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Gegenstand und Bedeutung von soziokultureller Arbeit im Hinblick auf die kultur- und bildungspolitische Situation in Hamburg

Diplomarbeit 2005 75 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Gegenstand der Stadtteilkulturarbeit und Soziokultur
2.1. Entstehung und Entwicklung
2.2. Animation, Soziokultur und soziokulturelle Arbeit
2.3. Zielgruppen und Ziele soziokultureller Arbeit
2.4. Aufgabenstruktur soziokultureller Fachkräfte
2.5. Gesellschaftlicher Standort soziokultureller Arbeit
2.6. Soziokultur und kulturelle Bildung
2.7. Vorläufiges Fazit

3. Kultur
3.1. Erklärung des Kulturbegriffs
3.2. Kulturgeschichte
3.3. Kulturwandel
3.4. Vorläufiges Fazit

4. Soziokultur in Hamburg
4.1. Kultur- und Sozialpolitik in Hamburg
4.2. Globalrichtlinie Stadtteilkultur

5. Befragung – Wohin führt die Soziokulturelle Arbeit im Kontext mit der Kulturpolitischen Situation in Hamburg?
5.1. Strukturdaten des Landesverbands Soziokultur Hamburg
5.2. Informationen zur Befragung
5.3. Ergebnis der Befragung

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

8. Erklärung

1. Einleitung

In der Zeit vom 12.03.2001 bis 13.07.2002 absolvierte ich mein hochschulgelenktes Praktikum in dem Verein "Kunstraum" e.V. in Hamburg Langenfelde. Ich entschied mich damals für den Schwerpunkt „Freizeit- und Kulturarbeit“, da es ein Bereich ist, der mich persönlich sehr interessiert, und in dem ich durch meine bisherige Tätigkeit als Erzieherin ansatzweise arbeitete. Mein Interesse liegt u.a. in der Kunstpädagogik, Theaterarbeit und ähnlichen kreativen Tätigkeiten mit Menschen. Daher suchte ich mir eine Einrichtung, die einerseits pädagogisch, andererseits künstlerisch und kreativ arbeitet. Als ich mich bei dem Verein "Kunstraum" vorstellte, und mir das Team erklärte, wie sie arbeiten, war es für mich sofort klar, das der Verein in diesen o.g. Bereichen tätig ist, und ich dort noch viel lernen kann. "Kunstraum" veranstaltete Spielfeste, die Wanderausstellung „Sinnfonie“ (eine interaktive Ausstellung zu den fünf Sinnen), bot Theaterprojekte an und Gewalt- und Konfliktpräventionsseminare an Schulen. "Kunstraum" hatte ein großes Netzwerk zu Stadtteilkulturzentren, Künstlern, Handwerkern, Architekten, Theatern und Schulen. Anders als die Stadtteilkulturzentren verfügte "Kunstraum" über keine eigenen Veranstaltungsräume. Alle Aktivitäten fanden z.B. in Räumen von Stadtteilkulturzentren, an Schulen, Theatern und sogar in anderen Städten Deutschlands satt.

In den drei Praxissemestern erlebte ich, wie sich aus einem Verein heraus zusätzlich eine Firma entwickelte. Seit Ende meines Praktikums bis zum jetzigen Zeitpunkt hat sich "Kunstraum" e.V. zu "Kunstraum" GfK (Gesellschaft für Kommunikationsdesign) weiterentwickelt. Die Projekte wurden größer, der Schwerpunkt wurde im Laufe der Zeit auf die Konzeption und Realisation von interaktiven Ausstellungen verlagert und große Firmen wurden die Hauptgeschäftspartner.

Als Beispiel ist die Ausstellung „Sinnfonie“ zu nennen. „Sinnfonie“ entstand aus den Spielfesten heraus. Am Anfang waren es ein halbes Dutzend Exponate, aus denen, je nach Auftraggeber und Interessenten, mehr wurden. So ergaben sich Folgebuchungen und darüber hinaus Interessenten, die für ihre Firma und deren Produkte eine interaktive Ausstellung konzipiert und umgesetzt haben wollten.

Diese Entwicklung steht auf dem ersten Blick für eine positive Entwicklung von soziokultureller Arbeit. Sieht man jedoch genauer hin, sind Aspekte zu erkennen, die nicht den ursprünglichen Zielen soziokultureller Arbeit entsprechen. "Kunstraum" GfK hat die Arbeit in eine kommerzielle Geschäftsrichtung ausgerichtet. Hinter soziokultureller Arbeit verbirgt sich jedoch die Grundidee einer „Kultur von allen – für alle“.

Auf diese Idee wird gerade seit der Pisa – Studie verstärkt zurückgegriffen und auf ein Bildungsdefizit verwiesen. Gerade in diesem Zusammenhang wird das Argument auf außerschulische Bildung gerichtet. Es wird von „Kultur für alle – Bildung für alle“ gesprochen. Um dieses jedoch umzusetzen bedarf es der finanziellen Mittel. Es wird vom LVS (Landesverband Soziokultur) darauf hingearbeitet, dass sowohl die Schulbehörde, als auch die Jugendhilfe sich an der Finanzierung von Projekten zwischen Schule und soziokulturellen Einrichtungen beteiligen.

Da ich diesen Bereich persönlich als spannendes Arbeitsfeld ansehe, möchte ich mich im Rahmen der Diplomarbeit näher mit diesem Thema befassen. Im ersten Teil werde ich die theoretischen Grundlagen soziokultureller Arbeit erläutern, und diese dann im zweiten Teil auf die Kultur- und Bildungspolitische Praxis in Hamburg übertragen. Zur Verdeutlichung habe ich ein Interview geführt und schließe mit einem Fazit ab.

2. Gegenstand der Stadtteilkulturarbeit und der Soziokultur

2.1. Entstehung und Entwicklung

Wie die Arbeitsfelder der sozialen Arbeit hat auch die Stadtteilkulturarbeit einen historischen Hintergrund. Die Geschichte Soziokultureller Arbeit reicht in vielen Ländern Europas bis ins Ende des 19. Jahrhunderts zurück. Akteure waren damals glaubensbesorgte Christen, Kulturbewusste auch ohne Religion, machtpolitisch denkende Beamte und arbeitssuchende Akademiker, als Rahmenbedingung die Tendenz der Moderne, auch kulturelle Einrichtungen zu demokratisieren (vgl. Knoblich, 2001, S. 7). Am Beispiel der Niederlanden liegen ihre Wurzeln in der damaligen Volksbildung. Sie bezeichnete man als Teil der Aufklärung und Emanzipation des Bürgers, der sich vom Adel und Geistlichkeit unabhängig machen wollte. Die Aufklärung erhielt den Charakter einer Befreiungsbewegung, durch die sich der Mensch von dem moralischen und intellektuellen Zwang der Kirche löste. Auch in politischer und sozialer Hinsicht wurde die Freiheit für einen Menschentypus proklamiert, der nicht länger der souveränen Macht eines Königs unterstellt war, sondern zum mündigen Bürger werden sollte.

Im weiteren war die Volkserziehungsbewegung eine Korrektur auf die Armutsbekämpfung, hinter der die Idee stand, die Armenpflege müsse durch erzieherische Strategien ergänzt werden: nicht in erster Linie die Armut, sondern die Armen seien ein Problem. Armut wurde vor allem als ein Erziehungsproblem betrachtet und das Volk müsse zu bürgerlichen Tugenden - Verantwortlichkeit, Tüchtigkeit, Sparsamkeit, Anstand und Häuslichkeit – erzogen werden (vgl. Spierts, 1998, S.35 u. 36).

Der Durchbruch der Volksbildungsarbeit erfolgte mit der Einführung der Volkshäuser. Das erste Volkshaus in den Niederlanden, „Ons Huis“, wurde 1892 im Amsterdamer Jordaan gegründet. Doch schon 1884 wurde auf Anregung Arnold Toynbees im Londoner Armenviertel East End die „Toynbee Hall“ gegründet. Studenten und Akademiker konnten dort leben und arbeiten, und so entstand Kontakt zwischen Arm und Reich. Eine ähnliche Idee stand hinter dem Konzept des Niederländischen „Ons Huis“. Die vermögende Klasse hatte die Gelegenheit, den Arbeiter und die Seinen kennenzulernen und diesem vom Besten, was sie besitzen, kund zu tun. Hier soll der Gelehrte seine Wissenschaft, der Künstler seine Kunst, der Experte seine Kenntnisse denjenigen vermitteln, die keine Gelegenheit hatten, davon zu erfahren und zu lernen. Durch zwanglosen Umgang und geselligen Zusammensein sollte gegenseitige Wertschätzung erzeugt werden. Die Anhänger des Toynbeewerkes in den Niederlanden beabsichtigten schrittweise zu einer Gesellschaft zu gelangen in der für Gegensätze, basierend auf Klasse und Religion, kein Platz mehr sein würde (vgl. Spierts, 1998, S. 38 u. 39).

Zwischen den beiden Welkriegen 1914 – 1945 wuchs die Volksbildungsarbeit. Es entstanden Dorfhäuser, die ähnlich wie die Volkshäuser, den Schwerpunkt auf die Etablierung einer Gemeinschaft aus Arm und Reich legte.

Eine Anzahl der „Ons Huis“ Beteiligten war der Meinung, dass der ungeschulten arbeitenden Jugend zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt würde. Sie beschlossen die Gründung separater Klubhäuser für die Jugend. Die ersten Klubhäuser, in Rotterdam (1920) und Den Haag (1926), richteten sich vor allem auf die Arbeit mit Jungen. Der Schwerpunkt lag hier nicht, wie in den Volkshäusern, auf Bildungsarbeit sondern auf Ausspannung und Betreuung der Arbeiterjugend.

Die ersten Nachbarschaftshäuser wurden 1925 in den Niederlanden in Drenthe gegründet. Sie wurden in leerstehenden Militärbaracken untergebracht. Die Nachbarschaftshäuser bildeten ein wichtiges Instrument zur integralen Bewältigung ökonomischer, sozialer und hygienischer Probleme. Die Gründung der Nachbarschaftshäuser durch die Provinzbehörde war eine direkte Folge der misslichen ökonomischen Situation Drenthes.

Mit Ausnahme der Volkshäuser richteten sich die „Häuser“ vorwiegend auf die niedrigeren sozialen Klassen.

Bei den meisten dieser Initiativen spielten Behörden eine größere Rolle, wenn auch anfänglich nicht im finanziellen Sinne. Die Niederländische Staatsbehörde richtete 1915 eine Staatskommission zur Untersuchung der Entwicklung der 13 – 18 jährigen ein. Die moderne Industrie brachte sowohl körperliche als auch moralische Schäden bei jungen Arbeitern hervor. Es wurde viel körperlich gearbeitet, die jungen Menschen „schlenderten nach der Arbeit rum“, oder spannten einfach aus. Sie wurden nicht mehr geistig gefordert und es drohten dadurch moralische Schäden zu entstehen. Dieser Bildungs- und Schulungsmangel der Arbeiterjugend sollte in der Freizeit kompensiert werden. Die Kommission, die von Psychologen und Pädagogen beraten wurde, beschloss, „jede Initiative, welche auf körperliche, intellektuelle, gesellschaftliche, sittliche, religiöse, und ästhetische Emporhebung der Jugend zielt mit Beifall aufzunehmen – dies ungeachtet der Richtung, aus der sie kommen mag“. Hier konnte zwar noch nicht von direkter behördlicher Intervention gesprochen werden, wohl aber spielten Behörden eine Rolle bei der Entwicklung von einer moralischen zu einer wissenschaftlichen Annäherung an die ältere Jugend (vgl. Spierts, 1998, S. 42 - 45).

Die Zielsetzungen der Klub- und Quartierhäuser wurden nach dem zweiten Weltkrieg von der Subventionspolitik der Behörden beeinflusst. Zwei Entwicklungen – die bereits vor dem zweiten Weltkrieg eingesetzt hatten – traten deutlicher in den Vordergrund:

- die Ausrichtung auf spezifische Bevölkerungsgruppen
- der auf Stadtteil und Nachbarschaft bezogene Charakter der Arbeit

Nun richtete sich die Erziehung und Bildung außerhalb der Schule nicht mehr nur auf die Arbeiterjugend, sondern auf die, nach dem Krieg sog. verwilderte Massenjugend .

In den 60ern entstanden erste offene Jugendzentren, in denen offene Jugendarbeit praktiziert wurde. Die bisherigen Entwicklungen waren nicht ohne Einfluss auf den Stand der soziokulturellen Profession. Das Aktivitätenangebot und die Quartierbezogene Arbeit blieb unverändert, aber die Zahl der Berufskräfte stieg an und ging Hand in Hand mit der Einführung neuer Arbeitsmethoden. Von den Vereinigten Staaten aus wurden „case – work“, „social groupwork“ und „community organization“ als neue Methoden nicht nur in den Niederlanden, sondern auch in Deutschland eingeführt.

„Case – work“ kam vor allem in der Sozialarbeit zur Anwendung, „Social groupwork“ galt als eine geeignete Methode für Klub- und Quartierarbeit und „Community organization“ wurde als eine wichtige Methode für Initiativen auf dem Gebiet des Gemeinwesenaufbaus angesehen.

„Social groupwork“ wurde als Methode für soziales Interaktionstraining betrachtet, d.h. mehr Einfluss seitens der Teilnehmer ermöglichte es den kulturellen Arbeitern gezielt auf die Erfahrung der Teilnehmer eingehen zu können. Eigeninitiative und Dialog nahmen allmählich den Platz des Direktiven und des auf einseitigen Transfer zielenden Handelns ein.

Gab es 1945 erst 84 soziokulturelle Einrichtungen in den Niederlanden, so belief sich ihre Zahl in den 60ern auf rund 600. In den 70ern stieg ihre Zahl dann explosiv an. 1978 schlossen sich die identitätsgebundenen Dachverbände in der nationalen Vereinigung GAMMA zusammen. Trotz Sparmaßnahmen war die Zahl soziokultureller Einrichtungen im Jahr 1986 auf 1492 gestiegen. Innerhalb des Berufes kultureller Arbeiter entstanden Spezialisierungen wie Arbeit mit Kleinkindern, Kindern, Teenagern, Jugendlichen, Mädchen, Erwachsenen, andere Ethnien, Frauen- und Erziehungsarbeit (vgl. Spierts, 1998, S. 48 – 51).

Nach dem historischen Abriss werde ich die gängigsten Begrifflichkeiten erläutern, die gerade im Kultur- und Bildungsbereich häufig verwendet werden

2.2. Animation, Soziokultur und soziokulturelle Arbeit

Parallel zu den Entwicklungen in den Niederlanden entstand in den 50ern und 60ern in Frankreich die sogenannte „Animation“. Sie ist Bezeichnung für bestimmte kulturelle und soziale Handlungen (vgl. Moser, 1999, S. 41). Im folgenden soll zum besseren Verständnis geklärt werden, was unter „Animation“ zu verstehen ist.

In Deutschland wurde der in Frankreich aufkommende Begriff „Animation“ von Opaschowski auf breiter Basis rezipiert. Er verstand ihn als Kategorie der Freizeitwissenschaft und Freizeitpädagogik. Er ging davon aus, das Animation primär, dennoch nicht nur in der Freizeit angesiedelt ist, und die Freiwilligkeit an der Teilnahme konstitutiv für sie ist. Daher spricht er nicht von „soziokultureller“, sondern von „Freizeit – kultureller Animation“. Allgemein definierte er „Animation“ folgendermaßen:

„Animation – ein Schlüsselbegriff im Freizeit-, Kultur- und Bildungsbereich – bezeichnet eine neue Handlungskompetenz der nicht direktiven Motivierung, Anregung und Förderung in offenen Situationsfeldern. Animation ermöglicht Kommunikation, setzt Kreativität frei, fördert die Gruppenbildung und erleichtert die Teilnahme am kulturellen Leben. Wesentlich an der neuen Handlungskompetenz ist, dass sie sich anderer als nur verbaler Mittel bedient. Dass sie außer dem intellektuellen auch den emotionalen und sozial – kommunikativen Bereich anspricht.“ (vgl. Opaschowski, 1979, S. 47)

Opaschowskis Beschreibung für „Freizeit – kulturelle Animation“ formulierte er praxisorientierter:

„Freizeit – kulturelle Animation bezeichnet

- das Ziel der Ermutigung, Anregung und Befähigung, beim einzelnen oder der Gruppe Begeisterung dafür zu wecken, eigene Fähigkeiten und Möglichkeiten, die latent vorhanden sind, zu entdecken und zur Entfaltung zu bringen;
- die Methode der Motivierung, Initiierung und Förderung von Lernprozessen und/oder Aktivitäten und/oder sozialen Aktionen einzelner oder Gruppen;
- den Prozess personen-, gruppen-, oder gemeinwesenorientierter Belebung, Beratung und Begleitung;
- die Wirkung der Kontaktierung, Aktivierung und Koordinierung von Angeboten, Aktivitäten und Aktionen.“
(vgl. Opaschowski, 1979, S. 55)
Harald Michels definiert „Animation“ folgendermaßen:
„Animation im weitesten Sinne umfasst die Gesamtheit von Aktivitäten, Maßnahmen und Interventionen,
- die auf Freizeitbezogene Zielfunktionen (Emanzipation, autonomes Handeln, Selbstverwirklichung, Spaß und Erleben, kommunikative und kreative Prozesse) gerichtet sind,
- fungiert nach diesem Verständnis als globale Beschreibung der Tätigkeit und Kompetenz im Freizeitbezogenen Berufsfeld,
- auf unterschiedlichen Ebenen (Mikro- bis Makroebene) des Handelns und
- in unterschiedlichen gesellschaftlichen Teilsystemen (politischen, ökonomischen, sozialen, kulturellen, pädagogischen)“

Und er präzisiert: „Animation im eigenen Sinne umfasst

- auf der konkreten Handlungs- und Interaktionsebene
- die intendierte Gestaltung und Beeinflussung
- der Wirksamkeit von materialen und sozialen Umweltfaktoren auf
- das Erleben und Verhalten von Individuen,
- vor allem in Gruppensituationen“.

(vgl. Michels, 1995, S. 24 u. 25)

Zusammengefasst bedeutet soziokulturelle Animation den Versuch, den Machtlosen ihre Stimme zu leihen. Hier ging und geht es darum dazu beizutragen, dass Außenseiter und Schwache ihren Platz in der Gesellschaft aktiv einfordern und Selbstbewusstsein entwickeln - mit dem Ziel, Prozessen der Diskriminierung und Stigmatisierung ihre eigene Identität entgegensetzen zu können (vgl. Moser, 1999, S. 78).

In Deutschland wurde die Animation nicht zu einer zentralen Größe, sondern zum Gegenstand theoretischer Diskussion und praktischer Tätigkeiten, die auf verschiedene Weise den einzelnen Bereiche zugeordnet wurden. Letztendlich hat der Begriff „Freizeitpädagogik/ Freizeitwissenschaft“ die Animation absorbiert. In soziokulturellen Zentren wird nicht mehr von Animation gesprochen, sondern von soziokultureller Arbeit (vgl. Moser, 1999, S.49). Der Begriff Soziokultur hat sich in Deutschland eigenständig entwickelt. Was nun aber ist Soziokultur? Die deutsche Bundesregierung definierte 1990 Soziokultur wie folgt:

- „Für die Soziokultur sind heute nach allgemeinen Verständnis sparten- und generationsübergreifende kulturelle Aktivitäten mit sozialen Bezügen kennzeichnend,
- die vorrangig den kommunikativen Prozess fördern sollen.
- Soziokultur ist geprägt von einer breiten Vielfalt sich überschneidender Kultur-, Bildungs- und Sozialarbeit,
- die insbesondere auch politisch aktuelle und gesellschaftlich relevante Themen und Probleme umfasst,
- sowie auch gesellschaftskritische Ansätze kennt.“

(vgl. Schulze 1993, S. 20)

Kulturpolitisch betrachtet steckt hinter dem Begriff Soziokultur zunächst ein Reformanspruch, der Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre formuliert wurde und sich gegen die bis dahin eher restaurative Kulturpolitik des Nachkriegsdeutschlands West wandte (vgl. Knoblich, 2001, S. 7). Noch bis in die 60-er Jahre hinein war die bundesdeutsche Kulturdebatte vom Selbstverständnis geprägt, dass Kulturpolitik der traditionellen Kunst- und Heimatpflege dienen müsse und zur Absicherung bekannter Kulturinstitutionen wie Theatern, Opernhäusern, Museen und Symphonieorchestern beizutragen hätte. Aktuelle gesellschaftspolitische Fragen und Problemstellungen blieben eher ausgeblendet. Der Wandel vollzog sich mit großer Energie in der Nachfolge der 68-er Studentenbewegung und lässt sich möglicherweise mit dem Wahlkampfmotto Willy Brandts aus dem Jahre 1972 illustrieren: „Mehr Demokratie wagen!“

Mit diesem Slogan fühlten sich nicht nur zahlreiche Kulturschaffende in ihrem Unmut im Umgang mit patriarchalischen, hierarchischen Kulturbetrieben angesprochen. Vielmehr begann eine Debatte, mit der sowohl das begriffliche Bezugssystem für Kulturpolitik überhaupt als auch die Ausprägung von Förderschwerpunkten in Bewegung geriet.

So brachten Herman Glaser und Karl Heinz Stahl den Begriff der Soziokultur in die deutsche Debatte ein. Es ging ihnen darum, die Gesellschaft durch Kultur zu demokratisieren und mit dem Kulturverständnis zu brechen, das die Welt des Geistes adelte und zur eigentlichen Kultur erhob, zu einem bürgerlich – idealistischen Reich, das sich von den Niederungen bloßer Zivilisation abwandte (vgl. Glaser/ Stahl 1974). Mit Kultur demokratisieren hieß folglich – daher die Vorsilbe „Sozio“ -, sie ganzheitlich zu fassen, sie mit dem Leben zu versöhnen, Chancengleichheit und Mitbestimmung zu ermöglichen. Damit hieß es weg von einer elitären Hegemonialkultur des schönen Scheins, hin zu pluralisierten Formen ästhetischer Praxis mit einer „Kultur für alle“ und „von allen“(Hoffmann, 1974).

Im weiteren hieß dies die Trennung von kulturellen und öffentlichen Raum zu überwinden, von Publikum und Künstler oder hoch professionalisierter Kunst und selbstorganisierten künstlerischem Schaffen. Es ging um die Wiederherstellung der Politik, die sich an die Wiederherstellung des Ästhetischen knüpft. Ästhetisches lernen, gezielter Umgang mit Informationen, Kritikfähigkeit, die Vermittlung von Ethik und Ästhetik sollten Themen sein, deren umfassende Bewältigung zum Rückgewinn eines Behagens in der Kultur führen könne, wenn die Mitbestimmung des Individuums durch Mitbestimmung an und in der Gemeinschaft in den Spielräumen der Kultur umgesetzt würde. Somit wäre der enge und abgeschottete Kulturbegriff zugunsten einer Revitalisierung der Kunst als Medium lebendiger Auseinandersetzung überwunden. Mehr noch, die Kunst würde nicht nur für den gesellschaftlichen Raum zurückgewonnen werden, sondern Kultur selbst infolge des Bedeutungszuwachses „weit“ gefasst nicht nur auf die Kunst beschränkt werden. Orte und Formen des eigenen Lebens und Handelns würden jetzt Gegenstand von Kultur (vgl. Knoblich, 2001, S. 8)

Aus dem allgemeinen Aufbruchklima dieser Jahre entstanden bundesweit zahlreiche Initiativen, die mit je eigenen Themenschwerpunkten auch als neue soziale Bewegungen beschrieben werden. Zahlreiche Künstler trugen mit ihrem Engagement zur Herausbildung eigener kultureller Milieus bei. Medienwerkstätten verstanden sich als Teil der Anti-Atomkraft- und Mieterbewegung. Filmclubs waren nicht nur Foren zur Erörterung einer neuen Filmsprache sondern auch Diskussionszirkel zur Dritte-Welt-Problematik und freie, d.h. nicht an ein festes Haus gebundene Theatergruppen, experimentierten mit neuen Themen, Formen und Spielorten. Es kristallisierten sich neue Treffpunkte für kulturelle Ereignisse heraus.

1973 wurde außerdem in der Erklärung des Deutschen Städtetages formuliert, dass Bildung und Kultur als Elemente der Stadtentwicklung zu begreifen sind (vgl. Deutscher Städtetag, 1973). Schon in den 60ern verwies Alexander Mitscherlich in seiner Streitschrift „Die Unwirtlichkeit der Städte“ auf die Zersiedelung und typisierten Neubauten, die Entmischung von Wohnen und Arbeiten, die Identitätslosigkeit der Zentren, die einst Herzen der Stadt waren, fehlende Spielplätze oder Stätten der Begegnung und die daraus resultierenden sozialen Folgen. Die Wiederaneignung des Raumes, die sich auch mit der Forderung nach einer Neuordnung der Besitzverhältnisse an Grund und Boden verband, ist ein soziokulturelles Thema. Er forderte „städtische Begegnungsorte“, in denen sich die Meinungsverschiedenheiten mit politischen Folgen kundgeben könnten (vgl. Mitscherlich, 1969). Glaser und Stahl sprachen von „Orten des Informationszugriffs, des Kommunikationsprozesses und eingreifenden Handelns“ die möglichst überall verbreitet zu schaffen seien. Diese Orte wurden tatsächlich geschaffen und sind das Herzstück dessen, was heute unter Soziokultur verstanden wird (vgl. Glaser/ Stahl, 1974).

Was charakterisiert soziokulturelle Einrichtungen? Zu soziokulturellen Einrichtungen gehören jene, die in der 1979 als eingetragener Verein gegründeten „Bundesvereinigung sozio - kultureller Zentren“ respektive den Landesarbeitsgemeinschaften organisiert sind (vgl. Knoblich, 2001, S. 9). Die Bundesvereinigung soziokultureller Zentren formuliert die Definition folgendermaßen:

„Soziokulturelle Zentren sind Einrichtungen, deren Ziele durch folgende Merkmale bestimmt sind:

- Basis- und Nutzer/innenorientierung
- Integration verschiedener Altersgruppen, sozialer Schichten und Nationalitäten
- Offenheit und Transparenz
- Formen sozialer politischer Arbeit sowie demokratische Kultur
- Initiierung sozialer, politischer und kultureller Lernprozesse
- Betonung des demokratischen und humanistischen Inhalts von Kultur und Widerstand gegen faschistische und menschenverachtende Bestrebungen
- Förderung kultureller und künstlerischer Bewegung von unten
- Selbstverwaltung
- Verwendung aller Mittel und Einkünfte für oben genannte Ziele
- demokratische Entscheidungsstruktur
- nichtkommerzielle Ausrichtung.“

(Bundesvereinigung 1991, zitiert nach Schulze, 1993, S. 46)

Ein wichtiger Akzent soziokultureller Arbeit besteht dabei in der Position, dass „sozio“ nicht mit sozial identisch sei. Sozialarbeit und Gemeinwesenarbeit spielen jedoch eine wichtige Rolle in der soziokulturellen Arbeit und Vertreter dieses Bereiches verweisen zu Recht auf mangelnde Stichhaltigkeit des oft behaupteten Gegensatzes zwischen Sozialarbeit und soziokultureller Arbeit. Der Unterschied könnte darin liegen, dass der Begriff Soziokultur auf eine allgemeine Rückgewinnung des öffentlichen Raumes und seine Gestaltung verweist (Autonomie, Selbstorganisation), also keinen „Reparaturcharakter“ im Sinne eines Engagements für Benachteiligte wie in der Sozialarbeit vertritt. Zwar wäre eine Forderung nach einer gemeinsamen Quartierspolitik in der Kultur- und Sozialarbeit zu begrüßen, denn es geht um die Gestaltung einer Lebenspraxis „von unten“, in der sowohl Lebensstile, kulturelle Praxen und sozialräumliche Gestaltungen, als auch die Aktivierung von typischen Gruppen in der Gemeinwesenarbeit eine Rolle spielen. Dennoch sind soziokulturelle Zentren nicht mit sozialkulturellen Einrichtungen zu verwechseln (vgl. Knoblich, 2001, S. 9 u. 10).

Daher werde ich im folgenden Kapitel diesen Unterschied anhand der Zielgruppe und der Ziele soziokultureller Arbeit verdeutlichen.

2.3. Zielgruppen und Ziele soziokultureller Arbeit

In der Historischen Übersicht ist die soziokulturelle Arbeit bereits als eine allgemeine Dienstleistung dargestellt worden, die grundsätzlich jedem offen steht. Die verschiedenen Angebote soziokultureller Aktivitäten sind jedoch teilweise Zielgruppenorientiert und wenden sich an folgende Personen und Personengruppen:

- Altersbezogene Einteilung unterscheidet:
- Kleinkinder
- Kinder Teenager
- Teenager
- Jugendliche
- Erwachsene
- Senioren
- Sozialpolitische Einteilung unterscheidet:
- Mädchen
- Frauen
- Ausländer und andere Ethnien
- Ausländerinnen
- Arbeitslose
- Jugendliche in Randgruppen
- Jugendliche ohne feste bleibe
- Fahrende
- Flüchtlinge
- Behinderte

Fokussierte Aufmerksamkeit für bestimmte Gruppen birgt die Gefahr, dass Stigmatisierung, Isolation und Ausgrenzung verursachen wird. Zum Beispiel: Ein Kinderfest speziell für Migrantenkinder bedeutet nicht nur den Ausschluss anderer Kinder, sondern enthält auch das Risiko, dass Migrantenkinder in die Isolation geraten und auf der Strasse Schwierigkeiten haben werden, Anschluss zu anderen Altersgenossen zu finden. Auch dann, wenn die Verbesserung des Zusammenlebens in der Nachbarschaft, im Stadtteil oder im Dorf auf der Agenda steht, gehören grundsätzlich alle Bewohner zur Zielgruppe soziokultureller Arbeit.

Soziokulturelle Arbeit kann man als eine Dienstleistung für Individuen, Gruppen und Organisationen bezeichnen, welche auf deren kulturelles und gesellschaftliches Funktionieren zielt. Soziokulturelle Arbeit findet vorwiegend, aber nicht ausschließlich in der Freizeit statt. Ihre Aktivitäten können auf Arbeit, Schulung, Fürsorge oder Erziehung ausgerichtet sein. Sie spricht jedoch die Menschen primär im Bereich ihrer Freizeit an. Der soziokulturelle Arbeiter hilft den Menschen bei der für sie sinnvollen Realisierung und Konzipierung ihrer freien Zeit, sowie bei der Gestaltung ihres kulturellen Alltags. Außerdem verhilft soziokulturelle Arbeit Personen und Gruppen zur aktiven Partizipation an der Gesellschaft und aktiviert soziale Organisationen, um zusammen mit den Betroffenen deren gesellschaftlichen Probleme anzugehen (vgl. Moser, 1999, S.64, 65 u. 68).

Anhand der folgenden Skizze soll verdeutlicht werden, in welche Bereiche soziokulturelle Arbeit reicht und zielt:

- Kunst & Kultur
- Erholung & Freizeit
- Erziehung & Bildung
- Gemeinwesenaufbau

Im großen Rahmen bewegt sich die soziokulturelle in den Bereichen:

- Freizeit,
- Medien,
- Sorge – und Hilfeleistung,
- und Arbeit.

(s. nächste Seite)

Abb. 1

Blumenkonfiguration der soziokulturellen Arbeit

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Quelle: Spierts, Balancieren & Stimulieren, 1998, S. 76, Schema 3.3.)

Anhand dieser Abbildung wird die Position und die Vielfältigkeit soziokultureller Arbeit deutlich. Sie kann einerseits in allen vier Bereichen ein Angebot realisieren und andererseits werden Menschen angeregt, Initiativen zu ergreifen oder sich anderswo an Aktivitäten zu beteiligen. Die Aktivitäten soziokultureller Arbeit brauchen keine Endstation zu sein, sie sind offen für jeden Menschen und sie berät und betreut all jene, die die stärker spezialisierten Einrichtungen und Organisationen in Anspruch nehmen möchten (vgl. Spierts, 1998, S. 75).

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Details

Seiten
75
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783832495541
ISBN (Buch)
9783838695549
Dateigröße
806 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v224677
Institution / Hochschule
Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg – Sozialpädagogik
Note
2,3
Schlagworte
kulturgeschichte stadtteilkulturarbeit bildung globalrichtlinie

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