet, so kann einem der Verdacht kommen, daß die Natur
ein Experiment mit sich selbst machen will über das Medium des Menschen. Es
scheint, als wolle sich der in der Schöpfung offenbarende Gott selbst betrachten in
einem Spiegelwesen, dem Menschen: ,,Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde,
zum Bilde Gottes schuf er ihn."
39
Der Aufenthalt der ersten Menschen im Paradies währt nicht lange in der Bibel. Vom
Baum der Erkenntnis zu essen ist ihnen von Gott verboten:
,,Und Gott der Herr gebot dem Menschen und sprach: Du darfst essen von allen Bäu-
men im Garten, aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du
nicht essen; denn an dem Tage, da du von ihm issest, mußt du des Todes sterben."
40
Indem Adam und Eva den Apfel der Erkenntnis essen, werden sie herausgerissen aus
der paradiesischen Einheit, der goldenen Zeit. Sie betrachten zum ersten Mal die Natur
als etwas außer ihnen existierendes. Sie verlieren den urharmonischen Zustand der
Einheit und erlangen dafür die Erkenntnis, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden.
Die Fähigkeit zur Erkenntnis ist zweierlei: Sie bezieht sich sowohl auf die Umwelt als
auch auf die eigene Innenwelt. Mit der Trennung in Gut und Böse und dem erwachen-
den menschlichen Bewußtsein vollzieht sich die Geburt der Polarität. Durch seine po-
lare, aufspaltende Wahrnehmung der Natur ist der Mensch nicht mehr in der Lage, die
Identität aller Erscheinungen wahrzunehmen. Durch das Medium des menschlichen
Bewußtseins wird die Natur fähig sich selbst zu betrachten. Aus einem reinen Sein
verdoppelt sie sich zu einem Gewahrsein dieses Seins: das Bewußtsein. So wie die
39
Bibel, Mose1.1., AT.

24
Natur sich durch das Medium des Menschen in Sein und Bewußtsein aufspaltet, um
sich selbst betrachten zu können, so spaltet sich die Wahrnehmung des Menschen in
Subjekt und Objekt auf. Der Mensch begreift sich nicht mehr als identischen Anteil
der Natur, sondern unterscheidet in jeder Betrachtung sich selbst als betrachtendes
Subjekt, getrennt von der Natur, die er als Objekt erblickt. Somit vollzieht sich die
Trennung von Subjekt und Objekt, die von nun an die Glaubensvorstellungen des
Menschen in den verschiedensten Lebensbereichen dominiert:
In der Trennung von
- Leben und Tod
41
,
- Gut und Böse
42
,
- Bewußtsein und dem Unbewußten
43
,
- Geister- und Sinnenwelt
44
,
- Ratio und Gefühl
45
,
- männlichen und weiblichen Geschlechterrollen
46
,
- Wissenschaften, in denen alles in Skalen gemessen wird, die stets einen Anfangs-
und Endpunkt beinhalten
47
etc.
Das gesamte gesellschaftliche Leben des Menschen wird von seinen polaren Glau-
bensvorstellungen bestimmt. Den Glauben an Gut und Böse kann man dabei als die
Wurzel aller Mißverständnisse bezeichnen, da dieser polare Denkansatz notwendiger-
weise zu Gegensätzen, Feindbildern, Konkurrenzdenken und Streit führen muß. Nova-
lis schreibt dazu:
,,Auf Verwechselung des Symbols mit dem Symbolisierten ­ auf ihre Identisierung ­
auf den Glauben an wahrhafte, vollständige Repräsentation ­ und Relation des Bildes
und des Originals ­ der Erscheinung und der Substanz ­ auf der Folgerung von äußerer
Ähnlichkeit ­ auf durchgängige innre Übereinstimmung und Zusammenhang. Kurz auf
Verwechslungen von Subjekt und Objekt beruht der ganze Aberglaube und Irrtum aller
Zeiten, und Völker und Individuen."
48
40
Bibel, Mose 1.2., AT.
41
Vgl. Kap. 6.1. Versöhnung von Leben und Tod.
42
Vgl. Kap. 6.2. Versöhnung von Gut und Böse.
43
Vgl. Kap. 6.3. Integration des Unbewußten.
44
Vgl. Kap. 4.7. Das Verhältnis Geist-Natur, Kap.5.2.4. Betrachtung von Geist und Natur ­ Innen und
Außen in ihrem wechselseitigen Verhältnis.
45
Vgl. Kap. 5.2. Romantisches Experimentieren in der Natur des Menschen.
46
Vgl. Kap. 4.1. Der Mensch als offenbarte Synthese von Himmel und Erde.
47
Vgl. Kap. 4.8. Das Verhältnis Mensch-Natur.
48
Novalis: Aus dem <Allgemeinen Brouillon> 1798-1799, a.a.O., S.483.

25
Novalis studierte viele philosophische Schriften seiner Zeitgenossen. Neben August
Wilhelm Schlegel, Frans Hemsterhuis, Jakob Böhme, F. W. J. Schelling, Joh. W. v.
Goethe, Schiller, Johann Wilhelm Ritter u.a. widmete er sich eingehend der Wissen-
schaftslehre von Johann Gottlieb Fichte, in welcher dieser versucht, die Philosophie
von der Utopie zur Wissenschaft zu bringen.
49
Wie Fichte beschreibt auch Novalis die
Fähigkeit der Natur, sich durch das Medium des menschlichen Bewußtseins selbst
betrachten zu können:
,,Die Natur will selbst auch einen Genuß von ihrer großen Künstlichkeit haben, und
darum hat sie sich in Menschen verwandelt, wo sie nun selber sich über ihre Herrlich-
keit freut, das Angenehme und Liebliche von den Dingen absondert, und es auf solche
Art allein hervorbringt, daß sie es auf mannigfaltigere Weise und zu allen Zeiten und
allen Orten haben und genießen kann."
50
Fichte beschreibt im folgenden Zitat den stufenweisen Aufbau der Naturerscheinungen
mit dem Menschen an der Spitze, der kraft seines neu erwachenden Bewußtseins aus
dem einheitlichen Sein in der Natur heraustritt und Bewußtsein erlangt. Er nennt die
Offenbarung der Naturkraft im Menschen eine ,,Verdoppelung der Natur in einer Ver-
einigung aus Sein und Bewußtsein", die ihn von allen anderen Lebewesen unterschei-
det:
,,Die Natur erhebt sich allmählich in der bestimmten Stufenfolge ihrer Erzeugungen. In
der rohen Materie ist sie ein einfaches Sein; in der organisierten geht sie in sich selbst
zurück, um auf sich innerlich zu wirken, in der Pflanze, sich zu gestalten, im Tiere,
sich zu bewegen; im Menschen, als ihrem höchsten Meisterstücke, kehrt sie in sich
zurück, um sich selbst anzuschauen, und zu betrachten: sie verdoppelt sich gleichsam
in ihm und wird aus einem bloßen Sein, Sein und Bewußtsein in Vereinigung."
51
Der Grundzustand der Natur ist das ,,einfache Sein". Im Menschen ,,kehrt sie in sich
zurück", um sich selbst zu betrachten. ,,Sie verdoppelt sich gleichsam in ihm und wird
aus einem bloßen Sein, Sein und Bewußtsein in Vereinigung." Die Ausgangsposition
des Menschen ist das ,,Nur-Sein", dem nichts entgegengesetzt werden kann ,,als ver-
49
,,Novalis hatte Fichte zum erstenmal im Sommer 1795 im Hause des Jenaer Professors Niethammer
kennengelernt. ... Die Wirkung, die Fichte mit seiner Philosophie damals vor allem auf die jüngere Ge-
neration ausübte, wird allein schon deutlich aus einem Fragment, das Friedrich Schlegel 1798 veröffent-
lichte. Denn dort stellt er Fichtes Wissenschaftslehre in eine Linie mit der Französischen Revolution und
Goethes Roman ,Wilhelm Meister` und nennt diese drei die ,größten Tendenzen des Zeitalters`
(Athenaeum, Bd.1, S.232)." ersch. i.: Schulz, Gerhard (Hrsg.): Novalis, Rowohlt Bildmonographie,
Hamburg 1969, S.54.
50
Novalis: Heinrich von Ofterdingen, hrsg. v. G. Schulz, a.a.O., S.145ff.

26
baliter das Nichtsein", was jedoch ,,bloß pro forma dran gehängt wird." Das ,,Nicht-
sein" kann vom Ich nicht verstanden werden, da das Ich nur das versteht, was es in
seine Sphäre aufnehmen kann:
,,An dem Nur-Sein haftet gar keine Modifikation, kein Begriff ­ man kann ihm nichts
entgegensetzen ­ als verbaliter das Nichtsein. Dies ist aber ein kopulierendes Häkchen,
was bloß pro forma dran gehängt wird ­ es scheint nur so. Greift doch eine Handvoll
Finsternis."
52
Genauso wenig wie der Mensch eine ,,Handvoll Finsternis" greifen kann, genauso
wenig kann er sich das ,,Nichtsein" vorstellen. Manfred Dick schreibt dazu:
,,So wenig ungegenständliche und unbegrenzbare Finsternis greifbar ist und mit der
Hand umfaßt und umschlossen werden kann, ebensowenig kann das ,Nicht-Sein` von
dem Ich wahrgenommen und vorgestellt werden. Alle Wahrnehmung geht auf Realität,
auf den ,allgemeinen Gehalt` oder auf das in diesem Gehalt Gesetzte. Das Ich bleibt
für sich die Grenze des Wißbaren und Erkennbaren. Was es nicht setzen und bestim-
men kann, kann es nicht erkennen und begreifen."
53
Der Mensch betrachtet die äußere
Natur stets im Spiegel seines inneren Bewußtseins. Die menschliche Wahrnehmung
geht nicht über das menschliche Bewußtsein hinaus. Betrachtet der Mensch z.B. einen
Baum, so nimmt er ihn der Anschauung nach vermeintlich im Außen wahr. Die ei-
gentliche Wahrnehmung selbst jedoch der Farbe der Blätter, der Beschaffenheit des
Stammes und seines Geruches, findet stets im inneren Bewußtsein des Menschen statt
durch die Sinne, die zwischen Innen und Außen vermitteln. Die fünf Sinne des Men-
schen sehen, hören, riechen, schmecken, fühlen, entstehen als Resultat eines komple-
xen Zusammenwirkens von elektrochemischen Prozessen, bei denen elektrische Im-
pulse die Reize von Außen im Gehirn übersetzen und sie den Menschen wahrnehmen
und empfinden lassen im Bewußtsein und nicht im Außen. Novalis schreibt über die
Sinne:
,,Zu Sinnen gehört immer ein Körper und eine Seele. Ihre Vereinigung findet mittels
der Sinne statt. Die Sinne sind schlechthin nicht selbsttätig. Sie empfangen und geben,
was sie erhalten. Sie sind das Medium der Wechselwirkung."
54
51
Fichte, Johann Gottlieb: Die Bestimmung des Menschen 1800, Reclam Verlag, Stuttgart 1962, S.26.
52
Novalis: Fragmente und Studien bis 1797, hrsg. v. G Schulz, a.a.O., S.295.
53
Dick, Manfred: Die Entwicklung des Gedankens der Poesie in den Fragmenten des Novalis, Bouvier
Verlag, Bonn 1967, S.143ff.
54
Novalis: Fragmente, hrsg. v. E. Kamnitzer, a.a.O., S.52.

27
Die Sinne vereinigen Körper und Seele und sind das ,,Medium der Wechselwirkung"
zwischen äußeren Reizen und innerer Wahrnehmung. Sie ,,sind schlechthin nicht
selbsttätig", sondern vielmehr Medium und Vermittler von Außen und Innen. Sie
,,empfangen" und übersetzen die Reize ins menschliche Bewußtsein. Fichte schreibt
dazu:
,,Mein unmittelbares Bewußtsein, die eigentliche Wahrnehmung, geht nicht ü b e r m i
c h s e l b s t und meine Bestimmungen hinaus, ich weiß unmittelbar nur von mir
selbst; was ich darüber hinaus zu wissen vermag, weiß ich nur durch F o l g e r u n
g."
55
Alle Wahrnehmung findet stets innerhalb des menschlichen Bewußtseins statt und geht
nicht über das Ich hinaus. Was der Mensch über sein Bewußtsein hinaus zu wissen
glaubt, weiß er nur durch Folgerung. Novalis definiert das Bewußtsein folgenderma-
ßen:
,,Das Bewußtsein ist die Sphäre des Wissens. ... Das Bewußtsein ist ein Sein außer
dem Sein im Sein. Was aber ist das ? Das Außer-dem-Sein muß kein rechtes Sein sein.
Ein unrechtes Sein außer dem Sein ist ein Bild ­ also muß jenes außer dem Sein ein
Bild des Seins im Sein sein."
56
Der Grundzustand des Menschen ist ein reines immanentes Sein. Im Bewußtsein sei-
ner selbst wechselt das Ich seine Perspektive vom Seienden zum Beobachter und be-
obachtet sich selbst im Sein. Da das Bewußtsein des Menschen nicht über das Ich hin-
ausgeht, kann das ,,Außer-dem-Sein" nur ein ,,Bild des Seins im Sein sein." Im Be-
wußtsein fällt also beides zusammen: reines unreflektiertes Sein und sich selbst beob-
achtendes bestimmtes Sein. So entsteht die vermeintliche Aufspaltung der Natur als
Notwendigkeit der menschlichen Wahrnehmung, bei der sich das Ich als setzende
Kraft nicht wahrnimmt. Der scheinbare Widerspruch von dem reinen Sein des Ich und
dem bestimmten Sein des Ich durch ein Entgegengesetztes wird dadurch gelöst, daß
alles Entgegengesetzte als ein Produkt des Ich verstanden wird:
,,Das Ich als ,Nur-Sein` ist Totalität, das Ich als bestimmtes Sein ist durch ein Entge-
gengesetztes bestimmt. Der Widerspruch beider wird dadurch behoben, daß das Ent-
gegengesetzte nicht als Realität an sich, sondern als eine Setzung des Ich verstanden
55
Fichte, Johann Gottlieb: Die Bestimmung des Menschen, a.a.O., S.24.
56
Novalis: Fragmente und Studien bis 1797, hrsg. v. G. Schulz, a.a.O., S.294.

28
wird. Wie wir schon ausführten, leitet Novalis ­ der ,Wissenschaftslehre` (von Fichte,
Anm. d. A.) folgend ­ das Entgegengesetzte aus dem Selbstgefühl des Ich ab."
57
Der aufspaltenden Betrachtungsweise in Subjekt und Objekt folgt die menschliche
Wahrnehmung auf allen ihren Wahrnehmungsebenen, so auch bei der Selbstbetrach-
tung des Ich. Um das Ich wahrnehmen und bestimmen zu können, muß der Mensch es
von etwas unterscheiden, d.h. er muß sich auf ein Gegenüber beziehen: ,,Um das Ich
zu bestimmen müssen wir es auf etwas beziehn. Beziehn geschieht durch Unterschei-
den..."
58
Manfred Dick erläutert, wie das Bewußtsein nur durch das Beziehen auf et-
was eine Wahrnehmung erhalten kann. Wahrnehmung durch Beziehen setzt immer
eine Trennung in Betrachter und Betrachtetes voraus:
,,Das Bewußtsein ist also eine Beziehung und setzt eine Trennung voraus. Alles Wis-
sen bezieht sich auf ein Was, auf ein bestimmtes Etwas. Dann schließt das Bewußtsein
eine Bestimmung dessen ein, worauf es geht. Im Ich aber sollen Wissen und Gewuß-
tes, Bewußtsein und Sein nicht getrennt sein, sondern zusammenfallen. Die Trennung
von Wissen und Sein muß also aufgehoben sein und doch auch zugleich gelten, wenn
überhaupt Bewußtsein möglich sein soll."
59
Indem der Mensch seine polare Sichtweise verinnerlicht und auf die Welt überträgt,
erlebt er natürlich auch außer sich eine polare Welt, in der es z.B. entweder Jäger oder
Opfer gibt, Gewinner oder Verlierer. Dieses polare Bewußtsein schränkt die menschli-
che Sichtweise für die wahre Wirklichkeit ein, d.h. die Einheit von Innen und Außen
wird durch die trennende Subjekt-Objekt-Betrachtung aufgespalten und verzerrt. So
erhält der Mensch nur einen Bruchteil an Erkenntnissen, und er nimmt nur einen
Bruchteil der Wirklichkeit wahr. Er sieht nur ein Bild der Wirklichkeit, jedoch nicht
die Wirklichkeit selbst. Befand sich der Mensch in der goldenen Zeit noch eingebettet
im Schoße der Natur, wie im Traumzustand, so erwacht er jetzt im neuen Ich-
Bewußtsein und tritt aus der Einheit hinaus. Er ist jetzt fähig, die Natur als etwas außer
ihm zu sehen, die in der goldenen Zeit identisch mit ihm war. Er fühlt seine äußere
Beschränkung, in einem begrenzten sterblichen Körper zu leben sowie seine innere
Beschränkung, nicht mehr ins innere Wesen der Natur vorzudringen und die inneren
Zusammenhänge zu überblicken, aus denen sie sich aufbaut. In seltenen Momenten
57
Dick, Manfred, a.a.O., S.141.
58
Novalis: Fragmente und Studien bis 1797, hrsg. v. G. Schulz, a.a.O., S.295.
59
Dick, Manfred, a.a.O., S.139.

29
ahnt der Mensch hinter wunderbaren Naturerscheinungen die goldene Zeit, seine gött-
liche Heimat:
,,Wie viele Menschen stehn an den berauschenden Flüssen und hören nicht das Wie-
genlied dieser mütterlichen Gewässer, und genießen nicht das entzückende Spiel ihrer
unendlichen Wellen! Wie diese Wellen, lebten wir in der goldnen Zeit; in buntfarbigen
Wolken, diesen schwimmenden Meeren und Urquellen des Lebendigen auf Erden,
liebten und erzeugten sich die Geschlechter der Menschen in ewigen Spielen; wurden
besucht von den Kindern des Himmels und erst in jener großen Begebenheit, welche
heilige Sagen die Sündflut nennen, ging diese blühende Welt unter; ein feindliches
Wesen schlug die Erde nieder, und einige Menschen blieben geschwemmt auf die
Klippen der neuen Gebirge in der fremden Welt zurück."
60
Im Symbol des Wassers wird die Herkunft des Menschen aus dem Urmeer der Er-
scheinungen anschaulich geschildert. Bis heute ist das Meer als Heimat im Menschen
offenbart. Aus dem Embryo, welches im salzigen Fruchtwasser gebettet liegt, entsteht
der Mensch. Der Versuch des Menschen, das höhere Erlebnis der Ahnung der golde-
nen Zeit in Worten zu formulieren, kann ihn am Ende auch nicht befriedigen, da leere
Worthülsen nicht in der Lage sind, das Gefühl der Einheit zwischen Mensch und Natur
wiederzugeben:
,,Die Zeit ist nicht mehr, wo der Geist Gottes verständlich war. Der Sinn der Welt ist
verlorengegangen. Wir sind beim Buchstaben stehn geblieben. Wir haben das Erschei-
nende über der Erscheinung verloren. Formularwesen."
61
Der Mensch ist scheinbar dazu verdammt, ein ,,Formularwesen" zu sein, d.h. ein We-
sen, das bemüht ist, alle Sinneseindrücke in eine sprachlich logische Form zu bringen.
Dabei läuft er Gefahr, über der Betrachtung der ,,Erscheinungen", die dahinter wirken-
de geistige Kraft, das ,,Erscheinende", nicht wahrzunehmen.
2.2. Aufspaltung in Subjekt und Objekt ­ Ich und Nicht-Ich
60
Novalis: Die Lehrlinge zu Sais, hrsg. v. G. Schulz, a.a.O., S.122f.
61
Novalis: Fragmente und Studien 1797-1798, hrsg. v. G. Schulz, a.a.O., S. 401.

30
Indem sich die Natur als Ganzes durch den Menschen betrachtet, müssen einige
Aspekte dieser Natur unerkannt bleiben, denn in das innerste Bewußtsein seiner selbst
einzudringen, vermag der Mensch nicht, so wie das Auge zwar seine Umgebung sehen
kann, aber nie sich selbst.
62
Die Aufspaltung der Natur in Subjekt und Objekt führt im
Weltbild des Menschen zu einer endlosen Kette scheinbarer Gegenpole:
- Einheit versus Vielheit,
- Fülle versus Leere,
- Chaos versus Ordnung,
- Instinkt versus Intellekt,
- Praxis versus Theorie,
- Materie versus Energie,
- Geist versus Körper,
- Freier Wille versus Schicksal und so fort.
Dadurch, daß die Polarität die Basis des menschlichen rationalen Denkens bildet, ist
sie nicht kraft des Ratio zu überwinden. Mit dem Erwachen des zur Erkenntnis befä-
higten Menschen scheint in der Einheit der Natur eine unüberwindbare Kluft zwischen
Erkennendem und Erkanntem, zwischen Denker und Gedachtem, zwischen Subjekt
und Objekt, aufzubrechen.
Um das Ich bestimmen zu können, setzt Fichte dem Ich, in dem allein alles Bewußt-
sein stattfindet, das Nicht-Ich gegenüber. Das Nicht-Ich läßt sich als all das bezeich-
nen, was dem Ich gegenübersteht, bzw., all das, was außer ihm ist und auf das Ich als
Reiz wirkt. Erst in der Reflexion des Ich im Nicht-Ich, in der Spiegelung des Subjekts
im Objekt, wird das Ich sich seiner selbst bewußt. Da der Mensch nur sein Ich-
62
Der Physiker George Spencer Brown schreibt dazu: ,, Betrachten wir...die Welt, wie sie von den Phy-
sikern beschrieben wird. Sie besteht aus einer Anzahl fundamentaler Teilchen, die unter bestimmten
Umständen als Wellen erscheinen... und aus anderen ­ sogenannten elektro- magnetischen ­ Wellen-
formen... Sie alle sind offenbar an bestimmte Naturgesetze gebunden, die die Art ihrer Beziehung er-
kennen lassen. Nun ist der Physiker, der all das beschreibt, seinen eigenen Aussagen nach selbst daraus
aufgebaut. Kurzum, er ist ein Konglomerat eben jener Teilchen und Kräfte, die er beschreibt, nicht mehr
und nicht weniger, von eben den Gesetzen zusammengehalten und an eben die Gesetze gebunden, die er
entdeckt und formuliert hat.
So kommen wir also nicht an der Tatsache vorbei, daß die Welt, die wir kennen, darauf angelegt ist, sich
selbst zu sehen. Das ist in der Tat erstaunlich...im Hinblick auf den Umstand, daß sie überhaupt sehen
kann. Um das aber zu können, muß sie sich natürlich aufspalten in mindestens einen Zustand, der sieht,
und mindestens einen Zustand, der gesehen wird. In diesem zerrissenen Zustand ist das, was sie sieht,
stets nur ein Teil ihrer selbst. Gewiß, die Welt ist immer sie selbst (das heißt, nicht von sich selbst ver-
schieden), doch bei jedem Versuch, sich selbst als Objekt zu sehen, ist sie ebenso gewiß gezwungen,
sich von sich selbst zu unterscheiden und damit selbst irrezuführen. In diesem Zustand wird sie sich
immer zum Teil unsichtbar bleiben." Brown, George S.: Laws of Form, Julian Press, New York, 1972,
S.104f.

31
Bewußtsein wahrnehmen kann, folgert er daraus die Existenz seines Ich. Das Ich ist an
sich nichts anderes als eine gedankliche Bezeichnung des menschlichen Bewußtseins,
ein ,,Wollen und Vorstellen":
,,Ich ist Handlung und Produkt zugleich. Wollen und Vorstellen sind Wechselbestim-
mungen. Das Ich ist nichts anders als Wollen und Vorstellen. Was von der Außenwelt
unterschieden wird, ist das praktische Ich. Nur das praktische Ich kann wahrgenommen
werden, denn dies ist auch das eigentliche Grund-Ich. Vermögen hat eigentlich das Ich
nicht. Es ist nur, insofern es sich setzt, und setzt sich nur, insofern es ist."
63
Bei dem Ich handelt es sich also um eine vom menschlichen Geist gesetzte Größe, um
ein ,,allgemeines Gedankenmolekül"
64
, das nur in Verbindung mit diesem auftritt und
daher kein ,,Vermögen" an sich hat. Erst durch sein Grundwesen, sich über die Sinne
alles außer ihm liegende zuzueignen, entsteht das Ich. Nur ihm kann etwas gegeben
werden, da ,Ich bin` die Basis alles Seins und aller Wahrnehmung ist. Das Ich nimmt
alle äußeren Reize in sich auf. Novalis nennt es das ,,Prinzip der Vereigentümli-
chung":
,,Hieraus sehn wir beiläufig, daß Ich im Grunde nichts ist. Es muß ihm alles gegeben
werden. Aber es kann nur ihm etwas gegeben werden, und das Gegebne wird nur
durch Ich etwas. ... Was dem Ich nicht gegeben ist, das kann es nicht aus sich deduzie-
ren. Was ihm gegeben ist, ist auf Ewigkeit sein, denn Ich ist nichts als das Prinzip der
Vereigentümlichung. Alles ist sein, was in seine Sphäre tritt, denn in diesem Aneignen
besteht das Wesen seines Seins. Zueignung ist die ursprüngliche Tätigkeit seiner Na-
tur."
65
Dem Ich ,,muß alles gegeben werden", d.h. erst durch Zueignung von Reizen entsteht
es. Sein Grundwesen ist Tätigkeit. Erst dadurch wird es sich selbst bewußt. Daraus
wird deutlich, daß das menschliche Ego, das Ich ,,nichts ist": ,,Hieraus sehn wir bei-
läufig, daß Ich im Grunde nichts ist", so wie ein Fernsehgerät ohne Bilder, die in es
hineinprojiziert werden, nichts ist. Der Mensch setzt sich das Ich, um über sich selbst
reflektieren zu können. So schreibt Novalis auch über das Ich, daß es ,,kein Naturpro-
dukt, keine Natur, kein historisches Wesen, sondern ein anarchistisches, eine Kunst,
ein Kunstwerk"
66
sei, dessen Voraussetzung erst die Bedingung schafft für die Natur-
geschichte des Menschen. Der Mensch muß erst ein Ich voraussetzen, aus welchem er
63
Novalis: Fragmente, hrsg. v. E. Kamnitzer, a.a.O., S.239ff.
64
Novalis: Fragmente, hrsg. v. E. Kamnitzer, a.a.O., S.111.
65
Novalis: Fragmente, hrsg. v. E. Kamnitzer, a.a.O., S.53.

32
eine Naturbetrachtung entwickeln kann, da ,,Selbstheit der Grund aller Erkenntnis"
67
ist. Das Ich ist in seinem Grundwesen frei und ohne Grenzen, es ist vielmehr Bedin-
gung für alle Bestimmungen, die stets vom Ich ausgehen:
,,Das Prinzip Ich ist gleichsam das echte, gemeinschaftliche und liberale, universelle
Prinzip, es ist eine Einheit, ohne Schranke und Bestimmung zu sein. Es macht viel-
mehr alle Bestimmung möglich und fest und gibt ihnen absoluten Zusammenhang und
Bedeutung."
68
Erst durch das Setzen eines Ich erhält der Mensch eine Idee seiner selbst, die ihn zur
Selbstreflexion befähigt. Nach Fichte setzt das Ich notwendiger die Existenz des Uni-
versums voraus, dessen Resultat das Ich ist.:
,,Nach Fichte ist Ich gleichsam das Resultat des Universums. Um Ich mit Bewußtsein
zu setzen, muß ich gleichsam das ganze Universum voraussetzen so, wie gegenteils die
absolute Setzung des Ich nichts andres ist als die Setzung des Universums."
69
Aus dem Setzen des Ichs ergibt sich erst die Wahrnehmung des Universums, da das
Ich der Ausgangspunkt menschlichen Bewußtseins und aller Wahrnehmung ist. Aus
dem Ich realisiert sich erst die ,,Sphäre individueller Freiheit und Selbsttätigkeit": ,,Ich
ist Wahl und Realisierung der Sphäre individueller Freiheit und Selbsttätigkeit."
70
Be-
trachtet man das Ich als den ,,Zentralpunkt", als ein großes ganzes Bewußtsein, aus
dem alle individuellen hervorgehen, so sind im Ich alle Menschen identisch. So
schreibt Novalis: ,,Im Ich, im Freiheitspunkte sind wir alle in der Tat völlig identisch ­
von da aus trennt sich erst jedes Individuum. Ich ist der absolute Gesamtplatz, der
Zentralpunkt."
71
Unter Fichtes Nicht-Ich versteht Novalis Gott, ,,die Einheit aller Rei-
ze ­ das schlechthin Reizende und eben darum eine assimilierte - ewig Unbekannte."
72
Der Mensch wird sich erst durch die Spiegelung in einem Gegenüber seiner selbst be-
wußt. So wie die Natur, um sich selbst beschauen zu können, eines Gegenübers in
Form des Mediums Mensch bedarf, so ist der Mensch erst durch das Setzen eines
Nicht-Ich fähig, sich selbst als Ich wahrzunehmen und somit Identität zu erlangen:
,,Man versteht eine Sache am leichtesten, wenn man sie repräsentiert sieht. So versteht
man das Ich nur insofern es vom Nicht Ich repräsentiert wird. Das Nicht Ich ist das
66
Novalis: Fragmente, hrsg. v. E. Kamnitzer, a.a.O., S.111ff.
67
Novalis: Fragmente, hrsg. v. E. Kamnitzer, a.a.O., S.112.
68
Novalis: Fragmente, hrsg. v. E. Kamnitzer, a.a.O., S.112.
69
Novalis: Fragmente, hrsg. v. E. Kamnitzer, a.a.O., S.109.
70
Novalis: Fragmente, hrsg. v. E. Kamnitzer, a.a.O., S.112.
71
Novalis: Fragmente, hrsg. v. E. Kamnitzer, a.a.O., S.113.
72
Novalis: Aus dem <Allgemeinen Brouillon> 1798-1799, hrsg. v. G. Schulz, a.a.O., S.493.

33
Symbol des Ich, und dient nur zum Selbstverständnis des Ich. So versteht man das
Nicht Ich umgekehrt, nur insofern es vom Ich repräsentiert wird, und dieses sein Sym-
bol wird."
73
Ich und Nicht-Ich sind einander widerspiegelnde und sich wechselseitig bedingende
Symbole. In der Sinnenwelt des Menschen bedingt das Existierende das Nicht-
Existierende, die Stille den Ton, die Sinnenwelt die Geisterwelt, das Subjekt das Ob-
jekt und so fort. Die Polarität erscheint als das Grundprinzip der Natur, dessen Pole
,,notwendig zu vereinigen und notwendig zu trennen sind."
74
Da aus dem Wechsel
zwischen den Polen erst alles Leben entsteht, ist die Trennung der Pole notwendig. Es
ist nicht das Ziel, den Wechsel zwischen den Polen aufzuheben, da ohne ihn kein Le-
ben mehr entstehen könnte. Vielmehr soll die Versöhnung der Gegensätze in der Be-
trachtungsweise des Menschen herbeigeführt werden, um die ursprüngliche Einheit der
Pole wieder wahrzunehmen. Die Pole sind insofern notwendig zu vereinen, da sie bei-
de einander bedingende Pole einer ursprünglichen Einheit sind. Der Zerrissenheit der
Polarität steht das Absolute der goldenen Zeit gegenüber, welches bereits in sich den
Wechsel integriert, da es ,,ein identischer Wechsel in sich selbst ist." Die Sphäre des
Absoluten ist bereits im endlichen Augenblick enthalten und gegenwärtig. Das Abso-
lute der goldenen Zeit ,,verlangt nicht die Vernichtung des Gegensatzes", weil es
selbst ,,das Spiel des Wechsels" im Identischen ist:
,,Für Novalis ist das Absolute ein identischer Wechsel in sich selbst. Es ist keine au-
ßerhalb des gespaltenen endlichen Ich liegende, erstrebte Idee, sondern es ist im Endli-
chen schon da in der Ganzheit aller Momente, als die Synthese des Gegensatzes. Es ist
nicht erstrebtes Ziel, sondern die allaugenblicklichste Tatsache, nicht ewig Zukunft,
sondern ewige Gegenwart. Es verlangt nicht die Vernichtung des Gegensatzes, weil es
das ewig gegenwärtige Kreisen innerhalb des Gegensatzes und so die sich bewegende,
lebendige Ruhe ist: das Spiel des identischen Wechsels."
75
Aus der Wechselkraft von Anziehung und Abstoßung entsteht alles Leben in der Na-
tur. So wie die Pole einerseits als Quelle des Lebens erhalten bleiben müssen, so soll
andererseits durch die Versöhnung der Gegensätze die Verwandlung des Menschen zu
einer magischen Sichtweise der Natur herbeigeführt werden. So tritt die ursprüngliche
73
Novalis: Aus dem <Allgemeinen Brouillon> 1798-1799, hrsg. v. G. Schulz, a.a.O., S.429.
74
Novalis: Fragmente und Studien bis 1797, hrsg. v. G. Schulz, a.a.O., S.310.
75
Dick, Manfred, a.a.O., S.38.

34
Einheit der Pole wieder ins Bewußtsein des Menschen hervor, der sich nun nicht mehr
von der Welt getrennt empfindet, sondern als identischen Teil von ihr.
Fichtes Methodik bei der Analyse des Zusammenhangs von Subjekt und Objekt folgt
dem zu untersuchenden Thema der Polarität, indem er These und Antithese aufstellt,
verbindet und der gewonnenen Synthese wieder einen Gegensatz gegenüberstellt und
so fort. Novalis greift Fichtes analytischen Ansatz der Gegenüberstellung von These
und Antithese auf und erweitert ihn, um über die Synthese zu einem alles umfassen-
den, weiterführenden Ergebnis zu kommen: ,,Fichte ist den analytischen Gang nach
einem synthetischen Prinzip gegangen. Ich gehe den synthetischen und analytischen
Weg zugleich - ich betrachte jeden Schritt vor- und rückwärts..."
76
Dieser synthetisch-
analytische Ansatz, jedem Sein ein Nicht-Sein, jedem Moment ein Vor und ein Nach
usw., hinzuzudenken, durchzieht das gesamte Werk des Novalis. Vom zu betrachten-
den Objekt ausgehend, wendet er den synthetischen Blick in beide Richtungen: ,,Eine
wahre Methode synthetisch fortzuschreiten ist die Hauptsache ­ vorwärts und rück-
wärts. Methode des divinatorischen Genies."
77
Durch die in beide Richtungen gehende
Analyse soll eine Entspiegelung, durch gegenseitiges Analogisieren ein Gleichgewicht
der scheinbaren Gegensätze erreicht werden:
,,Die Betrachtung des Großen und die Betrachtung des Kleinen müssen immer zu-
gleich wachsen ­ jene mannigfacher, diese einfacher werden. Zusammengesetzte Data
sowohl des Weltgebäudes, als auch des individuellsten Teils desselben (Makrokosm.
und Mikrokosm.) vergrößern sich allmählich durch gegenseitiges Analogisieren ­ so
klärt das Ganze den Teil und der Teil das Ganze auf."
78
Novalis wechselt seine Perspektive zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos, um
der allumfassenden Einheit aller Naturerscheinungen zu entsprechen.
Das menschliche Sein entspringt nach Novalis aus der Wechselwirkung der beiden
Pole. Aus dem ,,Schweben des Ich" zwischen den Gegensätzen entströmt alle Realität.
Die Bedingung für das Schweben zwischen den Gegensätzen ist Harmonie, die mit der
ursprünglichen Einheit der Pole korrespondiert:
,,Harmonie ist die Bedingung... des Schwebens, zwischen Entgegengesetztem. Sei ei-
nig mit dir selbst ist also Bedingungsgrundsatz des obersten Zwecks ­ zu sein oder frei
zu sein. Alles Sein, Sein überhaupt ist nichts als Freisein ­ Schweben zwischen Extre-
76
Novalis: Fragmente und Studien bis 1797, hrsg. v. G. Schulz, a.a.O., S.302.
77
Novalis: Aus dem <Allgemeinen Brouillon> 1798-1799, hrsg. v. G. Schulz, a.a.O., S.473.
78
Novalis: Naturwissenschaftliche Studien 1798-1799, hrsg. v. G. Schulz, a.a.O., S.430.

35
men, die notwendig zu vereinigen und notwendig zu trennen sind. Aus diesem Licht-
punkt des Schwebens strömt alle Realität aus ­ in ihm ist alles enthalten ­ Objekt und
Subjekt sind durch ihn, nicht er durch sie."
79
Der scheinbare Widerspruch entsteht nur dadurch, daß in der Analyse die Teile ge-
trennt werden, die in ihrem Ursprung eine Einheit bilden. Im Schweben fallen Tren-
nung und Vereinigung wieder zusammen, so daß ,,der Widerspruch als Nichtwider-
spruch geschaut" wird. Aus der harmonischen Bewegung zwischen den Polen er-
wächst die ,,Ruhe der Einheit". Die Einheit integriert in sich ,,alles Bestimmte und
Gegensätzliche" und erhält es gleichzeitig als ihre Erscheinung. So wie die Trennung
der Pole erst die Wechselkraft des Lebens hervorbringt, bringt die gedankliche Verei-
nigung die ursprüngliche Einheit der Pole wieder ins Bewußtsein:
,,Trennung und Vereinigung fallen im Schweben zusammen. Der Widerspruch ist als
Nichtwiderspruch geschaut. Die Bewegung zwischen den Entgegengesetzten ist iden-
tisch mit der Ruhe der Einheit. Diese Einheit, die alles Bestimmte und Gegensätzliche
in sich versenkt und es dabei zugleich als ihre Erscheinung erhält, ist Nichts gegenüber
den bestimmten Momenten und doch Alles, weil sie die Ganzheit aller Momente ist.
So ist alles Bestimmte in ihr gegründet. Das Trennen im Schweben ermöglicht erst das
bestimmte, endliche Reale, das Vereinen im Schweben bringt erst diese bestimmte
Realitäten in eine Beziehung und läßt sie als bestimmte und sich gegenseitig aus-
schließende erscheinen. Alle Realität hat ihren Ursprung in der synthetischen Einheit
des Schwebens."
80
Somit ist alles Bestimmte Ausdruck des Ganzen. Das Ganze läßt sich nicht bestim-
men, vielmehr ist es der ,,Lichtpunkt", wie Novalis es ausdrückt, aus dem ,,alle Reali-
tät ausströmt." Manfred Dick erläutert, wie sich die scheinbare Trennung von Subjekt
und Objekt als Produkt des ,,gemeinen Menschenverstandes" erweist. Subjekt und
Objekt sind nur insofern als Realität zu bezeichnen, da sie Produkte der Einheit des
Ganzen sind. Das Ganze selbst ist jedoch die eigentliche Wirklichkeit, die Quelle aller
Realität:
,,Der gemeine Menschenverstand denkt umgekehrt. Er geht von dem gegebenen Sub-
jekt und dem gegebenen Objekt aus und versucht eine Einheit zu den beiden hinzuzu-
denken, während in Wahrheit diese Entgegengesetzten immer schon in der syntheti-
schen Einheit stehen und aus ihr heraus erst möglich sind. Sie sind nur Realität, indem
79
Novalis: Fragmente und Studien bis 1797, hrsg. v. G. Schulz, a.a.O., S.310.

36
sie Ausfluß der absoluten Einheit sind. Diese selbst aber ist im Grunde die eigentliche
Realität, das reale Absolute."
81
Die Trennung von Subjekt und Objekt erweist sich somit als eine Notwendigkeit des
Intellekts, da der Mensch erst durch diese ,,Scheingegensetzung" eine Bestimmung
und Wahrnehmung seiner selbst und seinen Platz in der Welt erhält:
,,Wenn nun der allgemeine Gehalt nur im Ich wäre, so könnte man das bestimmte Sein
nicht dem Nur-Sein entgegensetzen? Der Glauben zwingt uns auch nur diese Schein-
gegensetzung vorzunehmen... So wechselt das Denken und das Fühlen die Rolle des
Subjektiven und Objektiven. ... Um das Ich zu bestimmen müssen wir es auf etwas
beziehn. Beziehn geschieht durch Unterscheiden..."
82
Der Mensch ist nicht in der Lage, sich des Moments der Trennung des einen Bewußt-
seins in Subjekt und Objekt bewußt zu werden, da sein Bewußtsein erst aus der Tren-
nung möglich wird. Über sein eigenes Bewußtsein hinaus hat der Mensch kein Be-
wußtsein, er besitzt immer nur ein Bewußtsein seiner selbst. Betrachtet der Mensch ein
Objekt, so projiziert er sein eigenes Bewußtsein in das Objekt. Im entgegengesetzten
Objekt wird sein eigenes Bewußtsein gespiegelt und kehrt als Wissen in ihn, ins Sub-
jekt, zurück. Dem Menschen als Subjekt erscheint das Angeschaute als Objekt, wel-
ches in Wirklichkeit er selbst ist, nur eben sich selbst vorschwebend als Objekt. Jede
Betrachtung bringt ein Verhältnis zwischen Subjekt und Objekt hervor, dieses Ver-
hältnis zwischen Subjekt und Objekt, ,,dieses Zurückkehren des Wissens in sich
selbst"
83
findet im Bewußtsein des Ich statt. Das dem Menschen vorschwebende Ob-
jekt ist nichts anderes als die Wahrnehmung seiner selbst, er selbst ist es, der sich im
gespiegelten Zustand als Nicht-Ich vorschwebt. Das Subjekt ist identisch mit dem
Objekt: ,,Um sich selbst zu begreifen muß das Ich ein anderes ihm gleiches Wesen
sich vorstellen, gleichsam anatomieren. Dieses andre ihm gleiche Wesen ist nichts
anderes, als das Ich selbst."
84
Das Ich ist demnach identisch mit dem Nicht-Ich: ,,Ich =
Nicht-Ich ­ höchster Satz aller Wissenschaft und Kunst."
85
So faßt auch Fichte zu-
sammen: ,,Es bedarf hier keines Bandes zwischen Subjekt und Objekt; mein eignes
Wesen ist dieses Band. Ich bin Subjekt und Objekt."
86
80
Dick, Manfred, a.a.O., S.101.
81
Dick, Manfred, a.a.O., S.101.
82
Novalis: Fragmente und Studien bis 1797, hrsg. v. G. Schulz, a.a.O., S.295.
83
Fichte, Johann Gottlieb: Die Bestimmung des Menschen, a.a.O., S.76.
84
Novalis: Fragmente und Studien bis 1797, hrsg. v. G. Schulz, a.a.O., S.295ff.
85
Novalis: Fragmente und Studien 1797-1798, hrsg. v. G. Schulz, a.a.O., S.384.
86
Fichte, Johann Gottlieb: Die Bestimmung des Menschen, a.a.O., S.76.

37
Die Trennung von Subjekt und Objekt erweist sich als eine intellektuelle Notwendig-
keit, um Bewußtsein und Wahrnehmung zu erlangen. Subjekt und Objekt und alle
scheinbaren Gegensätze erweisen sich aus der höheren Perspektive des Ganzen als
zwei Sichtweisen einer Einheit:
,,Was Ist, muß sich zu widersprechen scheinen, insofern man es gleichsam in seine
Bestandteile auflöst, welches man doch durch die Natur des Reflexionsvermögens
gleichsam gezwungen tun muß. Sein, Ich-sein, Frei-sein und Schweben sind Synony-
men ­ ein Ausdruck bezieht sich auf den andern ­ es ist nur von Einer Tatsache die
Rede ­ es sind nur Prädikate des einzigen Begriffs Ich ­ Begriff und Tatsache sind
aber hier eins."
87
Im folgenden Zitat beschreibt Novalis Polarität als eine ,,Unvollkommenheit", die
,,einst nicht mehr sein soll." Die Polarität soll als vorübergehendes ,,Mittel" dienen:
,,Polarität ist eine Unvollkommenheit ­ es soll keine Polarität einst sein. ... Wenigstens
wird sie einst nur Mittel, nur transitorisch sein dürfen."
88
Zu seiner Vorgehensweise schreibt Novalis: ,,Spinoza stieg bis zur Natur ­ Fichte bis
zum Ich, oder der Person. Ich bis zur These Gott."
89
In diesem Zitat wird das Streben
des Novalis nach einer tranzendentalen und ganzheitlichen Betrachtungsweise deut-
lich, die den Menschen in seinem Verhältnis von der Natur bis hin zu Gott umschließt.
Novalis betrachtet den Menschen stets im ganzen Zusammenhang mit der ihn umge-
benden Natur. Gott bezeichnet er im folgenden Fragment als These und Synthese und
stellt ihm den Mensch und die Natur als Antithese gegenüber, welche Gott ,,auf eine
umgekehrte Art" widerspiegeln:
,,Gott ist These und Synthese zugleich. Die Natur ist Antithese. Der Mensch und die
Natur machen die letztere aus. Sie muß Gott völlig gleich sein i.e. durch Entgegenset-
zung. Sie muß ihm völlig korrespondieren nur auf eine umgekehrte Art. Sie ist ein Bild
des Malers von sich selbst."
90
In diesem Zitat bezeichnet Novalis Gott als These, also als Ausgangspunkt, und als
Synthese, also als Ziel. Ihm gegenüber gestellt wird die Natur und der Mensch als An-
tithese, die ihm gleich sein müssen durch ,,Entgegensetzung", d.h. in der Natur und im
Menschen wird Gott entgegengesetzt gespiegelt. Natur und Mensch sind ,,ein Bild des
Malers von sich selbst." Sein und Bewußtsein, Subjekt und Objekt, Ich und Nicht-Ich,
87
Novalis: Fragmente und Studien bis 1797, hrsg. v. G. Schulz, a.a.O., S.311.
88
Novalis: Aus dem <Allgemeinen Brouillon> 1798-1799, hrsg. v. G. Schulz, a.a.O., S.471.
89
Novalis: Fragmente und Studien,bis 1797, hrsg. v. G. Schulz, a.a.O., S.300.

38
alle scheinbaren Gegensätze erweisen sich somit als zwei Ansichten des Einen und
gehören untrennbar in wechselseitiger Wirkung zusammen. Daraus ergibt sich als
Konsequenz ,,die in der Natur der Sache überhaupt liegende Unmöglichkeit, ein soge-
nanntes reines Produkt zu erhalten, da jedes Produkt als solches nur im Trennenden
aufgestellt werden kann." Die Trennung bedingt die Verbindung wie die Verbindung
die Trennung:
,,Was zertrennt werden soll, muß gebunden sein, was verbunden werden soll, getrennt.
Hieraus ergibt sich die in der Natur der Sache überhaupt liegende Unmöglichkeit, ein
sogenanntes reines, einfaches Produkt zu erhalten, da jedes Produkt als solches nur im
Trennenden aufgestellt werden kann. Alles Getrennte wird im Verbundnen, alles Ver-
bundne im Trennenden wahrgenommen."
91
Die Polarität könnte man somit als einen Kunstgriff der Natur bezeichnen, um sich
selbst betrachten zu können über das Medium des menschlichen Bewußtseins. Indem
sich der Mensch des polaren Prinzips seiner Wahrnehmung bewußt wird, schafft er die
Vorbedingung zur Verwandlung des Menschen. Ziel ist dabei, die trennende polare
Betrachtungsweise der Natur hinter sich zu lassen, um zu einer einheitlichen Sicht der
Dinge zu gelangen. Der zu neuem Bewußtsein erwachende Mensch durchschaut die
scheinbare Trennung der Natur als Notwendigkeit, oder wie Novalis sagt, als ,,Schein-
gegensetzung"
92
und erkennt, daß sie notwendiges Prinzip hinter der Welt ist, aus de-
ren Mitte das menschliche Bewußtsein und alle Realität erst strömt. Der Mensch selbst
ist Subjekt und Objekt. Er versteht, daß die scheinbare Trennung von dem Bewußtsei-
enden und dem Bewußten Bedingung für sein Bewußtsein ist, denn erst durch und in
der Anschauung eines Gegenüber erlangt er ein Bewußtsein seiner selbst.
93
Mit dieser Erkenntnis schwingt sich der Mensch hinauf in eine höhere Bewußtseinse-
bene und erlangt einen tieferen Einblick in die Verhältnisse der Welt. Er schafft die
Vorbedingung für eine neue Einstellung des Menschen zur Welt, die Novalis den ,ma-
gischen Idealismus`
94
nennt. Indem der Mensch versteht, daß alle Realität aus der
Sphäre seines eigenen Ich-Bewußtseins entströmt, muß er sich nicht mehr als Opfer
zweier dualistischer Kräfte fühlen, sondern er ahnt, daß in ihm selbst das Vermögen
liegt, sein Leben zu bestimmen.
90
Novalis: Fragmente und Studien bis 1797, hrsg. v. G. Schulz, a.a.O., S.300.
91
Novalis: Fragmente, hrsg. v. E. Kamnitzer, a.a.O., S.406.
92
Novalis: Fragmente und Studien bis 1797, hrsg. v. G. Schulz, a.a.O., S.295.
93
vgl. Fichte, Johann Gottlieb: Die Bestimmung des Menschen, a.a.O., S.77.
94
vgl. Novalis, hrsg. v. G. Schulz, a.a.O., S.460, S.466.

39
3. DIE ILLUSIONÄRE REALITÄTSVORSTELLUNG DES
MENSCHEN
,,Wer das Leben anders als eine sich selbst vernichtende Illusion ansieht, ist noch
selbst im Leben befangen."
95
3.1. Schweben zwischen Polen
Aus der Einheit der goldenen Zeit vollzieht sich die Aufspaltung der Natur in Sein und
Bewußtsein durch das Medium des Menschen, der sich durch sein erwachtes Bewußt-
sein als Subjekt in einer scheinbar von ihm getrennten objektiven Welt wiederfindet.
Diese polare Welt wird scheinbar von einer endlosen Kette zusammenhängender Ge-
gensatzpaare und Widersprüchen durchzogen und beherrscht. Der Mensch betrachtet
die Natur außer sich als Objekt und ahnt hinter ihr die goldene Zeit, die er durch seine
aufspaltende Wahrnehmung jedoch nicht mehr wahrnehmen kann. Der äußeren Pola-
rität entsprechend, verinnerlichen sich im Menschen polare Glaubensvorstellungen, so
daß er glaubt, in einer Welt zu leben, die das Spielfeld guter und böser Mächte ist. Aus
dem freien Schweben des Ich zwischen den Polen tritt die menschliche Sinnenwelt
hervor. Vermittels der Einbildungskraft vermag der Mensch sich aus einem reinen
Sein zu einem freien Sein zu erheben, wenn er in sich die Harmonie und Einheit der
Gegensätze herbeiführt. Novalis nennt Harmonie die Grundbedingung der Natur, die
das Schweben entstehen läßt. Aus diesem freien, harmonischen Schweben zwischen
den Polen entströmt alle Realität, aus diesem ,,Lichtpunkt des Schwebens" tritt die
polare Welt in Erscheinung:
,,Frei sein ist die Tendenz des Ich ­ das Vermögen frei zu sein ist die produktive Ima-
gination ­ Harmonie ist die Bedingung ihrer Tätigkeit ­ des Schwebens, zwischen
Entgegengesetztem. Sei einig mit dir selbst ist also Bedingungsgrundsatz des obersten
Zwecks ­ zu sein oder frei zu sein. Alles Sein, Sein überhaupt ist nichts als Freisein ­
Schweben zwischen Extremen... Aus diesem Lichtpunkt des Schweben strömt alle
Realität aus ­ in ihm ist alles enthalten ­ Objekt und Subjekt sind durch ihn, nicht er
durch sie."
96
95
Novalis: Fragmente und Studien 1797-1798, hrsg. v. G. Schulz, a.a.O., S.389.
96
Novalis: Fragmente und Studien bis 1797, hrsg. v. G. Schulz, a.a.O., S.310.

Details

Seiten
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
1998
ISBN (eBook)
9783832415815
ISBN (Paperback)
9783838615813
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Unbekannt
Note
1,0
Schlagworte
raum zeit körper mensch natur
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Titel: Verwandlung des Menschen - Vergeistigung der Welt
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