Lade Inhalt...

Fotografie als Medium zur Erweiterung ästhetischer Wahrnehmung und als einflussnehmendes Element auf identitätsstiftende Prozesse

Diplomarbeit 2004 81 Seiten

Kunst - Fotografie und Film

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitende Gedanken

2. Kreativität – eine grundlegende Handlungsvariable von Fotografie, ästhetischer Wahrnehmung und von Prozessen der Identitätsgestaltung
2.1 Von der gesellschaftlichen Relevantz und dem lebenspraktischen Nutzen kreativen Tuns

3. Ästhetische Wahrnehmung als sinngenerierende Gestaltungsvariable identitätsstiftender Prozesse

4. Identität- ein imaginärer Selbstentwurf des Subjekts
4.1 Das Identitätskonstrukt nach R.Y. Rausch

5. Von der gesellschaftlichen Relevantz ästhetischer Wahrnehmung als identitätsgestaltende Ressource
5.1 Identitätsgestaltung unter erschwerten Bedingungen

6. Von der Relevantz und Potenz einer Hinführung zur konstruktiven Mediennutzung

7. Die Fotografie als einflussnehmendes Medium auf identitätsgestaltende Prozesse
7.1 Der Blick durch den Sucher – ein besonderer Raum zwischen In- und Umwelt
7.2 Die Bildbetrachtung im Hinblick auf Fotografie und ihre Raum- zeitliche Qualität
7.3 Der fotografische Prozess- eine dynamische Verflechtung von Umweltbezug und Innwelterleben
7.4 Der Fotoapparat- ein alltagstauglicher Gebrauchsgegenstand
7.5 Die Fotografie- ein offenes Mittel zur Aneignung vielfältigster Thematiken
7.6 Der Ausschnittcharakter und die perspektivische Veränderung des Blickes durch den Sucher
7.7 Fotografie als Mittel zur Rekonstruktion biografisch erfahrener Kontinuität der eigenen Lebensgeschichte
7.8 Fotografie als Medium zum Kommunikationsanreiz
7.9 Fotografie als politisches Medium und seine Einflussnahme auf Prozesse der Identitätsgestaltung

8. Zusammenfassende Gedanken

Anhang

Literaturverzeichnis

Internetadressenverzeichnis

Eidesstattliche Erklärung

1. Einleitende Gedanken

Während ich mir die Frage stellte, welchen thematischen Schwerpunkt ich in einer Diplomarbeit vertiefen wollte, wanderten die für mich tendenziell in Frage kommenden Themen- und Interessenbereiche in der sozialen Arbeit immer wieder zum Themenbereich der künstlerischen Fotografie.

Das mag zum einen daran liegen, dass ich mir -neben dem Studium der sozialen Arbeit- ein finanzielles “Spielbein“ als Fotokünstlerin im Bereich der Werbe- und Dokumentarfotografie aufbauen konnte, zum anderen hat mich die Auseinandersetzung mit Fragen bezüglich potenzieller Möglichkeiten einer sinnvollen Nutzung des Mediums Fotografie in der sozialen Arbeit, hin zu einer unterstützenden Einflussnahme auf identitätsstiftende Persönlichkeitsprozesse, seit einiger Zeit beschäftigt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Kamera bietet mir ein hohes Potenzial an Selbstbestimmung meiner subjektiven Sehweisen und dadurch auch außerhalb meines künstlerischen Schaffens ein freieres und kreatives Umgehen in (und mit) meiner Lebensumwelt.

Das Anliegen dieser Diplomarbeit ist es, genau diese Potenz der künstlerischen Gestaltung mit der Kamera, als ein für die soziale Arbeit nutzbar zu machendes Werkzeug, herauszustellen.

Schwieriger wurde es bei der Recherche nach schon vorhandener wissenschaftlicher Literatur zu dieser Thematik. Die Komplexität des Themenschwerpunktes hat Rose Yvonne Rausch in ihrem Buch Identität- ein Gestaltungsexperiment sehr schön hervorgehoben, indem sie von einem “wissenschaftlichen Grenzgebiet zwischen Pädagogik, Psychologie und Ästhetik“[1] spricht.

In Bezug auf den praktischen Nutzen einer Hinführung zum medialen Gestalten ist die soziologische Diskussion von Postmoderne, Mediengesellschaft, Patchworkidentität und diffuser Lebenswelt-orientierung ein ebenso weitreichendes wie nicht wegzudenkendes Element. Um diese Arbeit dennoch möglichst übersichtlich und sinnzusammenhängend schreiben zu können, werde ich mich dem Thema nacheinander, von den jeweils verschiedenen wissenschaftlichen Schwerpunkten her, annähern.

Bei dieser vielschichtigen Herangehensweise an das Thema Fotografie ist eine eher philosophische Betrachtungsweise meiner Meinung nach unumgänglich, wobei ich mich jeweils auf zugrundeliegende wissenschaftliche Literatur der einzelnen Gebiete beziehe und sie in neue oder miteinander verwobene Sinnzusammenhänge setze.

Da die Kreativität ein Element ist, welches sowohl in der Fotografie als auch bei der ästhetischen Wahrnehmung, wie auch bei identitätsgestaltenden Prozessen, eine zentrale Rolle spielt, werde ich im ersten Teil dieser Arbeit Kreativitätstheorien in den Vordergrund stellen. Die Fragen: Was ist eigentlich Kreativität, woran macht sie sich fest, welche Persönlichkeitselemente spielen für ihren Ausbau eine Rolle und wie kann sie persönlich genutzt oder ausgeweitet werden, sollen hier im Mittelpunkt stehen und in die Thematiken Ästhetische Wahrnehmung, Reflexives Denken und Kreativität als ressourcenbelebendes Element einführen.

Im zweiten Teil dieser Arbeit nähere ich mich über Identitäts- und Subjekttheorien dem Thema der Fotografie als einflussnehmendes Element auf identitätsstiftende Prozesse an. Wie entsteht überhaupt das subjektive Gefühl einer Identität, wo ist es zwischen Umwelt in „Innwelt“ zu definieren, was sind Identitätsbausteine, und welche Rolle kann Kreativität bei der Gestaltung einer festen und flexiblen Identitätsentwicklung spielen.

In diesem Zusammenhang werde ich ausführlich auf die Post-modernediskussion eingehen: Patchworkidentität und Risikogesellschaft sind die Schlagworte, unter denen das Subjekt zur Zeit seine Identität gestalten muss. Die gesamte Diskussion zur medialisierten Gesellschaft ist ein nicht wegzudenkender Aspekt. Hier werde ich einen Focus auf potenzielle Risiken bezüglich Identitätsgewinnung, „Entsinnlichung“ von Lebenserfahrung, Wirklichkeitsverlust und verkümmerter Handlungs-kompetenz setzen.

Der dritte Teil dieser Arbeit wird dem Schwerpunkt Medienpädagogik gewidmet sein. Hier werde ich genauer auf die Situation von Kindern und Jugendlichen eingehen und ihren Umgang mit einer medialisierten Umwelt beschreiben. Warum ist die Heranführung an eine konstruktive Mediennutzung in Bezug auf die Postmodernedebatte, auf Identität und auf Sinnhaftigkeitserleben gerade in dieser Altersspanne von Bedeutung? Hier werde ich auf die Potenziale ästhetischer Wahrnehmungsförderung und ihre fächerübergreifenden Möglichkeiten eingehen und den Wunsch nach einer neuen Didaktik ins Blickfeld rücken.

Ausgehend von den oben zusammengetragenen wissenschaftlichen Theorien und postmodernen Gesellschaftsstrukturen ist der vierte Schwerpunkt ganz der Fotografie zugewandt. Wie kann der Blick durch die Kamera Wahrnehmungs- und Reflexivitätsfähigkeiten fördern und entwickeln, was ist das Besondere an der fotografischen Gestaltung, und auf welche persönlichkeitsrelevanten Determinanten kann sie sinnstiftend Einfluss nehmen. Einen besonderen Focus werde ich hier auf die Qualitäten zur Gestaltung ästhetischer Kommunikation, ihre subjektorientierte biografische Bedeutung und ihre potenzielle politische Einflussnahme legen.

Ein besonderes Anliegen ist es mir, die jeweiligen Schwerpunkte durch Projektbeschreibungen, naive Erfahrungszitate und Fotografien zu untermalen. Damit möchte ich einerseits die Wissenschaftlichkeit etwas auflockern und andererseits eine Möglichkeit schaffen, das Gelesene im Bild direkt für eigene Sinnzusammenhänge nutzbar werden zu lassen.

2. Kreativität – eine grundlegende Handlungsvariable von Fotografie, ästhetischer Wahrnehmung und von Identitätsgestaltungsprozessen

Um in die Thematik der Fotografie als Medium zur Erweiterung ästhetischer Wahrnehmung und als einflussnehmendes Element auf identitätsstiftende Prozesse einzuführen, werde ich zunächst Kreativität als die Gestaltungsvariable in den Vordergrund rücken, die als normative Kraft die Eigenschaft und Fähigkeit darstellt, die ästhetische Wahrnehmung, Fotografie und Identitätsgestaltung ermöglicht. In einem kreativen Prozess können diese Elemente miteinander verbunden werden, sich ergänzen und gegenseitigen Einfluss aufeinander nehmen.

Kreativität kann in erster Linie als menschliche Handlungsvariable mit unterschiedlichen Qualitäten beschrieben werden, sie ist das: “Vermögen im Handeln und Denken, das Neuartigkeit oder Originalität mit einem Bezug zur Lösung (z. B. menschl., sozialpolit., techn. Probleme) verbindet.“[2] und die “...Fähigkeit des Menschen, bei Problemlöse-vorgängen... neue Lösungsmöglichkeiten zu entdecken und flexibel ungewöhnliche, aber sinnvolle Ideen in verschiedenen Lebensbereichen zu produzieren...“[3]. Fasst man diese Definitionen zusammen, so lässt sich sagen, das Offenheit für neue Wege, Lösungsorientiertheit und das flexible Zusammenbringen vorhandener Wissenselemente den “Baukasten“ bilden, aus dem heraus Kreativitätsdefinitionen zusammen-gesetzt werden.

Das elementare Wesen subjektiver Identitätskonstrukte ist, wie ich im Laufe dieser Arbeit noch näher erläutern werde, ein in besonderem Maße ausdifferenzierter, imaginärer, sich über die gesamte Lebensspanne erstreckender Prozess der Gestaltung eines subjektiven, sich im Inneren vollziehenden und sich am Äußeren orientierender Selbstentwurf des Subjektes. Dieser Identitätsgestaltungsprozess ist ein ausdifferenzierter und vom Wesen her kreativer Gestaltungsprozess. Kreativität ist neben der Wahrnehmung das grundlegendste Instrument zur Gestaltung von Identität, wobei nach O. Kruse: “Kreative Lösungen ...nicht zufällig (entstehen), sondern ... auf Erfahrungen, gelernten Informationen und der Fähigkeit, Probleme zu erkennen (aufbauen).“[4]

Die mentale, zielentwerfende und lösungsorientierte Handlungsvariable kreativen Schaffens ist nach O. Kruse eine „...universelle Eigenschaft menschlichen Handelns und Denkens.“(ebd.,S.15) und wird als alltägliches Instrument der Lebens- und Alltagsgestaltung genutzt. Die Grundlagen für kreative Gestaltungsprozesse sind also jedem Menschen mitgegeben; sie sind unabhängig vom eigenen Kulturkreis, von Klima und Lebensstandard, werden aber in ihrer Ausprägung maßgeblich von der individuellen Ansammlung eigener Wissenselemente, die sich am jeweiligen Kulturkreis orientieren und dem jeweiligen Alter entsprechen, beeinflusst. Dieses eigene Wissen, durch das kreatives Handeln erst möglich wird, ist in den verschiedensten Bereichen ganz individuell ausgeprägt, so dass das Ausmaß und die Potenz der individuellen Gestaltungsfähigkeit sowohl von praktischen als auch von mental erlernten Handhabungsfähigkeiten des Subjektes im Hinblick auf seine “... intellektuelle(n) Fähigkeiten, (sein) Wissen, (seinen) Denkstil, (seiner) Persönlichkeit (und) Motivation und (von seiner) Umwelt...“[5], abhängt. Sieht man also Kreativität als eine im Menschen angelegte Grundeigenschaft, die wiederum von einer Vielzahl subjektiver Handhabungskomponenten abhängt, so wird deutlich, dass die Spannbreite des zum Einsatz kommenden kreativen Verhaltens maßgeblich von Persönlichkeitsdeterminanten des Individuums abhängig ist.

Cawelti, Rappaport und Wood (1992) untersuchten kreative Prozesse und fanden heraus, dass Kreativität in “sieben Stadien relevanter Kreativitätserfahrungen“[6] unterteilbar ist. Sie nennen hier das Zentrieren auf den Schaffensprozess, also das geistige Ausblenden der nicht für den Schaffensprozess relevanten Umwelt, als eine der sieben zentralen Kreativitätserfahrungen. Ebenso zählen sie das Expandieren, also das “Sich- frei- fühlen, das Produkt geraten lassen, wie es will; vom Realen zum Imaginären driften; Wahrnehmung steigern und bewusster werden (lassen).“[7], das Kreieren, also das geistige Neuentwerfen im flexiblen, praktischen Tun , das Revitalisieren, als Misserfolge zu riskieren und aus den vorhandenen Ressourcen verschiedenste Ideen zu kreieren, das Distanzieren, also immer wieder freien Abstand zum Projekt zu finden und sich anderem zuzuwenden, das Evaluieren, also das Geschaffene reflektiert betrachten und bewerten und das Neu beginnen, also Misserfolge respektieren und neue zu Wege kreieren, zu den wesentlichen Determinanten kreativer Prozesse.(vgl.: ebd., S.19)

2.1 Von der gesellschaftlichen Relevanz und dem lebenspraktischen Nutzen kreativen Tuns

Dass das individuelle Ausmaß der alltäglichen Kreativitätsnutzung von individuellen Persönlichkeitsmerkmalen abhängig ist, wurde im obigen Kapitel bereits deutlich. Was aber ist der individuelle Nutzen einer kreativen Alltagsgestaltung, warum ist es sinnvoll, kreative Fähigkeiten auszubilden, wenn doch davon auszugehen ist, dass eine kreative Herangehensweise stets ein hohes Maß an Offenheit im Hinblick auf den Problemlöseweg und nicht zuletzt auch in Bezug auf das dann tatsächlich zu erreichende Ziel mit sich bringt?

Vor allem ist hier wohl die Postmodernedebatte anzuführen, auf die ich im weiteren Verlauf dieser Arbeit noch näher eingehen werde. Im Sinne von Beck (1986) ist die Gesellschaftsstruktur, unter denen sich Individuen derzeit zurechtfinden müssen, geprägt von “Individualisierungs-tendenzen“[8]. O. Kruse versteht Beck`s Gesellschaftsanalyse als: “...globale soziologische Veränderung, die darin besteht, dass sich traditionelle Lebensformen, biographische Muster und vorgegebene Rollenstrukturen in den pluralistischen Strukturen der modernen Gesellschaft zugunsten individuell zu gestaltender Lebensmuster auflösen. Der Verlust fester Strukturen und der Zwang zu innerer und äußerer Mobilität führen sowohl zur Befreiung aus traditionellen Kontrollen, als auch zum Verlust traditioneller Stabilitäten“[9]. “Wo Tradition verschwindet, muss neu geschaffen und improvisiert werden“[10]. Beck beschreibt die Notwendigkeit von Kreativität im Alltäglichen auf folgende Weise: “Die Wahl- und Gestaltungsnotwendigkeiten, vor die ein Individuum heute in Folge der Individualisierungstendenz im Alltag gestellt wird, haben sich gegenüber den Lebensbedingungen vorheriger Generationen potenziert. Allein die Ausbildungs- und Berufswahl setzt heute ein hohes Maß an Findigkeit und Kreativität voraus in Bezug auf den Umgang mit komplexen Informationen, Vorstellungsvermögen, Reflektiertheit eigener Motive, Kalkulation von Chancen und Risikobereitschaft. Vor nicht weniger komplexere Aufgaben sehen sich die Menschen heute im Freizeitbereich, im Konsumangebot, in der Gestaltung sozialer Beziehungen, im Umgang mit Medien und in der Herausbildung eines eigenen Stils gestellt.[11] Kreative Lebensgestaltung ist in der Erlebnisgesellschaft nicht mehr ein hübsches Accessoire für Individualisten, sondern eine Kernbedingung für Erfolg und Lebenszufriedenheit.“[12] O. Kruse geht sogar soweit, dass er die These aufstellt, dass “Menschen, die wenig Kreativität im Alltag mobilisieren können, zu den Opfern der Individualisierung gehören.“(ebd.,S.17)

Dazu merkt er an, dass “... das Ausmaß an Improvisation, also an tatsächlich neuem Verhalten in unbekannten Situationen, dem Individuen heute ausgesetzt sind oder sich aussetzen, ist zwar gestiegen, hat aber einen Gegenpol in neuen Sicherheiten gefunden, die vor allem in metakognitiven und emotionalen Bereichen liegen. Psychologisches Wissen, soziale Kompetenz und emotionale Intelligenz sind nötig, um den Verlust alter Sicherheiten zu kompensieren. Kreativität im Alltag ist vor allem psychologische und soziale Kreativität.“[13]

Der kreativen Alltagsgestaltung entgegen, steht der Wunsch nach Übersichtlichkeit, Sicherheit, Vertrautheit und Einfachheit. Ein Schlagwort der Gesellschaftstheoretiker ist die Chancen- Risikogesellschaft; H. Hengst sprach in seiner Vorlesung zur Kindheit in Europa von einem zunehmenden Maß an Notwendigkeit für die Subjekte, ihr eigenes Planungsbüro zu sein. In diesem Sinne muss der Wunsch nach Übersichtlichkeit, Sicherheit, Vertrautheit und Einfachheit in der heutigen Zeit vom Subjekt gestaltet und initiiert werden und ist nicht mehr eine selbstverständliche Lebensvorgabe.

Ich denke, dass ein gelernter, reflexiver, kreativer Umgang im Lebensalltag eine der Zeit angemessene, neue Sicherheit in Bezug auf die vielen Variablen der Lebensumwelt sein kann. Die Kompetenz, mit den Chancen, Möglichkeiten und Risiken dieser Zeit zu jonglieren, bei Misserfolg neue Wege einzuschlagen und in einer Masse von Angeboten die individuell richtigen herauszufiltern, bedarf eines hohen Maßes an kreativer Alltagsgestaltung und gibt im Gegenzug die Möglichkeit der freieren Lebensgestaltung. Je größer die Kreativitätskompetenz, desto mehr Sicherheitsgefühl kann auf Grund gesammelter Erfolgserlebnisse, richtiger Entscheidungen und flexibler Zielschritte den Wunsch nach Sicherheit, Einfachheit und Übersichtlichkeit kompensieren. Hinzu kommt, dass kreative Prozesse a priori ein hohes Potenzial für das Erleben positiver Emotionen bereithalten. Wenn ich mir ein imaginäres Bild eines sich im kreativen Prozess befindenden Menschen ausmale, so steht dieser in einem Raum voller kleiner, durcheinanderliegender Dinge, wobei er einen dieser Gegenstände in der Hand hält und in seiner Bewegung nach einem anderen passenden Gegenstand Ausschau hält. Seine Gesichtszüge schwanken zwischen Konzentration, Entdeckungslust, Interesse und offenem, entspannten und zufriedenem Lachen. Es scheint ein bisschen so, als habe er den “Schalk im Nacken“. Dieses Bild von Kreativität ist natürlich sehr schön gemalt, dennoch denke ich, dass das positive Emotionspotenzial kreativen Schaffens recht gut getroffen ist.

Csikszentmihalyi (1993) hat diesbezüglich den Begriff des Flow - Erlebens geprägt. Er beschreibt Flow so, dass “Das Erleben von Kreativität, konzentrierter Aktion und Gefühle von Kompetenz und Zufriedenheit zusammenkommen müssen, um ein solches Flow -Erlebnis herzustellen. Flow kennzeichnet das Gemeinsame an vielen kreativen Erfahrungen und kann beim Musizieren, Bergsteigen, Tanzen, Segeln, Schachspielen ebenso auftreten, wie beim Sex, Schreiben, Denken, Spielen und Arbeiten. Flow ist mit dem Erleben eigener Kompetenz, mit der Beherrschung der Materie und mit einer alle anderen Informationen ausschließenden Aufmerksamkeit verbunden. Es kann mit allen positiven Gefühlen von Interesse, Freude, Vergnügen, Hochstimmung und Glück verbunden sein.“[14] Csikszentmihalyi geht davon aus, dass Flow in allen Kulturen gleichermaßen vorkommt, und dass es sich hierbei um einen “prototypischen Zustand menschlicher Kreativität“(vgl. ebd.) handelt. Die emotionale Qualität kreativen Tuns kann man meiner Meinung nach in einem Gefühl der Freiheit in Akzeptanz der beschränkenden, vorhandenen geistigen und materiellen Ressourcen zusammenfassen.

3. Ästhetische Wahrnehmung als sinngenerierende Gestaltungsvariable identitätsstiftender Prozesse

Nimmt man Kreativität als das “Vermögen im Handeln und Denken, das Neuartigkeit oder Originalität mit einem Bezug zur Lösung verbindet“[15] und vergleicht man diese mit früheren und derzeitigen philosophischen Definitionen und Erläuterungen zur Begrifflichkeit der ästhetischen Wahrnehmung, so wird eine enge Verwandtschaft beider Arten des gestaltenden Tuns sichtbar. Offenheit für neue Wege und flexibles Zusammenbringen vorhandener Wissenselemente sind sowohl für Kreativitätstheorien als auch bei der ästhetischen Wahrnehmung- die Grundbausteine, welche kreativem oder ästhetischem Handeln und Denken zugrundeliegen.

Kreativität und Ästhetik stehen auch insofern eng beieinander, als dass sie sich gegenseitig bedingen. Ästhetische Prozesse sind ohne ihre kreativen Anteile nicht denkbar, und ohne ästhetische Wahrnehmung kann kreatives Tun nicht entstehen.

Erst in der Zielsetzung wird die Differenzierung von kreativem und ästhetischem Handeln deutlich. Der explizite Unterschied beider Gestaltungsarten liegt in ihrer Zielsetzung. Beim kreativen Tun liegt der Schwerpunkt auf dem lösungsorientierten Ansatz. Hier steht am Anfang des Prozesses eine zu bewältigende Fragestellung, eine noch nicht in ihrem Lösungsweg bekannte Aufgabe oder die Frage nach Verbesserung oder Ausgestaltung von schon Vorhandenem.

Beim ästhetischen Handeln steht eher die mentale Sinnorientierung im Vordergrund. Die geistige Auseinandersetzung während des Schaffensprozesses mit seinen subjektinternen Wahrnehmungen und Bezügen nimmt hier einen höheren Stellenwert ein und die Eingliederung von im Schaffensprozess erlebter Sinnlichkeit und ihre Verbindung zu mentalen, reflexiven Gedanken bezüglich des Gestaltungsprozesses, ist im ästhetischen Prozess gewünscht. Diese mentale, vom Wesen her reflexive Bezugnahme des Schaffenden bildet die geistige Qualität des ästhetischen Prozesses, wird forciert und vom Subjekt in sein personales Sinngefüge, welches einen wesentlichen Anteil eines Identitätskonstruktes bildet, integriert.

Selle (1996) beschreibt diese besondere Potenz der Ästhetik so: „Kunsterfahrung und künstlerische Erfahrung transzendieren den Status ästhetischer Rationalität in Richtung einer kaum begründbaren, aber ersehnten Intensität des Sich- Spürens, Sich- Denkens, Sich-ein-Bild-von-der-Welt-Machens und der Konstruktion vom Sinn des Lebens darin. Nirgendwo ist man heute mit dem Entwurf seiner selbst produktiver beschäftigt als im ästhetischen Zustand...“[16] Als elementare Eigenschaften ästhetischer Wahrnehmung benennt W. Schurian: Offenheit, also aufgeschlossen, lernbegierig und neugierig zu sein, Aufmerksamkeit, also eine mentale, kognitive Wachheit, ein Ausgerichtet- sein auf die Reize von innen und außen und Vielschichtigkeit, also das gleichzeitige Wirksamwerden von unterschiedlichen Wahrnehmungsleistungen und gleichzeitiges Reagieren auf unterschiedliche Reize.[17]

Die Potenz ästhetischer Wahrnehmung, besteht nach O. Kruse (1994) „... in dem ununterbrochenen Ausprobieren von dem, was einer Person gefällt, was sie möchte, was sie schön findet, und was sie wirklich empfindet. Dieser Zwang, sich zu eigenen Präferenzen zu bekennen und sie zur Grundlage des Handelns zu machen, scheint eine heilsame Qualität zu haben.“[18]

Auch K. Richter- Reichenbach hat die Wesenszüge ästhetischer Wahrnehmung und ihrer subjektiven, inneren Prozesse meiner Meinung nach sehr schön verdeutlicht. Sie schreibt 1992: “In einem freien, dynamischen Zusammenspiel mit dem Verstand werden über den gesamten Produktionsprozess hinweg Vorstellungen, Ideen, Sinn- und Bedeutungsgebungen entwickelt, bewusst und zielgerichtet wie teilbewusst- spontan Ausdrucks-, Darstellungs- und Strukturierungsentscheidungen getroffen und zu einem vieldeutigen Ganzen geformt.“[19]

Auf diese Art der ästhetischen Wahrnehmung aufbauend, hat Selle (1998) den Begriff des reflexiven Denkens in die Ästhetikdiskussion eingebracht. “Lenkt man den Blick ... auf das ästhetische Projekt als Ganzes, so zeigt sich Reflexivität als dessen umfassendes Charakteristikum: „In ästhetischen Projekten ... wird aus der situativen Verdichtung des Wahrnehmens ein Aufmerken gegenüber der eigenen Wahrnehmungs-fähigkeit... Es kommt zu einer anhaltenden ästhetischen Subjekt- Aktivität im Wahrnehmen, Empfinden und Denken, zu einer neuen Aufmerksamkeit gegenüber dem Phänomen, aber auch gegenüber sich selbst im situativen Reagieren, also auch zu einer besonderen Ich- Aufmerksamkeit...“[20]. Daraus resultiert der hohe Stellenwert, dem Reflexivität ... zugemessen wird. “Diese psychische Funktion, so ließe sich zusammenfassen, wird als Drehscheibe verstanden, auf der- Sinnhaftes zu Sinnhaftem gerät.“[21]

Das Potenzial ästhetischer Wahrnehmung und reflexiven Denkens liegt in der subjektiven Bewertung des Wahrgenommenen. Die zur Zeit populärsten Philosophen in Bezug auf Ästhetik, sinnliche Wahrnehmung und reflexives Denken sind meines Erachtens nach Welsch, Otto, und Selle. Sie greifen in ihren postmodernen Ästhetikdefinitionen auf Baumgarten, Kant und Schleiermacher zurück, welche im 18. Jahrhundert die Begründer der Ästhetikdiskussion waren. Schiller verfasste 1793 eine Sammlung philosophischer Texte “Über die ästhetische Erziehung des Menschen“[22], in denen er das Ästhetische als das Prinzip beschreibt, das (nach der Französischen Revolution) das Mittel sein könnte, Gleichheit und Selbstbestimmung in die neue Gesellschaftsordnung einzuführen. Kant spricht zur gleichen Zeit von der Hinführung zum mündigen Bürger und verweist ebenso auf die Potenz des Ästhetischen. Auch wenn die Utopie einer ästhetischen Gesellschaft mit mündigen, selbstverantwortlichen Bürgern kein reales Konstrukt gesellschaftlicher Ordnung geworden ist, so ist doch das Potenzial ästhetischer Wahrnehmung gut zu erkennen. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang auch, dass in instabilen Gesellschaftsstrukturen (Französische Revolution, Individualisierungsschub usw.) ein öffentliches Interesse an verschiedensten kulturellen Angeboten entsteht, welche ästhetische Wahrnehmung, reflexives Denken oder Kreativitätsanteile thematisch in den Vordergrund rücken. Meiner Meinung nach belegt dieses gesellschaftliche Interesse ein naives Wissen um die ordnende und damit Sicherheit gebende Qualität ästhetischer Wahrnehmung und reflexiven Denkens. So wird vielleicht nicht wie Kant und Schiller sagen, die gesamte Gesellschaft auf ästhetischer Basis getragen werden, dennoch kommt ihr eine den Einzelnen in seiner Persönlichkeit stärkenden und damit innere Sicherheit generierende Qualität zu.

Während einer Fotoexkursion auf das im Jahr 2000 für die Weltausstellung genutzte Gelände in Hannover habe ich 2002 die ästhetischen Erfahrungsmomente dieser “Fotosafari“ in einem Text festgehalten. Meiner Meinung nach gibt er einen kompakten Einblick in ästhetische Denkmuster und in das von Welsch als reflexives Denken betitelte Element ästhetischer Wahrnehmung:

Expotiese 2002

...ja, die Expofaszination hat mich gepackt... meine Streifzüge auf der Weltausstellung 2000... berauschend, intensiv, faszinierend... ein Meer von Menschen... Bilder kultureller Teilaspekte humaner Errungenschaften
... Gesundheit, Verkehr, Kunst und Film... Ökologie, ...Weltmarkt und Tourismus, ...Geschichte, ...Raumfahrt. Ein Angebot von Präsentationen des gesamten Spannungsfeldes der Vergangenheit bis hinein in Zukunftsperspektiven.

...Raum, sich von der Masse treiben zu lassen... hinein in die stets wechselnden Fünfminuteninspirationen dieser Zeit. ...jede dieser Einheiten emotional... faszinierend, anstrengend, berauschend.

Von diesen Erinnerungen inspiriert zog es mich noch einmal hierher... keine Ahnung was ich erwartet habe... gefunden habe ich viel... eine Faszination gleicher Kraft... und dennoch- eine andere Atmosphäre, die mich in ihren Bann zog.

...ein skurril anmutendes, menschenleeres Gelände, Gegenwartsarchitektur vom Feinsten... mit einer Prise Patina... Postmoderne bis hinein in die kleinste Bordsteinkante... dazu meine Erinnerungen an übervolle Räume, jeder Quadratmeter von zwei Füßen belegt... immer zwei, drei Leinwände im Sichtfeld, Schautafeln, ...Eisverkäufer.

...die Faszination dieses Geländes erinnert nun eher an eine menschenleere Westernstadt... und noch mehr, ...aufgebaut und durchgestylt bis in den hintersten Winkel... Neuzeit eben... und das ohne Gebrauchsspuren... nur das bisschen Patina der Zeit..

Für mich auch Ausdruck der heutigen Lebensquantität, ...postmoderne... Schnellebigkeit, auf Styling bedacht... im Moment berauschend, intensiv... in der Vorbereitung aufwendig.

...eine Frage schlich sich in meine skurrile Stimmung ...wo sind die menschlichen Spuren? ...was ist geblieben von diesem berauschenden Event? ...was haben die Menschen hier mit nachhause genommen? ... und was haben sie hinterlassen?

...zwei Inlineskater rauschen an mir vorbei...

...jedenfalls hab ich nun Zeit, mit meiner Kamera durchs Gelände zu schlendern, ...Blickwinkel auszuprobieren, um den Charme dieser skurrilen Welt in Bildern einzufangen... mich treiben lassen... in meiner Zeit.

[...]


[1] Rausch, R. :Identität- ein Gestaltungsexperiment. Oldenburg 1999, Seite 7.

[2] 25.07.2004: http://www.xipolis.net/195f890b9d9c7ead36cd1999acde86a89/suche/artikel.php? shortname=b1&artikel_id=20870800

[3] 25.07.2004: http://www.sign-lang.uni-hamburg.de/Projekte/plex/ PLex/Lemmata/K-Lemma/ Kreativi.html

[4] Kruse, O.: Kreativität als Ressource für Veränderung und Wachstum. Tübingen 1997,
Seite 15.

[5] Sternberg, R.J. / Lubart,T.I.: Investing in creativity. American Psychologist 51. 1996,
Seite 677-688.

[6] Cawelti, S./ Rappaport, A./ Wood, B.: Modelling artistic creativity: An empirical study.
The journal of Creative Behavior 22. 1992, Seite 83-94. In: Kruse, O.: Kreativität als Ressource für Veränderung und Wachstum. Tübingen 1997, Seite 19.

[7] Kruse, O.: Kreativität als Ressource für Veränderung und Wachstum. Tübingen 1997,
Seite 19.

[8] Vgl.: Beck, G.: Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Frankfurt 1986.
In: Kruse, O.: Kreativität als Ressource für Veränderung und Wachstum. Tübingen 1997,
Seite 19.

[9] Beck-Gernsheim, E.: Individualisierungstheorie- Veränderung des Lebenslaufs in der Moderne. 1993. In: Keupp, H.: Zugänge zum Subjekt. Perspektiven einer reflexiven Sozialpsychologie. Frankfurt, Seite 125-146. In: Kruse, O.: Kreativität als Ressource für Veränderung und Wachstum. Tübingen 1997, Seite 17.

[10] Kruse, O.: Kreativität als Ressource für Veränderung und Wachstum. Tübingen 1997,
Seite 17.

[11] Vgl.: Schulze, G.: Die Erlebnissgesellschaft. Kultursoziologie der Gegenwart. Frankfurt 1992. In: Kruse, O.: Kreativität als Ressource für Veränderung und Wachstum. Tübingen 1997,
Seite 17.

[12] Kruse, O.: Kreativität als Ressource für Veränderung und Wachstum. Tübingen 1997,
Seite 17.

[13] Kruse, O.: Kreativität als Ressource für Veränderung und Wachstum. Tübingen 1997,
Seite 18.

[14] Csikszentmihalyi, M.: Flow. Das Geheimnis des Glücks. Stuttgart 1993. In: Kruse, O.: Kreativität als Ressource für Veränderung und Wachstum. Tübingen 1997, Seite 19.

[15] 25.07.2004: http://www.xipolis.net/195f890b9d9c7ead36cd1999acde86a89/suche/artikel.php? shortname=b1&artikel_id=20870800

[16] Selle, G.: Kunstpädagogik jenseits ästhetischer Rationalität? In: Kunst und Unterricht. Sammelband „Theorie“. 1996, Seite 83. In: Rausch, R. Y.: Identität- ein Gestaltungs-experiment. Oldenburg 1999.

[17] vgl.:Schurian, W.: Kunst im Alltag. Stuttgart 1992. Seite 41-42.

[18] Kruse, O.: Kreativität als Ressource für Veränderung und Wachstum. Tübingen 1997.
Seite 44.

[19] Richter- Reichenbach, K.: Identität und ästhetisches Handeln. Präventive und rehabilitative Funktionen ästhetischer Prozesse.Weinheim.1992, Seite 89.

[20] Selle, G.: Kunstpädagogik und ihr ästhetisches Subjekt. Rohmanuskript. Oldenburg 1998. In: Richter- Reichenbach, K.: Identität und ästhetisches Handeln. Präventive und rehabilitative Funktionen ästhetischer Prozesse.Weinheim.1992, Seite 89.

[21] Rausch, R. Y.: Identität- ein Gestaltungsexperiment. Oldenburg 1999. Seite 135.

[22] Schiller, F.: Über die ästhetische Erziehung des Menschen.1962. http://gutenberg.spiegel.de/schiller/aesterz/aesterz.htm (10.05.2004)

Details

Seiten
81
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783832484057
ISBN (Buch)
9783838684055
Dateigröße
2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v223593
Institution / Hochschule
Hochschule Bremen – Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Note
2,0
Schlagworte
identität kunstpädagogik postmoderne kunstphsychologie kunstphilosophie

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Fotografie als Medium zur Erweiterung ästhetischer Wahrnehmung und als einflussnehmendes Element auf identitätsstiftende Prozesse