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Sozio-ökonomischer und sozio-kultureller Strukturwandel im ländlichen Alpenraum durch Tourismus

Am Beispiel Österreichs und des Fremdenverkehrsortes Kleinarl

Diplomarbeit 2004 136 Seiten

Touristik / Tourismus

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. EINLEITUNG
1.1 Problemaufriss und Fragestellung
1.2 Wissenschaftliches Erkenntnisinteresse
1.2.1 Persönliches Erkenntnisinteresse
1.3 Beschreibung und Abgrenzung des Untersuchungsgebietes
1.3.1 Die Gemeinde Kleinarl
1.4 Vorgehensweise, Aufbau und Zielsetzung

2. ENTSTEHUNG UND ENTWICKLUNG DES TOURISMUS IM ALPENRAUM
2.1 Die vortouristische Zeit der Alpennutzung
2.1.1 Der Präalpinismus
2.1.2 Der Alpinismus
2.2 Der vorindustrielle Tourismus im Alpenraum
2.3 Der Tourismus und der Strukturwandel im Alpenraum
2.3.1 Das zugrundeliegende soziologisch analytische Modell
2.3.2 Die Dimensionen Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft im Kontext des sozio-ökonomischen und sozio-kulturellen Strukturwandels
2.3.3 Der Strukturwandel vor 1955 (Phase I (P. I))
2.3.3.1 Der Strukturwandel auf der materiellen Ebene (P. I)
2.3.3.2 Der Strukturwandel auf der Interaktionsebene (P. I)
2.3.3.3 Der Strukturwandel auf der Institutionsebene (P. I)
2.3.3.4 Der Strukturwandel auf der Werteebene (P. I)
2.3.4 Der Strukturwandel ab 1955 bis heute (Phase II (P. II))
2.3.4.1 Der Strukturwandel auf der materiellen Ebene (P. II)
2.3.4.2 Der Strukturwandel auf der Interaktionsebene (P. II)
2.3.4.3 Der Strukturwandel auf der Institutionsebene (P. II)
2.3.4.4 Der Strukturwandel auf der Werteebene (P. II)
2.4 Der Alpentourismus im ständigen Wandel
2.4.1 Der Bedeutungscharakter der Alpen
2.4.2 Die Rollen des Sommer- und Wintertourismus im Vergleich
2.4.3 Die Interdependenz von Sport und Tourismus

3. DIE BEDEUTUNG UND BEWERTUNG DES ALPENTOURISMUS
3.1 Die sozio-ökonomische und sozio-kulturelle Bedeutung von Tourismus
3.1.1 Die sozio-ökonomische Bedeutung des Tourismus – am Beispiel des Bundeslandes Salzburg
3.1.1.1 Ein Vergleich von Sommer- und Wintersaison anhand von Übernachtungszahlen
3.1.1.1.1 Bundesland Salzburg
3.1.1.1.2 Gemeinde Kleinarl
3.1.2 Die sozio-kulturelle Bedeutung des Tourismus – am Beispiel des Bundeslandes Salzburg
3.1.3 Die sozio-ökonomische und -kulturelle Bedeutung des Tourismus für Kleinarl im Vergleich mit Saalbach-Hinterglemm
3.2 Tourismusinduzierter sozialer Wandel: methodische Hinweise für die Entwicklung von Theorieansätzen
3.2.1 Modelle zum tourismusinduzierten sozialen Wandel
3.2.1.1 Das Modell nach Bachleitner
3.2.1.2 Das Modell nach Doxey
3.2.1.3 Das Modell nach Bjorklund und Philbrick
3.2.1.4 Tourismus im Analysefeld der Systemtheorie
3.2.2 Die Frage der Völkerverständigung
3.2.3 Interkulturelle Interaktion und ihre Auswirkungen

4. DIE ZUKUNFT DES LEBENS- UND KULTURRAUMS ALPEN
4.1 Prognosen für die Entwicklung der Alpen
4.1.1 Sozio-ökonomische Prognosen
4.1.2 Sozio-kulturelle Prognosen
4.2 Pragmatische Wege in die Zukunft der Alpen
4.2.1 Der Begriff des sanften Tourismus
4.2.2 Der Begriff der Nachhaltigkeit
4.2.3 Konzepte für eine Zukunft der Alpen mit nachhaltigen Tourismus
4.2.3.1 Die Alpenkonvention
4.2.4 Maßnahmen für die Zukunft: nachhaltige Projekte im Alpenraum und ihre Reichweite

5. SCHLUSSBETRACHTUNGEN
5.1 Zusammenfassung der Ergebnisse
5.2 Abschließende Bewertung

ANHANG
A 1 Die Partnerinstitutionen der CIPRA
A 2 Gedicht: Urlaub aufn Bauernhof: a leichtvadeats Geld!
A 3 Übernachtungszahlen für das Bundesland Salzburg und die Gemeinden Kleinarl und Saalbach-Hinterglemm
A 3.1 Übernachtungen für das Bundesland Salzburg 1950- 2003
A 3.2 Übernachtungen für Kleinarl 1956-2003
A 3.3 Übernachtungen für Saalbach-Hinterglemm 1953-2003

QUELLENVERZEICHNIS
Q 1 Literaturverzeichnis
Q 2 Verzeichnis der Internetquellen

ABBILDUNGSVERZEICHNIS

TABELLENVERZEICHNIS

ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS

1. EINLEITUNG

1.1 Problemaufriss und Fragestellung

Unzählige Urlauber reisen Jahr für Jahr in die Alpenregionen, um Urlaub zu machen. Nicht nur Erlebnishunger, Neugier und Erholung sind Gründe für die immer weiter ansteigende Urlauberzahl in den Alpen, sondern auch die fortschreitende Technik ermöglicht einen immer leichteren und unbeschwerteren Zugang zum "Erlebnispark Alpen". Nicht zuletzt sind auch steigender Wohlstand und veränderte Freizeitbedürfnisse Auslöser dieses Booms.

In den letzten Jahrzehnten hat sich der Tourismus zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor im Alpenraum entwickelt. Tourismus hat vielerorts zu Veränderungen von Wirtschaftsräumen beigetragen, hat aber auch zeitgleich den Lebensraum von Mensch und Natur verändert und sozialen Wandel mitbestimmt.[1] Die Alpendörfer und ihre Bewohner sind zwangsmodernisiert und den urbanen Lebensstilen angepasst worden. Die Natur muss den Maßnahmen der touristischen Infrastruktur weichen. Interessenkonflikte zwischen Einheimischen, Touristen, Bergbahnbetreibern, Naturschützern, Organisationen und Institutionen entstehen. Die Kulturlandschaft muss sich aufteilen zwischen Erlebnisraum und Lebensraum.

Der Strukturwandel im Alpenraum ist zwar nicht ausschließlich auf den Fremdenverkehr zurückzuführen, denn der generelle Modernisierungsprozess bzw. die Industrialisierung und der technische Fortschritt waren ebenso ausschlaggebend für den besagten Wandel. Dennoch sind die sozio-kulturellen und sozio-ökonomischen Veränderungen des vergangenen Jahrhunderts seit Beginn des Tourismus im Vergleich zu allen Jahren zuvor immens und rapide verlaufen.

Der Wandel vom Alpinismus zum Alpentourismus bzw. von der anfänglichen Naturbewegung zur touristischen Massenbewegung in den Alpen ist Gegenstand dieser Arbeit. Wie begründet sich die touristische Dynamik im Alpenraum? Wie verändert der Tourismus den Lebens- und Kulturraum Alpen? Welche Auswirkungen sind aus der Vergangenheit festzustellen? Wie wird sich die Zukunft des Alpenraums gestalten? Welche Entwicklungen sind zu erwarten? Welchen Einfluss wird dabei der Tourismus haben? Diese und damit im Zusammenhang stehende Fragestellungen werden in dieser Arbeit aufgeworfen und einer genaueren Betrachtung unterzogen.

1.2 Wissenschaftliches Erkenntnisinteresse

"Die (sozial-)wissenschaftliche Untersuchung des weltweit bedeutenden sozialen und ökonomischen Faktors 'Tourismus' ist insgesamt – handele es sich um Psychologie, Soziologie, Pädagogik – verglichen mit anderen Bereichen (z.B. Arbeit, Organisation, Schule, Krankheit/Gesundheit usf.) als minimal zu bezeichnen."[2]

Im angloamerikanischen Bereich sind im Vergleich konstantere Bewegungen hinsichtlich der (sozial-)wissenschaftlichen Untersuchung von Tourismus zu verzeichnen als im deutschen Sprachraum. Hier konnte sich bisher keine tourismusbezogene Grundlagenforschung entwickeln. Es gab zwar Ansätze in den 1950er und 1960er Jahren, die aber nicht weitergeführt wurden. Die Forschungssituation im deutschen Sprachraum ist in den verschiedenen sozialwissenschaftlichen Disziplinen unterschiedlich intensiv und umfangreich. In der Psychologie sind laut Kagelmann keine konkreten Ansätze zu erkennen, in der Soziologie hat man sich dem Thema ansatzweise über die Freizeitsoziologie genähert und in der Pädagogik wurden neue Berufsgruppen herausgebildet wie Erlebnispädagogik, Freizeitpädagogik, Kulturpädagogik, Animation etc.

Eine sozialwissenschaftliche Annäherung an den Tourismus und seine Folgen ist aber in mehrerlei Hinsicht notwendig:

- Tourismus wird allgemeinhin oft als ausschließlich negativer Faktor für das Leben und den Alltag der Bewohner von touristischen Regionen dargestellt. Dieses Problem beruht auf der Tatsache, dass die Kultur- und Sozialwissenschaften den Tourismus nicht als kulturelles Phänomen, also als Teil der Kultur, sondern als außenstehenden Faktor betrachten.[3] Daher fehlen Denkansätze und Ideen, einen kulturverträglichen, ökologisch und ökonomisch sinnvollen Tourismus zu kreieren und diesen zu untersuchen.
- Die Politik beschäftigt sich mit dem Thema Tourismus fast ausschließlich wirtschaftsbezogen. Forderungen "nach einer koordinierten und integrierten Tourismuspolitik" sind in den vergangenen Jahren laut geworden.[4] Es fehlt laut Expertenaussagen eine gut koordinierte Tourismuspolitik, sowohl auf Bundesebenen als auch europaweit, die alle Tourismusakteure miteinander kommunizieren lässt und vor allem Ergebnissen aus der Wissenschaft mehr Bedeutung zukommen lässt. Gerade in den Alpen als hochfrequentiertem Raum ist eine Koordinierung der verschiedenen Interessengruppen (Wirtschaftsakteure, Umweltschützer, Einheimische, Bergbauern, etc.) absolut erforderlich. Bisher wird die dringende Notwendigkeit weitestgehend ignoriert, Mechanismen zu entwickeln, traditionelle Nutzungsformen des Alpenraums mit den modernen der heutigen Zeit in Einklang zu bringen. Es scheint dringend notwendig zu sein, nicht nur die Lebensraumveränderung als solche in den Blick zu nehmen, sondern auch die Veränderungen in der kulturellen Identität der Alpenbewohner zu beachten.

Viele Millionen Menschen sind von der touristischen Thematik betroffen, direkt oder indirekt, als Besucher oder Besuchte bzw. als beliebige Akteure der Branche. Auch die Sozial- und Kulturwissenschaften sollten sich eine eigene Grundlage in der Tourismuswissenschaft schaffen, so dass in einer differenzierteren Weise Hintergründe, Folgen, Auslöser und Kräfte von Tourismus ergründet werden und Theorieansätze entwickelt werden können, die den Tourismus in einen sinnvollen und vor allem praxisbezogenen Zusammenhang stellen.

1.2.1 Persönliches Erkenntnisinteresse

Mein Interesse an den Alpen und dem Tourismus in den Alpen ist durch diverse Familienurlaube in dem Fremdenverkehrsort Kleinarl entstanden. Nach dem Abitur habe ich einige Jahre als Ski- und Snowboardlehrerin in lokalen Skischulen und als Reiseleiterin und Koordinatorin für einen bekannten Deutschen Reiseveranstalter gearbeitet. Somit konnte ich über mehr als ein Jahrzehnt einen bedeutenden Teil der Entwicklung des Massentourismus erleben. In all den Jahren ist mir immer deutlicher geworden, dass die vorgefundene Urlaubswelt zum Teil nur inszeniert ist und zudem traditionelle Strukturen wie Familienleben, Gemeinschaft, Kultur, Infrastruktur etc. massiv durch den Tourismus verändert worden sind und werden. Die Folgen (positiv wie negativ) des Tourismus und der Umgang der einheimischen Bevölkerung mit den Strukturveränderungen habe ich während dieser Zeit selbst erfahren und beobachten können, was mich zu der Idee kommen ließ, dieses Thema sozialwissenschaftlich zu betrachten und Auslöser, Mechanismen und mögliche Folgen des Tourismus im Alpenraum zu ergründen.

1.3 Beschreibung und Abgrenzung des Untersuchungsgebietes

Die Alpen sind das größte und höchste Gebirge Europas, an dem Österreich, Deutschland, Frankreich, die Schweiz, Liechtenstein, Italien, Slowenien und das Fürstentum Monaco Anteil haben. Die Gesamtlänge der Alpen von Genua bis Wien beträgt etwa 1200 km. Die Breite beläuft sich auf ca. 150- 200 km im westlichen und bis zu 300 km im östlichen Alpenraum. Die Gipfelhöhen in den bedeutendsten Gebirgsstöcken liegen meist zwischen 3000 und 4300 m. Der höchste Gipfel ist der Mont Blanc in den französischen Alpen mit 4807 m.[5]

Die Abgrenzung der Alpen erfolgt durch die Alpenkonvention – einem Vertragswerk aller Alpenstaaten und der Europäischen Gemeinschaft (siehe Kap. 4.2.3.1). Die Abgrenzung berücksichtigt die politisch-administrativen Grenzen berücksichtigt. (siehe Abbildung I, S. 12) Die Fläche beträgt ca. 191.287 km², umfasst rd. 100 Regionen, etwa 6.200 Gemeinden und insgesamt 14,3 Mio. Bewohner.[6] Da das grundlegende Ziel der Konvention "die Erhaltung und die nachhaltige Entwicklung der Alpen durch eine sektorübergreifende, ganzheitliche Politik" ist, und wichtiger Bestandteil dieser Arbeit (siehe Kap. 4.), wurde eine entsprechende Definition der Alpen vorgenommen. Dieses Ziel bzw. die Umsetzung der Alpenkonvention verfolgen zudem zahlreiche Organisationen, Vereine, Verbände und Institutionen, die international und sektorübergreifend im Alpenraum tätig sind. Ihre Arbeit dient dem Schutz und einer gesicherten Zukunft der Alpen und findet auch überregional und international statt.

Da der Tourismus und seine Folgen neben der sozio-ökonomischen ebenfalls aus der sozio-kulturellen Perspektive betrachtet werden, wird von einer weiteren Einteilung der Alpen in wirtschaftliche Märkte, die häufig zur Untersuchung der Alpen herangezogen werden, abgesehen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die zeitliche Abgrenzung des Untersuchungsgegenstandes ergibt sich aus dem Zeitraum "Beginn der Industrialisierung bis heute". Die Ereignisse gerade dieses Zeitraumes haben die Alpen in bedeutendem Maße beeinflusst und verändert. So ist z.B. Auslöser für den plötzlichen Wohlstand in erster Linie der Fremdenverkehr gewesen. Parallele Entwicklungen, die nicht dem Tourismus zuzuschreiben sind, werden lediglich zum besseren Verständnis des Kontextes herangezogen, aber nicht in aller Ausführlichkeit erläutert.

Um Entwicklungen und Veränderungen beispielhaft anschaulich und konkret darstellen zu können, werde ich mich auf das Alpenland Österreich beziehen. Österreich steht in der Beliebtheitsskala von Urlaubern ganz weit oben und ist daher auch von großem öffentlichen Interesse. Laut Bachleitner und Penz führen rund 75 Prozent aller Schneeurlaube der Europäer nach Österreich.[7] Bei der Analyse des Strukturwandels im Rahmen des soziologischen Modells wird am exemplarischen Beispiel der Gemeinde Kleinarl (s. Kap. 1.3.1) noch expliziter ins Detail gegangen. Die Entwicklung Kleinarls steht stellvertretend für die Entwicklung vieler Dörfer in den Alpen, die alle – mehr oder weniger zeitgleich – eine ähnliche bis gleiche Entwicklung in der Folge des aufkommenden Fremdenverkehrs erfahren haben.

1.3.1 Die Gemeinde Kleinarl

Der "aufstrebende Fremdenverkehrsort" Kleinarl (Abb. II, s.u. & Abb. III, S. 15) im Bundesland Salzburg[8] in Österreich war noch vor wenigen Jahrzehnten ein kleines traditionsgeprägtes Alpendorf, das vom Fremdenverkehr fast gänzlich unberührt war.[9] Innerhalb kurzer Zeit kamen die Touristenströme und verwandelten das Dorf – hauptsächlich in der Wintersaison – in eine modernisierte urbane Kleinstadt, in ein Erlebnisparadies für die Fremden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Kleinarl gehört zum Bezirk St. Johann im Pongau, „in dem der Strukturwandel des ländlichen Raumes flächenhaft erst in den fünfziger Jahren eingesetzt, dann jedoch durch den Skitourismus einen um so dynamischeren Verlauf genommen [hat]. Heute weist der Bezirk St. Johann de facto keine Agrargemeinden mehr auf."[10] Der Pongau ist einer der fünf Salzburger Gaue (siehe Abbildung III, S. 15) und deckt sich mit dem politischen Bezirk St. Johann.

Kleinarl gehört zu den "dominant durch den Wintertourismus geprägten Gemeinden" im Pongau, welche sowohl bis in die 1970er Jahre beträchtliche touristische Zuwachsraten erfuhren als auch "ihre Position [..] in den letzten beiden Jahrzehnten – nicht zuletzt dank der seit 1975 gegebenen leichten Erreichbarkeit über die Tauernautobahn – beträchtlich verbessern [konnte]".[11] Im Pongau (sowie im Pinzgau[12] ) kann im Vergleich zu anderen Regionen des Bundeslandes Salzburg von einem "flächendeckenden Prozess der Touristifizierung gesprochen werden."[13] Der Pongau gehört mit durchschnittlich 111 Übernachtungen pro Einwohner zu den am stärksten touristisch erschlossenen Regionen der Alpen.[14]

Kleinarl ist am Ende des Kleinarler Tales gelegen und befindet sich auf 1014 m Seehöhe. Im Jahre 2001 zählte die Gemeinde 743 Einwohner.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1.4 Vorgehensweise, Aufbau und Zielsetzung

Um die Authentizität der Thematik zu verdeutlichen und diese in einen Kontext zu stellen, wird in Kapitel 2 (Entstehung und Entwicklung des Tourismus im Alpenraum) zu Beginn ein kurzer historischer Überblick über die Entwicklung des Tourismus für den gesamten Alpenraum gegeben.

Daraufhin folgen die Phasen des Strukturwandels mit ihren jeweiligen Merkmalsausprägungen auf vier Analyseebenen am Beispiel Kleinarl . Diese vier Ebenen sind die Materielle Ebene, die Interaktionsebene, die Institutionsebene und die Werteebene. Sie stellen zusammen das soziologische Modell dar, das dieser Arbeit zu Grunde liegt. Die Strukturwandel in den Bereichen Umwelt, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur werden dabei zunächst gesondert voneinander dargestellt. Ihre Vernetzung und ihr Zusammenwirken werden an späteren Stellen der Arbeit erläutert.

Kapitel 3 (Die Bedeutung und Bewertung des Alpentourismus) beschäftigt sich mit den positiven wie negativen Folgen des Fremdenverkehrs[15] im Alpenraum und bewertet den Strukturwandel in mehrfacher Hinsicht. Anhand einiger statistischer Zahlen und Werte werden Messgrößen entwickelt und Kleinarls Stellung im Alpenraum bzw. in Österreich ermittelt. Weiterhin wird anhand von theoretischen Modellen der Wissenschaftler/ Soziologen Bachleitner & Penz, Doxey, Bjorklund & Philbrick und Vester tourismusinduzierter sozialer Wandel erläutert und besprochen.

In Kapitel 4 (Die Zukunft des Lebens- und Kulturraums Alpen) wird das Ziel verfolgt, anhand der derzeitig zu beobachtenden Dynamik eine Zukunftsprognose zu skizzieren und mögliche Maßnahmen beschrieben, die eine zukünftige nachhaltige Entwicklung für Bewohner des Alpenraums, die Umwelt, aber auch die Wirtschaft möglich machen könnten.

Kapitel 5 (Schlussbetrachtungen) beendet die Arbeit mit einer Zusammenfassung der Ergebnisse und einer abschließenden Bewertung mit persönlicher Stellungnahme.

Die vorliegende Arbeit beruht auf einer Sekundäranalyse. Die Belege und Daten, sowie die Aussagen und Stellungnahmen von Einheimischen sind größtenteils der "Kleinarler Chronik" entnommen, die 1992 von Gottfried Steinbacher geschrieben wurde. Aufgrund der von Steinbacher in der Chronik veröffentlichten Intensivinterviews ist eine Darstellung des soziökonomischen und soziokulturellen Strukturwandels beispielhaft möglich. Weiterhin wurden Daten der Salzburger Landesregierung herangezogen, anhand derer weitere Schlüsse und Ergebnisse darstellbar waren. Von einer eigenen Erhebung musste aus unterschiedlichen Gründen, die in Kap. 3.2 beschrieben werden, abgesehen werden.

In dieser Magisterarbeit wird das Ziel verfolgt, den Strukturwandel durch Tourismus in den Alpen aus einem soziologischen Blickwinkel heraus auf sozio-ökonomischer sowie auf sozio-kultureller Ebene aufzuzeigen. Es soll deutlich gemacht werden, dass Tourismus die Kraft besitzt, sozialen Wandel mitzubestimmen bzw. zu initiieren.

2. ENTSTEHUNG UND ENTWICKLUNG DES TOURISMUS IM ALPENRAUM

2.1 Die vortouristische Zeit der Alpennutzung

Bevor die ersten Fremden bzw. die ersten Touristen in die Alpen kamen, hat es eine lange intensive Phase des Entdeckens und Erkundens gegeben. Die vortouristische Zeit der Alpennutzung setzt sich aus dem Präalpinismus und dem Alpinismus zusammen. Diese Phasen werden bewusst lückenhaft beschrieben, um lediglich einen historischen Überblick über die Entwicklungen vor der touristischen Ära bereitzustellen.

2.1.1 Der Präalpinismus

Der Präalpinismus zeichnet sich in erster Linie durch das reine Erschließen der Alpen und durch erste Besiedelungen und Bewirtschaftungen aus. Er wird beschrieben als die Zeit "vor dem eigentlichen zweckfreien Tourismus."[16]

Seit Menschengedenken waren die Täler und Hochgebirge der Alpen Lebensraum für die Menschen. Es wurden sowohl Zeugnisse der Neandertaler in 2450 Meter Höhe gefunden als auch beispielsweise eine Fluchtburg auf der Fanisalpe in 2600 Meter Höhe aus dem 1. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung.[17] Andere Quellen berichten von Höhlenfunden zwischen 70 000 und 40 000 vor unserer Zeitrechnung, die belegen, dass schon damals zumindest am Alpenrand gejagt wurde. Die Wildbeutergesellschaften der damaligen Zeit haben allerdings im Vergleich zur heutigen die Natur durch ihre Art der Nutzung nie verändert.

Über Jahrhunderte betrieben Bauern und Hirten im Gebirge Ackerbau und Viehwirtschaft. Der "südliche und südwestliche Teil des Alpenrandes [.] [wurde] wahrscheinlich sehr früh auf diese Weise besiedelt, weil er warm und gut besonnt ist und häufig gute Bodenbedingungen [.] [aufwies]."[18] Den Römern war es dann zu verdanken, dass die landwirtschaftliche Nutzung durch die Einführung von Wein und Esskastanien mehr Bedeutung fand. Die intensivere Nutzungsmöglichkeit führte zu einem Besiedlungsanstieg im Alpenraum. Straßen wurden angelegt und Städte entstanden, die bis heute ihre wirtschaftliche und kulturelle Bedeutung nicht verloren haben. Ab 1000 nach Beginn unserer Zeitrechnung wurden in den Westalpen und 100 Jahre später in den Ostalpen "dezentral-flächenhaft die landwirtschaftlichen Nutzflächen ausgeweitet."[19] Parallel entwickelten sich Bergbau, Handwerk, Gewerbe und Handel, was zugleich das Wachstum und den Neubau von Städten zur Folge hatte. Damit wurde die ausschließlich betriebene Subsistenzwirtschaft allmählich von der Marktwirtschaft abgelöst. Die traditionellen Eigenschaften von Wirtschaft und Gesellschaft der damaligen Zeit blieben bis weit ins 20. Jahrhundert erhalten.

Bis zu Beginn der Industrialisierung wurde die Natur durch die unterschiedlichen Arten der Flächennutzung zwar verändert, aber nur in soweit, als das Ökosystem sich stets im Gleichgewicht befand.

2.1.2 Der Alpinismus

Im 17. Und 18. Jahrhundert wurden die Alpen erstmals gelegentlich Aufenthaltsort von Vergnügungsreisenden, überwiegend der besitzenden Klassen. Diese erstmaligen Besuche durch Fremde mündeten dann im 19. Jahrhundert in den sogenannten Alpinismus, der sich durch das Hinzukommen des Bergsteigens kennzeichnete. Zuvor wurden die Berge lediglich aus der Ferne bewundert.[20] Das Bergsteigen hatte nun einen neuen Stellenwert bekommen: es wurde als Sport und Vergnügung betrachtet und nicht mehr als notwendige Tätigkeit in Form landwirtschaftlicher Pflichten wie Viehtreiben etc. Sowohl der Mont Blanc in den Westalpen als auch der Großglockner in den Ostalpen wurden im Jahre 1786 bzw. 1800 erstmals bestiegen, einerseits zum Selbstzweck, andererseits auch zur Durchführung wissenschaftlicher Messungen und Beobachtungen.

Viele der Forscher und Sportler, die die Gipfel der Alpen stürmten, waren englische Adelige. Durch den Aufstieg des industriellen Bürgertums in ihrem eigenen Land hatten ihre gesellschaftlichen und politischen Funktionen abgenommen. Ihre geringeren Pflichten und ihre Reichtümer blieben ihnen dennoch erhalten und gaben ihnen die Möglichkeit, sich frei zu bewegen bzw. sich der Wissenschaft und dem Sport widmen zu können.

In nur 30 Jahren wurden daraufhin alle bedeutenden Gipfel der Alpen bestiegen. Von diesem Zeitpunkt an wurden Bergbesteigungen in den verschiedensten Varianten durchgeführt. Ob Winterbesteigung bei Schnee und Kälte, Alleinaufstiege oder schwierigere Aufstiegsrouten hinauf zum Gipfel: die Hauptsache war, so schien es, dass neue Herausforderungen gegeben waren. Diese Entwicklung bzw. das Streben nach neuen Erfahrungen und Herausforderungen hält bis heute an.

Da die Gipfel der Alpen seit Jahrtausenden erwiesenermaßen bestiegen worden waren und somit die Erstbesteigungen der letzten Jahrhunderte unter Umständen nicht immer wahre Erstbesteigungen waren, definierten die Neu-Alpinisten im 18. Jahrhundert den Alpinismus um: "Vom Alpinismus in einer Gegend sprechen wir erst dann, wenn die Berge um ihrer selbst willen bestiegen werden. Das geschieht nicht durch die einheimischen Hirten und Jäger, sondern durch Fremde, meist Gebildete."[21] Ein wahrer Alpinist ist demnach eine Person, die aus Neugier, Genussgründen und dem "Bedürfnis nach Aneignung der Umwelt", sowie der "Notwendigkeit physischer und psychischer Entspannung als Teil der Regeneration des Arbeitsvermögens" einen Berg besteigt.[22] In der Definition des Alpinisten bzw. des Alpinismus liegen auch die Anfänge des Tourismus in den Alpen begründet. Sobald ein Fremder aus o.a. Gründen in die Alpen kam, also zum Selbstzweck, war – und ist er auch heute noch – ein Tourist.

2.2 Der vorindustrielle Tourismus im Alpenraum

Die vorindustrielle Form des Tourismus war dadurch gekennzeichnet, dass zwischen dem Anbieter touristischer Dienstleistungen und seinem Kunden direkter Kontakt bestand. Es bedurfte keines Mittlers, wie in der heutigen Tourismus-Industrie, um als Kunde eine Dienstleistung in Anspruch zu nehmen. Der Reisende konnte sowohl Reisezeitraum als auch Dienstleistung frei wählen. Er musste nicht – wie im heutigen Kommerz-Tourismus – ein "Paket von Dienstleistungen [...] kaufen".[23]

Ein weiteres Merkmal des vorindustriellen Tourismus war die Tatsache, dass Touristen entweder alleine oder in kleinen Gruppen reisten. Organisierte und vorstrukturierte Reisen durch Reiseanbieter gab es nicht.

In der gut einhundertjährigen Entdeckungszeit zwischen ca. 1765 und 1880 besuchten nur wenige Touristen die Alpen. Während dieser Zeit war ein Aufenthalt mehr ein Abenteuer als eine Erholung. "Die touristischen Infrastrukturen [.] [waren] – mit Ausnahme der traditionellen Badeorte – äußerst bescheiden, und das Interesse konzentriert[e] sich auf wenige klassische Punkte wie Chamonix, Zermatt oder Grindelwald."[24] Der Tourismus beschränkte sich ausschließlich auf die Sommersaison.

2.3 Der Tourismus und der Strukturwandel im Alpenraum

Der Tourismus hat im Alpenraum wie kein anderes Phänomen und kein anderer Prozess zuvor innerhalb weniger Jahrzehnte die Strukturen im Alpenraum in großem Maße verändert. Der Tourismus und seine Auswirkungen haben auf mehrere Bereiche Einfluss: auf die Umwelt, die Wirtschaft, die Gesellschaft und die Kultur. Sie werden in unterschiedlicher Weise verändert und beeinflusst.

Der Strukturwandel, der sich seit Beginn des Fremdenverkehrs ergeben hat, wird im Folgenden nicht nur auf vier Analyseebenen dargestellt, die im folgenden Kapitel beschrieben werden, sondern zudem in sozio-kultureller und sozio-ökonomischer Hinsicht unterteilt. Die jeweilige ökologische Situation wird in den Kontext mit aufgenommen, um die ganzheitliche Problemdimension darzustellen.

2.3.1 Das zugrundeliegende soziologisch analytische Modell

Der Untersuchung des Strukturwandels im Alpenraum liegt ein soziologisch analytisches Modell nach Prof. Dr. H. Renn und Prof. Dr. H. Feser zugrunde, das eine Einteilung in vier Ebenen vorsieht: (1) Die Materielle Ebene, (2) die Interaktionsebene, (3) die Institutionsebene und (4) die Werteebene. Anhand dieser Ebenen werden die einzelnen Faktoren und Stadien der Entwicklung und Veränderung im Alpenraum voneinander getrennt und isoliert betrachtet.

(1) Die Materielle Ebene berücksichtigt die Alpen in ihrer "räumlichen und stofflichen Ausstattung [...] und umfasst [...] die gesamten materiellen Gegebenheiten von Natur und Kultur." Konkret sind Faktoren wie "Gebrauchsgegenstände, Bauten und Wohnverhältnisse, Freizeiteinrichtungen und Verkehrsverhältnisse bis hin zu Ortsgrößen, landschaftlichen Besonderheiten und klimatischen Verhältnissen" gemeint.[25]

(2) Bei der Interaktionsebene "handelt es sich im wesentlichen um den sozialen Nahraum informeller Kleingruppen, in dem sich die sozialen Beziehungen mehr oder weniger intim im direkten Gegenüber der Interaktionspartner abspielen. Zu nennen sind hier Primärgruppen wie Familie und Verwandtschaft, [...] Freundeskreise, Tätigkeitsgruppen und sonstige kleinere Sozialverbände unmittelbarem persönlichen Kontakts [...] in Betrieb [...] oder sonstigen

Organisationen."[26]

(3) Auf der Institutionsebene "geht es einmal um Umwelteinflüsse aufgrund der formalen Zugehörigkeit [der Betroffenen/ Einheimischen] zu einer Organisation", aber auch um die Verhältnisse von Institutionen, Organisationen, Verbänden, Vereinen und dergl. unter sich, ihre Entstehungshintergründe und ihren Einfluss bezüglich des Strukturwandels.[27]

(4) Die Werteebene betrachtet sozio-kulturelle Strukturen wie "Ideen, Werte und Traditionen einer Gesellschaft [aber auch] Leistung und Konsum, Rationalität" u.ä.[28]

Eine Abgrenzung der Ebenen ist in einigen Fällen der folgenden Analyse des Strukturwandels im Alpenraum nicht möglich, da eine Vielzahl der Entwicklungen miteinander vernetzt ist. Es kommt also gelegentlich zu Überschneidungen der Ebenen.

2.3.2 Die Dimensionen Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft im Kontext des sozio-ökonomischen und sozio-kulturellen Strukturwandels

Die Entwicklung und Entstehung des Tourismus in den Alpen ist derart komplex, dass sie zusätzlich in die Bereiche Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft/ Kultur gegliedert und so getrennt beschrieben und bewertet werden. So können die einzelnen Mechanismen und Auslöser des Tourismus bzw. dessen Folgen besser nachvollzogen werden. Auch diese Bereiche sind nicht immer trennbar. Die Auswirkungen des Tourismus können beispielsweise nicht einseitig als umweltbelastend dargestellt werden. Auch der Mensch und schließlich rückwirkend die Wirtschaft sind von – in diesem Fall umweltbezogenen – Folgen wieder direkt oder indirekt betroffen. Es ist erkennbar, dass alle Bereiche einander bedingen und in bestimmter Art und Weise miteinander verknüpft und vernetzt sind.

Im folgenden beginnen einige Unterpunkte der Analyse der Phasen I und II dann mit gewohnten Textpassagen, sobald bestimmte Entwicklungen übergreifend oder vernetzt stattgefunden haben. Ansonsten werden die isolierten Analysen der drei Dimension Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft, die stets kursiv hervorgehoben werden, aus Gründen der Übersichtlichkeit zusätzlich mit einem Aufzählungszeichen (·) versehen.

Der sozio-kulturelle Wandel deckt bei der Analyse die Bereiche Brauchtümer, Traditionen, Lebensstile, Lebensbedingungen, Sozialgefüge etc. ab, der sozio-ökonomische den Wandel zur Dienstleistungsgesellschaft und die Bedeutung des Tourismus für die Wirtschaft.

2.3.3 Der Strukturwandel vor 1955 (Phase I (P. I))

Die Phase I des Alpentourismus beinhaltet die Zeit des beginnenden Tourismus[29] bzw. die Übergangsphase von der Agrar- zur Industriegesellschaft bis zu den Anfängen des Massentourismus. Der Sommer des Jahres 1955 ist der Sommer in den

Alpen – aber auch in ganz Europa – in dem der Tourismus erstmals Massencharakter bekommt. Das ist auch der Grund für die Einteilung in zwei Phasen: Die Trennung zwischen der Zeit vor dem Massentourismus und der Zeit seit Beginn des Massentourismus. Die Phase I wurde im Jahre 1914 abrupt durch den Ausbruch des 1. Weltkriegs unterbrochen. In der Zwischenkriegszeit war man stark bemüht, das tourismusbezogene Niveau, das vor Ausbruch des Krieges herrschte, wiederherzustellen. Das Ziel wurde zwar nicht vollständig erreicht, aber man entdeckte nach dem ersten Weltkrieg gegen Ende des Jahres 1920 neben dem Sommeraufenthalt auch den Winteraufenthalt. Die neuen wirtschaftsbedingten Strukturen durch den Fremdenverkehr entwickelten sich zunächst punktuell, also nicht flächenhaft.[30]

2.3.3.1 Der Strukturwandel auf der materiellen Ebene (P. I)

- Zu Beginn der Industrialisierung waren die Umwelt und das Ökosystem Alpen dank des über Jahrhunderte entwickelten und bewährten nachhaltigen Wirtschaftssystems der Agrargesellschaft noch weitestgehend intakt. Dieses Wirtschaftssystem griff zwar in die Natur ein, veränderte sie aber nicht zu Ungunsten der ökologischen Stabilität.

Nachdem die Industrialisierung eine Umstrukturierung der Arbeit mit sich brachte und die Verlagerung von landwirtschaftlichen Tätigkeiten zu industriebetrieblichen vorsah, wurden entsprechende Betriebe bzw. gewerbliche Betriebe in das Landschaftsbild und somit in die Umwelt mit einbezogen. In Kleinarl gab es laut Steinbacher im Jahre 1868 schon sechs Gewerbebetriebe; "und zwar ein Krämer, ein Sägemüller, ein Schuster und drei Wirte."[31] Industrielle Betriebe hat es bis auf ein Sägewerk, das 1984 stillgelegt wurde, nicht gegeben.[32] Die Gewerbebetriebe bedeuteten allerdings kaum umweltschädigende Auswirkungen, wenn man beispielsweise an die Riesenhotels, Panoramarestaurants etc. der späteren Zeit – bzw. der in dieser Arbeit als Phase II[33] (siehe Kap. 2.3.4) bezeichneten Zeit – denkt.

Erst um 1900, als die ersten Bahnstrecken gebaut wurden und in den 1920er und 1930er Jahren, nachdem der Winteraufenthalt touristische Relevanz bekam und Liftanlagen und Skipistenschneisen errichtet wurden, wurde das Landschaftsbild verändert und in das Ökosystem eingegriffen, was aber zum damaligen Zeitpunkt noch keine vergleichsweise hohen Schäden verursachte. Der erste Skilift in Österreich entstand 1908, und bis zum Jahre 1937 kamen elf weitere hinzu. 1952 waren bereits 118 Skilifte errichtet.[34] In Kleinarl gab es in Phase I noch keinen Skilift. Trotz des Errichtens beschriebener touristischer Infrastruktur waren die Gebirgsdörfer der Alpen traditionell ländlich bäuerlich geprägt, und die Natur war intakt. Auch Abgasemissionen der steigenden Anzahl von Autos, mit denen Touristen bevorzugt ins Gebirge reisten, hatten zu der Zeit noch kaum Bedeutung, geschweige denn erhebliche umweltbelastende Auswirkungen.

- Die genannten infrastrukturellen Innovationen und Neuerungen stellten – zusammen mit dem Hinzukommen des Automobils – für die Wirtschaft einen riesigen technischen und tourismusrelevanten Fortschritt dar, was fortan die Zugänglichkeit der Bergregionen sicherte. Die neue Mobilität durch das Automobil erzielte die größten Auswirkungen allerdings erst nach dem 2. Weltkrieg, als dieses "für die Mehrzahl der Bevölkerung erschwinglich" wurde.[35] So kamen 1954 schon 42 Prozent der ausländischen Gäste mit dem Auto in die Österreichischen Feriendomizile.[36]

Die schon 1845 eröffnete Semmeringbahn schloss zunächst die Wiener ans Gebirge an. Die 12 Jahre später errichtete Brennerbahn war die erste transalpine Strecke. Es folgten zahlreiche weitere Bahnstrecken, so dass bis zum Ende der Phase I ein gut ausgebautes Eisenbahn- und schließlich auch Straßennetz existierte und den ersten Touristen das Reisen in die Berge ermöglichte. Der Ausbau der Bahnstrecke bzw. deren Fertigstellung nach St. Johann (siehe Abbildung III, S. 15) erfolgte 1890 und erleichterte den Zugang nach Kleinarl, was den beginnenden Tourismus ankurbelte.

Zuvor kamen lediglich Individualreisende ins Gebirge, die meist ohne jeglichen Luxus unter einfachsten Bedingungen ganz einfach bei Bauernfamilien Unterschlupf fanden und meist mit Privat- oder Postkutschen anreisten. Später reiste man auch mit dem Linienbus und drang damit in die entlegeneren Gebirgsdörfer vor. Der Fremdenverkehr des beginnenden 20. Jahrhunderts, so Bachleitner und Penz, besaß lokal eng begrenzte Relevanz. Die Teile des Landes Salzburg, die fernab von Bahnstrecken lagen, seien touristisch zunächst völlig unberührt geblieben.[37]

Aus der steigenden Touristenzahl, resultierend vor allem aus der gestiegenen Mobilität, wurden sogenannte 'Grand Hotels' und 'Palast-Hotels' mit mehreren hundert Zimmern bedeutender Teil der touristischen Infrastruktur. Bis 1914 entstanden so im gesamten Alpenraum ca. 100 touristisch relevante Orte, wobei 80% davon in der Schweiz lagen.[38]

In der Zwischen- und Nachkriegszeit entwickelte sich die Infrastruktur nicht bedeutend weiter. Die alte wurde entweder weitergenutzt oder die zerstörte wieder aufgebaut. In Kleinarl reisten die ersten Touristen in der Zwischenkriegszeit als sogenannte Sommerfrischler an.

Mit den ersten Fremden, also den ersten Touristen, fingen dann die Einheimischen an, Betten zu vermieten. Zunächst ihre eigenen, denn jeder Extraverdienst war in den damaligen sehr ärmlichen Verhältnissen gerne gesehen[39], später eigens eingerichtete Fremdenzimmer.

Parallel kamen immer mehr günstige Industrieprodukte zum Einsatz und ließen sowohl die Preise bestimmter Güter sinken, was nicht nur den Alltag vereinfachte, sondern auch touristische Attraktivität mit sich brachte. In einigen Gemeinden bedeutete das z.B. den ersten elektrischen Strom in den 1930er oder 40er Jahren. Kleinarl wurde 1948 ans Stromnetz angeschlossen.

Bis zum Jahr 1955 kam einiges an touristischer Infrastruktur hinzu, was die Attraktivität des Freizeitangebots für die Einheimischen ebenso steigerte wie für die Touristen und zudem das Dorfbild oft gewaltig veränderte. Schwimmbäder wurden gebaut, Neubau oder Verlegungen von Straßen veranlasst oder Freizeit- und Sportanlagen (Kegelbahn, Eisbahn, Tennisplatz etc.) errichtet.

Die Großzahl der durch Eisenbahn und Straßenbau leichter zugänglich gewordenen Alpendörfer war trotz der beschriebenen touristischen Entwicklung überwiegend ländlich geprägt, und der Tourismus war im Vergleich zum zweiten Sektor am Bruttoinlandsprodukt (BIP) unmaßgeblich beteiligt.[40] Dennoch war schon in dieser Phase zu erkennen, dass der Tourismus der Motor des ökonomischen Aufschwungs war. Er entwickelte sich zumindest im Bundesland Salzburg bis 1955 "zu einem vorrangigen Wirtschaftssektor, der die Bauwirtschaft als bis dahin größte wachstumsfördernde Kraft ablöst[e]."[41]

- Die Gesellschaft hat in dieser Phase große Umstrukturierungen erfahren. Noch zu Beginn der Industrialisierung hatten die Menschen kaum Einkommen, Besitz, geschweige denn Luxus. Die ganze Familie wohnte unter einem Dach, und alle Familienmitglieder arbeiteten in der Regel für den elterlichen – oft landwirtschaftlichen – Betrieb. Dies war in einigen Bergdörfern bis in die 1960er Jahre der Fall. In Kleinarl beispielsweise, so Schönberger, hatten die Bewohner im Jahre 1950 bei der Erwerbsfrage lediglich die Wahl zwischen Land- und Forstwirtschaft.[42]

Obwohl die Industrialisierung Handels- und Gewerbebetriebe mit sich brachte, dienten diese oft zu einem hohen Prozentsatz lediglich den lokalen Bedürfnissen und stellten keine wahre Erwerbsquelle dar.

Die Industrialisierungs- und touristische Erschließungsphase bis 1955 brachte der breiten Bevölkerung Wohlstand und die Überwindung der finanziell schlechten Zeiten und ermöglichte dem Großteil der Bewohner der Alpen eine direkte oder indirekte finanzielle Sicherung durch den Fremdenverkehr.

2.3.3.2 Der Strukturwandel auf der Interaktionsebene (P. I)

- Noch vor Ausbruch des Massentourismus 1955 hat man in den Dörfern der Alpen sehr natur- und umwelt bezogen gelebt. Zunächst war das Familien- und Gemeinschaftsleben der Einheimischen stark von saisonalen, klimatischen und physisch-geographischen Besonderheiten geprägt, was das Wirtschaften in einen strikten Zeit- und Arbeitsplan drängte. Man arbeitete von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, denn elektrisches Licht wurde in einigen Dörfern erst in den 1940er Jahren bereitgestellt.[43] Die Menschen waren gezwungen, auf sparsamem Niveau zu leben. Kleidung beispielsweise wurde daher aus Naturfasern (Wolle, Flachs u.ä.) hergestellt und innerhalb der Familie weiter gereicht. Erst allmählich wurden industriell erzeugte Waren – wie beispielsweise Kleidung – in den Gebrauch aufgenommen.

Nachbarschafts- oder Verwandtschaftsbesuche waren äußerst selten, und die Wege dorthin wurden in der Regel zu Fuß geleistet. Ein Fußmarsch von zwei bis drei Stunden war der Normalfall, wenn die Verwandtschaft im nächsten oder übernächsten Dorf wohnte. Diese Besuche wurden meist im Spätsommer getätigt, "wenn nicht mehr so viel Arbeit bei Käse und Butter anfiel."[44] Das Leben der Einheimischen bzw. Interaktion und Kommunikation in Familie, Verwandtschaft oder Nachbarschaft war also bis 1955 stark durch Natur- und Umweltfaktoren strukturiert und bestimmt. Die Fortbewegungsmittel der damaligen Zeit, die für das Zustandekommen und Pflegen von sozialen Beziehungen hätten förderlich sein können, konnten sich Bauern der Gebirgsdörfer aus Mangel an finanziellen Mitteln in der Regel nicht leisten. Selbst die Eisenbahn war – um auf die materielle Ebene zurückzukommen – für Einheimische als reguläres Fortbewegungsmittel damals nicht erschwinglich, fuhr auch nicht von Dorf zu Dorf, sondern lediglich in die Hauptorte eines Tales oder einer Region.

- Da die Bewohner vom Fremdenverkehr zunächst noch nicht ausschließlich leben konnten, war man in wirtschaftlicher Hinsicht existentiell an den Fortbestand des eigenen Betriebs gebunden. Um alle Aufgaben wie Viehhüten, Melken, Ernten, Felder düngen, Schlachten, Wolle spinnen, Kleider nähen, Brot backen, Käse und Quark produzieren, Pferde pflegen, Holzschlagen etc. erledigen zu können, war jedes Familienmitglied der Großfamilie[45] gefragte und notwendige Arbeitskraft. Zusätzlich wurden Mägde und Knechte beschäftigt, um die vielfältig anfallenden Arbeiten bewerkstelligen zu können. Das Verhältnis von mithelfenden Familienmitgliedern im Vergleich zu angestellten Arbeitskräften hat sich bis heute quasi ausgetauscht, was nicht nur eine wirtschaftliche Umstrukturierung, sondern durch die Ausbildung der Kernfamilie sowie neue Interaktionsformen innerhalb der Familien hervorgebracht hat. Waren 1951 noch 593.000 der Erwerbstätigen in Österreich "mithelfende Familienangehörige", sind es in Phase II im Jahre 2001 nur noch 98.000, während die Zahl der Arbeiter und Angestellten zwischen 1961 und 2001 von insgesamt 2.387.000 auf 3.517.000 angestiegen war.[46]

Es wurde fast ausschließlich für den Eigenbedarf produziert. Erst allmählich konnte man sich mit der Zusatzeinnahmequelle durch die Fremden von der Subsistenzwirtschaft zu lösen beginnen.

War man seinerzeit im Holzwirtschaftsbereich tätig, war der Gelderwerb ebenfalls mit langer harter Arbeit verbunden. In Kleingruppen von ca. vier Personen verbrachten die Holzknechte den ganzen langen Sommer in den Holzknechthütten im Wald, um dort ihren Tätigkeiten nachzugehen. Kontaktmöglichkeiten zu Familie, Freunden und Verwandten waren nur gegeben, wenn man einen mehrstündigen Marsch auf sich nahm, um ins Heimatdorf zu gelangen.

Nur sehr langsam wurde die Arbeit durch Maschinen und anderen technischen Fortschritt vereinfacht. Mancherorts wurde erst gegen Ende der Phase I das Pferd gegen den Traktor eingetauscht oder ein Stapler zum Holzführen angeschafft. Der Kleinarler Ernst Schwarzenbacher (geb. 1906) erinnert sich, dass er 1939 zum ersten Mal eine Motorsäge sah. "Es war eine solche, die man noch mit zwei Mann bedienen mußte, die aber nicht in den praktischen Einsatz kam", da man weiterhin per Hand sägte.[47] Der allmähliche Gebrauch von Industriegütern im Betrieb ließ Arbeitszeiten kürzer werden und ermöglichte dadurch die Gelegenheit für ein Mehr an privatem Zeitvertreib.

- Soziokulturell betrachtet standen hauptsächlich Sonn- und Feiertage, Bauernfeiertage, Hochzeiten etc. für Zusammentreffen und soziale Kontaktpflege zur Verfügung. "Gesellschaftliches Vergnügen gab es damals wenig [...]."[48] Während die Arbeit in Phase I noch einen Großteil an Zeit einnahm, waren kulturelle- oder familiäre Anlässe stets ein willkommener Ausgleich zum harten Arbeitsalltag. Auch wenn die viele harte Arbeit oft im Vordergrund stand und der persönliche Kontakt zu Familienmitgliedern, der Verwandtschaft und zu Freunden hinten an stand: "trotzdem war man damals vielleicht zufriedener als heute", so der Kleinarler Zeitzeuge Ernst Schwarzenbacher.[49]

2.3.3.3 Der Strukturwandel auf der Institutionsebene (P. I)

Die erste bedeutende Institution, die sich sowohl für die Entstehung und den Aufbau des Fremdenverkehrs in den Alpen engagierte, dabei aber stets um das Wohl von Natur und Gesellschaft bemüht war, war der Alpenverein. Der erste sogenannte "Alpine Club" wurde 1857 von den Briten als reiner Bergsport-Verein gegründet, bei dem es sich in erster Linie um bergsteigerisches Können und entsprechende Leistungen handelte. Die in der Folge gegründeten kontinentalen Alpenvereine hatten zwar den "Alpine Club" als Vorbild, verstanden sich aber nicht als einseitig sportlich-touristische Organisationen, sondern ebenso als soziale, wirtschaftlich und (natur-) wissenschaftliche und waren bald in allen Alpenländern vertreten.

"Der Verein macht es sich zur Aufgabe, unsere Alpen und vorzüglich Hochgebirge nach allen Richtungen durch Bereisung derselben und an Hand unserer eidgenössischen topographischen Karten genauer kennen zu lernen, namentlich in geographischer, naturwissenschaftlicher und landschaftlich-malerischer Richtung."[50]

Im Jahre 1869 gründeten die Österreicher den ersten Touristenclub (ÖTC), der bald mehr Hütten in den Alpen baute als der Österreichische Alpenverein (ÖAV). Daraufhin beschloss der ÖAV, zielbewusstere praktikable Tätigkeiten vollbringen zu müssen, die im Einklang mit der einheimischen Bevölkerung stattfinden sollten, um nicht nur einseitig die touristische Erschließung des Gebirges zu ermöglichen, sondern ebenso die Bedürfnisse von Einheimischen und ihrem Lebensraum zu berücksichtigen. Bis heute haben es sich die Alpenvereine zur Aufgabe gemacht, sowohl die Wissenschaft als auch den Fremdenverkehr zu fördern.[51]

Die sozial ausgerichteten Aktionen der Alpenvereine waren beispielsweise karitative Hilfsaktionen wie Weihnachtsbescherungen für Kinder oder die Förderung von Bauern- und Hirtenkultur. Indirekt dienten allerdings genau diese Aktionen gleichwohl als Werbung, die Begeisterung für das Gebirge auslöste und so der Wirtschaft wiederum zugute kam.

Neben den Alpenvereinen wurden weitere Organisationen und Verbände bzw. Nichtregierungsorganisationen (NGOs)[52] ins Leben gerufen. Die sogenannten Naturfreunde, die sich 1895 gründeten, war z.B. die erste Organisation, die es sich zur gesellschaftlichen Aufgabe machte, auch der unteren sozialen Schicht das Reisen zu ermöglichen.

Viele weitere NGOs entstanden aus dem Umwelt bewusstsein. Dieses begann zu Beginn der Industrialisierung langsam zu wachsen. Nicht nur die Naturfreunde, sondern auch die NGO „Commission Internationale pour la Protection des Alpes“ (CIPRA)[53] zählten und zählen dabei zu den größten und bedeutendsten. Hinzu kamen weitere kleinere Alpenschutzverbände, Naturschutzbunde und Forstvereine. Allen gleich war und ist das Ziel, sich für eine nachhaltige Entwicklung in den Alpen einzusetzen. (siehe Kap. 0 2) Dabei setzen sie sich u.a. für die "Erhaltung des Natur- und Kulturerbes, für die Erhaltung der regionalen Vielfalt und für Lösungen grenzüberschreitender Probleme im Alpenraum ein."[54]

Die genannten überregional und international fungierenden Institutionen arbeiteten und arbeiten "in engem Kontakt mit der Bevölkerung an der Verbesserung der ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Situation" und haben in jedem Land der Alpen in der Regel eine Hauptzentrale bzw. einen Hauptsitz, von dem aus sie agieren.[55] Zudem kooperieren die einzelnen Akteure dieses Organisationsnetzwerkes miteinander, tauschen Wissen und Erfahrungen aus und versuchen, einen gemeinsamen Weg für die Zukunft zu finden.

Es existieren noch weitere derartige Institutionen mit ähnlichen Zielsetzungen. (siehe Anhang, S. 113-115) Die bedeutendsten und größten sollen an dieser Stelle genügen.

- Es haben sich in Phase I auch Institutionen gebildet, die sich ausschließlich dem Ökosystem Alpen – also der Umwelt – widmen. Diese hier im Einzelnen zu benennen und deren Funktionen zu erläutern, würde nicht dem Thema dieser Arbeit entsprechen. Die wichtigsten größten international fungierenden, die oft einem Umweltbewusstsein entsprungen sind, sind oben genannt worden. Sie sind maßgeblich an der Entwicklung von Projekten in den Alpen beteiligt oder initiieren diese.
- Ausschließlich wirtschaftliche Interessen verfolgende Institutionen, wie in erster Linie Fremdenverkehrsvereine, waren in der damaligen Zeit nicht üblich, aber vereinzelt dennoch vorzufinden. Die ersten Fremdenverkehrsvereine im Alpenraum wurden schon vor der Jahrhundertwende des letzten Jahrhunderts gegründet.[56] Deren Aufgaben lagen in erster Linie darin, die von der Natur geschaffenen Anziehungsfaktoren einer Region, zu denen "landschaftliche, künstlerische, archäologische, klimatische und hygienische" Besonderheiten zähl(t)en, zu vermarkten und entsprechende touristisch relevante Infrastruktur für dessen Zugang zu schaffen.[57] Struktur und Ziele von Fremdenverkehrsvereinen werden in Phase II komplexer und variieren in Abhängigkeit von den jeweiligen örtlichen Gegebenheiten. Weitere wirtschaftsbezogene Vereine oder NGOs haben erst in Phase II wachsende Bedeutung erfahren.

Neben diesen – oft überregional fungierenden – Vereinen entstanden im soziokulturellen Bereich mit der Überwindung der finanziell schlechten Zeiten in den Dörfern und Städten der Alpen Vereine auf lokaler und regionaler Ebene in unterschiedlicher Ausprägung und unterschiedlichen Zielsetzungen. In Kleinarl begann die Gründung des Vereinswesens schon früh:

- So wurde 1906 eine freiwillige Feuerwehr gegründet, mit einer Rettungsabteilung ab 1922.
- Eine eigenständige Bergrettungsortsstelle wurde 1945 gegründet.
- 1913 wurde eine katholische Jugendorganisation ins Leben gerufen.
- Eine Musikkapelle entstand im Jahre 1949, dessen Zustandekommen sich aus finanziellen Gründen zunächst über einige Jahre gestreckt hatte. Es fehlten zunächst die Mittel, Musikinstrumente zu kaufen. Aufgrund von Spenden und Sparen, dem "Lerneifer“ und der „Liebe zur Musik“ kam die Musikkapelle dennoch zustande.[58]
- Im selben Jahr (1949) bekam Kleinarl einen Ortsverband des Österreichischen Kameradschaftsbunds, dessen "Sinn und Zweck [...] [es] ist [..], die Kameradschaft der Kriegsteilnehmer und Militärdiener aufrechtzuerhalten, an den örtlichen Festen und Feiern teilzunehmen und den verstorbenen Kameraden die letzte Ehre zu erweisen."[59]

Alle diese Vereine bzw. Institutionen – regional, überregional, international oder ortsgebunden – förderten und fördern nicht zuletzt das Gemeinschaftsgefühl und Gemeindeleben, erfüllen Umwelt-, Wirtschafts- und soziale -Interessen, erhöhen und fördern das Bewusstsein über bzw. den Erhalt von Traditionen, Brauchtümern und Naturkapital. Ihre Zielsetzungen haben sich dabei stetig weiterentwickelt und tun dies auch heute noch.

[...]


[1] Vgl. KIERCHHOFF, 1994, S.1

[2] KAGELMANN, 1993, S.1

[3] Vgl. KRAMER, 2001, S. 179

[4] PETERMANN, 1998, S.176

[5] Vgl. BÄTZING, 2003

[6] Vgl. BÄTZING, 2003, S.22

[7] Vgl. BACHLEITNER/ PENZ, 2000, S. 9

[8] Dem Bundesland Salzburg gehören 119 Gemeinden an. Davon sind zehn Städte. Die Einwohnerzahl liegt bei 515.327 Einwohnern. (Vgl. WIKIPEDIA (2004))

[9] STEINBACHER, 1992, S. 376

[10] HOFFMANN/ LUGER, 1997, S. 178 f.

[11] HOFFMANN/ LUGER, 1997, S. 178 f.

[12] Im Pinzgau (siehe Abbildung III, S. 15) liegt u.a. die Fremdenverkehrsgemeinde Saalbach- Hinterglemm, die später (Kap. 3.1.3) als Vergleichsgröße herangezogen wird.

[13] BACHLEITNER/ PENZ, 2000, S. 37

[14] Vgl. BACHLEITNER/ PENZ, 2000, S. 38

[15] Die Begriffe "Fremdenverkehr" und "Tourismus" sind in der vorliegenden Arbeit als Synonyme zu betrachten

[16] KRAMER, 1983, S. 17

[17] Vgl. KRAMER, 1983, S. 22

[18] BÄTZING, 2003, S. 45

[19] BÄTZING, 2003, S. 55

[20] Vgl. KRAMER, 1983, S.20

[21] GSTIRNER, 1901, S. 322 (zit. von KRAMER, 1983, S. 24)

[22] KRAMER, 1983, S. 25

[23] KRAMER, 1983, S. 30. Anmerkung: Heutzutage wird es selbst für Individualurlauber immer schwieriger, dieser Art von Dienstleistungspaketen zu entkommen, denn sie werden auch am Urlaubsort immer öfter angeboten. (z.B. in Hotels, Skischulen u.ä.) Diese Dienstleistungspakete ersparen dem Urlauber, eigenständig einen Ausflug oder eine Aktivität zu organisieren.

[24] BÄTZING, 2003, S. 143

[25] RENN/ FESER, 1983, S. 106

[26] RENN/ FESER, 1983, S. 106

[27] RENN/FESER, 1983, S. 107

[28] RENN/FESER, 1983, S. 107

[29] Anmerkung: ca. um 1850/ 60 – je nach Literatur und Region unterschiedlich.

[30] Vgl. BÄTZING, 2004

[31] STEINBACHER, 1992, S. 335

[32] "Kleinarl bot noch eine unberührte Landschaft ohne Industriebetriebe, der einzige größere Betrieb war ein Sägewerk, das 1984 stillgelegt wurde." (STEINBACHER, 1992, S. 342)

[33] Phase II: ab 1955 bis heute

[34] Vgl. LUGER/ REST, 2002, S.13, S. 21

[35] KRAMER, 1983, S. 52

[36] Vgl. BRUSATTI, 1984, S. 160

[37] Vgl. BACHLEITNER/ PENZ, 2000, S. 26

[38] Vgl. BÄTZING, 1993, S. 79

[39] siehe dazu Gedicht „Urlaub aufn Bauernhof: a leichtvadeats Geld!“ (Rosa Gruber), Anhang, S. 116

[40] Im Jahr 1934 zählen 36 Prozent der Berufstätigen im Bundesland Salzburg zum Landwirtschaftssektor. (Vgl. BACHLEITNER/ PENZ, 2000, S. 28)

[41] BACHLEITNER/ PENZ, 2000, S.19f.

[42] Vgl. STEINBACHER, 1992, S. 17. Anmerkung: Matthias Schönberger war der Gemeindesekretär der Nachbargemeinde Wagrain und verfasste seinerzeit ein Heimat- bzw. Dorfbuch über die Gemeinde Kleinarl, das die Grundlage der Chronik von Steinbacher darstellt. Es ist im Laufe der Zeit stark beschädigt worden und daher öffentlich nicht mehr zugänglich. Daher kann in diesem Fall nicht aus der Originalquelle zitiert werden.

[43] Vgl. STEINBACHER, 1992, S. 28

[44] STEINBACHER, 1992, S. 246

[45] Die Großfamilie war derzeit die vorherrschende Familienform. Die durchschnittliche Kinderzahl pro Ehe in Kleinarl lag zwischen 1820 und 1940 bei 4,5 Kindern, wobei das Jahrzehnt 1931-1940 mit nur 2,7 Kindern das schwächste und das Jahrzehnt 1861 – 1870 mit 8,8 Kindern am stärksten ausfiel (Vgl. STEINBACHER, 1992, S. 43)

[46] Vgl. LICHTENBERGER, 2002, S. 84

[47] STEINBACHER, 1992, S. 277

[48] Ehepaar GWEHENBERGER (geb. 1922 und 1924) in STEINBACHER, 1992, S. 235

[49] STEINBACHER, 1992, S. 274

[50] DÜBI, 1913, S. 23 (zit. von KRAMER, 1983, S. 27)

[51] Zu den wissenschaftlichen Bereichen gehören Disziplinen wie Geologie, Glaziologie, Geographie, Kartographie oder Meteorologie, aber auch Biologie, Geschichte und Volkskunde. (Vgl. KRAMER, 1983, S. 28)

[52] "Die NGOs engagieren [sich] namentlich in den Bereichen der Menschenrechts-, Entwicklungs-, Friedens- und Umweltpolitik. Sie sind organisierte Akteure der sogenannten Zivilgesellschaft. NGOs sind ideelle, gemeinnützige Vereinigungen, verfolgen also keine kommerziellen Ziele. Sie verfügen jeweils über eine Satzung und beteiligen sich aktiv an der öffentlichen Willensbildung" (WEISSEN)

[53] Dt.: „Internationale Alpenschutzorganisation“, Gründung: 1952 in Deutschland

[54] CIPRA (2004b)

[55] ALLIANZ IN DEN ALPEN (a)

[56] ÖSTERREICH WERBUNG: Ausschnitt einer geschichtlichen Chronik der offiziellen Internetseite: "1884: 1. Delegiertentagung zur Förderung des Fremdenverkehrs in den österreichischen Alpenländern in Graz; Teilnehmer (unter anderem): örtliche Fremdenverkehrsvereine aus über 100 Gemeinden, Alpine Vereine, (...) sowie die Handelskammer;"

[57] KNEBEL, 1960, S. 47

[58] STEINBACHER, 1992, S. 315

[59] STEINBACHER, 1992, S. 320

Details

Seiten
136
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783832483333
ISBN (Buch)
9783838683331
Dateigröße
1.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v223526
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Sozialwissenschaften
Note
1,3
Schlagworte
toursimus alpen wandel strukturwandel

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Titel: Sozio-ökonomischer und sozio-kultureller Strukturwandel im ländlichen Alpenraum durch Tourismus