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Freiheit und Gerechtigkeit

Amartya Sens Fähigkeitenansatz

Bachelorarbeit 2011 44 Seiten

Politik - Sonstige Themen

Leseprobe

1. Einleitung

In den vergangenen Jahrzehnten hat der Capability-Approach (zu Deutsch: Capability-Ansatz, Befähigungsansatz, Fähigkeitenansatz oder teilweise auch Verwirklichungschancen-ansatz) von Amartya Sen beträchtliche Aufmerksamkeit aus den Bereichen der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, Philosophie und Ethik erhalten. Es handelt sich um einen ergebnisorientierten Ansatz, welcher Gerechtigkeit daran bemisst, ob ein Staat in der Lage ist eine Reihe von substantiellen Fähigkeiten in einer angemessenen Weise zu gewährleisten. Dieser Ansatz wird von einigen Autoren gar als ein möglicher Weg zur Neudefinition der Wirtschaftswissenschaften angesehen, ausgehend von einer Disziplin, welche sich lediglich auf Präferenzen und komparative Kostenvorteile konzentriert, hin zu einer Disziplin, welche sich mit den Bedürfnissen von Individuen beschäftigt, die in ein konkretes soziales und wirtschaftliches Umfeld eingebettet sind[1].

Es sei bereits hier darauf hingewiesen, dass sich Sens Fähigkeitenansatz bzw. seine Theorie der Gerechtigkeit, in einer Vielzahl von Werken entwickelt hat (beginnend mit der 1979 gehaltenen Tanner Lecture „Equality of What“), jedoch niemals gebündelt als einheitliche Fassung formuliert wurde. Eines kann diese Arbeit deshalb explizit nicht leisten: Die Position Sens in ihrer geschichtlichen Entwicklung darzustellen. Es wird sich daher im Wesentlichen auf sein 2009 erschienenes Werk „The Idea of Justice“ beschränkt und zur Vervollständigung, Verdeutlichung und Klärung werden vereinzelt weitere Werke Sens herangezogen. Dessen ungeachtet stellt der Fähigkeitenansatz heute eine relevante und grundlegende Alternative zu den klassischen ökonomischen Theorien in den Bereichen der Entwicklungsökonomie, Wohlfahrtsökonomik, Wirtschaftspolitik und Armutsforschung dar. Er kann zudem insbesondere als Rahmenwerk für die Bewertung und Analyse von wirtschaftspolitischen Maßnahmen herangezogen werden.

Mit dieser Arbeit wird die Absicht verfolgt, den Fähigkeitenansatz in seiner Breite darzustellen und zu bewerten. Es wird dazu mit einer ausführlichen Darstellung des zentralen Begriffs der Gerechtigkeit begonnen. Diese beinhaltet zunächst die grundlegende Frage nachdem, was Gerechtigkeit ist (2.1.). Des Weiteren wird der Begriff der Gerechtigkeit theoretisch erfasst und von dem der sozialen Gerechtigkeit abgegrenzt. Daraufhin werden im Abschnitt 2.2. die einzelnen Dimensionen des Gerechtigkeitsbegriffs nach Aristoteles dargestellt. Es wird sich dabei auf dessen Unterscheidung beschränkt, da Sen durch diese grundlegenden begrifflichen Unterscheidungen sehr stark beeinflusst wurde. Nach dieser theoretischen Einführung in das Thema folgt die Darstellung von Sens Gerechtigkeits-konzeption. Dazu kommt es vorab zu einer kurzen Vorstellung der Person Amartya Kumar Sen im Abschnitt 3.1.. Daran anschließend macht es der starke Bezug Sens auf die Positionen John Rawls' erforderlich die Rawlssche Theorie der Gerechtigkeit darzulegen (3.2.1). Die Kritik Sens wird ebenfalls in entsprechender Breite dargestellt (3.2.2.), da diese bereits den Ausgangspunkt seiner eigenen Gerechtigkeitstheorie darstellt. An dieser Stelle wurde ein hinreichendes theoretisches Grundgerüst erarbeitet, welches es schließlich erlaubt im Abschnitt 3.3. den Fähigkeitenansatz von Sen zu erläutern. Hierzu wird zunächst der eigentliche Ansatz aufgearbeitet (3.3.1), wonach eine Betrachtung des Freiheitsbegriffs folgt, welchem im Fähigkeitenansatz eine zentrale Stellung zukommt. Dafür wird sowohl eine Unterscheidung zwischen negativer und positiver Freiheit (3.3.2.1), als auch eine Unterscheidung zwischen konstitutiver und instrumenteller Freiheit (3.3.2.2) vorgenommen.

Im Abschnitt 3.4. wird der Versuch unternommen, den Fähigkeitenansatz wissenschafts-theoretisch und methodologisch einzuordnen. Anschließend wird die Frage der praktischen Umsetzung des Ansatzes erörtert (3.5.). Dabei wird sich auf die Operationalisierung im Kontext des Human Development Index beschränkt[2]. Es folgt eine kurze Darstellung der Weiterentwicklung des Fähigkeitenansatzes von Martha Nussbaum, welche den wissenschaftlichen Diskurs zu diesem Thema maßgeblich mitbestimmt hat.

An diesem Punkt wurden die verschiedenen Aspekte des Fähigkeitenansatzes hinreichend dargestellt, wodurch nun zu der Kritik an Sens Konzept übergegangen werden kann. Hierfür wird die grundsätzliche Kritik Friedrich August von Hayeks an der Forderung nach sozialer Gerechtigkeit begonnen (4.1.), woran sich die Kritik von Thomas Pogge an der Rolle der Institutionen im Fähigkeitenansatz anschließt (4.2.). Diese Arbeit endet mit Schluss-bemerkungen und einer abschließenden kritischen Würdigung der Arbeit von Amartya Sen im 5. Abschnitt.

2. Der Gerechtigkeitsbegriff

2.1. Was ist Gerechtigkeit?

„Wenn die Gerechtigkeit untergeht, so hat es keinen Wert mehr,

daß Menschen leben auf Erden.“ Immanuel Kant (1724-1804)

Eine abschließende Klärung der Frage „Was ist Gerechtigkeit?“ oder „Was ist gerecht?“ kann und soll an dieser Stelle nicht vorgenommen werden. Es soll lediglich eine Orientierung zum Begriff der Gerechtigkeit gegeben werden, der einer der umstrittensten Begriffe der Ethik, Rechtsphilosophie, Sozialwissenschaften und Ökonomie darstellt.

In erster Linie ist Gerechtigkeit eine mögliche, jedoch keine notwendige Eigenschaft von gesellschaftlichen Ordnungen. Eine soziale Ordnung kann zwar gerecht sein, jedoch muss sie dies nicht notwendigerweise. Nur zweitrangig handelt es sich um eine menschliche Tugend, da ein Individuum nur dann als gerecht charakterisiert werden kann, wenn sein Verhalten einer als gerecht angesehenen sozialen Ordnung entspricht. Doch welche Ordnung ist, aus welchen Gründen, gerecht? Eine Ordnung wird meist dann als gerecht empfunden, wenn sie jeden hinreichend zufriedenstellt und sie es ermöglicht unter ihr sein persönliches Glück zu finden[3]. Wenn dies zutrifft, ist Gerechtigkeit gleichbedeutend mit individuellem Glück, welches durch eine spezifische gesellschaftliche Ordnung garantiert werden muss. Kelsen (1953) beschreibt die Sehnsucht der Menschen nach Gerechtigkeit daher als Ausdruck der beständigen Sehnsucht nach Glück[4]. Unabhängig davon, ob dieser Überzeugung gefolgt werden will oder nicht, muss sich jeder Gerechtigkeitsbegriff zumindest an der individuellen Würde jedes Menschen messen lassen. Nur dadurch kann er für sich in Anspruch nehmen, über den Kontext einer spezifischen sozialen Gruppe hinaus, allgemeine Anerkennung zu erhalten[5]. Gerechtigkeit ist nur dann einforderbar, wenn derjenige dem Gerechtigkeit, sei es Chancengerechtigkeit oder Beteiligungsgerechtigkeit, verwehrt wird, identifizierbar ist (d.h., es einen individuellen Bezugsrahmen gibt). Folglich kann Ungerechtigkeit nur dann beseitigt werden, wenn es möglich ist sie zu benennen und zu identifizieren[6].

In der gegenwärtigen Diskussion dominiert der Begriff der sozialen Gerechtigkeit. Es ist daher angebracht diesen näher zu beleuchten und von dem Begriff der Gerechtigkeit abzugrenzen. Zunächst ist festzuhalten, dass dieser eng an der Vorstellung des Gemeinwohls orientiert ist. Diese Konzeption formuliert folglich einen Gerechtigkeitsanspruch auf gesellschaftlicher Ebene und kann daher als „die Gesamtheit der Gerechtigkeitsforderungen, die auf die soziale Ordnung moderner, also staatlich organisierter und funktional stark differenzierter Gesellschaften, Anwendung finden“ (Koller 2006, S. 89) definiert werden. Dieser Begriff ist nicht personalisiert, weshalb ihm jegliche Anbindung an das Individuum fehlt. Gerechtigkeit, ohne einen Bezug zur Gesamtgesellschaft, stellt ausschließlich eine Handlungskategorie dar, durch das Präfix „sozial“ (welches lediglich aussagt, dass es um Gesellschaftliches geht) kommt es zu einer Umdeutung in eine Systemkategorie[7]. Die soziale Gerechtigkeit befasst sich dementsprechend mit Schwierigkeiten, die erstmalig im 19. Jahrhundert unter dem Begriff der „sozialen Frage“ zusammengefasst wurden. Dies sind im Wesentlichen Auseinandersetzungen mit Problemen, welche insbesondere die Arbeiterschaft in den wachsenden Städten betraf: mangelnde Bildung, urbane Verelendung, schlechte Arbeitsbedingungen und die steigende Arbeitslosigkeit[8]. Es ist jedoch festzustellen, dass der Begriff der sozialen Gerechtigkeit in der Theorie „kaum fundiert und analytisch wenig differenziert ist“ (Merkel & Krück 2004, S. 86). Um den theoretischen Diskurs in diesem Feld voranzubringen, entwickelten Merkel und Krück (2004) eine so genannte „Vier-Felder-Matrix der Gerechtigkeitsdebatte“ (Abb. 1), in welcher sie selektiv vier bedeutende zeitgenössische Gerechtigkeitstheorien einordnen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1. Vier-Felder-Matrix der Gerechtigkeitsdebatte[9]

Wie oben dargelegt, sollte ein Gerechtigkeitsbegriff, um allgemeine Geltung für sich beanspruchen zu können, einen klaren Bezug zum Individuum haben, weshalb sich diese Arbeit ausschließlich mit dem ersten und dritten Quadranten (d.h. mit individuumsbezogenen Theorien) dieser Matrix befasst. Andere Ansätze können nur schwerlich Gerechtigkeit als einen Maßstab für politische, rechtliche und soziale Verhältnisse heranziehen, da diese immanent individuell determiniert sind. Doch ebendieser Aspekt der Gerechtigkeit soll hier behandelt werden.

2.2. Begriffsklärung – Maßgebliche Unterscheidungen

Die ursprünglich von Aristoteles in seinem Werk Nikomachische Ethik eingeführte systematische Klassifizierung, kann noch heute als grundlegende Unterscheidung der Gerechtigkeitskonzeptionen herangezogen werden. Darüber hinaus stellt sie für Amartya Sen ein gedankliches Fundament dar, von welchem ausgehend er seine Theorie entwickelt[10].

Aristoteles ist der grundsätzlichen Überzeugung, dass die Einhaltung von Gesetzen kein natürlicher Instinkt ist, sondern der Ausdruck einer Tugend und Voraussetzung für moralisches Handeln[11]. Aristoteles versteht eine Tugend als etwas, was um seiner selbst Willen anzustreben ist. Er bezeichnet die Gerechtigkeit als höchste Tugend im Frieden und die Tapferkeit als höchste im Kriege[12]. Darüber hinaus stellt das Gesetz für ihn die Grundlage für eine gerechte Ordnung dar, welche Glückseligkeit (eudaimonia) für das Individuum und die gesamte Gesellschaft garantiert. Aristoteles prägt das heutige Verständnis des Gerechtigkeitsbegriffes darüber hinaus vor allem durch seiner Kategorisierung der Gerechtigkeit, in solche Gegenstände, die nach geometrischer Gerechtigkeit bemessen werden sollen (soziale Güter) und solche, die nach arithmetischer Gerechtigkeit zu messen sind (wirtschaftliche Güter)[13]. Er klassifiziert darüber hinaus folgende drei Gerechtigkeitsaspekte: Gesetzesgerechtigkeit, distributive Gerechtigkeit und ausgleichende Gerechtigkeit[14], die im Folgenden näher erläutern sind:

Die Gesetzesgerechtigkeit stellt den formalen Gerechtigkeitsaspekt dar. Gerecht ist demnach, was geltenden Gesetzen, Normen und Regeln entspricht. Die bestehenden Gesetze determinieren folglich die Entstehung von Gerechtigkeitskonzeptionen, die daher national sehr unterschiedlich sein können.

Die distributive Gerechtigkeit oder Verteilungsgerechtigkeit betrifft bei Aristoteles die Zuteilung von Dingen die unter den Mitgliedern der Gemeinschaft aufgeteilt werden können (bspw. Ehre oder Reichtum). Ziel ist dabei nicht Gleichheit, sondern Angemessenheit zu erreichen (geometrische Proportionalität). Entscheidendes Kriterium bei der distributiven Gerechtigkeit ist, dass „Gleichem Gleiches und Ungleichem Ungleiches“ zukommt. Zur Möglichkeit der Messung der Verteilungsgerechtigkeit unterscheidet er zwischen zwei Ansätzen: der ergebnisorientierten und der prozeduralen Gerechtigkeitskonzeption[15]. Wenn der prozeduralen Gerechtigkeitskonzeption gefolgt wird, ist jeder Endzustand gerecht, der auf gerechte Art und Weise zustande gekommen ist. Die ergebnisorientierte Gerechtigkeits-konzeption verlangt hingegen, dass beispielsweise eine Einkommensverteilung an dem erreichten Endzustand zu messen ist.

Das Konzept der Verteilungsgerechtigkeit ist gegenwärtig sehr umstritten. Ähnlich wie die Ökonomie, welche sich mit Entscheidungen, die unter Knappheitsbedingungen getroffen werden und deren gesellschaftlichen Auswirkungen, befasst, knüpft das Konzept der Verteilungsgerechtigkeit ebenfalls an der Begrenztheit natürlicher Ressourcen an[16]. In beiden Fällen ist die Frage, wie diese Güter und Ressourcen zu verteilen sind, zu beantworten. Es kommt daher zwangsläufig zu einem starken Spannungsfeld zwischen ökonomischen Effizienzüberlegungen und ethischen Gerechtigkeitsabwägungen. Friedrich August von Hayek versucht diesen Gegensatz aufzulösen, indem er die fundamentale Frage stellt, ob in einem Marktsystem, welches primär Tauschgerechtigkeit produzieren soll, Verteilungs-gerechtigkeit überhaupt notwendig ist (Vgl. Abschnitt 4.1.).

Schließlich kann Gerechtigkeit als ausgleichende bzw. wiederherstellende Gerechtigkeit verstanden werden. Dieser Aspekt stellt eine stärker rechtliche Dimension dar. Statusbedingte Unterschiede bleiben unberücksichtigt, weshalb das Prinzip des arithmetischen Mittels nicht zur Anwendung kommt. Diese Gerechtigkeitsauffassung sieht vor, „dass ein wie immer ethisch ausgezeichneter Zustand - als richtig oder gut - aufrechtzuerhalten oder wiederherzustellen ist, wenn dieser gestört wurde“ (Mazouz 2002, S. 370).

3. Amartya Sens Gerechtigkeitskonzeption

3.1. Zur Person – Amartya Kumar Sen

Amartya Kumar Sen wurde am 3. November 1933 in Santiniketan, im indischen Bundesstaat Westbengalen, geboren. Er wuchs in einer gut situierten Akademikerfamilie auf, doch war er keinesfalls von den sozialen Ungerechtigkeiten des Landes abgeschottet. In seiner Kindheit wurde er im starken Maße durch die bengalische Hungersnot (1943) geprägt, welche zwischen zwei und drei Millionen Opfer zur Folge hatte. Besonders die Tatsache, dass sich diese Hungersnot ausschließlich auf Menschen der untersten ökonomischen Schichten auswirkte, bewegte ihn sehr[17]. Dieses Erlebnis prägte Sen offenbar nachhaltig, bis heute gehören die Themen Armut, Gerechtigkeit und menschliche Entwicklung zu den Schwerpunkten seiner Forschungsarbeit.

In Kalkutta studierte er Wirtschaftswissenschaften am Presidency College. Er führte sein Studium an der Cambridge University fort, an welcher er seine Doktorarbeit mit Bravur beendete und daraufhin ein Stipendium erhielt. Dieses ermöglichte ihm an dem Trinity College in Cambridge für vier Jahre Philosophie zu studieren. Dieser Exkurs sollte sich für seine spätere Forschung als sehr nützlich herausstellen. Er hatte in seiner akademischen Karriere zahlreiche Professuren an renommierten Universitäten wie Berkeley, Stanford, Oxford oder Cambridge inne.

Im Jahre 1988 wurde er schließlich für seine Beiträge zur Wohlfahrtsökonomik und der Forschung über die Ursachen von Hunger und Armut mit dem Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften ausgezeichnet[18]. Diese Ehrung erhielt er als erster aus Asien stammender Wirtschaftswissenschaftler[19]. Heute ist Sen Professor der Ökonomie und Philosophie an der Harvard University. Er selbst sagt über seine Verbindung mit der Wissenschaft folgendes:

“I was born in a University campus and seem to have lived all my life in one campus or another.” (Sen 1998, Abschnitt 1)

3.2. Kritik an John Rawls und dem transzendentalen Institutionalismus

3.2.1. Theorie von John Rawls: Gerechtigkeit als Fairness

John Rawls[20] (1921-2002) bearbeitete in seinem 1971 erschienen Werk „A Theory of Justice“ (dt.: „Eine Theorie der Gerechtigkeit“) die kontraktualistische Vertrags- und Staatstheorie neu, wobei es ihm gelang eine Verbindung zwischen der Rational Choice Theorie und einem normativen Ansatz herzustellen[21]. Zudem wurde erstmals eine systematische Alternative, zu der bis dahin vorherrschenden Denkrichtung des Utilitarismus geliefert. Die auf ihn nachfolgenden Gerechtigkeitstheorien beziehen sich zumindest teilweise auf die Rawlssche Gerechtigkeitskonzeption (Gerechtigkeit als Fairness) und seine Auseinandersetzung mit dem Utilitarismus.

Rawls Hauptziel war es „einen vernünftigen Gerechtigkeitsbegriff für die Grundstruktur der Gesellschaft“ (Rawls 1975, S. 23) zu finden. Er geht davon aus, dass sich Gesellschaften basierend auf einer sozialen Kooperation zum gegenseitigen Vorteil gründen. In der Rawlsschen Konzeption soll den Individuen ihre eigene zukünftige Position in der Gesellschaft hinter einem Schleier des Nichtwissens (veil of ignorance) verborgen bleiben, wodurch sie in einen Zustand versetzt werden, in dem sie moralische Entscheidungen ausschließlich aus Beweggründen der Vernunft treffen (original position). Dies ermögliche es jene Gesellschaftsgrundsätze zu finden, welche allgemeine Gültigkeit erlangen sollen:

„The idea of the original position is to set up a fair procedure so that any principles agreed to will be just.“ (Rawls 1971, S. 118)

Rawls konstruiert einen solchen Zustand, da er davon überzeugt ist, dass Gerechtigkeits-grundsätze dann am ehesten gerechtfertigt sind, wenn diese durch „freie und vernünftige Menschen, in ihrem eigenen Interesse, in einer anfänglichen Situation der Gleichheit“ (Rawls 1975, S. 28) beschlossen werden. Die Entscheidung für die Gerechtigkeitsgrundsätze, welchen er eine zentrale Rolle in der Gesellschaftsordnung zuschreibt, sollen nach dem risikovermeidendem Maximin-Prinzip (Maximierung des minimalen Nutzens) getroffen werden. Demnach soll diejenige Alternative gewählt werden, deren schlechtestes Ergebnis besser ist (bei schlecht möglicher Ausstattung in Bezug auf soziale Klasse, Fähigkeiten usw.) als jedes andere. Es wird demnach immer von dem schlechtesten Ausgang (dem Minimum) ausgegangen und versucht dieses jeweils zu maximieren. So entsteht nach Rawls eine vernünftige Entscheidung zur Verteilung aller gesellschaftlichen Grundgüter.

Rawls leitet aus diesem Gedankenexperiment zwei Gerechtigkeitsgrundsätze ab. Während der erste Grundsatz eine absolut gleiche Verteilung von Freiheiten und Rechten fordert (Menschen mit ähnlichen Fähigkeiten sollen dabei Anspruch auf ähnliche Chancen haben (fair equality of opportunity)), verlangt der zweite sozioökonomische Gerechtigkeit zu schaffen. Er sieht vor gesellschaftliche und ökonomische Ungleichheiten dann, und nur dann, als gerecht zu charakterisieren und zu akzeptieren, wenn damit die Chancen der am schlechtesten gestellten Gesellschaftsmitglieder (least advantaged) verbessert werden (Differenzenprinzip).

„Inequalities are to be arranged so that they are […] to the greatest benefit to the least-advantaged members of society.” (Rawls 1971, S. 53)

Rawls geht dabei von einer dynamischen Ökonomie aus, in der es, durch die Ungleichverteilung materieller Güter, zu einem Anstieg der Gesamtgütermenge kommen kann. Dieses Anwachsen des Reichtums dient den least advantaged insofern, dass diese wiederum mehr Güter zur Verfügung haben, als in einem Fall, in dem Ungleichverteilung ausgeschlossen worden wäre[22]. Es kommt Rawls insbesondere darauf an, dass die Individuen mit gleichen Grundgütern ausgestattet werden, welche es ermöglichen die ungleichen sozialen Startbedingungen auszugleichen und zu korrigieren.

Abschließend sei angemerkt, dass John Rawls' „Theorie der Gerechtigkeit“ einen einschneidenden Paradigmenwechsel eingeleitet hat. Im Bereich der normativen Ethik gelang es ihm die Grundintuition des utilitaristischen Prinzips („das größte Glück der größten Zahl“) abzulösen und die Idee der „Gerechtigkeit als Fairness“ an Stelle dessen durchzusetzen. Rawls sieht den Grundfehler des Utilitarismus zum einen in der Verwechslung zwischen Nichtparteilichkeit und Nichtpersönlichkeit.[23]:

The fault of the utilitarian doctrine is that it mistakes impersonality for impartiality” (Rawls 1971, S. 166).

Zum anderen kritisiert Rawls am Utilitarismus, dass dieser das kollektive Wohl über die Freiheit der Individuen stellt. Rawls hingegen gibt individuellen Freiheiten einen Vorrang vor sozialen Umverteilungsprinzipien (mittels der lexikalischen Ordnung seiner beiden Gerechtigkeitsgrundsätze). Dies stellt den entscheidenden Unterschied gegenüber dem klassischen Utilitarismus dar[24]. Trotz seiner Kritik am Utilitarismus muss Rawls zu dieser Denkschule zugeordnet werden, da auch seine Theorie zumindest partiell auf interpersonelle Vergleichbarkeit der Nutzen und Kardinalität angewiesen ist[25]. An diesem Punkt knüpft die Kritik von Amartya Sen bereits an. Im folgenden Abschnitt 3.2.2. werden Sens Kritikpunkte an der Methodologie (transzendentalen Institutionalismus) und der Rawlsschen Gerechtigkeitsvorstellung ausführlich dargelegt.

3.2.2. Kritikpunkte von Amartya Sen

Amartya Sen identifiziert innerhalb der Ideengeschichte der Gerechtigkeit zwei verschiedene Denkrichtungen (Sen 2009, S. 5ff). Einerseits den transzendentalen Institutionalismus (transcendental institutionalism), welcher die Identifikation von idealen institutionellen Strukturen zur Schaffung und Sicherung einer vollkommenen Gerechtigkeit in den Mittelpunkt stellt. Andererseits gibt es verschiedene Ansätze, welche sich mit dem Vergleich von tatsächlich existierenden gesellschaftlichen Ordnungen befassen. Diese komparativ geprägte Denkrichtung (realization-focused comparison) fokussiert die Wirkungsweise von Institutionen, welche tatsächlich vorhanden sind oder leicht verwirklicht werden könnten. (Sen 2009, S. 7ff). Rawls lässt sich, mit seinem Werk „A Theory of Justice, eindeutig in die Denkschule des transzendentalen Institutionalismus einordnen.

Sens Kritik setzt an dieser wissenschaftlichen Herangehensweise und dem Fokus auf gesellschaftliche Institutionen an. Entscheidend sei es, ob Institutionen für Gerechtigkeit förderlich sind, weshalb Institutionen selbst keine Manifestation des Gerechten sein könnten. Wenn eine Theorie der Gerechtigkeit zudem dazu dienen soll, zu einer eindeutigen Wahl von Grundsätzen und der Beschaffenheit von Institutionen zu gelangen, ist es weder notwendig noch hinreichend eine vollkommen gerechte Gesellschaft zu definieren und zu charakterisieren[26]. Wenn eine Gesellschaft die Wahl zwischen zwei Zuständen A und B hat, hilft die Kenntnis davon, dass ein anderer Zustand C der optimale Zustand wäre, bei der Entscheidungsfindung in keiner Weise. Sen verfolgt folglich einen Ansatz, welcher sich nicht auf abstrakte Institutionen und Regeln (arragment-focused) konzentriert, sondern auf tatsächliche Realisierungen (realization-focused)[27]. Debatten über Fragen der Gerechtigkeit, welche sich mit praktischen Problemstellungen auseinandersetzen, so argumentiert Sen weiter, können ohne Vergleiche nicht auskommen. Selbst, wenn dem transzendentalen Institutionalismus folgend, die Bedingungen einer vollständig gerechten Gesellschaft identifiziert werden könnten, müsste dennoch bestimmt werden, wie die bestehende Gesellschaft in diesen idealen Zustand der gesellschaftlichen Ordnung zu überführen sei. Diese Reformen und Veränderungen, welche zu einer Annäherung an jenes identifizierte Gerechtigkeitsideal führen sollen, würden dessen ungeachtet eine komparative Einschätzung erfordern. Eine schlichte Identifizierung, der als gerecht angesehenen Gesellschaft, würde folglich nicht hinreichend sein, um diesen Zustand zu erreichen[28].

Sen kritisiert zudem an dem transzendentalen Institutionalismus, dass sich dieser lediglich auf nationaler Ebene anwenden lässt:

„Perfect global justice through an impeccably just set of institutions, even if such thing could be identified, would certainly demand a sovereign global state, and in the absence of such a state, questions of global justice appear to the transcendentalists to be unaddressable.“ (Sen 2009, S. 25)

Dieser Kritikpunkt Sens legt dar, dass Rawls Ansatz, wenn dieser auf globaler Ebene Geltung haben will, einen souveränen globalen Staat bzw. eine Weltregierung nach Kantschem Verständnis verlangt. Da eine solche Institution jedoch nicht existiert, kann dieser Ansatz und diese Theorierichtung nur auf staatlicher Ebene zur Anwendung kommen (Nussbaum entkräftet diesen Kritikpunkt weitgehend (Vgl. Abschnitt 3.6)). Jedoch muss hier angemerkt werden, dass Rawls diesen Anspruch nicht erhebt. Er schränkt seine Theorie bewusst ein und betrachtet die „Gesellschaft als [ein] geschlossenes System [...], das keine Verbindung mit anderen Gesellschaften hat.“ (Rawls 1975, S.24). Gerechtigkeitsaspekte auf transnationaler Ebene, vor allem im Völkerrecht sind für ihn von sekundärer Bedeutung[29].

Nachdem bis hierhin die Kritikpunkte Sens an der methodische Herangehensweise Rawls dargestellt wurden, folgen nun die Hauptkritikpunkte am Inhalt der Rawlsschen Theorie (das Rawlssche Differenzprinzip und der Bezug zu gesellschaftlichen Grundgütern), welche gleichzeitiger Ansatzpunkt für den Fähigkeitenansatz sind.

Für Sen ist es selbstverständlich, dass Menschen ohne den Zugang zu elementaren Grundgütern kein gutes Leben führen können. Er kritisiert jedoch, dass es sich lediglich um Mittel für ein solches Leben handele, die als solche keinen Endzweck darstellen. Der Rawlssche Ansatz berücksichtige, in einem zu geringen Maße die Unterschiedlichkeit von Individuen. Der Fokus auf materielle Grundgüter stelle, in Anlehnung an Karl Marx[30], regelrecht einen Fetisch dar:

„Indeed, it can be argued that there is, in fact, an element of “fetishism” in the Rawlsian framework. Rawls takes primary goods as the embodiment of advantage, rather than taking advantage to be a relationship between persons and goods.“ (Sen 1979, S. 216)

Niemand schätze Vermögen, Besitz oder Einkommen (primary goods) an sich, sondern lediglich ob bzw. inwieweit diese Grundgüter dazu genutzt werden können, um Fähigkeiten zu entwickeln, welche benötigt werden um ein Leben nach einem individuellen und selbst gewählten Lebensplan zu führen (conversion)[31]. Die Rawlsschen Grundgüter, die lediglich ein Mittel zum persönlichen Wohlergehen (well-being) darstellen, werden von Sen durch diese persönlichen Umwandlungsfaktoren erweitert, um dadurch zu einer genaueren Einschätzung der tatsächlichen Freiheiten und Wahlmöglichkeiten eines Individuums zu kommen. Grundgüter können folglich ausschließlich als Instrument zur Freiheit angesehen werden. Sie spiegeln nicht das Ausmaß der Freiheit wider, welches durch individuelle Übersetzung von Grundgütern in Freiheiten, zur Erreichung bestimmter selbst gewählter Lebensentwürfe, erreicht wird. Diese Möglichkeit zur conversion hängt folglich nicht ausschließlich von der Anzahl der zur Verfügung stehenden Güter ab, sondern wird maßgeblich durch Faktoren wie die physische Verfasstheit, das soziokulturelle Umfeld, Talente, etc. determiniert (conversion factors). Sen sieht das Hauptproblem infolgedessen im fehlenden Bezug bzw. der mangelnden Berücksichtigung von grundsätzlichen Handlungsmöglichkeiten und individuellen Grund-fähigkeiten (interpersonal variability argument[32]). Sen formuliert seine Kritik dabei wie folgt:

„The Difference Principle will give him neither more nor less on grounds of being a cripple.“ (Sen 1980, S. 215)

Zudem entsteht durch diesen Fokus auf Grundgüter, eine Abhängigkeit von den jeweiligen kulturellen Gegebenheiten. Die Unabhängigkeit von kulturellen Charakteristika des Fähigkeitenansatzes stellt für Sen einen entscheidenden Vorteil gegenüber dem Ansatz von Rawls dar.

Sen verwirft trotz der dargestellten Kritik an der Methodologie und der Rawlsschen Gerechtigkeitskonzeption die Rawlssche Theorie keinesfalls vollständig. Er betont, dass sein eigener Ansatz als eine Erweiterung oder Weiterentwicklung der Gerechtigkeitstheorie von Rawls anzusehen ist:

“The focus on basic capabilities can be seen as a natural extension of Rawls concern with primary goods, shifting attention from goods to what goods do to human beings." (Sen 1980, S. 218f)

Aus den vorausgegangenen Ausführungen sollte deutlich geworden sein, dass Sen einer komparativ geprägten Denkrichtung angehört und daher davon absieht ein konkretes Gerechtigkeitsideal zu entwickeln. Seine Intention ist nicht die Erarbeitung von gerechten institutionellen Strukturen oder ähnlichem. Er konzentriert sich nicht auf abstrakte Regeln oder Gerechtigkeitsprinzipien. Sen interessiert sich vielmehr für die vergleichende Messung der Lebensqualität und Fragen der sozialen Gerechtigkeit. Er beschreibt hierfür neue Indikatoren und Maßstäbe, an denen solche Fragestellungen identifiziert und bemessen werden sollten, mit dem Ziel die Vernachlässigung wesentlicher Bestandteile des menschlichen Lebens zu beheben.

[...]


[1] Vgl. Nelson 1996, S. 35.

[2] Die deutsche Armuts- und Reichtumsberichterstattung zieht beispielsweise ebenfalls den Fähigkeitenansatz als konzeptionelles Rahmenwerk heran. Vgl. hierzu Volkert 2005, S. 11ff.

[3] In der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1776 ist das Streben nach Glück (the pursuit of happiness) als elementares Recht fest verankert.

[4] Vgl. Kelsen 1953, S. 2.

[5] Vgl. Oermann 2007, S. 102.

[6] Vgl. Oermann 2007, S. 193.

[7] Vgl. Oermann 2007, S. 102.

[8] Vgl. Höffe 2007, S. 85.

[9] Quelle: Merkel & Krück 2004, S. 89.

[10] Vgl. Sen 1999, S. 13f.

[11] Es ist „also jene Tugend, durch die der Gerechte sich für das Gerechte entscheidet und danach handelt“ (Aristoteles 1969, 1134a2-8).

[12] Gerechtigkeit gilt bereits bei Platon als eine Kardinaltugend (neben der Klugheit, Tapferkeit und Besonnenheit). Sie wird bei ihm sowohl dem politischen als auch dem individuellen Bereich zugeordnet.

[13] Vgl. Llanque & Münkler 2007, S. 347f.

[14] Vgl. Mazouz 2002, S. 366.

[15] Vgl. Mazouz 2002, S. 366.

[16] Vgl. Höffe 2007, S. 26f.

[17] Vgl. Sen 1998, Abschnitt 3.

[18] The Sveriges Riksbank Prize in Economic Sciences in Memory of Alfred Nobel“ ist die einzige

Auszeichnung, welche offiziell mit der Nobel Foundation in direkter Verbindung steht, daher oft als „Nobelpreis

für Wirtschaftswissenschaften“ bezeichnet.

[19] Vgl. Krohn 2008, Abschnitt 1.

[20] Auf eine Vorstellung Rawls' wird bewusst verzichtet.

[21] Vgl. Hartmann 2005, S. 132 ff.

[22] Vgl. Mazouz 2002, S. 368.

[23] Vgl. Höffe 1998, S. 14ff.

[24] Vgl. Reese-Schäfer 2006, S. 7.

[25] Vgl. Gijsel et al. 1984, S. 11.

[26] Vgl. Sen 2009, S. 15.

[27] Vgl. Sen 2009, S. 7, 10.

[28] Vgl. Ebd. S. 400f.

[29] „I am leaving aside two important matter: questions of justice between societies (the law of nations), and our relation to the order of nature“ (Rawls 1980, S. 524).

[30] In einem anderen Zusammenhang gebraucht und prägt Marx den Begriff des „Warenfetisch“.

[31] Vgl. Sen 1999, S. 74f.

[32] Vgl. Crocker 1992, S. 591.

Details

Seiten
44
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783842818491
Dateigröße
561 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v228541
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, Economics
Note
1,0
Schlagworte
gerechtigkeit freiheit amartya john rawls friedrich hayek

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